CEPA eprint 1869

Wahrheit und Wirklichkeit. Was kann die Journalismus-forschung zur journalistischen Ethik beitragen? [Truth and reality: A contribution of journalism research to the field of journalistic ethics]

Baum A. & Scholl A. (2000) Wahrheit und Wirklichkeit. Was kann die Journalismus-forschung zur journalistischen Ethik beitragen? [Truth and reality: A contribution of journalism research to the field of journalistic ethics]. In: Schicha C. & Brosda C. (eds.) Medienethik zwischen Theorie und Praxis. Normen für die Kommunikationsgesellschaft [Media ethics between theory and practice. Norms for a communication society]. . Available at http://cepa.info/1869
Table of Contents
Ausgangsproblematik
Zwei Ethik-Theorien
Ethik im radikal-konstruktivistischen Verständnis
Ethik im diskurstheoretischen Verständnis
Unterschiede und Gemeinsamkeiten der konstruktivistischen Ethik und der Diskursethik
Bedeutung von Ethik im Journalismus
Ethische Probleme aus konstruktivistischer und diskursethischer Perspektive
Probleme bei der Entstehung journalistischer Berichterstattung
Ethische Probleme bei den Inhalten der journalistischer Berichterstattung
Fall 1: Der TV-.Fälscher Michael Born
Fall 2: Das Symbol des Bosnien-Krieges (1992)
Fall 3: Fiktive Interviews mit Showstars im “SZ-Magazin”
Ethische Probleme bei der Darstellung
Journalistische Ethik revisited
Bibliographie
Ausgangsproblematik
Das Thema Medienethik – wir sprechen hier von journalistischer Ethik, weil andere Mediensysteme wie Public Relations oder Werbung nicht einbezogen werden – ist stets auf eine merkwürdige Art steril behandelt worden. Die Journalismusforschung hat vor allem im deutschsprachigen Raum zwar prinzipielle und abstrakte philosophische Abhandlungen oder konkrete empirische Ergebnisse hervorgebracht, konnte jedoch die Ansätze einerseits kaum miteinander verbinden, andererseits aber auch keinen Dialog mit der Praxis in Gang setzen.
Dieser Mangel ist schon deshalb bemerkenswert, weil die Journalismusforschung, gleich­gültig aus welcher erkenntnistheoretischen oder gesellschaftstheoretischen Perspektive und in welchem Kontext sie den Journalismus betrachtet, stets einem “normativen Dilemma”[Note 1] unterliegt. Jede Aussage über das journalistische Handeln schließt die Frage mit ein, was guter Journalismus zur gesellschaftlichen Kommunikation beitragen soll. Virulent wird diese Frage immer dann, wenn offensichtliche journalistische Fehlleistungen und deren Folgen beobachtet und öffentlich diskutiert werden. Ihnen liegen – und das ist zumeist Gegenstand der Kritik – falsche Entscheidungen einzelner Journalistinnen oder Medienor­ganisationen zu Grunde, sei es, dass die Tendenz eines Medienbetriebs oder die program­matische Grundausrichtung eines Genres umstrittene Entscheidungen begünstigt oder sogar verlangt, sei es, dass einzelne Akteure in ihrer Recherche, ihrer Darstellung oder ihrer Be­wertung von Sachverhalten einseitige Gewichtungen vornehmen, indem sie falschen Infor­mationspfaden folgen, relevante Spuren übersehen oder gar bewusst ignorieren und fäl­schen.
Auch die journalistische Praxis selbst geht – etwa im Rahmen der Volontärsausbildung – eher kasuistisch und nachsorgend mit ethischen Problemen um. Über Ethik wird meist erst dann diskutiert, wenn ein eindeutiger Verstoß gegen bestimmte Normen erfolgte. Nach einer kurzen emotionalen Aufwallung verschwindet das Thema wieder, es werden aber nur selten nachhaltige Konsequenzen gezogen.[Note 2] Der Umgang mit ethischen Problemen ist dar­um ein Spiegelbild des Journalismus selbst. So wie jedes Thema im Journalismus und in den Medien seine Karriere hat, punktuell, aktuell und konkret verarbeitet wird, ergeht es auch der Ethik.
Für das System Wissenschaft gilt das Gleiche auf seine Weise: Es operiert entweder als Beobachter zweiter Ordnung und bleibt dadurch notwendig getrennt von der Praxis – dies gilt vor allem für die systemtheoretische Variante – oder es stellt selbst Normen auf, die jedoch dem Forschungsgegenstand (dem Journalismus) nicht gerecht werden können, weil sie aus einem wissenschaftlichen (bzw. philosophischen) Verständnis heraus formuliert werden, die von der journalistischen Praxis gerade abstrahieren, anstatt diese substanziell als kontingente Bedingung einzubeziehen. Einzig der empirische Zweig hat durch seine Vorgehensweise einen zumindest abstrakten Kontakt zu seinem Forschungsgegenstand. Allerdings verwenden einige Vertreter die Ergebnisse ihrer Studien für eine unangemessene normative Auseinandersetzung mit dem Journalismus, statt logisch konsequent nach Be­dingungen oder Ursachen für die Befunde zu suchen. Unangemessen ist diese Journalis­mus-Kritik deshalb, weil sie doch wieder eigene – wissenschaftliche oder sogar alltägliche, jedoch keine die berufliche Praxis selbst berücksichtigende – Kriterien aufstellt.
Dieses Dilemma zu durchbrechen, ist die Absicht unserer folgenden Überlegungen. Dabei machen wir uns einerseits die Positionen des Radikalen Konstruktivismus, andererseits die kommunikationstheoretisch begründete Gesellschaftsthertie zu Nutze, die uns als ange­messene Kandidaten für eine mögliche Lösung der Frage erscheinen, was die Journalismus­forschung zur journalistischen Ethik beitragen kann. Zugleich soll damit ein Beitrag zur Theoriediskussion in der Kommunikationswissenschaft erbracht werden, die bislang die beiden, im Folgenden kurz vorzustellenden Ansätze noch nicht ausdrücklich aufeinander bezogen hat.
Zwei Ethik-Theorien
Ethik im radikal-konstruktivistischen Verständnis
Da radikale Konstruktivisten keine einheitliche Ethik vertreten, kann an dieser Stelle nur eine Auswahl von Positionen dargelegt werden. Diese Auswahl wird auch daraufhin getrof­fen, dass die vorzustellenden Postulate zumindest prinzipiell mit der Diskurstheorie ver­knüpft werden können, was auf den ersten Blick überraschend erscheinen mag.[Note 3] Nur aus diesem Grund scheiden hier biologisch begründete Ethiken (Maturana, Varela) ebenso aus wie psychologisch-individualistische (Glasersfeld) und kybernetisch-logische (von Foer­ster) Ethiken. Statt dessen beschäftigen wir uns mit sozial-konstruktivistischen (Hejl, Rusch) und kommunikationstheoretischen (Krippendorff) Ethik-Konzeptionen.
Der radikale Konstruktivismus trennt konsequent zwischen Beobachtung erster und zweiter Ordnung. Die Beobachtung erster Ordnung kann als Alltagsbeobachtung gekennzeichnet werden; sie nimmt ihre Gegenstände wahr und hält sie für wahr im Sinn von objektiv ‘vor­handen. Die Beobachtung zweiter Ordnung ist reflexiv und beobachtet die Beobachtung erster Ordnung. Dadurch ist sie in der Lage, die blinden Flecken der Beobachtung erster Ordnung ihrerseits zu beobachten, das heißt, sie erkennt den Beobachtungscharakter der betreffenden Beobachtung erster Ordnung. Gleichzeitig bleibt aber auch sie eine Beobach­tung und hat demzufolge ihre blinden Flecken. Demnach ist eine Beobachtung zweiter Ordnung zwar privilegiert gegenüber einer Beobachtung erster Ordnung, weil sie diese reflexiv einschließt, sie ist aber nicht notwendigerweise qualitativ besser oder umfassender als eine andere Beobachtung zweiter Ordnung. Bei der Beobachtung erster Ordnung fallen Wahrnehmung und Handlung weitestgehend zusammen, während die Beobachtung zweiter Ordnung eine partielle Trennung zwischen Wahrnehmung und Handlung und damit Hand­lungsentlastung (der Wahrnehmung bzw. Beobachtung) ermöglicht. Erst durch eine Beob‑achteng zweiter Ordnung wird der konstruktive (statt instruktive) Charakter jeder Beob­achtung (vor allem der erster Ordnung) deutlich. Konstruktivitätsbewusstsein ist folglich das Produkt und die Folge von Beobachtungen zweiter Ordnung, während wir uns bei Be­obachtungen erster Ordnung wie naive Realisten verhalten. Beobachtung zweiter Ordnung wird immer dann (und meistens nur dann) notwendig, wenn die Wahrnehmungsergebnisse der Beobachtung erster Ordnung nicht mehr funktionieren und angezweifelt werden, kurz: nicht mehr viabel sind.
Aus diesem Beobachtungsrelativismus folgt zwangsläufig die Annahme einer Pluralität von Wirklichkeiten, deren Anerkennung jedoch erst aufgrund des Konstruktivitätsbewusstseins, das durch Beobachtungen zweiter Ordnung möglich ist, erfolgt. Diese Anerkennung impli­ziert allerdings keine Gleichwertigkeit unterschiedlicher Wirklichkeitskonstruktionen, da deren Erfolg sozial geregelt ist, sondern allenfalls eine Art Chancengleichheit:
“Ein bewußter Konstruktivismus schließt einen erkenntnistheoretischen Egalitarismus [als Erkenntnisprinzip, nicht als Erkenntnisresultat, Anm. A.B./A.S.] ein, nicht aber die Akzeptanz aller Wirklichkeitskonstrukte und schon gar nicht die ihrer Handlungs­folgen.”[Note 4]
An dieser Stelle ist der Übergang zur Ethik möglich, wenn nicht sogar zwingend, denn der Umgang mit den und die Verantwortung für die unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruk­tionen stellt ein soziales (Koordinations-) Problem dar, das vor allem auch die Produkte journalistischen Handelns tangiert. Analog zur Unterscheidung unterschiedlicher Beob­achtungsarten nach erster und zweiter Ordnung führt Hejl die Unterscheidung zwischen einer Ethik erster und zweiter Ordnung ein. Während erstere sich auf konkrete praktische Wertfragen bezieht, beschäftigt sich letztere mit der Erfüllung ihrer gesellschaftlichen Funktion, also mit den Bedingungen der Möglichkeiten von Ethik. Obwohl Hejl vor einem naturalistischen Fehlschluss warnt, weil sich Sollens-Sätze nur aus allgemeineren Sollens­Sätzen und nicht aus Seins-Sätzen ableiten lassen, kann einzelwissenschaftliches Wissen (also Seins-Sätze) bei ethischen Problemen zur Bestimmung von Randbedingungen berück­sichtigt werden.[Note 5]
Wenn die logische Lücke zwischen Seins- und Sollens-Sätzen folglich prinzipiell nicht geschlossen werden kann, kann nur eine abstrakte Kommensurabilität angestrebt werden, Die Tauglichkeit einer (erfahrungs-)wissenschaftlichen Theorie für ethische Fragestellun­gen ist dadurch feststellbar, dass die Vereinbarkeit ethischer Prinzipien mit der betreffenden Theorie wahrscheinlicher ist als die Unvereinbarkeit. Folgende ethische Prinzipien sind mit konstruktivistischer Erkenntnistheorie vereinbar:
(1) Aufbauend auf die konstruktivistische Logik der Selbstreferenz und auf die empirische Beobachtung der Autonomie kognitiver und sozialer Prozesse lässt sich eine ethische Re­flexivität konzipieren. Darunter versteht Krippendorff den Imperativ, sich selbst zum Be­standteil seiner Konstruktionen zu machen. Der Weg ist dann nicht mehr weit zu einem ethischen Imperativ, wonach dem anderen mindestens die gleiche Autonomie gewährt werden soll, wie man sie selbst beansprucht. Diese Forderung bezieht Krippendorff zwar nur auf diejenigen anderen, die konkret in meiner Konstruktion vorkommen; es gibt aber keinen Grund bzw. ist logisch sogar notwendig, die vorgestellten Anderen zu abstrahieren und universalisieren.[Note 6]
(2) Wenn die Ursachen von Handlungen im Handelnden selbst anzusiedeln sind, die Handlungen also autonom sind, ist es naheliegend, vom Handelnden Verantwortung zu fordern oder besser: dem Handelnden Verantwortung zuzumuten. Dieses Postulat der Ver­antwortungsakzeptanz findet sich in der modernen Rechtsprechung wieder, allerdings setzt es einen individuell wahrgenommenen Handlungsspielraum voraus.[Note 7] Wer diesen nicht sieht, konstruiert sich heteronom und damit verantwortungslos, weil er permanent mildern­de Umstände für sein Handeln in Anspruch nimmt.
(3) Der Konstruktionscharakter von Wirklichkeit(en) findet seine praktische Entsprechung in der Forderung (oder besser: Selbstverpflichtung), viele alternative Konstruktionen zu “erfinden” sowie deren Verlässlichkeit bzw. die Grenzen ihrer Verlässlichkeit zu sondie­ren.[Note 8] Allerdings ist die Prüfung der Verlässlichkeit zumindest potenziell von Sanktionen abhängig, denn ohne (normative) Widerständigkeit ist eine Alternative prinzipiell viabel. Der konstruktivistischen Logik entsprechend sind Handlungen jedoch autonom, so dass die Viabilitätsprüfung gerade nicht von Sanktionen abhängig gemacht werden kann, Dieses Problem weist darauf hin, dass es in der Praxis schwierig ist, zwischen autonomen und heteronomen Bedingungen für ethisches Verhalten zu unterscheiden,
(4) Die epistemologische Feststellung einer Pluralität von Wirklichkeitskonstruktionen ist gleichbedeutend mit einer Absage an die Hoffnung, sich durch Forschung einer (objektiv vorhandenen) Wirklichkeit annähern zu können. Diese Relativität der Erkenntnis kann durchaus verglichen werden mit einer kulturellen Relativität. Rusch hält die fehlende Ein­sicht in kulturelle Relativität für kulturzentrierte Selbstüberschätzungen und führt ihre ver­heerenden imperialistischen Konsequenzen auch auf ein realistisches oder objektivistisches Weltverständnis zurück. Eine konstruktivistische Perspektive verunsichert produktiv und verhindert das Beharren auf absoluten Geltungsansprüchen.[Note 9] Daraus ergibt sich ein Tale­ranzgebot, das aus der Pluralität von Wirklichkeiten bzw. aus dem Konstruktionsbewusst­sein einer Pluralität von Wirklichkeiten auf eine prinzipielle Gleichberechtigung von han­delnden Wirklichkeitskonstrukteuren schließt. Diese Toleranzvorstellung ist freilich ebenso wenig wie die Verantwortungsakzeptanz absolut zu sehen:
“Ihre Grenze muß Toleranz in Konfrontation mit Akteuren finden, die ihrerseits durch ihr Handeln auf die Zerstörung der Grundlage zielen, auf der Toleranz allein eine Funktion hat: die Anerkennung der prinzipiellen Legitimität verschiedener Wirklich­keitsvorstellungen.”[Note 10]
Die Definition einer solchen Grenze ist wiederum eine individuelle und soziale Konstrukti­on und somit an die Wahrnehmung gebunden, also ebenfalls beobachterabhängig. Auf diese Weise sind Wahrnehmung und Handlung zirkulär aufeinander verwiesen. Das Tole­ranzgebot legt jedenfalls eine prinzipielle Präferenz nahe für Kooperationsbereitschaft gegenüber Konfliktbereitschaft im sozialen Handeln. Während Krippendorff zumindest implizit eher auf die individuelle Erhaltung und Ausweitung der Ressource Pluralität von Wirklichkeit (sozusagen als Wert an sich) zielt, geht es Hejl mehr um die soziale Selbstre­gulierungsfähigkeit.[Note 11] Damit nähern wir uns der Ausgangsfrage des vorliegenden Beitrags. Denn der Journalismus und seine Leistungen sind für die Selbstregulierungsfähigkeit mo­derner Gesellschaften konstitutiv, die journalistische Ethik zumindest ein Spiegelbild derje­nigen Gesellschaftsordnung, in der sie wirksam ist.
(5) Das Problem der sozialen Regulierung erweist sich insofern im Radikalen Konstrukti­vismus als virulent, als nicht jede Wirklichkeitskonstruktion und die darauf aufbauenden Handlungen gleichermaßen akzeptiert werden. Dadurch entsteht Kommunikationsbedarf, der eine Begründungspflicht (als Gegenstück zum Toleranzgebot) für die eigene Wirklich­keitskonstruktion beinhaltet. Nur durch die kommunikative Reduktion von Missverstehen und Misstrauen kann das soziale Selbstregulierungsproblem gelöst werden.[Note 12] Man kann Krippendorffs Gebot nach Sondierung der Verlässlichkeit von Wirklichkeitskonstruktionen in diesem Sinn kommunikativ interpretieren, denn diese Sondierung wäre dann keine bloße Reaktion auf normative Widerstände, sondern ein. Kommunikationsangebot, das auch ne­giert werden kann.
Zusammenfassend lässt sich das konstruktivistische Ethik-Verständnis also wie folgt for­mulieren: Aus der Individualität von Wirklichkeitskonstruktionen ergibt sich die Kontin­genz von Handlungen, die wiederum Selektionsentscheidungen erfordert, wie in sozialen Situationen kommuniziert und gehandelt werden soll. Dazu sind die obigen Gebote als Ethik erster Ordnung geeignet, die an individuelle Akteure gerichtet sind.
Darüber hinaus sind die Bedingungen zu erforschen, welche Formen der (sozialen) Systemorganisation den Pluralismus ermöglichen und gleichzeitig die für die Selbstregulierung. notwendigen Entscheidungen erzeugen. Dies impliziert weder einen Systemkonservatismus noch einen reinen Funktionalismus, denn dann würde der funktionale Wert pluralistischer Selbstregulierung stillschweigend normativ umgedeutet.[Note 13] Denn: Wieso soll das gut sein, was funktioniert? Werden jedoch der funktionale Wert und der normative Wert der plurali­stischen Selbstregulierung gleichermaßen als jeweils autonom und als wechselseitiges, nicht auf eine Seite reduzierbares Bedingungsverhältnis verstanden, ist ein Anschluss an die Diskursethik möglich, für deren kognitive Fundierung Habermas eher eine konstruktivisti­sche Epistemologie zu präferieren scheint, auch wenn er sie nicht konsistent durchhält.[Note 14] Die soziale Selbstregulierung zielt ferner nicht darauf ab, die Handlungsoptionen einzelner Akteure, Organisationen oder abstrakter Sozialgebilde zu maximieren, sondern die aller an dem betreffenden sozialen System beteiligten Individuen. Dies setzt eine analytische (statt realistische) Systemvorstellung voraus. Die Komponenten eines sozialen Systems können dann je nach Fragestellung durchaus als Individuen bestimmt werden.[Note 15] Der Nachteil dieser Konzeption besteht wohl darin, dass Ethik (nur) innerhalb sozialer Systeme angesiedelt wird, wohingegen Beziehungen zwischen Systemen entweder nicht Ethik fähig sind, oder dieser Ethik-Bereich in der sozial-konstruktivistischen Theorie (noch) nicht berücksichtigt ist. Es ist zumindest zweifelhaft, ob die Summe ethisch handelnder sozialer Systeme aus­reicht für eine gesamtgesellschaftliche Regulierung nach ethischen Prinzipien.
Ethik im diskurstheoretischen Verständnis
Habermas’ zentrales Anliegen ist der Beweis der Wahrheitsfähigkeit praktischer Fragen mit Hilfe der Diskursethik. Seine Strategie besteht in der Verteidigung einer kognitiven Ethik[Note 16] gegen Wertskeptiker, indem er die performativen Selbstwidersprüche inderen Argumenta­tionen aufspürt. Nicht-kognitivistische Ansätze entwerten moralische Alltagsintuitionen dadurch, dass sie sie auf ihre Funktion reduzieren.[Note 17] Freilich ist die Wahrheitsfähigkeit normativer Geltungsansprüche nicht identisch mit der Wahrheitsfähigkeit empirischer (wis­senschaftlicher) Aussagen. Außerdem ist sie strikt an die Durchführung eines realen Dis­kurses gebunden. Im Anschluss an Kants Kategorischen Imperativ, über diesen aber kom­munikativ hinaus weisend, lautet der diskursethische Grundsatz, der die Bedingung für die Geltung einer Norm angibt: Alle von der Norm möglicherweise Betroffenen können als Teilnehmer an einem praktischen Diskurs ein Einverständnis über die Geltung der Norm erzielen.[Note 18]
Dieser Grundsatz lässt sich universalisieren, indem diejenigen Alltagssituationen rekon­struiert werden, die der unparteilichen Beurteilung moralischer Handlungskonflikte zu­grunde liegen. Mit Unparteilichkeit ist nicht die Position eines nicht-teilnehmenden Außen­beobachters gemeint, denn die scheinbar privilegierte Beobachtungsposition macht den Beobachter monologisch, weil sie ihn vom Interpretationshorizont der Beteiligten ab­schneidet. Vielmehr handelt es sich um wechselseitige Anerkennung, die sich wiederum nicht auf ein konkretes und letztlich doch egozentrisches Ich-Du-Verhältnis (“Was Du nicht willst, das man Dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu”) bezieht, sondern als generalisier­ter oder universeller und egalitärer Rollentausch (“Wenn alle so handeln würden…”) zu verstehen ist. Der Gegenstand des praktischen Diskurses sind verallgemeinerbare und ra­tional begründbare Normen. Deshalb müssen Sollgeltungen unabhängig von Präferenzen und Werten, die sich nur aus der Beobachterperspektive ergeben, entwickelt werden.[Note 19]
Dazu ist es notwendig, den Nachweis für allgemeine und notwendige Voraussetzungen von Argumentation als solcher zu führen. Habermas trägt seinen diskursethischen Anspruch nicht idealistisch von außen an den realen Diskurs heran, sondern rekonstruiert ihn aus seinen eigenen Bedingungen. Wer sich auf einen Diskurs einlässt, kann gar nicht anders als zu argumentieren. Und wer argumentiert, kann gar nicht anders, als sich auf Argumentati­onsregeln einzulassen. Diese Argumentationsregeln benötigen keine deduktive Begründung letzter Prinzipien, sondern sind selbstbezüglich, also in den Tiefenstrukturen der Sprache und ihres Gebrauchs selbst angelegt.[Note 20]
“Niemand kann ernsthaft in eine Argumentation eintreten, wenn er nicht eine Ge­sprächssituation voraussetzt, die im Prinzip Öffentlichkeit des Zugangs, gleichberech‑tigte Teilnahme, Wahrhaftigkeit der Teilnehmer, Zwanglosigkeit der Stellungnahme usw. garantiert.”[Note 21]
Diese Bedingungen kennzeichnen eine ideale Sprechsituation, die trotz ihres kontrafakti­schen Charakters als regulative Idee funktioniert. Habermas schwebt hier das “Modell einer für alle Teilnehmer, Themen und Beiträge porösen Öffentlichkeit” vor. Obwohl solche rationalen Diskurse empirisch unwahrscheinlich sind, gibt es für sie keine funktionalen Äquivalente.[Note 22]
Diese Diskursethik wurde vielfach kritisiert, so dass Habermas einige Klärungen und Präzi­sierungen vornahm: Zunächst bezieht sich die Diskursethik nicht auf Argumentationsin­halte und Argumentationsvoraussetzungen, sondern allein auf die Argumentationsregeln, ist also rein prozedural und formal angelegt. Denn:
“Praktische Diskurse müssen sich ihre Inhalte geben lassen. Ohne den Horizont der Lebenswelt einer, bestimmten Gruppe, und ohne Handlungskonflikte in einer be­stimmten Situation, in der die Beteiligten die konsenstielle Regelung einer strittigen gesellschaftlichen Materie als ihre Aufgabe betrachten, wäre es witzlos, einen prakti­schen Diskurs führen zu wollen.”[Note 23]
Der diskursethische Grundsatz kann weiterhin nicht die Regeln seiner Anwendung regeln, da diese nicht ihrerseits Diskursregeln unterstehen, sondern allenfalls einer praktischen Klugheit der Vernunft. Damit ist die Handlungsrelevanz dieser Regeln nicht gesichert, denn die allgemeinen pragmatischen Voraussetzungen haben nicht den Charakter von Hand­lungsverpflichtungen, sondern eher den einer “transzendentalen Nötigung.” Die Vorausset­zungen sind als pragmatische Rekonstruktionen ‘selbstverständlich idealisiert, aber diese Idealisierungen sind auch notwendig für die Teilnehmer des Diskurses selbst.[Note 24]
Die Idealisierung bezieht sich auch auf den Anspruch der sachlich, zeitlich und sozialen Universalisierbarkeit der Norm bzw. der Normbegründung. Der praktische Diskurs ist an konkrete empirische Bedingungen gebunden. Insofern können nur Folgen oder Nebenwir­kungen von Normen berücksichtigt werden, die voraussichtlich und unter den Bedingungen des jeweiligen Kenntnisstandes erfolgen. Deshalb hat ein Konsens auch tun so lange Be­stand, wie das Wissen und die Umstände; die zu ihm geführt haben, sich nicht (grundle­gend) verändern. Damit ist auch impliziert, dass die Idee der Unparteilichkeit nicht voll­ständig ausgeschöpft wird, “sondern nur in Hinsicht auf die universell-reziproke Anerken­nungswürdigkeit.” Es kann durchaus vernünftige Gründe geben, keinen Konsens zu erzie­len, wenn normative Wahrheitsansprüche dahingestellt werden können – dies allerdings bei gleichzeitigem Festhalten an ihrem unbedingten Charakter. Wenn sich ein Konsens erzielen lässt, ist dieser nicht auf die Akzeptanz einer Interpretationsgemeinschaft reduzierbar, son­dern ist als kontrafaktische, aber in ihrer Unterstellung reale “rationale Akzeptabilität” zu verstehen.[Note 25]
Schließlich trennt Habermas klar zwischen der (diskursiven) Geltung der Norm und der Gültigkeit in der praktischen Umsetzung. Denn die Teilnehmer außerhalb des Diskurses handeln oft nicht gemäß der im Diskurs ermittelten geltenden Norm, zum Beispiel aus Willensschwäche. Allerdings weiß der einsichtige Adressat, der für ein Auseinanderfallen zwischen dem diskursiv erzielten Einverständnis und seinem individuellen Handeln kriti­siert wird, dann, dass er keine guten Gründe hat, anders als im Rahmen der geltenden Norm zu handeln. Die Entkoppelung von moralischem Urteil und moralischem Handeln ist von den jeweiligen gesellschaftlichen Kontekten abhängig. Nicht in jedem Fall und nicht unter allen Umständen ist ein Handeln gemäß dein moralischen Urteil zumutbar. Umgekehrt bedeutet dies für die Geltung einer Norm, dass diese nicht von auferlegten Sanktionen oder von Traditionen abhängig ist. Wir befolgen eine Norm, weil wir sie für begründet halten.[Note 26]
Unterschiede und Gemeinsamkeiten der konstruktivistischen Ethik und der Diskursethik
Die radikalkonstruktivistische Epistemologie startet monologisch und individualistisch und behandelt soziale Phänomene als Emergenzen. Die Theorie des kommunikativen Handelns ist dagegen dialogisch, sozial und gesamtgesellschaftlich angelegt. Insofern bestehen Diffe­renzen in den Ausgangspunkten, die aber dennoch Annäherungen – wenngleich nicht Über­einstimmungen – in Bezug auf Ethik, soziale Kooperation und Diskurs erkennen lassen.
Die konstruktivistische Annahme der Beobachterabhängigkeit aller Kognitionen und Handlungen passt auf den ersten Blick nicht zu Habermas’ strikter Trennung zwischen objektivem Beobachter und teilnehmendem Akteur. Nur aus der Perspektive der teilneh­menden Akteure kann Ethik begründet und vor allem praktiziert werden. Allerdings ist der konstruktivistische Beobachtungsbegriff alles andere als der eines neutralen Außenseiters; die Differenzierungen zwischen internem und externem Beobachter und zwischen Beob­achtung erster und zweiter Ordnung verdeutlichen. dies. Beobachtung wird sogar als Hand­lungsform charakterisiert, auch wenn Beobachten und Handeln damit nicht zusammenfal­len. Umgekehrt könnte Habermas’ teilnehmender Akteur durchaus eine kognitive Fundie­rung im zweifachen Sinne vertragen, nämlich, (a) wenn es darum geht, das im (kompeten­ten) “dialogischen” Sprachgebrauch hergestellte Einverständnis über die Koordination gemeinsamen Handelns in der Handlungsorientierung des jeweils Einzelnen quasi zu ver­ankern (dem schließlich auch die individuelle Verantwortung für sein Handeln zugemutet wird), und, wenn es (b) um die Frage geht, wann eigentlich ein (oder mehrere) Akteur(e) aus ihrer monologischen Beobachterposition heraustreten, um einen Diskurs über ein pro­blematisch gewordenes Einverständnis aufzunehmen.[Note 27]
Eine eher terminologische als inhaltliche Differenz betrifft Habermas’ Unterscheidung von Konstruktion und Entdeckung. Der konstruktivistische Konstruktionsbegriff setzt tiefer, kognitiver an und umfasst beide Aspekte.
Ein weiterer Unterschied besteht in der Gültigkeit der Normen. Während der Konstrukti­vismus eine eher dezisionistische oder zumindest skeptische non-kognitivistische Ethik zu vertreten scheint, hält Habermas mit seiner universalpragmatisch begründeten Ethik nor­mative Aussagen für wahrheitsfähig. Allerdings lassen sich auch hier Konvergenzen erken­nen: Die grundlegenden ethischen Postulate des Könstruktivismus sind zwar nicht logisch ableitbar aus der konstruktivistischen Epistemologie, werden aber mit der selbstreferenzi­ellen Funktionsweise des kognitiven Apparates begründet. Das bedeutet, dass zu der An­nahme der kognitiven Selbstreferenz und Autonomie die ethischen Postulate der Toleranz, Verantwortung und Begründungspflicht besser passen als ihr jeweiliges Gegenteil. Auch Habermas vermeidet den naturalistischen Fehlschluss, indem er die Rationalität normativer Begründungen deutlich trennt von der Rationalität wissenschaftlicher Erkenntnis. Der ba­salen Selbstreferenzialität des Konstruktivismus entspricht die lebensweltliche Gewissheit als Voraussetzung der Diskursethik. In beiden Fällen ist Ethik kein deduktiv abgeleitetes Denksystem, sondern ergibt sich aus der Tatsache von Reflexion schlechthin.
Beide Theorien weisen der Ethik eine universelle Bedeutung zu der Konstruktivismus aufgrund der Folgen kognitiver Autonomie, die Diskurstheorie aufgrund formal-pragmatischer Bedingungen von Diskursen schlechthin. Diese universelle Bedeutung wird jedoch weder transzendiert, sondern ist dein individuellen Beobachter bzw. dein Diskurs inunanent, noch kann aus der Begründung ethischer Normen auf deren Anwendung ge­schlossen werden. Demnach wird in beiden Theorien klar zwischen Nonnengültigkeit und Normenbefolgung getrennt, so dass die Sanktionsfähigkeit normativer Erwartungen auf einer anderen Ebene der Theorie erfolgt.
Dennoch lassen sich Bedingungen ermitteln, unter denen eine Befolgung von Normen wahrscheinlicher ist oder die ihre Befolgung erleichtern. Dazu schlägt der Konstruktivis­mus eine Ethik zweiter Ordnung vor, die in erster Linie an Organisationen adressiert ist, weil deren Strukturen die Bedingungen für individuelles Handeln setzen. Eine Institutiona­lisierung ethischer Diskurse ist auch für Habermas’ Gesellschaftstheorie konstitutiv, wird allerdings von ihm – vor allem in jüngster Zeit – eher in den deliberativen Verfahren der Rechtssprechung verortet.[Note 28]
Bedeutung von Ethik im Journalismus
Ethische Probleme werden im Journalismus fast immer dann thematisiert, wenn journalisti­sches Handeln als Verstoß gegen geltende Normen angesehen wird. Dies bedeutet im Um­kehrschluss, ’ dass journalistische Handlungsweisen implizit meist ethisch unbedenklich sind, das heißt, sie werden gesellschaftlich akzeptiert. Konfliktbereiche dürften dann haupt­sächlich in professionellen Aspekten oder in politischen und ökonomischen Anforderungen an den Journalismus bestehen, die unvereinbar sind mit öffentlichen und gesellschaftlichen Anforderungen gegenüber journalistischem Handeln.
So stellt sich die Frage, ob sich Strategien zur Etablierung einer ethisch dominierten jour­nalistischen Berufskultur entwickeln lassen, die geeignet sind, sie einerseits mit den Zu­mutungen, die aus der gesellschaftlichen Umwelt an den Journalismus herangetragen wer­den, zur Deckung zu bringen, andererseits. jedoch das Eindringen ökonomischer und politi­scher (Arkan-) Interessen abzuwehren oder sogar prophylaktisch vor ihnen Schutz zu ge­währen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Einbettung des Journalismus in ein kommer­zielles, wettbewerbsorientiertes Mediensystem und in eine liberale Medienpolitik sowie seine organisatorische Verfasstheit zugleich die Bedingungen für den modernen Journalis­mus darstellen.
Solche äußeren Bedingungen erklären bis zu einem gewissen Grad Handlungsweisen, die gegen ethische Prinzipien verstoßen, rechtfertigen sie aber nicht, da im Journalismus nicht rational begründet werden kann, warum ökonomische und/oder politische und/oder tech­nologische Faktoren wichtiger sein sollen als ethische Prinzipien. Da in modernen Gesell­schaften die Funktionssysteme prinzipiell nicht hierarchisch geordnet sind, ist eine Total‑steuerung aussichtslos; und die Umwelteinflüsse balancieren sich mehr oder weniger aus, was nicht bedeutet, dass sie gleichgewichtig sind. Insofern kann Ethik, wenn sie von außen an den Journalismus herangetragen wird, zwar als Korrektiv gegenüber politischen, öko­nomischen und sonstigen Umwelteinflüssen wirken. Wirksamer ist jedoch eine Ethik, die im System wirkt, die also an die Professionalität des Journalismus gekoppelt ist oder zu­mindest werden kann. Diskurstheoretisch formuliert: Die Ethik eines über Verständigungs­akte des Journalismus selbst herbeigeführten Einverständnisses mit gesellschaftlich gelten­den Normen muss die Einsicht aller potenziell Betroffenen voraussetzen, deren Handlungs­koordinierung damit durch eine argumentative Begründung “rational motiviert” ist:
“Jeder theoretische oder praktische (gesellschaftliche) Diskurs bedeutet zunächst den Ver­such einer Intervention, deren Wirksamkeit sich erhöhen lässt, wenn ethische Handlungs­weise mit profession, eller Handlungsweise in Einklang gebracht werden kann; darauf baut die Professionsethik. Wenn Ethik und Professionalität allerdings im Widerspruch zueinan­der stehen, dann setzt Sich sehr wahrscheinlich Professionalität durch auf Kosten von Ethik. Beide Fälle kommen empirisch vor: Verträglichkeiten und Konflikte zwischen Moral und Ethik auf der einen Seite und Berufsethos und professionellem Handeln auf der anderen Seite.”[Note 29]
Professionalität kann dabei nicht identisch sein mit Kundenorientierung, sondern ist Ver­antwortung für die Öffentlichkeit, also nicht nur für das tatsächliche Publikum und auch nicht nur für die fiktive und intentionale Größe Zielpublikum, sondern für die potenziell erreichbare Öffentlichkeit. Publikumsethik kann folglich kein Ersatz für journalistische Ethik sein, sondern allenfalls ein Korrektiv oder eine Unterstützung. Auch eine organisierte Publikumsethik in Form von Media Watch Institutionen kann immer nur nachsorgend sein, und sie bleibt vor allem äußerlich, indem sie in erster Linie ein gewisses Sanktionspotenzial bereitstellt. Außerdem wäre zti fragen, inwiefern es sich bei solchen Organisationen um Träger echter deliberativer Verfahren, einer diskursiven Prozedur, handelt, wie sie bei­spielsweise in der institutionalisierten publizistischen Selbstkontrolle durch den Deutschen Presserat[Note 30] angestrebt wird, oder ob sie nicht doch wieder extern instrumentalisiert werden könnten.[Note 31]
Ethische Probleme aus konstruktivistischer und diskursethischer Perspektive
Probleme bei der Entstehung journalistischer Berichterstattung
Im investigativen Journalismus wie im Boulevardjournalismus sind die Methoden der Informationsbeschaffung-nicht immer legal oder legitim. Einige Verfahren sind auch im An­sehen der Journalisten äußerst umstritten. Deutsche Journalisten trennen deutlich zwischen harter und skrupelloser Recherche, wie aus der Studie “Journalismus in Deutschland” her­vorgeht.[Note 32] Zu “harter” Recherche zählt etwa die Vorgehensweise von Günter Wallraff, sich als Mitarbeiter in eine Organisation einzuschleusen, um an interne Informationen zu gelan‑gen, oder versteckte Kameras und Mikrofone zu benutzen, aber auch der “Scheckbuch-Journalismus.” Solche Methoden finden eine durchschnittliche Zustimmung, die von der Situation abhängig gemacht wird. Weitgehend abgelehnt werden dagegen skrupellose Me­thoden, die sich möglicherweise schädigend für die Informanten auswirken. Solche ethi­schen Rücksichtnahmen sind jedoch offenbar Kultur spezifisch, denn U.S.-amerikanische Journalisten kennen diese Zweiteilung nicht und legitimieren entsprechend häufiger auch die skrupellosen Maßnahmen der Informationsbeschaffung.[Note 33]
Die teilweise und situationsabhängige Legitimation harter Recherchemethoden kann mit dem Zweck der besseren Information, also mit der Herstellung von Öffentlichkeit begrün­det werden, etwa wenn sie zur Aufdeckung eines Skandals als notwendig eingeschätzt werden. Die Zweck-Mittel-Relation mündet hierbei in einen Zielkonflikt zwischen Profes­sionalität im investigativen Journalismus und ethischer Rücksichtnahme auf die persönli­chen Grundrechte Einzelner. Noch komplexer wird die Entscheidung, wenn darüber hinaus ein rein professioneller Zielkonflikt entsteht. Denn die Transparenz der Informationsquellen gilt als professionelle Norm, die ebenfalls nur in besonderen Fällen und mit bestimmten Kennzeichnungen gebrochen werden darf. Das Transparenzgebot wäre zwar mit der ethi­schen Rücksichtnahme kompatibel, nicht aber mit dem Zweck der Skandalaufdeckung, also mit der Schaffung von Öffentlichkeit.
Ethische Probleme bei den Inhalten der journalistischer Berichterstattung
Eines der Hauptprobleme im Journalismus ist die klare Trennung zwischen Authentizität und Fälschung, denn es handelt sich hierbei eher um ein Kontinuum als um eine dichotome Polarisierung. So ist etwa der Inszenierungscharakter medialer Konstruktion nicht mehr mit alltäglicher Authentizität in Einklang zu bringen, impliziert aber auch noch nicht Fäl­schung. Der Vorwurf einer Fälschung trifft erst dann zu, wenn absichtlich oder bewusst gefälscht wird. Dabei ist es jedoch gelegentlich schwierig zu klären, wann betrügerische Absicht vorliegt und wie diese nachgewiesen werden kann. Drei Anwendungsfalle mögen dies verdeutlichen:
Fall 1: Der TV-.Fälscher Michael Born
Der freie Journalist Michael Born hat mehrere Beiträge für Fernsehmagazine, insbesondere für Stern TV, gefälscht und nachgestellt. Neben der strafrechtlichen Verurteilung steht hier auch das ethisch-professionelle Versagen zur Debatte. Allerdings ist die Frage nach der Verantwortlichkeit nicht so einfach zu beantworten, denn im Prozess hatte Born eine Teil­schuld den Abnehmern seiner Beiträge zugewiesen. Betroffene Fernsehmoderatoren, wie Günther Jauch; konnten zwar glaubhaft versichern, nichts von den Fakes gewusst zu haben, ihre mangelnde Überprüfung der Echtheit war jedoch zumindest fahrlässig. Außerdem entschuldigte Born sein Tun mit der Abhängigkeit von Quoten und immer spektakuläreren Bildern. Ist diese Art der “Infofiction” eine zwangsläufige Konsequenz des Konstruktivität­scharakters von medialer Wirklichkeitserzeugung schlechthin, oder lassen sich unter­schiedliche Grade von Inszenierungen erkennen, die eine klare Trennung zwischen der unvermeidlichen Konstruktion von Wirklichkeit und eindeutigen und bewussten Fälschun­gen erlauben?
Eine Ausdifferenzierung von Wirklichkeitsebenen hilft hier weiter: In der Tat lässt sich eine authentische von einer gefälschten Darstellung nicht am Material selbst unterscheiden, sondern hängt von der Glaubwürdigkeits- und Wirklichkeitszuschreibung des Publikums – auch der professionellen Kollegen – ab. Als Indikator für die Glaubwürdigkeitszuschrei­bung kann allgemein und pauschal das zugeschriebene Vertrauen in die Journalisten oder das Medium dienen. Darüber hinaus sind spezielle Merkmale in dem Beitrag der Glaub­würdigkeit förderlich oder abträglich, dies allerdings nicht, weil sie selbst wahr oder falsch sind, sondern weil sie im Abgleich mit anderen lebensweltlichen Erfahrungen als glaub­würdig oder unglaubwürdig eingestuft werden.
Die Gründe für die Akzeptanz oder Nicht-Akzeptanz von Wirklichkeitsdarstellungen sind vielfältig: Die Einstufung einer Wirklichkeitsdarstellung als Verzerrung oder Fälschung kann mit den technisch-medialen Bedingungen, mit professionellen Regeln des Journalis­mus oder mit individuellen Fehlleistungen von Journalisten erklärt (das heißt noch nicht: gerechtfertigt) werden. Wir haben folglich zwischen der Beurteilung einer Wirklichkeits­darstellung (als Produkt) und ihrer Herstellung (als Prozess) zu differenzieren, obwohl beide aneinander gekoppelt sind. Eine Wirklichkeitsdarstellung, die als Wirklichkeitsver­zerrung nicht akzeptiert wird, wird meist nur in dem Maß als relevante Verzerrung einge­schätzt, wie ihre Ursachen – die in der Herstellung liegen – als Rechtfertigung dienen kön­nen. Jede dieser Ursachen, die für die Wirklichkeitsverzerrung verantwortlich gemacht wird, kann als illegithn bestritten werden oder als legitime Rechtfertigung herhalten. Dies gilt sogar für die individuelle Fälschung, wenn sie etwa einer behaupteten Wahrheit im übergeordneten Sinn dient. Der Wahrheitsanspruch kann freilich ebenso wie die Akzeptanz der Bedingungen ihrer Herstellung nur diskursiv eingelöst werden.
Fall 2: Das Symbol des Bosnien-Krieges (1992)
Anfang August 1992 nahm ein Kamerateam der britischen Fernsehsender ITN und Channel 4 zusammen mit einem Reporter der britischen Tageszeitung Guardian Bilder von einem Lager der bosnischen Serben in Trnopolje auf, auf denen ausgemergelte Männer mit nack­ten Oberkörpern hinter einem Stacheldraht zu sehen sind. Die Aufnahme ging auch als Pressefoto um die Welt und wurde als Beweis dafür angesehen, dass die bosnischen. Serben Konzentrationslager errichtet hatten – das Foto wurde zum Symbol des Bosnienkrieges schlechthin. Der freie Journalist Thomas Deichmann hielt (und hält) diese Aufnahmen und das Foto für eine Inszenierung der beteiligten Journalisten, die seines Erachtens die Gele­genheit nutzen wollten, um eine grausame Kriegssituation zu dokumentieren, sozusagen im Dienst einer höheren Wahrheit, und möglicherweise “Opfer” ihrer eigenen Erwartungen wurden. Deichmann sammelte Indizien, die seinen Verdacht unterstützten, und publizierte seine Sicht der Dinge.[Note 34] Aufgrund dieser Recherchen sind begründete Zweifel an der Au­thentizität des Bildes gerechtfertigt.
Die anschließende publizistische Debatte um das Bild vermischte häufig die Ebenen, denn zum einen wurde dessen Authentizität selbst angezweifelt, zum anderen wurde die Inter­pretation und Beweiskraft des Bildes für das Vorhandensein von Konzentrationslagern bestritten. Deichmann wurde im Gegenzug sogar verdächtigt, er betreibe proserbische Ge­schichtsverfälschung.[Note 35] Der angegriffene britische Fernsehsender ITN strebte eine Ver‑leumdungsklage gegen die Londoner Zeitschrift “Living Marxism” an, die Deichmanns Behauptungen zuerst abgedruckt hatte. Die betreffenden ITN-Korrespondenten bekamen im März 2000 umgerechnet 1, 2 Mio. DM Schmerzensgeld zugesprochen, weil die Zeitschrift den Sender der absichtlichen bzw. bewussten Täuschung bezichtigt hatte. Das Gericht wollte und konnte allerdings die Frage der Wahrheit des Bildes nicht beantworten.[Note 36]
An dem Fall wird deutlich, dass Fragen zur Wahrheit von Aussagen, die nicht konsensuell geklärt werden können, nicht als Widersprüche stehen bleiben, sondern durch Ersatzargu­mentationen oder gar durch juristische Schritte normativ aufgelöst werden. Wenn die Glaubwürdigkeit der Positionen nicht durch das Bildmaterial oder äußere Indizien beurteilt werden kann, wird ersatzweise auf Motivverdacht oder auf Sanktionen ausgewichen. Die erkenntnistheoretisch nicht beantwortbare Wahrheitsfrage wird auf diese Weise in eine behandelbare Machtfrage transformiert und der Entscheidung zugeführt. Das ethische Pro­blem dieser Entscheidung besteht darin, dass selbst hei begründeten unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen der Zwang zum Konsens – von wem immer er auch ausgeübt wird – dazu führt, bestimmte Wirklichkeitskonstruktionen mit Mitteln der Macht auszu­schließen, weil der Konsens diskursiv offensichtlich nicht herzustellen war.
Fall 3: Fiktive Interviews mit Showstars im “SZ-Magazin”
Im Mai 2000 berichtete das Wochenmagazin “Focus” über zahlreiche gefälschte Interviews mit Showstars, die im SZ-Magazin der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurden. Der beschuldigte Journalist Tom Kummer war bereits 1999 entlassen worden. Er leugnete seine Erfindungen nicht, sondern verteidigte sie sogar als Kunst. Echte Interviews wären seiner Auffassung nach wesentlich weniger unterhaltsam gewesen. Sein Selbstverständnis als “Borderline-Journalist” begründet er scheinbar konstruktivistisch damit, dass die Medien eine Welt schafften, in der es nicht um absolute Wahrheit gehe.[Note 37] Kummer verfehlt mit dieser Einschätzung jedoch den ethischen Aspekt seiner Fälschungen, weil er die Referen­zebene wechselt. Selbstverständlich wird auch von dem unterhaltungsorientierteren SZ-Magazin erwartet, dass es journalistisch ist, zumal wenn bestimmte Inhalte nicht eindeutig als fiktiv gekennzeichnet sind. Kummer überschreitet folglich eine Grenze, vertuscht je­doch diese Überschreitung und täuscht damit die Erwartungen des Publikums. Nicht die Erfindung der Interviews selbst ist ethisch anstößig, sondern deren Verschleierung.
Ein Gegenbeispiel bildet die “Wahrheitsseite” der Tageszeitung (taz): Auch hier werden Reportagen und Interviews erfunden, aber dies ist dem Publikum bekannt. Darüber hinaus wird der Anspruch deutlich zum Ausdruck gebracht:
“Eine gut erfundene Geschichte zeichnet sich […] dadurch aus, dass sie nicht nur die Realitätspartikel so einsetzt, dass der Leser kunstvoll getäuscht wird, sondern auch da­durch, dass sie sich selbst Grenzen zieht. […] Eine gut erfundene Geschichte diffamiert und denunziert niemals. Und was tut Kummer? Er sonnt sich im Scheinwerferlicht der Prominenz. Er transportiert über die Nomenklatura seine Ansichten.”[Note 38]
Bemerkenswert ist darüber hinaus die “Aufdeckung” des Skandals durch Focus. War bis vor wenigen Jahren eine gegenseitige journalistische Kritik geradezu tabu, wird jetzt durch die ökonomische Konkurrenz eine Debatte über journalistische Ethik angezettelt. Obwohl Focus sicher strategische Interessen verfolgt, liegt hierin möglicherweise das Potenzial für eine ethische Selbstverständigung über journalistisches Handeln – quasi als unbeabsichtigte Folge.
Ethische Probleme bei der Darstellung
Neben der Fälschung als inhaltlichem Problem der Berichterstattung steht immer wieder die Form der Darstellung im Mittelpunkt der Kritik. Wie drastisch darf journalistische Be­richterstattung etwa bei Kriegsereignissen, Gewaltverbrechen, Hungersnöten oder Verge­waltigungen sein? Wie intim darf journalistische Berichterstattung über Prominente und Personen der Zeitgeschichte ausfallen? Wo sind die Grenzen zu ziehen zwischen Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit und unzulässigem Voyeurismus? Im Licht der Diskursethik kann man die übermäßige Intimisierung und Privatisierung des Öffentlichen als “Missachtung von wechselseitig beanspruchter Anerkennung”[Note 39] interpretieren. Und somit erscheint speziell im Boulevardjournalismus zumeist nicht einmal der Zweck der Berichterstattung legitimierbar, es sei denn mit den voyeuristischen. Bedürfnissen des Pu­blikums bzw. mit der Anschlussfähigkeit von Boulevardberichterstattung für die (private) Alltagskommünikation der Rezipienten. Entsprechend gerät dieses journalistische Genre inzwischen unter den Druck der Rechtsprechung, wenn es darum geht, den Persönlichkeits­schutz von Prominenten gegenüber der Regenbogenpresse zu wahren. In diesem Zusam­menhang wird sogar die Kritik laut, dass deutsche Gerichte sich für die “Marketinginteres­sen” der Prominenz willenlos “instrumentalisieren” lassen.[Note 40] Der Marburger Rechtswissen­schaftler Georgios Gounalakis fürchtet sogar durch mittlerweile “ausufernde” Entschädi­gungsforderungen von Prominenten gegenüber der Presse eine Art “Goldgräber-Stimmung.” Ohne eine Gegendarstellung oder eine Richtigstellung anzustreben, werde heute sofort auf hohen Schadensersatz geklagt.
Dieser Umstand ist unter anderem auf eine fehlende Kodierung der entsprechenden norma­tiven Grundlagen im deutschen Recht zurückzuführen. In den USA ist die Angelegenheit relativ klar: Dort gilt die sogenannte Türschwellentheorie, eine deutliche Trennung zwi­schen privatem und öffentlichem Raum. Die Privatsphäre endet an der eigenen Haustür, alles andere ist öffentlich. Und wenn neugierige Kameras über den Zaun filmen, schalten sich die Rechtsanwälte ein. In Deutschland dagegen urteilen die Gerichte auf der Basis einer reichhaltigen Kasuistik, denn lediglich das hoffnungslos veraltete Kunsturhebergesetz aus dem Jahre 1906 (!) regelt etwa die Frage nach “Personen der Zeitgeschichte,” die nicht zu jeder Bildveröffentlichung ihr Einverständnis geben müssen, weil an deren Leben die Allgemeinheit zunächst ein öffentliches Interesse beanspruchen darf. Seit einigen Jahren stoßen findige Anwaltskanzleien – allen voran der Hamburger Anwalt Matthias Prinz – in diese Lücke und beschäftigen sich vornehmlich damit, ihre prominenten Klienten notfalls vor Gericht gegen eine unerwünschte Berichterstattung zu verteidigen. So hatte Caroline von Monaco sich mit Hilfe von Prinz gegen die BUNTE gewehrt, weil das Blatt ein Inter­view mit der Prinzessin regelrecht erfunden hatte. Und weil die Zeitschrift damit massiv das Persönlichkeitsrecht der Monegassin verletzt habe, so urteilte der 6. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) im Jahr 1996, wurde der Burda-Verlag (in dem die BUNTE erscheint) zur Zahlung eines Schadenersatzes von 180.000 Mark verurteilt. Ethisch nicht nachvollziehbar bleibt dabei vor allein der Umstand, warum die Reichen – so hieß es bei einer Expertenrunde des Deutschen Presserats im September 1998 – durch Schadenersatz­forderungen noch reicher würden, während im Sudan jedes verhungernde Kind nach Belie­ben fotografiert werden dürfe und anschließend an seiner Armut sterbe. Zudem stellt die Schwere der Sanktion eine Gefährdung der Pressefreiheit insgesamt dar, wenn nämlich Journalisten quasi durch die Androhung hoher Geldstrafen eingeschüchtert werden. Die Ursache dafür liegt wiederum im Fehlverhalten einzelner Journalisten selbst, die eben ihr persönliches Erfolgskalkül der Einsicht überordnen, dass sie “mit ihren Äußerungen in der Öffentlichkeit zugleich die Strukturen dieser Öffentlichkeit reproduzieren.”[Note 41]
Freilich ist zweifelhaft, ob neben dem politischen auch der Unterhaltungsjournalismus dieses Recht überhaupt noch für sich in Anspruch nehmen darf und nicht stattdessen als eine berufliche Erwerbstätigkeit wie jede andere betrachtet werden muss.[Note 42] Denn es häufen sich in der Tat gerade auf diesem Sektor die medialen Angebote, die als “‘geistige’ Pro­duktion” (Jürgen Heinrich) sui generis betrachtet werden müssen, eben eher ästhetisch und literarisch-fiktional als informierend und analysierend, wie das aktuelle Beispiel des Schweizer Journalisten Tom Kummer belegt. Und dann freilich wäre die Einschätzung der Medienökonomie über die “Zielsetzung” dieses Journalismus zu teilen, der vor allem die “individuelle Nutzenmaximierung” vor Augen hat und nach systematischen, externen “Er­folgskontrollen” verlangt, welche die “gewünschten Produktionsergebnisse zumindest par­tiell als Handlungsfolgen auf den Journalisten zurechnet.”[Note 43]
Ethische Probleme bei den Wirkungen der journalistischer Berichterstattung
Im politischen Journalismus geht es allerdings um die – auch von der Medienwirkungsfor­schung bislang noch nicht zufriedenstellend beantwortete – Frage, “wie die Massenmedien in die unübersichtlichen Kommunikationskreise der politischen Öffentlichkeit eingrei­fen,”[Note 44] ein normativ hochaufgeladenes Problem, das nicht allein die Folgen journalistischen Handelns, sondern – quasi über den Umweg der intendierten Wirkungsabsichten – die Ko­ordinierung politischen Handelns insgesamt betrifft. Denn das ist der Maßstab, der die Debatten um journalistische Ethik bestimmt: die Macht der Medien(wirkung). So erklären prominente Journalismuskritiker wie Hans Mathias Kepplinger seit langem, dass gerade die von den Medien geschaffene Realität das politische Geschehen dominiere:
“Die Medien haben der Politik aufgrund ihrer stärkeren Stellung im Prozeß der politi­schen Willensbildung ihre Erfolgsbedingungen aufgezwungen. Die Politik hat sich ih­nen angepaßt und in Teilbereichen unterworfen.”[Note 45]
Kepplinger hat dabei allein die zweckrationalen Handlungsfolgen im Blick, wenn er – etwa am Beispiel von Tempo und Effizienz des staatlichen Gesetzgebungsverfahrens – zu zeigen versucht, dass die “Problemlösungsfähigkeit” der deutschen Politik besser sei als ihr Ruf. Die “publizistische Leistungsbilanz von Staat und Politik” sei im Widerspruch dazu dra‑matisch gesunken. Der Staat ziehe sich – so Kepplingers Sicht – klug aus diversen Betäti­gungsfeldern zurück, die Medien dagegen politisierten durch ihre negative Berichterstat­tung auch den “vorpolitischen Raum” auf massive Art. Insgesamt sei mithin eine mediale “Problematisierung Deutschlands” zu erkennen, eine Überbetonung von Missständen, Op­fern, Problemen und politischer Schuld. Das führe am Ende zu einer Politikverdrossenheit, die sich “durch reale Erfahrungen mit Staat und Politik nicht erklären” lasse. Und an dieser Stelle setzt in Kepplingers Augen eine fatale (Selbst-)”Demontage der Politik” ein. Denn zunehmend seien die politischen Akteure inzwischen dazu gezwungen, ihr Handeln medi­engerecht zu gestalten. “Die Medien haben der Politik ihre Regeln aufgezwungen,” nach denen sich die Politiker – wie die Gladiatoren im alten Rom – gewissermaßen aufeinander hetzen lassen.
Eine derart legitimistische Sichtweise[Note 46] verkennt allerdings die Grundlagen einer an den gleichen Rechten aller – und nicht nur der Beteiligten – orientierten Gesellschaftsordnung, auf die sich jede Stellungnahme innerhalb einer politischen Öffentlichkeit beziehen muss. In ihr ist die Einhegung der Medienmacht zwar ein Dauerproblem. Es wird jedoch, gerade im Gegensatz zu der Ansicht Kepplingers, immer dann virulent, wenn die Massenmedien sich nicht “als Mandatar eitles aufgeklärten Publikums verstehen, dessen Lernbereitschaft und Kritikfähigkeit sie zugleich voraussetzen, beanspruchen und bestärken.”[Note 47]
Journalistische Ethik revisited
Unterstellt man, dass journalistisches Handeln prinzipiell der gesellschaftlichen Kommuni­kation dient und damit der Doppelstruktur jeder Kommunikation unterliegt, [Note 48] lässt sich die Kritik an journalistischen Fehlleistungen präziser erschließen. Denn der propositionale Anteil journalistischer Aussagen ist mithilfe theoretischer Diskurse und wissenschaftlicher Methoden scheinbar leicht zu bearbeiten. Hier geht es um problematische Äußerungen kognitiv-instrumenteller Natur, die Wahrheit von Aussagen betreffend oder die Wirksam­keit teleologischer Handlungen. Das Thema ist in diesen Fällen zumeist die Objektivität, politisch: die Ausgewogenheit des Journalismus, die infrage gestellt resp. gefordert wird. Hier liegen die wesentlichen Gründe für langjährige, unfruchtbare Debatten der Joumalis­musforschung, in der die legitimistische Schule die Wortführerschaft innehatte. Sie haben der (Fort-) Entwicklung einer journalistischen Ethik nicht dienen können, weil sie selbst in ihrer kognitiv-instrumentellen Einseitigkeit befangen waren, journalistisches Händeln auf rein zweckrationale Wirkungsabsichten reduziert und darum versucht haben, den Journa­lismus insgesamt unter den Aspekten der Wahrheit und Wirklichkeit seiner Aussagen zu bewerten.
Immerhin korrespondiert die kognitive Perspektive allerdings auf Seiten der Praxis mit Kompetenzen des Journalismus, die vor allem im handwerklichen Bereich liegen, und hat so erheblich dazu beigetragen, dass die hochschulgebundene Journalistenausbildung heute auf solideren Füßen steht als etwa vor fünfundzwanzig oder dreißig Jahren.[Note 49]
Befragt man freilich die Rationalität genauer, die speziell hinter problematischen Entschei­dungen des Journalismus steckt, stößt man auch auf Argumentationsformen, die sich wissenschaftlich wie praktisch – der gleichen Bezugsgrößen bedienen. So fordern insbe­sondere die Bildmedien (die zudem auf alle anderen Formen medialer Darstellung zuse­hends Einfluss ausüben) einen ästhetischen Diskurs geradezu heraus. Im alltäglichen Jour­nalismus selbst spielt er eine entscheidende Rolle, stellen doch evaluative Äußerungen darüber, ob ein Bild oder ein Text gut im Sinne von brauchbar (für das Produkt insgesamt) ist, die entscheidenden Probleme dar. Dabei geht es eben auch – jedenfalls in einem exi­stenziellen Sinne – um die eingangs bereits erwähnte Frage nach dem guten Journalismus. Denn eine Journalistin oder ein Journalist, deren/dessen Angebote oder Beiträge über einen längeren Zeitraum von Entscheidungsträgem nicht als gut betrachtet werden, scheiden irgendwann als untauglich aus.
Schwieriger wird es, wenn wir diese Frage gesellschaftstheoretisch betrachten. Dann müs­sen wir perspektivisch von der 1. Person Singular zur 1. Person Plural wechseln und uns die Frage stellen, welche journalistischen Angebote für alle gut sind. Unter rein strategischen Erwägungen gehört dieser Perspektivenwechsel zum Alltag redaktioneller Auseinanderset­zungen, wissenschaftlich wird er vielfach als journalistisches Publikumsbild, reflektiert durch die Journalistinnen selbst, auch als Teil des Rollenselbstverständnisses bearbeitet. Doch hier geht es nicht um diese verkürzt strategische Sichtweise journalistischen Ent­scheidungshandelns sondern um die Frage der ethischen Grundlagen, das heißt darum, welche Art von Geltungsansprüchen diskutiert werden und welche diskursive Erörterung über problematisch gewordene Äußerungen in Betracht gezogen werden müssen. Denn tatsächlich werden in der ästhetischen Kritik Wertstandards auf ihre Angemessenheit hin geprüft, eine Form der (Selbst-) Vergewisserung, die immer auch auf die Frage zielt, wel­che Form des Leben für mich gut ist, wie ich leben möchte. Das könnte erklären, warum die Angehörigen des Journalismus auf wissenschaftliche Kritik kaum oder gar abweisend rea­gieren. Denn mit jeder Rückfrage an die Leistungen journalistischen Handelns wird – aus der Perspektive des Journalismus selbst – ein ethisch-existenzieller Diskurs eröffnet, [Note 50] der die Grundlagen jedes Einzelnen in Zweifel zieht. Umgekehrt freilich eröffnet jeder Journa­list, der bspw. die Äußerungen eines Politikers bezweifelt oder nur hinterfragt, aus der Perspektive etwa dieses Politikers einen ‚therapeutischen Diskurs’, der die Wahrhaftigkeit einer Aussage problematisiert. Sanktionsmaßnahmen oder wenigstens Journalistenschelte sind oft die Folgen dieser Einschätzung.
Gemeinsam ist all diesen Beispielen zumindest eins: Die Frage der journalistischen Ethik wird immer dann komplex, wenn es nicht allein uni den propositionalen Gehalt journalisti­scher Aussagen geht, sondern um den – aus der Beobachterperspektive wichtigeren – per­formativen Gehalt. Im Unterschied zu den externen Steuerungsabsichten von Politikern oder wissenschaftlich (und politisch) unterstützten Media Watch Institutionen setzen der Konstruktivismus auf die ethisch-reflexive Selbststeuerung des Systems und die Diskur­stheorie auf den moralisch-praktischen Diskurs der Beteiligten und Betroffenen. Beide Theorieangebote eint die Skepsis gegenüber Ansätzen, die ethische Verstöße durch Sank­tionen verhindern wollen, obwohl sie unterschiedlich optimistisch sind, was die sanktions­freie Durchsetzung des ethischen Reflexionspotenzials angeht.
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Endnotes
1
Baum 1994: 311ff.
3
Vgl. Ott 1995: 317f.
4
Hejl 1995: 54
5
Vgl. Hejl 1995: 40, 48,
6
Vgl. Krippendorff 1990: 65
7
Vgl. Hejl 1995: 58
8
Vgl. Krippendorff 1990: 65
9
Vgl. Rusch 1987: 193, 202
10
Hejl 1995: 56
11
Vgl. ebd.: 98
12
Vgl. ebd.: 60f.
13
Vgl. Kramaschki 1995: 265
14
Vgl. Habermas 1991: 130f. (konstruktivistisch), aber: Habermas 1983: 71 (realistisch).
15
Vgl. Hejl 1995: 64f.
16
Der Begriff der “kognitiven Ethik” ist zwar eingeführt, aber missverständlich, da er nicht Kognitionen im psychologischen Sinn meint, sondern angeblich eine realistische Erkenntnistheorie voraussetzt. Tatsächlich unterscheiden sich aber der Wahrheitsanspruch normativ-praktischer und theoretisch-wissenschaftlicher Aus­sagen.
17
Vgl. Habermas 1983: 65ff.
18
Vgl. ebd.: 76ff.
19
Vgl. Habermas 1991: 153, 156f., 169, 187, praktische Implikationen: S. 202f.; Habermas 1983: 75f.
20
Vgl. Habermas 1983, S.86, 92; Habermas 1991: 194f.
21
Vgl. Habermas 1991: 132
22
Vgl. ebd.: 159ff.
23
Vgl. Habermas 1983: 113
24
Vgl. Habermas 1991: 132; Habermas 1983: 113f., 96
25
Vgl. Habermas 1991: 139, 206f, 159
26
Vgl. ebd.: 135f.: 145
27
Vgl. zu diesem Problem, das u.a. zu Legitimationsproblemen des Journalismus führt: Baum 1994: 164
28
Vgl. Habermas 1983: 102 und Habermas 1992.
29
Vgl. Pöttker 1999: 235ff.
30
Vgl. beispielhaft die “Publizistischen Grundsätze” sowie das Beschwerdeverfahren des Deutschen Presserates in der Fassung vom 17. September 1997.
31
So dient etwa der “Medientenor” der Wirtschaft als strategisches Beobachtungsinstrument der Medien und ist somit nur partiell als ethisches Regulativ geeignet.
32
Vgl. Scholl & Weischenberg 1998: 189ff.; Weischenberg & Scholl 1995: 225ff.
33
Vgl. Scholl & Weischenberg 1998: 229f.
34
Vgl. Deichmann 1997
35
Vgl. Zumach 1997: 8
36
Vgl. Zumach 2000: 10
37
Vgl. die ausführliche Dokumentation von Ott & Ramelsberger 2000
38
Ringel 2000: 6
39
Miiller-Doohm 1999: 226
40
Vgl. auch für die folgende Darstellung Baum 1998
41
Vgl. Habermas 1992: 447
42
Zur ursprünglichen Kritik an dieser Sichtweise vgl. Baum 1996
43
Vgl. Heinrich 1994: 151
44
Vgl. Habermas 1992: 456
45
Kepplinger 1998: 161
46
Vgl. Baum 1994: 208ff.
47
Vgl. Habermas 1992: 457
48
Vgl. Habermas 1984: 91ff.
49
Gerade dieser Umstand hat erheblich dazu beigetragen, dass sich die wissenschaftliche Journalistenausbildung gesellschaftlich inzwischen ohne Umstände legitimieren kann.
50
Vgl. Habermas 1991: 111f.
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