CEPA eprint 1522 (EVG-235)

Gesellschaft als subjektive Erfahrung [Society as subjective experience]

Glasersfeld E. von (2000) Gesellschaft als subjektive Erfahrung [Society as subjective experience]. Contribition to Festschrift for Siegfried Schmidt at http://www.sjschmidt.net Available at http://cepa.info/1522
Table of Contents
1. Bewegung als Werkzeug der Begriffsbildung
2. Der pragmatische Begriff der Viabilität
3. Die Bevölkerung der Erlebenswelt
4. Wie verstehen wir Gesellschaft?
Zusammenfassung
Literatur
In den ersten Absätzen seines Beitrags zu dem Buch “Das große stille Bild” (1996, S.150-160) gibt Siegfried Schmidt eine kurze aber durchaus treffende Skizze der konstruktivistischen Position, von der aus er dann im Rest des Essays die Rolle von Bildern in der Werbung analysiert. Ich nehme seine Skizze und was er über das Sehen sagt zum Ausgangspunkt für Betrachtungen, die nicht spezifisch mit dem sozialen Phänomen der Werbung zu tun haben, sondern mit der von anderen Autoren oft betonten vermeintlichen Spaltung zwischen sozial ausgerichtetem und radikalem Konstruktivismus. Untersucht man nämlich, wie wir zu der Auffassung kommen, Bilder seien Abbilder von Dingen, die eine eigene, unabhängige Existenz haben, stößt man auf die Möglichkeit, auch das Verhältnis zwischen dem denkenden Subjekt und seiner Gesellschaft auf eine Weise zu sehen, die auch für Soziologen nicht belanglos ist.
Schmidt gehört zu den wenigen, die zwischen den beiden Richtungen des Konstruktivismus keinen notwendigen Gegensatz sehen; doch er hat des öfteren darauf hingewiesen, daß der radikale Konstruktivismus dem sozialen Element mehr Aufmerksamkeit widmen sollte. Meine Ausführungen wollen als Versuch in dieser Richtung verstanden werden.
1. Bewegung als Werkzeug der Begriffsbildung
In dem erwähnten Beitrag zitiert Schmidt Roland Barthes:
Beim Anblick eines Fotos, so Barthes, schlägt das Bewußtsein nicht unbedingt den nostalgischen Weg der Erinnerung ein, sondern den der Gewißheit.”… das Wesen der Photographie besteht in Bestätigung dessen, was sie wiedergibt. “Referenz ist das Grundprinzip der Fotografie. Es-ist-so-gewesen, es läßt sich nicht leugnen, “daß die Sache dagewesen ist” (S.86). Seit der Fotografie “ist die Vergangenheit so gewiß wie die Gegenwart” (1985, S.97). [[Schmidt, in Das große stille Bild, S.171]]
Fotos sind visuelle Erlebnisse. Auf Englisch haben wir das alte, unverwüstliche Klischee: “To see is to believe.” Eine Vorstellung, gleichgültig ob sie auf Grund der Wahrnehmung eines “wirklichen” Sachverhalts oder eines fotografisch oder auf andere Weise produzierten “Bildes” aufgebaut wurde, wird demnach als Darstellung von etwas gedeutet, das ein eigenes Dasein hat und also “da ist.” Selbst die Darstellungen von fliegenden Untertassen und ihren Passagieren sollen den Eindruck erwecken, daß diese Dinge als solche wahrgenommen werden können und darum “existieren.” Ebenso möchten die Gemälde von Drachen, Teufeln und Engeln als metaphorische Referenz auf “reale” Wesen verstanden werden.
Der Konstruktivismus behauptet, daß eben dieser Schluß von wahrgenommenen Dingen auf Dinge, die auch ohne die konstruktive, zusammenfassende Arbeit eines Wahrnehmers “da sein” sollten, ein Fehlschluß ist. Die Referenz einer Fotografie ist nicht ein “Ding an sich,” sondern eine Vorstellung des Betrachters, und zwar eben jene, die er oder sie bei der Wahrnehmung der fotografierten Situation hervorgebracht hat oder hervorbringen würde.
Die Beziehung, die wir Referenz nennen, wird, meine ich, besonders durchsichtig im Fall von Karikaturen. Die Sorte von Karikatur, die mir vorschwebt, ist eine spärliche Zeichnung mit wenigen Strichen, deren jeder unerläßlich zu sein scheint. Die Zeichnung ruft die Vorstellung eines Gesichts oder einer Figur hervor, die wir sofort als bekannt erkennen. Das Erstaunliche dabei ist, daß die Striche der Zeichnung keineswegs das wiedergeben, was wir sehen würden, wenn wir die Person vor Augen hätten. Die Striche stellen eine raffinierte Vereinfachung des Wahrzunehmenden dar. Das heißt sie sind eine minimale graphische Verkörperung (z.B. Graphitspuren auf einem Blatt), die uns die Möglichkeit bietet, sie ohne weiteres als bereits Erlebtes zu interpretieren, obschon wir unfähig wären, selber eine derartige Vereinfachung zu produzieren.
Und die Striche? Was sind diese Striche, in denen wir den Charakter einer Person wiederfinden? Man könnte sagen, die Striche bestehen aus Pigmentpartikeln, die von einem neutralen Hintergrund unterschieden werden können. Das Material jedoch ist nebensächlich. Die Karikatur hat denselben Effekt, wenn sie statt schwarz auf weiß, weiß auf schwarz gezeichnet wurde, oder wenn wir sie in roter oder grüner Farbe dicker oder dünner gedruckt sehen. Maßgebende ist lediglich die Anordnung. Was Karikaturisten oder Porträtmaler produzieren ist in der konstruktivistischen Sicht also nur metaphorisch ein “Bild” ihres Modells. Genau gesagt, schaffen sie eine Arrangement visueller Unterschiede von Helligkeitswerten oder Farbtönen, die so beschaffen ist, daß der Wahrnehmende, der stets unwillkürlich nach möglichen Verbindungen von Einzelheiten sucht, geleitet wird, die gleichen Sehbewegungen (scan paths) auszuführen, die er oder sie angesichts der “dargestellten” Person machen würde.
Das mag allzu kompliziert und vielleicht sogar unglaublich klingen. Darum habe ich zwei Illustrationen aus der psychologischen Literatur ausgegraben, die das Ziehen von Verbindungen in der visuellen Wahrnehmung recht deutlich spürbar machen. Bei Abb.1 ist die Anstrengung nicht besonders groß, denn die Möglichkeiten, eine sinnvolle Form zu “sehen,” sind praktisch auf eine reduziert.
Figure 1: “Unvollständige Form” (Vernon, 1962, S.63)
In Abb.2 werden die meisten sich etwas länger bemühen müssen, um etwas Erkennbares zu finden. Sobald man es jedoch erkannt hat, wird die Anstrengung vergessen und man glaubt, man hätte einen Dalmatiner erkannt, der tatsächlich auf dem Bild ist. Erst eine weitere Überlegung macht klar, daß die Linien, die den relevanten Umriß ergeben, nicht vorhanden sind und darum vom Beschauer selbst hergestellt werden müssen.
Figure 2: “Organisation einer visuellen Empfindung” (Photo R. James, C. Blakemore, 1977, S.66)
Ich habe oft darüber gestaunt, daß Kant (1787, S.112, §138) bereits die geniale Einsicht hatte, daß eine Linie vom Wahrnehmenden “gezogen” werden muß, bevor sie gesehen werden kann. Wie die beiden Figuren zeigen, muß dieses “Ziehen” nicht nur vom Künstler während des Zeichnens ausgeführt werden, sondern auch vom Beschauer während des Betrachtens, und zwar durch die Verschiebung (scan path) seines Aufmerksamkeitszentrums im Akt der Wahrnehmung.
In dem eingangs erwähnten Artikel, gibt Schmidt eine Abbildung aus einem Buch von David Hubel (1989) wieder, in der die Augenbewegungen eingezeichnet sind, die eine Versuchsperson beim Betrachten eines Porträts ausführt. Die verzeichneten Wege folgen wohl hier und dort ungefähr den Helligkeitskontrasten, stellen aber keineswegs die Linien dar, die das Bild als Gesicht erkenntlich machen. Woher kommen nun diese Linien, die der Wahrnehmende zu sehen glaubt? In meinem Modell werden sie von der Aufmerksamkeit gezogen, die stets einen gewissen Spielraum relativ zu den Augenbewegungen hat.
Daß Aufmerksamkeit ihren Fokus ohne Augenbewegung willkürlich im Gesichtsfeld herumbewegen kann, wurde seit den Fünfzigerjahren von Wahrnehmungspsychologen zumindest in Deutschland, Rußland und Kanada in raffinierten Experimenten nachgewiesen.[Note 1] Obschon diese Fähigkeit in den heutigen Textbüchern der Psychologie, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt wird, ist sie eine der Erfahrungstatsachen, die für das konstruktivistische Modell der Begriffsbildung grundlegend sind. Der Fokus der Aufmerksamkeit bewegt sich und schafft Verbindungen nicht nur auf der Ebene der Sinneswahrnehmungen, sondern auch auf den darübergelagerten Ebenen der mentalen Operationen. “Darübergelagert” ist freilich metaphorisch gemeint, denn Aufmerksamkeit, Denken und Reflektieren werden ja zumeist als Vorgänge im Gehirn betrachtet und wiewohl ein Netzwerk von Neuronen zwar hierarchisch geordnete Prozesse ausführen kann, sollte man sich diese logisch aber nicht als räumlich gestaffelt vorstellen.
Meine Ausführung wird vielleicht durchsichtiger, wenn ich daran erinnere, daß das, was wir ganz allgemein “Assoziation” nennen, seit David Hume auf räumlicher oder zeitlicher Kontiguität im Erleben beruht. Zumindest im bewußten Erleben ist es nun meines Erachtens die Aufmerksamkeit, die durch ihre Verschiebung in einem Feld praktisch unbegrenzter Möglichkeiten Einzelheiten unmittelbar nach einander fokussiert und dadurch verkettet und “assoziiert.” Nimmt man dieses Prinzip als Arbeitshypothese, so kommt man zu dem Schluß, daß derartige Verbindungen nicht nur im Wahrnehmungsfeld sondern auch zwischen gegenwärtigen und erinnerten Elementen gemacht werden können. Daher sehe ich (im Einklang mit Silvio Ceccato) in der Dynamik der Aufmerksamkeit das grundlegende Werkzeug der Begriffsbildung.[Note 2]
Die Bewegung der Aufmerksamkeit, die es ermöglicht, in einer Ansammlung an und für sich sinnloser schwarzer Flecken auf weißem Papier bekannte Gegenstände zu “erkennen” (d.h. zu konstruieren), leistet den gleichen Dienst, auch wenn wir nicht auf Abbildungen sondern zum Beispiel aus dem Fenster schauen. Da sehen wir etwa einige Bäume, einen Zaun dahinter, und dann eine Straße, auf der gerade zwei bunt gekleidete Radfahrer vorübergleiten. All das sind Gegenstände, die wir auf Grund von Helligkeits- und Farbunterschieden durch von uns “gezogene” Verbindungslinien zusammensetzen. Wir sagen, wir “erkennen” diese Dinge, und merken fast nie, daß wir die Verbindungslinien auch auf andere Weisen hätten ziehen können. Die Praxis des Erlebens besteht zu großem Teil darin, im formlosen Wirrwarr wahrnehmbarer Unterschiede nur jene Verbindungsmöglichkeiten zu “sehen,” die bereits bekannten Mustern entsprechen.[Note 3] (Abbildungen 1 & 2 sollten das recht deutlich gezeigt haben.)
2. Der pragmatische Begriff der Viabilität
Um diese Behauptungen plausibel zu machen, muß die konstruktivistische Theorie ein Modell liefern, das erklärt, wie und wieso “bekannte Begriffsmuster” im Laufe der kognitiven Entwicklung entstehen. Dieses Modell ist einfach und längst bekannt. Doch da es durchwegs aus der naiv-realistischen Perspektive gesehen wurde, blieb seine konstruktive Bedeutung zumeist unbeachtet.
Edward Thorndike (1931), zum Beispiel, sagte klipp und klar, daß lebende Organismen dazu neigen, jene Handlungen zu wiederholen, die “befriedigende” Konsequenzen mit sich bringen. Das gilt nicht minder auch für die mentale Operation des Linienziehens. In der Praxis des alltäglichen Lebens war dieses Prinzip zweifellos seit den Anfängen menschlicher Kultur bekannt. Nomaden nützten es vielleicht als erste aus, als sie Pferde zum Reiten abrichteten. Jesuiten verwendeten in ihren Schulen die negative Seite des Prinzips, indem sie unerwünschte Handlungsweisen der Zöglinge mit Folgen koppelten, die für die Delinquenten körperlich oder seelisch unangenehm waren. Doch erst Thorndike formulierte es wissenschaftlich als das “Gesetz der Wirkung” (Law of Effect”). Die Behavioristen übernahmen es stillschweigend, vermieden es aber peinlichst von Befriedigung zu sprechen, indem sie das Fachwort “Verstärkung” einsetzten.
Auch der radikale Konstruktivismus adoptiert Thorndike’s “Gesetz,” macht aber wie dieser kein Hehl daraus, daß Wiederholung kognitiver Operationen durch angenehme Konsequenzen motiviert ist und Vermeidung durch unangenehme. Auf der biologischen Ebene wird das Handeln der Lebewesen durch seine Auswirkungen auf Lebensfähigkeit “natürlich” ausgewählt. Auf der kognitiven Ebene jedoch bestimmt die kognitive Viabilität die Auswahl. Viabilität (hier etwa “Brauchbarkeit”) kann nur mit Hinsicht auf Ziele beurteilt werden; und Ziele, welcher Art sie auch seinen mögen, setzen elementare Werte voraus: Dinge, Zustände, Vorgänge, die man entweder erleben oder vermeiden möchte. Im Konstruktivistischen Modell sind diese elementaren Werte (ebenso wie Bewußtsein und Gedächtnis) eine unerläßliche theoretische Voraussetzung.
Das Ziehen von Verbindungslinien in der Wahrnehmung hat das Ziel, zusammenhängende Muster zu sehen, und wo immer möglich Muster, die bereits bekannt sind. Das heißt solche, von denen vorhergehende Erfahrung hat gezeigt, daß man sinnvolle Handlungen auf sie gründen kann. Eine der Hauptaufgaben der Wahrnehmung ist es ja, aus ihr zu ersehen, welche Handlungsweisen im Augenblick viabel erscheinen. Kurz, das Wahrgenommene dient als Basis für Vorhersagen.
3. Die Bevölkerung der Erlebenswelt
Der Säugling, dessen visuelle Erfahrung am Anfang ist, muß langsam lernen, in seinem Sehfeld wiederholbare Muster zu sehen und diese einigermaßen mit der Wahrnehmung eigener Bewegungen zu koordinieren. Das dauert mehrere Monate. Sobald es zu funktionieren beginnt, wächst das Repertoire erkennbarer Muster ganz rapid und der Säugling “kennt” bald eine ansehnliche Menge von Dingen, die er anfassen, aufheben und bewegen kann. Nun kommen aber auch Dinge in die Erfahrungswelt des Kindes, die sich von selbst bewegen und den Zugriff vermeiden oder ihm entweichen können; die Katze etwa, deren Schwanz zu heftig gezogen wurde, oder die Meise, die zutraulich auf dem Balkongeländer landete. Nachdem derartige Erlebnisse allmählich von jenen unterschieden worden sind, in denen etwas zu Boden fällt, weil es nicht fest genug gehalten wurde, ist das Kind in der Lage, die Kategorie sich selbstbewegender Dinge zu schaffen, die es später Lebewesen nennen wird.
Im Laufe vieler weiterer Erfahrungen werden diesen Wesen dann allmählich die Fähigkeiten des Sehens, Hörens und Riechens zugeschrieben und schließlich auch Gefühle und Absichten. Inzwischen ist die Sprache hinzugekommen und somit eine Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren. Die Sprache macht es dann auch möglich, das Netzwerk der Kategorien nicht nur auf Grund eigener Erfahrungen, sondern auch mit Hilfe von Hinweisen und Erklärungen anderer Sprecher auszubauen und zu verfeinern. Dabei darf freilich nicht vergessen werden, daß das, was andere sagen, von dem Heranwachsenden nur im Rahmen von Begriffen interpretiert werden kann, die er oder sie in eigenem Erleben bereits geformt hat. Das heißt unter anderem, daß der Urgrund der Wortbedeutungen trotz aller Angleichung im Laufe der Interaktionen mit anderen Sprechern subjektiv bleibt.
Diese Auffassung von Sprache bildet einen der Gegensätze zur Schule der “Social Constructionists,” deren führender Vertreter Kenneth Gergen ist. Er charakterisiert die diesbezügliche radikal-konstruktivistische Position indem er ihr unter anderem die Ansicht zuschreibt, wir seien frei, beliebige Zusammensetzungen von Lauten oder Zeichen ohne Rücksicht auf die Gelegenheit zu benützen. Im Prinzip, meint er, sei es gleichgültig,
ob das, was gerade vor mir steht, ein Tisch ist, ein Stück Käse oder ein Greif. In der Praxis freilich sind wir nicht frei. Dank der ausgehandelten weithin geteilten Vereinbarungen innerhalb der Kultur, stimmen wir überein und nennen es – was langweilig sein mag – einen Schreibtisch. (Gergen, 1995, S.24).
Was Gergen übergeht, ist der Begriff der Viabilität, der in meinem Kognitionsmodell nicht nur die Konstruktion von Begriffen einschränkt, sondern auch die Bedeutungen von Wörtern. Die ersten Assoziationen von Wortlauten und Erfahrungsgegenständen, die das Kleinkind bildet, sind vom Standpunkt der Erwachsenen oft fehlerhaft oder ungenau. Erst im Lauf der Verwendung lernt es, sie an den gängigen Sprachgebrauch anzupassen – nicht durch Vereinbarung, sondern dadurch, daß idiosynkratische Wörter den erwarteten Dienst nicht leisten und eben nicht “viabel” sind (z.B. wenn es “Tisch” sagt, weil es etwas von dem Käse haben möchte, der in seiner bisherigen Erfahrung stets auf dem Eßtisch stand, und dann nichts bekommt, das seinem Wunsch entspricht).
Auch die extreme Behauptung, daß “Was ich sage, solange Unsinn bleibt, bis du zustimmst, daß es sinnvoll ist” (Gergen, a.a.O.), trifft daneben und wird in jeder ernsten philosophischen Debatte durch das Gehaben beider Lager oft und deutlich widerlegt. Für den Einzelnen hat ein Wort oft eine ganz präzise Bedeutung lange bevor es ihm gelingt, anderen zu einem annähernden Verständnis dessen zu verhelfen, was er meint. Zum Glück ist es nicht nötig, daß jedermanns Bedeutungen identisch sind, denn in der Praxis des Zusammenlebens genügt es vollauf, wenn das, was einer sagt, in den anderen die erhoffte Reaktion bewirkt.
Es ist ein grobes Mißverständnis, wenn dem Radikalen Konstruktivismus Beliebigkeit zugeschrieben wird. Weder den Aufbau und die Struktur der Erfahrungswelt, noch das Konzipieren von Sprachregeln und Wortbedeutungen betrachtet er als beliebig. In beiden Sparten müssen die Konstrukte sich in der individuellen Anwendung bewähren, bevor sie als “wirklich” beibehalten werden.
4. Wie verstehen wir Gesellschaft?
Die kognitive Entwicklung ist selbstverständlich verzweigter und komplizierter, als ich sie hier beschrieben habe, doch ich hoffe die Anschauung zu umrissen haben, daß wir unsere Mitmenschen zunächst in unserer Erfahrungswelt als solche unterscheiden und charakterisieren müssen, bevor wir dem Begriff “Gesellschaft” Sinn geben können.
Anfangs kann da kaum mehr als übergeordnete Einheit begriffen werden, als die Handvoll Leute, die wir im obigen Sinn “erkennen” gelernt haben und denen eine Reihe von gemeinsamen Eigenschaften sowie individuelle Unterschiede zugeschrieben werden können. Dann kommen jene dazu, die, obschon wir sie nur flüchtig gesehen oder von ihnen lediglich gehört oder gelesen haben, in unseren Augen eine Gemeinschaft bilden, die wir ohne selbst-erlebte Gründe gegen den Rest der Erdbevölkerung abgrenzen möchten. Damit haben wir die unterste Schicht des Gesellschaftsbegriffs geschaffen, der dann in unterschiedlichen Richtung ausgebaut werden kann, jedoch die Verbindung zu den ersten, aus subjektiven Erfahrungen abstrahierten Verallgemeinerungen nie ganz löst.
Ich kann nicht vorgeben, soziologisch gut bewandert zu sein, doch von allem, was ich in dieser Sparte gelesen habe, scheint mir der folgende Absatz aus Georg Simmels Werk die einleuchtendste Grundlage für wissenstheoretische Betrachtungen zu sein:
Ich bezeichne nun alles das, was in den Individuen, den unmittelbar konkreten Orten aller historischen Wirklichkeit, als Trieb, Interesse, Zweck, Neigung, psychische Zuständigkeit und Bewegung derart vorhanden ist, daß daraus oder daran die Wirkung auf andere und das Empfangen ihrer Wirkungen entsteht – dieses bezeichne ich als den Inhalt, gleichsam die Materie der Vergesellschaftung. An und für sich sind diese Stoffe, mit denen das Leben sich füllt, diese Motivierungen, die es treiben, noch nicht sozialen Wesens. Weder Hunger noch Liebe, weder Arbeit noch Religiosität, weder die Technik noch die Funktionen und Resultate der Intelligenz bedeuten ihrem unmittelbaren Sinne nach schon Vergesellschaftung; vielmehr, sie bilden diese erst, indem sie das isolierte Nebeneinander der Individuen zu bestimmten Formen des Miteinander und Füreinander gestalten, die unter den allgemeinen Begriff der Wechselwirkung gehören. Die Vergesellschaftung ist also die in unzähligen verschiedenen Arten sich verwirklichende Form, in der die Individuen auf Grund jener – sinnlichen oder idealen, momentanen oder dauernden, bewußten oder unbewußten, kausal treibenden oder teleologisch ziehenden – Interessen zu einer Einheit zusammenwachsen und innerhalb deren diese Interessen sich verwirklichen. (Simmel, 1917, S.51-52)
Zwei Punkte möchte ich aus diesem außerordentlich dichten Passus hervorheben. Erstens, daß die “Vergesellschaftung” aus Elementen erwächst (Trieb, Interesse, Zweck, Neigung, usw.), die in den Individuen beheimatet sind; und zweitens, daß diese Elemente – vor allem die Funktion der Intelligenz – an sich noch nicht soziale Phänomene sind, sondern die Basis zur Vergesellschaftung bilden.
An dieser Stelle möchte ich wiederholen, daß der radikale Konstruktivismus nicht eine reale Welt zu beschreiben vorgibt, sondern lediglich ein Modell vorschlägt, wie man sich den Aufbau von Wissen vorstellen kann. Zu diesem Aufbau gehört nun selbstverständlich auch der Begriff der Gesellschaft. Ebenso wie Wortbedeutungen von Heranwachsenden nur aus ihren eigenen Erfahrungen und der Interpretation gehörter und gelesener Wörter abstrahiert werden können, muß der Begriff “Gesellschaft” von jedem Einzelnen auf Grund eigener Erfahrungen und Verallgemeinerungen gebildet werden. Dabei ist es gleichgültig, ob man glaubt, die Gesellschaft existiere als solche oder nicht – ein Wissen von ihr kann man nur aus eigenem Erleben bilden. Das gilt nicht nur für Kinder und unbelastete Erwachsene, sondern auch für Soziologen.
Vereinfacht – und darum zweifellos etwas naiv betrachtet – ist das, was als wissenschaftliche Soziologie geschrieben und verkündet wird, die Summe dessen, was ein aufmerksamer Beobachter mit Hilfe von mehr oder weniger anerkannten Methoden aus seinen Erlebnissen, Experimenten, statistischen Untersuchungen, usw., herauskristallisiert und so formuliert, daß eine Anzahl von Berufskollegen es auf eine sie befriedigenden Weise interpretieren können. Gleichgültig, wie groß die Zahl der Zustimmenden auch sein mag, das Begriffsgebäude, das ihnen gemeinsamer Besitz zu sein scheint, ist nicht die Beschreibung einer “objektiven” Sachlage, sondern ein Komplex von individuellen Interpretationen, der im Laufe von Diskussionen, gegenseitiger Kritik und anderen Unterhandlungen schließlich für alle Beteiligten eine gewisse Viabilität gewonnen hat.
Diese relative interpersönliche Anpassung kann die eigentliche Subjektivität der Begriffe nicht eliminieren. So schreibt z.B. Luhmann: “Soziologie versteht sich ganz vorherrschend als empirische Wissenschaft, versteht dann aber den Begriff des “Empirischen” sehr eng als Interpretation einer selbstgeschaffenen Realität” (1992, S.19)[Note 4] .
Darum ist es von meinem Gesichtspunkt aus irreführend, wenn Social Constructionists oder andere sozial ausgerichtete Konstruktivisten von Gesellschaft, Sprache oder Wissen sprechen, als “existierten” diese unabhängig von den Individuen in einer allen zugänglichen Umwelt. Derartige Aussagen lassen sich mit der agnostischen Grundposition gegenüber Ontologie nicht vereinbaren. Als Naturwissenschaftler kann ich wohl für die Gegenstände, deren Verhalten ich studiere, eine von meiner Erfahrungswelt abgeleitete, stabile Umwelt sowie kausale Interaktionen mit ihr postulieren und ein mehr oder weniger viables Modell des jeweiligen physischen Bereichs aufbauen. Physiker, Astronomen, Chemiker und Mechaniker tun das ja mit großem Erfolg. Für Sozialkonstruktivisten jedoch ist es aus zwei Gründen unzulässig, Interaktionen zwischen den eigenen Abstraktionen und den anderen Individuen der Gesellschaft zu postulieren. Erstens müssen diese Anderen ihre Umwelt und alle Abstraktionen wie Sprache und Wissen ja laut der konstruktivistischen These aus ihrer Erfahrung gewinnen; und zweitens sind die Interaktionen mit diesen Konstrukten dann nicht kausaler sondern “psychologischer” Art, d.h. sie werden durch individuelle Werte, Zielsetzungen und Gefühle bestimmt.
Zusammenfassung
Ich hoffe, es ist mir zu zeigen gelungen, daß die komplexen Begriffen, die in der Soziologie eine große Rolle spielen, auf eine Weise zusammengestellt werden können, die der Konstruktion von Bildvorstellungen ähnlich ist. Allerdings werden die Verbindungen der Elemente in ihnen nicht durch das “Ziehen” von Linien geschaffen, sondern durch mentale Operationen, welche die Aufmerksamkeit auf Schienen der Abstraktion von einem zum anderen führen. Dabei geht es mir, wie gesagt, nicht um die Beschreibung dessen, was realiter existieren mag, sondern einzig und allein darum, ein möglichst kohärentes Modell des Wissens zu entwerfen und zu zeigen, wie Sie und ich und alle anderen Individuen zu dem ihren gekommen sein könnten. Jedes derartige Modell beruht auf Voraussetzungen – mein epistemisches z.B. auf der Annahme von Bewußtsein, Gedächtnis und elementaren Werten. Diese Voraussetzungen können nur dadurch begründet werden, daß sie den Aufbau einer in sich kohärenten Theorie möglich machen. Sie sind also keineswegs ontische Grundsteine sondern praktische Arbeitshypothesen
Was ich hier geschrieben habe, stellt die Ansicht eines Einzelnen dar, der mit der “postmodernen” Bewegung nichts mehr gemein haben möchte. Vor zehn Jahren dünkte mich diese Bezeichnung für den radikalen Konstruktivismus annehmbar, da sie mir den Bruch mit der herkömmlichen Auffassung, daß die Vernunft das Mittel der Welterkenntnis sei, zu betonen schien. Doch ich verstand das keineswegs als “Emanzipation von der Vernunft” (Luhmann, zitiert in Schmidt & Spieß, 1995, S.231). Das von mir verfochtene Modell will ja gerade eine Theorie des rationalen Wissens sein. Schon die Einsicht, daß man über das, was in der Realität existieren mag, nur schweigen kann, ist auf rationale Argumente gegründet und läßt alle mystische Eingebung dahingestellt. Gerade in dieser Hinsicht sind Siegfried Schmidts weitverzweigte Arbeiten über Kommunikation von größter Wichtigkeit, da er das rational Verständliche stets von den Versuchen jener trennt, die begriffliche Elemente wie Sprache, Verständigung und schließlich auch Gesellschaft als ontische Gegebenheiten hinstellen.
Literatur
Barthes, R. (1989). Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Blakemore, C. (1977) Mechanics of the brain, Cambridge: Cambridge University Press.
Ceccato, S. (1966) Un tecnico fra i filosofi, Bd.2. Padua: Marsilio.
Gergen, K.J. (1995) Social construction and the educational process. In L.P.Steffe & J.Gale (Hg.), Constructivism in education (17-39). Hillsdale, New Jersey: Lawrence Erlbaum.
Glasersfeld, E.von (1995) Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt/M: Suhrkamp.
Hubel, D.H. (1989) Auge und Gehirn. Neurobiologie des Sehens. Heidelberg: Spektrum Akademischer Vlg.
Kant, I. (1787) Kritik der reinen Vernunft. Akademieausgabe, Bd.3. Berlin: Walter de Gruter, 1968.
Luhmann, N. (1992) Beobachtungen der Moderne. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Schmidt, S.J. (1996) Cover contra Spot – Über den optischen Mehrwert des stillen Werbebildes, in N. Bolz & U. Rüffer (Hg.) Das große stille Bild (S.150-160), München: Wilhelm Fink Verlag.
Schmidt, S.J. & Spieß, B. (1995) Geschichte der Fernsehwerbung in der Bundesrepublik Deutschland: Eine Skizze. In H.D.Erlinger & H.F.Foltin (Hg.) Unterhaltung, Werbung und Zielgruppenprogramme ((187-242). München: Wilhelm Fink Verlag.
Simmel, Georg (1917): Grundfragen der Soziologie (Individuum und Gesellschaft). Berlin und Leipzig: Göschen’sche Verlagsbuchhandlung (Sammlung Göschen)
Thorndike, E.L. (1931) Human learning. New York: Century.
Vernon, M.D. (1962) The psychology of perception. Harmondsworth: Penguin Books.
Endnotes
1
Eine Beschreibung dieser Experimente findet sich in Glasersfeld, 1995, S.269.
2
Ceccato entwickelte seine Aufmerksamkeitstheorie um 1960. Meines Wissens ist bisher keine seiner Beschreibungen aus dem Italienischen übersetzt worden. Die beste Zusammenfassung erschien in der Einleitung zum zweiten Band seines frühen Hauptwerks (Ceccato, 1966, S.20-26).
3
James Mark Baldwin und nach ihm Jean Piaget haben diese Anpassung des Wahrgenommenen an bekannte Begriffe “Assimilation” genannt.
4
Im gleichen Aufsatz schreibt Luhmann allerdings später: “Auch wenn die Selbstbeschreibung der Gesellschaft sich nur noch aus einem rekursiven Netzwerk der Beobachtungen von Beobachtungen oder der Beschreibungen von Beschreibungen speist, wäre zu erwarten, daß sich beim Betrieb dieser Operationen Eigenwerte ergeben, das heißt Positionen, die sich bei weiterem Beobachten des Beobachtens nicht mehr verändern, sondern stabil bleiben” (Luhmann, 1992, S.46). Ich verstehe das als elegante aber etwas lockere Metapher, denn die Rekursion von Beobachtungs- oder Beschreibungsoperationen ist nicht an feste Regeln gebunden wie jene der Funktionen, die mathematische Eigenwerte hervorbringen.
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