CEPA eprint 1441 (EVG-153)

Nicht bekehrt, aber geläutert. Book Review: Nüse, Groeben, Freitag & Schreier, Über die Erfindung/en des Radikalen Konstruktivismus

Glasersfeld E. von (1993) Nicht bekehrt, aber geläutert. Book Review: Nüse, Groeben, Freitag & Schreier, Über die Erfindung/en des Radikalen Konstruktivismus. Soziologische Revue 16(3): pp. 288–290. Available at http://cepa.info/1441
Buchbesprechung: R. Nüse, N. Groeben, B. Freitag und M. Schreier, Über die Erfindung/en des Radikalen Konstruktivismus: Kritische Gegenargumente aus psychologischer Sicht. Weinheim: Deutscher Studienverlag, 1991; vii + 360 Seiten; Literaturverzeichnis, Autoren- u. Sachregister.
In ihrer Vorbemerkung schreiben Nüse, Groeben, Freitag und Schreier (im Folgenden kurz NGFS), ihre Abhandlung gehe “zunächst einmal von der Rezeption und Verbreitung des Radikalen Konstruktivismus durch die Siegener NIKOL-Gruppe aus, bezieht aber selbstverständlich die Autoren der ersten Generation ebenfalls im notwendigen Umfang mit ein” (S.v).
Da ich als Vertreter der “ersten Generation” erwähnt und an mehr als 30 Textstellen zitiert werde, möchte ich vorausschicken, daß meine Bemerkungen hier kaum als unparteiische Rezension aufzufassen sind. Es kann auch nicht um eine Diskussion der einzelnen “kritischen Gegenargumente” gehen, denn NGFS nehmen so ziemlich alle Facetten des Radikalen Konstruktivismus (kurz RK) aufs Korn. Hingegen will ich versuchen, zu erklären, warum dieses Buch vor allem für gegenwärtige und zukünftige Vertreter des RK von Interesse sein sollte.
NGFS beginnen ihre Vorbemerkung (S.v) mit der Feststellung:
Wenn man mit dem Radikalen Konstruktivismus der Überzeugung ist, daß wir die Welt “draußen” (außerhalb des Gehirns) nur – wie H. Foerster sagt – ”erfinden, nicht entdecken” können, dann weist die Landkarte unserer Erkenntnis nicht nur weiße Flecken auf, sondern stellt schlicht und einfach eine weiße Fläche dar. Wenn man allerdings dieses Schwarz-Weiß-Denken sowohl für unnötig als auch für unbegründet hält, dann... ja, dann wird man versuchen, erstens aufzuzeigen “daß die radikal-konstruktivistische These von der “Erfindung der Welt” sowohl wahrnehmungs- als auch wissenschaftstheoretisch unhaltbar ist...,” und zweitens nachzuweisen, “daß man etwas in der Welt entdecken kann” (S.17).
In dieser Stellungnahme sind die vier Autoren nicht allein. Ich begegne ihr auf jeder Konferenz und häufig auch in Workshops. Sobald erwähnt wird, daß die menschliche Vernunft in der Denkweise des RK keinen Zugang zu einer vom Erlebenden unabhängigen Realität hat, sind manche Beteiligte zunächst so schockiert, daß sie unwillkürlich nach einer Widerlegung suchen. Auch bei NGFS ist das erste Ziel, die Unhaltbarkeit des RK aufzuzeigen, und sie verfolgen es mit so viel Gewissenhaftigkeit und Ausdauer, daß das zweite verdrängt wird. Freilich wäre es auch gelinde gesagt erstaunlich, wenn hier tatsächlich erwiesen würde, daß man auf rationalem Weg doch etwas über die ontische Realität herausfinden kann. Damit wäre ja ein Beweis erbracht, der meines Wissens in der abendländischen Philosophie bisher noch keinem gelungen ist. NGFS erklären zum Schluß:
Der fehlende Zugang zur Wirklichkeit (bei geschlossenen Systemen) erzwingt keineswegs das Aufgeben des Wahrheitsbegriffs, und zwar weder auf Alltagsebene, noch auf metatheoretisch-methodologischer oder erkenntnistheoretisch-metaphysischer Ebene.... Vielmehr geht es um eine Kombination von theoretischen Schlüssen, Prognosen und Erfahrungen (im Sinne von Beobachtungen) nach den schon angesprochenen berechtigenden und stützenden Kriterien; durch diese Kombination läßt sich das Postulat der Geschlossenheit von Systemen durchaus mit der Idee der Wahrheitsannäherung verbinden. (S.333)
Die “berechtigenden und stützenden Kriterien,” die im 8. Kapitel (S.194ff.) erklärt werden, finden ihre Berechtigungen und Stützen allesamt in der Erfahrungswelt des Beobachters oder Wissenschaftlers und bringen darum den Wahrheitssucher um kein Haar näher an jene “Wahrheit,” die eine ontische Welt widerspiegelt, die unabhängig von Wahrnehmungs- und Begriffsoperationen existieren soll. Die Kriterien, die von NGFS angegeben werden, sind ohne Weiters mit jenen vereinbar, die im RK der Bestätigung oder Widerlegung der Viabilität von Theorien und Konstrukten jeder Art dient.
Man kann also meines Erachtens sagen, daß das zweite Ziel des Unternehmens nicht erreicht wird. Das macht jedoch die kritischen Ausführungen in Richtung auf das erste Ziel zumindest für Konstruktivisten der radikalen Sorte nicht weniger lehrreich. Da werden buchstäblich Hunderte von Zitaten der sechs Hauptschuldigen (H. v. Foerster, H. Maturana, G. Roth, G. Rusch, S. Schmidt und mir) angeführt, die NGFS als Ansatzpunkte dienen. Einmal ums andere werden Textstellen verschiedener Autoren einander gegenübergestellt, um Widersprüche aufzudecken, und eine Reihe dieser Zitate enthalten Formulierungen, die der Kritik in die Hand spielen.
Wir Konstruktivisten können zunächst daraus entnehmen, daß wir die Trennung der beiden Wörter “Wirklichkeit” (= Erlebenswelt) und “Realität” (= ontische Welt), die vor einigen Jahren von Roth und Stadler vorgeschlagen wurde, immer und überall streng durchführen sollten. Das allein hätte diese Kritik um Dutzende von Seiten verkürzt.
Zweitens und nicht minder wichtig ist die Einsicht, daß man angesichts der Unterschiede, die zwischen den theoretischen Ausführungen der Autoren der “ersten Generation” bestehen, mit dem Sammelbegriff RK sehr vorsichtig sein sollte. Das gilt für Kritiker nicht minder als für Beteiligte.
Als Ausgangspunkt zitieren NGFS einen drei Seiten langen Auszug aus einem Artikel von Rusch (1986), der eine recht gute Zusammenfassung von Maturanas Theorie des Autopoietischen Systems und seiner erkenntnistheoretischen Konsequenzen ist. Im Laufe des zitierten Texts heißt es: “... diese Konsequenzen sind es denn auch, die zur konstruktivistischen Philosophie und zum Radikalen Konstruktivismus führen.” Im ersten Absatz ihres Kommentars schließen NGFS daraus, daß “der Radikale Konstruktivismus vor allem aus der spezifischen Kombination von objekttheoretischen Postulaten und erkenntnistheoretischen Konsequenzen besteht” (S.13). Damit wird der Eindruck erweckt, RK sei auf Maturanas Theorie der Autopoiese aufgebaut und auf die spezifischen biologischen Untersuchungen angewiesen, die ihn zu seinen Überlegungen führten. Daß das nicht stichfest ist, geht zunächst daraus hervor, daß Maturana sich nach wie vor dagegen wehrt, als Konstruktivist bezeichnet zu werden, und in dem Band, der unter seinen bisher ins Deutsche übersetzten Schriften wohl das Hauptwerk darstellt (Maturana, 1982), weder “Konstruktivismus” noch andere Autoren “der ersten Generation” erwähnt. Das verhindert nicht, daß man die epistemologischen Konsequenzen, die sich aus Maturanas biologischer Theorie ziehen lassen, als mit dem Konstruktivismus vereinbar betrachtet. Doch diese Verwandtschaft ist eine nachträgliche Zuschreibung, die weder als Ursprung noch als Begründung der Denkweise anderer Konstruktivisten hingestellt werden kann. Vielmehr wäre es wichtig gewesen, festzustellen, daß Autoren aus Disziplinen, die sich kaum überschneiden, unabhängig von einander konstruktivistische Ideen entwickelt haben, nicht etwa weil diese Ideen sich aus empirischen Befunden ableiten liessen, sondern weil gewisse neue Ansätze in keiner Weise mit der herkömmlichen Erkenntnistheorie vereinbart werden konnten.
Bei Heinz von Foerster war es in der Kybernetik, und zwar weil die übliche Input/Output Dichotomie ein Hindernis in der Erklärung und Weiterentwicklung kybernetischer Prinzipien geworden war. Bei mir selbst lag die Quelle wohl in der eigenen Erfahrung einer mehrsprachigen Jugend und dem wachsenden Unbehagen mit dem Begriff der Erkenntnis; doch wäre ich kaum zu einer radikal konstruktivistischen Orientation gekommen, hätten Ceccatos operationale Semantik und Piagets genetische Epistemologie mich nicht in diese Richtung gewiesen. Ebenso konnten Gerhard Roth und Siegfried Schmidt die konstruktivistische Theorie kaum aus empirischen Daten in der Neurophysiologie, respektive Literaturwissenschaft, ablesen.
Daß es sich in all diesen Fällen eher um grundsätzliche philosophische Betrachtungen handelte, wird auch dadurch bestätigt, daß Spencer Brown (den NGFS nicht erwähnen) auf Grund seiner Analyse des formalen Denkens (1969) zu einer Ansicht kam, die sich mit der Wissenstheorie des RK weitgehend deckt.
Da ich, wie ich anfangs erklärte, nicht vorgebe, unparteiisch zu sein, und das Buch nur von meinem eigenen Standpunkt aus beurteilen kann, möchte ich zum Schluß einen Punkt behandeln, der mir wohl näher liegt als anderen Konstruktivisten. NGFS schreiben: “Außerdem kann nicht erklärt werden, wieso bestimmte kognitive Konstruktionen am Medium scheitern (wenn man für dieses Scheitern keine Verursachung durch das Medium zuläßt) “ (S.325, Klammer im Original). Hier wie an anderen Stellen (z.B. S.173 u. 180) zeigt sich, daß meine Ausführungen über das “Scheitern” von Handlungen, Begriffen und Theorien kein Verständnis gefunden haben. In meinem deutschsprachigen Buch (Glasersfeld, 1987), aus dem die Kritiker einiges zitieren, heißt es z.B.:
Da wir das Scheitern immer nur in eben jenen Begriffen beschreiben und erklären können, die wir zum Bau der scheiternden Strukturen verwendet haben, kann es uns niemals ein Bild der Welt vermitteln, die wir für das Scheitern verantwortlich machen könnten. (S.212)
Grob gesagt, wenn etwas schief geht, merken wir es zwar, doch Ursachen unseres Mißerfolgs können wir bestenfalls in unserem eigenen Vorgehen feststellen. Als Konstruktivist bin ich mir sehr wohl darüber im Klaren, daß man diese Regel auch auf das anwenden kann, was man schreibt, und daß man darum versuchen muß, die Verursachung von Lesermißverständnissen sich selbst zuzuschreiben. Dieses Buch wird die Kritisierten kaum zu Meinungsänderungen bewegen, doch es zeigt, daß alle, die als radikale Konstruktivisten bezeichnet werden, in Bezug auf Erklärung und Ausdrucksweise noch einiges zu lernen haben. Dazu liefert es, dank seiner Ausführlichkeit, nützliche Hinweise.
Bibliographie
Glasersfeld, E. von, Wissen, Sprache und Wirklichkeit. Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg, 1987.
Maturana, H. R. Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg, 1982.
Rusch, G., Erkenntnis, Wissenschaft, Geschichte – von einem konstruktivistischen Standpunkt. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987.
Spencer Brown, G., Laws of Form. London: Allen & Unwin, 1969.
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