CEPA eprint 1458 (EVG-170)

Das Hervorbringen von Wissen und Wirklichkeit

Glasersfeld E. von (1994) Das Hervorbringen von Wissen und Wirklichkeit. In: Heines K.-D. (ed.) Menschsein in unserer Zeit – Der Zeitgeist auf dem Prüfstand. Stiftung Dr. Heines, Bremen: 107–117. Available at http://cepa.info/1458
Meine Damen und Herren,
Sie haben sicherlich schon im Programm den Titel meines Vortrages gelesen und waren schockiert, daß da das Wort radikal vorkommt. Der Ausdruck radical constructivism, das ist die Denkart, mit der ich mich seit 30 oder 40 Jahren befasse, wurde im englischen geprägt. Radikal auf deutsch wird aber oft politisch verstanden. Das ist hier nicht so gemeint. Der radikale Konstruktivismus wird zweifellos von allen Politikern gehaßt, weil er ihnen die Sicherheit nimmt. Politiker behaupten ja immer, sie wüßten genau, nicht nur wie die Welt beschaffen ist, sondern auch wie sie verbessert werden kann. Der radikale Konstruktivismus hat in dieser Richtung keine Ambitionen. Er behauptet im Gegenteil, daß wir nichts von der realen Welt wissen können. Der radikale Konstruktivismus ist ein Versuch, ein Modell zu bauen, das zeigt, wie wir Wissen aus der Welt des subjektiven Erlebens gewinnen können.
Der Schweizer Philosoph Jean Piaget, ein Philosoph der Biologie und ein Psychologe der Philosophie, hat das Grundprinzip des Konstruktivismus sehr klar definiert. Ich zitiere: “Die Vernunft organisiert die Welt, in dem sie sich selbst organisiert.” Das ist an und für sich nichts Neues, es ist nur da sehr hübsch gesagt. Kant hatte schon lange vorher gesagt, daß die Vernunft nur das erkennen kann, was nach ihren eigenen Prinzipien aufgebaut ist. Und auch das war nicht das erstemal, daß solche Ideen kamen, denn wir werden etwas später sehen, daß Giambattista Vico ähnliche Sachen gesagt und gedacht hat.
Nun, das Wort radikal habe ich vor 20 Jahren hinzugefügt, weil Piaget damals in den Vereinigten Staaten wieder einmal Mode wurde, und da gab es unzählige Psychologen, besonders unter den Erziehern, die sich Konstruktivisten nannten, ohne Piagets Theorie auch nur annähernd verstanden zu haben. Da schien mir, man müsse einen Unterschied machen, und ich habe mich später sehr unbeliebt gemacht, weil ich vom trivialen Konstruktivismus gesprochen habe. Da waren natürlich eine Menge Leute sehr beleidigt.
Obschon Wissen kein Bild der Realität sein kann, und das hat Piaget dutzende von Malen gesagt, wurde da immer das Wissen als Repräsentation statt als Vorstellung hingestellt. Der Konstruktivismus verlangt nämlich ein epistemologisches Umdenken, und dieses Umdenken ist wirklich radikal, d.h. von Grund auf. Skeptiker haben seit jeher, d.h. seit etwa zweitausendfünfhundert Jahren gesagt, daß man kein Bild von der realen Welt schaffen kann, aus dem einfachen Grund, weil man von den Bildern, die wir uns schaffen, und den Vorstellungen, die wir uns machen, nie einen Vergleich mit dem machen kann, was sie vorstellen sollen. Das ist sehr einfach und ist sehr klar, denn wenn ich mir von der Außenwelt eine Vorstellung mache, so müßte ich doch, um zu sagen, daß diese Vorstellung richtig oder gar wahr ist, einen Vergleich machen können mit dem, was sie vorstellen soll. Und diesen Vergleich kann ich nicht machen, weil mein einziger Zugang zu dieser Außenwelt immer wieder auf dem gleichen Wege vorgeht, wie das erstemal. Der irische Philosoph George Berkley hat das sehr hübsch gesagt: Man kann Ideen immer nur mit Ideen vergleichen. Vorstellungen kann man mit Vorstellungen vergleichen, aber nie mit dem, was sie außerhalb des Erlebensbereiches vorstellen sollen.
Nun, das ist bei weitem nichts Neues. Die Vorsokratiker haben das schon im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus mehr oder weniger klar gesagt und Sextus Impericus, im zweiten Jahrhundert nach Christus, hat das dann in einer Zusammenfassung beschrieben, die sehr umfangreich, interessant, aber stellenweise auch fürchterlich langweilig ist. Das war im zweiten Jahrhundert nach Christus. Im dritten Jahrhundert nach Christus war in Byzanz eine Schule der Theologie. In dieser Schule hat man eine Denkweise entwickelt, die ich, weil ich mich für Theologie eigentlich nie interessiert habe, nur sehr spät entdeckt habe. Sie drückt das Grundprinzip des Konstruktivismus sehr schön aus. Diese Theologen, die man nachher apophatische Theologen oder negative Theologen genannt hat, die haben sehr einfach gesagt: Wenn Gott allmächtig, allwissend und allgegenwärtig sein soll, dann ist er ganz sicher völlig verschieden von allem, was wir in unserer Welt erleben. Nun sind aber die Begriffe, die wir haben, aus der Erlebenswelt abgeleitet, und darum können wir uns unmöglich einen rationalen Begriff von Gott machen.
Das scheint mir sehr einleuchtend.
Es berührt in keiner Weise die Weisheit oder Eingebung der Mystiker, Dichter, der Künstler und der Metaphysiker. Es spricht nur von rationalem Wissen. Die Theologen in Byzanz haben sich sehr unbeliebt gemacht und wurden ziemlich schnell als Ketzer bezeichnet, weil alle organisierten Religionen natürlich vorgeben, ein direkte rationale Verbindung zum Mystischen zu haben.
Die Rationalität wie ich sie verstehe bezieht sich auf Wissen und nicht auf Weisheit. Aus diesem Grunde konnte auch Montaigne sagen: “La peste de l’homme est l’opinion de savoir”, d.h. “Die Seuche des Menschen ist, daß er zu wissen glaubt.” Montaigne war ein gläubiger Mensch, der in vielen seiner Schriften den Skeptizismus bekämpft hat. Wissen in diesem Zitat war für ihn das rationale Wissen. Die Seuche ist, daß man die Geheimnisse der Welt rational zu ergründen glaubt.
Nun, das sind Zitate, die vielleicht zu ihrer Zeit nicht viel Staub aufgewirbelt haben. Erst in der Renaissance wird das rationale Wissen vom Religiösen radikal getrennt. Und es begann mit Osiander, der in seinem Vorwort zum kopernikanischen Werk über die Bewegung der Himmelskörper etwas erklärt, was wenige Jahre später von Kardinal Bellarmino als Warnung an Galileo geschrieben wurde. Er sagte, Galileo solle vorsichtig sein und solle seine Ideen und Theorien immer nur als Hypothesen hinstellen. Hypothesen, mit denen er Berechnungen und vielleicht auch Vorhersagen macht, aber er dürfte sie nie als Abbildung der realen Welt ausgeben. Die reale Welt ist die Welt Gottes und nur die Kirche hat Zugang dazu, wie diese Welt ist. Das zeigt die Trennung von zwei Sorten Wissen.
Galileo wird als der Vater der modernen Wissenschaft gefeiert. Was war seine Erfindung? Er postulierte ideale Gesetze und sah es als Störung, wenn diese Gesetze in Beobachtungen nicht so gefunden wurden, wie sie sein sollten. Sein Haupt-Schüler, Torricelli, hat das sehr hübsch gesagt, als er schrieb, wenn die Gegenstände, das waren z. B. die Kugeln, die man da auf schiefen Ebenen herunterlaufen ließ, wenn die sich nicht so verhalten, wie die Gesetze es verlangen, dann ist das ihr Pech. Uns hindert es nicht daran, mit den Gesetzen zu rechnen. Seither verwendet die Wissenschaft diese Methode. Sie beschreibt nicht die Welt wie sie an sich ist oder sein mag, sondern konstruiert Begriffsmodelle, die es erlauben, die Lebenswelt zu systematisieren. Das ist die zweite Seite des konstruktivistischen Prinzips, demnach die Welt an sich rational unergründlich bleibt.
Kritiker des Konstruktivismus sagen an diesem Punkt immer, das geht ja nicht, denn ihr verneint die Welt an sich, die reale Außenwelt.
Das ist ein naives Mißverständnis. Wir erleben die Realität nur in Schranken, die sie uns setzt. Vom Gesichtspunkt des Konstruktivismus aus erleben wir die Welt im Scheitern unserer Versuche. Wir können immer nur sagen, daß diese Versuche scheitern, aber das, woran sie scheitern, können wir nicht beschreiben, weil wir immer nur in Begriffen sprechen, die aus unserem eigenen Handeln kommen. Der Konstruktivismus befaßt sich nur mit dem rationalen Wissen. Mit dem Wissen, was die “Welt an sich” sein mag, hat er nichts zu tun. Er sagt, was diese Welt uns erlaubt und was nicht. Weisheit und Metaphysik, Ethik und Ästhetik überläßt er, wie schon der Philosoph Vico sagte, den Dichtern und Mythenmachern. Es liegt, wie Herr Hommes gestern sagte, außerhalb der rationalen Reichweite. Vico, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts diese Spaltung als erster durchdacht hat, spricht von zwei verschiedenen Sprachformen. Diese Sprachformen unterscheidet er dadurch, in dem er zwei Sorten von Metaphern aufweist. Die erste Sorte von Metaphern besteht darin, daß man zwei verschiedene Dinge hat und zwischen diesen Dingen eine Gleichheit oder Ähnlichkeit postuliert. Diese Gleichheit wird aber nicht ausdrücklich erwähnt.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn ich Ihnen jetzt sage: “Der Kennedy-Flugplatz in New York ist ein wüster Irrgarten,” so müssen Sie sich selbst austüfteln, was von einem Irrgarten auf einen Flugplatz übertragen werden könnte, was da die Verbindung herstellt. Sie müssen das aus Ihrer eigenen Erfahrung tun. Das wird Ihnen nicht gesagt. Die Metapher gibt Ihnen das nicht. Das mag nun die Unübersichtlichkeit sein, es mag sein, daß man sich dort leicht verirrt, daß man keinen Ausgang findet, oder ganz einfach, daß es ein Ort ist, in den man sich nicht begeben sollte. Auf jeden Fall ist diese Verbindung von Ihnen geschaffen, die stammt aus Ihrem Erleben und nicht aus dem Erleben, in diesem Fall des Sprechers oder der Literatur des Autors. Die Verbindung gehört Ihrer eigenen Erfahrung an und muß aus ihr gewonnen werden.
Die andere Sorte von Metaphern besteht darin, daß man Etwas, das der Erfahrung in keiner Weise zugänglich ist, Eigenschaften zuschreibt, die man von Erfahrungen abstrahiert hat. So schreibt man etwa Engeln Flügel zu und sogar Füße, obschon die Engel körperlos sein sollen und man nie einen gesehen hat. Da kommt man dann freilich zu der paradoxen Frage, wieviele Engel auf einem Nadelkopf tanzen können? Zu der Frage kommt man, wenn man das rational verstehen möchte. Vico nennt diese Sorte die poetische Phantasie. Er sagt das ohne die geringste Herablassung, sondern sogar bewundernd, denn das kann eine nicht rationale Art des Wissens sein. Das geht auch ohne Sprache. So kann ein Künstler Bilder mit bekannten Eigenschaften malen, obschon er weiß, daß die Dinge, die er darstellen möchte, keine sichtbaren Eigenschaften haben. Da malt er z.B. eine Dame im fließenden Gewand, gibt ihr eine Waage in die Hand und nennt sie Justitia. Der Künstler weiß freilich sehr gut, daß man Gerechtigkeit nicht malen kann. Doch er hofft, daß sein allegorisches Gemälde die Fähigkeit haben wird, im Beschauer das Gefühl der Gerechtigkeit hervorzurufen. Wie das gemacht wird und wie es dann wirkt, ist Sache der poetischen Phantasie. In der Sprache ist das oft viel komplizierter, aber im Grunde ist der Vorgang analog.
Zu Vicos Zeit war die Trennung zwischen dem Rationalen und dem Mystischen, wie sie sich in diesen Metaphern zeigen läßt, noch sehr scharf. In der Quanten-Physik scheint sie mitunter verschwommen, denn da gibt es Dinge, die erfunden werden, von denen man per definitionem sagt, daß sie unbeobachtbar sind und denen man dann aber doch Eigenschaften zuschreibt. Das sind die Quarks, die Farbe haben und, ja auf deutsch weiß ich das nicht, spricht man da von Charme? Das müssen die Physiker entscheiden. Also Eigenschaften, die man aus dem Erfahrungsleben nimmt und Dingen zuschreibt, von denen man weiß, daß man sie nie erfahren wird. Das scheint ein Verwischen der Grenzen zu sein. Mir will scheinen, daß der Unterschied dennoch ganz scharf bleibt, wenn man die Definitionen benützt, die der Philosoph Hans Vaihinger für den Begriff von Hypothese und Fiktion vorgeschlagen hat. Diese Definitionen sind nicht ganz einfach und sie hier auszuführen, würde mich viel zu weit führen.
Ich habe gestern in der Diskussion gesagt, daß mein Weg zum Konstruktivismus aus der Sprache kam und darum möchte ich sehr kurz etwas über den konstruktivistischen Ansatz zur Sprache sagen. Das ist im Grund sehr einfach und sehr empirisch. Die Sprache hat für uns alle damit angefangen, daß wir sie lernen mußten. Das war die Sprache der Leute, unter denen wir aufgewachsen sind.
Wie haben wir das gemacht? Die wenigsten Leute erinnern sich daran. Wenn man das studieren will, muß man eben zuschauen, wie ein Säugling langsam in das Sprechen hinein kommt. Das haben wir nun gemacht, vor einigen Jahren mit einer Konsequenz, wie sie, glaube ich, nirgend woanders gemacht worden ist. Wir haben den Spracherwerb eines Kindes während 12 Monaten vom 10. Lebenstag an vollkommen beobachtet, niedergeschrieben, mit Tonbändern aufgenommen und dazu noch Stöße und Stöße von Notizen über die einzelnen Kontexte gemacht. Das ist eine mörderische Arbeit, aber sie steht dafür.
Warum? Weil man da auf einmal merkt, wie unheimlich schnell die Entwicklung einer Wortbedeutung sein kann. Die gewöhnlichen psycholinguistischen Studien, die gehen zu dem Kind einmal in der Woche während so und sovielen Monaten. Wir haben gesehen, daß innerhalb eines Tages die Bedeutung eines Wortes, die das Kind benützt, sich radikal ändern kann. Und am nächsten Tag könnte man dann nicht mehr sagen, woher das gekommen ist. Nun, wie kommt das Kind überhaupt zu den Bedeutungen? Ich glaube, das kann man verallgemeinern, in dem man sagt, daß das Kind schon lange bevor es in die Sprache kommt, gelernt hat, das Lärm machen ein gutes Mittel ist, um gewisse Dinge zu erreichen. Die Säuglinge lernen das nach wenigen Tagen.
Was heißt das? Sie lernen, daß sie etwas tun können, womit sie das Verhalten anderer beeinflussen können. Wenn es dann an einzelne Wörter geht, dann werden diese Wörter zunächst verwendet, wenn das Kind den Gegenstand, mit dem die Erwachsenen das Wort assoziieren, haben möchte oder wegschieben möchte. Sein Verhalten ist zielgerichtet. Und wie Sie wahrscheinlich alle wissen, besonders wenn Sie mit Kinder zu tun gehabt haben, daß die Bedeutung eines Wortes, wie Tasse oder Stuhl oder so etwas, beim Kind noch lange nicht die Wortbedeutung des Erwachsenen ist. Piaget hat in seinen Studien sehr schön gezeigt, daß die Bedeutung oft viel kleiner ist als die Bedeutung des Erwachsenen-Wortes, andererseits aber auch manchmal viel größer. Daß sehr oft z.B. die Milch zur Tasse dazugehört, und es bedarf erst einer Erfahrung, eines Erlebnisses, damit das Kind die Milch von der Tasse trennt und ein separates Wort lernt.
Schön, daraus ergibt sich, daß die ganze Grundlage der Sprache, der Sprachbedeutung aus der eigenen subjektiven Erfahrung geschöpft werden muß. Die kann gar nicht woanders herkommen.
Wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, dann interpretieren Sie die Wörter, die ich ausspreche aufgrund Ihrer Erfahrungen im Leben und Ihrer Erfahrungen mit diesen Wörtern. Das will natürlich nicht heißen, daß wir alle Dinge, von denen wir sprechen, erlebt haben müssen. Es gibt ja Lexika. Aber was passiert im Lexikon? Im Lexikon bekommen Sie eine Reihe anderer Wörter, von denen man Ihnen sagt: Ja, wenn du das zusammensetzt in einer bestimmten Weise, dann bekommst du das, was dieses neue Wort heißt. Das ist eine sehr ungefähre Art und Weise vorzugehen und jeder, der in ein anderes Land fährt mit einem zweisprachigen Lexikon, weiß, daß da Momente kommen, wo das ganz und gar nicht funktioniert. Dennoch erweitert es unser Sprachwissen enorm, daß wir Wörter von anderen lernen können und Wörter im Lexikon nachschlagen können. Aber das ändert gar nichts daran, daß der Grundboden der Wörter immer in der eigenen Erfahrung liegt, also subjektiv ist.
Ich habe gestern gesagt, daß ich zur Erkenntnislehre kam, weil mir die Frage, welche Sprache die richtige ist, sehr früh aufgestiegen ist. Später merkt man freilich, daß man da gar nicht von seiner Sprache in die andere gehen muß. Man muß nur genau aufpassen, wie die anderen Leute, mit denen man spricht, sich verhalten, wenn man bestimmte Dinge sagt. Das ist keineswegs immer so, wie man sich selbst verhalten würde. Und daraus ergibt sich eine sehr schockierende Einsicht, die das Verstehen betrifft.
Was heißt es, etwas, was jemand gesagt oder geschrieben hat, verstehen? Wir wissen, da die Sprachbedeutungen subjektiv sind, kann es sich unmöglich um einen Transport von Bedeutungen handeln. Bei den Studenten sieht man manchmal, die lesen in einem Buch mit dem Fingernagel, als läge die Bedeutung da irgendwo im Papier unter der Druckerschwärze. Das ist völlig verfehlt. Die Bedeutung kann nur von ihnen selbst aufgebaut werden, aufgrund ihrer Erfahrungen, also subjektiv.
Was heißt dann Verstehen? Ich möchte vorschlagen, daß, wenn ich sage, ich habe jemanden verstanden, immer im Sprachlichen, so heißt das, daß das, was er gesagt hat, mir unter den gegebenen Bedingungen vernünftig erscheint, nach meinen Grundsätzen, nach meinen Bedeutungen. Wenn ich etwas sage und habe das Gefühl, er oder sie hat mich verstanden, so kommt das daher, weil das, was derjenige oder diejenige im nächsten Moment tut oder sagt, mit meinen Erwartungen einigermaßen kompatibel ist. Man hat also da den Begriff der Kompatibilität nicht der Identität. Es ist völlig ausgeschlossen, daß wir in unseren Köpfen die gleichen Bedeutungen haben, gleichgültig wie ähnlich unsere Erlebniswelt gewesen sein mag. Das sind immer Unterschiede. Selbst bei ganz alltäglichen Dingen, wie gekochten Eiern und Bananen und dem Tisch und dem Stuhl, gibt es Unterschiede in der individuellen Vorstellung, d.h. in der individuellen Bedeutung des Wortes. Nur sind diese Unterschiede so, daß sie im normalen Sprachgebrauch keine Rolle spielen. Die merken wir gar nicht, weil das, was wir mit den anderen tun möchten und was sie mit uns machen, das funktioniert ohnedies. Sie wissen sehr gut, daß, wenn man sich am Abend hinsetzt und über Philosophie zu reden anfängt, dann hört es sehr schnell auf. Da weiß man sehr oft nicht, was die sagen und es dauert einige Zeit und manchmal mehrere Flaschen Wein, bis man beginnt zu verstehen, was der andere sagen möchte und dann kann man anfangen zu diskutieren.
Schön, ich hab erwähnt, daß es beim Verstehen eine Sache der Kompatibilität ist. Ich hab das, um das zu verallgemeinern, Viabilität genannt. Viabilität bedeutet für mich, daß etwas den gegebenen Umständen und den gegebenen Zielsetzungen entspricht, nicht gleicht, sondern entspricht. Und da möchte ich nun sagen, daß ich das Verhältnis zwischen unserem Wissen und der Realität auf genau die gleiche Weise sehe. Wir nennen Wissen das, was wir in unserer Erfahrung als viabel betrachtet haben. Was uns dort hingeführt hat, wenigstens mehr oder weniger, wo wir sein wollten.
Und dazu kommt auch ist die negative Seite.
Wir kennen einige Wege, die nicht möglich sind und das ist ebenso Wissen wie das andere. Wenn ich eine Metapher verwenden darf, so würde ich sagen, die reale Welt, die Welt an sich, die objektive Welt läßt uns Spielraum zum Handeln und dadurch auch zum Denken. Solange wir uns innerhalb dieses Spielraumes befinden, können wir machen was wir wollen, um unsere Ziele zu erreichen, rational betrachtet. Und das ist das Schwierige nun: Wir können sagen, was wir wollen. Damit scheint jede Ethik ausgeschlossen. Und in der Tat haben einige Leute nicht nur gesagt, sondern auch geschrieben, daß der Konstruktivismus auch Auschwitz verkraften könnte. Das scheint mir etwas ungerecht, weil meines Wissens bisher keine rationale Theorie eine Ethik hat aufstellen können, die wirklich Hand und Fuß hätte.
Und da möchte ich zum Schluß versuchen, etwas zu erklären, was nicht ganz leicht ist: Aber ich will es dennoch versuchen, weil von der Ethik hier soviel die Rede war.
Der Konstruktivismus kann keine Ethik vorschreiben. Aber er bereitet nach meiner Ansicht den Boden für die Aufstellung einer Ethik.
In der gesamten Philosophie der Ethik war es immer ein Problem, und ich möchte sagen ein ungelöstes Problem, zu begründen, warum ein Mensch sich für andere interessieren soll. Warum der Mensch die anderen braucht. Da kann man praktische Gründe einführen. Aber das ist nicht die Ethik.
Doch in der konstruktivistischen Wissenstheorie, wo mein Wissen auf der Viabilität meiner Begriffsstrukturen und meiner Handlungen beruht, da kann ich, nachdem ich meine Erlebenswelt mit anderen Konstrukteuren möbliert habe, kann ich diese anderen Konstrukteure, die wohl meine Konstruktion sind, aber nicht eine freie Konstruktion, zur Bestätigung meiner Begriffsstrukturen verwenden.
Die sind genauso wenig frei wie dieser Tisch oder der Balkon, von dem ich nicht herunterspringen kann. Dieses sind Konstruktionen innerhalb von Spielräumen, haben also ihr Eigenleben, ob ich es will oder nicht. Meine Konstruktion von den anderen ist immer dadurch beschränkt, daß sie gewisse Dinge nicht zulassen. Und ich meine da nicht wörtlich erlauben sondern man kann sie nicht vorhersagen. Man kann kein brauchbares Modell von ihnen machen, wenn man diese Härten und diese Widerstände nicht in Betracht zieht.
Nun, wenn ich meine Erlebenswelt mit den anderen möbliert habe und diese anderen dann vorhersagen möchte, dann verwende ich ja die Regeln und die Vorgangsweisen, die ich für mich entwickelt habe. Wenn das dann funktioniert, dann kann ich mir sagen: Schau her, der andere muß die gleichen Ideen oder wenigstens kompatible Ideen mit meinen haben, sonst würde er sich nicht so benehmen. Und das ist eine unheimliche Befriedigung aus dem Grund, weil das, was ich als viabel betrachte und von dem ich weiß, daß es immer eher flüchtig ist und nicht immer richtig, wenn ich das nun durch das Benehmen, durch das beobachtete Verhalten eines anderen belegen kann, dann wird meine Viabilität um einen Grad höher. Und so bald ich das erfaßt habe, wird mir klar, daß ich die anderen brauche, um diesen höheren Viabilitätswissensgrad zu erreichen. Und den kann ich natürlich nicht erreichen, wenn ich den anderen zwinge, sich so zu benehmen, wie ich glaube, daß es richtig wäre. Er muß es gewissermaßen von sich aus tun, erst dann wird es eine Bestätigung für meine Begriffskonstruktionen.
Daraus ergibt sich, daß ich die anderen brauche, wenn ich mir selbst wirklich eine viable Wirklichkeit aufbauen möchte. Es ergibt sich daraus auch, daß ich den Konstruktionen und der Art und Weise, wie sich diese Konstruktionen aufzeigen bei den anderen, tolerant gegenüberstehen muß. Denn ich weiß ja, daß meine nur provisorisch sind. Es sind ja keine Wahrheiten. Sie sind nur das, was bis jetzt für mich funktioniert hat, was ich heute als viabel bezeichne. Wir brauchen gar nicht sehr lange zu leben, um einzusehen, daß, was gestern viabel war, heute oft nicht mehr viabel ist.
Der Konstruktivismus in diesem Sinn führt also oder sollte führen zu einer gewissen Toleranz und vor allem zum Zugeständnis der vollkommenen Freiheit im Denken der anderen gegenüber.
Das hat, und damit schließe ich, unwahrscheinliche Folgen für die Erziehung, für die Schule. Herr Hommes hat gestern Lichtenberg zitiert, und ich kann das Zitat nicht wörtlich wiederholen. Aber ich möchte es auf mein Gebiet umformen und sagen: Mann kann Schülern nichts übermitteln, man kann ihnen nur Gelegenheiten zum Lernen schaffen.
Wenn man konstruktivistisch zu denken anfängt, und bitte glauben Sie nicht, obwohl ich manchmal emphatisch spreche, daß Sie das müssen oder daß ich glaube, Sie müßten das.
Der Konstruktivismus ist ein Vorschlag, ist ein Modell, ist nicht die Beschreibung einer Welt. Wenn man konstruktivistisch zu denken anfängt muß man sich darüber im klaren bleiben, daß Kinder oder Schüler oder Studenten Wissen nur erwerben können, wenn sie es sich selber aufbauen. Freilich kann man auswendig lernen. freilich kann man memorisieren, aber das heißt ja nicht Verstehen, d.h. nicht Begriffsstrukturen aufbauen, mit denen man dann Neues angehen kann. Wenn man sich darüber klar wird, daß das Verstehen immer eine Sache des subjektiven individuellen Aufbaues ist, dann fängt man an, Schüler und Schulkinder anders zu behandeln. Vor allem interessiert man sich dafür, was sie machen und wie sie denken. Man sagt nicht einfach, ja schön, das ist falsch, richtig wäre es so. Damit findet man ja überhaupt nichts über das Kind, über den Kopf heraus, der sich da bemüht.
Stattdessen sagt man: Ja, wie hast Du das gemacht? Das funktioniert in der ersten Grundschulklasse, in der Arithmetik, weil 8 von 10 Kindern, wenn sie einem dann erklären, wie sie das gemacht haben, draufkommen werden, daß da etwas nicht funktioniert. Sie werden vielleicht nicht das richtige Resultat finden. Aber sie werden merken, daß es nicht so gehen kann, wie sie dachten. Und damit fängt das Lernen an. Mit der Einsicht, daß ich selber der bin, der entscheiden kann, ob etwas richtig ist oder nicht. Denn nur dann kann mir das Richtige eine Befriedigung geben, nur dann wird mich die richtige Lösung zu einem neuen Versuch motivieren.
Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist in den Schulen. Aber bei uns in den Vereinigten Staaten, da klagen alle über den totalen Mangel an Motivation. Das ist kein Wunder. Wenn man sieht, wie die Kinder in der Grundschule behandelt werden. Die können ja keine Motivation entwickeln. Unmöglich. Die haben nie die Gelegenheit, ein Problem, und sei es noch so klein und noch so verschroben, selber zu lösen und herauszufinden, daß es Spaß macht, wenn ich meinen eigenen Weg finde und dann feststellen kann, ja, es funktioniert. Daraus kommt die Motivation.
Ich danke Ihnen.
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