CEPA eprint 1525 (EVG-238)

Vorwort: Fremde Sprachen, fremde Begriffe [Preface: Foreign languages, foreign concepts]

Glasersfeld E. von (2000) Vorwort: Fremde Sprachen, fremde Begriffe [Preface: Foreign languages, foreign concepts]. In: Wendt M. (ed.) Konstruktion statt Instruktion [Construction instead of instruction]. Peter Lang, Bern: 9–11. Available at http://cepa.info/1525
Wenn man mit mehr als einer Sprache aufwächst, dann wird keine der Sprachen, in denen man als Kind gelebt hat, später eine richtige Fremdsprache, auch wenn man sie zum Teil vergisst. Das rührt daher, dass die Bedeutungen der Wörter im Rahmen eigener Erfahrungen gebildet wurden, nicht in einer Form von Unterricht, wo eben diese Beziehung zur persönlichen Erlebenswelt fast völlig fehlt. Die Schule kann sehr gut Grammatik lehren und manche Schülers werden nach mehrjährigem Studium die Syntax der Fremdsprache so gut beherrschen wie jene, die in ihr aufgewachsen sind. Was aber die Semantik betrifft, so bleibt vieles “fremd,” bis ein längerer Aufenthalt im betreffenden Sprachraum ein zumindest relatives Einleben ermöglicht hat.
Vor beinahe fünfzig Jahren haben die Linguisten Weinreich (1953) und Ervin & Osgood (1954) eine Anschauung entwickelt, die meines Erachtens unerlässlich ist, wenn es darum geht, nicht nur das fremde Sprachsystem sondern auch die Kultur zu verstehen, aus der es erwachsen ist. Der Kern dieser Anschauung ist die Feststellung, dass es zwei Formen von Zweisprachigkeit gibt. Die eine wurde compound (zusammengesetzt), die andere coordinate (zugeordnet) genannt. Der Einfachheit halber will ich die erste mit “A,” die zweite mit “B” bezeichnen. Der Unterschied besteht darin, dass Zweisprachige der Form A die entsprechenden Wörter ihrer beiden Sprachen mit der Vorstellung von einem Ding oder Begriff verbunden haben, während für jene der Form B die entsprechenden Vorstellungen nicht identisch sind, da sie aus unterschiedlichen Erlebensbereichen stammen. Die Form A beruht also auf der Annahme, dass Wörter sich auf eine Realität beziehen, die für die Sprecher aller Sprachen grundsätzlich dieselbe ist. Die Form B hingegen trägt der Erfahrungstatsache Rechnung, dass die Wirklichkeit, die von einer Sprachgruppe mit und durch ihre Kultur aufgebaut wurde, im Vergleich zu den Wirklichkeiten Anderssprachiger beachtliche Unterschiede aufweist. Diese Unterschiede kommen in Wortbedeutungen mehr oder weniger deutlich zum Vorschein.
Diebold (1966) hat ein einfaches aber durchaus einleuchtendes Beispiel für die Unterschiede gegeben, die in Zweisprachigkeit der Form B eine Rolle spielen. Der Unterschied ist hier zwar zwischen dem Englisch Grossbritanniens und jenem der Vereinigten Staaten, doch was die Begriffswelt betrifft, so haben sich auf Grund der grossen kulturellen Unterschiede in den beiden Bereichen zwei weitgehend unterschiedliche Sprachen entwickelt. Im Falle des Wortes “friend” veranschaulicht Diebold die Diskrepanz in einem Diagramm mit zwei konzentrischen Kreisen, deren innerer die Personen enthält, die als Freunde betrachtet werden, während der äussere die Gesamtheit der Bekannten umfasst.
Auch wer aus den deutschen, französischen oder italienischen Sprachraum in die Vereinigten Statten kommt, wird diesen Unterschied bald bemerken. Auf jeden Fall ist er typisch für die begrifflichen Diskrepanzen, die nicht nur den Fremdsprachenunterricht sondern die interlinguistische Verständigung überhaupt behindern. Was müsste im Unterricht zum Beispiel erklärt werden, um den Schülern klar zu machen, in welchen Zusammenhängen das Wort “Freiheit” im Englischen freedom verlangt, und nicht liberty? Oder dass die Vorgänge, die wir im Deutschen als “schlagen,” “treffen,” “aufschlagen” oder “anfahren” bezeichnen, für Englischsprechende alle unter den Begriff fallen, der durch to hit ausgedrückt wird? Und so gibt es tausende und abertausende von Unterschieden, die in zweisprachigen Wörterbüchern kaum hervorgehoben werden, im täglichen Sprachgebrauch jedoch Des Verstehen erschweren wenn nicht verhindern.
Wenn der Fremdsprachenunterricht mehr vollbringen soll, als dem Besucher des anderen Landes einen Start zu ermöglichen, so kann das meiner Ansicht nach nur durch weitläufiges Lesen der anderssprachigen Literatur (d.h. Romane und Theaterstücke der Gegenwart) erreicht werden. In dieser Literatur handelt es sich um Beschreibungen des Erlebens und somit gibt sie dem Leser die Möglichkeit, allmählich in die Fremde Kultur und ihre Begriffswelt einzudringen.
Literatur
Diebold A. R. (1966) The consequences of early bilingualism in cognitive development and personality formation, ERIC (Educational Resources Information Center, Washington) ED 020 491.
Ervin S. M. & Osgood C. E. (1954) Second language learning and bilingualism. In: Osgood C. E. & Sebeok T. A. (eds.) Psycholinguistics, Journal of Abnormal and Social Psychology, Supplement 1954: 139–146.
Weinreich U. (1953) Languages in contact. New York: Linguistic Circle of New York.
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