CEPA eprint 1360 (EVG-070)

Einführung in den radikalen Konstruktivismus

Glasersfeld E. von (1981) Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: Watzlawick P. (ed.) Die erfundene Wirklichkeit. Piper, Munich: 16–38. Available at http://cepa.info/1360
Table of Contents
Vorbemerkung
I
II
Zusammenfassung
[Pagination from reprint in Glasersfeld E. von (1987) Wissen, Sprache und Wirklichkeit. Vieweg, Wiesbaden: 198-212]
Über das Unsichtbare wie über das Irdische haben Gewißheit die Götter, uns aber als Menschen ist nur das Erschließen gestattet. – Alkmaion (Diels 1957, 39)
Vorbemerkung
Im Rahmen eines Kapitels kann eine unkonventionelle Denkweise sicher nicht ausführlich begründet werden, aber sie läßt sich vielleicht in ihren charakteristischsten Zügen darstellen und in einzelnen Punkten hier und dort verankern. Dabei läuft man Gefahr, mißverstanden zu werden. Im Falle des Konstruktivismus kommt dazu, daß er, ähnlich wie der Skeptizismus, mit dem er einiges gemein hat, oft auf den ersten Blick als allzu kühl und kritisch, oder einfach als dem “gesunden” Menschenverstand widersprechend, abgetan wird. Es ist klar, daß, wo immer eine Richtung so ohne weiteres abgelehnt wird, diese Ablehnung von dem Vertreter der Richtung anders erklärt wird, als von den Kritikern und Gegnern. So ist etwa, von meinem engagierten Gesichtspunkt aus, der Widerstand, auf den im 18. Jahrhundert der erste echte Konstruktivist, Giambattista Vico, sowie in der jüngeren Vergangenheit Silvio Ceccato und Jean Piaget stießen, nicht so sehr auf Lücken oder Ungereimtheiten in ihrer Argumentation zurückzuführen, als auf den keineswegs unberechtigten Verdacht, der Konstruktivismus wolle einen allzu großen Teil der herkömmlichen Weltanschauung untergraben.
Man braucht in der Tat gar nicht sehr tief in das konstruktivistische Denken einzudringen, um sich darüber klar zu werden, daß diese Anschauung unweigerlich dazu führt, den denkenden Menschen und ihn allein für sein Denken, Wissen, und somit auch für sein Tun, verantwortlich zu machen. Heute, da Behavioristen nach wie vor alle Verantwortung auf die Umwelt schieben und Soziobiologen einen großen Teil davon auf die Gene abwälzen möchten, ist eine Lehre ungemütlich, die andeutet, daß wir die Welt, in der wir zu leben meinen, uns selbst zu verdanken haben. Das ist, was der Konstruktivismus letzten Endes sagen will – und indem er es versucht, bringt er Aspekte der Erkenntnislehre ans Licht, die ansonsten unbeachtet bleiben.
Grundlegend ist da die These, daß wir die Welt, die wir erleben, unwillkürlich aufbauen, weil wir nicht darauf achten – und dann freilich nicht wissen –, wie wir es tun. Diese Unwissenheit ist alles andere als notwendig. Der radikale Konstruktivismus behauptet, ähnlich wie Kant in seiner Kritik, daß wir die Operationen, mit denen wir unsere Erlebenswelt zusammenstellen, weitgehend erschließen können, und daß uns dann die Bewußtheit des Operierens, die Ceccato auf Italienisch so schön consapevolezza operativa genannt hat (1964/1966), helfen kann, es anders und vielleicht besser zu machen.
Meine Einführung beschränkt sich, wie gesagt, auf einige wenige Punkte. Der erste Abschnitt behandelt das Verhältnis zwischen Wissen und jener “absoluten” Wirklichkeit, die von der Erfahrung und allem Erlebtwerden unabhängig sein soll, und zeigt, daß unser Wissen nicht als Bild interpretiert werden kann, sondern nur als Schlüssel, der uns mögliche Wege erschließt (siehe das Fragment von Alkmaion).
Der zweite Abschnitt skizziert die Anfänge der Skepsis, fügt Kants Einsicht hinzu, daß wir uns, eben weil wir unsere Anschauungsweise haben, eine unerlebte Welt überhaupt nicht vorstellen können, und umreißt dann das konstruktivistische Denken Vicos.
Der dritte Abschnitt versucht, einige Grundzüge der konstruktivistischen Begriffsanalyse zu erklären. Von den vielen Ideen und Gedankengängen, die ich sowohl von Piaget als auch von Ceccato übernommen habe, werden nur einige wenige angedeutet und kaum bibliographisch belegt. Piagets Werk hat mich in den siebziger Jahren gewaltig beeinflußt und ermutigt; davor hatten fünfzehn Jahre der Zusammenarbeit mit Ceccato meinem Denken Richtung und unzählige Einsichten gegeben. Doch für Konstruktivisten ist alle Verständigung, alles Lernen und Verstehen stets Bau und Interpretation des erlebenden Subjekts, und darum kann letztenendes nur ich selbst die Verantwortung übernehmen für das, was in diesem Kapitel gesagt wird.
I
Die Geschichte der Philosophie ist ein Wirrwarr von Ismen. Idealismus, Rationalismus, Nominalismus, Realismus, Skeptizismus und Dutzende mehr haben einander in den rund 25 Jahrhunderten seit den ersten Zeugnissen abendländischen Denkens mehr oder weniger ununterbrochen und heftig angefochten. Die Schulen, Richtungen und Bewegungen sind oft schwer zu unterscheiden. In einer Hinsicht jedoch muß jeder Ismus, der ernst genommen werden will, sich von den bereits etablierten absetzen: Er muß wenigstens eine neue Masche in der Erkenntnislehre aufweisen. Oft ist das nicht mehr als eine Umgruppierung altbekannter Bausteine, eine Verschiebung des Ausgangspunktes oder die Spaltung eines geläufigen Begriffs. Das epistemologische Problem – wie wir Kenntnis von der Wirklichkeit erlangen und ob diese Kenntnis auch verläßlich und “wahr” ist – beschäftigt heutige Philosophen nicht weniger, als es Platon beschäftigte. Wohl hat die Art und Weise, Lösungen zu suchen, sich verzweigt und kompliziert, die Fragestellung jedoch ist, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, die gleiche geblieben. Diese Fragestellung aber hat dazu geführt, daß alle Antworten, die versucht wurden, einer Lösung des eigentlichen Problems kaum näher gekommen sind.
Der amerikanische Wissenschaftsphilosoph Hilary Putnam (1981) hat das jüngst so formuliert: “Von den Vorsokratikern bis Kant gab es keinen Philosophen, der in seinen elementaren, nicht weiter reduzierbaren Grundsätzen nicht ein metaphysischer Realist gewesen wäre.” Putnam erklärt diesen Satz, indem er ausführt, die Philosophen hätten während jener zwei Jahrtausende wohl darüber gestritten, was wirklich existiert, aber über den Begriff der Wahrheit, der für sie alle mit dem Begriff der objektiven Gültigkeit verknüpft war, wären sie sich stets einig gewesen. “Am Anfang der Erkenntnis steht die Wahrheitsfrage. Ihre Einführung macht das menschliche Erkennen zu einem Wissensproblem.” (Spinner 1977, 61.) Ein metaphysischer Realist ist also jeder, der darauf besteht, daß wir etwas nur dann “Wahrheit” nennen dürfen, wenn es mit einer als absolut unabhängig konzipierten, “objektiven” Wirklichkeit übereinstimmt.
Im großen und ganzen hat sich das auch nach Kant kaum geändert. Wohl haben etliche versucht, die Kritik der reinen Vernunft ernst zu nehmen, aber der Druck der philosophischen Tradition war überwältigend. Trotz Kants These, daß der Verstand seine Gesetze nicht aus der Natur schöpft, sondern sie ihr vorschreibt (Kant 1783/1911, 294), fühlen sich die meisten Wissenschaftler auch heute noch als “Entdecker,” die Geheimnisse der Natur lüften und den menschlichen Wissensbereich langsam aber sicher erweitern; und unzählige Philosophen widmen sich der Aufgabe, diesem mühsam errungenen Wissen die unumstößliche Sicherheit zuzuschreiben, die alle Welt von der “echten” Wahrheit erwartet. Nach wie vor herrscht da die Auffassung, daß Wissen nur dann Wissen ist, wenn es die Welt erkennt, wie sie ist.[Note 1]
Die Geschichte der westlichen Erkenntnislehre läßt sich freilich nicht in ein paar Seiten angemessen und fair beschreiben. In diesem eng begrenzten Aufsatz muß ich mich damit begnügen, den einen Hauptpunkt herauszugreifen, in dem der Konstruktivismus, den ich vertrete, sich radikal von den anderen Ismen der herkömmlichen Begriffswelt absetzt. Der radikale Unterschied liegt in dem Verhältnis zwischen Wissen und Wirklichkeit. Während die traditionelle Auffassung in der Erkenntnislehre wie in der kognitiven Psychologie dieses Verhältnis stets als eine mehr oder weniger bildhafte (ikonische) Übereinstimmung oder Korrespondenz betrachtet, sieht der radikale Konstruktivismus es als Anpassung im funktionalen Sinn.
In der englischen Alltagssprache kann man diesen begrifflichen Gegensatz in gewissen Zusammenhängen ziemlich klar zum Ausdruck bringen, indem man die Wörter match und fit gegeneinander ausspielt. Wenn man diese Wörter mit “stimmen” und “passen” ins Deutsche übersetzt, kann man den begrifflichen Gegensatz ebenfalls in manchen Situationen aufzeigen. Sagen wir zum Beispiel von einer Abbildung, daß sie “stimmt,” so bedeutet das, daß sie das Abgebildete wiedergibt und mit ihm in irgendeiner Weise gleichförmig ist. In welchen Eigenschaften Gleichförmigkeit verlangt wird, mag von Fall zu Fall wechseln. Oft spielt da die Größe keine Rolle, oder das Gewicht, die Farbe oder die Lage in Raum und Zeit; doch in diesen Fällen besteht man dann auf der getreuen Wiedergabe von Proportionen, Ordnung, oder charakteristischer Struktur. Im technischen Jargon heißt das “Homomorphie,” und in der herkömmlichen Erkenntnislehre finden wir stets die ausdrückliche oder stillschweigende Voraussetzung, daß das Resultat der Erkenntnis, nämlich unser Wissen, ein Wissen von der wirklichen Welt ist und, soweit es wahr ist, diese prinzipiell unabhängige, selbständige Welt zumindest in einer Weise homomorph wiedergibt.
Sagen wir andererseits von etwas, daß es “paßt,” so bedeutet das nicht mehr und nicht weniger, als daß es den Dienst leistet, den wir uns von ihm erhofften. Ein Schlüssel “paßt,” wenn er das Schloß aufsperrt. Das Passen beschreibt die Fähigkeit des Schlüssels, nicht aber das Schloß. Von den Berufseinbrechern wissen wir nur zu gut, daß es eine Menge Schlüssel gibt, die anders geformt sind als unsere, aber unsere Türen nichtsdestoweniger aufsperren. Das mag eine recht grobe Metapher sein, doch um den Hauptpunkt, um den es hier geht, ein wenig greifbarer zu machen, paßt sie nicht schlecht. Vom Gesichtspunkt des radikalen Konstruktivismus aus stehen wir alle – Wissenschaftler, Philosophen, Laien, Schulkinder, Tiere, ja Lebewesen aller Art – unserer Umwelt gegenüber wie ein Einbrecher dem Schloß, das er aufsperren muß, um Beute zu machen.
Wenn das Wort “passen” so verstanden wird, dann entspricht es dem englischen “fit” in der Darwinschen und neodarwinistischen Evolutionstheorie. Darwin selbst hat unglücklicherweise den Ausdruck “survival of the fittest” verwendet. Damit hat er der unsinnigen Vorstellung die Bahn bereitet, man könne aufgrund seiner Theorie den Begriff der fitness steigern und unter Organismen, die in ihre Umwelt passen, “passendere” finden, und unter diesen sogar noch “den Passendsten.”[Note 2] ) Doch in einer Theorie, in der Überleben das einzige Kriterium der Auswahl der Arten ist, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder paßt eine Art in ihre Umwelt, oder sie paßt nicht; d.h. sie überlebt oder sie stirbt aus. Nur ein außenstehender Beobachter, der ausdrücklich andere, zusätzliche Kriterien einführt als das bloße Überleben – etwa Ökonomie, Einfachheit oder Eleganz der Überlebensweise –, könnte aufgrund dieser zusätzlichen Wertungsskala von “besserem” oder “schlechterem” Überleben sprechen; aber in dem theoretischen Modell, dessen Funktion ja ausdrücklich nur auf der Überlebensfähigkeit der Arten beruht, lassen zusätzliche Urteile sich grundsätzlich nicht begründen.
In dieser einen Hinsicht auf den Begriff der fitness fällt das Grundprinzip der radikal-konstruktivistischen Erkenntnistheorie mit jenem der Evolutionstheorie zusammen: Wie die Umwelt den Lebewesen (organischen Strukturen) Schranken setzt und Varianten vernichtet, die den so umgrenzten Raum der Lebensmöglichkeiten überschreiten, so bildet die Erlebenswelt, sei es im Alltag oder im Laboratorium, den Prüfstein für unsere Ideen (kognitive Strukturen). Das gilt für die ersten Regelmäßigkeiten, die der Säugling in seiner noch kaum differenzierten Erfahrung etabliert, es gilt für die Regeln, mit deren Hilfe Erwachsene das tägliche Leben zu meistern trachten, und es gilt für die Hypothesen, Theorien und die sogenannten “Naturgesetze,” die der Wissenschaftler formuliert in seinem Bemühen, der weitest möglichen Erfahrungswelt dauerhafte Stabilität und Ordnung abzugewinnen. Regelmäßigkeiten, Faustregeln und Theorien erweisen sich im Licht weiterer Erfahrung als verläßlich oder nicht (es sei denn, wir führen den Begriff der Wahrscheinlichkeit ein – doch sobald wir das tun, geben wir die Bedingung, daß Wissen sicher sein muß, ja ausdrücklich auf).
In der Evolutionstheorie, wie in der Geschichte des Wissens, hat man von Anpassung (adaptation) gesprochen und damit ein kolossales Mißverständnis heraufbeschwcren. Wenn wir die evolutionäre Denkweise ernst nehmen, können es niemals die Organismen oder unsere Ideen sein, die sich der Wirklichkeit anpassen, sondern es ist die Wirklichkeit, die durch ihre Beschränkung des Möglichen schlechthin ausmerzt, was nicht lebensfähig ist. Die “natürliche Auslese,” in der Phylogenese wie in der Wissensgeschichte, liest nicht im positiven Sinn das Widerstandsfähigste, Tüchtigste, Beste oder Wahrste aus, sondern funktioniert negativ, indem sie all das, was der Prüfung nicht standhält, eben untergehen läßt.
Der Vergleich ist freilich überspannt. In der Naturgeschichte ist Unzulänglichkeit ausnahmslos tödlich; Philosophen hingegen sterben nur sehr selten an der Unzulänglichkeit ihrer Ideen. In der Geistesgeschichte soll es ja auch nicht um Überleben gehen, sondern um “Wahrheit.” Wenn wir das im Auge behalten, liefert die Evolutionstheorie eine wertvolle Analogie: das Verhältnis zwischen lebensfähigen organischen Strukturen und Umwelt ist in der Tat das gleiche wie das Verhältnis zwischen brauchbaren kognitiven Strukturen und der Erfahrungswelt des denkenden Subjekts. Beide Gebilde “passen” – die einen, weil der natürliche Zufall der Mutationen ihnen die Form verliehen hat, die sie nun haben, die anderen weil menschliche Absicht sie im Hinblick auf jene Ziele geformt hat, die sie nun tatsächlich erreichen. Diese Ziele sind Erklärung, Vorhersage und Kontrolle oder Steuerung von bestimmten Erfahrungen.
Noch wichtiger ist die erkenntnistheoretische Seite der Analogie. Trotz der oft irreführenden Behauptung von Ethologen kann man aufgrund der Struktur oder des Verhaltens eines Lebewesens niemals Schlüsse auf eine “objektive,” d.h. der Erfahrung vorhergehende Welt ziehen.[Note 3] ) Der Grund ist, daß – laut Evolutionstheorie – zwischen jener Welt und der Überlebensfähigkeit biologischer Strukturen oder deren Verhaltensweisen keinerlei Kausalverbindung besteht. Wie Gregory Bateson hervorgehoben hat, ist die Darwinsche Theorie auf dem kybernetischen Prinzip der Beschränkung aufgebaut, nicht auf dem Prinzip von Ursache und Wirkung.[Note 4] ) Die Organismen und Verhaltensweisen, die wir zu einem beliebigen Zeitpunkt der Entwicklungsgeschichte lebend vorfinden, haben sich kumulativ aus zufälligen Variationen entwickelt und der Einfluß der Umwelt war und ist unter allen Umständen darauf beschränkt, die nicht lebensfähigen Varianten zu eliminieren. Die Umwelt kann also bestenfalls für Aussterben, nicht aber für Überleben verantwortlich gemacht werden. Das heißt, der Beobachter der Entwicklungsgeschichte kann wohl feststellen, daß alles Ausgestorbene in irgendeiner Weise den Bereich des Zulässigen überschritten hat, und daß das Überlebende, zumindest zur Zeit, eben zulässig ist. Diese Feststellung ist aber offensichtlich eine Tautologie (was überlebt, lebt), die keinerlei Schlüsse auf die objektive Beschaffenheit jener Welt zuläßt, die sich nur in negativen Auswirkungen offenbart.
Diese Überlegung paßt ebenso auf das Grundproblem der Erkenntnislehre. Ganz allgemein betrachtet, ist unser Wissen brauchbar, relevant, lebensfähig (oder wie immer wir die positive Seite der Wertungsskala nennen wollen), wenn es der Erfahrungswelt standhält und uns befähigt, Vorhersagen zu machen und gewisse Phänomene (d.h. Erscheinungen, Erlebnisse) zu bewerkstelligen oder zu verhindern. Wenn es diesen Dienst nicht erweist, wird es fragwürdig, unverläßlich, unbrauchbar und schließlich als Aberglaube entwertet. Das heißt, vom funktionalen, pragmatischen Standpunkt aus betrachten wir Ideen, Theorien und “Naturgesetze” als Strukturen, die der Erlebenswelt (der wir sie abgewonnen haben) dauernd ausgesetzt sind und ihr weiterhin standhalten oder nicht. Wenn nun so eine kognitive Struktur etwa bis heute standgehalten hat, so beweist das nicht mehr und nicht weniger als eben, daß sie unter den Umständen, die wir erlebt und dadurch bestimmt haben, das geleistet hat, was wir von ihr erwarteten. Logisch betrachtet, heißt das aber keineswegs, daß wir nun wissen, wie die objektive Welt beschaffen ist; es heißt lediglich, daß wir einen gangbaren Weg zu einem Ziel wissen, das wir unter von uns bestimmten Umständen in unserer Erlebenswelt gewählt haben. Es sagt uns nichts – und kann uns nichts darüber sagen – wie viele andere Wege es da geben mag und wie das Erlebnis, das wir als Ziel betrachten, mit einer Welt jenseits unserer Erfahrung zusammenhängt. Was wir von jener “absoluten” Wirklichkeit erleben, sind bestenfalls ihre Schranken; oder, wie Warren McCulloch, einer der ersten Kybernetiker, es dramatisch ausdrückte: “Es ist in der Tat der Gipfel des Wissens, eine Hypothese als falsch erwiesen zu haben.” (1965, 154.)
Der radikale Konstruktivismus ist also vor allem deswegen radikal, weil er mit der Konvention bricht und eine Erkenntnistheorie entwickelt, in der die Erkenntnis nicht mehr eine “objektive,” ontologische Wirklichkeit betrifft, sondern ausschließlich die Ordnung und Organisation von Erfahrungen in der Welt unseres Erlebens. Der radikale Konstruktivist hat ein für allemal dem “metaphysischen Realismus” abgeschworen und stimmt voll und ganz mit Piaget überein, wenn er sagt: “L intelligence organise le monde en s’organisant elle-mbme.”(1937, 311.)
Für Piaget ist Organisation stets das Ergebnis einer notwendigen Wechselwirkung zwischen bewußter Intelligenz und Umwelt, und da er sich in erster Linie als Philosoph der Biologie sieht, charakterisiert er diese Wechselwirkung als “Anpassung.” Auch damit bin ich einverstanden – doch nach dem, was ich in den vorhergehenden Seiten über den Vorgang der evolutionären Anpassung gesagt habe, sollte es klar sein, daß das “passen” in der Anpassung nicht als Übereinstimmung oder Homomorphie verstanden werden darf. In bezug auf die Grundfrage, wie kognitive Strukturen oder Wissen und die ontologische Welt jenseits unserer Erfahrung sich zu einander verhalten, ist Piaget oft zweideutig und man gewinnt den Eindruck, daß er trotz seiner epochemachenden Beiträge zum Konstruktivismus doch noch an einem Rest von metaphysischem Realismus festhalten möchte. Darin ist er freilich nicht allein. Donald Campbell, der eine ausgezeichnete Übersicht über Vertreter der “evolutionären Epistemologie” seit Darwin verfaßt hat, schreibt: “ The controversial issue is the conceptual inclusion of the real world, defining the problem of knowledge as the fit of data and theory to that real world.” (1974, 449.) In seiner Zusammenfassung erklärt er dann, die von Karl Popper und ihm vertretene evolutionäre Erkenntnistheorie sei mit dem Anspruch auf Realismus und Objektivität in der Wissenschaft völlig vereinbar. Die Theorie, die er dem Leser zuvor sachkundig erklärt hat, führt jedoch in die entgegengesetzte Richtung. (Vgl. hierzu die kritische Betrachtung von Skagestad 1978.)
Ich habe versucht, in diesem ersten Teil meines Aufsatzes zu zeigen, daß der dem Realismus unerläßliche Begriff der Übereinstimmung (match) zwischen Wissen und Wirklichkeit nicht von dem entwicklungsgeschichtlichen Begriff des Passens (fit) abgeleitet werden kann, geschweige denn mit ihm vertauscht werden darf. Im zweiten Teil will ich nun zumindest ungefähr andeuten, wie der radikale Konstruktivismus mit der Geschichte der Epistemologie zusammenhängt und daß er vielleicht gar nicht so radikal ist, wie er auf den ersten Blick aussieht.
II
Der Zweifel an der Übereinstimmung von Wissen und Wirklichkeit entstand in dem Augenblick, in dem ein Denkender sich seines Denkens bewußt wurde. Xenophanes, einer der frühesten der Vorsokratiker, sagte bereits: “Und das Genaue freilich erblickte kein Mensch und es wird auch nie jemand sein, der es weiß (erblickt hat) … denn selbst wenn es einem im höchsten Maße gelänge, ein Vollendetes auszusprechen, so hat er selbst trotzdem kein Wissen davon; Schein (meinen) haftet an allem.” (Diels 1957, 20.)
Etwas, das “erblickt” werden könnte, müßte da sein, bevor der Blick darauf fällt – und Wissen wäre somit notwendigerweise Abbild einer Welt, die da ist, d.h. existiert, bevor ein Bewußtsein sie sieht oder auf andere Weise erlebt. Damit ist auch schon das Szenario geschaffen, das die abendländische Erkenntnislehre seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert bestimmt und gefesselt hat. Der “metaphysische Realismus” ist nicht eine unter anderen Spielarten in diesem Szenario, sondern ist fest eingebaut als die einzig mögliche. Wie der Begründer der biologischen Erforschung kognitiver Prozesse, Humberto Maturana, sagt: “The a priori assumption that objective knowledge constitutes a description of that which is known. begs the questions what is to know? and how do we know?” (1970a, 2.) Dadurch, daß die Antwort auf die Frage, was Wissen ist, vorweggenommen wird, schafft die herkömmliche Erkenntnislehre sich ein ebenso unvermeidliches wie unlösbares Dilemma. Wenn Erkenntnis und Wissen eine Beschreibung oder Abbild der Welt an sich sein sollen, dann brauchen wir ein Kriterium, aufgrund dessen wir beurteilen könnten, wann unsere Beschreibungen oder Abbilder “richtig” oder “wahr” sind.
Mit dem Szenario, nach dem der Mensch als Entdecker in eine bereits fertiggestellte, an und für sich unabhängige Welt geboren wird und nun die Aufgabe hat, diese Wirklichkeit zu erkunden und möglichst wahrheitsgetreu zu erkennen – mit diesem Szenario ist auch der Skepsis der Weg eröffnet. Die Idee des “Scheins,” der schon laut Xenophanes allem menschlichen Wissen anhaftet, wurde von Pyrrhons Schule und später von Sextus Empiricus vor allem im Bereich der Wahrnehmung ausgearbeitet, und die unbeantwortbare Frage, ob oder inwieweit das Bild, das unsere Sinne uns vermitteln, der objektiven Wirklichkeit entspricht, ist auch noch heute ein wunder Punkt in der Erkenntnislehre. Sextus nahm unter anderem die Wahrnehmung eines Apfels als Beispiel. Unseren Sinnen erscheint er glatt, duftend, süß und gelb – aber es ist keineswegs selbstverständlich, daß der Apfel diese Eigenschaften wirklich besitzt, und ebensowenig selbstverständlich ist es, daß er nicht auch andere Eigenschaften hat, die unseren Sinnen entgehen (Sextus Empiricus 1967.)
Die Frage ist unbeantwortbar, denn was immer wir machen, wir können unsere Wahrnehmung von dem Apfel nur mit anderen Wahrnehmungen vergleichen, niemals aber mit dem Apfel selbst, so wie er wäre, bevor wir ihn wahrnehmen. – Rund zweitausend Jahre lang hat dieses Argument der Skeptiker den Philosophen das Leben sauer gemacht (vgl. Richards/von Glasersfeld 1979). Dann hat Kant ein zweites, noch schwerer wiegendes hinzugefügt. Indem er Raum und Zeit als Anschauungsweisen unseres Erfahrens aus der absoluten Wirklichkeit in den Bereich des Phänomenalen rückte, hat er außer den sinnlich wahrgenommenen Eigenschaften auch die Dinghaftigkeit des Apfels in Frage gestellt. Es ist also nicht mehr nur zweifelhaft, ob der wirkliche Apfel so glatt, duftend, süß und gelb ist, wie er erscheint, sondern auch, ob da ein wirklicher Gegenstand existiert, der sich als zusammenhängendes Ganzes, so wie wir ihn als “Ding” erleben, von der restlichen Welt absetzt.
Dieser Zweifel ist in der Tat folgenschwerer als jener an der Verläßlichkeit der Sinneswahrnehmungen: er unterminiert jede Vorstellung von objektiver Struktur in der Welt und wirft darum unweigerlich die Frage auf, warum und vor allem wie es dazu kommt, daß wir in unserer Erlebenswelt eine Struktur suchen und auch finden können, die nicht eine Spiegelung der Wirklichkeit ist. Anders gesagt, wenn Kant recht hat mit seinem Satz, daß die Erfahrung uns nichts über die Na‑tur der Dinge an sich lehren kann (1783, 295) wie kommt es dann, daß wir doch eine in vielen Beziehungen außerordentlich stabile und verläßliche Welt erleben, in der es dauerhafte Dinge gibt, ständige Verhältnisse und Regeln von Ursache und Wirkung, die uns gute Dienste erweisen?
Das ist die Hauptfrage, die der radikale Konstruktivismus zu beantworten versucht, und die Antwort, die er vorschlägt, wurde in ihren Grundzügen bereits 1710, mehr als ein halbes Jahrhundert vor Kants Kritik, von Giambattista Vico vorbereitet.
Ebenso wie die Wahrheit Gottes das ist, was Gott erkennt, indem er es zusammenfügt und schafft, ist die menschliche Wahrheit das, was der Mensch erkennt, indem er es handelnd aufbaut und durch sein Handeln formt. Darum ist Wissenschaft (scientia) Kenntnis (cognitio) der Entstehung, der Art und Weise, wie die Dinge hergestellt wurden. (Vico 1710, Kap. 1, § 1, 5-6.)
Vicos Schlagwort, verum ipsum factum – das Wahre ist dasselbe wie das Gemachte (factum kommt von facere, “Tatsache” von “tun”!) – ist, dank dem Erfolg, den Vicos in diesem Jahrhundert wiederentdeckte kulturhistorische und geschichtsphilosophische Schriften gehabt haben, oft zitiert worden. Seine revolutionären erkenntnistheoretischen Ideen hingegen werden selten erwähnt, geschweige denn erläutert. Vico sagt, Gott allein weiß, wie die wirkliche Welt ist, weil er sie geschaffen hat und darum sowohl die Bausteine als auch den Bauplan kennt. Ebenso kann der Mensch stets nur das kennen, was er selber macht, denn nur der Erbauer selbst kann von den Dingen, die er zusammenstellt (componit), wissen, was die Bestandteile sind und wie sie mit einander verbunden wurden. Vico verwendet sogar das Wort “Operation” und nimmt somit einen der Hauptausdrücke vorweg, den die Konstruktivisten unseres Jahrhunderts, Dewey, Bridgman, Ceccato, und Piaget lanciert haben.
Vico bemüht sich freilich, zwischen dem menschlichen Wissensgebäude und der göttlichen Schöpfung eine Verbindung zu schaffen. Beim Lesen seiner Abhandlung über Metaphysik bekommt man den Eindruck, daß er hier und dort selber vor seinen Ideen zurückschrickt. Obschon die Erkenntnistheorie, die er entwickelt hat, logisch geschlossen ist, weil menschliches Wissen in ihr als menschliche Konstruktion betrachtet wird, und darum keine ontologische Schöpfung Gottes braucht (ja gar nicht brauchen kann), zögert Vico, diese Unabhängigkeit hervorzuheben. Aufgrund dieser Unschlüssigkeit könnte Vicos Weltbild als Gegenstück zu Berkeleys Metaphysik angesehen werden. Berkeleys Prinzip esse est percipi (Sein ist wahrgenommen werden) tut für ihn den gleichen Dienst, den der Satz “Gott ist allwissend, weil er alles geschaffen hat” für Vico leistet. Für beide ist die Ontologie durch Gottes Handeln entstanden und gesichert. Vico aber deutet auch einen anderen Weg zur Wirklichkeit an, der von meinem Standpunkt aus weit annehmbarer ist, da er keinerlei rationalen Realismus bedingt. Vico schlägt vor, daß Mythologie und Kunst sich mit Hilfe von Symbolen der Wirklichkeit nähern. Er sieht Symbole freilich auch als Konstruktion, aber die Interpretation ihrer Bedeutung liefert eine Art von Erkenntnis, die anders ist als die sachliche, die aus der rationalen Kenntnis des Konstruierens erwächst.
Im Rahmen dieser Diskussion jedoch will ich Erkenntnis auf die Vernunft begrenzen, und da unterscheidet sich Vico von Berkeley und den späteren Idealisten dadurch, daß er das Wissen der menschlichen Vernunft sowie die Welt der rationalen Erfahrung als Produkte kognitiver Konstruktion betrachtet (ebda. Kap. 1, § III, 2). Erkenntnis ist für ihn also, was wir heute die Bewußtmachung der Opera‑tionen nennen würden, deren Resultat unsere Erlebenswelt ist. Berkeley sagt zwar “that all the choir of heaven and furniture of earth, in a word all those bodies which compose the mighty frame of the world, have not any subsistence without a mind, their being is to be perceived or known,” (1710, 32)[Note 5] ) und setzt somit ausdrücklich die Aktivität des Intellekts voraus, doch der Akzent liegt bei ihm stets auf dem Sein der Dinge, während der Akzent bei Vico durchwegs auf dem menschlichen Wissen und Erkennen liegt.
Mit seinen ausdrücklichen Hinweisen auf das facere, das Komponieren und Zusammenfügen, kurz, auf die aktive Konstruktion alles Erkennens und Wissens, kommt Vico der genetischen Epistemologie Piagets und dem heutigen Konstruktivismus überhaupt bedeutend näher als Berkeley. Das ist nirgends klarer ausgedrückt als in dem Ausspruch, mit dem er die epistemologische Einstellung der modernsten Wissenschaftsphilosophen vorwegnimmt: “So wäre dann menschliches Wissen (Wissenschaft) nichts anderes, als die Dinge in schöne Beziehung zu einander zu bringen.” Vico 1710, Kap. 7, § III, 5.)
Unsere Hauptfrage war, wie es dazu kommt, daß wir eine relativ stabile und verläßliche Welt erleben, obschon wir nicht imstande sind, Stabilität, Regelmäßigkeit, oder irgendeine wahrgenommene Eigenschaft der objektiven Wirklichkeit mit Sicherheit zuzuschreiben. Vico beantwortet diese Frage nicht, sondern er erübrigt sie, indem er sie sinnlos macht: Wenn, wie er uns erklärt, die Welt, die wir erleben und erkennen, notwendigerweise von uns selber konstruiert wird, dann ist es kaum erstaunlich, daß sie uns relativ stabil erscheint. Um das klar zu sehen, muß man freilich den Grundzug der konstruktivistischen Epistemologie im Auge behalten – nämlich daß die Welt, die da konstruiert wird, eine Welt des Erlebens ist, die aus Erlebtem besteht und keinerlei Anspruch auf “Wahrheit” im Sinne einer Übereinstimmung mit einer ontologischen Wirklichkeit erhebt. Vicos Stellung ist also in dieser Hinsicht ganz ähnlich der Stellung Kants, der sagt: “Natur also, materialiter betrachtet, ist der Inbegriff aller Gegenstände der Erfahrung.” (1783, 295.) Für Kant ist da der “rohe Stoff sinnlicher Eindrücke,” den die “Verstandesthätigkeit … zu einer Erkenntnis der Gegenstände verarbeitet, die Erfahrung heißt” (1787, 27) – und Erfahrung, sowie die Gegenstände der Erfahrung, sind ja unter allen Umständen das Resultat unserer Art und Weise des Erfahrens, denn sie sind allesamt notwendigerweise durch Raum und Zeit und die von Raum und Zeit abgeleiteten Kategorien strukturiert und bestimmt.
Das “Verarbeiten” des sinnlichen Rohstoffs geschieht in Kants System durch die automatische Funktion der “Anschauungen” (Raum und Zeit) und der Kategorien unseres Denkens, die er eben deswegen als “a priori” bezeichnet, weil Erfahrung ohne sie überhaupt nicht möglich wäre. Alles Apriorische ist also gewissermaßen technische Beschreibung des erfahrungsfähigen Organismus. Es legt den Rahmen fest, innerhalb dessen so ein Organismus operiert, läßt aber dahingestellt, wie er operiert, geschweige denn warum. A priori heißt “eingebaut” oder “angeboren,” und die Begründung des Apriorischen führt, wenngleich auf Umwegen, so doch letztenendes zu Gott und zu einer platonischen Mythologie der kategorialen Ideen. – Vico ist in dieser Hinsicht sowohl moderner als auch sachlicher. In bezug
auf die Kategorie der Kausalität sagt er zum Beispiel: “Wenn wahr ist, was gemacht ist, dann heißt, etwas durch seine Ursache beweisen, das gleiche wie, es bewirken.” (1710, Kap. 3, § 1, 2.) Diese Auffassung (die von den konstruktivistischen Mathematikern der Moderne, wahrscheinlich ohne Kenntnis von Vico, wiederentdeckt wurde) hat eine beachtliche Tragweite, die Vico auch klar erkannte.
Die Möglichkeit, etwas als Ursache zu identifizieren, entspringt dem Vorgang des Zusammensetzens von unverbundenen Elementen, also aus dem aktiven Operieren des Erlebenden, so daß “aus der Ordnung und Komposition von Elementen die bestimmte (d.h. kausal determinierte) Form des Gegenstandes entsteht” (ebda. § 1, 3.).[Note 6] ) Das heißt ganz allgemein, die Welt, die wir erleben, ist so und muß so sein, wie sie ist, weil wir sie so gemacht haben. – Die Art und Weise dieser Konstruktion ist für Kant durch das Apriorische bestimmt. Bei Vico hingegen sind es nicht unabänderliche in den Organismus eingebaute Anschauungen oder Denkweisen, die alles Konstruieren bestimmen, sondern es ist die Geschichte des Konstruierten selbst, weil das jeweils bereits Gemachte das einschränkt, was noch gemacht werden kann (vgl. Rubinoff 1976).
Weil Vico den Bau des Wissens nicht nach der (unmöglich erkenntlichen) Übereinstimmung mit einer “objektiven” Wirklichkeit geleitet sieht, sondern nur durch Bedingungen beschränkt, die dem Baumaterial, d.h. dem bereits Gemachten anhaften, verkörpert er – freilich ohne es zu wissen – den Grundgedanken der konstruktivistischen Erkenntnistheorie, die auf Möglichkeit innerhalb von Schranken beruht und nicht auf Abbildung und Angleichung.
So elegant diese Erklärung auch ist, sie läßt doch zwei Fragen offen. Erstens: Was sind die Schranken, innerhalb derer etwas mit dem bereits vorhandenen Wissen als vereinbar gilt? Und zweitens: Warum unternimmt ein Organismus überhaupt so eine kognitive Konstruktion? – Der Versuch, eine mögliche Antwort auf diese Fragen zu finden, bildet den dritten Abschnitt dieses Aufsatzes.
Im Gegensatz zur herkömmlichen Erkenntnislehre, in der Erkennen als selbstverständliche oder durch sich selbst gerechtfertigte Tätigkeit eines biologisch und psychologisch, unbelasteten Subjekts vorausgesetzt wird, fällt der radikale Konstruktivismus absichtlich aus dem Rahmen und begeht, was Berufsphilosophen oft mehr oder weniger verächtlich als “Psychologismus” abtun. Die Überlegung, die zu diesem Schritt führt, läßt sich aus den Ausführungen der ersten beiden Abschnitte ableiten, sobald man sie zusammenfügt.
Da ist zunächst die Einsicht, daß Erkennen und Wissen nicht der Niederschlag eines passiven Empfangens sein können, sondern als Ergebnis von Handlungen eines aktiven Subjekts entstehen. Diese Handlungen sind freilich nicht ein Handhaben von “Dingen an sich,” d.h. von Objekten, die eben schon in einer von der Erfahrung unabhängigen Welt so beschaffen und als Dinge strukturiert gedacht werden müßten, wie sie dem Erkennenden erscheinen. Handeln, das Wissen aufbaut, nennen wir darum “operieren,” und es ist das Operieren jener kognitiven Instanz, die, wie Piaget so schön sagt, sich selbst und somit ihre Erlebenswelt organisiert.
Die Erkenntnislehre wird so zu einer Untersuchung der Art und Weise, wie der Intellekt operiert, um aus dem Fluß des Erlebens eine einigermaßen dauerhafte, regelmäßige Welt zu konstruieren. Die Funktion des Intellekts ist aber ein Thema, mit dem sich seit jeher die Psychologie befaßt hat – und je mehr das aktive Operieren betont wird, desto psychologischer wird die Untersuchung. Kommen noch entwicklungsgeschichtliche, d.h. phylo- und ontogenetische Begriffe und Betrachtungsweisen dazu, dann sind wir mitten in der “genetischen Epistemologie.” Der metaphysische Realist wird sich da abwenden, denn für ihn darf die Erkenntnislehre nicht durch biologische oder psychologische Betrachtungen verunreinigt werden (vgl. Mays 1953).
Wenn aber – wie der am Anfang zitierte Alkmaion schon erklärte – die menschliche Tätigkeit des Erkennens nicht zu einem wahren Bild der Welt führen kann, sondern ein “Erschließen” ist, dann gehört zu dieser Tätigkeit auch das Schmieden von Schlüsseln, mit deren Hilfe der Mensch Wege zu den Zielen zu erschließen sucht, die er gewählt hat. Das heißt aber, daß die zweite Frage, die wir am Ende des vorhergehenden Abschnitts stellten, nämlich die Frage nach dem Warum der kognitiven Tätigkeit, ganz unzertrennlich mit der ersten verkettet ist; denn ob ein Schlüssel funktioniert oder nicht, hängt nicht davon ab, ob sich ein Schloß finden läßt, in das er paßt, sondern einzig und allein davon, ob er uns den Weg zu dem Ziel eröffnet, das wir erreichen wollen.
Jeder Konstruktivismus beginnt mit der (intuitiv bestätigten) Annahme, daß alle kognitive Tätigkeit in der Erlebenswelt eines zielstrebigen Bewußtseins stattfindet. Zielstrebigkeit hat in diesem Zusammenhang freilich nichts mit Zielen in einer “Außenwelt” zu tun. Die hier gemeinten Ziele entstehen lediglich dadurch, daß der kognitive Organismus seine Erlebnisse bewertet und darum die einen zu wiederholen, die anderen zu vermeiden trachtet. Die Produkte der bewußten kognitiven Tätigkeit, d.h. die kognitiven Konstruktionen und Strukturen, haben also jeweils einen Zweck und werden, zumindest ursprünglich, danach beurteilt, wie sie dem gewählten Zweck dienen. Der Begriff der Zweckdienlichkeit aber setzt seinerseits die Annahme voraus, daß es möglich ist, in der Erlebenswelt Regelmäßigkeiten festzulegen. Das Argument, das Hume formulierte, beschreibt die Lage einwandfrei: “Wäre da der geringste Verdacht, daß der Lauf der Natur sich ändern könnte und daß die Vergangenheit nicht Regel für die Zukunft wäre, so würde alle Erfahrung nutzlos und könnte zu keinerlei Folgerungen oder Schlüssen führen.” (1750, 47.) Dieser Glauben an Regelmäßigkeit und somit an die Möglichkeit der Induktion liegt allem Lebenden zugrunde.
Die “Natur” war für Hume, ebenso wie für Kant, “der Inbegriff aller Gegenstände der Erfahrung.” (Kant 1783, 295.) Das heißt, was immer wir aus unserer Erfahrung folgern – also alles, was wir induktiv nennen –, bezieht sich notwendigerweise auf unsere Erfahrung und nicht auf jene mythische, erfahrungsunabhängige Welt, von der die metaphysischen Realisten träumen.
Die zweite Einsicht, die wir aufgrund der konstruktivistischen Anschauung formulieren können, betrifft die Beschaffenheit der Regelmäßigkeiten, die der kognitive Organismus in seiner Erlebenswelt findet oder, besser gesagt, hervorbringt. Um von etwas zu behaupten, daß es regelmäßig, konstant, also in irgendeiner Weise unverändert sei, muß ein Vergleich gemacht werden. Das heißt, etwas bereits Erlebtes wird zu einem zweiten Erlebnis in Beziehung gesetzt, das in der Folge unseres Uebens nicht mit dem ersten zusammenfällt. Dieses “In-BeziehungSetzen” kann, abgesehen von dem Ergebnis’ des Vergleichs, zwei grundsätzlich verschiedene Begriffe liefern: Äquivalenz und individuelle Identität. Die Verwechs‑lung dieser beiden grundverschiedenen Begriffe wird durch die gedankenlose Vertauschung der Ausdrücke “das gleiche” und “dasselbe” dauernd gefördert (im Englischen ist es so weit, daß ein und dasselbe Wort, the same, für beide Begriffe gang und gäbe ist). Die Unterscheidung ist jedoch unerläßlich, wenn wir die elementarsten Bausteine der kognitiven Konstruktion verstehen wollen.
Wie Piaget (1937) gezeigt hat, sind die Begriffe der Äquivalenz und der individuellen Identität keineswegs apriorisch angeboren, sondern werden von jedem “normalen” Kind innerhalb der zwei ersten Lebensjahre aufgebaut. Grundlegend ist da die Entwicklung der Vorstellungsfähigkeit, die es einerseits überhaupt möglich macht, eine nicht gegenwärtige Wahrnehmung mit einer gegenwärtigen zu vergleichen, und die andererseits den Weg dazu bereitet, wiederholte Wahrnehmungen und besonders Komplexe von Wahrnehmungen als Objekte in einen von der eigenen Bewegung des Subjekts unabhängigen Raum und in eine vom subjektiven Erlebnisfluß getrennte Zeit zu stellen. Hand in Hand mit dieser Entwicklung eröffnen sich zwei Möglichkeiten des Vergleichs: Zwei Wahrnehmungskomplexe können jederzeit als zwei voneinander unabhängige Objekte “externalisiert” werden; sie können aber auch als zwei Erlebnisse ein und desselben als Individuum “existierenden” Objekts betrachtet werden. Das hat nichts mit dem Vergleich an sich zu tun, sondern bestimmt lediglich den begrifflichen Charakter dessen, was verglichen wird. Führt der Vergleich dann zu einem Urteil der “Gleichheit,” so haben wir entweder zwei Objekte, die in den im Vergleich untersuchten Eigenschaften gleichwertig sind, oder wir haben ein Objekt, das sich in der Spanne zwischen den beiden Erlebnissen nicht verändert hat. Führt der Vergleich hingegen zu einem Urteil der “Verschiedenheit,” so haben wir entweder zwei Objekte, die eben verschieden sind, oder wir haben ein Objekt, das sich seit dem vorhergehenden Erlebnis verändert hat.
In der Praxis des Erlebens bilden sich da freilich Zusammenhänge heraus, die uns jeweils in die eine oder andere Richtung weisen, ohne daß wir jedesmal bewußt zwischen Äquivalenz und individueller Identität entscheiden müßten. Ich habe anderwärts gezeigt, daß es Zweifelsfälle gibt und wie wir sie dann, im Falle der Identität, durch den mehr oder weniger plausiblen Nachweis einer Kontinuität zu entscheiden trachten (vgl. von Glasersfeld 1979). Hier will ich nur betonen, daß eben jene Kontinuität in der Existenz eines individuellen Objekts stets das Produkt einer vom erkennenden Subjekt ausgeführten Operation ist und niemals als eine Gegebenheit der objektiven Wirklichkeit erklärt werden kann.
Niemand verwendet diese begrifflichen Möglichkeiten geschickter als der Zauberkünstler. In einer Vorstellung erbittet er sich zum Beispiel den Siegelring eines Zuschauers, wirft ihn durch den halben Saal seinem Gehilfen zu, und läßt dann den verblüfften Zuschauer selber den Ring in seiner eigenen Tasche finden. Der Zauber besteht darin, die Wahrnehmungen der Zuschauer so zu steuern, daß sie unwillkürlich vom ersten Erscheinen des Rings zu dem durch den Saal geworfenen Objekt eine kontinuierliche Identität konstruieren. Ist das gelungen, kann tatsächlich nur Zauberei ein und denselben Ring in die Tasche des Zuschauers befördern. Ähnlich ist es mit dem roten Seidenband, das der Zauberkünstler in kleine Stücke schneidet und dann – buchstäblich im Handumdrehen – wieder in seiner ursprünglichen Ganzheit vor Augen führt.
Ein ähnliches schon oft zitiertes Beispiel ist der Kinofilm, den wir je nach den Umständen der Wahrnehmung als eine Folge einzelner, jeweils verschiedener Bilder sehen, oder als eine kontinuierliche Bewegung. Ganz abgesehen davon, ob da zum Beispiel irgendwo und irgendwann ein “wirkliches” Pferd in der Wirklich‑keit trabte und dabei gefilmt wurde, wenn wir den Film vorgeführt bekommen, müssen wir die Bewegung als kontinuierliche Veränderung (ein und desselben Pferdes) selber aus der Bilderfolge konstruieren. (Die Tatsache, daß wir das ganz unwillkürlich tun, ändert nichts daran, daß wir es tun müssen, um das Pferd in Bewegung zu sehen.)
Nicht minder konstruiert sind die Urteile der Gleichheit und Verschiedenheit im Bereich der Wahrnehmungsgegenstände. Wie ich oben bereits andeutete, ist “Gleichheit” immer das Resultat einer Untersuchung von bestimmten Eigenschaften. Zwei Eier sind etwa gleich in Form und Farbe und weil sie von derselben Henne stammen, sind aber nur zu deutlich verschieden, wenn das eine gestern gelegt wurde, das andere vor sechs Wochen. Eine Feldmaus und ein Elefant sind in vielen Beziehungen verschieden, sind aber gleich als Lebewesen und wenn wir die Säugetiere von anderen Tieren unterscheiden wollen. Und schließlich sind alle Eier, alle Tiere, ja alle Dinge, die ich je gesehen oder mir vorgestellt habe, einander in der einen Beziehung gleich, daß ich sie eben durch ganz bestimmte Wahrnehmungsoperationen als begrenzte, in sich geschlossene Objekte im Gesamtfeld meines Erlebens isoliert habe. In diesen Fällen, wie in allen erdenklichen, ist es wohl klar, daß die Kriterien, anhand derer Gleichheit oder Verschiedenheit festgestellt werden, von dem erlebenden, urteilenden Subjekt geschaffen und gewählt werden und nicht einer unabhängigen Welt zugeschrieben werden können.
Wichtiger noch für ein Verständnis des radikalen Konstruktivismus ist das aktive Operieren des Subjekts in bezug auf das, was wir Regelmäßigkeit oder Konstanz in der Erlebenswelt nennen. Sowohl Regelmäßigkeit als auch Konstanz setzen wiederholtes Erleben voraus, und Wiederholung kann nur aufgrund eines Vergleichs festgestellt werden, der ein Gleichheitsurteil liefert. Gleichheit ist aber, wie wir eben sahen, immer relativ: Gegenstände und Erlebnisse schlechthin sind “gleich” in bezug auf eben jene Eigenschaften oder Bestandteile, die im Vergleich in Betracht gezogen wurden. Das heißt, ein Erlebnis, das zum Beispiel aus den Elementen a, b und c besteht, kann einem Erlebnis aus a, b, c, und x gleichgesetzt werden, solange x nicht in Betracht gezogen wird. Das ist das Prinzip der Assimilation. In einem Zusammenhang, in dem es ausschließlich auf die Bestandteile oder Eigenschaften a, b und c ankommt, ist jeder Gegenstand, der a, b und c enthält, annehmbar. Ja er ist sogar von anderen Gegenständen, die ebenfalls a, b und c enthalten, nicht unterscheidbar, solange andere Eigenschaften nicht in den Vergleich einbezogen werden. Die Situation ändert sich jedoch, wenn ein Gegenstand, der zwar a, b und c aufweist, sich in irgendeiner Weise anders verhält, als es von a-b-cGegenständen aufgrund der bisherigen Erfahrung erwartet wird. Das bewirkt eine Störung (perturbation), die nun dazu führen kann, daß andere Bestandteile oder Eigenschaften in Betracht gezogen werden. Sobald das geschieht, ist die Möglichkeit geschaffen, den störenden (und darum in der gegebenen Situation unannehmbaren) Gegenstand aufgrund einer Eigenschaft x von den annehmbaren Gegenständen zu unterschieden. Das ist das Grundprinzip, auf dem Piaget seine Theorie der Assimilation und Akkomodation im Rahmen der Aktionsschemata aufgebaut hat und das in seiner Analyse der kognitiven Entwicklung überhaupt zu den wichtigsten Komponenten zählt. Hier will ich nur hervorheben, daß auch in diesem Prinzip der Begriff des Passens verkörpert ist, denn es kommt auch hier nicht darauf an, wie ein Gegenstand “objektiv” betrachtet oder in “Wirklichkeit” beschaffen ist, sondern nur darauf, ob er den erwarteten Dienst leistet und darum “paßt,” oder nicht.
Wenn nun Wiederholung aufgrund solcher Vergleiche konstruiert werden kann, ist es klar, daß für alle Arten der Regelmäßigkeit (die ja stets Wiederholung voraussetzt) das gleiche gilt. Hier wie dort ist es eine Frage des Gesichtspunktes, d.h. was betrachtet wird und in bezug worauf “Gleichheit” verlangt wird. Vorausgesetzt, daß das Rohmaterial der Erlebenswelt reichhaltig genug ist, kann ein assimilierendes Bewußtsein auch in einer völlig ordnungslosen, chaotischen Welt Regelmäßigkeiten und Ordnung konstruieren, Inwieweit das gelingt, hängt mehr von den Zielen und den bereits konstruierten Ausgangspunkten ab, als von den Gegebenheiten der sogenannten “wirklichen” Welt. Doch in unserem jeweils von gewählten Zielen bestimmten Erleben neigen wir dazu, alle Hindernisse eher der mythischen Wirklichkeit als unserer Handlungsweise zuzuschreiben.
Ein Maurer, der ausschließlich mit Ziegelsteinen baut, wird früher oder später zu dem Schluß kommen, daß alle Fenster- und Türöffnungen einen Bogen haben müssen, der das obere Mauerwerk tragen kann. Wenn der Maurer dann glaubt, er habe ein Gesetz der absoluten Welt entdeckt, so irrt er in ganz ähnlicher Weise, wie Kant irrte, als er glaubte, daß alle Geometrie euklidisch sein müsse. Was immer wir als Bausteine wählen, seien es Ziegel oder Euklids Elemente, bestimmt Grenzen. Wir erfahren diese Grenzen aber sozusagen nur von “innen,” aus der Ziegelperspektive oder aus der euklidischen Perspektive. Die Schranken der Welt, an denen unsere Unternehmen scheitern, bekommen wir nie zu Gesicht. Was wir erleben und erfahren, erkennen und wissen, ist notwendigerweise aus unseren eigenen Bausteinen gebaut und läßt sich auch nur aufgrund unserer Bauart erklären.
Zusammenfassung
Die Sprache zwingt uns unerbittlich, alles als ein Nacheinander zu präsentieren. Die drei Abschnitte dieses Kapitels müssen darum eines nach dem anderen gelesen werden – doch diese unvermeidliche Reihenfolge soll nicht als logische Ordnung verstanden werden. Was diese Abschnitte behandeln, läßt sich jeweils nur sehr ungefähr als selbständiges Thema umreißen, denn es ist im konstruktivistischen Denken mit den anderen Leitgedanken so eng verflochten, daß es, einzeln dargestellt, eher wie eine Fingerübung wirkt. Die Argumente, die hier vorgebracht werden, können ein neues Weltbild sicher nicht als einzelne Fäden schaffen, sondern nur als Gewebe.
Die Begriffsanalyse zeigte einerseits, daß ein Bewußtsein, wie immer es beschaffen sein mag, nur aufgrund eines Vergleichs “Wiederholung,” “Konstanz” und “Regelmäßigkeit” erkennen kann; andererseits zeigte sie, daß da jeweils schon vor dem eigentlichen Vergleich entschieden werden muß, ob die beiden Erlebnisse, die da verglichen werden, als Vorkommnisse ein und desselben Objekts oder zweier separater Objekte betrachtet werden sollen. Diese Entscheidungen legen jeweils fest, was als “existierende” Einheit (Gegenstand) und was als Beziehung (zwischen Gegenständen) betrachtet wird, und indem sie das bestimmen, schaffen sie Struktur im Fluß des Erlebens. Diese Struktur ist, was der bewußte kognitive Organismus als “Wirklichkeit” erlebt – und weil sie (bisher) fast ausschließlich unwillkürlich geschaffen wurde und wird, erscheint sie als Gegebenheit einer unabhängigen, selbständig “existierenden” Welt.
Diese Anschauung ist nichts Neues. Von Pyrrhon bis zu den theoretischen Physikern der Gegenwart, die sich immer öfter fragen müssen, ob sie Naturgesetze entdecken oder durch die raffinierte Vorbereitung der experimentellen Beobach‑tungen die Natur eher in die vorgefaßten Hypothesen zwingen, ist der Skeptizismus zu dem gleichen Schluß gekommen. Solange wir aber zutiefst “metaphysische Realisten” sind und von der Erkenntnis (der wissenschaftlichen wie der alltäglichen) erwarten, daß sie uns ein “wahres” Bild einer als unabhängig vorausgesetzten “wirklichen” Welt vermitteln könnte, muß der Skeptiker stets als Pessimist und Spielverderber erscheinen, denn seine Argumente machen uns immer wieder darauf aufmerksam, daß so eine “wahrheitsgetreue” Erkenntnis nicht möglich ist. Der Realist kann freilich trotzdem Realist bleiben, wenn er die Argumente der Skepsis als dem “gesunden” Menschenverstand widersprechend unter den Tisch schiebt und so tut, als wären sie nie vorgebracht worden. Nimmt er die Argumente aber ernst, so muß er sich in einer Form von subjektivem Idealismus zurückziehen, und dieser Rückzug führt schließlich unweigerlich zum Solipsismus, das heißt zu dem Glauben, daß es überhaupt keine vom Subjekt unabhängige Welt geben kann.
Weil diese Situation einerseits angesichts der unwiderlegbaren Logik der skeptischen Argumente so unvermeidlich scheint, und weil wir andererseits intuitiv überzeugt sind und täglich neuerdings erfahren, daß die Welt voll von Hindernissen ist, die wir uns nicht absichtlich in den Weg stellen, müssen wir zu den allerersten Schritten der Erkenntnislehre zurückfinden, um das Dilemma aufzulösen. Zu diesen ersten Schritten gehört auch die Definition des Verhältnisses zwischen Wissen und Wirklichkeit, und das ist eben der Punkt, in dem der radikale Konstruktivismus aus dem herkömmlichen Szenario der Epistemologie herausführt. Sobald Erkenntnis nicht mehr als Suche nach ikonischer Übereinstimmung mit der ontologischen Wirklichkeit, sondern als Suche nach passenden Verhaltensweisen und Denkarten verstanden wird, verschwindet das traditionelle Problem. Wissen wird vom lebenden Organismus aufgebaut, um den an und für sich formlosen Fluß des Erlebens soweit wie möglich in wiederholbare Erlebnisse und relativ verläßliche Beziehungen zwischen diesen zu ordnen. Die Möglichkeiten, so eine Ordnung zu konstruieren, werden stets durch die vorhergehenden Schritte in der Konstruktion bestimmt. Das heißt, daß die “wirkliche” Welt sich ausschließlich dort offenbart, wo unsere Konstruktionen scheitern. Da wir das Scheitern aber immer nur in eben jenen Begriffen beschreiben und erklären können, die wir zum Bau der scheiternden Strukturen verwendet haben, kann es uns niemals ein Bild der Welt vermitteln, die wir für das Scheitern verantwortlich machen könnten.
Wer das verstanden hat, wird es als selbstverständlich betrachten, daß der radikale Konstruktivismus nicht als Abbild oder Beschreibung einer absoluten Wirklichkeit aufgefaßt werden darf, sondern als ein mögliches Modell der Erkenntnis in kognitiven Lebewesen, die imstande sind, sich aufgrund ihres eigenen Erlebens eine mehr oder weniger verläßliche Welt zu bauen.
Endnotes
1
Spinner (1977) vermittelt eine ausgezeichnete umfassende Übersicht über die Denker und Argumente, die diese immer noth verbreitete Auffassung widerlegt haben und dokumentiert den allgemeinen Bankrott der konventionellen Erkenntnistheorie.
2
E. U. von Weizsäcker hat mich während eines Symposiums in Bremen (1979) darauf aufmerksam gemacht, daß in der deutschen Fachliteratur fit oft mit “tüchtig” übersetzt wird, was dann freilich auch zum Geschwätz vom “Tüchtigsten” führt.
3
Wie J. von Uexküll (z.B. Uexküll/Kriszat 1933) so elegant gezeigt hat, bestimmt jedes Lebewesen seine Umwelt durch seine Eigenart. Nur ein völlig beziehungsloses, außenstehendes Wesen, das die Welt nicht erfährt, sondern unbedingt kennt, könnte von einer “objektiven” Welt sprechen. Darum bildet auch der Versuch von K. Lorenz, die menschlichen Begriffe von Raum und Zeit einerseits als “Anpassung” zu erklären, sie andererseits aber doch als objektive Aspekte der ontologischen Wirklichkeit zu betrachten, einen logischen Widerspruch (vgl. Lorenz 1941).
4
Vgl. Bateson (1967). Heinz von Foerster hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß das Prinzip der Auswahl durch einschränkende Bedingungen eigentlich nicht als “kybernetisch” bezeichnet werden sollte, da es für gewisse Sachverhalte schon im 18. Jh. von Maupertuis formuliert wurde.
5
Berkeleys Treatise und Vicos De Antiquissima etc., zwei Werke, die in vielen Beziehungen erstaunlich parallel sind, wurden gleichzeitig veröffentlicht, ohne daß die Autoren voneinander wußten. Sie trafen wenige Jahre später in Neapel zusammen, doch ist meines Wissens nichts über Diskussionen bekannt, die sie, so möchte man meinen, gehabt haben müssen.
6
George A. Kelly, der Begründer der “psychology, of personal constructs,” kam unabhängig zu dem gleichen Schluß: “Das Universum ist also für das lebende Wesen wirklich, es ist aber nicht unwandelbar, es sei denn, es wird als solches konstruiert.” (1963, 8)
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