CEPA eprint 1422 (EVG-134)

Abschied von der Objektivität

Glasersfeld E. von (1991) Abschied von der Objektivität. In: Watzlawick P. & Krieg P. (eds.) Das Auge des Betrachters. Piper, Munich: 17–30. Available at http://cepa.info/1422
Veränderungen der Umwelt, Gesellschaftlicher Wandel und Umbruch der Begriffe, die einer Weltanschauung zugrunde liegen, erscheinen der Generation, die sie miterlebt, wohl immer weiterreichend und folgenschwerer als alle Revolutionen der früheren Weltgeschichte. Ideen, die wir selber umbauen mussten, haben uns viel mehr Anstrengung gekostet als die, die uns schon umgebaut überliefert wurden. Dennoch möchte ich sagen, dass sich in den acht Jahrzehnten, die Heinz von Foerster im Herbst 1991 durchlebt haben wird, mehr verschoben hat, als je zuvor. Das gilt vor allem für die Perspektive, aus der ein Denker die Erlebenswelt betrachten muss, und für das Gedankengut, das schlechthin Erkenntnis genannt wird. Das soll nicht heißen, dass Einzelne nicht schon in früheren Zeiten versucht hätten, in die Richtung vorzudringen, die sich nun durchzusetzen beginnt, doch das Moment der Tradition hat sie stets überrannt und ihre Versuche blieben Kuriosa am Rande der Ideengeschichte.
Der Umbruch, der in unserem Jahrhundert in Schwung gekommen ist, geht tiefer als der Kopernikanische, der den Menschen aus seiner erträumten Vorrangstellung im Mittelpunkt des Universums vertrieb. Nach Kopernikus konnten wir uns immer noch als “Krönung der Schöpfung” betrachten und den Glauben nähren, dass wir als einzige fähig seien, die Beschaffenheit der Schöpfung zumindest in großen Zügen zu erkennen. Das Zwanzigste Jahrhundert hat diesen Glauben illusorisch gemacht. Was immer wir unter “Erkenntnis” verstehen wollen, es kann nicht mehr die Abbildung oder Repräsentation einer vom Erlebenden unabhängigen Welt sein. Heinz von Foerster hat das mit beispielhafter Prägnanz gesagt: “Objektivität ist die Illusion, dass Beobachtungen ohne einen Beobachter gemacht werden könnten.”
Das ist mehr als ein bon mot. Wie so manche andere virtuosen Formulierungen, mit denen Heinz von Foerster die Entwicklung der Kybernetik gesteuert hat, ist auch diese nicht nur ein wirkungsvolles Schlagwort sondern auch Ausdruck einer Konsequenz, die sich im Lauf der letzten hundert Jahre aus von einander mehr oder weniger unabhängigen wissenschaftlichen “Durchbrüchen” ergeben hat, aber bis heute nur Wenigen in ihrer ganzen Tragweite bewusst geworden ist.
Auf Deutsch sprechen wir oft von “Erkenntnis” und von “Erkenntnistheorie” und neigen dazu, das Wort so zu verstehen, als handle es sich da um das Erfassen von etwas, das schon vor dem Akt des Erkennens vorhanden ist, fast als wäre es ein Entdecken. Sofern wir es so verstehen, rutschen wir unweigerlich in eine Form des naiven Realismus, der in dem Glauben besteht, wir könnten Dinge “erkennen,” so wie sie an sich sind, als hätte eben jene Tätigkeit des Erkennens keinen Einfluss auf die Beschaffenheit des Erkannten.
Wer einmal eingesehen hat, dass Wahrnehmungen und Beobachtungen nicht einfach als vorgeformte Schneeflocken in ein passives Subjekt hineinschneien, sondern das Ergebnis einer Tätigkeit sind, die von einem aktiven Subjekt ausgeführt wird, muss sich die Frage stellen, wie diese Tätigkeiten vor sich gehen. Dass das handelnde Subjekt und die Eigenart seiner Vernunft bei diesem Handeln maßgebend sind, ist freilich keine neue Entdeckung. Schon Protagoras im 5. vorchristlichen Jahrhundert erklärte, der Mensch sei das Maß aller Dinge (und bestimme), dass sie sind und wie sie sind.[Note 1] Sokrates, hingegen, vertritt in Platons Dialog “Theätet” die Ansicht, dass die Wahrnehmung etwas Wahrnehmbares voraussetze.[Note 2] Der Hauptstrom der Abendländischen Philosophie hat das fast durchwegs im realistischen Sinn ausgelegt und darauf bestanden, dass das Produkt von Wahrnehmen und Beobachten stets Abbilder oder Repräsentationen von Dingen sein müsse, die, unabhängig vom menschlichen Subjekt, bereits an und für sich “existieren.” Dennoch hat der Gesichtspunkt des Protagoras im Laufe der Geschichte immer wieder überzeugte Vertreter gefunden.
Wenn ich hier einige der Eigenwilligen erwähne, die mit der konventionellen realistischen Auffassung, sei es in der Philosophie, sei es im täglichen Leben, nicht einverstanden waren, so will ich damit keineswegs zeigen, dass der gegenwärtige Umbruch im Grunde alte Ideen aufwärmt und gar nichts Neues darstellt. Das wäre meiner Ansicht nach eine falsche Auslegung. Mir liegt im Gegenteil daran, zu belegen, dass der relativistische Gesichtspunkt, der zur Zeit der Vorsokratiker teils intuitiv, teils auf Grund einer noch nicht formalisierten Logik erfunden wurde, im Lauf der letzten hundert Jahre aus dem Bereich der Wissenschaft unvorhergesehene “empirische” Argumente zur Bestätigung erhalten hat.
Obschon die Ideengeschichte sich sicher nie als ordentliche, lineare Folge abgespielt hat, kann man im Rückblick doch gewisse Einzelheiten isolieren, die sich im Nachhinein als Entwicklung darstellen lassen. Zur Zeit des Protagoras hatte Xenophanes längst festgestellt, dass, selbst wenn es einem Menschen gelänge, sich die Welt so vorzustellen, wie sie ist, dieser Mensch die Übereinstimmung doch nicht erkennen könnte.[Note 3] Diese Paradoxie plagt alle, die annehmen möchten, dass Erkenntnis eine vom Erlebenden unabhängige Welt widerspiegeln kann. George Berkeley hat das vielleicht am klarsten ausgedrückt, als er sagte, wir könnten Ideen nur mit Ideen vergleichen, nicht aber mit dem, was die Ideen repräsentieren sollen.[Note 4] Diese Feststellung wurde zum Hauptargument der Skeptiker und ist heute ebenso unwiderlegbar wie sie damals war, es sei denn, man nimmt eine mystische Fähigkeit an, die es dem Subjekt ermöglicht, auf einem der Vernunft unzugänglichen Wege Erkenntnis zu gewinnen.
Die Skeptiker haben sich fast durchwegs in dieser unantastbaren Stellung verschanzt und damit begnügt, zu wiederholen, dass sicheres Wissen von der Welt unmöglich sei. Eben durch diese hartnäckige Verneinung haben sie unentwegt dazu beigetragen, dass man den Begriff des Wissens selbst nicht angezweifelt hat. Überdies hat man sich freilich zu allen Zeiten auf gewisse Sorten von Wissen verlassen. Jeder, sei er Realist oder Skeptiker, zieht aus Erfahrungen brauchbare Schlüsse und lernt im täglichen Leben vieles, das anzuzweifeln, man sich aus praktischen Gründen nicht leisten kann. Wenn man nun bedenkt, dass solches Wissen nicht als Fertigware von der Außenwelt importiert werden kann, muss man annehmen, dass es die Vernunft ist, die es konstruiert. Diese Annahme wirft aber unweigerlich die Frage auf, wie die Vernunft es fertigbringt, Brauchbares zu produzieren. Das ist das Thema, zu dem ich hier einige Bemerkungen gesammelt habe.
Der Irische Mystiker John Scotus Eriugena (810-877 A.D.) hat das bereits in ein paar Zeilen ausgedrückt, die heute als Motto des Radikalen Konstruktivismus dienen könnten:
Denn eben wie der weise Künstler seine Kunst von sich und in sich hervorbringt und in ihr die Dinge vorhersieht, die er schaffen wird, ... so bringt der Intellekt von sich und in sich seine Vernunft hervor, in welcher er all die Dinge vorausahnt und vorbestimmt, die er zu machen wünscht. [Note 5]
Ich weiß nicht, ob Vico und Kant den Eriugena gelesen hatten. Es ist unwahrscheinlich – eines seiner Werke stand auf dem Index – und es ist belanglos, denn die beiden Philosophen, die beinahe ein Jahrtausend später lebten, konnten durch ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ähnlichen Stellungnahmen gelangen.
Vico fasste den Gedanken der kognitiven Selbstorganisation in dem Grundsatz zusammen, dass Gott wohl die Welt (er)kennen könne, da er sie erschaffen hat, der Mensch aber nur das, was er selber macht.[Note 6] Schon Vico bemerkte, dass, wenn wir von “Fakten” sprechen, wir uns zumindest unbewusst auf etwas berufen, das gemacht worden ist, denn das Wort factum stammt ja von dem lateinischen Zeitwort facere ab. (Obgleich Vico das nicht erwähnt, liefert da erstaunlicherweise das deutsche Wort “Tatsache” eine Analogie, denn auch es enthält die Wurzel des Tuns.)
Für Vico sind die Dinge, mit denen wir unsere Erlebenswelt möblieren, von uns selbst konstruiert, und er leitet diese Ansicht von der Behauptung ab, der Mensch baue seine Welt auf den Begriffen des Punktes und der Einheit auf, indem er aus Punkten Formen und aus Einheiten Zahlen mache.[Note 7] All das sei das Werk der menschlichen Vorstellung. Und die menschliche Wissenschaft, schlägt er vor, “sei nichts anderes als das Bemühen, Dinge mit einander in schöne Beziehungen zu bringen.” Da er sich in seinem Text wiederholt auf die Mathematik beruft, die er scientia operatrix nennt, scheint es mir ganz gerechtfertigt, die “Schönheit” der Beziehungen so zu verstehen, wie Mathematiker es tun, nämlich als Glätte, Einfachheit und Eleganz.
Die Ableitung dieser Behauptungen ist bei Vico allerdings nur mehr oder weniger sprunghaft angedeutet. Erst bei Kant, der die Analyse der Vernunft als Hauptanliegen betrachtete, wird der Begriff der Erkenntnis dann logisch von jenem des Entdeckens einer vorgeformten Realität getrennt. In der Vorrede zur zweiten Auflage der Kritik schreibt er:
... dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, dass sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen mäße; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachten Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf.[Note 8]
Am Anfang des 2. Abschnitts der Kritik führt er das dann in einer Art und Weise aus, die einen Großteil des modernen Konstruktivismus vorwegnimmt:
Allein die Verbindung (conjunctio)... kann niemals durch Sinne in uns kommen, ... denn sie ist ein Aktus der Spontaneität der Vorstellungskraft, und, da man diese, zum Unterschied von der Sinnlichkeit, Verstand nennen muss, so ist alle Verbindung, wir mögen uns ihrer bewusst werden oder nicht, ... eine Verstandeshandlung...
und dann fügt er noch hinzu, dass er diese Verstandeshandlung “Synthese” nennt, um darauf aufmerksam zu machen,
dass wir uns nichts, als im Objekt verbunden, vorstellen können, ohne es vorher selbst verbunden zu haben, und unter allen Vorstellungen die Verbindung die einzige ist, die nicht durch Objekte gegeben, sondern nur vom Subjekt selbst verrichtet werden kann, weil sie ein Aktus der Selbsttätigkeit ist. [Note 9]
Zwei Punkte sind da von großer Wichtigkeit. Erstens, wenn Kant von “Verbindung (conjunctio)” spricht so ist da alles Verbinden inbegriffen, das unser Denken bewerkstelligen kann. Das heißt, Verbinden schließt nicht nur das Zusammensetzen von Objekten aus einzelnen sensorischen Eigenschaften ein, sondern auch das Verketten von bereits zusammengesetzten Objekten, das Wahrnehmen oder Sichvorstellen von räumlichen Anordnungen oder zeitlichen Folgen und das “Beziehen” eines Erlebnisses auf ein anderes. Kurz es umfasst jede Form des Verbindens, mit dessen Hilfe unser Denken Begriffe und Begriffsnetze aufbaut. Somit ist alles, was wir aufgrund einer Analyse als zusammengesetzt betrachten und dem wir “Struktur” zuschreiben können, Produkt der uns eigenen und für uns charakteristischen Vorstellungsfähigkeit.
Die zweite Ausführung, die da zu machen ist, betrifft ein Wort in dem angeführten Kantzitat, das außerordentlich irreführend ist. Kant sagt da, Verbindung sei die einzige Vorstellung, die nicht durch Objekte gegeben werden kann. Diese Formulierung hat oberflächliche Leser verleitet, dem Objekt und dann dem “Ding an sich” Eigenschaften und eine Form von Existenz zuzuschreiben, die es für Kant niemals haben konnte.
Kant sagt ja ausdrücklich, dass wir uns nichts im Objekt verbunden vorstellen können, wenn wir es nicht vorher selbst verbunden haben. Das Objekt, insofern es aus mehr als einer Sinneswahrnehmung besteht, ist von unserem Vorstellungsakt zusammengesetzt worden, und darf darum in keiner Weise als vorgeformt gedacht werden. Damit wird das “Ding an sich” ein Konstrukt, das erst in die ontische Welt, das heißt in die “Realität,” die wir jenseits unserer Erlebenswelt vermuten, projiziert werden kann, wenn wir es mit Hilfe unserer Verbindungsbegriffe konstruiert haben.
Diese kantische Einsicht ist unter anderem ganz besonders relevant, wenn man bei Piaget liest “l’objet se laisse faire” (das Objekt lässt mit sich tun), denn auch in der genetischen Epistemologie ist die Grundannnahme, dass das Kind Objekte begrifflich konstruieren muss, bevor es bewusst etwas mit ihnen tun kann.[Note 10]
Während die Schulphilosophie sich auch weiterhin bemühte, wenn nicht ein Gängelband, so doch die notwendige Angleichung der Erkenntnis an die vom Erlebenden unabhängige, ontische Welt zu belegen, haben einige der größten Wissenschaftler diesen Ehrgeiz als unangebracht aufgegeben. Hermann von Helmholtz, zum Beispiel, der in seinen vielseitigen wissenschaftlichen Untersuchungen Kants Denkweise als die einzige angemessene betrachtete, hat hundert Jahre später (1881) die Frage der Naturgesetze und ihrer Objektivität auf Grund seiner eigenen Praxis beantwortet: “Das Kausalitätsprinzip ist in der Tat nichts anderes als die Voraussetzung der Gesetzmäßigkeit alles Naturgeschehens.”[Note 11] Und in seinem Nachlass fand sich die Ausführung:
Im Vergleich zu anderen Hypothesen, die einzelne Naturgesetze betreffen, bildet das Kausalgesetz nur in folgenden Beziehungen eine Ausnahme: 1. Es ist die Voraussetzung für die Gültigkeit aller anderen. 2. Es gibt uns die einzige Möglichkeit, etwas zu erfassen, das noch nicht beobachtet worden ist. 3. Es ist die notwendige Basis für zielstrebiges Verhalten. 4. Die natürliche Mechanik unserer Vorstellungsverbindungen führt uns dahin. So treiben uns die stärksten Motive, zu wünschen, dass das Kausalgesetz richtig sei; es ist die Grundlage alles Denkens und Verhaltens.[Note 12]
Diese vier Punkte sind eine bündige Zusammenfassung von Gedanken, die David Hume im 18. Jahrhundert in seiner Enquiry concerning human understanding veröffentlichte und die Kant, wie er selbst sagte, aus seinem dogmatischen Schlummer weckten. Viele Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts schlummerten ungestört weiter. Helmholtz hingegen hat es mit dem Aufwachen ernst genommen. In seiner Ansprache “Die Tatsachen in der Wahrnehmung”[Note 13] übernimmt er von Kant nicht nur die Auffassung, dass die Eigenart unserer Sinnesorgane die Qualität unserer Wahrnehmungen bestimme, sondern auch die folgenschwerere Idee, dass Raum und Zeit, statt als Gegebenheit der objektiven Welt, als unvermeidliches Begriffsgerüst unserer Vernunft betrachtet werden müssen.
Nimmt man diese Idee an, so bringt sie eine radikale Verschiebung des Wissensbegriffs mit sich, nicht nur im Sinne des allgemeinen, praktischen Wissens, sondern auch in allem, was wir als wissenschaftlich und somit als besonders verlässlich betrachten. Wenn Zeit und Raum Koordinaten oder Ordnungsprinzipien unseres Erlebens sind, dann können wir uns Dinge jenseits der Erlebenswelt überhaupt nicht vorstellen, denn Form, Struktur, Ablauf von Vorgängen und Anordnung irgend welcher Art sind ohne dieses Koordinatensystem im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar. Was wir Wissen nennen, kann demnach unmöglich Abbild oder Repräsentation einer vom Erleben unberührten “Realität” sein. Die Suche nach Wissen, das nur dann im herkömmlichen Sinn “wahr” sein kann, wenn es wahrheitsgetreu mit “an sich” existierenden Objekten übereinstimmt, ist dann illusorisch.
In dieser Sicht jedoch verliert Wissen keineswegs seine fundamentale Wichtigkeit. Seine Bedeutung und sein Wert sind nun allerdings andere. Nicht auf die Übereinstimmung mit einer unergründlichen Realität kommt es an, sondern auf den Dienst, den das Wissen uns leistet. Maturana sagt, “Wissen heißt angemessen handeln können.”[Note 14] Dazu füge ich den komplementären Satz: “Wissen heißt begreifen können,” denn das Denken ist für uns zuweilen wichtiger als das Handeln. In beiden Sparten sind wir aktiv bemüht, aus Elementen eine Folge aufzubauen, die es uns erlaubt Gleichgewicht wiederzugewinnen oder zu erhalten. Im ersten Fall besteht die Folge aus sensomotorischen Elementen, im zweiten aus Begriffen (und da Begriffe meistens irgendwo im Sensomotorischen verankert sind, erleben wir die beiden Sparten fast immer miteinander vermischt).
In der Kybernetik hat das Wort “Modell” eine besondere Bedeutung. Während es in der Alltagssprache zumeist entweder ein Vorbild bezeichnet, nach dem etwas gebaut werden soll, oder ein in irgend einer Dimension verändertes Abbild von etwas anderem, ist das Modell in der Kybernetik oft ein Konstrukt, von dem man hofft, es könne zumindest annähernd die Funktion eines Gegenstandes ausüben, dessen dynamische Struktur man nicht direkt untersuchen oder nachbauen kann. Das ist nun genau der Sinn, den wir brauchen, wenn wir sagen wollen, dass begriffliches Wissen aus Modellen besteht, die es uns erlauben, uns in der Erlebenswelt zu orientieren, Situationen vorherzusehen, und Erlebnisse zuweilen sogar zu bestimmen.
Aus diesem Ansatz ergibt sich nun die der herkömmlichen Erkenntnislehre widersprechende Feststellung, dass die Rolle des Wissen nicht darin besteht, objektive Realität widerzuspiegeln, sondern darin, uns zu befähigen, in unserer Erlebenswelt zu handeln und Ziele zu erreichen. Daher rührt der vom radikalen Konstruktivismus geprägte Grundsatz, dass Wissen passen aber nicht übereinstimmen muss.
Auf den ersten Blick mag es scheinen, dass diese Verschiebung des Wissensbegriffs wohl hier und dort eine Umstellung unseres Denkens erfordert, im großen und ganzen aber das gewohnte Weltbild nicht allzu sehr verändert. Man könnte meinen, dass zum Beispiel eine Theorie, von der man sagen kann, dass sie in die objektive Welt passt, zwar nicht ein genaues Abbild sein muss, aber doch, eben da sie passt, die Struktur dieser Welt in gewissem Sinn widerspiegelt. Das ist nun aber ein Trugschluss, denn das Urteil, dass eine Theorie passt, beruht in der Praxis einzig und allein darauf, dass sie bisher nicht gescheitert ist.[Note 15] Der Trugschluss erscheint aber plausibel, solange man nur die theoretische Verkettung als kognitive Konstruktion betrachtet, während man aber weiterhin stillschweigend glaubt, dass die Elemente, aus denen sie zusammensetzt wurde, der objektiven Welt angepasst sein müssten. Dass das keineswegs so sein muss, hat jedoch schon Kant gesehen und gesagt, nämlich in dem ersten Satz des oben angeführten Zitats: “Dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt.”
Vom konstruktivistischen Gesichtspunkt aus ist Anpassung nie eine Angleichung, sondern die Entwicklung von Strukturen, sei es des Handelns oder des Denkens, die in der Erlebenswelt den erwarteten Dienst tun. Und die Erlebenswelt ist immer und ausschließlich eine Welt, die wir aus Begriffen aufbauen, die wir selbst “nach dem Entwurf unserer Vernunft” hervorbringen.
Für Wissenschaft und Wissenschaftsphilosophie bedeutet der konstruktivistische Gesichtspunkt eine drastische Umstellung, die kaum jemals ernstlich erwogen worden wäre, hätte die Wissenschaft selbst nicht Perspektiven eröffnet, und Tatsachen hervorgebracht, die mit der herkömmlichen Erkenntnistheorie nicht mehr vereinbar waren.
Dass Relativitätstheorie und Quantenmechanik zu Widersprüchen mit der Suche nach objektiver Erkenntnis geführt haben, ist schon in den Dreißigerjahren von einigen Physikern sehr deutlich gesagt worden, doch es hat lange gedauert, bis diese Einsicht das allgemeine Weltbild zu beeinflussen begann. So schrieb Gotthard Günther 1958 in seinem eine virtuose Übersicht bietenden Aufsatz “Die gebrochene Realität”:
Die moderne Philosophie hat bisher kaum Anstalten gemacht, sich über die einfach ungeheuerlichen Konsequenzen der gegenwärtigen wissenschaftlichen Situation genaue Rechenschaft zu geben. [Note 16]
Diese Trägheit in der Aufnahme und Verarbeitung neuer wissenschaftlicher Befunde ist nicht nur in der Philosophie zu beklagen. Ein respektables und durchaus lebendiges Fachgebiet der Psychologie ist die Wahrnehmungsforschung. Dieses Fachgebiet wurde seinerseits in einzelne Sparten aufgeteilt, die sich jeweils mit einer Sinnesart befassen. Die Erforschung des visuellen Erlebnisbereichs kümmert sich selten, wenn überhaupt, um die Forschung im auditiven Bereich. So hat zum Beispiel die Psychologie des Hörens eine ansehnliche Literatur über ein Phänomen hervorgebracht hat, das als Cocktail Party Effekt bezeichnet wurde, während die Psychologie des Sehens es zwar vermerkt aber nie eingehend studiert hat. Um diesen Effekt zu erleben, braucht man kein Laboratorium. Man produziert ihn selbst, wenn man, etwa wie der Name andeutet, auf einer Cocktailparty einer langweiligen Erzählung zuhören soll, während hinter einem eine Konversation im Gang ist, die einen viel mehr interessiert. Da kann man sich der Tatsache gewahr werden, dass man den Hauptteil der eigenen Aufmerksamkeit nach hinten richtet und dem Langweiler, der von vorn auf einen einredet, nur jenes Minimum widmet, das ausreicht, um von Zeit zu Zeit in einer seiner Pausen einen höflichen Laut von sich zu geben. Was den Psychologen an dieser Situation frappiert, ist, dass der Zuhörer offensichtlich seine Aufmerksamkeit im Feld des Hörsinns von einem “Reiz” auf einen anderen leiten kann, ohne dass sich diese Reize in irgend einer Weise veränderten. Das widerspricht der naiven Reiztheorie, der nach die Wahrnehmung ja von Umweltbedingungen gesteuert wird. Das gleiche gilt, wie ich anderwärts ausführlich belegt habe, [Note 17] auch für das Gesichtsfeld. Es ist da nicht so auffallend, weil wir normalerweise den Blick immer gleich dorthin richten wo wir etwas sehen wollen. Doch mit etwas Geduld kann man sich vergewissern, dass man sehr gut imstande ist, die Aufmerksamkeit zum Beispiel auf die Zimmertür am Rande des Blickfelds zu richten, ohne die Augen von dem Buch, das man vor sich hält, abzuwenden.
Es ist also nicht nur, wie Kant aufgrund logischer Erwägungen sagte, das Verbinden eine Tätigkeit der Vorstellungskraft ist, sondern auch die Sinneswahrnehmung selbst erweist sich aufgrund empirischer Feststellungen als vom Subjekt gesteuert.
Eine viel schlagkräftigere Bestätigung jedoch findet die Selbstorganisation der Wahrnehmung in einer Feststellung, die Heinz von Foerster schon vor vielen Jahren gemacht und in seinem “Prinzip der undifferenzierten Codierung” formuliert hat:
Die Reaktion einer Nervenzelle meldet nicht den physischen Charakter der Dinge, die die Reaktion verursacht haben. Gemeldet wird nur “wie viel” an dieser Stelle meines Körpers, aber nicht “was.” [Note 18]
Ebenso wie die autonome Bewegung der Aufmerksamkeit im Gesichtsfeld, ist meines Wissens auch von Foersters Prinzip noch in keinem Schulbuch der Wahrnehmungslehre erwähnt worden. Das ist aus mehreren Gründen bedauerlich, doch hier will ich nur den erwähnen, der für epistemologische Betrachtungen von zentraler Wichtigkeit ist. Ein heutiges Modell der Kognition darf sich meiner Ansicht nach nicht auf Vorstellungen gründen, die von der Wissenschaft bereits als unhaltbar erwiesen sind.
Auch in der spezialisierten Forschung besteht eine der Hauptaufgaben darin, die Modelle, die zur “Erklärung” unterschiedlicher Phänomene aufgebaut werden, mit einander vereinbar zu machen. Das ist der Grund, weswegen Physiker seit Jahren schlaflose Nächte verbringen, um eine Theorie zu formulieren, die die begrifflichen Widersprüche zwischen Wellenvorstellung und Korpuskularvorstellung in der Behandlung von Licht und Materie überwindet. Der Bohrsche Vorschlag, derartige Widersprüche dadurch zu entgiften, dass man die unvereinbaren Vorstellungen als “komplementär” betrachtet, ist ein raffinierter Kunstgriff, der sich aber, epistemologisch betrachtet, als Eingeständnis entpuppt, dass die menschliche Vernunft sich von der Beschaffenheit der ontischen Welt keine kohärente Vorstellung machen kann. Für die praktische Arbeit der Physiker, die sich mit Experimenten, das heißt, mit eingeschränktem, kontrolliertem Erleben befasst, ist das nicht von erschütternder Bedeutung. Es wäre zwar begrifflich einfacher und ökonomischer, in allen Experimenten mit denselben Vorstellungen arbeiten zu können, doch für die Konstruktion einzelner Modelle, die in genau abgegrenzten Situationsbereichen verwendet werden sollen, ist das nicht unbedingt notwendig. (Solange ich nur Probleme lösen muss, die sich aus der Feldarbeit auf meiner Farm ergeben, darf ich getrost annehmen, dass die Erde eine mehr oder weniger flache Platte ist.)
Für Wissenschaftsphilosophen hingegen sind Begriffliche Widersprüche zwischen Forschungsdisziplinen stets etwas beunruhigend. Wenn es sich nun um einen Befund handelt wie jenen, den Heinz von Foerster in dem erwähnten Prinzip zusammengefasst hat, möchte man einen Aufruhr erwarten, denn dieser Befund demoliert sozusagen die Grundlage, auf der alle realistischen Erkenntnistheorien fußen müssen. Die Annahme, dass unsere Sinne uns irgend etwas Objektives aus der ontischen Welt übermitteln könnten, wird hinfällig, wenn es zutrifft, dass die Signale unseres Wahrnehmungsapparats nicht einmal Gesehenes von Gehörtem oder Ertastetem unterscheiden.
Meines Wissens hat dieses wissenschaftliche Ergebnis noch nicht das geringste Echo hervorgerufen. Selbst wenn man eines Tages draufkommen sollte, dass die Meldungen des Gesichtsinns doch einen neurophysiologischen Unterschied von jenen des Gerhör- und des Tastsinns aufweisen, der nicht allein, wie von Foerster sagte, auf der topographischen Quelle innerhalb des Wahrnehmenden Organismus beruht, müssten alle, die von Repräsentation der Außenwelt oder objektiver Erkenntnis sprechen wollen, zunächst ein Modell entwickeln, das erklärt, wie “Objektivität” unter diesen Umständen bewahrt oder hervorgebracht werden könnte.
Vom konstruktivistischen Gesichtspunkt aus, ist die Undifferenziertheit der Codierung im Nervensystem eine willkommene Bestätigung der Annahme, dass alle Kenntnis in der Erlebenswelt konstruiert werden muss, sich ausschließlich auf eben diese Erlebenswelt bezieht, und keinerlei ontologische Ansprüche auf Objektivität erheben kann. Andererseits möchte ich wie schon so oft betonen, dass empirische Bestätigungen weder in der Wissenschaft noch in der konstruktivistischen Wissenstheorie nie als Beweis hingestellt werden dürfen, denn hier wie dort konstruiert man Modelle, die sich in der erlebten Gegenwart und den selbstgewählten Situationen als erfolgreich zu erweisen haben.
Angesichts der herkömmlichen Philosophie, die sich stets um zeitlose, vom denkenden Subjekt unabhängige “Wahrheiten” bemüht hat, ist es wohl nötig, zum Schluss noch einmal mit Nachdruck zu sagen, dass der radikale Konstruktivismus nichts anderes sein will und kann, als eine Art und Weise über die einzige Welt zu denken, zu der wir Zugang haben, und das ist die Welt der Phänomene, die wir erleben. Darum ist auch die Praxis unseres Lebens der Zusammenhang, in dem dieses Denken sich bewähren muss.
Endnotes
1
Hermann Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker. Hamburg: Rowohlt, 1957; S.122.
2
Plato, Theaetetus, 160.
3
Hermann Diels, op.cit., S.20.
4
George Berkeley, A treatise concerning the principles of human knowledge, I, §8.
5
Periphyseon, Bd.2, 577a-b. Zitiert in Dermot Moran, “Nature, Man and God in the Philosophy of John Scottus Eriugena”; in Richard Kearney (Hrg.), The Irish Mind, Dublin: Wolfhound Press, 1985.
6
Giambattista Vico, De antiquissima Italorum sapientia (1710), Neapel: Stamperia de’Classici Latini, 1858.
7
Loc.cit., Cap.1, [1]Downloaded from http://cepa.info/1422 on 2016-09-20 · Publication curated by Alexander Riegler