CEPA eprint 1523 (EVG-236)

Wir machen, was wir sehen. Lockere Einführung in den Konstruktivismus [We make what we see. A casual introduction to constructivism]

Glasersfeld E. von & Stadler M. (2000) Wir machen, was wir sehen. Lockere Einführung in den Konstruktivismus [We make what we see. A casual introduction to constructivism]. In: Heute ist Morgen [Today is tomorrow]. Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik, Bonn: 137–149. Available at http://cepa.info/1523
Daß wir nun 2000 als Datum schreiben, kann man zum Anlaß nehmen, die historische Vergangenheit in ganz großen Zügen zu betrachten. Wer sich für Technologie und Maschinen interessiert, wird sagen, die letzten zweihundert Jahre haben mehr geschaffen als die zwei Jahrtausende davor. Biologen, Chemiker und Mediziner würden das wahrscheinlich von den letzten hundert Jahren sagen; und sämtliche anderen Wissenschaftler würden zustimmen, daß die jüngste Vergangenheit einen gewaltigen Zuwachs an Wissen gebracht hat. Nur in der Philosophie sieht es anders aus. Die Hauptprobleme der Erkenntnis haben sich in zweitausendfünfhundert Jahren kaum verändert und ihre Lösung scheint so fern wie je. Da regt sich nun der Verdacht, die Schwierigkeit könne in der Fragestellung liegen.
Von Anfang an waren die Hauptfragen der Epistemologie: Wie kommen wir zu unserem Bild von der Welt und wie wahrheitsgetreu ist es? Diese Fragen setzten einiges voraus, woran wir längst nicht mehr denken. Vor allem ist da zunächst die Annahme, daß etwas schon da sein muß, um erkannt zu werden. Es muß eine dauerhafte Form haben, und diese Form muß von einer Art sein, die wir erkennen können.
Diese Voraussetzungen erscheinen selbstverständlich, denn sie entspringen dem oft nicht weiter hinterfragten Glauben, daß die objektive Welt, in der wir leben, so beschaffen ist, daß wir menschliche Wesen sie wahrnehmen und begreifen können. Sobald man diese Bedingung klar formuliert, kommen Zweifel auf. Wer nicht felsenfest davon überzeugt ist, daß die Welt von einem menschenfreundlichen Gott erschaffen wurde, hat kaum Grund, es als selbstverständlich anzunehmen, daß sie von uns begriffen werden kann.
In eben dieser Hinsicht hat die Physik, die “härteste” der Wissenschaften, die Grundlage erschüttert. Der Umbruch, den die Quantentheorie um 1930 im Weltbild der Physiker bewirkte, hat dem Begriff der atomischen Bausteine, die ja auch für uns Nichtphysiker das Rohmaterial der Weltvorstellungen bildeten, die Begreifbarkeit genommen. Erwin Schrödinger, zum Beispiel, schrieb: “Wie wir sehen sind Partikel keine identifizierbaren Individuen. Es ist in der Tat wahrscheinlich, daß wir uns keine Vorstellung von einem individuellen Ding machen können, das die (für den Physiker) nötigen Bedingungen hinreichend erfüllt” (Schrödinger, 1957; S.205).
Damit sind eben die Voraussetzungen, die als selbstverständlich betrachtet wurden, fraglich wenn nicht hinfällig geworden und wir sind gezwungen, die Möglichkeit “wahrer” Erkenntnis vom Gesichtspunkt der Logik aus zu untersuchen. Das heißt wir stehen wie die ersten Erkenntnistheoretiker vor der Grundfrage der Epistemologie, haben aber den Vorteil, zumindest einige der irreführenden Voraussetzungen losgeworden zu sein. Die nun von weniger Vorurteilen gehemmte Betrachtung führt recht schnell zu der Einsicht, daß die Beantwortung der herkömmlichen epistemologischen Frage etwas verlangen würde, das die menschlichen Möglichkeiten überschreitet: Um die Wahrhaftigkeit unserer Bilder und Vorstellungen zu prüfen, müßten diese Bilder nämlich mit dem verglichen werden, was sie darstellen sollen. Doch diesen Vergleich können wir nicht machen. Schon unter den vorsokratischen Denkern um 500 v.Chr. waren einige, die einsahen, daß der Mensch in den ihm eigenen Formen der Wahrnehmung und des Begreifens gefangen ist und darum zu einer von ihm unabhängigen Realität keinen Zugang hat, der nicht wiederum durch das gleiche formgebende Verfahren seiner Wahrnehmung und seines Begreifens führen würde. Objektivität, wie Heinz von Foerster so bündig gesagt hat, ist die Wahnidee, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden.
Um dieses Dilemma zu vermeiden, schlägt der Radikale Konstruktivismus vor, die herkömmliche Auffassung der Erkenntnis im Bereich des rationalen Denkens aufzugeben und an ihre Stelle den Begriff jenes Wissens zu setzen, das sich in der Welt unserer Erfahrung prüfen läßt. Was jenseits sein mag, das heißt jene “Realität,” von der stets angenommen wurde, daß sie der Erfahrung zugrundeliegt, überläßt der Konstruktivismus den Metaphysikern, den Mystikern und vor allem den Künstlern, die ihre Eingebungen in mehr oder weniger einleuchtenden aber durchwegs irreduziblen Metaphern ausdrücken.
Diese Unterscheidung von rationalem Wissen und mystischer Eingebung, war genau das, was Kardinal Bellarmino vorschlug, um das kirchliche Dogma gegen wissenschaftliche Theorien zu sichern und Galileo die Folter zu ersparen. Die Idee dieser Trennung ist durchaus vernünftig. Schaut man genauer auf das, was Wissenschaftler seit jeher getan haben, so stellt man fest, daß ihre Praxis des Verstehens stets auf den Aufbau eines in tatsächlicher Erfahrung belegbaren Wissens ausgerichtet war. Angesichts der Probleme, mit denen sie sich befassen, stellen Forscher hypothetische Zusammenhänge zwischen Beobachtungen auf und bemühen sich dann, die Tragbarkeit der angenommenen Beziehungen in weiteren Beobachtungen und Experimenten zu prüfen und gegebenenfalls abzuändern, bis sie als verläßliche Regeln oder gar Gesetze formuliert werden können. Das Kriterium für wissenschaftliches Wissen war immer schon die wiederholte Anwendbarkeit im Bereich der Erfahrungen, also genau das, was der Konstruktivismus als “Viabilität” bezeichnet.
Die Geschichte der Wissenschaft zeigt sehr deutlich, daß die Viabilität der Regeln und Theorien stets im Bezug auf die Ziele ermessen wurde, die man sich jeweils setzte, das heißt, je nach der Verläßlichkeit, mit der sie das lieferten, was man von ihnen erwartete. Die geozentrische Vorstellung des Planetensystems, zum Beispiel, galt mehr als zweitausend Jahre lang als durchaus brauchbar. Erst als das Modell, das die Sonne in den Mittelpunkt rückte, die Lösung von Problemen ermöglichte, die bis dahin unzugänglich waren, begann es die alte Vorstellung zu verdrängen. Zahllose Episoden der Wissenschaftsgeschichte zeigen das gleiche: Die Viabilität, das heißt die Gültigkeit, der erklärenden Begriffsverbindungen ist unter allen Umständen mit den Bedingungen verkettet, unter denen sie gebildet werden. Wissenschaftliches Wissen ist darum relativ, und es ist irreführend, es als “Erkenntnis” zu bezeichnen, denn das erweckt den Eindruck, man habe eine ewige, vom Beobachter unabhängige Wahrheit entdeckt.
Die großen Physiker der letzten hundert Jahre haben die Relativität ihrer Forschungsergebnisse eingesehen. Jedoch außerhalb ihres engen Kreises hat diese Einsicht sich kaum verbreitet. Physiklehrer bemühen sich weiterhin, in ihren Studenten den Eindruck zu erwecken, die Wissenschaft beschreibe die Welt, wie sie ist. Sie vermeiden es (als täte es ihrer Autorität Abbruch), darauf hinzuweisen, daß die Kausalbeziehungen und Gesetze, mit denen der Physiker Ordnung in seine Erlebenswelt zu bringen sucht, sich nicht auf eine Welt “an sich” beziehen, sondern auf das Netzwerk von Begriffen, das sein Modell zusammenhält.
Auch im philosophischen Establishment geht die Suche nach objektiver Wahrheit weiter und der konstruktivistische Vorschlag wird zumeist als unzulässig abgelehnt oder als ketzerisch verworfen. Darum ist es vielleicht nicht müßig, festzustellen, daß dieser Vorschlag aus Ideen erwachsen ist, die keineswegs neu sind. Vico, Berkeley, Kant und Schopenhauer haben Schritte in dieser Richtung unternommen. Doch sie konnten sich nicht allgemein durchsetzen, denn sie ließen das Verhältnis unseres Wissen zur Wirklichkeit der Erfahrungswelt zu unbestimmt. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts griffen mehrere Denker eine Idee auf, die dieses Verhältnis veranschaulichen konnte. Es war der in der Biologie entwickelte Begriff der Anpassung. Als abstrakte Beziehung aus dem biologischen Zusammenhang gelöst, konnte er an Stelle des Begriffs der Widerspiegelung oder Repräsentation eingesetzt werden.
Es war dann Jean Piaget, der diese revolutionäre Umstellung in ihren Einzelheiten ausarbeitete und vor allem ihre vielfältigen wissenstheoretischen Implikationen in seiner Genetischen Epistemologie aufdeckte (Piaget, 1937, 1945, 1950, 1961). Indem er Anpassung als die grundlegende Aufgabe der Kognition betrachtete, konnte er die unerfüllbare Forderung nach abbildender Erkenntnis erübrigen und das Verhältnis von Wissen zur Wirklichkeit als Passen im Sinn der Kompatibilität neu konzipieren. Statt der Erkenntnis, die ein mehr oder weniger “wahres” Bild einer vom Menschen unabhängigen Realität liefern sollte, geht es nun um ein Wissen, das aus Handlungs- und Denkweisen besteht, die sich in der Erfahrungswelt des Handelnden und Denkenden bewähren.
Diese Umstellung ist eine radikale Änderung des Begriffs des Wissens. Es ist hier nicht der Ort, die weitverzweigten Auswirkungen dieser Änderung zu verfolgen. Für den Hausgebrauch genügt es klarzumachen, daß aus der neuen Perspektive das, was wir Wissen nennen, sich nicht mehr auf die Existenz von Dingen in einer vom Lebenden unabhängigen metaphysischen Realität bezieht, sondern grob gesagt, auf das, was wir in unserer Wirklichkeit, das heißt in dem Spielraum machen können, den die Realität unserem Tun und Denken zugesteht.
Der Konstruktivismus sieht seine Hauptaufgabe nun darin, aufzuzeigen, wie wir die Wirklichkeit, in der wir leben, von Kind auf aus eigener Erfahrung Stück für Stück auf Grund von viablen Begriffen und Begriffsverbindungen aufbauen können. Freilich handelt es sich dabei um hypothetische Modelle, denn das konstruktivistische Grundprinzip des Passens schließt aus, daß die Lösung eines Problems, sei sie noch so einleuchtend und befriedigend, als die einzig mögliche betrachtet wird. Wie alles Wissen sind die erarbeiteten Konstruktionsmodelle stets relativ und legen keinen Anspruch auf endgültige, absolute Wahrheit.
Zwei Fähigkeiten schaffen die grundlegenden Möglichkeiten des Begrifflichen Aufbaus: Die Wahrnehmung und die Abstraktion von den mentalen Operationen des erfahrenden Subjekts. Was den Vorgang der Abstraktion betrifft, verweisen wir im Rahmen dieses Artikels auf andere Schriften (Piaget, 1977; Glasersfeld, 1996), doch wenigstens ein Beispiel ihrer Anwendung wollen wir anführen.
Daß unsere alltägliche Wirklichkeit eine gewisse Ordnung aufweist, beruht auf den mentalen Operationen, mit denen wir den Fluß des Erlebens in einzelne Elemente schneiden und diese Elemente dann durch begriffliche Beziehungen zu Komplexen verbinden.
Indem wir unsere Aufmerksamkeit auf eine Wahrnehmung oder Empfindung richten, heben wir sie aus einem vorerst formlosen, unbestimmten Hintergrund hervor, ebenso wie etwa ein Maler, der mit Stift oder Pinsel auf einem unbeschriebenen Blatt eine Form schafft, die nun eine Einheit bildet. Wilhelm von Humboldt hat das meines Wissens als erster beschrieben:
“1. Das Wesen des Denkens besteht im Reflectieren, das heißt im Unterscheiden des Denkenden von dem Gedachten.2. Um zu reflectieren, muß der Geist in seiner fortschreitenden Thätigkeit einen Augenblick still stehen, das eben Vorgestellte in eine Einheit fassen, und auf diese Weise als Gegenstand, sich selbst entgegenstellen.3. Die Einheiten, deren er auf diesem Wege mehrere bilden kann, vergleicht er wiederum unter einander, und trennt und verbindet sie nach seinem Bedürfniss.” (Humboldt, 1795, S.581)
Kurz, wir vergleichen, ordnen und systematisieren, und schaffen auf diese Weise mehr oder weniger dauerhafte Begriffsstrukturen. Dabei spielt unter anderen der Begriff der Zahl eine wichtige Rolle. Kinder machen den ersten Schritt zur Konstruktion des Zahlbegriffs zumeist gegen Ende des zweiten Lebensjahres, nämlich wenn sie zwischen der Einzahl und der Mehrzahl bereits bekannter Wörter zu unterscheiden lernen. In der Spracherwerbsliteratur wird das kaum erwähnt, da allgemein angenommen wird, daß diese Unterscheidung im Gebrauch einfach eine Sache der Wahrnehmung sei. Eine ziemlich einfache Überlegung jedoch zeigt, daß dies nicht der Fall sein kann.
Nehmen wir an, ein Kind hat in den letzten Tagen das Wort “Glas” gelernt. Nun kommt es in die Küche, schaut auf den Tisch und ist imstande, in seinem Blickfeld dort einen Gegenstand zu isolieren, der in die Vorstellung paßt, die es jüngst mit einem Namen assoziiert hat. Voll Stolz sagt es “Glas!.” Sein Blick verschiebt sich, und trifft auf noch so einen Gegenstand – “Glas!.” Beim dritten oder vierten greift die Mutter ein und erklärt: “Ja, mein Schatz, das sind Gläser.” Das Kind hat auch dieses Wort sicher schon gehört, aber noch nie auf einen wahrgenommenen Gegenstand bezogen. Nun hat es eine Gelegenheit, daraufzukommen, daß “Glas” und “Gläser” auf eine ganz besondere Weise zusammenhängen. Das Wort “Glas” bezeichnet jedes einzelne Erlebnis eines Gegenstandes eben dieser Art, das Wort “Gläser” hingegen bezeichnet eine Folge solcher Erlebnisse.
Die Bedeutungen der beiden Wörter liegen auf zwei sehr verschiedenen Ebenen. Die richtige Anwendung der Einzahl “Glas” erfordert das Erkennen von Wahrnehmungen, die in der Sprachgruppe des Kindes gewohnheitsmäßig mit diesem Wort assoziiert werden. Die Mehrzahl “Gläser” aber ist nur in den Situationen richtig, in denen das Erkennen eines Glases mehr als einmal stattfindet. Das heißt, die Mehrzahl bezieht sich nicht auf Gegenstände, sondern auf die Wiederholung des Erkennens und verlangt somit, daß das Kind sich seiner eigenen mentalen Operationen gewahr wird.
Wie schon der Philosoph John Locke (1690. Book II, §4) erklärte, entstehen alle unsere komplexen Begriffe, die das Gerüst unseres Wissens bilden, durch Abstraktion von mentalen Operationen. Die Mehrzahl ist ein anschauliches Beispiel solcher Konstruktion.
Die zweite Quelle des Wissen sind die Sinne. Auch hier ist es die Art und Weise des Operierens, die das hervorbringt, was wir als Wahrnehmung der Wirklichkeit betrachten. Die subjektive Sicherheit, daß wir die uns umgebende Welt so wahrnehmen, wie sie tatsächlich ist, kann schon durch einfachste Beispiele erschüttert werden. Die Abbildung 1 zeigt beispielsweise ein Reizmuster, das, auf die Buchseite gedruckt, zweifelsfrei unbeweglich ist. Wenn wir das Muster aber einige Zeit anschauen und intensiv auf uns wirken lassen, bemerken wir, daß sich immer neue, rosettenartige Strukturen bilden, die sehr leicht wieder zerfallen und durch andere Strukturen ersetzt werden. Es ist so, als ob unser visuelles System nach einer richtigen Interpretation, nach einer Wahrheit sucht, die tatsächlich gar nicht vorhanden ist und die bestenfalls konstruiert werden kann.
Figure 1: Ein Muster mit vielen wechselnden Wahrnehmungsstrukturen.
Andere, weniger komplexe Muster, zeigen wenigstens zwei Interpretationen, die in der Wahrnehmung dauernd hin- und herkippen, da das Reizmuster keine schlüssige Interpretation beinhaltet (Abb. 2 und 3).
Figure 2: Der Neckerwürfel. Man sieht einen Würfel, dessen Vorder- und Hinterseite in stetem Wechsel ausgetauscht werden.
Figure 3: Hase oder Ente? Nach links blickend scheint das Bild einen Hasen, nach rechts blickend eine Ente darzustellen.
Derartige Mehrdeutigkeiten in Reizmustern sind nicht etwa die Ausnahme sondern die Regel. In jedem Reizmuster muß im Prozeß der Wahrnehmung eine Entscheidung gefällt werden, was Figur und was der dahinterliegende unstrukturierte Grund ist. Noch komplizierter werden die Verhältnisse, wenn Teile von Reizmustern verdeckt werden. Die Konstruktion eines verdeckenden Objektes ist die Voraussetzung dafür, daß ein verdecktes Objekt konstruiert und damit gesehen werden kann (Abb. 4 und 5).
Figure 4: Die geschlossenen Figurelemente werden in der Wahrnehmung als einzelne, voneinander unabhängige, Zeichen interpretiert.
Figure 5: Die Interpretation der verdeckenden Streifen ermöglicht erst die Wahrnehmung eines dahinterliegenden zusammenhängenden Würfels.
Verdeckung und Ergänzung sind zwei wesentliche Strukturierungsmechanismen des visuellen Systems. Unvollständig dargebotene Linienfragmente werden, wenn sie im Sinne einer “guten Fortsetzung” angeordnet sind, als zusammengehörig interpretiert und auch gesehen, ohne daß dem ergänzten Teilstück ein Reiz zugrundeliegt (Abb. 6). Daraus kann man schließen, daß die Interpretationen, die wir der Umwelt auferlegen, unsere Wahrnehmung der Umwelt strukturieren.
Figure 6: Das Kanizsa-Dreieck. Man sieht virtuelle Linien, die das auf der Basis stehende Dreieck vervollständigen.
Daß dies nicht nur ein theoretischer Laboreffekt ist, sondern in unserer alltäglichen Umweltwahrnehmung permanent vorkommt, zeigt die Abbildung 7. Durch Streulicht und andere Schattierungen aufgelöste Reizmuster werden in unserem visuellen System durch die Funktion der Konturergänzung zu vollständigen Objekten (hier ein gefleckter Dalmatinerhund) rekonstruiert.
Figure 7: Ein dalmatinischer Hund in einer dalmatinischen Landschaft. Wie aus lauter Flecken ein wahrgenommenes Objekt konstruiert wird.
Die Gestaltpsychologie hat viele Gesetzmäßigkeiten der Strukturierung von Reizmustern in der visuellen Wahrnehmung entdeckt. Dazu gehören das Gesetz der Nähe, das heißt virtuelle Linien werden immer zwischen relativ näherliegenden Stützpunkten des Reizmusters etabliert; das Gesetz der Geschlossenheit, das heißt ein geschlossenes Objekt konstituierende Linien werden bevorzugt ergänzt; das Gesetz der Gleichartigkeit, das heißt ähnliche Stützstellen des Reizmusters werden bevorzugt vor unterschiedlichen zu einem vollständigen Objekt zusammengefügt; das Gesetz der Kontinuität, das heißt bruchlos in einander übergehende Linien werden bevorzugt ergänzt; das Gesetz der Symmetrie, das heißt sich spiegelsymmetrisch wiederholende Linienzüge werden bevorzugt als Begrenzungen von Objekten wahrgenommen; schließlich das mächtigste aller Gestaltgesetze, das Gesetz der gemeinsamen Bewegung, welches besagt, daß Punkte des Reizmusters, die sich relativ zu anderen verschieben, zu Objektkonstruktion genutzt werden.
Zur strukturbildenden Funktion des visuellen Systems gehört aber nicht nur die Fähigkeit, Unvollständiges zu ergänzen und daraus Objekte der Wahrnehmung zu konstruieren, sondern genauso stark auch Unwichtiges zu verdecken (wobei als “wichtig” betrachtet wird, was gut in die Welt bereits gemachter Erfahrungen paßt). In Abbildung 8 können wir leicht feststellen, daß ein vollständiges auf der Basis stehendes gleichseitiges Dreieck gezeichnet wurde. Unser visuelles System meldet uns allerdings nur einen mit der Spitze nach oben stehenden Winkel. Die Basislinie, die den Winkel zum Dreieck machen würde, verschwindet in der Gleichförmigkeit der horizontalen Schraffierung.
Figure 8: Die Basislinie des gleichseitigen Dreiecks wird nicht wahrgenommen.
Noch komplizierter werden die Zusammenhänge beim Bewegungssehen: Das Sehen von Bewegung erfolgt im kognitiven System durch die Integration verschiedener ruhender Reizmuster in der Zeit. Wenn sich ein Reizmuster relativ zu unseren Augen bewegt, werden die räumlich entsprechend verteilten Netzhautelemente in einer zeitlichen Abfolge gereizt. Im visuellen System wird diese zeitliche Abfolge als kontinuierlicher Bewegungseindruck interpretiert. Die gleiche Bewegungsinterpretation erfolgt auch über größere Distanzen. Wird auf der rechten Seite des Sehfeldes ein Reizpunkt dargeboten, nach dessen Verschwinden auf der linken Seite ein anderer Reizpunkt auftaucht, so nehmen wir eine kontinuierliche (Schein-) Bewegung von rechts nach links wahr.
Tatsächlich kann unser visuelles System zwischen einem Bewegungseindruck, der auf einer wirklichen Bewegung beruht und einem Bewegungseindruck, der auf einer Scheinbewegung beruht, gar nicht unterscheiden. Die scheinbare Bewegung realisiert sich, sofern mehrere Zielpunkte zur Auswahl stehen immer zum nächstliegenden hin (Gesetz der Nähe). Dieses Prinzip ist wichtig für das Verständnis des sogenannten Speicheneffekts: Unter einer intermittierenden Beleuchtung (z. B. Neonlicht oder die Bildfolgefrequenz eines 16 mm Films von 24 Bildern pro Sekunde) entscheidet sich nach jedem Bildwechsel, ob eine Speiche eines Rades näher an den ehemaligen Ort der nächsten Speiche herangerückt ist, oder ob sie noch ihrem eigenen früheren Ort nähersteht. Im ersteren Fall scheint sich das Speichenrad vorwärts zu drehen und im zweiten Fall rückwärts. Beide im Film oder im Videofilm gesehenen Drehrichtungen sind völlig gleichwertig für unsere Wahrnehmung. Man kann also nicht sagen, die eine Drehrichtung (z. B. vorwärts) sei wirklicher als die andere. Lediglich die Gesamtkonstellation der Szene läßt eine Drehrichtung, die der Fortbewegungsrichtung des Wagens entspricht, adäquater erscheinen als die rückläufige Drehrichtung. In dem Film “rechtsherum oder linksherum” wird gezeigt, daß alle Drehrichtungen in allen Geschwindigkeiten durch kontinuierliche Variation der Geschwindigkeit des Rades oder der Scheibe herstellbar sind.
Die kognitive Strukturerkennung in der physikalischen Komplexität der Reizmuster, also der eigentlich konstruktivistische Akt kognitiver Systeme wird heute von Kognitionspsychologen durch verschiedene Mechanismen erklärt:
Die Gestaltgesetze sind basale Prinzipien, nach denen aus Zufallsmustern subjektive Strukturen erzeugt werden. Ein Beispiel dafür sind die Sternbilder, die in der Zufallsverteilung der Sterne am Himmel gesehen werden.Durch Nichtlinearisierung werden Strukturen in statistischen Verteilungen erzeugt: zum Beispiel sind die bunten Farben nichtlineare Qualitäten einzelner Bänder im kontinuierlichen Spektrum elektromagnetischer Schwingungen.Wie wir in Abb. 1 gesehen haben, ist das kognitive System in höchstem Maße sensibel für andeutungsweise in Reizmustern enthaltene Strukturen. Diese werden hypothetisch erzeugt und auf ihre Stimmigkeit und Viabilität mit der Gesamtszene überprüft. Besonders deutlich wird diese Struktursensibilität bei Symmetrien in Reizmustern. Symmetrische Strukturen weisen in der Regel auf Lebewesen oder von Menschen geschaffene Objekte hin.Schließlich werden andeutungsweise vorhandene Ordnungsstrukturen in komplexen Reizmustern durch Prägnanztendenzen verstärkt und wenn man sie iteriert, das heißt das Ergebnis der Verstärkung immer wieder zum Ausgangspunkt eines neues kognitiven Verstärkungsprozesses macht, entstehen im Ergebnis letztlich hochgeordnete einfache und prägnante Strukturen.
Figure 9: Iteration eines an sich ungeordneten Reizmusters
Abbildung 9 zeigt einen solchen Iterationsprozeß: Das erste Muster auf einem 8 x 8 – Feld ist ein Zufallsmuster. Es wird einer Versuchsperson kurzzeitig dargeboten, die das Muster anschließend reproduzieren muß. Diese Reproduktion wird wiederum der nächsten Versuchsperson kurzzeitig dargeboten, die sie reproduzieren muß und so weiter (die iterativen Reproduktionen sind zeilenweise zu lesen. Am Ende kommt bei diesem sogenannten Bartlett-Szenario der seriellen Reproduktion eine stabile (weil in folgenden Reproduktionen nicht mehr veränderte), prägnante Struktur heraus, die sich als Summe der Prägnanztendenzen in den einzelnen kognitiven Systemen der beteiligten Versuchspersonen ergibt.
Die Mechanismen der Strukturbildung und Strukturerkennung sind, wie in der Synergetik, der Wissenschaft vom Zusammenwirken einzelner Teile in komplexen Strukturen, herausgefunden wurde, komplementär. Die Mechanismen der Strukturbildung beziehungsweise Strukturerkennung haben, wenn sie erfolgreiche und viable, das heißt in die Gesamtszenerie passende Strukturen erzeugt haben, gleichzeitig den Charakter von Wirklichkeitkriterien. Das kognitive System ist sich in diesen Fällen sicher, eine richtige Strukturierung der komplexen und chaotischen Reizmuster gefunden zu haben, auch wenn diese Richtigkeit gar nicht durch den Vergleich der subjektiven Strukturen und entsprechender Strukturen in der objektiven Realität erfolgen kann.
Die Kriterien, auf deren Grund wir zum Beispiel einer visuellen Wahrnehmung Wirklichkeit zuschreiben, liegen freilich nicht nur im Sehfeld. Da ist erstens die Frage, ob sich die Wahrnehmung wiederholen läßt; zweitens, ob sie sich in einer anderen Sinnesmodalität (zum Beispiel durch Tasten) bestätigen läßt: drittens, ob andere Beobachter eine entsprechende Wahrnehmung bezeugen: und viertens, ob sie nicht nur in die jeweilige “Gesamtszenerie” paßt, sondern auch mit dem allgemeinen Weltbild des Wahrnehmenden vereinbar ist. Da die beiden ersten dieser Kriterien eine subjektive Täuschung oder Halluzination nicht ausschließen, sind es zumeist die beiden letzten, auf die wir uns im Aufbau unserer Wirklichkeit verlassen.
Diese letzte Feststellung ist wichtig, denn sie zeigt (wie eine Reihe anderer Faktoren, die hier nicht erwähnt werden konnten), daß der Konstruktivismus, obschon er sich ausschließlich mit der Wirklichkeitskonstruktion des einzelnen Subjekts befaßt, die Rolle der sozialen Interaktion keineswegs außer Acht läßt.
Zum Abschluß möchten wir noch einmal darauf hinweisen, daß die konstruktivistische Denkweise ein Modell vorschlägt, das die hartnäckigsten Probleme der herkömmlichen Erkenntnistheorie umgeht und somit eine vorteilhafte Basis sowohl für die wissenschaftliche Praxis als auch für das tägliche Leben liefern will. Ob sie das tatsächlich tut, muß jeder für sich auf Grund ihrer Anwendung entscheiden, denn es handelt sich eben um eine Denkweise und nicht um eine metaphysische Beschreibung der Welt.
Literatur
Glasersfeld E. von (1996) Radikaler Konstruktivismus – Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt: Suhrkamp.
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Stadler M. & Kruse P. (1990) Über Wirklichkeitskriterien. In: Rigas V. & Vetter C. (eds.) Zur Biologie der Kognition. Frankfurt: Suhrkamp: 133–158,.
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