CEPA eprint 1526 (EVG-239)

Streitschrift gegen die Bigotterie [Pamphlet against bigotry]

Glasersfeld E. von (2000) Streitschrift gegen die Bigotterie [Pamphlet against bigotry]. Ethik und Sozialwissenschaften 11(3): 374–375. Available at http://cepa.info/1526
((1)) Professor Malls Essay über Konsens und Kommunikation lese ich als eine willkommene Streitschrift gegen Bigotterie, wo immer sie sich breit macht, aber ganz besonders in vergleichenden Kulturstudien, wo sie sich epistemologisch getarnt einschleicht. Er plädiert vor allem gegen die Auffassung, daß Konsens nötig sei, bevor Kommunikation beginnen könne – eine Auffassung, deren Unsinn klar wird, wenn man bedenkt, wie Kinder bereits im Säuglingsalter, wo sie von Konsens bestimmt noch keine Ahnung haben, ihre eigenen Kommunikationsmittel entwickeln.
((2)) Ich stimme also sowohl mit dem Ziel des Artikels, wie mit dem, was er ausführt, überein und unterschreibe das Zitat von Clifford Geertz (Mall, 74), das die vorgeschlagene Orientierung bündig zusammenfaßt und allen, die an interkultureller Verständigung interessiert sind, als Leitfaden dienen sollte: “Nicht um einen Konsens geht es, sondern um einen gangbaren Weg, ohne ihn auszukommen.” Mit meinen folgenden Bemerkungen möchte ich lediglich einige Begriffe näher untersuchen, was zumindest von meinem Gesichtspunkt aus dazu angetan ist, Malls These zu untermauern.
((3)) Von Kommunikation wird vielerorts vorausgesetzt, daß sie auf absolutem Konsens im Bezug auf die Bedeutungen der verwendeten Wörter, Zeichen oder Symbole beruht. Betrachtet man jedoch genauer, was in der Praxis vor sich geht, so stellt man fest, daß das keineswegs nötig ist. Es genügt, wenn das Wort, das ich benütze, in meinem Kommunikationspartner eine Vorstellung hervorruft, die unter den gegenwärtigen Bedingungen den von mir erwünschten Effekt bewirkt. Es bedarf also relativer Kompatibilität und die konsensuell mehr oder weniger fixierten Bedeutungen bilden sich dann nach und nach durch wiederholten Gebrauch.
((4)) Sobald man sich darüber klar geworden ist, daß “verstehen” nicht die Gleichheit von Vorstellungen verlangt, sondern nur ihre Kompatibilität in der jeweilig aktuellen Situation, wird man die Hoffnung aufgeben müssen, man könne in eine fremde Kultur durch hermeneutische Analysen so eindringen, daß man zu sehen lernt, was die Träger dieser Kultur gewohnheitsmäßig sehen (vrgl.Mall, 8, 9). In meiner Erfahrung kann man sich diesem Ideal der Anpassung auch dann nur ungefähr nähern, wenn man geraume Zeit in der Kultur und ihrer Sprache lebt.
((5)) Das von Mall vorgeschlagene interkulturelle Denken darf meines Erachtens auch den Begriff der Wahrheit nicht unbesehen hinnehmen. Viele werden sich kaum dadurch überzeugen lassen, daß man von “Wahrheitspluralismus” oder wie Nietzsche von “vielerlei Wahrheiten” spricht (Mall, 73). Die Ambiguität der Ausdrücke muß zuerst hervorgehoben werden. Da ist erstens die postulierte Wahrheit ontologischer Aussagen und Ortsbestimmungen, die zum metaphysischen oder religiösen Dogma der jeweiligen Kultur gehören; und zweitens die praktische Wahrheit von Begriffsverbindungen und Handlungsweisen die von der betreffenden Kultur auf Grund der Erfahrung als verläßlich betrachtet werden. Sowohl die geglaubten wie die erprobten Wahrheiten variieren in unterschiedlichen Kulturen. Doch während über die dogmatischen keine Diskussion möglich ist, können die praktischen zuweilen empirisch bestätigt werden und darum mit der Zeit zu einem partiellen interkulturellen Konsens führen. Diese Möglichkeit ist zumindest eine gangbare Route, um Verständnis und Gemeinsamkeit auf dem Niveau des praktischen Zusammenlebens zu erweitern.
((6)) Das schroffe Hindernis, das den Weg zu friedlicher, interkultureller Zusammenarbeit so oft und hartnäckig blockiert, liegt aber leider darin, daß der inbrünstige Glaube an fiktive dogmatische Wahrheiten, eben weil sie sich nicht empirisch demonstrieren lassen, Kompromisse ausschließt und Selbstbestätigung in der Feindseligkeit gegen alle Andersdenkenden zu finden sucht. Malls Vorschlag eines Wegs zwischen Konsens und Inkommensurabilität wird wohl allen zusagen, die sich bereits von den alleinseeligmachenden Mythen, seien sie religiös oder wissenschaftlich, abgewendet haben; doch leider gibt es viele auf unserer Welt, die glauben schon eine derartige Abwendung mit allen Mitteln bekämpfen zu müssen.
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