CEPA eprint 1517 (EVG-230)

Ratio rediviva

Glasersfeld E. von (2000) Ratio rediviva. Ethik und Sozialwissenschaften 11(1): 99. Available at http://cepa.info/1517
1. Professor Welsch legt in seinem Artikel ein ausführliches, wohlfundiertes Plädoyer für Vernunft vor, das sich vor allem auf die Unterscheidung von Vernunft und Rationalität stützt. Für beide Begriffe liefert er meines Erachtens durchaus brauchbare Beschreibungen, und das allein scheint mir bereits ein beträchtlicher Verdienst. Zumindest sollte es Diskussion erleichtern und viel von dem An-einander-Vorbeireden verhindern, das in den vergangenen Jahrzehnten das Thema Vernunft ziemlich unerfreulich gemacht hat.
2. “Vernunft,” schreibt Welsch (73), “operiert nicht, wie die Rationalität, in den Schranken eines Gebietsinteresses, sondern sie zielt auf den unbeschränkten Gebrauch des logischen Potentials …Sie überführt die Formen der Rationalität in ihre wahrhaft vernünftige Form.” Für mich bedeutet das: Vernunft ist nicht zuständig für was man denkt, sondern für wie man denkt. Das scheint mir eine wichtige Feststellung.
3. Ein Beispiel, das die Brauchbarkeit der Unterscheidung gut illustriert, sind die gegenwärtigen Bewegungen, die rabiat gegen Vernunft ins Feld ziehen (3). In den Auseinandersetzungen, die antirationalistisch Gesinnte hin und wieder auf wissenschaftlichen Konferenzen starten, werden die Vertreter der Vernunft ja nicht mit Gedichten, Gesang oder handgreiflich angegriffen, sondern mit Argumenten, denen die Angreifer überzeugende Wirkung zuschreiben. Das heißt die einen wie die anderen verlassen sich unwillkürlich darauf, daß das, was sie sagen, auch von den Gegnern rational interpretiert wird. Ich sehe darin eine der praktischen Situationen, in denen sich das manifestiert, was Welsch die “Unumgänglichkeit der Vernunft” nennt (7).
4. In seinem “Zwischenresümee” (32) zieht Welsch in Bezug auf “reziproke Interpretationen” und die durch sie ermöglichte Einsicht die Bilanz, “daß keine Position irgendwelcher Art aus der Misere gleichermaßen intern stimmiger wie extern verzerrender Wechselrepräsentationen herauszuführen vermag.” Daß die Verfechter einer liebgewonnen Anschauung durch die Betrachtung anderer Orientierungen oft zu dieser Einsicht gelangen, scheint mir etwas zu optimistisch zu sein. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt meines Erachtens, daß die Vertreter einer etablierten theoretischen Position es nur mit großer Anstrengung und darum selten zu einer angemessenen Interpretation neuer theoretischer Vorschläge bringen und daß sehr wenige zu der abgeklärten Einsicht gelangen, “[f]unktional mag mal diese oder jene Position zu bevorzugen sein. “
5. Wenn Welsch gegen die Unvermeidlichkeit der Kulturgebundenheit argumentiert: “…die wirkliche Erkenntnis dieser Einseitigkeit als einer solchen verdankt sich der Kraft der Reflexion, die darin nicht noch einmal kulturgebunden ist” (53), so überzeugt mich das nicht. Wer die Behauptung aufstellt, daß “alles Denken [kultur]gebunden sei” (54), spricht auf Grund menschlicher Erfahrung und der theoretischen Modelle, die er oder sie im Bezug auf menschliches Denken und menschliche Kognition für viabel hält. Vertritt er, wie zum Beispiel ich, die Ansicht, daß sämtliche Begriffe, aus denen wir unser Denken zusammensetzen, Abstraktionen von eigenen Erfahrungen und Reflexionen über unsere mentalen Operationen sind, dann folgt aus der Gegebenheit, daß unsere Erfahrungen nicht in vollkommener Isolation, sondern in einer Umwelt von Gesellschaft und Kultur gemacht werden, daß unzählige begriffliche Bestandteile unseres Denkens in der einen oder anderen Hinsicht immer kulturgebunden sein werden.
6. Ich sehe einen Widerspruch zwischen der Charakterisierung: “Vernunft zielt auf Totalität. Sie will alles in den Blick nehmen …will herausfinden, wie die Dinge im letzten zusammenhängen” (70) und der Erklärung (mit der ich übereinstimme), daß sie nicht “in den Schranken eines Gebietsinteresses [operiert], sondern …auf den unbeschränkten Gebrauch des logischen Potentials [zielt] “ (73). Die Unbeschränktheit des Gebrauchs lege ich nicht so aus, als müsse oder könne das logische Potential der Vernunft auch Zusammenhänge in den Vor- und Darstellungen der Künstler und Mystiker herausfinden. Daß Rationalisten in dieser Richtung zuweilen mehr behaupten, als sich verantworten läßt, ist von meinem Gesichtspunkt aus Grund zu Kritik.
7. Auch die Bezeichnung “transversal,” die Welsch in Abschnitt IV (76–96). einführt und erklärt, verstehe ich als Hinweis darauf, daß Vernunft, insofern sie als Schiedsrichter agiert, den bereits gemachten Gebrauch ihres logischen Potentials prüft und begutachtet und sich nicht direkt mit der Erweiterung der Anwendung dieses Potentials auf neue Ding-Gebiete befaßt. Diese Orts- und Funktionsbestimmung der Vernunft scheint mir ein wichtiger und sehr willkommener Aspekt von Welschs Arbeit zu sein, denn er ist dazu angetan, den guten Ruf der Vernunft zumindest bei vernünftigen Denkern zu untermauern.
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