CEPA eprint 1413 (EVG-125)

Die Unterscheidung des Beobachters: Versuch einer Auslegung

Glasersfeld E. von (1990) Die Unterscheidung des Beobachters: Versuch einer Auslegung. In: Riegas V. & Vetter C. (eds.) Zur Biologie der Kognition. Suhrkamp, Frankfurt: 281–295. Available at http://cepa.info/1413
If there is no other, there will be no I.If there is no I, there will be none to make distinctions.Chuang-tsu, 4th Cent., B.C.*
“Languaging” – auf Deutsch könnte man da vielleicht “Sprecherei” sagen – dient, wie Maturana hier und dort wiederholt, unter anderem der Orientierung. Darunter versteht er eine Art Lenkung der Aufmerksamkeit und somit des individuellen Erlebens Anderer, die eine Vorbedingung für das Entstehen von eben jenen “Übereinstimmungsbereichen” (consensual domains) bildet, die ihrerseits Vorbedingung für die Entwicklung der Sprache sind. Obschon dieser Satz (d.h. die Sprecherei mit der ich hier begonnen habe) bestenfalls als blasse Nachahmung von Maturanas Schreibweise gelten kann, führt er doch vielleicht einen wichtigen Aspekt des Maturanaschen Systems vor, nämlich die Zirkularität, die da in unterschiedlicher Form und Weise immer wieder zum Vorschein kommt.
Für meine Auslegung ist es nun unerlässlich, dass man sich jedesmal, wenn man bei Maturana auf Zirkularität stößt, so laut wie möglich wiederholt, dass diese Zirkularität nicht wie in den meisten herkömmlichen Systemen der abendländischen Philosophie eine unvorhergesehene Entgleisung darstellt, sondern im Gegenteil eine absichtlich gewählte Grundbedingung, die sich direkt aus dem theoretischen Modell der Autopoiese ergibt. Ein der Kognition fähiger Organismus, der laut Maturana informationell geschlossen ist, sich aber dennoch Beschreibungen, d.h. Begriffe, Begriffsgebäude, Theorien und schließlich ein Weltbild aufbaut, kann das ja nur mit Bausteinen machen, die dank eines kognitiven Verfahrens der Abstraktion aus dem Bereich seiner eigenen Erfahrung gewonnen wurden. Diese Einsicht, die Maturana ausdrückt, indem er von sämtlichen kognitiven Bereichen sagt, sie entstünden ausschließlich als Resultat der Unterscheidungsoperationen, die der Organismus selber ausführt, war einer der Punkte, die mir Maturanas Werk schon bei der ersten Begegnung sympathisch machten.[Note 1]
Auf Grund von ganz anderen, in keiner Weise mit der biologischen Idee der Autopoiese verknüpften Überlegungen war ich von der Erkenntnistheorie her auch zu der Überzeugung gelangt, dass Wissen ein selbst-generiertes, aktives Unternehmen ist. Mein Weg, der (etwas abgekürzt und idealisiert) von den Zweifeln der Vorsokratikern über Montaigne, Berkeley, Vico und Kant zum Pragmatismus und schließlich zu Ceccatos “operationistischer Schule” und Piagets “Genetischer Epistemologie” führte, ist hier an und für sich gleichgültig. Da Maturanas Ausführungen sich so gut wie nie auf die traditionelle Philosophie berufen, scheint es mir jedoch relevant, zu erwähnen, dass eine ganze Reihe seiner prinzipiellen Behauptungen eben auch durch Gedankengänge, die von Zeit zu Zeit in der klassischen Erkenntnislehre auftauchten, untermauert werden können. Der Grund, weswegen diese Gedanken bisher stets am Rande blieben und die offizielle Disziplin der Philosophie zwar zuweilen irritiert aber nie bleibend beeinflusst haben, liegt meiner Ansicht nach darin, dass die abendländische Geistesgeschichte zwei grundlegende Forderungen von Anfang an bis in unsere Gegenwart als unerlässlich betrachtet hat. Die erste Forderung ist, dass das, was wir wahres Wissen nennen möchten, grundsätzlich von dem erkennenden Subjekt unabhängig sein soll. Die zweite verlangt, dass Wissen nur dann ernst zu nehmen sei, wenn es den Anspruch erhebt, eine Welt der “Dinge-an-sich” mehr oder weniger “wahrheitsgetreu” darzustellen.[Note 2]
Obschon die Skeptiker aller Zeitalter beide Forderungen auf Grund logischer Argumente als unerfüllbar erklärt haben, begnügten sie sich zumeist mit der Feststellung, dass absolutes Wissen eben unmöglich sei. Den nächsten Schritt tun, und den Begriff des Wissens von den unmöglichen Forderungen befreien, so dass er sich in der subjektiven Erlebenswelt des handelnden Subjekts auf Erreichbares anwenden ließe, hat die wenigen, die ihn wagten, zu Außenseitern gestempelt, weswegen sie von der Berufsphilosophie ohne weiteres übergangen wurden. Eine geschlossene Welt des Erlebens
Es geht hier nicht darum, zu untersuchen, wieso das philosophische Klima sich in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren so verändert hat, dass man heute im Bezug auf Wissen relativistische Positionen verfechten kann, ohne umgehend als Nihilist oder gefährlicher Ketzer gebrandmarkt zu werden. Zum Glück für ihn sowie für uns hat Humberto Maturana diese letzten zwanzig Jahre trotz unverhohlener Opposition gegen den reaktionären chilenischen Diktator Pinochet überlebt. (Zum Glück, denn er ist unzweifelhaft einer jener Denker, die in früheren Jahrhunderten mit unerschütterter Überzeugung auf den Scheiterhaufen geführt worden wären.)
Was die autoritäre Dominanz des Realismus in der Philosophie betrifft–sei er materialistisch oder metaphysisch–, so haben die Unverlässlichkeit überlieferter politischer und sozialer “Wahrheiten” und der Umsturz im Weltbild der Physik sicher dazu beigetragen, die allgemeine Lage erheblich aufzulockern. Doch die Abneigung gegen Modelle der Kognition, die Wissen schlechthin als Organismus-bedingt und somit als Produkt eines geschlossenen Kreislaufs interner Operationen erklären, ist keineswegs aus der Welt geschwunden.
In dem alles einschließenden Schema, das Maturana in seinen Vorträgen oft an die Tafel malt, ist auf der linken Seite (vom Zuhörer aus gesehen) die Beschreibung mit, auf der rechten Seite die Beschreibung ohne Objektivität.[Note 3] Ob man sich selbst im eigenen Beschreiben auf die linke oder rechte Seite begibt sei, so sagt Maturana, eine Sache der Emotion. Was Wissen und Sprache anbelangt, muss die linke Seite an dem Glauben festhalten, dass Erkenntnis die objektive Realität erfassen und Sprache sie bezeichnen/bedeuten könne. Der Begriff der Objektivität, den Maturana im Sinn hat, steht und fällt mit diesem Glauben. Maturana selbst, wenn ich ihn richtig verstanden habe, teilt diesen Glauben nicht und stellt sich entschieden auf die rechte Seite, wo Objektivität in Klammern gesetzt und also “ausgeklammert” ist und es lediglich die Wirklichkeiten geben kann, die von Beobachtern durch ihre Unterscheidungsoperationen hervorgebracht worden sind. Ich kann also nicht umhin, festzustellen, dass die linke Seite des Schemas gewissermaßen ein Zugeständnis an die Holzwege der herkömmlichen Philosophie ist und darum nicht dieselbe didaktische Funktion hat wie die rechte.
Dass das so zu verstehen ist, scheint mir unzweifelhaft, denn der Glaube an die Möglichkeit, eine objektive Realität oder, wie Kant sagen würde, eine Welt-an-sich zu “erkennen,” kann auch ohne Biologie und Autopoiese durch die Argumente der Skeptiker demoliert werden. Was dann übrig bleibt, ist von meinem Gesichtspunkt aus die Notwendigkeit, das Verhältnis zwischen unserem Wissen (d.h. alles was wir erfolgreich verwenden) und dem “Medium,” in dem wir uns lebend vorfinden, anders zu erklären als durch die Annahme einer prinzipiell nicht nachweisbaren Isomorphie.
Es scheint mir nun überaus wichtig, sich daran zu erinnern, dass Maturana darauf ausging, alle Phänomene, die man als “kognitiv” bezeichnet, aus der Biologie heraus zu beschreiben und zu erklären, und dass er, insofern sein Vorhaben gelingt, es sich leisten kann, sich nur dann auf die herkömmliche Erkenntnislehre zu berufen, wenn diese ihm dazu dient, die Andersartigkeit seiner Denkweise hervorzuheben. Indem er sich von der Philosophiegeschichte absetzt ohne auf sie einzugehen, läuft er freilich Gefahr, von all denen missverstanden zu werden, deren Auffassung von Kognition noch eng mit der üblichen Idee des “Erkennens” verknüpft ist. Maturana geht es darum oft ähnlich wie es Piaget ging, der ja auch immer wieder betonte, dass Kognition in seiner Theorie nicht der Erkenntnis einer objektiven Realität diene, sondern der Anpassung des handelnden Organismus an seine jeweilige Erlebenswelt.
Was Maturana “operationale Wirksamkeit” (operational effectiveness) nennt, entspricht vom konstruktivistischen Gesichtspunkt aus der “Viabilität” und fällt in der Geschichte der Philosophie mit dem zusammen, was die Pragmatisten um die Jahrhundertwende in dem Leitspruch zu fassen versuchten: “Wahr ist, was funktioniert.” Maturanas operationale Wirksamkeit ist jedoch ein weitaus brauchbarer Begriff als das recht unbestimmte und darum oft unbestimmbare “Funktionieren” der Pragmatisten. Alles Operieren und seine Wirksamkeit liegt bei Maturana stets laut Definition in einem Beschreibungsbereich, der durch eben jene Unterscheidungen bestimmt ist, die der jeweilige Beobachter macht. Während das verallgemeinerte “Funktionieren” im Pragmatismus oft dazu verführt, den Zugang zu einer “objektiven” Welt darin zu suchen, dass gewisse Handelswesen funktionieren, andere aber nicht, werden derartige Versuchungen in Maturanas Modell eben dadurch ausgeschaltet, dass es sich da immer nur um Erlebensbereiche handeln kann, die durch die Tätigkeit des Unterscheidens seitens eines Beobachters hervorgebracht werden.
Dass Erlebenswelten mit allen ihren Bereichen nur von handelnden Beobachtern hervorgebracht werden können, ist meines Erachtens die Einsicht, die in dem genialen Versuch Hans Vaihingers fehlte – und deswegen konnte es ihm nicht gelingen, das System seiner “Philosophie des Als Ob” ohne Bezug auf eine in die ontische Realität verlegte Entwicklungsgeschichte logisch zu schließen.[Note 4] Das Entstehen des Beobachters
Einer der schwierigsten Punkte in Maturanas Gedankengebäude war für mich seine des öfteren wiederholte Versicherung, dass sich auch die Herkunft des Beobachters aus den von ihm beschriebenen biologischen Grundbedingungen der Interaktion autopoietischer Organismen und deren sprachlicher Tätigkeit ohne weiteres ableiten ließe. Ich habe mehr als ein Jahrzehnt gebraucht, um mir eine Interpretation dieser Ableitung zurechtzulegen, und wenn ich sie hier nun vorbringe, so tue ich es mit der ausdrücklichen Warnung, dass es eben eine ganz persönliche Auslegung ist, die keinen Anspruch auf Authentizität erhebt.
Alle sprachliche Tätigkeit (oder Sprecherei, wie ich das eingangs nannte) findet laut Maturana “in der Praxis des Lebens statt: wir menschliche Wesen finden uns als lebende Systeme in Sprache getaucht.”[Note 5] Sprechen heisst bei Maturana aber nicht Neuigkeiten oder irgendwelche “Information” übermitteln, sondern bezieht sich auf ein durch gegenseitige Anpassung abgestimmtes koordiniertes Handeln. Ohne eine derartige Koordination des Handelns gäbe es keine Möglichkeit des Beschreibens und somit keine Möglichkeit, sich der Unterscheidungen, die man als Handelnder macht, bewusst zu werden. Sich der Unterscheidungen bewusst werden, heisst beobachten. Sich selbst als Unterscheidender beobachten, ist darum nicht mehr und nicht weniger als sich seiner selbst bewusst werden. Maturana hat das jüngst sehr genau beschrieben:
Wenn wir, wie es die moderne Physik tut, die Prämisse annehmen, dass das, was wir unterscheiden, von unserem Handeln abhängt, dann operieren wir aufgrund der impliziten Voraussetzung, dass wir als Beobachter mit Rationalität begabt sind und dass dies nicht erklärt werden braucht oder kann. Denken wir jedoch reflektiv über unser Erleben als Beobachter, so entdecken wir, dass alles, was wir als Beobachter tun, uns einfach widerfährt. Anders ausgedrückt, wir entdecken, dass unser Erleben (als Beobachter) darin besteht, dass wir uns als Beobachtende, Sprechende und Handelnde vorfinden und dass alle Erklärungen und Beschreibungen unseres Tuns erst auf das Erlebnis folgen, das darin besteht, dass wir uns selbst in den von uns ausgeübten Handlungen finden.[Note 6]
Der springende Punkt in diesem geschlossenen Kreis ist die von Maturana so oft wiederholte Grundbedingung, dass das, was beobachtet wird, nicht Dinge, Eigenschaften oder Beziehungen einer “an sich” existierenden Welt sind, sondern immer nur die Ergebnisse von Unterscheidungen, die der Beobachter selbst macht und die ohne seine Tätigkeit des Unterscheidens keinerlei Dasein haben. Genau wie bei Vico, dem ersten Konstruktivisten, kann der kognitive Organismus nur Tatsachen “erkennen,” d.h. Fakten, die er selbst getan oder gemacht hat (Latein: facere). Der Beobachter erwächst also aus seiner eigenen Art und Weise des Beschreibens, d.h. indem er sich selbst unterscheidet.
Ich sehe hier nun doch eine Beziehung zu Descartes, doch es ist nicht die Beziehung zum cartesianischen Dualismus, die Riegas im “Gespräch mit Maturana” erwähnte (S. 64). Descartes, der den Skeptizismus zu bekämpfen suchte, indem er den Zweifel als Werkzeug benützte, um alles Zweifelhafte von den erhofften sicheren Wahrheiten zu scheiden, fand am Ende seines Bemühens, dass es da nur eines gab, dessen er sicher sein konnte, nämlich dass er selbst es war, der die reflektierende Tätigkeit des Zweifelns betrieb. Da seine Untersuchung von der Hoffnung ausgegangen war, man könne trotz der Argumente der Skeptiker doch irgendwo auf eine ontische Realität stoßen, formulierte er die Sicherheit des eigenen Zweifelns als ontologischen Grundsatz: cogito ergo sum. Für Maturana ist diese Formulierung nicht annnehmbar, eben weil das “sum” Existenz im ontologischen Sinn behauptet. Hätte Descartes eingesehen – wie Maturana es ausdrücklich tut -dass das Zweifeln, dessen er so sicher ist, notwendigerweise auf Unterscheidungen beruht, die er in seiner eigenen Erlebenswelt trifft und nicht in einer ontischen Realität, dann hätte er sagen können, “indem ich unterscheide, bringe ich mich als Beobachter hervor.” Wenn ich Maturana richtig verstanden habe, könnte er diese Neuformulierung des Cartesianischen Grundsatzes ohne weiteres annehmen.
Von meinem Gesichtspunkt aus, liefert Maturana gewissermaßen die Leiter, die ein Bewusstsein hinaufsteigen muss, um Beobachter zu werden – über die Herkunft dieses Bewusstseins jedoch, das den Aufstieg vollbringt, sagt er nichts. Dass ich als lebender Organismus mich “in die Sprache getaucht finde,” heißt für mich, dass ich die Fähigkeit habe, mich zu finden, und diese Fähigkeit, die eine Art der Reflektion einschliesst, gehört eben zu dem, was ich Bewusstsein nenne. Vorstellung und Gedächtnis
In “The bringing forth of pathology,” einem Aufsatz, den Maturana jüngst mit Carmen Luz Mendez und Fernando Coddou geschrieben hat, werden in einem Abschnitt über Sprache und die unterschiedlichen Formen der Konversation unter anderem zwei dieser Formen etwas genauer beschrieben. Da heißt es:
Die erste nennen wir “Konversationen der Charakterisierung,” sofern sie Erwartungen in Bezug auf Eigenschaften der Teilnehmer implizieren, über die man noch nicht zu einem Einvernehmen gelangt ist; die zweite nennen wir “Konversationen der unberechtigten Anklagen und Vorwürfe,” sofern sie Beschwerden über unerfüllte Erwartungen in Bezug auf jene Verhalten der Teilnehmer implizieren, über die man vorher nicht zu einem Einverständnis gekommen ist.”[Note 7] (S.155)
Da Maturana in seinen Schriften hier und dort sehr deutlich macht, dass er den Begriff der mit dem englischen Wort representation verbunden wird, für unzulässig hält, scheint es zunächst erstaunlich, dass er nun in der hier zitierten Stelle eine Unterscheidung der Konversationen auf “Erwartungen” (expectations) gründet. Eine Erwartung haben, heisst ja, sich eine Vorstellung machen von etwas, das man zwar im früheren Fluss des Erlebens aufbaut, aber im gegenwärtigen, aktuellen Wahrnehmungsfeld nicht isolieren kann. Solche Vorstellungen setzen nun aber eine Fähigkeit der “Repräsentation” voraus. Dieser scheinbare Widerspruch verschwindet jedoch, wenn man sich darüber klar wird, dass das englische Wort representation sowohl für “Vorstellung” als auch für “Darstellung” verwendet wird, und dass der Unterschied zwischen den beiden Begriffen zumeist übersehen und das Wort fast ausschliesslich im Sinne der Darstellung verstanden wird.[Note 8] Da der Begriff der Darstellung nun aber die Wiedergabe von etwas Anderem, oder zumindest einen formalen Bezug auf etwas Anderes, einschließt, das als “Original” hingestellt wird, ist er mit dem Begriff der Vorstellung als autogener Konstruktion, wie etwa Kant und Schopenhauer ihn verwendeten, unvereinbar.
Maturanas Abneigung gegen representation rührt nun daher, dass er wie Kant und Schopenhauer eine begriffliche Abbildung oder Wiedergabe der objektiven, “ontischen” Realität im kognitiven Bereich des Organismus ausschliesst. Re-presentation im Sinne Piagets, d.h. als Wiederholung oder Rekonstruktion von bereits Erlebtem, und darum als Vorstellung, die sich aus Stücken bereits gemachter Erfahrungen zusammensetzt, ist, wie Maturana im Laufe der Diskussionen anlässlich der ASC-Konferenz im Oktober 1988 erklärte, auch im autopoietischen Modell möglich. Maturana sprach da von re-living an experience (ein Erlebnis wiedererleben), und von meiner Perspektive aus deckt sich das ohne weiteres mit dem Begriff der Repräsentation im Sinne von Vorstellung, ohne die ja keinerlei Reflektion möglich wäre. So betrachtet, ist es klar, dass auch im autopoietischen Organismus “Erwartungen” nichts anderes sein können als Vorstellungen von Erlebnissen, die man in der Richtung des Noch-nicht-Erlebten projiziert.
Diese Ueberlegung führt zu einer weiteren Frage, die im Zusammenhang mit Maturanas Theorie oft unbeantwortet bleibt. Das ist die Frage der Erinnerung und des Gedächtnisses, das das Erinnern möglich macht. Wie Maturana so oft wiederholt, liegt auch hier alles, was man sagen kann, auf dem Niveau der Beschreibung in einem Bereich, der dadurch bestimmt wird, dass man gewisse Unterscheidungen macht und andere nicht. Maturana verwirft – ebenso wie Heinz von Foerster -die Idee eines “Speichers,” in dem Eindrücke, Erlebnisse, Handlungen, Beziehungen, u.s.w., aufbewahrt werden könnten. Ich bin da ganz der gleichen Ansicht. Dennoch ist es von meinem Gesichtspunkt aus klar, dass der Beobachter, der etwas als Wiedererleben beschreibt, wissen muss, dass das Erlebnis, auf das er sich da bezieht, mindestens einmal vorher erlebt worden ist; und dieses Erkennen der Wiederholung benötigt einen Mechanismus, der die Rolle dessen spielt, was man in der Umgangssprache “sich erinnern” nennt.
Im autopoietischen Organismus verändert jede Perturbation, jedes Erlebnis, jede interne Begebenheit die Struktur des Netzwerks, das den Organismus konstituiert. Diese Veränderungen sind freilich nicht alle von der gleichen Art. Eine Möglichkeit ist die Entstehung neuer Verbindungen und somit neuer Pfade im Netzwerk; eine andere ist, was man das “Schmieren” oder Erleichtern bereits bestehender Pfade nennen könnte. Der Beobachter, der von “Wiedererleben” spricht, muss imstande sein, einen Pfad, der zum ersten Mal gebaut wird, von anderen, die über schon früher gemachte Verbindungen führen, zu unterscheiden. Das ist zweifellos so, gleichgültig ob es die Operationen eines anderen Organismus betrifft oder den Beobachter selbst. Die Wiederholung eines Erlebnisses lässt sich jedoch nur feststellen, wenn der Beobachter fähig ist, sich zumindest zeitweise vom laufenden Strom des Erlebens abzusetzen, um die Benützung eines bereits begangenen Pfades von der Eröffnung eines neuen zu unterscheiden. In meiner Terminologie heißt das, der Beobachter muss der Reflektion fähig sein.
Maturana macht es deutlich, dass in seinem Modell alles Handeln und Verhalten eines Organismus durch dessen Struktur und Organisation vollkommen determiniert sind und keinerlei Reflektion bedürfen. Auf dem Niveau der Beschreibung jedoch, wo das zu Beschreibende durch nichts anderes hervorgebracht wird als die Operationen der Unterscheidung, die der Beobachter ausführt, kommt man, soweit ich sehen kann, ohne Reflektion nicht aus. Über diesen Punkt sagt Maturana meines Wissens nichts. Ich nehme aber an, dass der Beobachter seine eigene Reflektionsfähigkeit einfach dadurch schafft, dass er sich selbst als handelndes, beobachtendes und schließlich reflektierendes Subjekt vom jeweiligen Erlebensbereich unterscheidet. Die ausgeschlossene Realität
Die Frage nach der Herkunft des Beobachters in Maturanas Theorie beantwortet sich für mich also einfach dadurch, dass man sich dauernd vergegenwärtigt, dass nicht nur die gesamte Erlebenswelt das Produkt der Unterscheidungen ist, die man macht, sondern dass auch der Fluss des Erlebens nur dadurch hervorgebracht werden kann, dass man sich als Beobachter davon absetzt. Das ist freilich keine metaphysische Antwort, die vorgibt, die Entstehung eines der “Erkenntnis” fähigen Wesens zu erklären, das als ontisches Subjekt in einer ontischen Welt “existiert.” Maturana betreibt Wissenschaft und ist darauf bedacht, das in wissenschaftlicher Weise zu tun. Das heisst, er hütet sich, metaphysische Annahmen in sein Modell zu schmuggeln, die unbegründbar sind und logisch unbegründbar bleiben müssen. Er drückt das auf verschiedene Weisen aus:
Ein Beobachter hat keine operationale Basis, auf Grund derer Aussagen oder Behauptungen gemacht werden könnten über Objekte, Gegenstände oder Beziehungen, als existierten diese unabhängig von dem, was er selber macht.[Note 9] Und in dem hier wiedergegebenen Interview sagt er: “über eine transzendentale Realität wird nichts ausgesagt” (S.53).
Diese Stellungnahme ist keineswegs neu. Man findet sie bei Vico, bei Kant und Schopenhauer, und jüngst bei Richard Rorty. Neu hingegen ist die biologische Interpretation der Erlebenswelt, die die Umstände darlegt, unter denen ein Beobachter hervorgebracht wird. Und diese Interpretation, sobald man sie als Arbeitshypothese annimmt, hat weitreichende Folgen für unser begriffliches Verhältnis zur Erlebenswelt. Wie alle wissenschaftlichen Modelle, “erklärt” das Maturanasche das wie der Phänomene, die es beschreibt, -z.B. das Entstehen des Beobachters – nicht aber das warum. Das ist die Regel, im Bereich der Wissenschaft. Wie es etwa dazu kommt, dass schwere Gegenstände in unserem gewohnten Erlebensbereich “fallen,” wird in der Physik durch die Schwerkraft erklärt; dass Himmelskörper so eine Anziehungskraft ausüben, kann eventuell noch auf die Krümmung des Raumes zurückgeführt werden; warum der Raum aber in einer ontischen Welt gekrümmt sein sollte, ist eine Frage, auf die der Physiker weder eine erklärende Antwort hat, noch eine braucht – er kann nur feststellen, dass die Annahme eines gekrümmten Raums ihm eine Reihe nützlicher Berechnungen und Vorhersagen ermöglicht. Jene Physiker, die sich über die epistemologischen Grundlagen ihrer Wissenschaft Rechenschaft gegeben haben, sagen das auch, denn sie haben wie Maturana eingesehen, dass es ihre eigenen Begriffe sind, d.h. ihre eigenen Unterscheidungsoperationen, die die Erlebenswelt hervorbringen, die sie in ihrer Wissenschaft beschreiben. Konsistenz statt Begründung
Ich habe eingangs von der Zirkularität in Maturanas Theorie gesprochen und dann versucht, einige Sektoren des Begriffskreises von meinem Gesichtspunkt aus zu erhellen. Wenn mir das auch nur annähernd gelungen ist, so sollte es nun nicht schwer sein, den Vorwurf abzubauen, der Maturana von verschiedenen Seiten gemacht wird. Gerhard Roths präzise Formulierung mag da als Beispiel dienen.
Mit der Konzeption einer solch zyklisch angelegten Theorie ergibt sich das Problem der Begründung und des Anfangs. Entweder wird mit erkenntnistheoretischen Ausführungen über den Beobachter, die Bedingungen und den Gegenständen seiner Beobachtungen (Unterscheidung von Gegenständen, System–Teile usw.) begonnen, um dann zu einer konstruktivistischen Theorie lebender Systeme zu gelangen; oder es wird mit einer objektivistischen Erklärung der Organisation lebender Systeme begonnen, die dann zu einer Theorie des Gehirns, der Kognition und schließlich zu einer Theorie des Beobachters führt. Maturana versucht aber beides zugleich: …Diese Konzeption muss jedoch scheitern, denn sie verfängt sich im Widerspruch des konstruktivistischen und des objektivistischen Ansatzes.[Note 10] (S. 88)
Das Problem der Begründung und das Problem des Anfangs sind für Roth, wie bereits aus diesem Absatz, der seine Kritik einleitet, hervorgeht, eng mit einander verflochten. Das mag bei der Behandlung herkömmlicher Erkenntnistheorien angemessen sein, doch im Bezug auf ein Begriffsgebäude, das die Erkenntnis einer objektiven Welt-an-sich ausdrücklich für ausgeschlossen hält, scheint mir diese Verflechtung unzulässig zu sein.
Bei einer Theorie, die sich selbst als zirkulär hinstellt, ist es unangebracht, nach dem Anfang zu fragen. Ein Kreis ist ja unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass er keinen Anfang hat. In Maturanas Bau ergibt sich jeder Punkt aus dem Vorhergehenden – so wie man im Nebel auf einem merkmallosen Ferner im Hochgebirge einen Fuss vor den anderen setzt, ohne je zu sehen, was weiter vor einem und weiter hinter einem liegt; und wie es im Nebel zuweilen passiert, erkennt man nach stundenlangem Gehen, dass man in den eigenen Fußstapfen geht. Dass man diesen Kreis an einer bestimmten Stelle begonnen hat, könnte man jedoch nur von einem höher gelegenen Aussichtspunkt wahrnehmen – wenn der Nebel sich gehoben und Aussicht möglich gemacht hätte. Der Nebel, der uns die Sicht in eine ontische Realität versperrt, kann sich aber nicht heben, denn er ist, wie Kant es schon sah, fest in unsere Art und Weise des Erlebens eingebaut. Darum kann eine minutiöse Untersuchung, wie die Maturanas, nur zeigen, dass wir, gleichgültig wo wir in den Kreis einsteigen, weder zu einem Ende des Wegs kommen können, noch, wenn wir unsere Schritte rückwärts verfolgen, zu einem Anfang. Bestenfalls können wir uns das vergegenwärtigen, was wir als Voraussetzung an den Anfang unserer Suche gesetzt haben.
Was das Problem der Begründung betrifft, schreibt Roth:
Das autopoietische System, das von unserer Kognition – in der wissenschaftlichen Beschreibung – produziert (beobachtet) wird, ist nicht ontologisch und erkenntnistheoretisch identisch mit demjenigen autopoietischen System (Organismus mit Gehirn), das die Ursache bzw. Grundlage unserer Kognition ist, denn dieses existiert in der uns völlig unzugänglichen Welt der “Dinge an sich” (was immer das heißen mag). (S.88)
Was einen scharfsinnigen Denker wie Roth zu der Behauptung führt, Maturana habe den Organismus mit seinem Gehirn in die ontische Realität verlegt, kann ich mir nicht erklären. Roth scheint hier den misslungenen Versuch einer “Begründung” des Maturanaschen Kognitionsbegriffs in der ontischen Realität zu finden, doch ein Versuch in dieser Richtung ist meines Erachtens ausgeschlossen, denn er lässt sich unmöglich mit dem autopoietischen Leitgedanken vereinbaren: Wenn alles Gesagte von einem Beobachter aufgrund seiner jeweiligen Unterscheidungen gesagt wird, dann gilt das nicht nur für spezielle Gebiete der Erlebenswelt, sondern für schlechthin Alles, was wir tun und denken.
Man kann in der Maturanaschen Weltanschauung weder nach einer außenliegenden ontologischen Begründung noch nach einem “absoluten” Anfang fragen. Beides wird innerhalb dieser Anschauung nicht nur sinnlos sondern auch überflüssig. “Begründung” im ontologischen Sinn, setzt voraus, dass man den Zugang zu einer vom Beobachter unabhängigen Welt für möglich hält. Diese Möglichkeit verneint Maturana nicht minder entschieden wie Roth es tut; und der von Roth vermisste “Anfang” würde einen obligaten Ausgangspunkt verlangen, d.h. einen nicht weiter zu begründenden “unbedingten Grundsatz,” auf dem das theoretische Gebäude sich dann rein logisch errichten liesse. In Maturanas Theorie wird aber ein derartig geradliniger Aufbau durch die bewusst zirkuläre Entwicklung der Schlüsselbegriffe ausgeschlossen.
Das Missverständnis mag daher kommen, dass Maturana -genau wie wir alle – sich in seinen Ausführungen einer Sprache bedienen muss, die in mehr als zweitausend Jahren einer naiv realistischen Weltanschauung geformt und geschliffen worden ist und deren Wort “Sein” in allen seinen Abwandlungen unwillkürlich auf eine angenommene ontische Realität deutet.
In seiner Schlussbemerkung zu dem zitierten kritischen Artikel erklärt Roth:
Wissenschaft hat nichts mit der objektiven Welt zu tun, denn diese ist unerkennbar. … “Wahrer” ist dasjenige, was höhere Konsistenz besitzt, natürlich stets in Hinblick auf selbstgenerierte Konsistenz-Kriterien (S. 94).
Sofern meine Auslegung von Maturanas Autopoietischer Theorie eine tragbare ist, lässt sich in ihr, so meine ich, keinerlei Inkonsistenz entdecken.
Von meinem Gesichtspunkt aus jedoch ist Konsistenz zwar ein notwendiges aber nicht ein hinreichendes Kriterium für die Einschätzung eines umfassenden philosophischen Systems. Leibnizens Monadologie, zum Beispiel, ließ nichts an Konsistenz zu wünschen übrig, hat sich aber trotzdem nicht als Weltanschauung bewährt. Letzten Endes wird der Wert von Maturanas Werk davon abhängen, ob der Erfolg, den seine Anwendungen in der Praxis unseres Erlebens zur Zeit zu haben scheinen, ein dauerhafter ist und – was für mich, zumindest “emotional” betrachtet, wohl das Wichtigste ist – ob die ethischen Ansätze, die er in letzter Zeit hervorgebracht hat, die Hoffnung erfüllen und dazu beitragen, dass auf unserem gefährdeten Planeten ein konsensueller Bereich geschaffen werden kann, der das Überleben einer menschlichen Kultur ermöglicht.
Acknowledgments
Ich danke Heinz von Foerster für hilfreiche Hinweise zur Übersetzung von Maturanas Privatsprache.
Endnotes
1
Ein Unterschied besteht darin, dass für mich mit der Aktivität des Unterscheidens die nicht minder wichtige Aktivität des Verbindens und Beziehens entsteht, die zum Konstruieren komplexer begrifflicher Strukturen führt. Dass alles Wissen mit dem Unterscheiden beginnt, hat sich freilich nicht nur der chinesische Philosoph im 4. vorchristlichen Jahrhundert ausgedacht, sondern in unserem Zeitalter auch George Spencer Brown (Siehe sein Laws of Form, London: Allen & Unwin, 1969).
2
Vgl. mein “Wissen ohne Erkenntnis,” in Gerhard Pasternak (Hrsg.), Philosophie und Wissenschaften: Das Problem des Apriorismus, Frankfurt/Bern: P.Lang, 1987.
3
Objektivität ist bei Maturana nicht als Gegenteil der “Subjektivität” eines einzelnen Individuums zu verstehen, sondern im Sinne der klassischen Philosophie, als Ausdruck der Forderung, die Welt so darzustellen, wie sie “an sich” ist, d.h. ohne Zutaten, Abzüge und Verzerrungen durch den Erkennenden.
4
Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als Ob. Berlin: Reuther & Reichard, 2. Auflage, 1913. In den “Vorbemerkungen zur Einführung” in sein geniales Werk wirft Vaihinger dem Pragmatismus vor, er sinke zuweilen zu einem “Utilitarismus schlimmster Art” ab (Seite XI), weil dieser als “wahr” betrachte, “was uns hilft, das Leben zu ertragen.” Einige 300 Seiten später jedoch schreibt er selbst: “… dass die heutige Kategorientafel nur das Produkt einer natürlichen Selektion und Anpassung ist,” wodurch die Darwinsche Evolutionstheorie unversehen in die ontische Welt geschoben und die “heutige Kategorientafel” (d.h. die Schlüsselbegriffe unserer Wirklichkeitsvorstellung) ein “utilitaristisches” Werkzeug des Ueberlebens wird.
5
Siehe Humberto Maturana, “Ontology of observing: The biological foundations of self-consciousness and the physical domain of existence.” Texts in Cybernetic Theory, American Society for Cybernetics, 1988; Seite 36.
6
Siehe Humberto Maturana, “Reality: The search for objectivity or the quest for a compelling argument.” The Irish Journal of Psychology, 1988, 9(1), Seite 26.
7
Carmen Luz Mendez, Fernando Coddou & Humberto Maturana, “The bringing forth of pathology,” The Irish Journal of Psychology, 1988, 9(1), 144–172.
8
Weitere Ausführungen über die Begriffsverwirrung, die aus dem englischen Wort representation erwächst, findet man in meinem “Preliminaries to any theory of representation,” in C. Janvier (Hrsg.), Problems of representation in the teaching and learning of mathematics, Hillsdale, New Jersey: Erlbaum, 1987. – Hier will ich nur erwähnen, dass es töricht wäre, aus diesem einen Beispiel schliessen zu wollen, dass die deutsche Sprache ausdrucksfähiger oder präziser sei. Ein Zusammenfallen verschiedener Begriffe gibt es ebenso in der entgegengesetzten Richtung (z.B. werden die beiden englischen Wörter to isolate und to insulate fast durchwegs mit dem einen deutschen Wort “isolieren” übersetzt, obgleich da im Englischen ein klarer begrifflicher Unterschied besteht.)
9
Humberto Maturana, “Reality: The search for objectivity or the quest for a compelling argument.” The Irish Journal of Psychology, 1988, 9(1), Seite 30.
10
Gerhard Roth, “Wissenschaftlicher Rationalismus und holistische Weltdeutung.” In Gerhard Pasternak (Hrsg.), Rationalität und Wissenschaft, (Band 6), Bremen: Zentrum Philosophische Grundlagen der Wissenschaften, 1988.
1933
Zitiert von Alan Watts in The Watercourse Way, Pantheon Books, New York, 1975, p. 52.
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