CEPA eprint 1421 (EVG-133)

Fiktion und Realität aus der Perspektive des radikalen Konstruktivismus

Glasersfeld E. von (1991) Fiktion und Realität aus der Perspektive des radikalen Konstruktivismus. In: Roetzer F. & Weibel P. (eds.) Strategien des Scheins. Klaus Boer, Munich: 161–175. Available at http://cepa.info/1421
Table of Contents
Realität und Wirklichkeit
Vicos konstruktivistisches Manifest
Konstruktivistische Definitionen
Was heißt “Konstruieren”?
Was heißt “Fiktion”?
Bewußte Fiktionen
Unbewußte Fiktionen
Ist unsere Wirklichkeit eine Fiktion?
Zusammenfassung
Bibliographie
Auf der Anreise zu dem Frankfurter Symposium, das diesem Buch zugrunde liegt, kam mir der Gedanke, daß die Veranstaltung sich vielleicht hauptsächlich mit Literatur beschäftigen werde und daß mein Beitrag, der eine Wissenstheorie darlegen sollte, darum aus dem Rahmen fallen würde. Schon bei den ersten Vorträgen wurde mir aber dann klar, daß mein Zweifel unbegründet war. In der Tat wurden da von fast allen Sprechern wissenstheoretische Grundlagen ausdrücklich erwähnt oder stillschweigend vorausgesetzt. Ein bißchen Epistemologie war also nicht unangebracht. Das führt aber nun zu einer anderen Schwierigkeit. Es ist praktisch unmöglich, eine unkonventionelle Denkweise in vierzig Minuten oder im Raume von einem Dutzend Seiten hinreichend zu erklären und einigermaßen plausibel zu machen. Darum bitte ich, zu bedenken, daß ich hier nur einige Bruchstücke der konstruktivistischen Stellungnahme darlegen kann, weil dann ja auch etwas zum eigentlichen Thema der Fiktionen gesagt werden soll.
Lassen sie mich vorerst mit Nachdruck sagen, daß ich diese unkonventionelle Art und Weise über Wissen zu denken, die ich Radikalen Konstruktivismus genannt habe, nicht als meine Erfindung betrachte. Es ist eine Denkweise, die ich mir in den letzten dreißig oder vierzig Jahren zurechtgelegt habe und die, wie Sie schnell sehen werden, aus Stücken besteht, die im Laufe weitschweifender und ganz eklektischer philosophischer Lektüre hier und dort aufgeklaubt und zu einem, wie ich hoffe, widerspruchslosen Modell zusammengefügt wurden.
Da im Konstruktivismus das Subjekt die zentrale Rolle des Konstrukteurs spielt, möchte ich zu Beginn eine Frage aufgreifen, die von Herrn Metzinger gestellt wurde. Wie kommt es dazu, fragte er, daß wir, obschon am Anfang alles Erlebens eine Trennung von Objekt und Subjekt nicht machbar ist, dann im Laufe unserer kognitiven Entwicklung den Begriff des Subjektiven aus dem objektiven Erleben entwickeln. Da kann ich nun meine Position zunächst dadurch charakterisieren, daß ich die Frage umkehre: Wie können wir aus der subjektiven Empfindung jemals zu “Objektivem” gelangen, wenn wir – was mir unbestreitbar scheint – uns schon gegen Ende des zweiten Lebensjahres, also sehr früh und mindestens ein Jahrzehnt bevor wir philosophische Gedanken formulieren, bewußt als locus unseres Erlebens empfinden?
Ein erster Ansatz des Selbstbegriffs entsteht meines Erachtens schon mit den ersten mehr oder weniger dauerhaften Unterscheidungen in der Erlebenswelt in jener Entwicklungsphase, die Piaget das Stadium der “sekundären zirkulären Reaktionen” genannt hat. Das läßt sich nicht nur bei kleinen Kindern beobachten. Wer Katzen im Haus hat, die des öfteren Junge bekommen, hat Gelegenheit, das sehr anschaulich zu erleben. Wenn die kleinen Kätzchen mit einander zu spielen anfangen, verbringen sie oft geraume Zeit damit, Schwänze zu jagen. Früher oder später fängt da ein Kätzchen unweigerlich seinen eigenen Schwanz, beißt zu, und gibt einen erschrockenen Quiekser von sich. So lernt es, daß es unter all den Schwänzen einen besonderen – nämlich den eigenen – gibt, mit dem man vorsichtiger umgehen muß, als mit allen anderen. Damit ist eine Grundlage für den Selbstbegriff geschaffen, auf der man dann, im Lauf der weiteren kognitiven Entwicklung die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt aufbauen kann. Wie weit dieser Aufbau bei Katzen durchgeführt wird, weiß ich freilich nicht. Das spielt hier auch keine Rolle. Das, worauf es mir ankommt, ist dies: Die Unterscheidung zwischen Beißen mit und Beißen ohne darauffolgendem Schmerz ist eine Unterscheidung die innerhalb der Erlebenswelt des Kätzchens gemacht wird und keinen Exkurs in eine vom Erleben unabhängige ontische Welt benötigt. Beim zeitgenössischen Abendländer jedoch führt der Aufbau des Selbstbegriffs fast ausnahmslos zu der vom konstruktivistischen Gesichtspunkt aus unzulässigen Unterscheidung zwischen der subjektiv erlebten und einer vom Erlebenden unabhängigen objektiven Welt. Diese Unterscheidung ist unzulässig, weil – um es noch einmal am Beispiel der Kätzchen zu erläutern – die Schwänze der Geschwister ja um kein Haar weniger als der eigene, Teile der subjektiven Erlebenswelt sind; das heißt es sind Dinge, die man nirgendwo anders als in dieser einzigen zugänglichen Welt des eigenen Erlebens isolieren kann.
Für mich ergibt sich daraus eine grundlegende Feststellung. Sofern man das Wort “objektiv” im herkömmlichen Sinn versteht (also als vom Beobachter oder Erlebenden unabhängig), kann es für den radikalen Konstruktivismus nichts geben, worauf man das Wort sinnvoll anwenden könnte. Meine Antwort auf die Frage, wie man vom Subjektiven zum ontologisch Objektiven kommen kann, lautet darum: Vom Standpunkt des Konstruktivismus aus gesehen, auf keine Weise.
Realität und Wirklichkeit
In dieser Hinsicht bietet die deutsche Sprache einen Vorteil im Vergleich zum Englischen. Sie stellt einem zwei Wörter zur Verfügung, dank derer man den unnahbaren ontologischen Bereich, den die Abendländische Philosophie stets zu “erkennen” hoffte, als Realität bezeichnet, während man von der Erlebenswelt, zu der allein man durch Wahrnehmen und Handeln tatsächlich Zugang hat, getrost als Wirklichkeit sprechen kann.[Note 1] Damit hat man die Möglichkeit, allen herkömmlichen Realismus, sei er materialistisch oder metaphysisch, zu vermeiden.
Genauer gesagt: Ich verstehe unter “Wirklichkeit” ein Netzwerk von Begriffen, die sich in der bisherigen Erfahrung des Erlebenden als angemessen, brauchbar oder “viabel” erwiesen haben, und zwar dadurch, daß sie wiederholt zur erfolgreichen Überwindung von Hindernissen oder zur begrifflichen “Assimilation” von Erfahrungskomplexen gedient haben.
“Realität” hingegen ist in der konstruktivistischen Perspektive eine Fiktion und zudem eine gefährliche, denn sie wird von Rednern und Autoren zumeist dazu benützt, dem, was sie behaupten, den Anschein absoluter Gültigkeit zu verleihen (vgl. Maturana, 1988).
Schon unter den Vorsokratikern waren einige, die ganz klar sahen, daß es eine derartige absolute Gültigkeit oder “Wahrheit” des menschlichen Wissens nicht geben kann, denn, um sie nachzuweisen, müßte man in der Lage sein, dieses Wissen mit der Realität zu vergleichen. Da wir unsere Vorstellungen jedoch stets nur mit Vorstellungen vergleichen können, gibt es für uns keine Möglichkeit herauszufinden, ob unsere Vorstellungen “Dinge” repräsentieren, die in einer realen Welt “existieren,” geschweige denn, ob sie diese “wahrheitsgetreu” wiedergeben.
Die Skeptiker haben diese logisch unanfechtbare Einsicht im Laufe von zwei Jahrtausenden untermauert und verfeinert; und schließlich hat Kantdie Angelegenheit besiegelt, indem er postulierte, daß die Begriffe Raum und Zeit zur menschlichen Vorstellungsapparatur gehören und nicht zur Welt. Nimmt man Kants Postulat als Arbeitshypothese an, dann hat das eine Konsequenz, die in den Schulbüchern nicht erwähnt wird. Wenn Raum und Zeit tatsächlich unsere Zutaten zur Erlebenswelt sind, dann können wir uns von einer Realität, die jenseits des Erlebens liegen soll, überhaupt keine Vorstellung machen, denn alle unsere Vorstellungen sind notgedrungen im Raum, in der Zeit, oder in beiden. Daraus folgt eine weitere Überlegung, die mir nicht weniger wichtig erscheint. Wenn Raum und Zeit nur unserer Erlebenswelt angehören, dann haben wir keine Ahnung, was Wörter wie “Existenz” und “existieren” außerhalb dieser Welt bedeuten sollen; denn wenn wir sagen, daß etwas “existiert,” dann meinen wir doch, daß es in Raum und Zeit Koordinaten hat, und wo es solche Koordinaten nicht gibt, verliert die Behauptung ihren Sinn. Macht man sich diese Anschauung einmal zu eigen, dann kommt man gar nicht mehr in die Versuchung, über die ontologische Realität irgendwelche Aussagen zu machen.
Obschon einige Denker schon sehr früh den Vorschlag machten, menschliches Wissen von der unmöglichen repräsentativen Verpflichtung zu befreien, wollten die meisten Philosophen den herkömmlichen Begriff der Erkenntnis doch nicht aufgeben. Das führte zu der paradoxen Situation, daß die Schulphilosophie, zumindest seit Leibniz und Descartes, die Unanfechtbarkeit der skeptischen Argumente zugibt, andererseits aber nach wie vor einen Weg sucht, der zur wahrheitsgetreuen Erkenntnis der Realität führen soll.
Ebenso wie die Schulphilosophen hielten aber auch die Skeptiker an den üblichen Begriffen von Wissen und Erkenntnis fest und beschränkten sich auf die Feststellung, daß “wahres” Wissen eben ausgeschlossen sei. Das brachte ihnen nicht ohne Berechtigung den Ruf ein, nichts als spielverderberischen Pessimismus zu vertreiben. Von dieser durchwegs negativen Einstellung setzt der Konstruktivismus sich ab, indem er einen neuen Wissensbegriff einführt.
Der Konstruktivismus schlägt vor, das Wort “Erkenntnis” und alle Ambitionen, die damit verknüpft sind, aufzugeben und an Stelle der Erkenntnislehre eine Wissenstheorie zu entwickeln, die ein annehmbares Modell unserer Fähigkeit liefert, das Wissen aufzubauen, das wir in unserer Erfahrungswelt ja mit einigem Erfolg verwenden. Dieser Vorschlag geht mindestens bis auf den Anfang des 17. Jahrhunderts zurück, als weise Männer (Osiander und Bellarmino) den revolutionären Wissenschaftlern Kopernikus (posthum) und Galileo (vor dem Prozeß) nahelegten, sie sollten ihre Theorien als brauchbare Arbeitshypothesen zum Vorhersagen von Situationen und Ereignissen in der Erfahrungswelt betrachten, nicht aber als objektive Beschreibung jener “realen” Welt, von der Gott allein Kenntnis haben könnte. Der Vorschlag war ein Versuch, die Unantastbarkeit der religiösen Überlieferung zu retten. Galileo (wie die meisten Wissenschaftler bis auf die Begründer der Quantenmechanik in unserem Jahrhundert) wollte es sich aber nicht nehmen lassen, daß seine Theorie die Realität beschrieb. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts kommt ein Philosoph darauf, Wissen vom Realitätsanspruch zu trenne, und zwar nicht aus religiösen sondern aus rein epistemologischen Gründen.
Vicos konstruktivistisches Manifest
Der Neapolitaner Philosoph Giambattista Vicowar der erste, der bewußt eine konstruktivistische Wissenstheorie entwarf. Der Mensch, sagte er, könne nur wissen, was er selber aufbaut, Gott hingegen könne die Welt erkennen, wie sie ist, da er selbst sie geschaffen hat. Damit wird der Mensch der hoffnungslosen Pflicht enthoben, das Unerreichbare zu erreichen und sich eine vernünftige Vorstellung von einer Welt zu machen, zu der seine Vernunft keinen Zugang hat. Von dieser Welt des Seins, meinte Vico, hätten nur Dichter zuweilen eine Ahnung, oder Seher, die Mythen erfinden, aber was sie dann in symbolischer Sprache ausdrücken, stammt nicht aus der Ratio, sondern aus der poetischen Intuition (Vico, 1858).
Damit ist einer der Grundsätze des Konstruktivismus festgelegt: Was auch immer diese Denkweise hervorbringt, es will und kann nicht vorgeben, die Beschreibung oder Repräsentation einer ontologischen Realität zu sein. Das ist eine radikale Abkehr von der herkömmlichen Erkenntnislehre, denn das Wort “erkennen,” das für sie programmatisch ist, setzt ja voraus, daß es, ganz unabhängig vom Erlebenden, Dinge, Beziehungen, Vorgänge, usw., gibt, die “erkannt” werden können.
Diese Umstellung bringt freilich die Frage mit sich, ob zwischen dem vom Menschen konstruierten Wissen und der “ontischen” Welt Gottes überhaupt eine Verbindung besteht. Wird diese Frage verneint, dann landet man im Solipsismus. Vico war nun keineswegs ein Solipsist. Er sah den Bezug der erlebten auf die ontische Welt ähnlich wie bei Berkeley durch die Allgegenwärtigkeit Gottes hergestellt – eine Lösung, die in der Wissenschaft wenig Anklang fand.
Es dauerte fast zweihundert Jahre, bis unser Wissen durch einen neuen Begriff in ein handgreiflicheres Verhältnis zur ontischen Realität gebracht werden konnte. Dieser Begriff war der des Passens, wie er in der Darwinschen Evolutionstheorie entwickelt worden war.
Da der Begriff der evolutionären Anpassung aber immer noch vielerseits mißverstanden wird, muß man darauf aufmerksam machen, daß das “Passen” da immer nur in einer Richtung gilt. Es ist nie ein Angleichen an die Umwelt, sondern lediglich ein “Durchkommen.” Eine räumliche Metapher mag das klar machen: Eine Erbse “paßt” ebenso gut in einen Fingerhut, wie sie in einen Tunnel paßt. Anders ausgedrückt: Es gibt Durchkommen oder Steckenbleiben, aber “zu klein” gibt es nicht. Wenn wir von einem Schuh sagen, er passe uns, so meinen wir, daß er weder zu klein noch zu groß ist. Ein Organismus jedoch ist seiner Umwelt “angepaßt,” wenn er die Eigenschaften und Fähigkeiten hat, in dieser Umwelt zu überleben und sich fortzupflanzen – wieviel Spielraum ihm da bleibt, ist vom Gesichtspunkt der Entwicklungstheorie belanglos.
Im kognitiven Bereich sprechen wir deshalb von Viabilität, und was Begriffe, Theorien und Vorstellungsmodelle viabel macht, ist ganz einfach die Feststellung, daß sie sich in Bezug auf die jeweils relevanten Ziele bewähren. Aus der Perspektive der traditionellen Philosophie betrachtet, ist das der verachtete Instrumentalismus, der sich um die Jahrhundertwende unter dem Namen “Pragmatismus” verbreitet hat. Mit der Bezeichnung bin ich einverstanden, mit der Verachtung aber nicht. Der Instrumentalismus, der unserer Wissenstheorie zugrunde liegt, ist nämlich nicht auf die materiell utilitaristische Ebene beschränkt. Ein wichtigeres Ziel als sensomotorischer Nutzen ist das kognitive oder begriffliche Äquilibrium des denkenden Subjekts. Und da das denkende Subjekt seine Erlebenswelt mit anderen denkenden Subjekten bevölkert, hat sein begriffliches Äquilibrium notgedrungen eine soziale Komponente. Darauf möchte ich am Schluß zurückkommen.
Diese beiden Aspekte des Konstruktivismus hat niemand besser zusammengefaßt als Jean Piaget, der in seinem Werk ja unzählige Male erklärt hat, daß unser Wissen nie als Kopie oder Abbild der ontischen Welt betrachtet werden kann, da es ja ausschließlich aus der Praxis unseres Handelns und den Operationen unseres Denkens erwachsen kann. “Die Intelligenz, “ sagte er, “organisiert die Welt, indem sie sich selbst organisiert” (Piaget, 1937; S. 311).
Konstruktivistische Definitionen
Da wir das, was das Wort “Realität” bezeichnen soll, für einen Wunschtraum der Philosophen halten, sprechen wir nur von Wirklichkeit und meinen damit das Netzwerk von Begriffen und Beziehungen (Relationen), die sich in unserer bisherigen Erfahrung mehr oder weniger bewährt haben. Diese Wirklichkeit wird “induktiv” aufgebaut (konstruiert) und ist schlechthin die Welt, in der wir leben oder, kurz gesagt, unsere Erfahrungswelt.
Was wir “Erfahrung” nennen, hat verschiedene Ebenen. Da sind zunächst die Elemente des Sensoriums, deren Totalität Kant so schön “das Mannigfaltige” genannt hat. Dann ist da alles, was jeweils kategorisiert, d.h. mit Hilfe von Begriffen assimiliert worden ist – Dinge, Situationen, Vorgänge, Beziehungen, usw. Dazu kommt, was von dieser Grundebene abstrahiert und erfolgreich angewandt wurde. Somit auch alles Gedachte, das sich bewährt hat, sowie, im Zusammenhang mit Problemen, die noch nicht gelöst sind, was sich da nicht bewährt hat, d.h. also auch unsere mißlungenen Versuche. Offensichtlich liegt was wir Erfahrung nennen immer in der Vergangenheit. Der Wert des Wissens, das wir aufgrund von Erfahrung konstruieren, steht und fällt also mit der Annahme, daß die Welt, in der wir morgen leben werden, von der gestrigen nicht allzu verschieden sein wird (vgl. Hume, 1750; Essay 3, Part 2).
Da im Laufe dieses Symposiums einige Male auf die empirischen Wissenschaften verwiesen wurde, möchte auch ich einen empirischen Grund erwähnen, warum mir ontologische Behauptungen untragbar erscheinen. Vor mehr als zwanzig Jahren hat Heinz von Foerster durch rein empirische Versuche klargestellt, daß die Signale, die zum Beispiel aus der Netzhaut des Auges in den Kortex kommen, in keiner Weise von Signalen zu unterscheiden sind, die von den Fingerspitzen, von der Zunge oder aus den Ohren kommen. Da stellt sich nun die Frage, wie das Subjekt dazu kommt, Sinnesarten zu unterscheiden und eine Welt zu erleben, in der Sehen und Hören, Tasten und Riechen als separate Aspekte erscheinen. Weil die Form der Signale im Prinzip bei allen Sinnesorganen die gleiche ist, sprach von Foerster von “undifferenzierter Kodierung” (1973; S.38) und schloß, daß eine Unterscheidung nicht aufgrund einzelner Signal, sondern nur aufgrund der Leitungen gemacht werden könne, aus der die Signale kommen. Wenn wir das annehmen – und es gibt meines Wissens bis heute keine andere Erklärung – dann muß die Trennung der Sinnesarten vom wahrnehmenden Subjekt aus den Signalfolgen in den einzelnen Leitungen und den möglichen Koordinationen von Signalen aus verschiedenen Leitungen aufgebaut werden. Das scheint mir ein gutes empirisches Argument dafür zu sein, daß die Wirklichkeit, die wir uns konstruieren, unmöglich als Repräsentation einer unabhängigen “objektiven” Welt betrachtet werden kann.
Damit komme ich nun zu der Wirklichkeit, in der wir leben, und zu der Frage, wie wir sie konstruieren. Ich habe bereits erwähnt, daß dieser Aufbau induktiv vor sich geht. Das soll nicht mehr und nicht weniger heißen, als daß wir Versuche machen und dann die Handlungsweisen, die Begriffe und die Vorstellungen beibehalten, die funktioniert haben. Um das als Erklärung zu betrachten, muß man angeben, was das Wort “funktionieren” bedeutet. Angesichts der wissenschaftlichen Tradition ist das eine etwas heikle Angelegenheit, denn von meinem Gesichtspunkt aus kann ich nur dann von Funktion sprechen, wenn ich eine Zielvorstellung habe. Etwas funktioniert, wenn es das tut, was es tun soll. Solche Zielvorstellungen kommen nicht von ungefähr. Sie setzen voraus, daß da gewisse Werte im Spiel sind – und das ist eine Voraussetzung, die von der Wissenschaft bisher peinlichst vermieden wurde. Der Konstruktivismus setzt sich auch hier von der Überlieferung ab, indem er es als selbstverständlich betrachtet, daß jeder lebende Organismus gewisse Vorlieben hat. Damit soll jedoch nicht mehr gesagt sein, als daß er gewisse Situationen anderen vorzieht. (Selbst die Ratte in der Skinner box zieht Fressen dem Hungern vor; weswegen Behavioristen ja stets mit unterernährten Ratten arbeiten.)
Ebenso setzen wir voraus, daß kognitive Organismen aus der Erfahrung lernen können und, soweit es sich um menschliche Organismen handelt, zudem eine Fähigkeit des Reflektierens haben, die es ihnen ermöglicht, sich nicht nur das Gelernte, sondern auch das, was es zu lernen gilt, vorzustellen. Diese beiden Voraussetzungen schließen nun zwei Elemente ein, die im höchsten Grad mysteriös sind; Gedächtnis und Bewußtsein. Da wir heute noch keinerlei erklärendes Modell für diese unerläßlichen Elemente haben, tun zeitgenössische Bewegungen wie etwa der Konnektionismus, so, als könne man Lernen und andere kognitive Fähigkeiten auch ohne diese Elemente befriedigend erklären. Der Konstruktivismus tut da nicht mit. In unserem täglichen Leben können wir uns ständig vergewissern, daß wir Gedächtnis und Bewußtsein benützen, auch wenn wir keine Ahnung haben, welcherart die Mechanismen sind, die uns diese Fähigkeiten ermöglichen.[Note 2] Im konstruktivistischen Denken werden die beiden noch unerklärten Elemente nicht einfach ausgeklammert, sondern gewissermaßen eingeklammert benützt, denn obgleich wir nicht wissen, wie sie funktionieren, wissen wir doch einiges darüber, was sie tun.
Was heißt “Konstruieren”?
Die Art und Weise, wie die kognitive Konstruktion vor sich geht, habe ich im Grossen und Ganzen von Piaget übernommen und anderwärts ausführlich beschrieben (siehe Glasersfeld, 1987a, 1990). Hier möchte ich nur einige Punkte ganz kurz erwähnen:
1. Das Ziel aller Konstruktion ist, wie Piaget unermüdlich erklärte, nicht eine Kopie oder Repräsentation ontologischer Sachverhalte, sondern die Erreichung und Erhaltung eines inneren Gleichgewichts (Äquilibration).
2. Der Aufbau von Wissen ist zunächst induktiv und fußt auf Koordination, erfolgreicher Wiederholung und Abstraktion von sensomotorischen Erfahrungselementen (“figuratives” Wissen).
3. Die reflektive Abstraktion von figurativen Elementen, insbesondere von Handlungen, führt zu abstrakten Invarianten, “operativem” Wissen, z.B. Zahlen, Funktionsbegriffe, Regeln, logische Verbindungen, erklärende Fiktionen wie etwa die Schwerkraft, und schließlich zu zusammenhängenden bewußten Begriffsnetzen wie “Gesellschaft,” “Geschichte,” “Physik,” usw.
4. Die Anwendung des Wissens beruht darauf, daß das kognitive Subjekt den Fluß der elementaren Erfahrung aufgrund der vorhandenen Begriffe segmentiert und, solange das in befriedigender Weise funktioniert, an seine Begriffe “assimiliert” und dank dieser Begriffe zu einer kohärenten Wirklichkeit koordiniert.
5. Wo die Assimilation fehlgeht, das heißt, wo das Ergebnis der Erwartung nicht entspricht, werden Handlungen oder Begriffe abgeändert (Akkommodation), was, sofern es erfolgreich ist, zur Erweiterung des Wissens führt.
6. Ein weiterer wichtiger Punkt, der hier nicht behandelt wurde, betrifft Kommunikation und Sprache. Ich verweise da auf andere Arbeiten (z.B. Glasersfeld, 1987a) und erwähne nur, daß die Bedeutung von Wörtern und Texten ja stets auch von jedem interpretierenden Subjekt nur aufgrund der eigenen Erlebenswelt aufgebaut und darum in keiner Weise als “objektiv” hingestellt werden kann.
Was heißt “Fiktion”?
Trotz der Kürze und Unvollständigkeit dieser Einführung, ist es wohl klar, daß man als radikaler Konstruktivist nicht nur die Welt, in der man lebt, sondern auch die Vorstellung von sich selbst als Fiktion bezeichnen könnte. Das Wort “Fiktion” hätte aber dann nur im Bezug auf die Voraussetzung einer zugänglichen Erkenntnis der ontischen Realität einen Sinn. Da der Konstruktivist diese Voraussetzung für logisch unhaltbar hält, zieht er es vor, in diesem Zusammenhang von Relativität zu sprechen, und weist damit auf den Umstand hin, daß seine Wirklichkeit immer von den jeweiligen Konstruktionsbedingungen abhängig ist.[Note 3]
Wer die fromme Hoffnung aufgibt, die Welt zu erkennen, wie sie jenseits der menschlichen Erfahrung sein mag, muß wohl oder übel lernen, sich damit abzufinden, daß sein Weltbild nur aufgrund eigener Begriffe und Erfahrungsweisen aufgebaut werden kann und darum nie die Berechtigung hat, einen “objektiven” oder absoluten Charakter zu beanspruchen. Das heißt aber nun keineswegs, daß man innerhalb dieses selbstgebauten Weltbilds nicht von “Objektivem” und “Fiktivem” sprechen könnte.[Note 4] Es heißt nur, daß, wenn der Begriff der Wahrheit (im Sinne der Übereinstimmung mit einer ontischen Welt) durch den Begriff der “Viabilität” ersetzt wird, der Begriff der Fiktion innerhalb des Erfahrungsbereichs definiert werden muß.
Schon im 18.Jahrhundert hat Jeremy Bentham eine Theorie der Fiktionen entwickelt (siehe Ogden, 1959), die dann Hans Vaihinger als Ausgangspunkt zu seiner “Philosophie des Als Ob” (1986) diente. Während Bentham seine Analysen von der Sprache her vornimmt, sucht Vaihinger Aufbau und Funktion der Fiktionen auf der Begriffsebene, der die Sprache lediglich als symbolischer Ausdruck dient. Beide Autoren sind meiner Ansicht nach grundlegend für jede Diskussion von Fiktionen, denn sie liefern Analysen, die so feinmaschig und umfassend sind, daß sich kaum etwas hinzufügen läßt. Um die Resultate dieser Analysen wiederzugeben, bräuchte man jedoch ein ganzes Buch, denn kurze Zusammenfassungen können da nur Unrecht tun. Hingegen kann man auch auf der Basis des naiven Erlebens einiges anführen, was zur Unterscheidung einiger Fiktionstypen verwendet werden kann. Dabei möchte ich aber betonen, daß die Liste, die ich hier zusammenstelle, keineswegs vollständig sein will und auch was die Einteilung betrifft nur als erster Versuch gelten soll.
Bewußte Fiktionen
(a) Begriffe und Begriffsnetze, die man ohne Rücksicht auf wirkliche Möglichkeit konstruiert und deren Viabilität in der Erfahrungswelt man nicht zu prüfen plant (z.B. fliegende Teppiche, unsterbliche Lebewesen, absolut unfehlbare Vorhersagen.)
(b) Idealbegriffe, d.h. Begriffe, für die man in der Wirklichkeit keine Vertreter zu finden hofft, die man aber trotz ihrer Unerreichbarkeit als Wegweiser für bestimmte Konstruktionen verwendet (z.B. vollkommene geometrische Figuren, ewige Liebe),
(c) Erklärungspostulate, d.h. Begriffe, die so beschaffen sind, daß man in der Erfahrungswelt nie sie selbst sondern nur die für sie vorgesehenen Wirkungen finden kann (z.B. Energie, Schwerkraft, gewisse Geisteskrankheiten).
(d) Hypothesen, d.h. Begriffsverbindungen und Verkettungen, die eine Situation oder einen Vorgang erklären sollen, aber noch in keiner Weise durch tatsächliche Erfahrungen bestätigt worden sind. (Werden sie geprüft und erweisen sie sich als viabel, so verlieren sie den fiktiven Charakter.)
(e) Lügen, d.h. Konstrukte, die mit Absicht von aus der Erfahrung abgeleiteten Konstrukten abweichen, weil der Urheber glaubt, durch sie seinem Ziel näher zu kommen oder einen Vorteil zu gewinnen.
(f) Scheingebilde: Absichtliche, dinghafte Konstrukte, deren wahrnehmbare Struktur andere Beobachter zu einer Kategorisierungoder Klassifizierung führt, die sich im Lauf weiterer Erfahrung als unhaltbar herausstellt. Es gibt sie in den verschiedensten Formen und sie dienen den verschiedensten Zwecken, von der Unterhaltung bis zum Betrug (Seifenäpfel, Trompe l’oeil Gemälde, Fälschungen, Attrappen aller Art).
(g) Spielzeuge sind oft Scheingebilde, die aber so beschaffen sind, daß sie nur mit offensichtlichen Einschränkungen als das kategorisiert werden können, was sie vorspiegeln.
(h) Spiel: Das Wort ist so vieldeutig, daß es sich nicht in einem kurzen Absatz erschöpfen läßt. Andererseits ist es in einigen seiner Bedeutungen so eng mit dem Begriff der Fiktion verknüpft, daß ich es nicht auslassen will.
In vielen Zusammenhängen führt es in den Bereich der Vorspiegelung von Dingen und Verhältnissen, doch ist diese Vorspiegelung ohne böse Absicht, weil es dazugehört, daß die Anderen auch wissen, daß das, was man sagt und macht, nicht ernst gemeint ist. Ceccatohat vor vielen Jahren gesagt, Spiel sei eine Tätigkeit, die Vergnügen bereitet, nicht als Endergebnis, sondern während man sie ausführt.5 (Es ist klar, daß Berufsfußball und Schachweltmeisterschaften mit Spiel nicht mehr viel zu tun haben.)
Unbewußte Fiktionen
(a) Illusionen der Wahrnehmung sind im Augenblick des Erlebens nicht von Wirklichkeit zu unterscheiden (Maturana, 1982, S.255; 1990, S.14–15). Sie werden als “Illusion” betrachtet, wenn sie andere Wahrnehmungen, die normalerweise (d.h. in der gewohnten Wirklichkeit) mit ihnen verbunden sind, nicht mit sich bringen. Diese anderen Wahrnehmungen sind meistens in einer anderen Sinnesart, können aber auch anschließende Wahrnehmungen der gleichen Art sein (z.B. der im Wasser gebrochen aussehende Stock, die Müller-Leyer Figur und andere Ungereimtheiten).
Diese Illusionen werden “objektiv” genannt, weil sie auch von anderen Beobachtern wahrgenommen werden.
(b) Virtuelle Bilder/Wahrnehmungen Unterscheiden sich von den Wahrnehmungsillusionen nur dadurch, daß sie an die räumliche Position des Wahrnehmenden gebunden sind (z.B. Spiegelbilder und Regenbogen).
(c) Illusion im übertragenen Sinn: Vorstellungen, die von anderen Personen nicht geteilt und als mit der Wirklichkeit unvereinbar betrachtet werden.
Ist unsere Wirklichkeit eine Fiktion?
Die Wirklichkeit kann man nur als Fiktion betrachten, wenn man sie zu einer ontischen Welt in Beziehung setzt. Da in der konstruktivistischen Perspektive aber jede Beschreibung oder Repräsentation einer ontischen Welt, die nicht als Märchen sondern als Realität hingestellt wird, aus rein logischen Gründen eine unzulässige Fiktion ist, während die Erfahrungswelt, die wir uns konstruieren, das Einzige ist, zu dem wir Zugang haben, wäre es unsinnig, diese Wirklichkeit nicht als wirklich zu betrachten. Insofern unsere Konstruktion sich als viabel erweist, müssen wir uns auf sie verlassen – ebenso wie wir uns auf die Regeln des Schachspiels verlassen müssen, wenn wir Schach spielen wollen.
Zusammenfassung
Ich möchte zum Schluß einige Punkte der konstruktivistischen Wissenstheorie hervorheben, die für mich zu den wichtigsten zählen. Wie ich hier kurz dargelegt habe, ist
Wissen ist in dieser Sicht nicht eine Repräsentation ontologischer Wahrheit, sondern dient dem Äquilibrium des kognitiven Subjekts. Dieses Äquilibrium hat zwei Stufen. Die erste ist diebiologische Viabilität im Sinne des Überlebens. Ein Organismus, der imstande ist, mit den Anforderungen und Hindernissen, denen er in seiner Umwelt begegnet, fertig zu werden, ist im biologisch/physischen Sinn äquilibriert. Die zweite Stufe umfaßt das begriffliche Gleichgewicht im kognitiven Bereich. Geistiges Äquilibrium wäre der Zustand, in dem man die eigenen Begriffe und Vorstellungen mit der Erlebenswelt harmonisch verbunden fühlt. Dieser Zustand ist freilich ein “Ideal” im oben definierten Sinn; d.h. ein Zielpunkt, der sich mit dem fortlaufenden Erleben verschiebt und darum nie endgültig erreicht werden kann. Es ist der Zustand, den die echten Alchimisten zu erreichen suchten, ebenso wie die echten Philosophen und die besinnlicheren unter den Wissenschaftlern.
Seitdem die Wissenschaft sich mit Haut und Haar der Technologie vermietet hat, sind die auf geistige Harmonie ausgerichteten Wissenschaftler selten geworden. Und bei den Philosophen sieht es gegenwärtig nicht viel besser aus, denn sie stecken fast alle noch tief in dem hoffnungslosen Dogma, das sie verpflichtet, nach wie vor Erkenntnis der ontischen Welt zu suchen. Solange man “Wahrheiten” zu finden glaubt, die objektiv sind, weil sie eine vom Subjekt unabhängige Welt widerspiegeln, fühlt man sich für sie höchstens als Entdecker verantwortlich. So kommt es dazu, daß die Suche nach “objektiver” Wahrheit als höchstes Ziel gesetzt und es als eine Art Frevel betrachtet wird, wenn einer bemerkt, daß mancher “Fund” der da gemacht wird, das Gleichgewicht unserer Erlebenswelt eher stört als fördert.
Für den radikalen Konstruktivismus liegt das anders. Da ist man letzten Endes für alles verantwortlich, was man in der physischen wie in der Begrifflichen Welt konstruiert, denn die Bausteine dieser Konstrukte sind stets eben jene Begriffe und Beziehungen, die man aus der eigenen Erlebenswelt abstrahiert hat. Da die Viabilität der Bausteine, der Beziehungen, mit denen man sie verbindet, und schließlich der konstruierten Begriffsnetze sich aber in einer Erlebenswelt erweisen muß, in der man nicht ohne andere konstruierende Wesen auskommt, wird die Verantwortung, die man für die eigenen Konstrukte trägt, eine soziale Verantwortung. Dieser Aspekt widerlegt nicht nur den Einwand des Solipsismus, der gegen den Konstruktivismus erhoben wird, sondern führt – erstaunlicherweise – auch zu dem ethischen Grundsatz, den Kant als “kategorischen Imperativ” auf verschiedene Weisen formulierte. In einer seiner Formulierungen betonte Kant, daß menschliche Wesen nie nur als Mittel sondern stets auch als Zweck betrachtet werden sollen.[Note 6] Das heißt, die Autonomie der Anderen muß respektiert werden.
Im konstruktivistischen Modell sind “die Anderen” nun eben das, was es dem kognitiven Subjekt ermöglicht, eine höhere, intersubjektive Wirklichkeit aufzubauen. Am deutlichsten kommt das durch folgende Überlegung heraus: In meiner Erfahrungswelt komme ich nicht zurecht, wenn ich unter meinen Konstrukten nicht auch Wesen konstruiere, die ähnlich wie ich wahrnehmen, sich spontan bewegen und Ziele verfolgen. Ich nenne diese Konstrukte “Tiere” – und unter ihnen gibt es solche (Mitmenschen), denen ich mehr oder weniger die gleichen Fähigkeiten zuschreibe, wie mir selbst. Will ich nun das Verhalten dieser “Anderen” vorhersagen – was im Hinblick auf mein Äquilibrium nicht nur vorteilhaft, sondern oft schlechthin notwendig ist, dann muß ich mir die Gedankengänge ausmalen, die ihr Verhalten bestimmen. Das kann ich freilich nur aufgrund meiner eigenen Erfahrung tun. Bestätigen sich dann meine Vorhersagen, so bin ich berechtigt, zu schließen, daß die Anderen eine der meinen ähnliche Wirklichkeit konstruiert und aus ihr ähnliche Konsequenzen gezogen haben wie ich. Damit gewinnt die von mir konstruierte Wirklichkeit, wenn nicht “Objektivität,” so doch eine gewisse intersubjektive Geltung, d.h. sie erreicht eine höhere Stufe der Viabilität. Da es mir offensichtlich wichtig ist, die Viabilität meiner Konstrukte zu verbreitern, muß ich mir sagen, daß ich “die Anderen” brauche, um die höchste Stufe des Wirklichen zu erreichen.
Für den Konstruktivisten ist das nicht ein Gebot der Ethik, sondern der Epistemologie. Doch da es klar ist, daß die Anderen diesen Dienst nur erweisen können, insofern ich sie als autonome Wesen konstruiert habe, liefert diese Überlegung gleichzeitig eine Basis, auf der dann eine Ethik aufgebaut werden kann.
Das ist meines Erachtens mehr, als alle anderen rationalen Versuche, eine Ethik zu begründen fertiggebracht haben. Wie der Aufbau einer Ethik dann aussehen mag, kann ich nicht sagen, denn da bin ich ganz der Meinung Heinz von Foersters, der jüngst erklärt hat, daß alle Ethik sich verflüchtigt, wenn das “Ich soll” in ein “Du sollst” übersetzt wird (Foerster, 1990; S.111). Damit will nicht gesagt sein, daß Ethik etwa eine Fiktion ist. Ganz im Gegenteil, in der konstruktivistischen Perspektive ist das Subjekt grundsätzlich für seine gesamte Wirklichkeit in eben diesem spezifischen Sinn zuständig and verantwortlich.
Bibliographie
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Glasersfeld E. von (1987b) Siegener Gespräche über radikalen Konstruktivismus. In: S. J. Schmidt (Hg.) Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus (S. 401–440) Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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Maturana H. R. (1990) Gespräch mit Humberto R. Maturana. In: V. Riegas & C. Vetter (Hg.) Zur Biologie der Kognition (S. 111–115) Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Ogden C. K. (1959) Bentham’s theory of fictions. Paterson N. J: Littlefield, Adams & Co.
Piaget J. (1937) La construction du réel chez l’enfant. Neuchâtel: Delachaux et Niestlé.
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Stadler M. & Kruse P. (1990) Über Wirklichkeitskriterien. In: V. Riegas & C. Vetter (Hg.) Zur Biologie der Kognition (S. 133–158) Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Vaihinger H. (1986) Die Philosophie des Als Ob. Berlin: Reuther & Reichard (1913) 2. Auflage. (Nachdruck der 10. Auflage, Scientia Verlag Aalen.)
Vico G.-B. (1858) De antiquissima Italorum sapientia (1710) Neapel: Stamperia de’Classici Latini.
Endnotes
1
Diese Trennung der Begriffe wurde von Stadler & Kruse (1986) empfohlen.
2
Unsere Rechner haben heute zwar unerhört geräumige Speicher, die zuweilen als “Gedächtnis” bezeichnet werden, doch ist das meines Erachtens metaphorisch zu verstehen, denn obschon wir kein brauchbares Modell unseres natürlichen Gedächtnisses kennen, wissen wir nur zu gut, daß es nicht wie Tonband, Videoplatte oder elektronischer Speicher funktioniert.
3
Hier, wie in vielen anderen Beziehungen, fällt der radikale Konstruktivismus mit Hans Vaihingers “Philosophie des Als Ob” (1911) zusammen; er setzt sich jedoch von Vaihinger dort ab, wo jener der biologischen Entwicklungsgeschichte ontologischen Charakter verleiht.
4
Wie “Objektivität” im konstruktivistischen Modell definiert werden kann, habe ich anderwärts vorgeschlagen (Glasersfeld, 1989)
5
Silvio Ceccato, der in den Fünfzigerjahren das Mailänder Kybernetikzentrum gründete, ist der Begründer der operationalen Begriffsanalyse.
6
Akademieausgabe, Bd.IV, S.429

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