CEPA eprint 2650 (HVF-174)

Der Wiener Kreis – Parabel für einen Denkstil

Foerster H. von (1996) Der Wiener Kreis – Parabel für einen Denkstil. In: Wissenschaft als Kultur: Österreichs Beitrag zur Moderne, F. Stadler. Springer, Vienna: 29–48. Available at http://cepa.info/2650
Table of Contents
I. Denkstil
II. Kostproben
(i) “Onkel Ludwig”
(ii) Hahn und Menger
(iii) Nernst
(iv) Scheminzky
(v) Wittgenstein
(vi) Popper
(vii) Gödel
(viii) Miklas
(ix) Wittgenstein
III. Erbschaft
(i) “Wert-Anomalie
(ii) “Zirkularität
(iii) “Sprache” I
(iv) “Schließung”
(v) “Sprache” II
(vi) “Eigenschaften”
Keine größere Freude hätte man mir machen können, als mich zu diesem Internationalen Symposium des Instituts Wiener Kreis einzuladen. Von Anfang an war ich schon von der Spürnase der Organisatoren beeindruckt, die mich in meinem Versteck auf einem einsamen Hügel in einem winzigen Dorf Nordkaliforniens ausfindig gemacht haben. Noch dazu hat sich herausgestellt, daß sich dieses Symposium zu einer Art “Family Reunion” entwickelt hat, bei der man den lieben alten Freunden wieder begegnen und neue kennenlernen darf.
Das gewählte Großthema ist hier “Wissenschaft als Kultur,” aber natürlich nicht im Sinne von C.F. Snow, der in Two Cultures stets die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften sorgsam auseinanderzuhalten versteht. Um nicht in diese Falle zu geraten, möchte ich mich an einen Denkstil wenden, der unabhängig von dem Bereich ist, den er “stilisiert.” Und gerade diese Paradoxie, einerseits Trennung von Form und Inhalt, andererseits Form als Inhalt, empfinde ich als eine charakteristische Färbung der kulturellen Beiträge des Wiener Kreises.
Es war heute ein faszinierender, aber auch anstrengender Nachmittag. Als ein “After-Dinner Speaker” werde ich daher versuchen, eher die entspannende Stimmung eines Verdauungskonzerts entstehen zu lassen, als mit den schweren Geschützen der Logik, der Epistemologie, der Sachlichkeit etc. aufzuziehen. Die haben wir ja schon heute Nach-mittag donnern gehört.
Damit habe ich auch schon die wesentlichen Züge meines Programms angedeutet. Ich möchte es in drei Paragraphen entwickeln.
I. DENKSTIL: Zuerst ein paar Worte über meine Wahl, den Begriff “Stil,” und besonders “Denkstil,” herangezogen zu haben.
II. KOSTPROBEN: Ich möchte mehrere sehr verschiedene Kostproben geben, um das Wesentliche dieses Stils fühlbar werden zu lassen. Ich sehe dieses Wesentliche als das “Überwinden,” oder sollte ich besser sagen, das “Verwischen” kultur- und traditionsgebundener Grenzen, um auf die sprachlich und gedanklich verankerten Fundamentalgrenzen, wie “prinzipiell Unentscheidbares,” oder “prinzipiell Unanalysier-bares” aufmerksam zu machen.
III. ERBSCHAFT: Es sah so aus, als wären der Schwung, die Begeisterung, das Interesse und die Ideen des Wiener Kreises im Jahr 1938 zu einem schlagartigen Ende gekommen, und die wenigen überlebenden Bruchstücke in den darauffolgenden Jahren völlig verwittert. Kein Wunder! Man braucht nur ein paar Blicke in das von Stadler und Weibel herausgegebene erschütternde Buch Vertreibung der Vernunft: The Cultural Exodus from Austria zu werfen, um die Schwere und Tiefe der damaligen geistig-musischen Amputation zu fühlen.
Aber vor etwa fünfzig Jahren, kurz nach meiner Ankunft in Amerika, wurde ich wie durch ein Wunder in einen Kreis von Frauen und Männern aufgenommen, deren Faszination, Enthusiasmus, Offenheit und Tiefe mich an den Denkstil des Wiener Kreises erinnerte. Der einzige Unterschied, den ich zwischen meiner neuen und meiner alten geistigen Heimat feststellen konnte, war eine Erweiterung des Kreises durch Vertreter der Anthropologie, Neurologie, Zoologie etc., also der den Lebensformen zugewandten Interessen.
Ich möchte diesen Kreis den “Kreis der Kreisprozesse,” oder den “Kybernetik Kreis” nennen.
I. Denkstil
“Stil” leitet sich ab vom Griechischen “στύλοζ,” das ist Griffel, Graviernadel, Schreibstift, etc., also ein Werkzeug, um Eintragungen auf Stein, Holz, Papier etc. zu machen. Je nach der Beschaffenheit der Schneidflasche des Stylus werden die Eintragungen verschieden ausfallen: breit, spitz, rund, dreieckig, wie bei der Keilschrift der Sumerischen Tontafeln, etc. In vielen Fällen kann man daher aus dem Stil des Geschriebenen auf den Urheber schließen. Aber die Kräfte, die Gedanken, die den Stylus geführt haben, bleiben unerforschlich.
Also, wenn ich über Denkstil spreche, spreche ich “parabolisch,” oder “hyperbolisch,” genau auf den Wiener “Kreis” passend, denn Parabel, Hyperbel und Kreis sind ja alles Kegelschnitte.
II. Kostproben
Ich habe für diese Gelegenheit ein paar Beispiele ausgesucht, die - wie ich glaube - ahnen lassen, was hinter ihnen implizit verborgen bleibt. Ich zeige Ihnen die Spitze eines Eisbergs, und bitte Sie, auf seine unergründliche, unten im Wasser schwebende, Tiefe zu schließen.
(i) “Onkel Ludwig”
In den ersten Wochen des Augusts 1914 kam mein Vater in Serbische Kriegsgefangenschaft, und so wuchs ich in den Kreisen der Familie meiner Mutter auf. Hier dominierte Großmutter, die schon als junges Mädel sich dem Kampf für Frauenrechte ergeben hatte. Später war sie Mitbegründerin der Dokumente der Frauen, eine der ersten paneuropäischen Frauenzeitschriften. Journalistinnen, Dichterinnen, Malerinnen, Tänzerinnen, Heilgymnastikerinnen usw. usw. zogen durch ihr gastfreundliches Haus. Ich hatte unter einem großen Schreibtisch mein Domizil etabliert und genoß es, von Zeit zu Zeit entdeckt und verhätschelt zu werden. Meine Mutter Lilith paßte gut in diesen Strom junger Menschen. Begabt als Zeichnerin, wurde sie Schülerin an der Kunstgewerbeschule, wo ein Mitschüler namens Oskar Kokoschka seine Bewunderung für dieses exzentrische und wilde Geschöpf in der Gestalt des Mädchen Li in seinen Träumenden Knaben zum Ausdruck brachte.
Zwei Frauen waren “role models” für meine Mutter. Die eine war Emilie Flöge, Gustav Klimts “Muse,” die mit ihren Schwestern über dem Kaffee Casa Piccola eine schöne Boutique unterhielt, “leine Mutter, die ganz in der Nähe wohnte, war ein oft und gern gesehener frischer Geist, mit dem und an dem man das Neueste, das Schickste ausprobieren konnte: Hier wurde Denkstil zu Stil.
Eine andere Freundschaft war eine entfernte Cousine, Margarete Stonborough, bekannt durch Klimts Portrait, eine Schwester Ludwig Wittgensteins. Sie wurde von der Familie mit dem Spitzname. “Die Wilde” gewürdigt.
Manchmal durfte ich meine Mutter auf Besuchen bei “Tante Margarete” begleiten. Es gab dort köstliche heiße Schokolade und man mußte brav sein. Einmal war auch ein junger Mann da, der mit seiner Intensität den ganzen Raum erfüllte. Es war “Onkel Ludwig.” Er fragte mich freundlich-streng, was ich werden wollte, wenn ich erwachsen bin. Ich wußte das ganz genau. Ich sagte, ich wolle Naturforscher werden. Das war für mich eine Mischung von Roal Amundsen und Marie Curie. Erstaunt erwiderte er: “Aber da mußt du ja sehr viel wissen.” Vor ein paar Tagen hatte ich, von der Volksschule kommend und die fünfte Klasse überspringend, die Aufnahmeprüfung ins Humanistische Gymnasium bestanden, so konnte ich getrost antworten: “Ja, ich weiß sehr viel.” Die Strenge verflog und Onkel Ludwig sagte freundlich: “Aber du weißt nicht, wie recht du hast.”
Wie war das: “Ich weiß nicht, wie recht ich hab?” Noch heute plagt mich dieser Denkstil.
(ii) Hahn und Menger
Ich begann mein Studium der Physik an der Technischen Hochschule in Wien. Aber schon bald machten Freunde mich auf Vorträge an der Universität aufmerksam, die, wie man mir sagte, “klass” seien!
Wenn ich mich recht erinnere, handelte es sich um eine Vortragsreihe mit dem verführerischen Titel: “Krise und Aufbau in den Naturwissenschaften,” ein köstlicher Köder für Junge, die die Krisen der Alten genießen. Was ich da erlebte, hat sicher mein weiteres Leben entscheidend beeinflußt. Ich bin mit Plato, Kant, Schopenhauer etc. aufgewachsen, und hier wurde die Tür zu einer neuen Welt aufgestoßen. Trotz eines völlig verschiedenen Vortragsstils, wie bei Karl Menger, von logico-semantischer Präzision nur so knisternd, oder bei Hans Hahn, dem Hörer über begriffliche Schwierigkeiten in einem anscheinend gemütlichen Plauderton hinweghelfend, deuteten diese und andere Vortragende wie Thirring und Nöbeling auf einen gemeinsamen Denkstil, bei dem sich die Verantwortung des Denkers für die Resultate seines Denkens nicht so leicht hinter dem einen oder einem anderen a priori verstecken läßt.
Aber auch die intellektuelle Brillianz war für mich atemberaubend. Wenn ich heute die Modeworte “Attraktoren,” “Fraktale,” “Chaos” etc. höre, staune ich, daß niemand Hahn, Koch und andere erwähnt, die, vor fast einem Jahrhundert, allerdings unter weniger bombastischen Namen, die Grundideen dieser heutigen mathematischen Faszi-nation entwickelt hatten.
(iii) Nernst
Es war wohl im Rahmen dieser Veranstaltungen, daß der Nobelpreisträger Walter Nernst als Gastsprecher eingeladen war. Sein Vortragstitel war etwa: “Thermodynamik und Kosmologie.” Für beide Gebiete hatte ich großes Interesse, und so ging ich hin. Er eröffnete seinen Vortrag mit den folgenden Worten: “Meine Damen und Herren, ich habe beschlossen, die Welt vom Wärmetod zu befreien!” Also mir ist alles heruntergefallen: hier steht der winzige Nernst und will die Welt, ja, den gesamten Kosmos vom Wärmetod befreien, dem Wärmetod, der, wie Ludwig Boltzmann festgestellt hatte, eine unausweichliche Folge des Zweiten Hauptsatzes der Wärmelehre darstellt: Tempera-turunterschiede im Weltall gleichen sich aus, und wenn es solche nicht mehr gibt, kann nichts mehr entstehen. Wie will er uns von diesem unausweichlichen Schicksal befreien?
Er schrieb ein paar Gleichungen an die Tafel, änderte einen Parameter, und - PRESTO! - das Universum oszillierte zwischen einem Strahlungs- und einem Materie-Universum. “Boltzmann konnte Einsteins E=mc2 noch nicht wissen,” erklärte er, und so rettete er die Welt vor dem Wärmetod.
Jetzt begann ich Physik zu verstehen.
(iv) Scheminzky
“Kann Leben künstlich erzeugt werden?” hieß einer der späteren Vorträge. Als der Vorsitzende den Vortragenden vorstellt: “Meine Damen und Herren, Professor Ferdinand Scheminzky wird über das Thema sprechen: ,Kann Leben künstlich erzeugt werden?,” stand die erste Reihe von Zuhörern wie ein Mann auf und verließ den Hörsaal unter Protest “Wie kann jemand wagen, den göttlichen Ursprung des Lebens durch chemische Pantschereien zu imitieren?”
Aber Protest der Orthodoxie ist Einladung zu Häresie, und so zog es mich mehr und mehr zu jenen Denkern und Lehrern, die unter dem Katalysator Moritz Schlick eine Diskussionsrunde bildeten, den “Wiener Kreis.”
Ich besuchte Vorlesungen von Schlick, Menger und Carnap. Ich bedaure nur, daß Jahre später, als Carnap und ich zur selben Zeit an der Universität von Illinois tätig waren, ich aus dummer Scheu und Bescheidenheit mich Carnap nicht in Erinnerung brachte. Wie ich später hörte, wäre ein solcher Besuch zu einer ersehnten Unterbrechung des Lebens und der Einsamkeit der beiden Carnaps geworden.
Eine Fußnote in Carnaps Abriß der Logistik bezieht sich auf eine Bemerkung Ludwig Wittgensteins, in der er auf die Bedeutungsunfähigkeit eines Begriffs wie “Selbstidentität” hinweist. Kaum lese ich das, denke ich mir “Donnerwetter, das ist mein Philosoph.”
(v) Wittgenstein
Ich stürzte mich auf die Logisch-Philosophische Abhandlung, ohne mir zuerst darüber klar zu sein, daß ich es hier mit “Onkel Ludwig” zu tun hatte. Bald konnte ich große Teile des Tractatus auswendig, verfertigte für mich einen Sachindex, verschaffte mir schließlich, über Buchhändler vergriffener Bücher, die Originalausgabe aus dem letzten, dem vierzehnten Band von Ostwalds Annalen der Naturphilosophie (19211, schrieb ein kurzes Nachwort zum Tractatus und ließ das alles in ein kleines Buch zusammenbinden.
Leider fand ich zunächst niemanden, mit dem ich meine Begeisterung teilen konnte. Im Gegenteil! Wenn ich bei jeder möglichen Gelegenheit mich auf den Tractatus berief: “Aber Wittgenstein sagt im Satz Nummer so und so das und das …,” schüttelten meine erfahrenen Freunde nur ihre Köpfe und fragten sich, was man mit diesem armen jungen Menschen anfangen soll, der nicht nur seinen Verstand, sondern vielleicht sogar noch mehr verloren zu haben schien.
Zum Glück entdeckte ich in einem lieben, ein paar Jahre älteren Cousin von mir, Paul Wittgenstein – “Wittgensteins Neffe,” wie er durch den Schriftsteller Thomas Bernhard in die Literatur einging – einen ebenso “Tractato-philen,” ,wie ich einer war. Wir prüften einander mit Fragen wie: “Wie lautet der Satz 6.12?,” und der andere mußte dann herunterrasseln: “Der Satz der Mathematik drückt keinen Gedanken aus.”
Aber Paul und ich trafen uns nicht nur als Wittgensteinianer, sondern auch als unermüdliche Opernhabitu6s. Paul war gewöhnlich im Stehparterre mit seinem Freund Herbert von Karajan, ich aber immer auf der vierten Galerie. Jedoch ganz überlegen war Pauls Verständnis der internen Machtspiele, die hinter der Opernbühne blühten.
Im Mai 1955 erhielt Österreich seinen schwer verdienten Staatsvertrag, und der Wiederaufbau der zerstörten Oper war damals bereits so weit fortgeschritten, daß man die Feier dieses Ereignisses mit der Wiedereröffnung der Oper auf den November desselben Jahres festlegen konnte.
Klemens Krauss, der sich für eine Vitalisierung der Wiener Oper nach Franz Schalk außerordentliche Verdienste erworben hatte, wurde vom Unterrichtsministerium zum Direktor der neuen Oper ernannt. Krauss aber erlag den gegen ihn geführten Intrigen, und Karl Böhm eröffnete das neue Haus am Abend des 5. November.
Die Spitzen der internationalen Gesellschaft zelebrierten dieses Ereignis, der Zuschauerraum strahlte von Eleganz. Pünktlich um 8 Uhr verstummt das Stimmen der Instrumente im Orchester; das Haus verdunkelt sich; erwartungsvolles Schweigen; Böhm eilt durch das Orchester zu seinem Dirigentenpult. Da ruft in die dem üblichen Applaus vorangehende Stille eine laute Stimme in das große Haus: “Hoch lebe Klemens Krauss!” Der Applaus bricht los und mein guter Cousin Paul wird von drei Platzanweisern aus einer Loge gezerrt.
(vi) Popper
Zunächst glaubt man, daß es eine Aufgabe des Wissenschaftlers sei, Beweise zusammenzutragen, die seine Theorie stützen. “Nicht so!” sagt Karl Popper. Für alles lassen sich Beweise finden, aber nur ein Gegenbeweis genügt, um eine Theorie zu stürzen. Wenn eine “Theorie” so konstruiert ist, daß sie immun für einen Gegenbeweis ist, so ist das keine Theorie: Eine legitime Theorie muß “falsifizierbar” sein. Mit anderen Worten, die Aufgabe des Wissenschaftlers ist es, sich zu bemühen, seine Theorie zu entkräften. Hat er sich jahrelang vergeblich dieser Mühe unterzogen, kann er sich mit einer Veröffentlichung an seine Kollegen wenden, die ihn, so hofft er, mit einem gefundenen Gegenbeweis von seinen Mühsalen befreien.
Wer denkt schon so?
(vii) Gödel
Entscheidungsprobleme haben schon Philosophen und Mathematiker der Antike geplagt. Ein klassisches Beispiel ist das Problem der Quadratur des Kreises: “Läßt sich nur mit Hilfe eines Zirkels und eines Lineals ein Quadrat konstruieren, das einem gegebenen Kreis flächengleich ist?” Zweitausend Jahre blieb diese Frage unentschieden, bis Karl Friedrich Gauss sie entscheiden konnte. Die Antwort, so fand er, ist “Nein!”
Der Verdacht taucht auf, ob es überhaupt prinzipiell unentscheidbare Fragen gibt, oder ob nicht alle Fragen – vielleicht erst nach langer Zeit und Arbeit – prinzipiell entscheidbar sind. Das heißt, man hat es hier mit einem Entscheidungsproblem zweiter Ordnung zu tun: “Ist die folgende Frage: ‚Ist Frage x entscheidbar?’ entscheidbar?” Kurt Gödel, kaum 25 Jahre alt, konnte diese “Meta-Frage” entscheiden. Die Antwort, so fand er, ist “Ja!”
Es war seine Beschäftigung mit dem Riesenwerk Russells und Whiteheads, den Principia Mathematica, die ihn dazu führte, die bahnbrechende Arbeit “Über formal unentscheidbare Sätze der Principia mathematica und verwandter Systeme” zu schreiben.
Man muß aber gar nicht erst zu Russell, Whitehead, Gödel und anderen Giganten der Logik gehen, um auf prinzipiell unentscheidbare Fragen zu stoßen. “Wie ist das Weltall entstanden?,” “War x vorübergehend geistesgestört, als er die Tat vollbrachte?” etc.
Wie kann ich behaupten, diese Fragen seien prinzipiell unentscheidbar, wo wir doch wissen, daß es für sie so viele verschiedene Antworten gibt. Da behaupten die einen, die Welt wäre vor ein paar tausend Jahren in sechs Tagen geschaffen worden; andere behaupten, es hätte vor 10 Milliarden Jahren einen fürchterlichen “Urknall” gegeben, und – PRESTO! – da war das Universum! etc.; oder fragen sie den Staatsanwalt über den Geisteszustand des Täters und dann seinen Verteidiger: Sie erhalten zwei verschiedene Antworten. Offenbar lernen Sie aus diesen Antworten mehr über den, der antwortet, als aus den Antworten selbst.
Ich behaupte, daß es gerade die prinzipielle Unentscheidbarkeit dieser Fragen macht, daß man sie so verschieden beantworten läßt. Denn es ist doch so: Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.
Wieso?
Ganz einfach: Entscheidbare Fragen tragen ihre Antworten implizit mit sich. Es mag lang, es mag sehr lang dauern, bis man von der Frage über das verbindende logische Gerüst die Antwort erreichen kann. Bei prinzipiell unentscheidbaren Fragen jedoch zwingt uns nichts, nicht einmal “zwingende Logik,” eine Antwort einer anderen vorzuziehen. Wir sind frei zu entscheiden.
Aber mit dieser Freiheit fällt auch die Verantwortung der Entscheidung auf uns. Das ist der Ursprung der Ethik.
Das bringt mich wieder zurück zu Ludwig Wittgenstein. Aber zuerst:
(viii) Miklas
Wie sich sicher die nicht mehr Allerjüngsten unter uns erinnern, war Wilhelm Miklas österreichischer Bundespräsident von 1928 bis 1938. Man behauptete, er wäre Volksschullehrer gewesen, hätte zwölf Kinder, und beim großen Rotundenbrand sei er in den Prater geeilt und hätte mit den Worten: “Ich erkläre den Rotundenbrand für eröffnet” mit seiner Schere den nächstliegenden Feuerwehrschlauch durchgeschnitten.
Wie ich mich heute noch erinnere, wurde der Respekt, den man Staatsoberhäuptern entgegenbrachte, etwa so angedeutet: “Wenn man den Außenminister erschießt, bekommt man 10 Jahre Zuchthaus; wenn man den Innenminister erschießt, 20 Jahre. Aber den Bundespräsidenten, den Miklas, den darf man gar nicht erschießen.”
Und nun zu Wittgensteins Ethik.
(ix) Wittgenstein
Ein für mich so wichtiger Satz im Tractatus ist Satz 6.421: “Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt.” Für mich bedeutet das, daß Versuche, Ethik auszusprechen, zu Moralpredigten degenerieren, die dem Anderen sagen, wie er sich verhalten soll: “Du sollst …” , “Du sollst nicht ….” In der Ethik, so denke ich, entscheide ich für mich selbst: “Ich soll …,” “Ich soll nicht ….”
Wie denkt Wittgenstein? Das sagt uns der nächste Satz 6.422. Er beginnt mit den folgenden Worten: “Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines ethischen Gesetzes von der Form ,Du sollst …’ ist: Und was dann, wenn ich es nicht tue …?”
Meine Damen und Herren, bedenken Sie doch, was Wittgenstein hier sagt: “Der erste Gedanke … [gegenüber] … eines Gesetzes von der Form ,Du sollst ist: und was dann, wenn ich es nicht tue.”
Ich zweifle, daß im Allgemeinen die erste Reaktion auf ein Gesetz der Form Du sollst…” der Gedanke ist “Was dann, wenn ich es nicht tue; was dann, wenn ich unfolgsam bin, wenn ich für mich entscheide, wenn ich ein Häretiker sein will?”
Aber die hier beschriebene erste Reaktion ist selektiv für einen Denkstil. Und so endet auch Satz 6.422 mit den Worten: “Es muß zwar eine Art von ethischem Lohn und ethischer Strafe geben, aber diese müssen in der Handlung selbst liegen.”
Wie war das vorher mit Miklas?
III. Erbschaft
Der Kybernetik Kreis
Sagt was er ist.
Am 23. März 1948 hielt der erstaunliche Warren McCulloch, Neurologe, Mathematiker, Logiker, Philosoph, Poet und, wie er sich selbst gerne nannte, “Experimental-Epistemologe,” vor dem Philosophischen Club der Universität von Virginia einen Vortrag mit dem Titel “Through the Den of the Metaphysician.”
Nach einer aufschlußreichen Beschreibung der Prozesse des Zentralnervensystems in der Sprache der Thermodynamik, Logik und Mathematik, mit einem Hinweis auf die sich durch Benützung dieser Sprache ergebenden Grenzen und Ungewißheiten, wirft McCulloch eine für jede Erkenntnistheorie entscheidene Frage auf: “All dieser Grenzen eingedenk, laßt uns fragen, ob ein Wissender, so verstanden, imstande ist, die Physik der Welt, die auch ihn selbst enthält, zu konstruieren.”
Ich möchte hier nicht so sehr auf mögliche Antworten auf diese Frage hinweisen, sondern auf die Frage selbst, auf ihre logische Struktur, bei der Zirkularität und Selbstbezüglichkeit, die implizit in Wittgensteins Bewertung einer Handlung, die “in der Handlung selbst liegen [muß],” hier explizit zum Ausdruck kommen.
Aber wir wissen auch, Zirkularität und Selbstbezüglichkeit sind Pathogene in der Orthodoxie, denn sie führen zu Paradoxien. Erinnern wir uns doch an die selbstbezüglich Aussage “Ich bin ein Lügner,” die wahr, wenn sie falsch, und falsch, wenn sie wahr ist. So etwas kann man nicht brauchen! So etwas einzuführen, ist Häresie!
McCulloch war mit seiner Frage nicht allein. Zwei Männer, der Mathematiker Norbert Wiener, Professor am Massachusetts Institute of Technology, und Arthuro Rosenblüth, Professor für Physiologie in Harvard, trafen sich, wie ich behaupte, wieder und wieder in der Mensa von Harvard, denn Wiener fand die Speisekarte dort mehr nach seinem Geschmack als die in MIT. Es entwickelte sich zwischen diesen beiden eine tiefe Freundschaft, die nicht nur eine Resonanz der Persönlichkeiten war, sondern auch auf der Gemeinsamkeit der Problemstrukturen beruhte, die sie faszinierten. Rosenblüth studierte die Neurodynamik repetitiver Prozesse, wie beim Tremor der Parkinson-Kranken, für die Wiener die Mathematik lieferte. Wiener arbeitete an nerv-gesteuerten motorischen, später sogar an sensorischen Prothesen, für die Rosenblüth die Physiologie zur Verfügung stellte.
1943 veröffentlichten die beiden ein frühes Resultat ihrer Zusammenarbeit in der Zeitschrift Philosophy of Science[Note 1] unter einem Titel, der Schockwellen über den wissenschaftlichen Ozean sandte: “Behavior, Purpose and Teleology.” Die allgemeine Reaktion: “Was, diese Herren graben ‘Teleologie’ aus der wissenschaftlichen Müllgrube aus? Da sind doch schon, neben dem teleologischen, auch der ontologische und der kosmologische Gottesbeweis begraben?”
Aber, in der Tat, nichts hatten die Autoren ausgegraben: sie haben eine funktionelle Organisation, eine organische Funktion neu erfunden. Der fundamentale Unterschied der hier vorgeschlagenen Organisation gegenüber der üblichen Auffassung von Systemen mit einer eindeutigen Zuordnung von Ursache/Wirkung, Reiz/Reaktion, Eingang/Ausgang etc. ist das Vorhandensein eines “Fühlers,” eines “Auges,” oder allgemein, eines Sinnesorgans, dessen Signale über die äußeren Zustände des Systems die internen Operationen des Systems beeinflußt. Das heißt, die Organisation ist hier nicht linear, sie ist zirkular. Eine Folge dieser Sicht war das Entstehen eines neuen Begriffsvokabulars wie “Feedback,” “Rückkopplung,” “Rekursion,” “Zirkularität,” “Informationsbetrag,” “Bezugsetzung,” “Selbstorganisation,” “Eigenverhalten,” “Redundanz” etc. Sie wurden Ausgangspunkte für Diskussionen über Verhalten, Dynamik und Evolution lebendiger Systeme und möglicher Strukturen ihrer sozialen Organisation.
Man kann die philosophischen, theoretischen und technologischen Konsequenzen dieser anscheinend geringen Veränderung des operativen Flußes kaum überschätzen. Heute noch, nach einem halben Jahrhundert, sind wissenschaftliche Jorunale, ja, sogar die Tagespresse, immer wieder voll Bewunderung über die surrealistisch anmutende Graphik der “Fraktale,” über die überraschenden Resultate der “Chaostheorie” und weitere Folgen der Schließung des Kausalkreises, d.h. der rekursiven Operationen.
Aber damals, vor etwa 50 Jahren, wirkte diese neue Sicht als Katalysator nicht nur für die menschlichen, sondern auch für professionelle Verbindungen, die sich zwischen führenden Geistern der verschiedensten fachlichen Richtungen bildeten.
Für dieses Milieu einer Wissenschaft in statu nascendi war es einer dieser glücklichen Umstände, daß zur gleichen Zeit eine Stiftung, die “Josiah Macy Jr. Foundation,” es sich zum Ziel gesetzt hatte, genau solche spontan entstehenden Ideen im biomedizinischen Bereich zu unterstützen.
Lassen Sie mich kurz über diese Stiftung berichten. Wie mit den Namen Rockefeller, Vanderbilt, Mellon, ist der Name Macy mit den großen amerikanischen Vermögen verknüft. Standard Oil war die beinahe unerschöpfliche Geldquelle der Macys, die sich in New York niedergelassen hatten. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entsprangen der Ehe Josiah Macy jr. drei gesunde Kinder, deren jüngstes, die Tochter Kate, im Alter von etwa 15 Jahren durch eine langsam fortschreitende Lähmung schließlich zu einem Leben im Rollstuhl verurteilt war. Alles wurde versucht: die besten Ärzte bestellt, zahlreiche Diagnosen gestellt und Therapien versucht: umsonst! Zum Glück wurde auch die Hilfe eines praktizierenden medizinischen Forschers, Dr. Ludwig Kast, in Anspruch genommen, der den Mut hatte, zu sagen, daß mit den damaligen Mitteln die Ursache von Kates Lähmung nicht diagnostiziert werden könne. Was tun?[Note 2]
Kast entschied – statt weiter herumzuraten – zu forschen, und schlug vor, Generalisten und Spezialisten, die sich mit Problemen der Sensomotorik beschäftigten, zu Konferenzen einzuladen, in denen Kates Problematik erörtert werden konnte. Kasts Strategie hatte Erfolg. Nach etwa zehn Jahren stellte sich heraus, daß ähnlich wie bei Pellagra hier eine genetisch bedingte Avitaminose die Nerv-MuskelVerbindungen beeinträchtigte und mit entsprechender Medikation behoben werden konnte.
Jahre später, 1930, gründete Kate Macy Ladd im Namen ihres verstorbenen Vaters die Josiah Macy Jr. Foundation unter der Direktion von Dr. Kast, der die Kunst der interdisziplinären Konferenz zur Perfektion brachte.
Die Spielregeln waren einfach. Ein Vorsitzender bestimmte das Thema der Konferenz, die in Abständen von höchstens einem Jahr fünf Fortsetzungen unter demselben Titel abhalten konnte. Es war auch seine Aufgabe, die Namen der etwa 20 Teilnehmer vorzuschlagen. Die Stiftung spielte dann die Gastgeberin, die sich bemühte, ihre etwa zwanzig Gäste bei der An- und Abreise und während der drei Tage der Diskussionen in jeder Hinsicht zu verwöhnen. Die Wahl des Vorsitzenden, und damit auch indirekt die des Themas, war die Verantwortung des Direktors. In den vierziger Jahren war das Frank Fremont-Smith, ein umtriebiger, feinfühliger und aufgeschlossener Mensch, der wie ein Wünschelrutengänger durch die medizinischen Forschungslaboratorien zog. In der Nähe von Norbert Wiener und Warren McCulloch registrierte er einen besonders starken Ausschlag, und so bat er McCulloch, den Vorsitz einer Konferenzreihe zu über-nehmen. Unter dem Titel “Circular Causal and Feedback Mechanisms in Biological and Social Systems” wurden in den Jahren von 1946 bis 1948 fünf Konferenzen abgehalten mit Teilnehmern, deren Namen sich wie ein Who’s Who amerikanischer Wissenschaftler las. Unter ihnen John von Neumann, der die Computerrevolution in Gang setzte; Gregory Bateson, der anthropologische Philosoph und Margaret Mead, seine universelle Frau, berühmt durch ihr Buch Sex and Temperament; natürlich Norbert Wiener und Arturo Rosenblüth; dann die weltberühmten Zoologen J.Z. Young und George Evelyn Hutchinson und noch viele mehr.
Der Erfolg dieser Tagungen war bei den Teilnehmern so groß, daß Fremont-Smith vorschlug, die Macy Foundation sollte für eine zweite Runde von fünf solchen Tagungen über zirkulare Kausalität die Rolle des Gastgebers übernehmen. Der Termin für die erste Tagung dieser Reihe wurde auf den 24. und 25. März 1949 gelegt.
Einen Monat zuvor, am 24. Februar 1949, war ich auf der Queen Mary in New York angekommen. Die beste Freundin meiner Frau hatte mich eingeladen: ich sollte mich umschauen, vielleicht könnte ich mit meiner Familie in Amerika Fuß fassen.
Wie durch ein Wunder hatte Warren McCulloch eine kleine Arbeit von mir zu Gesicht bekommen, die ich auf Anraten Viktor Frankls im Vorjahr in Wien bei Deuticke veröffentlicht hatte: Das Gedächtnis: Eine quantenmechanische Untersuchung. McCulloch fielen in dieser Arbeit sofort zwei Punkte auf: Erstens, das Hauptargument hat eine zirkular- kausale Struktur; zweitens, die Resultate dieser Theorie decken sich mit Daten, die in Amerika gemessen waren, für die es aber keine Theorie gab. Ein zweites Wunder ließ ihn meine Ankunft und Adresse in New York wissen, und mit dem Vorschlag, ich sollte das ebenso im Vorjahr erschienene Buch Norbert Wieners, Cybernetics lesen, lud er mich ein, meine Geschichte bei der Macy-Tagung im März vorzutragen.
Leicht verstört und mit einem Vokabular von etwa 25 englischen Worten tat ich dies, laufend unterstützt von Gerard von Bonin, Heinrich Kluever und anderen Teilnehmern deutscher Herkunft. Nach meinem Vortrag gab es eine Pause, und danach wandte McCulloch sich an mich:
Was Sie uns hier erzählt haben, ist für uns von größtem Interesse; aber wie Sie das erzählt haben, war katastrophal! Wir haben uns überlegt, wie Sie Englisch am schnellsten lernen könnten und haben beschlossen, Sie zum Herausgeber unserer Konferenzberichte zu bestellen.
Ich war sprachlos. Als ich meine Fassung wieder gewonnen hatte, meinte ich, ich werde mich bemühen mein Bestes zu tun, aber da ich sogar jetzt noch den Titel unserer Konferenz nicht einmal aussprechen könnte: “Circular causal and feedback mechanisms…,” schlage ich vor, die Berichte unter dem Titel Cybernetics, mit dem alten Titel als Untertitel, erscheinen zu lassen.[Note 3] Mit Lachen und Applaus wurde der Vorschlag angenommen und Norbert Wiener, der Vater dieses Namens und Begriffs, war so ergriffen von der Bereitschaft seiner Freunde und Kollegen, sein neu geborenes Geisteskind zu adoptieren, daß er feuchten Auges aufstand und für ein paar Minuten den Raum verließ, um seine Bewegung zu verbergen.
Meine Beteiligung an und Mitarbeit in diesem Kreis von Menschen, dem “ Kybernetik Kreis,” war für mich wiederum ein entscheidendes Erlebnis. Die enthusiastische, ja oft kindliche Begeisterung, mit der sich diese Menschen auf Anschaulichheit, Klarheit, Einheitlichkeit, Verständlichkeit stürzten, oder versuchten, verbindende Brücken zwischen anscheinend unverträglichen Disziplinen zu bauen; die nie fragten, wer recht hat, sondern immer nur wie etwas am besten gesagt werden könnte, erinnerte mich an meine Faszination durch die Ideen und den Denkstil der Vertreter des Wiener Kreises. Auf der Oberfläche waren wohl die Themen anders, aber die Wurzeln führten in dieselbe Erde.
Was waren diese zentralen Ideen?
So wie ich es fühlte, war das Zentralthema “Der Mensch,” gesehen von einem neurologico-philosophischen Standpunkt.
So wie vorher möchte ich wiederum ein paar Beispiele geben, deren innere Verwandtschaft eine Weise des Schauens andeutet, auf die ich hier aufmerksam machen möchte.
(i) “Wert-Anomalie
Komparative wie “mehr als,” “größer als,” “besser als,” oder formal ,,> “, sind transitiv. Das heißt, wenn A > B, und B> C, dann ist auch A> C. Das ist wohl so in der Theorie, aber im Experiment trifft das oft nicht zu. Man gibt einer Versuchsperson die Wahl zwischen einem Apfel und einer Birne; der Apfel wird vorgezogen. Dann die Wahl zwischen einer Birne und einer Kirsche; die Birne wird vorgezogen. Schließlich, zwischen einer Kirsche und einem Apfel: (0, Schreck!) die Kirsche wird vorgezogen.
“Das zeigt die Unlogik des Menschen “ sagen manche, McCulloch und seine Kollegen sagen, daß dieses Experiment die Unfähigkeit orthodoxer Logik zeigt, menschliche Entscheidungsstrategien abzubilden. Mit anderen Worten, es wird jetzt gefragt: “Wie muß ein System der Logik geformt sein, so daß diese ,Wert-Anomalie’ bestehen kann?”
In einer, wie ich meine, außerordentlich wichtigen Arbeit, “A Heterarchy of Values Determined by the Topology of Nervous Nets”[Note 4] führt McCulloch nicht nur den Begriff “Heterarchie,” “Der Andere, der Nachbar führt” (ετεροζ = der Andere) ein, und ersetzt damit “Hierarchie,” “Das Heilige führt (ῐεροζ = heilig), sondern zeigt auch, daß die notwendige Relationsstruktur für diese Anomalie nicht auf einer Ebene (wie bei der Hierarchie), sondern nur auf einem Torus abgebildet werden kann. Es ist klar, daß diese Einsicht von größter Bedeutung für jede Verhaltenstheorie und Soziologie ist, aber ganz besonders für Richtlinien im Verwaltungswesen.
(ii) “Zirkularität
Die Form der Zirkularität, die sich schon im vorigen Beispiel andeutet, erweist sich als die herrschende Form eines offenbar unerschöpflichen Stroms neuer Einsichten.
Angefangen mit der “Ur-Zirkularität,” mit dem circulus vitiosus, mit der Paradoxie: Der Satz “Ich bin ein Lügner” ist falsch (F), wenn er für wahr (W) genommen wird, und wird wahr (W), wenn er für falsch (F) genommen wird, also:
W → F → W → F → W → F → …
oder
Wird dieses Rechenschema als Rechenelement verwendet, das aus einer Null (F) eine Eins (W) errechnet, und aus einer Eins (W) eine Null (F) errechnet, kann man es in unsere Armbanduhren einbauen, um sie auf die Sekunde genau laufen zu lassen: Zeit ist Paradoxie in Aktion![Note 5]
Aber das ist nur der Anfang, denn dieser Strom neuer Einsichten ist noch keineswegs zu seinem Ende gekommen, mit den erstaunlichen und überraschenden Ergebnissen der heute so populären “Chaostheorie,” deren Wesen darin besteht, das Resultat einer Operation “rekursiv,” d.h. “zirkulär” wieder zum Eingang des operierenden Systems für weitere Operationen zurückzuführen. Im Großen gesehen, sind das Betrachtungen von Systemen, die operativ geschlossen, aber energetisch offen sind. Schon von Bertalanffy hat mit seiner “General Systems Theory” die reichen Möglichkeiten einer “Thermodynamik offener Systeme” erkannt und konnte damals eine Grundlage für eine theoretische Biologie legen.[Note 6] Heute wird die Fruchtbarkeit dieser Sicht deutlich aus dem Reichtum der neu entstandenen Begriffswelt wie “Selbstorganisation,” “Selbstreferenz,”[Note 7] “Autopoesie,”[Note 8] “Attraktoren,”[Note 9] “Eigenverhalten,[Note 10] und natürlich die “Theorie der rekursiven Funktionen,”[Note 11] die ihre Popularität ihrem attraktiven Namen “Chaostheorie” verdankt.
(iii) “Sprache” I
Am 25. Oktober 1967 trafen sich zum ersten Mal die Mitglieder der American Society for Cybernetics zu einer großen Tagung, die sich dann zu einem jährlichen Ritual entwickelte. Margaret Mead wurde gebeten, diese Tagung mit einem Vortrag zu eröffnen. Unter anderem sagte sie das Folgende: [Note 12]
Als Anthropologin haben mich die Auswirkungen der Theorien der Kybernetik auf unsere Gesellschaft interessiert. Ich beziehe mich dabei nicht auf Computer oder die elektronische Revolution als solche, oder auf das Ende der Abhängigkeit des Wissens von der Schrift oder darauf, wie unter den rebellierenden Jugendlichen Kleidung an die Stelle der mimeographischen Maschine getreten ist.
Und sie fuhr fort:
Insbesondere möchte ich auf die Bedeutung der interdisziplinären Begriffe hinweisen, die wir anfangs ,feed-back’, dann ,teleol ogische Mechanismen’ und dann als ‚Kybernetik’ bezeichnet haben - eine Form interdisziplinären Denkens, die es Mitgliedern vieler Disziplinen ermöglichte, in einer Sprache zu kommunizieren, die alle verstehen konnten.
(iv) “Schließung”
Satz 5.62 im Tractatus Logico-Philosophicus formuliert Schließung kurz und bündig: “Ich bin meine Welt.”
In einem zukünftigen Tractatus Neurologico-Epistemologicus kann man McCulloch folgen, der die zirkulare senso-motorische Schließung aus zwei Teilen zusammensetzt: [Note 13] (a) die interne nervliche Verbindung von Rezeptor zu Effektor, und (b) die externe umweltliche Verbindung von Effektor zu Rezeptor; oder man kann Maturana und Varela folgen,[Note 14] die die operativ-produktive Zirkularität eines lebendigen Organismus durch eine Forderung charakterisieren, bei der die operativen Elemente dieses geschlossenen Systems genau jene Elemente zu sein haben, die die zu ihrer Produktion notwendigen und hinreichenden Eigenschaften haben, sich selbst zu produzieren, “Autopoesie haben ihre Erfinder diese dynamische Organisation genannt.
Das Resultat in beiden Fällen ist Autonomie[Note 15] eines jeden Organismus. Die Folge für den Menschen ist Verantwortung.
(v) “Sprache” II
Satz 5.6 im Tractatus Logico-Philosophicus lautet: “Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt,” mit einer Fortsetzung in 5.62: “…Daß die Welt meine Welt ist, das zeigt sich darin, daß die Grenzen der Sprache (die Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen meiner Welt bedeuten.”
Paraphrasen in einem zukünftigen Tractatus Neurologico-Epistemologicus wären 5.6a: “Mein Nervensystem ist mein Nervensystem, aber, leider, nicht Deines”; und mit der entsprechenden Hermeneutik 5.6b: “Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmen die Bedeutung einer Aussage.”
(vi) “Eigenschaften”
Eigenschaften, die man an Gegenständen beobachtet, sind die des Beobachters. Wenn man den Beobachter in einem zukünftigen Tractatus Neurologico-Epistemologicus beobachtet, würde man sich auf das Prinzip der spezifischen Nervenenergie von Johannes Müller (1836) berufen,[Note 16] der schon damals wußte, daß der für eine spezifische Empfindung, sagen wir die Empfindung “sauer,” verantwortliche Nerv, unabhängig von der physikalischen Natur des Reizes, der elektrisch, mechanisch, thermisch, chemisch, etc. sein möge, immer nur die Empfindung “sauer” auslöst. Man sieht: Kognition als “Abbildung” ist eine unhaltbare Metapher.
Sie erinnern sich sicher an’ die berühmten Experimente Pawlows, aus denen er das Prinzip des “bedingten Reflexes” ableiten konnte.
Man zeigt einem Hund ein Stück Fleisch. In der Vorfreude des Genusses “läuft dem Hund das Wasser im Mund zusammen,” er “saliviert.” Da läutet der praktizierende Assistent eine Glocke. Dieses Ritual wird konsistent über eine bestimmte Zeit wiederholt. Dann erfolgt das experimentum crucis: man zeigt dem Hund kein Fleisch; man läutet nur die Glocke. Der Hund saliviert! Der Reiz “Läuten” ersetzt den Reiz, oder wird zum Symbol des Reizes “Fleisch.”
In 1904 erhielt Pawlow den Nobelpreis für diese Einsicht.
In den sechziger Jahren wiederholte der polnische Experimentalpsychologe Jerzy Konorski Pawlows Experimente. Dank der Akribie, mit der Pawlow seine Experimente beschrieb, die Position des Hundes im Labor, die Farbe des Laborkittels des Assistenten usw. usw., konnte Konorski die Versuchsreihen getreulich rekonstruieren. Genau wie bei Pawlow wurde über die bestimmte Periode Fleisch mit Glocke serviert, bis zum Zeitpunkt des experimentum crucis. Ohne Wissen des Assistenten entfernte Konorski heimlich den Klöppel aus der Glocke.
Was geschah?
Wie schon immer vorher, tritt der Assistent vor den Hund, hebt die Glocke und schwingt sie: Stille! Aber der Hund saliviert.
Daraus schloß Konorski: Das Läuten der Glocke war ein Reiz für Pawlow, aber nicht für den Hund! Oder wie wir sagen würden: “Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmen die Bedeutung einer Aussage.”
Leider bekam Konorski für diese Einsicht keinen Nobelpreis.
Mit meinem Dank für Ihre Geduld lassen Sie mich mit dieser Parabel meine Bemerkungen über Denkstil schließen.
Endnotes
1
A. Rosenblüth, N. Wiener, J. Bigelow, “Behaviour, Purpose and Teleology,” in: Philosophy of Science 10/1943, 18-24
2
The Josiah Macy Jr. Foundation 1930-1955, A Review of Activities, The Josiah Macy Jr. Foundation, N. Y. Sixteen Forty-Six Street, 1955
3
Cybernetics: Transactions of the Sixth Conference, in: H. von Foerster (ed.), The Josiah Macy Jr. Foundation, N. Y., 1949
4
W.S. McCulloch, “A Heterarchy of Values Detremined by the Topology of Nervous Nets,” in: Bull. of math. Biophys. 7/1945, 88-93
5
G. Spencer Bro wn, Laws of Form, London, Georg Allen and Unwin Ltd., 1969
6
L. Bertalanffy, Theoretische Biologie, Berlin-Zehlendorf, Gebrüder Bornträger, 1930
7
J.-P. Dupuy, G. Teubner (eds.), Paradoxes of Self-Reference in the Humanities, Law, and the Social Sciences, Stanford Literatur Review 7/1990 (1&21, Stanford
8
F. Varela, H. Maturana, R. Uribe, “Autopoiesis: The Organization of Living Systems, its Characterization and a Model,” in: Biosystems 5/1974, 187-195
9
H.-O. Peitgen, P.H. Richter, The Beauty of Fractals, Heidelberg, Springer, 1986
10
H. von Foerster, “Objects: Tokens for (Eigen-) Behaviours,” in: A.S.C. Cybernetics Forum 8/1976 (3&4), 91-96
11
H. Rogers Jr., Theory of Recoursive Functions and Effective Computability, New York, McGrow-Hill, 1967
12
M. Mead, “Cybernetics of Cybernetics,” in: H. von Foerster, J.D. White, L.J. Peterson, J.K. Russel (eds.), Purpositive Systems, New York, Spartan Books, 1968, 1-14
13
W.S. McCulloch, a.a.O., 89-93
14
F. Varela, H. Maturana, R. Uribe, a.a.O., 187-195
15
F. Varela, Principles of Biological Autonomy, Elsivier North Holland, 1979
16
J. Müller, Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes des Menschen und der Thiere, Leipzig, 1826
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