CEPA eprint 1464 (EVG-176)

Die Wurzeln des “Radikalen” am Konstruktivismus

Glasersfeld E. von (1995) Die Wurzeln des “Radikalen” am Konstruktivismus. In: Fischer H. R. (ed.) Die Wirklichkeit des Konstruktivismus. Carl Auer, Heidelberg: 35–45. Available at http://cepa.info/1464
Table of Contents
Die Frage der Erkenntnis
Das Kommunikationsproblem
Das Modell Piaget
Kybernetische Grundbegriffe
Wirklichkeit und Realität
Nachwort
Es ist für mich eine große Ehre, hier bei der ersten internationalen Tagung über Konstruktivismus als erster zu sprechen, doch es ist auch eine etwas unheimliche Verantwortung. Was heute Konstruktivismus genannt wird ist keineswegs eine einheitliche philosophische Schule, in der Teams von Denkern und Wissenschaftlern im Einklang miteinander arbeiten. Der gegenwärtige Konstruktivismus wurde von drei oder vier Leuten unabhängig und von verschiedenen Ausgangspunkten her entwickelt, und obschon diese Leute sich über einige Dinge einig sind, gibt es da auch große Unterschiede. Ich sage das, um von Anfang an klarzumachen, daß, was ich hier über radikalen Konstruktivismus sage, von meinem Gesichtspunkt aus gesehen ist und um Gottes willen weder Humberto Maturana oder Heinz von Foerster, noch Siegfried Schmidt oder irgend jemand anderem unterschoben werden darf. Den Kritikern ebenso wie den freundlich Gesinnten möchte ich darum ans Herz legen, zumindest die älteren Konstruktivisten als widerspenstige Eigenbrötler zu lesen und zu verstehen.
In seiner schönen philosophischen Einleitung hat Herr Fischer schon einiges gesagt, das mir meine Aufgabe erleichtert. Der Raum, der mir hier zur Verfügung steht ist viel zu eng, um eine umfassende Übersicht über meine Auffassung vom Konstruktivismus zu geben. Darum möchte ich einfach einige der Punkte klären, die mir besonders wichtig erscheinen.
Der radikale Konstruktivismus ist ein Versuch, eine Theorie des Wissens aufzubauen, die keinerlei ontologische Ansprüche erhebt und darum auch nicht von der Annahme einer vom Wissenden unabhängigen Realität ausgeht. Der Konstruktivismus möchte menschliches Wissen einzig und allein auf die Erlebenswelt beziehen, und erkunden, wie man aus der eigenen Erfahrung Dinge aufbauen kann, die man dann als Wissen betrachtet. Diese Stellungnahme irritiert die meisten Berufsphilosophen, weil sie deutlich macht, daß man nicht bereit ist, das hypokritische Spiel mitzuspielen, daß in der abendländischen Erkenntnislehre nach wie vor gang und gäbe ist.
Hat man sich jedoch entschlossen, mit einer Tradition zu brechen, die an die 2500 Jahre alt ist, dann schuldet man allen Zuhörern und Lesern eine Erklärung, warum man so einen Bruch vornimmt. Darum möchte ich nun kurz die vier Wurzeln anführen und erklären, aus denen für mich die Notwendigkeit zur Revolte erwachsen ist.
Da ist zunächst die unbefriedigende Geschichte der Erkenntnislehre, die Herr Fischer schon in der Einleitung angeführt hat. Zweitens ist da die Analyse der Voraussetzungen zu dem, was als sprachliche Verständigung bezeichnet wird. Drittens Piagets Theorie des Wissens und des Lernens und viertens kybernetische Auffassungen von Selbstregulierung und Information.
Obschon diese vier Punkte sich an mehr als einer Stelle überschneiden, will ich sie hier der Einfachheit halber einzeln hinter einander behandeln.
Die Frage der Erkenntnis
Was die Erkenntnislehre betrifft, so ist sie unbefriedigend, weil die logische Unmöglichkeit, eine objektive Welt zu erkennen, schon im 6.Jahrhundert v.Chr. von den Präsokratikern erkannt wurde. Seither haben die meisten Philosophen (nicht alle, aber doch die meisten) sich in Knoten verwunden, um irgendwie um diese logische Barriere herumzukommen, und haben dabei früher oder später, bewußt oder unbewußt, explizit oder implizit, Metaphysik betrieben. Die metaphysischen Schriften sollten dann aber nicht etwa wie die Rigweda als mystische Gedichte gelesen werden, sondern gaben vor, Angelegenheit der Vernunft zu sein. Das ist das, was ich die Hypokrisie der abendländischen Philosophie nenne.
Das Argument der Skeptiker, wurde schon vor Sokrates, z.B. von Xenophanes sehr schön ausgedrückt, indem er sagte: Selbst wenn ein menschliches Wesen die Welt erkennen würde, wie sie wirklich ist, könnte er das selbst doch nie wissen.[Note 1] Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß man zu allem, was man durch einen Erkenntnisapparat anschaut, keinen anderen Zugang hat als eben durch diesen Erkenntnisapparat. Das gilt nicht nur für Wahrnehmung sondern auch für die Begriffsbildung und überhaupt für alles, was man zum Aufbau eines Weltbildes verwenden kann. Und da man immer nur mit dem eigenen Erkenntnisapparat wahrnehmen, Begriffe bilden und intuieren kann, ist man nie in der Lage, das Bild, das man sich von der Welt macht, mit einer vom eigenen Erleben unabhängigen Realität zu vergleichen.
Es ist also unberechtigt, von Erkenntnis oder von irgendwelchem Wissen, das wir haben, als Repräsentation einer objektiven Welt zu sprechen. Es kann sich da nur um Vorstellungen handeln, die wir auf Grund unserer Erfahrungen aufgebaut haben. Wenn ich zwei Ausdrücke von Kant borge, kann ich sagen, wir werden immer nur der Phänomene habhaft, nie der Noumena. Dieser Punkt ist besonders wichtig für alle, die Philosophie nicht auf Deutsch sondern auf Englisch, Französisch oder Italienisch lesen. Im Deutschen haben wir die zwei schönen Wörter “Darstellung” und “Vorstellung”, wobei Darstellung ein Bild von etwas anderem bedeutet, das als Original gilt, während bei einer Vorstellung keineswegs ein Original vorhanden sein muß. Ich erwähne das, weil Kant im ersten Satz der Einleitung zur Kritik der reinen Vernunft das Wort “Vorstellung” verwendet[Note 2] – und wenn das auf Englisch als “representation” gelesen wird, so hat der arme Leser kaum mehr eine Chance, Kant je richtig zu verstehen, denn er wird da unvermeidlich an eine Darstellung denken, die eine bereits völlig strukturiert existierenden Welt mehr oder weniger wahrheitsgetreu wiedergeben soll.
Wahrheit im Sinne einer Korrespondenz mit der Realität ist ausgeschlossen, denn von der Wahrheit verlangt man ja, daß sie objektiv sei und eine Welt beschreibe oder darstelle, wie sie ”an sich” ist, d.h. bevor der Beobachter sie durch den Erkenntnisapparat wahrgenommen und begriffen hat.
In dieser Situation auch nur von einer Annäherung zu sprechen, d.h. Annäherung an eine wahre Repräsentation der objektiven Welt, ist sinnlos, denn wenn man keinen Zugang hat zu der Realität hat, der man sich nähern möchte, kann man auch den Abstand von ihr nicht messen. Darum halte ich es für hypokritisch, die Hoffnung zu nähren, daß Erkenntnis im Laufe wiederholter Erfahrungen der Realität näherkommen kann.
Das Kommunikationsproblem
Mein zweiter Punkt betrifft die sprachliche Verständigung. Wortbedeutung wird auf Grund subjektiver Erfahrung aufgebaut. Um diese Behauptung zu würdigen, brauchen Sie nur daran denken, wie Sie als Kind die Bedeutungen von Wörtern gelernt haben, oder einem kleinen Kind zuschauen, wie es das macht. Da wird ein Wort mehrmals von erwachsenen Sprechern der Sprache wiederholt, und da wird vielleicht auf einen Apfel oder eine Blume gezeigt: “Schau, das hier ist eine Lilie.” Manchmal bewegt man auch die Blume, damit das Kind sie leichter in seinem Wahrnehmungsfeld isolieren kann, und dabei wiederholt man das Wort “Lilie”. Es dauert meistens gar nicht lang, bis das Kind die beiden Erfahrungen, die es da macht, verbindet. Es assoziiert die visuelle Wahrnehmung der Blume mit der auditiven Wahrnehmung des Wortes “Lilie”. Unter diesen Umständen ist es völlig klar, daß die beiden Wahrnehmungen, die das Kind da assoziiert, Erlebnisse des Kindes sind und nicht etwa die Vorstellungen der Erwachsenen, die das Kind zu seinen Erlebnissen führen.
Von meinem Standpunkt aus, ist der Vorgang beim Lernen aller Wortbedeutungen analog, gleichgültig ob es sich um Vorstellungen von wahrnehmbaren Dingen handelt oder um abstraktere Begriffe. Bei den Wörtern, deren Bedeutung rein begrifflich ist, ist die Begriffsbildung nicht weniger subjektiv als die Wahrnehmung im Falle der Lilie. Freilich ist es so, daß das Kind das Wort Lilie und all die anderen Wörter, die es lernt, in seiner Erlebenswelt verwenden muß, und zwar dann, wenn es mit Mitgliedern seiner Sprachgemeinschaft interagieren will. Das heißt, es verwendet seine Wörter zumeist in zielstrebigen Situationen. Kinder lernen sehr schnell, daß ein Wort oft viel besser funktioniert, wenn man etwas haben will, als Ziehen, Stoßen, oder Schreien. Doch es muß das “richtige” Wort sein. Das Kind jedoch hat nur wenige Wörter und muß, wenn es einen neuen Wunsch hat, ein Wort aus einer bereits bekannten Situation verwenden, das ihm da angemessen erscheint. Oft funktioniert das nicht, weil das Wort von den Erwachsenen nicht so verstanden wird, wie das Kind es erlebt und assoziiert hat. Wahrscheinlich greift das Kind dann zu einfacheren Mitteln, doch das Erlernen der Sprache hört nicht auf. Solche Mißerfolge, besonders wenn sie von den Eltern erkannt und zum Vorsagen des “richtigen” Wortes benützt werden, helfen dem Kind, seinen Wortgebrauch zu verändern und nach und nach erfolgreicher zu machen.
Da könnte man sagen, das Kind gleicht seine Wortbedeutungen an jene der Erwachsenen an. Das wäre aber eine übertriebene Auslegung. Das Kind ändert den Gebrauch eines Wortes nur so lange, bis es in seinen Zielstrebigen Unternehmen funktioniert. Daraus ergibt sich die Einsicht, daß das, was wir ganz allgemein Verstehen nennen, nicht so vor sich geht, wie man oft glaubt.
Wenn ich behaupte, ich hätte verstanden was jemand zu mir sagt, dann heißt das keineswegs, daß ich mir in meinem Kopf ein Begriffsnetz aufgebaut habe, das dem des Sprechers genau gleicht. Es heißt nichts anderes, als daß es mir gelungen ist, in der gegenwärtigen Situation ein Begriffsnetz zu konstruieren, das mit meiner Auffassung von dem Sprecher in eben dieser Situation vereinbar ist und nicht zu Schwierigkeiten führt. Es scheint mir in die Situation zu passen und meine Reaktion führt nicht zu Reibungen oder Unstimmigkeiten seitens des anderen Sprechers. Wie wir alle wissen, kommt es oft vor – und nicht nur bei Kindern – , daß wir beim nächsten Gebrauch eines Wortes oder Ausdrucks darauf kommen, daß das vorher angenommene Verstandenwerden nur scheinbar war. Beim Wörterlernen der Kinder heißt das dann nur, daß die vorhergehende “Verbesserung” nicht die richtige oder nicht weitgehend genug war.
Alle die, die eine Zeit lang ein Kind in seinem Spracherwerb beobachtet haben, wissen sehr gut, daß Wortbedeutungen, soweit man sie durch beobachtbare Manifestationen in den Aussagen oder im Handeln des Kindes feststellen kann, am Anfang oft viel enger sind als die Bedeutung der Erwachsenen und in anderen Fällen oft viel weiter. Das muß im Laufe des Gebrauchs in vielen Situationen und eben im Gespräch mit anderen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft abgeschliffen und angepaßt werden. Im Grunde aber bleiben die Bedeutungen trotz aller Anpassung subjektiv.
Wenn dem so ist, dann kann man sagen, die Sprache übermittelt nicht, sondern, wie Humberto Maturana es ausdrückt, sie orientiert. Das deutet darauf hin, daß die Sprache kein Transportmittel ist, sondern daß man eben durch Sprechen bestenfalls die begriffliche Konstruktion der Zuhörer einschränken und in gewünschte Richtungen leiten kann. Aber man kann ihnen durch Wörter nie das vorschreiben, was man sie denken machen möchte.
Das Modell Piaget
Mein dritter Punkt ist Piagets Theorie. Piaget war in erster Linie Biologe und in zweiter Linie Epistemologe. Für die kognitive Entwicklung von Kindern interessierte er sich nicht als Psychologe, sondern um zu studieren, wie Wissen aufgebaut wird. Vom Gesichtspunkt der traditionellen Philosophie beging er damit einen “genetischen” Fehler und zudem die Sünde des Psychologismus. Aber da er einsah, daß es Wissen nur im Kopf eines Wissenden geben kann, untersuchte er, wie es dort von allem Anfang an aufgebaut werden könnte. Damit verstößt er natürlich gegen eine der selten ausgedrückten aber fast immer angenommenen Grundsätze unserer Philosophie, nämlich daß Wissen ein unpersönliches Gebilde ist, das wie Kristalle im Weltraum schwebt, an die der Mensch sich irgendwie herantasten muß, um allmählich ein schattenhaftes Bild von ihnen zu bekommen.
Piaget war offensichtlich der Ansicht, daß Wissen von jedem Einzelnen aufgebaut werden muß. Von seinem biologischen Gesichtspunkt aus sah er die Funktion der kognitiven Fähigkeit nicht im Repräsentieren einer ontologischen Realität, sondern als Instrument der Anpassung an die Erlebenswelt. Biologische Anpassung hat nichts mit Abbilden zu tun. Sich anpassen heißt da, Möglichkeiten und Mittel finden, um zwischen den Widerständen und Hindernissen der erlebten Umwelt durchzukommen. In meiner Ausdrucksweise nenne ich das gangbare oder viable Handlungs- und Denkweisen aufbauen.
Mit dieser grundlegenden instrumentalen Auffassung des Wissensbegriffs setzte Piaget sich von der herkömmlichen Erkenntnistheorie ab und begann, seine “genetische Epistemologie” aufzubauen. Als Wissenschaftler interessierte ihn vor allem der Aufbau des rationalen Wissens.[Note 3] Da er die Erkenntnis im Sinne der “Entdeckung” oder “Wiederspiegelung” einer unabhängigen, absoluten Realität verwarf, sich aber auch klar darüber war, daß begriffliche Strukturen nur indirekt mit der Aufgabe der biologischen Anpassung zusammenhängen, suchte er eine andere Triebfeder für den Wissensdrang. Er fand sie in dem Begriff der Äquilibration. Die intelligenten Strukturen, die ein Organismus sich aufbaut, entstehen als Ergebnis der Selbstregulierung – wobei “Regulierung” im Begrifflichen auf Zusammenhang und Widerspruchslosigkeit abzielt, und im Biologischen auf Lebensfähigkeit. Im Rahmen seiner revolutionären Wissenstheorie, schuf Piaget eine Reihe von Schlüsselbegriffen – Assimilation, Akkommodation, Handlungsschema, reflektierende Abstraktion, usw. – die von Psychologen, die die epistemologische Umstellung in Piagets Denken geflissentlich ignorierten, mißverstanden wurden.[Note 4] Mit diesen Begriffen umriß er die Werkzeuge, mit deren Hilfe wir die Vorstellung von unserer Wirklichkeit aufbauen.
Kybernetische Grundbegriffe
Der vierte Punkt, den ich erwähnte, war die Kybernetik, die übrigens durch die Betonung der “Selbstregulierung” mit Piagets genetischer Epistemologie verwandt ist. Eines der Grundprinzipien der Kybernetik ist, daß Änderungen nicht kausal, sondern durch den Begriff der Einschränkung erklärt werden, im Sinne von Widerständen oder Störungen, denen dauernd ausgewichen wird.
Heinz von Foerster hat in einer Konversation mit mir einmal erwähnt, daß dieses Prinzip auf eine Idee zurückgeführt werden kann, die schon von Maupertuis im 18. Jahrhundert formuliert wurde. Er sprach von einem Gesetz, von dem Sie sicher alle gehört haben, und das ist das Gesetz des geringsten Widerstands. Wenn man will, ist Maupertuis’ Gesetz ein kybernetisches, weil es den Ablauf von Vorgängen, die Handlungen von Organismen und schließlich auch das Denken von Gehirnen, dadurch beschreibt, daß es die Widerstände isoliert und bestimmt, die den Vorgang behindern und ihm gewisse Richtungen verschließen.
Auch Batesons Bemerkung, daß die Evolutionstheorie die erste kybernetische Theorie sei,[Note 5] weil sie Entwicklungen nicht kausal, sondern durch natürliche Auswahl, das heißt durch Eliminierung des Unpassenden erklärt, weist ebenfalls eine Analogie zu dem Gesetz des geringsten Widerstands auf. Diese Erläuterung ist meiner Ansicht nach wichtig, weil sie einem weit verbreiteten Mißverständnis entgegenwirkt. Aus der Biologie, wie sie in Schule gelehrt wird, erwächst oft die Anschauung, die biologische Anpassung der Organismen an die Umwelt sei eine Aktivität entweder der Organismen oder der Arten. Das war aber in der ursprünglichen Evolutionstheorie nicht gemeint. Anpassung kann nur dadurch erfolgen, daß die Individuen und Arten, die nicht hinreichend angepaßt sind, sich nicht erfolgreich fortpflanzen und darum aussterben. Das heißt, wann immer man einen Querschnitt durch die Welt der Lebewesen macht, man findet jeweils nur Organismen, die bisher angepaßt waren. Wenn sich dann morgen die Umwelt in einer für Lebewesen kritischen Beziehung ändert, dann überleben nur diejenigen, die dank einer vorhergehenden zufälligen Mutation die Fähigkeit haben, mit den neuen Umständen fertig zu werden. Das heißt, viable Organismen werden nicht durch den Druck der Umwelt erzeugt, sondern müssen schon vor der Umweltänderung da sein. Daß ihre Überlebensfähigkeiten nun angepaßt sind, kann man erst dann sagen, wenn andere, die diese Fähigkeiten nicht besitzen, bereits ausgestorben sind.
Die kybernetische Kontrolltheorie hat ihrerseits auch etwas hinzugefügt. Da ist vor allem die Einsicht, daß Organismen, gleichgültig ob es sich um künstliche oder natürliche handelt, auf Perturbationen im eigenen System reagieren und daß sie bestenfalls das Neutralisieren dieser Perturbationen lernen, aber nie etwas über die Außenwelt, in der ein Beobachter sie sieht. Auf uns und unser Wissen bezogen bedeutet das, daß wir wohl lernen können, Störungen und Unstimmigkeiten in unserem eigenen System zu neutralisieren oder zu verhindern, inwieweit diese Störungen aber von einer Außenwelt kommen, können wir nicht entscheiden.
Als letzten Beitrag der Kybernetik möchte ich Shannons Kommunikationstheorie erwähnen, die uns das bisher beste Modell zur Erklärung aller Verständigung liefert.[Note 6] Laut diesem Modell befördern Signale keine Bedeutungen, sondern deuten lediglich auf bereits festgelegte Interpretationen. Die Bedeutungen müssen sowohl im Sender als auch im Empfänger vorliegen, bevor die sogenannte Kommunikation vor sich gehen kann. Signale sind einfach Hinweise auf einen bestimmten Ort, auf eine bestimmte Adresse im Gehirn des Sprechenden oder Hörenden, oder im Computer. An und für sich werden Signale erst dann zu Signalen, wenn sie interpretiert werden. Das heißt, um von Bedeutung zu sprechen, muß man bereits im vorhinein wissen, womit ein wahrgenommenes ”Signal” assoziiert werden soll oder, kurz, wofür es steht.
Diese Überlegung deckt auf, daß es Unsinn ist, wenn Leute in der Wahrnehmungsforschung von “Informationen” sprechen, die durch Sinneswahrnehmung aus der Außenwelt ins Gehirn kommen. Information beruht immer auf Unterscheidungen, und Unterscheidungen können nur vom Organismus selbst in seiner subjektiven Erlebenswelt gemacht werden. Darum ist die Bedeutung, die der Organismus einer Unterscheidung zuschreibt, notgedrungen subjektiv und kann nur durch ein metaphysisches Märchen in eine unabhängige ontische Welt übertragen werden.
Wirklichkeit und Realität
Bevor ich meine Ausführung beschließe, möchte ich einen Vorschlag befürworten, den Michael Stadler und Gerhard Roth vor einigen Jahren gemacht haben. In der deutschen Sprache hat man zwei Wörter, die es erlauben, die Welt des Erlebens und die postulierte ontische Welt sauber auseinanderzuhalten. “Wirklichkeit”, so sagten die beiden, solle man für die Umwelt reservieren, die man sich selbst, wie Jakob von Uexküll meinte, aus dem eigenen Wirken und Merken aufbaut,[Note 7] “Realität” hingegen für jene, von der man annimmt, daß sie dahinter liegt und von der die Philosophen immer noch träumen, obschon die Skeptiker unentwegt gezeigt haben, daß man über sie nichts sagen kann. Ich bin mit diesem Vorschlag durchaus einverstanden, bin mir aber auch im Klaren, daß es beinahe unmöglich ist, den geläufigen Sprachgebrauch zu ändern, in dem die beiden Wörter leider ganz willkürlich miteinander vertauscht werden.
Der radikale Konstruktivismus will diese Trennung vollkommen durchführen und darauf bestehen, daß unser rationales Wissen sich immer und ausschließlich auf die von uns konstruierte Wirklichkeit bezieht. Wenn er das verkündet, wird ihm zumeist wird vorgeworfen, er leugne die Existenz einer Realität. Das tut er keineswegs. Er hält es lediglich mit den Skeptikern und behauptet, daß man über jene Realität, eben weil sie jenseits aller menschlichen Erfahrung liegt, nichts sagen kann. Er geht dann mit dem irischen Philosophen George Berkeley einen kleinen Schritt weiter, indem er aufweist, daß die Wörter Existenz und existieren außerhalb der Erlebenswelt keinen rational ermeßbaren Sinn haben können.
Ein zweiter häufiger Vorwurf ist der, daß der Konstruktivismus die sozialen Interaktionen ignoriere. Auch das ist meines Erachtens ein Mißverständnis. Die Anderen, d.h. die Gesellschaft, sind nicht minder die Konstruktion des einzelnen Erlebenden wie die Landschaft, die Möbel und die gesamte Umwelt, in der er oder sie sich bewegt. All das gehört zu unserer Wirklichkeit, die wir uns aus Begriffen, Beziehungen und Begriffsstrukturen, die sich in unserer Erfahrung als viabel erweisen, aufbauen. Ebenso wie Tische und Stühle, Wände und Häuser, Felsen und Ozeane, als Hindernisse unserem Handeln und Denken entgegenstehen, so bilden die Anderen und die Gesellschaft schlechthin Einschränkungen, mit denen uns abzufinden wir als einzelne Erlebende lernen müssen.
Von einer Gesellschaft “an sich” hingegen können wir ebenso wenig wissen wie von einer Welt “an sich”. Und der Konstruktivismus – ich muß das immer wiederholen – befaßt sich ausschließlich mit rationalem Wissen und nie mit dem Sein, das die Mystik und die Metaphysik beschäftigt.
Das bringt mich nun zum letzten Punkt, den ich angesichts der Diskussionen auf dieser Konferenz erwähnen möchte. Obschon der radikale Konstruktivismus vieles mit der evolutionären Epistemologie gemeinsam hat, kann er doch nicht dem Schluß zustimmen, daß sich aus den erfolgreichen Handlungs- und Denkformen eines gut angepaßten Lebewesens Einzelheiten einer von ihm unabhängigen Realität ableiten lasse. Ein klassisches Beispiel wären die Begriffe von Raum und Zeit. Die Erfahrungstatsache, daß diese Kategorien in der Organisation unserer Erlebenswelt außerordentlich brauchbar sind, gestattet keineswegs die Annahme, daß sie darum die Struktur der Realität widerspiegeln. Der Erfolg einer Handlungs- und Denkweise kann nie mehr bedeuten, als daß sie eben zwischen den Hindernissen, denen wir begegnen, durchkommt. Über die Frage, inwieweit diese Hindernisse aus einer Welt jenseits unseres Erlebens stammen, gibt sie uns keine Auskunft.
In Bezug auf den Begriff der Zeit stimmt der Konstruktivismus mit Schopenhauer überein, der sagte, “vor Kant waren wir in der Zeit, nach Kant ist die Zeit in uns.” [Note 8]
In Bezug auf den Raum hält der Konstruktivismus es mit der Einsicht eines Quantenphysikers wie David Finkelstein, der mir erklärte, daß Raum in den gegenwärtigen Entwicklungen der Quantentheorie nichts mehr mit dem sensomotorischen Raumerleben zu tun habe, sondern einzig und allein als Netzwerk von Kausalbeziehungen verstanden wird. Die Kausalbeziehungen aber kommen von unserer Notwendigkeit, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung als Ordnungsprinzip zwischen den Ereignissen einzuführen. Das wußte schon Wilhelm von Helmholtz, als er sagte: “Erst spät ist mir klargeworden, daß die Kausalität nichts anderes ist, als unsere Voraussetzung einer Gesetzmäßigkeit in allen Naturerscheinungen.”[Note 9]
Nachwort
In den Diskussionen und in meinem Workshop während der Heidelberger Konferenz kamen einige erkenntnistheoretische Richtungen zur Sprache, die von ähnlichen Überlegungen ausgehen wie der radikale Konstruktivismus, sich aber dann von ihm absetzen. Ich denke da vor allem an Karl Poppers “Kritischen Realismus”, Norbert Groebens “Realistischen Konstruktivismus”, Fritz Wallners “Konstruktiven Realismus” und wie gesagt auch an die von Konrad Lorenz und Donald Campbell ausgehende “Evolutionäre Epistemologie”. Soweit ich diese Richtungen verstehe, ist es die radikale Auffassung, daß die ontische Welt unerkennbar ist und bleiben muß, die man da vermeiden möchte.
Der Antrieb für diese Versuche, den herkömmlichen Begriff der “Erkenntnis” zu retten, liegt meines Erachtens in einer scheinbar sehr plausiblen Überlegung, die ich so ausdrücken wurde: In der Wissenschaft werden oft auf Grund von ungenügenden Daten (und manchmal sogar ganz ohne Daten) Hypothesen aufgestellt, die sich dann im Laufe von weiteren Erfahrungen und Experimenten zu Theorien festigen und sogar “bewahrheiten” lassen. Warum sollte man also nicht auch Hypothesen über Beschaffenheit und Struktur der ontischen Realität aufstellen und annehmen, daß der fortlaufende Prozeß von Falsifizierung und Aufstellung neuer, “besserer” Hypothesen, wie Karl Popper glaubt, unsere Vorstellungen der realen Welt näher bringt? Das ist doch eben die Methode, der die Wissenschaft ihre Erfolge verdankt.
In diesem Zusammenhang möchte ich an eine Unterscheidung erinnern, die meines Wissen zuerst von Hans Vaihinger in seinem monumentalen Werk Die Philosophie des Als Ob 8 gemacht wurde. Hypothesen, erklärte er, seien Vermutungen, die man unter der Voraussetzung macht, sie würden sich im Laufe weiterer Erfahrungen bestätigen lassen. Fiktionen hingegen seien Erfindungen, von denen man keinerlei Bestätigung erwartet außer der, daß sie den Aufbau von neuen Hypothesen fördern, die sich ihrerseits dann möglicherweise in der Erfahrung bewähren.
Solange solche Fiktionen ohne das Bewußtsein, daß sie solche sind, aufgestellt werden, als Hypothesen, sind sie eben falsche Hypothesen (Vaihinger 1911: 27)
Vom radikal konstruktivistischen Standpunkt aus, steht der Fiktion einer aus der Erlebenswelt abgeleiteten ontologischen Realität nichts im Wege. Die Götterwelt der Griechen, die Kosmologien unserer Religionen und der Wissenschaft, sowie sämtliche metaphysischen Systeme sind Fiktionen, die für unsere Vorstellung von der Erlebenswelt und unser Handeln in ihr zuweilen fördernd und zuweilen hindernd gewesen sind. Die Fiktion ontischer Realitäten ist an sich harmlos – solange sie nicht als wahre Erkenntnis hingestellt werden. Wo das geschieht, wird das, was man erfunden hat, auf einmal als eben jene Wahrheit geheiligt, die es zu entdecken galt. Als radikaler Konstruktivist suche ich, dieser Anmaßung vorzubeugen, denn ich halte sie nicht nur für falsch sondern auch für gefährlich.
Endnotes
1
Diels, H. Fragmente der Vorsokratiker. Hamburg: Rowohlt, 1957; S.20, Fragm.34.
2
Kant, I. Kritik der reinen Vernunft. (B:1)
3
Piaget erklärte des öfteren und zuweilen mit Bedauern, daß er nie Zeit fand, sich mit mystischer Weisheit oder Kunst zu beschäftigen. Siehe z.B. Sagesse et illusion de la philosophie (Paris, 1965) und Charles Widmers Interview anläßlich Piagets 80. Geburtstag (Genf, 1977).
4
Siehe meine Ausführungen in den Kapiteln über Piagets Theorie in meinem Buch Wissen, Sprache und Wirklichkeit (Wiesbaden: Vieweg, 1987).
5
Bateson, G. Cybernetic Explanation, in Steps to an Ecology of Mind, (399-410)). New York: Ballantine, 1972).
6
Shannon, C. The mathematical theory of communication, Bell System Technical Journal, 1948, 27, 379-423 & 623-656.
7
von Uexküll, J. & Kriszat, G. Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen (1933). Frankfurt am Main: Fischer, 1970.
8
Schopenhauer, A. Kritik der Kantischen Philosophie. Sämtliche Werke. Stuttgart: Cotta’sche Buchhandlung, 1854; Bd.4, S.15.
9
Vaihinger, H. Die Philosophie des Als Ob, 1911; S.27 (Neudruck der 9./10.Auflage) Aalen: Scientia Verlag, 1986.
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