CEPA eprint 3678

Die stetige Transformation des Subjektiven

Birbaumer N. (1998) Die stetige Transformation des Subjektiven. Ethik und Sozialwissenschaften 9(4): 513–515. Available at http://cepa.info/3678
[Commentary on: Glasersfeld E. von (1998) Die Radikal-Konstruktivistische Wissenstheorie. Ethik und Sozialwissenschaften 9(4): 503–511. http://cepa.info/1500]
((1)) Als Naturwissenschaftler belächelt man die konstruktivistische Denkweise gern und tut sie mit einer “so what”?-Ironie ab. Dies ist bei Ausführungen von E. v. Glasersfeld nicht möglich, zu gewichtig und durchdacht sind seine Argumente. Man muß sie ernst nehmen, weil hier jemand spricht, der aus eigener Erfahrung die Vorgehensweise der experimentellen Wissenschaften kennt und Bedeutendes darin geleistet hat. Glasersfeld war einer der ersten weltweit, der Menschenaffen Sprache beigebracht hat und damit ein fundamentales Problem unsres Selbstverständnisses eröffnet hat. Man ist versucht zu fragen: wie ist eine solche Wendung vom strengen Empiristen zum radikalen Konstruktivismus möglich? An einer Stelle seines Aufsatzes läßt er durchblicken, was ihn wirklich bewegt: “Mit dem Verzicht auf objektive Wahrheit verliert alles Rechthaberische seinen Sinn”. Wir müssen uns also auch diese seine unabweisbare Frage stellen: benötigen wir radikal-konstruktivistisches Denken, um die Rechthaberei von Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und des Einzelnen zu entlarven und einzustellen? Ich glaube nicht.
((2)) Natürlich ist richtig, daß unser Gehirn die Welt nach seinen Arbeitsprinzipien repräsentiert und somit diese Arbeitsprinzipien und nicht die objektive Welt die Grundlage unserer Erkenntnis sind. Die Grundprinzipien der Arbeitsweise des Gehirns sind exakt jene, die EvG (Ernst von Glasersfeld) im Anschluß an Hume auch für den radikalen Konstruktivismus akzeptiert: Assoziationsbildung nach Ähnlichkeit, zeitlicher und räumlicher Nachbarschaft und Kausalität.
((3)) Das sind genau die Grundprinzipien des von ihm (in (20)) so geschmähten Behaviorismus. Er tut diesem unrecht, wenn er sagt, daß dort das Geistige als Aberglaube verbannt wurde. Diese häufige Unterstellung dient zu vielen Spekulanten in Psychologie und Cognitive Science als Argument für schrankenlosen Subjektivismus bis hin zu naiven Idealismen als daß EvG dies nötig hätte. Pawlow, Skinner, Thorndike u.a. haben sich nur gegen den unkontrollierbaren Subjektivismus in der Psychologie gewandt und eben damit die moderne experimentelle Psychologie und Verhaltensneurobiologie erst möglich gemacht. Die von EvG von (36) bis (56) erarbeiteten “Grundgesetze” des radikalen Konstruktivismus lassen sich unschwer auf die Grundannahmen eben dieses von ihm so verachteten Behaviorismus zurückführen: “sensomotorisches Handeln” im Sinne Piagets ist als Anpassungsleistung des Organismus aufzufassen, die durch die “angenehmen” oder “interessanten Erfahrungen”, die auf die Handlung folgen, verstärkt und aufrecht erhalten werden. Das, was die Lernpsychologie an Gesetzen für Verhalten erarbeitet hat, läßt sich auf Gedanken und Vorstellungen ohne Bruchstelle übertragen. Ein gutes Beispiel ist das von EvG genannte Buch von Powers, aber auch und vor allem D.O. Hebb’s “Organization of Behavior” (1949).
((4)) Hebb formulierte 1949 hypothetisch, was heute anerkanntes Wissen der Neurowissenschaften ist und von Hume 1742 in Sprache gefaßt wurde: Die Bedeutung der Objekte wird assoziativ gelernt, Assoziation ist Bedeutung, sei sie nun über klassisches (Pawlow) oder instrumentelles Lernen (Skinner, Hull) erworben. Dies heißt, philosophisch gewendet, daß die Konstruktion unserer subjektiven (neurophysiologischen) Welt über zeitliche oder räumliche Nähe der äußeren Objekte gelernt wird und nicht eine Folge interner Reflexionen und Repräsentationen ist. Ob man nun Piagets und EvG’s “Protoraum” und “Protozeit” als Kategorien für die Erklärung von Wahrnehmung, Erwartung und Adaptation nimmt, oder statt dessen die über Assoziationen und Belohnung und Bestrafung entstandene subjektive Welt unseres Gedächtnis exakt mit den aufgetretenen und meßbaren Reizen, Reaktionen und Konsequenzen beschreibt und vorhersagt, scheint mir auf philosophischer Ebene irrelevant; wenn wir aber einigermaßen präzise Vorhersagen über menschliches Verhalten machen wollen oder müssen, kommt nur eine an der objektiven und meßbaren subjektiven Welt orientierte experimentelle Psychologie und Physiologie weiter. Ich gebe dabei EvG recht, wenn er fordert, daß gerade Wissenschaftler sich bewußt sein sollten, wie weit weg von der physikalischen Welt die subjektive (= neuronale) Bedeutung durch Assoziationen geformt werden kann. Die Arroganz, Engstirnigkeit und Rechthaberei vieler Naturwissenschaftler würde durch einen Schuß Konstruktivismus erheblich gebremst werden. Über dieses moralische Ziel sollten wir aber die nachprüfbare Realität des Gehirns und seiner Dynamik nicht aus den Augen verlieren.
((5)) Ein Wort noch zur Selbstorganisation und Anpassung, Begriffe, die in Kybernetik und Konstruktivismus eine große Rolle spielen, aber schillernd und kaum operationalisierbar sind. A posteriori kann ich natürlich jede Verhaltensleistung, als Folge von Selbstorganisation und Anpassung identifizieren, genauso wie Verhaltensbiologen natürlich immer eine evolutionäre Wurzel für noch so absurdes Verhalten oder physiologische Aktivität finden. Das langsame Sterben der Kybernetik und der Ethologie als Wissenschaften ist auf die Unbestimmtheit dieser Begrifflichkeit zurückzuführen. Selbstorganisation ist auf einige einfache physiologische Anpassungsleistungen beschränkt, z.B. Erhaltung der Körpertemperatur, Schlaf-Wachrhythmen, Hunger und Durst. Aber bereits Verhaltensleistungen wie Schmerzreaktionen, sexuelles Verhalten, ja selbst einfache Hirnleistungen folgen nicht-homöostatischen Gesetzmäßigkeiten und werden im Laufe des Lebens mehr oder weniger mühsam erlernt. Daß hinter diesen Anpassungsleistungen ein evolutionärer Sinn steht, mag sein, muß aber nicht sein. Auch evolutionär sinnloses, oft geradezu destruktives Verhalten wird gelernt, von den Künsten bis zur Menschenvernichtung. EvG führt selbst ein gutes Beispiel an, das aber gerade die Nutzlosigkeit von Anpassungstheorien illustriert: den Spracherwerb ((38) bis (42)).
Zunächst kommen wir mit einer Großhirnhemisphäre, der linken meist, auf die Welt, die – vermutlich im Zusammenhang mit dem aufrechten Gang – anatomisch durch hohe Variabilität der Dicke der Nervenfasern und damit hohe Variabilität der neuronalen Erregungsleitung ausgezeichnet ist. Ohne diese anatomische Eigenheit ist weder das Erlernen von Syntax noch komplexer Sensomotorik denkbar. Aber damit allein lernen wir weder Semantik noch Syntax. Das Kind äußert spontan oder auf äußere Reize Laute, manche werden positiv beantwortet, manche nicht. In jedem Fall empfängt das Hörsystem die eigene Lautäußerung, das somato-sensorische System “spürt” die Bewegung ein paar Millisekunden später und die Mutter (Vater) zeigt auf etwas, das visuelle System wird aktiviert. Die Gleichzeitigkeit der einlaufenden Erregungskonstellationen verstärkt die synaptischen Verbindungen der betroffenen Nervenzellverbände, eine positive Konsequenz (Belohnung) vertieft durch dopaminerge “Flutung” die Stärke der Verbindungen: ein Zell-Ensemble (Hebb) für einen Laut ist geboren und wird gespeichert. Später folgen Silben, Wörter nach demselben Prinzip. Nur bei Fehlen der Zuwendung oder positiven Konsequenz wird das Ensemble gelöscht (z.B. soziale Isolation oder emotionale Verwahrlosung). Da unsere Umgebungen sehr ähnlich sind, ist die subjektive, durch Sprache gebildete und gespeicherte Welt auch ein Spiegel dieser Ähnlichkeit oder Verschiedenheit (Fremdsprachen). Aufgrund dieser Ähnlichkeiten können wir nun quantitative Gesetzmäßigkeiten, z.B. von Sprachentwicklung, formulieren, die zwar nicht für alle Menschen in gleichem Ausmaß, aber doch generell gültig sind. Damit sind die Schranken für grenzenlosen Subjektivismus (u. Konstruktivismus) gesetzt. Zwar ist die subjektive Welt jedes Menschen etwas verschieden, aber es bleiben eine Vielzahl verallgemeinerbarer und richtiger Vorhersagen. Wozu also Konstruktivismus, wenn es auch präzise geht? Die Konstruktion der subjektiven Welt können wir heute objektiv mit den Methoden der Hirnforscher messen. Nicht alle, vielleicht nur wenige, aber zunehmend mehr. Damit wird das Subjektive nicht vollständig objektiv, aber objektiver, d.h. nachvollziehbar und systematisch wiederholbar. Langsam, aber unaufhaltsam wird so die subjektive Welt zur objektiven und die Notwendigkeit zur fehlerhaften Introspektion fällt weg. Am Schluß hatten unsre so geschmähten behavioristischen Großmütter und -väter doch recht! EvG aber haben wir für einen fundamentalen Denkanstoß zu danken, der unsre Unbescheidenheit angesichts der Trägheit dieses Transformationsprozesses schonungslos offengelegt hat.
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