CEPA eprint 3681

Viabilität statt Wahrheit? – Biologie statt Ontologie?

Faulstich P. (1998) Viabilität statt Wahrheit? – Biologie statt Ontologie? Ethik und Sozialwissenschaften 9(4): 518–520. Available at http://cepa.info/3681
[Commentary on: Glasersfeld E. von (1998) Die Radikal-Konstruktivistische Wissenstheorie. Ethik und Sozialwissenschaften 9(4): 503–511. http://cepa.info/1500]
((1)) “Radikal-Konstruktivismus” wird auch in der Pädagogik und der Erwachsenenbildungswissenschaft breit rezipiert und hat sich zu einer einflußreichen Tendenz stilisiert (Arnold/ Siebert 1995). Fast hat die Attraktivität schon zu einer Dominanz gegenüber anderen eher auf dem Rückzug befindlichen Strömungen – wie zum Beispiel der lange einflußreichen “kritischen Theorie” – geführt. Gleichzeitig gibt es eine manchmal polemisch vorgetragene Skepsis, die sich – mit Ausnahmen – in kurzem Schlagabtausch erschöpft (Faulstich 1996). Dies wird sicherlich der “konstruktivistischen” Erwachsenenbildung nicht gerecht, resultiert aber gleichzeitig aus der Schwierigkeit, daß die zu diskutierenden Fragen keineswegs oder höchstens teilweise fachimmanent diskutierbar sind, sondern zwangsläufig generelle wissenschaftstheoretische Probleme aufwerfen.
((2)) Es ist auch deshalb schwierig, sich mit “dem” “Konstruktivismus” auseinanderzusetzen, weil er sich als Konglomerat verschiedenster Theoriefragmente zusammensetzt. Ernst von Glasersfeld durchstreift “vier Quellgebiete” ((3)) – den epistemologischen Untergrund, die Evolutionstheorie, die Kognitionstheorie und die Kybernetik -, die in seiner Sicht konvergieren. Es ist geradezu kennzeichnend, daß beansprucht wird, ein neues “Paradigma” als Basis verschiedenster Disziplinen konzipiert zu haben. Behauptet wird, gerade der “Radikale Konstruktivismus” habe “sich als Ferment zur Entwicklung einer empirisch begründeten Alternative zum neuzeitlichen Wissenschaftspositivismus erwiesen” (Schmidt 1987, 7/8). Es wird eine hohe Ambition entfaltet, nämlich die zentralen Forschungsinteressen der Einzelwissenschaften in einem interdisziplinären Diskurs zu bündeln. Die Themen allerdings stammen zunächst vorrangig aus Biologie und Psychologie sowie einer dahinterstehenden Systemtheorie. Deren Schlüsselbegriffe sind Selbstreferentialität und Selbstorganisation, Evolution und Autopoiesis, Kontingenz und Viabilität. Mit diesem Sprachspiel haben Biologen, Neurologen, Physiologen, Psychologen, Soziologen, Ethnologen, Sprach-, Literatur- und Kunstwissenschaftler, Juristen, Betriebswirte, Pädagogen u.a. die Probleme ihrer Disziplinen reformuliert. Dabei ist durchaus zu konstatieren, daß die Übersetzung alter Fragen in neue Begriffe veränderte Sichtweisen und auch Einsichten ermöglicht. V. G. bezieht einen “engagierten Gesichtspunkt” und bekennt sich dazu, “der Konstruktivismus wolle einen …. großen Teil der herkömmlichen Weltanschauung untergraben.” (1995, 16). Riskant wird aber, wenn sich die Wörter ablösen von den realen Problemen der Wissenschaften und versehen mit dem Pathos des “Neuen” zu einer Publikationsstrategie theorieimmanenter Themenkonjunkturen verkommen.
((3)) Allerdings wäre eine solche Kritik “radikal-konstruktivistisch” eigentlich so gar nicht formulierbar, weil die Diskrepanz zwischen “realen Problemen” und “theorieimmanenten Themen” streng genommen nicht durchhaltbar ist, sondern gerade in Frage gestellt wird. Im Kern ist Konstruktivismus ein erkenntnistheoretisches Programm; v. G. konzentriert sich konsequenterweise zunächst auf seine “epistemologische Stellungnahme” ((1-22)) mit den vier Quellen von Theorietraditionen: Skeptizismus, biologische Evolutionstheorie, Piaget und Kybernetik. Schon hier wäre zu fragen, ob hinter diesem Eklektizismus tatsächlich eine Theoriekonvergenz konstruiert werden kann.
((4)) Es wird aber zunächst grundsätzlicher, indem der Erkenntnisbegriff aufgegriffen wird. Dabei setzt sich v.G. ab gegen repräsentationstheoretische Positionen, welche eine “Welt an sich” erkennen wollen: Allerdings bleibt der Gegner eher im Schatten, weil unklar bleibt, wer mit “der herkömmlichen Erkenntnistheorie” ((1)) gemeint ist und nicht benannt wird, wer denn heute noch eine solch naive Vorstellung ernsthaft vertritt. Eine derartige von v.G. als “traditioneller Begriff von Erkenntnis” unterstellte Hoffnung ist schon lange, schon – wie v. G. selbst zitiert – seit den Vorsokratikern aufgegeben. Als Zentrum der eigenen Überlegungen wird dann formuliert: “Wissen soll nicht als Widerspiegelung oder ‘Repräsentation’ einer vom Erlebenden unabhängigen, bereits rational strukturierten Welt betrachtet werden, sondern unter allen Umständen als interne Konstruktion eines aktiven, denkenden Subjekts” ((1)). In dieser Formel und vor allem in dem rigorosen “nicht … sondern” stecken alle komplizierten Probleme einer zweieinhalbjahrtausende alten Debatte um das Verhältnis von Sein und Bewußtsein und diese verworrenen Knoten scheinen nun mit dem Schwert radikal-konstruktivistischer Pose durchgehauen. Spätestens hier wäre zu fragen, ob dies nicht die Subjekt-Objekt-Dialektik auf neuer Ebene reproduziert, indem man sich auf die Seite des Subjekts schlägt und damit das eigentliche Problem, nämlich das der Vermittlung, ausblendet.
((5)) In v.G.s Rekurs auf die skeptizistische Tradition wird gerade deutlich, daß der “naive Realismus”, der als Gegner des Konstruktivismus im Schattenboxen aufgebaut worden ist, nie unangefochten galt. Der Bruch mit dem Unmittelbaren ist Ursprung aller Philosophie, unbestritten in der von v.G. pointierten Diskussionslinie von Xenophanes, über Lokke, Hume und Berkeley bis Kant ((6-20)). Diese werden umstandslos in der Ahnenreihe des Konstruktivismus inventarisiert. Bemerkenswert ist, daß der große Bogen nicht weitergezogen wird. Eine Auseinandersetzung mit Fichte oder gar mit Hegel findet nicht statt (mit Marx sowieso nicht), obwohl gerade hier – bei den dialektischen Denkern – bezogen auf die Frage nach dem Verhältnis von Sein und Geist der eigentliche Gegner steht. Die “Phänomenologie des Geistes” läßt sich als weit früher schon dagewesener Gegenentwurf lesen. Hegels Thema und das aller Dialektik ist das Selbst, das zur Erkenntnis kommt, das Subjekt, das in lebendiger Bewegung mit dem Objekt sich durchdringt. Hier erst, bei einem solchen Rückgriff, findet man eine hinreichende Basis für eine Kritik am “radikalen Konstruktivismus”, der eine falsche Eindeutigkeit herstellen will und sich letztlich einsperrt in das Gefängnis individuellen Bewußtseins.
((6)) Unterhalb eines solchen hochgesteckten Anspruchs, nämlich sich in die Diskussion zwischen Formalismus und Dialektik zu begeben, ist eine kritische Alternative nicht zu haben. Dialektisches Denken aber ist dem in echt empiristischer Tradition verfahrenden “Radikal-Konstruktivismus” fremd. Ausgeblendet bleiben in der weitgreifenden historischen Rekonstruktion konsequenterweise alle hermeneutischen oder gar dialektischen Positionen. Damit wird v.G.s. Konstruktivismus zu einem neuaufgelegten Empirismus, der dessen Einseitigkeiten und Paradoxien reproduziert. Insofern liefert er – wenn man den Begriff weit faßt – eine Spielart des Positivismus, den er zu bekämpfen vorgibt. V.G. greift auf die fortgeschrittenere Variante als Falsifikationismus zurück, indem er zustimmend zitiert, eine Hypothese als falsch erwiesen zu haben, sei der Höhepunkt des Wissens (1995, 23).
((7)) Bei genauerem Hinsehen wird Erkenntnistheorie ersetzt durch Erkenntnisbiologie. V.G.s Auseinandersetzung mit dem Begriff der Anpassung erscheint inkonsistent. Wie kann man, nachdem “Erkenntnis” konstruktivistisch reformuliert wurde, zustimmend Ernst Mach zitieren mit “Anpassung der Gedanken an die Tatsachen und an einander” ((24))? Auch wenn später präzisiert wird, daß es nur um die Tatsachen der Erfah‑rung geht ((32)), ist dies doch genau die positivistische Position, die eigentlich kritisiert werden soll. Zwischen Mach und Piaget, der dann als Hauptkronzeuge aufgerufen wird ((2535)), liegen Welten. Von der hohen Warte des Radikal-Konstruktivismus verschwinden die Differenzen. Sicherlich haben die zentralen Prinzipien bei Piaget – Assimilation und Akkomodation – etwas mit der Frage der Anpassung zu tun, ihre Besonderheit im Kategoriensystem liegt aber gerade in ihrem Wechselspiel. Wie man radikal-konstruktivistisch das “unerwartete Resultat” ((35)) als Anstoß zum Lernen einführen kann, ist mir nicht nachvollziehbar.
((8)) Deshalb bleibt dieser Argumentationsstrang letztlich biologistisch reduziert. Zunächst wird hart darwinistisch konstatiert: “Kurz, alles, was überlebt, war schon im Vornherein an die Bedingungen angepaßt, durch die die natürliche Auslese nun das Nichtangepaßte vernichtet.” ((26)) Die Konstruktivität dieser These liegt auf der Hand. Zwar wird dies für kognitive Systeme relativiert und anstelle des Begriffs Auslese das Prinzip der Viabilität eingeführt ((27)). Unter der Hand aber wird die “Gangbarkeit” weiterer Systemevolution doch zu einer formalen, quasi-ontologischen Zielgröße. “Viabilität” scheint naturgegebenes, allgültiges Systemprinzip. Hier zeigt sich die Fatalität, welche aus der Abstraktheit systemtheoretischer Begrifflichkeit resultiert. In den durch die Metapher ermöglichten Analogien zwischen Systemen unterschiedlichster Art verschwindet deren Qualität. Das Wesen menschlichen Handelns, seine ungeheure Differenz gegenüber Verhalten von Organismen wird unterschlagen. (Die Begriffe Qualität und Wesen sind selbstverständlich radikal-konstruktivistischer Terminologie fremd.) Der Mensch kann bewußt sterben wollen; die biologische Überlebenswahrscheinlichkeit wird dem Individuum gleichgültig und nichtig gegenüber humanem Sinn.
((9)) Nachdem noch die Bezüge zur Kybernetik durchforstet worden sind, wird von v.G. als Zusammenfassung und Gebrauchsanweisung herausgestellt: “Der Begriff der Viabilität ersetzt jenen der ontischen Wahrheit…” ((58)). Damit sind wir also bei des Pudels Kern: “Im konstruktivistischen Denken wird der Begriff der ontischen Wahrheit aufgegeben” ((57)). Und wieder wird das Ausgangsmißverständnis reaktiviert, als sei die Alternative ein objektivistischer Realismus, Dogmatismus oder Fundamentalismus. Daraus werden dann durchaus moralische und politische – radikalkonstruktivistisch äußerst fragwürdige und eigentlich unhaltbare – Schlüsse gezogen, als sei das Viabilitätsprinzip die epistemologische Basis von Toleranz und Demokratie ((62, 63)). Vielmehr ist umgekehrt zu fragen, ob nicht v.G.s radikal-konstruktivistischer Utilitarismus und der ihm implizite Sozialdarwinismus durchaus ins neoliberalistische Konzept passen, das mit einem radikalisierten Individualismus gegenwärtig als Legitimation universeller Konkurrenz die Fundamente der demokratischen Gesellschaften zerstört.
((10)) Dies könnte einen Hinweis liefern für die aktuelle Konjunktur konstruktivistischer Programme. Der Konstruktivismus – jedenfalls in v.G.s Variante – unterstützt eine Hypertrophie des individualistisch gedachten Subjekts. Es fehlt ein Begriff des gesellschaftlichen Individuums. Es gibt höchstens noch “intersubjektive Viabilität” (1997, 209). Kollektive Vernunft und praktische Wahrheit werden ausgeblendet. Letztlich verbleibt v.G.s. Radikal-Konstruktivismus ein individualistischer Reduktionismus. V.G. dazu: “Die Analyse sozialer Phänomene kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie sich vollkommen der Tatsache bewußt bleibt, daß der Verstand, der viable Begriffe und Schemas konstruiert, unter allen Umständen der Verstand eines Individuum ist” (1997, 199). Demgegenüber ist richtig, daß der individuelle Verstand immer schon menschliche Sozietas voraussetzt.
((11)) Die Kennzeichnung des Radikal-Konstruktivismus als eine Spielart eines erkenntnistheoretischen Falsifikationismus verbunden mit moraltheoretischen Utilitarismus spitzt sich, wenn man die Probleme der Erziehungswissenschaft und besonders der Erwachsenenbildung im Auge hat, zu in der Frage nach der “Viabilität” des Konzepts für die Theorie dieses Wissenschaftsbereichs. Die Argumentationsfiguren des RadikalKonstruktivismus unterstützen die “Gangbarkeit” von Theorievarianten, welche auf einen Begriffe von Bildung und Aufklärung explizit verzichten. Zu fragen ist dann, was mit dem radikal-konstruktivistischen Programm angerichtet wird in der aktuellen ökonomischen und politischen Situation bezogen auf die Chancen persönlicher Identität und die Zukunft von Mündigkeit. “Viabilität” von Theoriekonzepten hinsichtlich ihrer Konsequenzen für die Chancen menschlicher Entfaltung ist aus “radikal-konstruktivistischer Sicht” als Relevanzkriterium wohl noch zulässig. Ob allerdings Begriffe wie Bildung und Aufklärung noch gefüllt werden können, erscheint fraglich.
Literatur
Arnold, R. & Siebert, H. (1995) Konstruktivistische Erwachsenenbildung. Hohengehren
Faulstich, P. (1996) Rezension zu Arnold! Siebert. In Hessische Blätter für Volksbildung: 184-186
Glasersfeld, E. von 1995 Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: Watzlawick, P. (Hrsg.) : Die erfundene Wirklichkeit: 16-38
Glasersfeld, E. von (1997) Radikaler Konstruktivismus. Frankfurt/ M.
Schmidt, S. J. (1987) Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/ M.
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