CEPA eprint 3714

Replik: Jahrmarkt der Gegensätze

Glasersfeld E. von (1998) Replik: Jahrmarkt der Gegensätze. Ethik und Sozialwissenschaften 9(4): 581–596. Available at http://cepa.info/3714
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Schlußbemerkung
Literatur
[Author’s response to the commentaries on: Glasersfeld E. von (1998) Die Radikal-Konstruktivistische Wissenstheorie. Ethik und Sozialwissenschaften 9(4): 503–511. http://cepa.info/1500]
((1)) Daß 37 gewiegte Denker es der Mühe wert fanden, auf meinen Artikel zu reagieren, ist für mich außerordentlich erfreulich und ich bin allen, den zustimmenden wie den ablehnenden, aufrichtig für ihr Interesse und den offensichtlichen Zeitaufwand dankbar. Daß gegensätzliche Urteile über den radikalen Konstruktivismus (RK) gefällt wurden, ist anregend aber nicht verwunderlich.
Es gibt in den Wissenschaften kaum eine Frage, über die kompetente Forscher nicht verschiedener Meinung gewesen wären. Wenn nun, zwei solcher Leute zu entgegengesetzten Urteilen über ein und dieselbe Sache kommen, muß mindestens einer von ihnen unrecht haben; keiner von ihnen jedoch scheint über das nötige Wissen zu verfügen. Denn wenn des einen Denken sicher und evident wäre, dann wäre er in der Lage, den anderen von der Wahrheit zu überzeugen. (Descartes, ca. 1629)
((2)) Jede Wissenstheorie versucht, eine Reihe grundlegender Fragen zu beantworten, und so waren in diesem Meinungsaustausch einander widersprechende Urteile vorauszusehen. Hier zunächst eine kurze Gegenüberstellung einiger Gegensätze:
Allerdings bleibt der Gegner eher im Schatten, weil unklar bleibt, wer mit “der herkömmlichen Erkenntnistheorie” gemeint ist und nicht benannt wird, wer denn heute noch eine solch naive Vorstellung ernsthaft vertritt. (Faulstich (4)) Man wäre sicherlich erstaunt, wie hoch etwa unter Physikern der Prozentsatz jener ist, die immer noch am Phantasma der “einen Wahrheit” festhalten. (Grössing (2)) Für den konstruktivistischen Aspekt im Erkennen lassen sich gute Gründe anführen – eine radikalkonstruktivistische erkenntnisund wissenschaftstheoretische Wende läßt sich damit aber nicht legitimieren. (Meinefeld (9)) Eine konstruktivistische Wissenstheorie kann wesentlich dazu beitragen, die sich ebenfalls rapid wandelnden Einsichten über Wissen, Wissenschaft und Wissensgesellschaft beträchtlich voranzutreiben. (M. Roth (2)) So bleibt vG’s Konstruktivismus im Rahmen klassischer ontologischer Fragestellungen und löst sich weit weniger von der Tradition, als der Terminus ‘radikal’ suggeriert. (Laus (3)) Der RK von EvG ist eine der revolutionärsten und erfrischendsten Wissenstheorien, denen ich je begegnet bin. (Goorhuis (1)) Die radikal-konstruktivistische Wissenstheorie kann weder für die Wissenschaft noch für den Alltag ein brauchbares Modell sein. (Kurt (8)) Die strukturalistische Auffassung von Theorien und ihrer Funktion im Forschungsprozeß scheint uns durchgängig gut verträglich mit vG’s Position zu sein. (Heise/Gerjets (6)) Anlaß zu Diskussionen könnte auch der Tenor seiner Piaget-Interpretation liefern, wo man die Meinung vertreten kann, daß eine weniger ‘radikale’ Fassung … der Piagetschen Epistemologie eher gerecht wird. (Seiler (1)) vG’s “radikal” theory of knowledge certainly points in the right direction, but seems to mc to lack the full radicalness that I detect, explicitly or implicitly, in Piaget’s work. (Furth (17)) – wenn es so etwas geben sollte –, so bleibt doch das Verhältnis der v. Glasersfeldschen “Wissenstheorie” und ihren möglichen “Anwendungen” in lebensweltlichen Kontexten ganz unklar. (Hoffmann (4)) So stellt meiner Meinung nach (RK) nur einen Idealtypus des Lernens vor, der sich auch unbestritten vielfach bewährt und wichtige Forschungsansätze u. -ergebnisse geliefert hat. (Pölking (4))
((3)) Dieses Konzert von gegensätzlichen Urteilen bestärkt mich einerseits in meinem Glauben an Pluralismus, andererseits in der von mir früh gemachten Beobachtung, daß das Verstehen von Sprache schon auf der Ebene der Wortbedeutungen eine durchaus subjektive Angelegenheit ist. Niemand kann weit aus seiner oder ihrer grundlegenden intellektuellen Einstellung heraus und interpretiert und beurteilt Gelesenes auf Grund der eigenen mühsam erarbeiteten Wirklichkeit. Wo es sich um Wörter handelt, die man mit Grundbegriffen des eigenen Weltbildes verbunden hat, ist es schwer, einzusehen, daß andere die gleichen Wörter mit Begriffen verbinden, die sich nicht unbedingt mit den eigenen vereinbaren lassen. Trotz ausdrücklichen Definitionen und kontextuellen Implikationen legt man sie in der gewohnten Weise aus und registriert die nun unvermeidlichen Widersprüche als Unstimmigkeiten des Texts. Das gilt für mich und meine Replik nicht minder als für die Kritiker.
((4)) Ich will jedoch nicht sagen, daß die meisten der in den Kritiken angeführten Mängel des Radikalen Konstruktivismus (RK) von dieser Art der Assimilation herrühren. Einige weisen auf Lücken hin, die in einem relativ kurzen Aufsatz unvermeidlich waren; andere auf das Fehlen von Ausführungen, die ich hätte geben sollen. Für das freundliche Zugeständnis, daß man in einem Artikel nicht alles darlegen kann, was die vollständige Präsentation einer Denkweise verlangen würde, bin ich dankbar. Über die Auswahl der Punkte, die ich vorbrachte, kann man selbstverständlich verschiedener Meinung sein. Einiges möchte ich nun in dieser Replik soweit ich kann nachholen. Gleichzeitig will ich versuchen, Mißdeutungen aus dem Weg zu räumen, die ein aufmerksames, nicht durch vorgefaßte Ablehnung gefärbtes Lesen des Hauptartikels vielleicht hätte vermeiden können.
((5)) Auf alle in den Kritiken aufgeworfenen Punkte einzugehen, war innerhalb der strikten Zeit- und Raumbegrenzung offensichtlich nicht möglich, und darum wollte ich zunächst meine Antwort thematisch gliedern. Bald wurde mir aber klar, daß die Kritiken durchwegs vielseitig waren und ich in jedem Thema von einem zum anderen Kritiker hätte springen müssen. Darum habe ich mich schließlich entschieden, die Kritiken alphabetisch vorzunehmen und hier und dort auf bereits beantwortete Fragen zu verweisen. Ich hoffe, der Leser wird die folgenden Seiten dennoch einigermaßen lesbar finden.
((6)) Hinweise auf numerierte Absätze in den Kritiken habe ich durch Doppelklammern oder durch Namen und Paragraphennummer in einfachen Klammern gekennzeichnet; Hinweise auf den Hauptartikel, durch “EvG”; und Hinweise auf andere Stellen in der Replik, durch “Antwort auf”, abgekürzt “A.a.” und den jeweiligen Namen.
((7)) BETTONI: Geschätzter Freund, so ich des Ikarus’ Flügel hätte, wäre ich bereits bei Dir, um Dir den Dienst zu danken, den Du mir mit Deinen Erklärungen im Gespräch mit Rolf und Robert, den wackeren Peripatetikem, erwiesen hast. Da Du in Deiner Heimatstadt wohl des öfteren mit ihren berühmten Spießbürgern zu unterhandeln hast, verstehst Du es besser als ich, verzweigte, holperige Gedankenwege in glatte Pfade zu verwandeln. Daß selbst Dir bei meinem Geschreibsel Fragen auftauchen, wird keinen wundern, der je versucht hat, aus meiner oft unbeholfenen Ausdrucksweise klaren Sinn zu schaffen.
((8)) Deine Frage ((12)), wie weit Begriffskonstruktion analysiert werden müßte, um ihre Mechanisierung in Artefakten zu gewährleisten, will ich zu beantworten versuchen. Wenig Hoffnung, jedoch dünkt mich, wird meine Antwort eröffnen. (Beim Zeus, ich würd’ es lieber mündlich tun, im Schatten der Platanen am Ufer des Ilissos! Doch der Flug von jenseits Atlantis, wo ich derzeit mein Leben friste, ist unerschwinglich. Drum muß ich mich notgedrungen mühsamer Schrift bedienen, obgleich mir einige der Kritiken offenbart haben, wie verfänglich Geschriebenes ist, da alles Lebendige mit der Tinte vertrocknet.)
((9)) Doch wohlan – auch Troja wurde nicht in einem Tag besiegt! Wie unser nun in der Geisterwelt weilende Freund Silvio es sah, ist auch für mich das eigentlich schöpferische Prinzip in der Begriffsbildung das, was wir gemeinhin Aufmerksamkeit nennen – doch nicht, wie sie zumeist vorgestellt wird, als Scheinwerfer, der eine Landschaft beleuchtet, sondern als pulsierender Strahl, der einzelne Elemente im formlosen Meer der Erfahrungsmöglichkeiten aufleuchten läßt und durch die eigene Bewegung verbindet. Trefflich hat der Königsberger Weise dieses Meer “das Mannigfaltige” genannt, eben weil die Aufmerksamkeit in jedem Augenblick auch andere Elemente aufleuchten lassen könnte. Das Geheimnis, teurer Freund, liegt in der Wahl und der Verwirklichung der ausgewählten Elemente. Die Nelken, die ein wohlerzogener Gast jüngst meiner Gefährtin schickte, sehen wir rot – doch was sollte Rot sein, bevor wir schauen? Die elektrochemischen Impulse, von denen die Erforscher unserer Gehirne sprechen, sind gewiß nicht rot, noch sind es die Photonen oder die unsichtbaren Wellen, die Physiker je nach den Umständen zur Erklärung der Lichtphänomene heranziehen. Farben und Töne, so meine ich wie viele vor mir, entstehen in uns; und die Bewegung unserer Aufmerksamkeit schafft Umrisse, Formen und Beziehungen.
((10)) Homer hätte gesagt, es seien Athena, Aphrodite und Ares, die jeweils unsere Aufmerksamkeit leiten, doch diese Vertreter göttlicher Vorsehung lassen sich auch heute kaum mechanisieren. Mir liegt seit jeher daran, die Götter aus dem Spiel zu lassen und alles Ontische als unergründlich zu betrachten. Drum nenne ich die Instanz, welche die Ergebnisse der Aufmerksamkeit zu unserer Wirklichkeit macht, Bewußtsein. Freilich ist mir klar, daß das nicht minder geheimnisvoll ist, als die Absichten der Unsterblichen, doch es klingt mir neutraler. Die Wissenschaft, dünkt mir, versucht allenthalben Mysterien auf Verständliches zurückzuführen, doch ganz ohne Mysterium kommt sie nirgends aus. Ich sehe nicht, warum es mit unserem Wissen anders sein sollte. Doch der Versuch, das Geheimnisvolle auf ein Minimum zu reduzieren, scheint mir in allen Sparten der Mühe wert. Darum sehe ich, geschätzter Marco, den Versuchen, die Du und Deine Freunde unternehmen, das Wissen in Artefakten zu mechanisieren, mit Wohlwollen und Erwartung entgegen.
((11)) BIRBAUMER antworte ich zunächst, daß der Schritt vom Empirismus zum Konstruktivismus für mich keine “Wendung” ((1)) war, da ich seit der frühen Lektüre von Locke, Berkeley und Hume, die ja als Gründer der empiristischen Denkweise gelten, an deren ursprünglichen Auffassung festhielt, daß die Welt der Erfahrung zu untersuchen sei, nicht die metaphysische “Realität”. Und was das Rechthaberische betrifft, so erwähnte ich es im Zusammenhang mit dem “täglichen Leben” (EvG 60). Wissenschaftler werden und sollen auch weiterhin darüber streiten, wessen Theorie mehr Viabilität aufweist; doch das ist ein Streit, der durch Versuche beigelegt werden kann. Im täglichen Leben hingegen geht der Streit meistens um vorgefaßte Meinungen, die als objektive Beschreibung der Realität hingestellt werden.
((12)) “Natürlich ist richtig, daß unser Gehirn die Welt nach seinen Arbeitsprinzipien repräsentiert und somit diese Arbeitsprinzipien und nicht die objektive Welt die Grundlage unserer Erkenntnis sind”, schreibt BIRBAUMER (2). Doch dann mahnt er, wir sollten “die nachprüfbare Realität des Gehirns und seiner Dynamik nicht aus den Augen verlieren” ((4)). Wessen Augen sind da gemeint? Hat das Gehirn eigene Augen, aus denen es verlieren kann, was es nach seinen Arbeitsprinzipien “repräsentiert”? Ich würde sagen, daß nur ein Beobachter etwas als Repräsentation von etwas anderem bezeichnen kann – und nur sinnvoll, wenn er das Repräsentierte mit dem vergleichen kann, was es repräsentieren soll. Deswegen glaube ich, daß wir weder die Realität des Gehirns noch die reale Welt repräsentieren können. Hingegen können und sollen wir die Behauptungen, die wir machen, so oft wie möglich in der von uns konstruierten Welt unserer Erfahrung nachprüfen, denn dort ist die Viabilität unserer Begriffe sowie unserer Vorstellungen von der Dynamik der Dinge lebenswichtig.
((13)) Eine kleine Korrektur kann ich mir nicht verbeißen. Was Pavlov, Thorndike, Hebb und Powers betrifft, so tut BIRBAUMER ihnen schlimmes Unrecht, wenn er sie mit Skinner in einen Behavioristentopf wirft ((3)). Obschon die vier, wie übrigens auch Lashley, Köhler und Wertheimer, Verhalten studierten, hätte keiner von ihnen die Behauptung unterschrieben, daß “Menschliches Verhalten die Funktion von Faktoren ist, die in der Umwelt liegen” (Skinner, 1977, S.1), oder daß “die Funktionen von Persönlichkeit, mentalen Zuständen, Gefühlen, Charakterzügen, Plänen, Zwecken und Absichten durch operant conditioning übernommen werden sollen” (Skinner, 1971, S.13, 16). Powers wurde heftig von Behavioristen und sogar von Skinner selbst angegriffen (Science, 21.Sept., 1973, und 29.Nov., 1974). Da BIRBAUMER dann Hebb zitiert, möchte ich einen Ausspruch dieses Autors wiedergeben, der es zumindest fraglich macht, ob man ihn mit dem Behaviorismus ä la Skinner gleichsetzen darf. Hebb schrieb: “Auf einer bestimmten Ebene der physiologischen Analyse gibt es keine Realität außer dem Feuern einzelner Neuronen” (Hebb, 1958, S.461).
((14)) DRIESCHNER findet es “sehr plausibel, … daß wir uns die Wirklichkeit um uns herum selbst konstruieren, und zwar nach unseren Bedürfnissen für das Überleben – im weitesten Sinn” ((2)). Die so konstruierte Wirklichkeit sei die einzige, “es gibt keine ‘andere’ hinter ihr” ((1)). “Die so von mir konstruierte Realität ist aber – G. scheint das zu bezweifeln – die Realität. Es ist nicht zu sehen, was eine andere, meinetwegen ‘ontologische’ Realität, wie G. sie einführt, daneben noch soll” ((3)).
((15)) Mit Recht setzt DRIESCHNER diese Realität gleich mit Kants “Ding an sich” und sagt dann, Kant habe die Welt der Erscheinung so überzeugend beschrieben, “daß man ihm schließlich gar nicht mehr recht abnimmt, daß dahinter ein unerkennbares Ding an sich sein muß – etwas, worüber man ohnehin nichts sagen kann” ((3)).
((16)) Auch Kant hat die Unterscheidung der Wörter “Realität” und “Wirklichkeit” nicht konsequent durchgeführt und sich dadurch das Problem mit dem “Ding an sich” geschaffen. So schreibt er zum Beispiel im Streit der Facultäten (1798) “Die Dinge also, worauf sich diese Vorstellungen und Begriffe beziehen, können nicht das sein, was unser Verstand vorstellt; denn der Verstand kann nur Vorstellungen und seine Gegenstände, nicht aber wirkliche Dinge schaffen” (S.71). Statt “wirkliche Dinge” hätte er hier “reale Dinge” schreiben sollen, denn in der Kritik der reinen Vernunft (1787) hatte er das “Ding an sich” bereits als “heuristische Fiktion” bezeichnet (S.799). Die fiktiven Vorstellungen jedoch stammen unter allen Umständen aus der Wirklichkeit unseres Denkens. Ihr heuristischer Wert liegt in der Praxis der Verständigung, denn sie erlauben uns, Dinge als gegeben anzunehmen; wobei es jedoch wichtig ist, sich klarzumachen, daß die Dinge, die wir in unseren Interaktionen mit anderen Menschen als gegeben annehmen, in der Vorstellung der Beteiligten nur in den jeweils relevanten Aspekten vereinbar, aber keineswegs in allen Beziehungen gleich sein müssen.
((17)) ECKES’ Einleitungsparagraphen von ((1-3)) erwecken in mir den Eindruck, er lebe in einer Gegend, in der es längst keine naiven Realisten mehr gibt. Er ist nicht der einzige in diesem Schlaraffenland (siehe FAULSTICH (4), WEBER (5), HOFFMANN (2), sowie A.a. LEIBER). Offenbar haben diese glücklichen Autoren nichts mit der Sorte von Lehrern, Ärzten und Universitätsprofessoren zu tun, die meine Umwelt bevölkert.
((18)) ECKES bezeichnet die Auffassung eines vom Subjekt unabhängigen Wissens als “eine obsolete bzw. aus heutiger Sicht indiskutable erkenntnistheoretische Position” ((2)), die von Psychologen wie Bruner, Postman, Festinger und anderen längst überwunden worden ist. Dennoch spricht er von Dingen, die objektiv sein sollen, z.B. “natürliche Zeichen systemexterner Zustände” ((6)), und beteuert später, ‘die Welt … ist erkennbar, wenn auch nur partiell …” ((11)). Die Kognitionswissenschaft, auf Grund der “Kovarianztheorie” ((6)), und die “konnektionistischen Modellierungen” ((13)) hätten das längst erwiesen. Das scheint mir zuviel gesagt. Seine Schlußbemerkung jedoch hat mich beschämt: Er zitiert George Kelly – und das ist zweifellos ein naher Verwandter, den ich hätte erwähnen sollen.
((19)) FAULSTICH konstatiert, “daß die Übersetzung alter Fragen in neue Begriffe veränderte Sichtweisen und auch Einsichten ermöglicht” ((2)). Er zählt die vier Gebiete auf, die ich in meinem Artikel als Quellen meines konstruktivistischen Denkens angab, und fragt dann, “ob hinter diesem Eklektizismus tatsächlich eine Theoriekonvergenz konstruiert werden kann” ((3)). Daß es darum ginge, eine Konvergenz der Theorien des Skeptizismus, der Evolutionslehre, Piagets Kognitionsmodells und der Kybernetik zu konstruieren, ist mir nie in den Sinn gekommen und erscheint mir nun, da es erwähnt wurde, recht sinnlos. Das hindert mich aber nicht, auch weiterhin Begriffe, wie Faulstich sagt, aus diesen Sparten in mein Vorhaben zu übersetzen und dadurch manche neue Einsicht zu gewinnen. Daß ich z.B. das Verhältnis von “natürlicher Auslese” und “Anpassung” oder das Schema der Feedback-Mechanismen verwende, heißt doch nicht, daß ich auch das gesamte begriffliche Mobiliar der jeweiligen Theorie in meine Denkweise einbauen muß.
((20)) FAULSTICH arbeitet laut Autorenangabe auf dem Gebiet der Bildung und Erziehung, und da müßte m.E. auch er hier und dort die Beobachtung machen können, daß der naive Realismus, obschon er von einigen Vorsokratikern aufgegeben wurde ((4)), darum noch lange nicht ausgestorben ist (A.a. ECKES).
((21)) Da der RK ein Versuch ist, den Aufbau von Wissen ohne Bezug auf das Sein zu modellieren (was im Hauptartikel mehrmals deutlich gesagt, aber von Lesern ignoriert wurde) scheinen mir Hinweise auf Hegel und “die Frage nach dem Verhältnis von Sein und Geist” fehl am Platz ((5)) (siehe auch A.a. LÜTTERFELDS).
((22)) Daß es FAULSTICH “nicht nachvollziehbar” ist, wie “unerwartete Resultate” Anstoß zum Lernen geben können ((7)), macht mich staunen – offenbar hat er sich nie gefragt, wie er das Gehen, Schlittschuhlaufen oder Rechnen (ganz zu schweigen von seinem erlesenen Deutsch) erlernt hat.
((23)) FLACKE danke ich für Aufmerksamkeit und Verständnis im Lesen des Hauptartikels. Die Punkte, an denen er sich stößt, sind mir darum wichtig. Da ist zunächst die “Begründung”, weswegen ich einen “Umbau herkömmlicher Begriffe und gewohnter Gedankengänge” (EvG 2) für nötig halte. Das Wort “Rechtfertigung” wäre vielleicht treffender gewesen, denn, wie FLACKE vermutet ((5)), handelt es sich um eine interne Angelegenheit, nicht um die Entdeckung ontologischer Ausgangspunkte. Was Mach anbelangt ((7)), so lese ich aus dem zitierten Satz (EvG 32), daß Tatsachen der Erfahrung angehören und eben, weil sie sich in der Erfahrung nie genau wiederholen, durch Assimilation zustande kommen.
((24)) FLACKEs Bemerkung, daß für mich “die Vernunft die einzige richtige Quelle des Wissens ist” ((10)), unterschreibe ich, vorausgesetzt, es ist klar, daß “Wissen” sich für mich auf rationales Wissen bezieht. An anderen Stellen meiner Replik mache ich deutlich, daß mir die Idee, mystische Eingebung, Intuition und Empathie könnten eine Realität uns näher bringen, keineswegs unsympathisch ist (A.a. BETTOMI, LÜTTERFELDS, MEYER).
((25)) Was den sozialen Konstruktivismus betrifft, halte ich die Analyse von sozialen Interaktionen, Beziehungen und Einflüssen für äußerst notwendig und sehe nicht ein, warum sie aus einer dem RK feindlichen Stellung gemacht werden müßte. Allerdings erscheint mir z.B. Gergens Behauptung, daß “Individuen das Resultat von Beziehungen sind … und daß Beziehungen grundlegender sind als Individuen” (FLACKE (12)) einen elementaren Widerspruch zu enthalten. Was ich von Gesellschaft und sozialen Beziehungen weiß, beruht auf Erfahrungen, die ich selber machen und in Begriffe fassen mußte. Auch die Soziologie beruht letzten Endes auf den individuellen Vorstellungen von Soziologen. Daß diese Begriffe und Vorstellungen intersubjektiv ausgehandelt und verfeinert werden, dürfte nicht verschleiern, daß ihre eigentliche Quelle in der Erfahrung einzelner Individuen liegt. Darum dünkt es mich unsinnig, soziologische Forschung mit der zumindest pseudoontologischen Behauptung zu beginnen, die Gesellschaft (und/ oder die Sprache) sei primär. Ich glaube im Gegenteil, diese Sparte der Forschung würde fruchtbarer, wenn sie die konstruktive Rolle des kognitiven Individuums stets in Sicht behielte.
((26)) FURTH I would like to thank for the admonition to become more radical ((17)). As I learned during my years in Ireland, it is never too late to go a little further.
((27)) However, much as I have tried, I am unable to see, what in my article could have led FURTH to say that my focus is “on the perception of something that is already there’” ((1)). As I repeatedly stated elsewhere, I hold it with Berkeley when he explained that expressions such as “to be” or “to exist” can have no meaning outside our experiential world. What I do accept, is a negative definition of ontology; that is to say, I grant the possibility of an external world that can thwart our desires and upset our schemes of action. We register the perturbation, but this in no way implies that we “perceive” or “observe” the structure or properties of a “pre-given reality” ((6)). That I have not forgotten the statement that “action, not perception, is the key concept of an adequate theory of knowledge” ((8)) seems to me to be inherent in a number of things I say. But FURTH is probably right: I should have explicitly made it clear that I consider “perception” not a passive receiving of data but an active construction on the part of the perceiver. The statement at the end of my first paragraph (EvG 1) was obviously not sufficient.
((28)) ((28)) I would say that also Piaget’s notions of “occasion” and “opportunity” ((4)) presuppose something that affords such possibilities, and this seems to go together very well with my notion of “viability”. As I have understood it, “assimilation” ((5)) entails the disregarding of differences (relative to a previous construct). Consequently it allows repetition – and repetition leads to regularities and rules which form the scaffolding for the construction of our experiential reality.
((29)) I agree that a theory of knowing must fit into a “societal frame” ((15)), but I believe that knowledge is constructed by individuals. Much of this construction takes place within the constraints of a social group (see the third level of viability (EvG 27)), but the theory must also account for the range of knowledge that we can and often do derive quite by ourselves from interactions with the constructs that furnish our own, subjective experiential world.
((30)) I see no incompatibility with Furth’s notion of “desire”. As I have frequently said, our models of living organisms (not only human) explicitly or implicitly involve at least primitive values – and any scale of values is likely to generate desires.
((31)) Given that some thirty other critics consider my constructivism totally misguided, I am grateful for Furth’s statement ((17)) that it “points in the right direction”.
((32)) GOORHUIS hat mir mit seiner Kritik große Freude bereitet. Seine positive Reaktion, sagt er, rühre nicht von der “Überzeugung, daß in dieser Theorie irgendeine Wahrheit steckt, sondern (sei) aus rein pragmatischen Gründen entstanden” ((2)). Damit hat er die Zielsetzung des RK richtig erkannt, und darum ist es nun ein Vergnügen, die “Begrenzungen”, die er sieht, aus meiner Perspektive zu untersuchen.
((33)) Zunächst möchte ich da sagen, daß die Viabilität eines Konzepts stets von dem Subjekt angenommen wird, das das Konzept geschaffen hat ((5)). Doch Viabilität hat mehrere Stufen. Daß der Weg durch eine geschlossene Türe nicht viabel ist, merkt man zu allererst dadurch, daß man anstößt, was man dann sehr schnell vorherzusehen lernt. Woran man stößt, kann man aber nur in Begriffen denken, die man vom Anstoßen hier und dort an andere Gegenstände abstrahiert hat (siehe “Tatsachen” in der A.a. FLACKE). Was “real” daran ist, weiß man nicht und kann man darum nicht sagen, denn es läßt sich nur in Wörtern beschreiben, die mit den unterschiedlichen Arten des Anstoßens (tastender, visueller oder auditiver Art) assoziiert worden sind.
((34)) Auf der zweiten Stufe erweisen Begriffe sich als nicht so viabel, wie man sie möchte, wenn sie Widersprüche mit anderen Begriffen hervorrufen; auf der dritten, wenn sie in Interaktionen mit anderen Beteiligten nicht so funktionieren, wie man erwartet hat ((6)). Dabei ist freilich daran zu erinnern, daß “die anderen” zwar von einem selbst konstruiert werden, aber keineswegs frei wie man will. Denn bei der Konstruktion von anderen erweisen diese sich mindestens ebenso widerständig, wie die Gegenstände, die man “Türe” oder “Wand” nennt. Inwieweit diese Hindernisse einer Realität zuzuschreiben sind oder der fehlerhaften eigenen Konstruktion, bleibt m.E. unergründlich.
((35)) ((35)) Wie sehr ein Subjekt sich anstrengt, Perturbationen zu sanieren und sein inneres Gleichgewicht zu erhalten, und wie es dies macht ((8-11)), ist selbstverständlich eine individuelle Angelegenheit, doch im Hauptartikel lag mir daran, zumindest eine allgemeine Richtung aufzuzeigen.
((36)) Zur Autonomie und der “inneren Befreiung” östlicher Philosophien kann ich hinzufügen, daß Powers in seiner Kontrolltheorie (EvG 37) als einer der ersten erklärt hat, ein lernendes Feedbacksystem kann eine Perturbation auch dadurch neutralisieren, daß es den betreffenden Sollwert ändert. Wir kennen das alle recht gut, denn wenn das Erreichen eines Ziels, das wir gewählt haben, allzuviel Anstrengung erfordert, sind wir zuweilen bereit, es aufzugeben.
((37)) GRÖSSING schreibt im Bezug auf Kognition, daß “die ‘inneren’ Prozesse ein ‘Echo’ von Prozessen beinhalten, die sich in der Außenwelt abspielen” ((4)). Echo heißt Widerhall, und auf Grund unseres viablen Wellenmodells bedeutet das, daß ein Schall auf ein Hindernis stößt und von ihm zurückgeworfen wird. Wir hören das Echo, schließen auf ein Hindernis, haben aber keine Ahnung, was es ist, außer der Annahme, daß es laut unserer Theorie Schall zurückwerfen kann. Kurz, wir wissen um ein Hindernis, kennen es aber nicht. (Der unvergeßliche Deutschlehrer in meiner Schweizer Mittelschule der Zwischenkriegszeit war ein Freund von Thomas Mann und teilte mit diesem die Passion für präzisen Sprachgebrauch. Unzählige Male warnte er uns, den romantisch vernebelnden Ausdruck “wissen um etwas” nie und nimmer zu benützen. Die schöne Echo-Metapher schafft nun einen Kontext, in dem die verpönte Ausdrucksweise mir durchaus sinnvoll erscheint.)
((38)) Die “gegenseitige Abstimmung zwischen inneren und äußeren Prozessen” ist also nicht eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung unserer “Kognitionsapparate”. Diese Einsicht war m.E. Piaget durchwegs geläufig, denn in dem grundlegenden Buch La construction du rgel chez l’enfant (1937) – lange vor Biologie und Erkenntnis (1974) – hat er gezeigt, daß in seiner Theorie Objekte, Raum, Kausalbeziehungen, Zeit und die Realität als Ganzes von einem kognitiven Organismus aus sich heraus konstruiert werden können. Die “Außenwelt” in GRÖSSINGs Piaget-Zitat ((3)) kann man sich also recht gut als Konstruktion aus “Echos” denken. Als Nichtphysiker scheint mir das auch für das Sammeln “numerischer Daten” ((2)) zu gelten: per se, d.h als Zahlen, sind sie “kontextfrei”, doch was der Physiker zählt oder mißt, sind wiederum Echos und Echo-Sequenzen.
((39)) Mit GRÖSSINGs Charakterisierung der “großen Erzählungen” ((6-8)) bin ich einverstanden. Ich sehe den RK nicht als solche, denn er macht keinerlei Anspruch auf Ausschließlichkeit (siehe auch KÖNIG (7)) und bemüht sich vielmehr, die Untragbarkeit dieses Anspruchs seitens der großen Erzählungen aufzuweisen.
((40)) HEISE/GERJETS trennen in ihrer Kritik zwei Interpretationen des RK: Erstens als “Theorie des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses”, zweitens als “Theorie des menschlichen Wissens und somit als kognitionspsychologische Theorie” ((1)). Im Hinblick auf die erste Auslegung ziehen die Autoren eine “strukturalistische Theorienkonzeption” zum Vergleich heran, die sie als Weiterentwicklung des Empirismus betrachten ((2-6)), und kommen zu dem Schluß: “Die struktu‑ralistische Auffassung von Theorien und ihrer Funktion im Forschungsprozess scheint uns durchgängig gut verträglich mit vG’s Position zu sein” ((6)).
((41)) Die kognitionspsychologische Interpretation wird mit den Anschauungen einschlägiger gegenwärtiger Autoren in Bezug auf “mentale Repräsentationen” verglichen ((7-10)) und die beiden Kritiker finden, daß die diesbezügliche Auffassung des RK den traditionellen Vorstellungen nur dann widerspricht, “wenn diese in naiv-realistischer Weise mentale Repräsentationen als mehr oder weniger korrekte Abbilder einer objektiv gegebenen Realität ansehen”, was aber im allgemeinen nicht der Fall sei ((10)). Mir klingt das etwas zu optimistisch. Anderson zum Beispiel, der einzige der von den beiden Kritikern zitierte Autor, der mir bekannt ist, hat so wenig Sympathie für den Konstruktivismus, daß er in seinem Buch über Lernen (1995) weder Piaget noch die Forscher erwähnt, die sich in den Vereinigten Staaten in der Didaktik der Mathematik einen Namen gemacht haben. Der Grund liegt meines Erachtens darin, daß die Anhänger des “Information Processing” und der “Cognitive Science” zuweilen zwar die Konstrukte der beobachteten Versuchspersonen als subjektiv und relativ betrachten, für ihre eigene Theorie aber doch objektive Wahrheit beanspruchen möchten. Der RK erlaubt das nicht, denn er sieht sich selbst nicht als Beschreibung einer Realität, sondern bestenfalls als ein Modell, das sich im Gebrauch nützlich erweist.
((42)) Das ist nun auch der Grund, weswegen mir die Trennung von wissenschaftlichem und alltäglichem menschlichen Wissen ((1)) nicht behaglich ist. Insofern Wissenschaftler wahrnehmen und denken, operieren sie von meinem Gesichtspunkt aus kognitiv. Was ich z.B. in Anlehnung an Piaget über Assimilation, Akkommodation, Reflexion und Viabilität ausführte (EvG 23-35), scheint für Denken überhaupt zu gelten und darum auch für das Denken von Wissenschaftlern. Ich sehe nicht, wie Wissenschaft ohne Begriffe von Mehrzahl, individueller Identität, Objektkonstanz, Veränderung und Extension (EvG 45-55) überhaupt beginnen könnte und darum glaube ich, daß sie ebenso auf diesen kognitiven Operationen beruht wie die Wirklichkeitskonstruktionen von Kindern und Laien. Wissenschaftler müssen zwar in ihren Begriffsverbindungen etwas vorsichtiger und systematischer vorgehen, als man das im alltäglichen Denken tut, doch die Weise, wie sie Begriffe und Begriffsverbindungen schaffen, scheint mir im Prinzip die gleiche zu sein.
((43)) Wenn Heise und Gerjets abschließend schreiben: “Die Argumente vG’s erscheinen uns überzeugend, rennen jedoch offene Türen ein” ((13)), so werden die vorliegenden Kritiken ihnen vor Augen führen, daß es noch eine ganze Menge verriegelter Türen gibt.
((44)) ((44)) HERZOG hat recht, wenn er schreibt, wichtiger als der Wettbewerb mit anderen Erkenntnistheorien sei es für den RK, sich in der Praxis der Disziplinen durchzusetzen, in denen er relevant wäre ((2)). Die beiden Streitgebiete sind aber nicht so leicht zu trennen, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. In der Didaktik der Mathematik spielen konstruktivistische Ideen seit fast zwanzig Jahren eine Rolle, werden aber nach wie vor heftig angegriffen – nicht weil sie sich etwa als erfolglos erwiesen, sondern weil sie herkömmliche theoretische Anschauungen gefährden. Die bissigsten Angriffe kommen meistens von Vertretern eines Empirismus, in dem die empirische Grundidee des Erfahrungsbezugs mit naivem Realismus verwechselt wird. So wird man immer wieder zur “philosophischen” Diskussion gezwungen ((11-15)). Ein gutes Beispiel ist die Physik, wo sämtliche Koryphäen hier und dort konstruktivistische Bekenntnisse machen, während die Lehrer ihre Wissenschaft als den goldenen Weg zur Realität anpreisen. Die Schwierigkeiten – HERZOG nennt sie “Gefahren” ((3-10)) die sich der Verbreitung und dem Verständnis des RK entgegenstellen, beschreibt er ausgezeichnet, doch Gebiete zu finden, wo sie ohne philosophische Argumente frontal begegnet und überwunden werden könnten, ist nicht leicht. Darum wiederhole ich so oft, daß die konstruktivistische Denkweise vor allem im eigenen täglichen Leben auszuprobieren ist.
((45)) HOFFMANN beginnt seine überaus feinkörnige Dekonstruktion des Hauptartikels mit der Feststellung, daß meine “Entgegensetzung” von RK und traditioneller Erkenntnistheorie “allzu schematisch” sei ((2)). Bereits Platon sei von einer “rational strukturierten Welt” ausgegangen, habe aber keineswegs Erkenntnis als “Widerspiegelung” begriffen. Buchstäblich ist das sicher richtig. Doch daß der Erkennende sich laut Platon mühsam an die ewigen Formen erinnern muß, die Gott ursprünglich in die unsterbliche Seele eingebaut hat, scheint mir nicht allzu weit von Widerspiegelung präexistenter Strukturen entfernt. Auch die Behauptung, “Kants ‘Konstruktivismus’ … kann durchaus als ‘herkömmlich’ gelten” kann ich nicht mit meiner Bedeutung von “herkömmlich” vereinbaren (siehe A.a. ECKES).
((46)) Ganz unklar, schreibt HOFFMANN, sei ihm “das Verhältnis (meiner) Wissenstheorie und ihren möglichen ‘Anwendungen’ in lebensweltlichen Kontexten” geblieben ((4)). Im Rahmen dieser Replik kann ich das nicht klarer machen, als durch die wiederholte Feststellung, daß z.B. im Forschungslaboratorium, in der Schule, in der Psychotherapie, vor allem aber im täglichen Zusammenleben mit anderen vieles leichter und fruchtbarer wird, wenn die Beteiligten ihr Wissen als weitgehend individuelle Konstruktion zu betrachten beginnen.
((47)) Man kann nicht oft genug daran erinnert werden, daß Logik “extensionsorientierte” (d.h. sich auf Erfahrungen beziehende) Behauptungen “weder ausschließen noch bestätigen” kann (siehe A.a. MITTERER). Dennoch ist es im allgemeinen Sprachgebrauch zulässig, zu sagen, daß “logisch ausgeschlossen” sei, was sich aus den angenommenen Prämissen nicht ableiten läßt. Und da die Skeptiker die Erklärung des Xenophanes, daß die Realität unnahbar sei, als Prämisse annahmen, konnten sie deren naturgetreue Spiegelung “logisch ausschließen” ((6)).
((48)) Da hier im Zusammenhang mit der Realität auch Peirce erwähnt wird ((9)), kann ich darauf hinweisen, daß man bei diesem Autor lesen kann: “Die Abduktion verläßt sich auf die Hoffnung, daß zwischen der Vernunft des Denkenden und der Natur genügend Affinität besteht, so daß das Raten nicht hoffnungslos ist” (1931-1931, Bd.1, §121; siehe Definition von “Abduktion” in A.a. TASCHNER).
((49)) HOFFMANN hat vollkommen recht, wenn er abschlie‑ßend verlangt, RK solle “sich angesichts der richtig erkannten Probleme des Erkennens um einen Rationalitätsbegriff … bemühen, der zumindest die Abgrenzung von Irrationalität erlaubt” ((10)). Meine Bemühungen in dieser Richtung haben mich bisher nicht über die Auffassung hinausgebracht, daß Rationalität sich bestenfalls von innen abgrenzen läßt, weil eben die Sphäre des Irrationalen unendlich ist (A.a. SEILER).
((50)) JANICH: Die Methode des Aufbauens, mit der JANICH und der “Methodische Konstruktivismus/Kulturalismus” sich so eingehend befassen, betrifft, soweit ich verstehe, den Aufbau der Erlebenswelt. Janich schreibt am Anfang seiner Kritik, es falle ihm leicht, dem RK in seinen Grundanliegen zuzustimmen. Dieses Grundanliegen ist es, zu zeigen, daß “alle Varianten realistischer, ontologischer oder Abbild-theoretischer Art sinnlos und/oder unhaltbar” sind ((1)).
((51)) Die “Defizite” des RK in Bezug auf Sprachphilosophie, Pragmatik und Kultur, die JANICH dann im Vergleich zu seinen eigenen Anschauungen feststellt, rühren seiner Ansicht nach von meinem “grundsätzlichen Anschluß … an naturwissenschaftliche Ergebnisse” (insbesondere jene von Mach, Piaget, Darwin und Wiener) ((2)).
((52)) Die in meinem Artikel angedeutete “Bedeutungstheorie” dient mir vor allem dazu, die weitverbreitete Ansicht zu widerlegen, daß Sprache Begriffe und somit Wissen von Sprechern zu Hörern transportieren kann, und darum keineswegs eine umfassende Sprachtheorie sein will. Das schien mir schon daraus klar zu werden, daß ich den Bedeutungsaufbau hauptsächlich im Kind beschreibe und hinzufüge, daß die Segmentierung der Erlebenswelt, auf der Wortbedeutungen beruhen, “im Laufe weiterer Erfahrung durchwegs mehr oder weniger geändert werden muß, um mit dem Sprachgebrauch der Erwachsenen einigermaßen übereinzustimmen” (EvG 40). Nimmt man das zusammen mit meiner Verwendung des Viabilitätsbegriffs, so ergibt sich, meine ich, genau das, was JANICH “Einbettung von Spracherwerb und Sprachausübung in eine konstruktivistisch rekonstruierte Praxis einer menschlichen Gemeinschaft” nennt ((3)).
((53)) Daß Piaget den Unterschied zwischen “Widerfahrnissen” und absichtlichen, zielstrebigen Handlungen im Dienst einer “sozial hinreichend kompetenten Teilnahme am Alltagsleben” glatt vergessen habe ((4)), ist eine Behauptung, die ich mir nur durch die Annahme erklären kann, daß JANICH erstens den bei Piaget wichtigen Unterschied zwischen sensomotorischen Handlungen und mentalen Operationen nicht wahrgenommen und zweitens Piaget’s Etudes sociologiques (1965) nicht gelesen hat. An mehreren Stellen dieser Sammlung von Essays behandelt Piaget den maßgebenden Einfluß sozialer Interaktion und Kollaboration auf die Konstruktion von Aktionsschemas und Operationen in der Entwicklung des Einzelnen.
((54)) Auch glaube ich, daß es selbst unter den verachteten “Naturalisten” wenige gibt, die “nicht zwischen einem Termitenhügel und einem gotischen Dom unterscheiden können” ((4)), denn daß der eine als Wohnung benützt wird, der andere hingegen zum Beten und ähnlichen geheimnisvollen Tätigkeiten, läßt sich kaum übersehen. Offensichtlich haben beide sich im Lauf der Zeit vom Gesichtspunkt der Benützer aus als viabel erwiesen.
((55)) In seinem letzten Absatz schreibt JANICH, ich hätte es unterlassen, die in meinem “Ansatz investierte Übernahme naturwissenschaftlicher Denkweisen und Resultate selber konstruktivistisch in Frage zu stellen und zu rekonstruieren”. Da ich in meinem Artikel als Beispiel Konstruktionsmodelle für Mehrzahl, Objektpermanenz, Wandel aller Art, Zustand, Bewegung und Ausdehnung vorgeschlagen habe (EvG 46-55) – Begriffe, ohne die auch Naturwissenschaftler nicht viel machen können – sollte klar sein, daß ich das Denken in der Wissenschaft als Konstruktion und die Ergebnisse prinzipiell als mehr oder weniger viable Modelle betrachte, ohne sie notwendigerweise im Einzelnen zu “rekonstruieren”. Wenn die Arbeiten der Erlanger und Marburger Methodologen den Konstruktivismus durch solche Rekonstruktionen radikaler machen, so kann mich das nur freuen, denn ich glaube nicht, daß es Ceccatos und meinen Begriffsanalysen die eigene, grundlegende Radikalität nimmt.
((56)) KÖNIG ((6)) zitiert Böhmes Ausdruck “Widerständigkeit der Wirklichkeit” und dessen markerschütterndes Beispiel eines nicht “brauchbaren” Frühstücks. Freilich würde auch ein Blinder daraufkommen, daß es nicht viabel ist, auf ein Stück Ziegelstein zu beißen, und daß es peinliche “physiologische Konsequenzen” hätte. Hoffentlich ist das ein Stück der Wirklichkeit, die er sich bereits konstruiert hat. Doch selbst das Zersplittern seiner Zähne wäre zwar schmerzhaft, aber wissenstheoretisch doch nur eine Erfahrung, die prinzipiell nicht mehr über Realität besagt, als das Ticken der Uhr in Einsteins Gleichnis (EvG 8). Der Wider- oder Gegenstand, den der Blinde zu spüren bekommt und dann hoffentlich dank eines bereits angefertigten Konstrukts als Stein “erkennt” (d.h. assimiliert), läßt sich nur in Begriffen denken, die durch Abstraktion aus vielen vorhergehenden Widerstandserlebnissen gebildet wurden (siehe auch A.a. GRÖSSING).
((57)) Daß man aus dem RK keine “Anweisungen für das praktische Handeln” gewinnen kann ((10)), scheint mir z.B. dadurch widerlegt, daß es in der Didaktik bereits mehrere Bücher gibt, die über seine Anwendung im Mathematik- und Physikunterricht berichten.
((58)) KONRAD stellt eine, soweit ich es beurteilen kann, verläßliche Zusammenfassung anderer mehr oder weniger konstruktivistischer Denkschulen meinem Konstruktivismus gegenüber und überläßt es dem Leser, eine Wahl zu treffen. Ihre eigene Stellung charakterisiert sie durch ein Zitat von Popper, demnach der Fortschritt der Erkenntnis “in der Verbesserung des vorhandenen Wissens (besteht) in der Hoffnung der Wahrheit näher zu kommen” ((4)). Da dieses Näherkommen nur ermessen werden könnte, wenn man Zugang zu jener Realität hätte, in der Dinge-an-sich “existieren”, halte ich die erwähnte Hoffnung für einen metaphysischen Wunschtraum. Popper behauptete, daß der Verzicht auf diese Hoffnung zur Stagnation der Wissenschaft führt (Popper 1963, S.114). Ich bin offensichtlich nicht dieser Meinung.
((59)) Nur an wenigen Stellen weist KONRAD ausdrücklich auf begriffliche und sprachliche Unterschiede zwischen mei‑ner Auffassung und jener anderer hin. Um dem Leser Vergleiche möglich zu machen, wäre das wohl nötig. Nun schreibt sie aber z.B. ä propos F.Wallner, dieser unterscheide zwischen “Realismus” und “Wirklichkeit”, während ich “Illusion” und “Wirklichkeit” sowie zwischen “subjektivem” und “objektivem” Urteil differenziere ((6)). Da wäre es wichtig zu erklären, daß ich das deutsche Wort “Realität” benütze, um die unmögliche Vorstellung von einer ontischen Welt von der alltäglichen der erlebten “Wirklichkeit” zu unterscheiden (siehe EvG 10, 13, 17, 57) und dann die Gegenüberstellung von Illusion und Wirklichkeit und jene von subjektivem und objektivem Urteil in der Erlebenswelt mache.
((60)) Welchen Konstruktivismus Leser und Leserinnen aus der hier gebotenen Zusammenstellung als den brauchbarsten betrachten wollen, hängt von ihnen selber ab. Mein Vorschlag beansprucht nicht, “wahr” zu sein, sondern will lediglich in der Praxis des Lebens und Denkens ausprobiert werden.
((61)) KRÜGER kann ich nun erwidern: Hätte ich meinen Artikel als “PR-Aktion” für mein Buch geschrieben ((1)), so wäre es eine peinliche Fehlrechnung gewesen. Etwa ein Drittel der Kritiker haben es oder anderes von mir bereits gelesen, und unter den restlichen zwei Dritteln ist kaum einer, der mit dem Artikel nicht mehr als genug hat. Tatsächlich wurde ich eingeladen, mich mit einer Zusammenfassung meiner Ideen der Diskussion auszusetzen, wofür ich der Redaktion der EuS angesichts der reichhaltigen Kritiken überaus dankbar bin.
((62)) Daß “konstruktivistische Ansätze” schon seit längerer Zeit in unterschiedlichen Disziplinen diskutiert werden, ist mir zumindest teilweise bekannt. Es ist mir ein Ansporn, den RK immer klarer und unmißverständlicher zu erklären, denn was da diskutiert wird, hat oft mit den eigentlichen Ideen recht wenig zu tun. Im Hauptartikel wollte ich die radikale Wissenstheorie so gut ich konnte als Ganzes auspacken, damit der aufmerksame Leser feststellen kann, wie weit RK sich von anderen Konstruktivismen entfernt. Die Distanz von den “sozialen” Versionen ist besonders groß, da der RK eine Theorie des individuellen Wissens ist und somit auch die Gesellschaft und alles was mit ihr in Zusammenhang gebracht werden kann als Konstruktion des einzelnen Subjekts betrachten muß (A.a. FLACKE). Ich wiederhole: Es geht um Wissen, nicht um Sein.
((63)) KULL erklärt, die Ansicht, “wonach es in derherkömmlichen Erkenntnistheorie stets um die Erkenntnis einer ‘Welt an sich’ gegangen sei, … ist seit Kant obsolet” ((2)). Er bemerkt jedoch, daß Kants “Kopernikanische Wende” in der Philosophiegeschichte “mancherlei Verwässerung” erfahren hat und es darum ein kleiner Verdienst ist, ihr wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Im Nachhinein ist mir klar, daß ich Kant in meinem kurzen Abriß der epistemologischen Vorgeschichte hätte erwähnen sollen. In meinem Buch ist er ausführlich gewürdigt, doch beim Schreiben des Hauptartikels lag mir vor allem daran, meinen eigenen Weg zum RK plausibel zu machen. Dieser Weg war selbstverständlich idiosynkratisch und mußte zudem drastisch abgekürzt werden. Außer Leibniz ((5)) hätte ich auch Vico, Schopenhauer, Nietzsche, Vaihinger, James, Bogdanov, Collingwood, Dewey und einige andere, von denen ich gelernt habe, erwähnen können.
((64)) Hingegen stimme ich ganz und gar nicht mit der Feststellung überein, meine Darstellung stütze sich auf Ergebnisse der Wissenschaft, weil ich ausführlich auf Piaget eingehe ((4)). Wie das Zitat (EvG 25) nahelegt, war es die epistemologische Interpretation der Anpassung und des wissenschaftlichen Denkens, die Piaget sein Leben lang beschäftigten. Daß Philosophen ihn durchwegs ignoriert haben, ist m.E. eine unverzeihliche Unterlassungssünde.
((65)) Daß mein Konstruktivismus – oder andere “aufgeklärte” Denkweisen – Fundamentalisten bekehren könnten, glaube auch ich nicht ((13)). Doch die Lehrpraxis hat mir einige Male bestätigt, daß ein bißchen Konstruktivismus manche Studenten und Studentinnen vor dem Abrutschen in fundamentalistische Wahnideen bewahren kann.
((66)) KURTs Kommentar zeigt: Wenn man von der Überzeugung ausgeht, eine Wissenstheorie ohne ontologische Begründungen sei prinzipiell ausgeschlossen, dann muß man den RK als unsinnig betrachten. Nicht so selbstverständlich ist es, daß dem RK dann ganz unzutreffende Absichten und Behauptungen zugeschrieben werden. KURT bestätigt, daß es mir nicht “um die soziohistorische Entwicklung eines Denkmodells” geht, schließt aber dann, daß ich zeigen will, meine Theorie “sei immer schon da gewesen” ((3)). Das wollte ich nicht sagen. Wenn ich schrieb, “daß menschliche Beobachter die Begriffe mit denen sie Erlebnisse und Erfahrungen erfassen, nicht entdecken, sondern eifinden, ist keineswegs neu” (EvG 9), heißt das nicht mehr, als daß dieser eine Schritt bereits von den sehr unterschiedlichen Denkern, die ich zitiere, versucht wurde.
((67)) Auch Husserls Phänomenologie verzichte, so schreibt KURT, “auf die Annahme der Erkennbarkeit ‘einer realen Welt”‘ und setze an ihre Stelle die “Lebenswelt … Und diese Welt erfinden wir nicht. Wir finden sie vor” ((6)). Wie tun wir das? Sickert sie so, wie sie ist, in uns hinein? Oder konstruieren wir sie auf Grund von Erfahrungen, die wir in unseren eigenen Begriffen begreifen?
((68)) KURTs Behauptung, ich wolle “die ganze Menschheit umfassen” ((3)), gründet sich anscheinend auf meine Bemerkungen über den Anfang der Geistesgeschichte und läßt sich kaum damit vereinbaren, daß ich den RK als Vorschlag bezeichne (EvG 2) und meinen Artikel mit der Warnung schließe, der RK mache keinen Anspruch auf “Wahrheit” im philosophischen Sinn und sein Wert könne sich nur in der Praxis denkender Individuen erweisen (EvG 64). Da er Bewohner des Himalaja erwähnt, kann ich hinzufügen, daß RK sich gar nicht so sehr von gewissen Formen der tibetanisch/buddhistischen Philosophie unterscheidet.
((69)) LAUS zitiert eine Ontologie-Definition von Luhmann ((2)) und behauptet dann, daß ich Ontologie betreibe, weil ich “die Frage diskutiere, ob oder wie die Erkenntnis einer Realität an sich möglich sei” ((3-4)). Zwar habe ich wiederholt geschrieben, daß wir m.E. von der ontischen Welt nichts wissen können, doch wenn das “Ontologie betreiben” ist, dann kann man mich auch einen Spiritisten nennen, weil ich manchmal erkläre, daß ich von Geistern keine Ahnung habe.
((70)) LAUS schreibt aber auch, daß die Realität “als Resultat einer Operation eines Beobachters” gedacht und somit vom Sein abgelöst werden kann ((5)). Das hat mein Freund Silvio Ceccato, der Erfinder der consapevolezza operativa schon vor 50 Jahren gesagt, als er die Begriffssemantik gründete (siehe A.a. BETTONI) ; und ich möchte darauf hinweisen, daß mein Diagramm in (EvG 46) eine ziemlich deutliche Darstellung der mentalen Operationen ist, die das “Sein” hervorbringen.
((71)) LEIBER bemerkt gleich, daß ich meiner Auffassung entgegengesetzte “Grundhaltungen … pauschalisierend formuliere” ((2)). Das ist freilich so. Erstens fehlt mir die solide Basis eines akademischen Philosophiestudiums (was ich sehr bedaure) und zweitens finde ich in meiner Gegend keinen gelernten Philosophen, der bereit wäre konstruktivistische Ideen ernstlich zu diskutieren. Darum bin ich LEIBER für seine Ausführungen sehr dankbar und prinzipiell bereit, sie als Korrekturen anzunehmen.
((72)) Das gilt jedoch nicht für die Zweifel in Bezug auf meine Verwendung des Wortes “herkömmlich” ((2)). Wenn ich von einer “herkömmlichen Erkenntnistheorie” sprach, so meinte ich jene, die dem Denken und vielem Handeln der meisten Menschen seit jeher als Grundlage dient. In meiner Erfahrungswelt kann ich diese Grundlage ohne Bedenken naiv-realistisch nennen. Obschon ich selbst eine Reihe von Denkern zitierte (zu der andere hinzugefügt werden können; A.a. KULL), die dem Realismus zu entkommen trachteten, glaube ich, daß auch heute und besonders in den Vereinigten Staaten die eine oder andere Form eines metaphysischen Realismus in den meisten philosophischen Abteilungen maßgebend ist. Auch was die Umstellung der Wissenschaftler anbelangt ((4)), so habe ich z.B. Helmholtz schon oft zitiert und man könnte einige mehr aus dem vergangenen Jahrhundert nennen (sowie m.E. auch Leonardo da Vinci und Torricelli). Doch wenn man in heutigen Forschungszentren und Laboratorien zuhört, bekommt man nicht den Eindruck, der Realismus sei ausgestorben.
((73)) LEIBERs Bemerkung in Bezug auf Sozialkonstruktivismus stimme ich voll und ganz bei (siehe meine kurze Erklärung an KRÜGER). Dem Ausdruck “Minimalrealismus” bin ich in meiner eklektischen Auswahl der Lektüre noch nicht begegnet und weiß darum nicht, was darunter verstanden wird.
((74)) LÜTTERFELDS zieht in einem frontalen Angriff gegen die These “daß wir eine Welt jenseits unserer Sinne und Begriffe nicht ‘erkennen’ können” (EvG 14), zunächst Hegel heran, der mir als eklektischer Leser stets abseits lag. Darum verlasse ich mich auf das angeführte Zitat: “Gerade darin, daß menschliches Wissen überhaupt von einem Gegenstande weiß, unterscheidet es den Gegenstand, wie er unabhängig von ihm existiert, vom Gegenstand, wie es ihn weiß” ((3)). In der konstruktivistischen Perspektive taucht ein Gegenstand in der Wirklichkeit eines Subjekts erst dann auf, wenn das Subjekt ihn konstruiert. Die Konstruktion des Gegenstandes kann dem Auftauchen sogar lange vorausgehen, wie es etwa bei den Quarks der Physiker der Fall ist. Damit wird das von Hegel geborgte Argument für mich hinfällig, denn von einem Gegenstand, den ich noch nicht konstruiert habe, kann ich nichts wissen – und Eingebungen von ihm sind Sache der Mystik.
((75)) Dann kommt das Argument, das eine negative Aussage in eine positive verdreht: “Denn in der Angabe dessen, was wir nicht rational erfassen können, liegt eine rationale Wirklichkeitserfassung bereits vor” ((3)). Meint LÜ’ITERFELDS hier ein Verstehen der Erlebenswirklichkeit, dann kann ohne weiteres dazugehören, daß man etwas außerhalb ihrer fürmöglich hält. Doch ich glaube er meint “Realitätserfassung”, und an die kann meine Vernunft nicht heran.
((76)) Ganz einverstanden bin ich mit der Feststellung, daß “alle Erkenntnistheorien, samt ihrer Kritik” ((12)) notgedrungen “zirkulär” sind. Das fängt damit an, daß ich als Halbwüchsiger – wie wohl die meisten anderen – die Welt meiner Erfahrungen mit Mitteln zu ordnen und zu “erklären” beginne, die ich mir auf Grund dieser Welt zusammenbasteln muß; und es hört mit dem Versuch auf, das Rationale rational zu analysieren. Das heißt aber nicht unbedingt, daß ich metaphysische Zuflucht suchen muß. Man kann auch unbegründete Voraussetzungen als Ausgangspunkt verwenden, nicht als “ontologische Gegebenheiten” ((13)), sondern als schlichte Arbeitshypothesen zur Konstruktion eines “Modells”, das man dann, auch wenn es funktionieren sollte, doch nicht als Repräsentation einer Realität betrachtet.
((77)) Eine dieser Voraussetzungen ist bei mir das Bewußtsein des konstruierenden Subjekts ((6)). Ich habe kein Modell und keine Ahnung wie es funktioniert, habe auch bis heute von keinem befriedigenden gehört. Doch ich kann mir einiges von dem zurechtlegen, was es tut; z.B. wie Humboldt so schön sagte: “in seiner fortschreitenden Tätigkeit einen Augenblick still stehn, das eben Vorgestellte in eine Einheit fassen, und auf diese Weise, als Gegenstand, sich selbst gegenüberstellen” (Humboldt, 1907, S.581).
((78)) Damit erübrigt sich auch Lütterfelds’ Einwurf von ((5)), daß das Gleichgewicht, von dem ich spreche, “das Verhältnis des kognitiven Organismus zu seiner externen Welt” betrifft, weil ich es im Zusammenhang mit kognitiven Strukturen und Tatsachen erwähne (meine Hervorhebung).
((79)) MEINEFELD, der in drei Paragraphen Hauptpunkte meiner Position zutreffend zusammenfaßt ((1-3)), wirft die “Widerständigkeit” der Realität auf und sieht in ihr den Grund, eine “vorgängige Strukturiertheit” anzunehmen, aus der dann “Ankerpunkte der menschlichen Konstruktionsleistung” erwachsen ((5)). Widerstände, wie ich KÖNIG erwiderte, streite ich keineswegs ab, doch daß man aus ihnen reale Struktur oder Eigenschaften des Widerstehenden ableiten könnte, scheint mir ausgeschlossen (A.a. GRÖSSING).
((80)) Was Piaget betrifft, so lese auch ich bei ihm an vielen Stellen, daß der Aufbau der Begriffswelt ein interaktiver Vorgang ist, der die Widerständigkeit der Objekte voraussetzt ((6)) ; doch ich nehme Piaget ernst, wenn er in La construction du réel chez l’enfantausführlich darlegt, wie das Kind Objekte konstruiert und dann in die nicht minder konstruierte “Welt” von Raum und Zeit projiziert. Auch ich glaube, “Wahrnehmungsstrukturen existieren nicht vor der Wahrnehmung” ((7)), doch werden sie m.E. in der Auseinandersetzung mit den bereits konstruierten Objekten und die “Anpassung der Begriffe und Ideen an einander” aufgebaut. (EvG 23).
((81)) MEYER schreibt in ((2)), wenn man auf Grund der Unmöglichkeit, Vorstellungen mit einer “Welt an sich” zu vergleichen, schließt, daß so eine Welt nicht rational erfaßbar sei, dann ist das “nur einefa (on de parier”. Ich würde sagen, es ist eine fa (on de penser – und das ist genau, was der RK sein will. Und wenn MEYER weiter ausführt: “Das Konzept einer ‘Welt an sich’ wird dann überflüssig und bedeutungslos; es kürzt sich gewissermaßen aus unseren Überlegungen heraus, “ dann drückt er sehr schön aus, was der RK bezweckt: Im Bereich rationaler Konstruktionen ist die Berufung auf eine ontologische Realität ausgeschlossen. Das heißt aber keineswegs, daß der RK das subjektive Gefühl des “Daseins” ausschließen will; doch er betrachtet alles, was mit Sein zu tun hat als gefühlsmäßige Eingebungen. Er bestreitet lediglich, daß diese rational erfaßt und beschrieben werden können, und überläßt sie darum der Intuition der Mystiker, Metaphysiker und Künstler.
((82)) In meinem Artikel behaupte ich, daß weder metaphysische Postulate, noch Argumente der Plausibilität oder Wahrscheinlichkeit solcher Annahmen die “unergründliche Lücke” (zwischen unseren Wahrnehmungen und unseren Begriffen einerseits und einer von uns unabhängigen Welt andererseits) auf rationale Weise schließen können (EvG 13).
((83)) Das Wortspiel, daß das Adjektiv “objektiv” der Umgangssprache (wo es “eine von der jeweiligen Gemeinschaft akzeptierte … Praxis” betrifft) mit der Beschreibung der philosophischen “Wahrheit” gleichsetzt (MEYER (3)), paßt nicht gut zu einem Sprachwissenschaftler, der auf “sinnvolles Reden” hält. Der Unfug läßt sich vermeiden, indem man für den ersten Begriff das Wort “intersubjektiv” verwendet.
((84)) Was Wittgenstein betrifft ((8)), so könnte man lange diskutieren. Unter anderem hat er auch “auf überzeugende Weise darlegen können”, daß es schwer ist herauszufinden, was vorgeht wenn jemand z.B. auf eine Form, eine Farbe oder eine Anzahl “zeigt” (Wittgenstein, 1953, S, 17). Man lerne es durch Sprachspiele, schlug er vor – doch wie der Sprachanfänger diese Begriffe in den Sprachspielen isoliert, so daß er sie fortan eigenständig benützen kann, ist weiterhin mysteriös geblieben.
((85)) MITTERER beginnt seine Kritik mit der Feststellung, daß die Unterschiede zwischen RK und Realismus “von den jeweiligen Vertretern als so groß empfunden (werden), daß es kaum zu ausführlichen Auseinandersetzungen kommt” ((1)). Was einige der anderen Kritiker geschrieben haben, scheint mir zu zeigen, daß solche verständigungshemmende Empfindungen auch dort auftauchen, wo der RK von Positionen aus kritisiert wird, die sich keineswegs als “realistisch” bezeichnet sehen möchten.
((86)) Der Unterschied, den MITTERER in ((3 & 4)) herausschält, gefällt mir gut, doch mit dem Schluß, den er in ((5)) zieht, bin ich nicht einverstanden. Freilich kann ich den Realisten einen Konstrukteur nennen, der seine Konstruktion der Wirklichkeit verabsolutiert; aber gerade diese Verabsolutierung ist, was der Konstruktivist ausdrücklich vermeidet. Der RK behauptet nicht, “wahr” zu sein; er schlägt lediglich eine Art und Weise des Denkens vor, deren Wert “sich nur in der Praxis denkender Individuen erweisen” kann (EvG 64).
((87)) Dieser Wert ist Brauchbarkeit oder, wie ich es nenne, Viabilität. Mit diesem Begriff befaßt MITTERER sich intensiv ((7-11)) und ich möchte einige seiner Ausführungen von meinem Gesichtspunkt aus beleuchten. Da er Ausdrücke wie “unbestreitbar”, “unwiderlegbar”, und “logisch unanfechtbar” als Stellvertreter für “wahr” bezeichnet ((7)), gelingt es ihm, dem RK eine Inkonsequenz zuzuschreiben ((8)). Diese Gleichsetzung scheint mir aber etwas unlauter zu sein. Obschon die ersten beiden Ausdrücke nicht in meinem Artikel vorkommen, würde ich sagen, daß man sie auch als Konstruktivist ohne Widerspruch verwenden kann, da sie innerhalb des eigenen Erfahrungsbereichs sinnvoll sind und keinen ontischen Bezug benötigen. “Logisch unanfechtbar” scheint mir noch unschuldiger, denn die Logik sagt grundsätzlich nichts über die Realität, sondern nur über Regeln unseres Denkens. Wenn ich den so oft als Beispiel zitierten Syllogismus mit der Prämisse: “Alle Menschen sind unsterblich” beginne, so kommt es als “logisch unanfechtbar” heraus, daß Sokrates unsterblich ist – und das wäre auch sinnvoll und viabel, vorausgesetzt, daß die Unsterblichkeit der Menschen erfahrungsmässig bestätigt werden könnte.
((88)) Die Frage, wer für das Scheitern unser Konstruktionen verantwortlich ist, läßt der RK prinzipiell offen. Im Hauptartikel habe ich das vielleicht nicht deutlich genug gemacht, doch in dem Buch, das MITIERER in den Anmerkungen 2 & 3 erwähnt, steht, daß wir nie entscheiden können, ob der Mißerfolg auf einem Widerspruch in unserer Handlungs- oder Denkweise beruht, oder auf einem “realen” Hindernis. Wie überall, hütet der RK sich, etwas über die Realität auszusagen. Das Scheitern hingegen wird m.E. weder in der Wissenschaft noch im täglichen Leben unbedingt “von anderen theoretischen Positionen aus konstatiert” ((9)), es kann auch dadurch erkannt werden, daß das was man tut oder denkt nicht zu den gesetzten Zielen führt. Kommt man nicht hin, so erweist entweder die Theorie des Weges oder die begriffliche Konstruktion des Ziels sich als unangebracht. Das Verlangen, etwas zu erreichen, sehe ich nicht als theoretisch (rational), da es auf Werte gegründet ist und somit aus der Sphäre der Gefühle und Intuitionen stammt. MITIERER hat freilich recht, wenn er abschließend bemerkt, daß die Entscheidung zwischen realistischer und konstruktivistischer Orientierung eine Sache der Präferenz ist. Doch seit ich mich mit Lernen und Didaktik befasse, macht mir die Wahl keine Schwierigkeit: Statt Schülern ein Weltbild aufzudrängen, das schon an vielen Stellen brüchig ist, ziehe ich es vor, ihnen in der Entwicklung eines Denkens zu helfen, das es ihnen vielleicht ermöglicht, Gleichgewicht in der Wirklichkeit zu schaffen, die sie erleben.
((89)) NÜSE ist, wie er mitteilt, Psycholinguist, und weiß darum besser als andere, wie schwer es ist, aus einem Text annähernd das herauszulesen, was der Autor ausdrücken wollte. Er hat mich ausgezeichnet verstanden. Umso mehr bedaure ich, daß er in seiner Kritik einen Punkt vernachlässigt, den ich im Artikel, am Anfang wie am Ende, so deutlich ich konnte zu vermitteln versuchte – nämlich daß der RK ein Vorschlag sein will (EvG 1, 2, 64), also nicht zu einem Glauben überzeugen, sondern ausprobiert werden möchte. NÜSE bestätigt meinen Verzicht auf Wahrheitsansprüche ((1)), wirft dann aber doch Probleme auf, die dadurch entstehen, daß er mir onti-sche Ambitionen zuschreibt. “Die Tatsache, das Wissen das Resultat von mentalen Operationen eines ‘denkenden’ Erkenntnissubjektes ist, impliziert aber nicht, daß das so erworbene Wissen nicht realitätsadäquat sein kann” ((3)). Eben um diese Implikation auszuschließen, zitierte ich Xenophanes, der deutlich erklärte, daß wir “um” die Adäquation an die Realität nichts wissen können (NÜSE (5) ; und zu “wissen um” siehe A.a. GRÖSSING).
((90)) Die beiden Prämissen, die NÜSE sehr richtig beschreibt ((10)), scheinen mir meine Grundabsicht deutlich auszudrükken: Zu zeigen, daß die Welt, die wir als wirklich betrachten, aus der Erfahrung aufgebaut werden kann, ohne irgend eine Realität vorauszusetzen, der sie entsprechen muß. Wissen habe ich stets als die Gesamtheit der Begriffe, Theorien, Handlungsund Denkweisen verstanden, die wir als viabel betrachten, sowie jener, deren Unbrauchbarkeit wir erfahren haben. Kurz, es umfaßt das, worauf wir uns in unserer Wirklichkeit mehr oder weniger verlassen.
((91)) OTT mißbilligt meinen Vorbehalt in bezug auf “Plausibilitätsargumente”, die helfen sollten, die Kluft zur Realität zu überbrücken ((5)). Wenn ich das Wort “plausibel” einigermaßen richtig verstehe, so bedeutet es, daß man etwas angesichts der Erfahrungen, die man gesammelt hat, mit diesen nicht nur vereinbar, sondern fast als wahrscheinlich betrachtet. Im Kontext der Realitätserkenntnis scheint solche Plausibilität mir eben deswegen fehl am Platz, weil ich keine Berechtigung sehen kann, auf Grund dessen, was in der Erfahrungswelt wahrscheinlich ist, eine Brücke in die Realität zu schlagen.
((92)) OTT präsentiert seine eigene Definition von “Modell”: Repräsentative und simplifizierende Schemata. Er charakterisiert das Denken mit Modellen als “Kennzeichen eines aufgeklärten (‘unnaiven’) Realismus” und sagt schließlich, “die neuesten Klimamodelle bildeten die Wirklichkeit besser (adäquater) ab als die ersten Modelle” ((9)). Wie er richtig vermutet, würde ich “diese realistische Deutung des Modellbegriffs zurückweisen”, wenn unter “Wirklichkeit” die Realität verstanden werden soll. Ich glaube, Wissenschaftler bemühen sich, ihre Modelle mit der Wirklichkeit der Erfahrungen in Einklang zu bringen, d.h. “plausibel” und wenn möglich auch viabel zu machen. Wenn sie dann erklären, sie beschrieben eine unabhängige Realität, so setzen sie sich die päpstliche Tiara auf und geben vor, ex cathedra zu sprechen.
((93)) OTTs Frage, “was eine wissenschaftliche Beobachtung ist?” ((9)), scheint mir zunächst schon in dem Einstein-Zitat (EvG 8) und dann ausführlicher in den Paragraphen über Assimilation und Akkommodation (EvG 29-31) beantwortet: Es handelt sich m.E. um Erfahrungen, die sich in kontrollierten, als “gleich” betrachteten Situationen wiederholen lassen. (Meine Definition von “Modell” steht in Anmerkung 1 zu (EvG 24).)
((94)) PÖLKING charakterisiert meine Interpretation des Piagetschen Lernmodells als “einen Idealtypus des Lernens …, der sich auch unbestritten vielfach bewährt und wichtige Forschungsansätze und -ergebnisse geliefert hat” ((4)), warnt aber, daß es nicht das einzige Modell sei. Das glaube ich auch, und deswegen habe ich anderwärts, wie sie anschließend erwähnt, begriffliches Lernen und Lernen von Verhalten unterschieden. Diese Unterscheidung, läßt sich im Deutschen ungefährdurch “Wissen” bzw. “Können” ausdrücken. Auch imitatives Lernen wäre hinzuzufügen, das auf der noch völlig geheimnisvollen Fähigkeit beruht, visuelle oder auditive Wahrnehmungen in motorische Handlungsprogramme umzusetzen. Kinder lernen Skifahren vom Zuschauen und Gedichte vom Hersagen, ohne daß begriffliches Verstehen dazu nötig wäre oder damit einhergeht. Denken oder vorgefaßtes Wissen sind dabei eher hinderlich, doch es geht besser, wenn ein Lehrer absichtlich vorfährt oder -sagt.
((95)) Daß das begriffliche Lernen in Piagets Modell keine “wesentliche soziale Komponente” habe, ist etwas übertrieben. Die Akkommodationen, die anfängliche, kindliche Begriffe an den Sprachgebrauch der jeweiligen Erwachsenengruppe anpassen und mehr oder weniger viabel machen, finden auch laut Piaget im Zusammenhang mit sprachlichen und nichtsprachlichen sozialen Interaktionen statt. In der Schule (Grund-, Mittel- und Hoch-) sind Lehrer unerläßlich – aber nicht als Verteiler der begrifflichen Fertigware, die durch disziplinäre Trichter in unwissende Köpfe befördert werden könnte, sondern eben als Anreger und Vermittler, die durch Vorschläge, Fragen und das Hervorheben von Widersprüchen den Begriffsaufbau der Lernenden zu steuern versuchen.
((96)) Das Beispiel von der geozentrischen Alltagsvorstellung gefällt mir ausgezeichnet. Zweifellos wird es lange dauern, bevor Leute geläufig sagen “Wir drehen uns jetzt in den Tag bzw. in die Nacht”. Für die alltägliche Verständigung jedoch ist es nach wie vor viabel, vom Auf- und Untergang der Sonne zu sprechen. Nur wenn wir uns mit dem Planetensystem als solchem zu beschäftigen anfangen, erweist sich das geozentrische Modell als zu kompliziert und das Rechnen mit Epizyklen zu kostspielig. Im passenden Kontext verwendet, sind beide Modelle viabel; obgleich auch die Sonne ihre Viabilität als Mittelpunkt der Welt verloren hat, seitdem so viele Astronomen viel tiefer in den “realen” Weltraum zu schauen glauben.
((97)) G.ROTH schickt voraus, daß er selbstverständlich “mit der grundsätzlich konstruktivistischen Position EvG’s” übereinstimmt. “Dies betrifft den radikalen Verzicht auf jeden absoluten Wahrheitsanspruch ebenso wie die Erkenntnis, daß jeder von uns innerhalb seiner eigenen, individuell gewachsenen ‘Wirklichkeit’ wahrnimmt, denkt, fühlt und handelt” ((1)).
((98)) Seine Kritik betrifft zwei Punkte. Erstens, “die Darstellung des Verhältnisses von Erlebenswelt und bewußtseinsunabhängiger Welt, von ‘Wirklichkeit’ und ‘Realität’, und zweitens die darstellende Rolle des Ich bzw. des ‘denkenden Subjekts’ bei der Konstruktion von Wirklichkeit”.
((99)) Bei dem ersten Punkt stolpere ich zunächst über der Gleichsetzung von “bewußtseinsunabhängiger Welt” und “Wirklichkeit”. Das scheint mir verfänglich. Insofern ich von der von mir konstruierten Wirklichkeit denken und reden kann, muß ich sie mir bewußt gemacht haben. Doch es gibt in ihr vieles, das meinem Bewußtsein im Augenblick nicht ohne weiteres zugänglich ist (z.B. der genaue Wert von π oder das Resultat von Multiplikationen zwei- oder mehrstelliger Zahlen). Und dann frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, ein Verhältnis zur “Realität” positiv darzustellen. Wenn meine Wirklichkeit, wie ROTH ausführt, “erlebnismäßig unübersteigbar” ist und Dinge und Prozesse “nur in ihr und durch sie” Bedeutung haben, kann ich von der “Realität” einzig und allein sagen, daß ich von ihr nichts weiß.
((100)) ROTH fragt dann ((2)), was den RK berechtige, “die Existenz der Realität für gesichert zu halten, alles andere an ihr aber nicht?” Ich kann in meinem Aufsatz keine Stelle finden, die besagt, daß ich die Existenz der Realität für gesichert halte. Es ist auch unwahrscheinlich, daß ich das sagen würde, denn wie Berkeley müßte ich mich fragen, was das Wort “Existenz” außerhalb der Erfahrungswelt bedeuten sollte (A.a. FURTH).
((101)) Die Annahme, “daß zumindest einige Teile der Realität gesetzmäßig ablaufen” ((3)), setzt voraus, daß Dinge und Prozesse, die wir uns in der Erfahrungswelt konstruieren, im Gegensatz zu dem, was ROTH in ((1)) sagt, auch in dem jenseitigen Bereich der Realität Bedeutung haben. Das scheint mir mit dem von ROTH eingangs bestätigten “Verzicht auf jeden absoluten Wahrheitsanspruch” unvereinbar. Wäre der postulierte, zumindest teilweisegesetzmäßige Ablauf der Realität nicht ein Attribut ihrer “Wesenheit”, die dann als nicht erfaßbar bezeichnet wird?
((102)) ROTH hat freilich recht, daß meine Anschauungen sehr stark von Piaget beeinflußt wurden und auch durchwegs “kognitivistisch” sind ((9)). Ich glaube eben, daß auch Wissenschaftler, einschließlich der Neurophysiologen, ihr Wissen mit Hilfe von allgemeinen kognitiven Prinzipien aufbauen und somit nicht darum herumkommen, daß es ihre Erfahrungswelt betrifft und nicht eine von ihnen unabhängige Realität. Deswegen nenne ich den RK auch eine Wissenstheorie und warne so oft es geht, daß er keine ontologischen Behauptungen machen will. Für mich ist er ein Versuch, zu zeigen, daß der “Entstehungsprozeß der Wirklichkeit”(( (10)), meine Hervorhebung), d.h. Konstruktion und Wissen von der Welt, mit der wir zu tun haben, auch ohne Berufung auf die Eigenschaften einer unabhängigen Realität möglich ist.
((103)) M.ROTHs “visionäre Öffnung” bildet einen Ast der Diskussion, den ich keineswegs absägen möchte, aber im begrenzten Raum, der hier zur Verfügung steht, kann ich ihn nicht verfolgen. Die sachlichen Einwände jedoch möchte ich zu entkräften versuchen. Daß die Eigenschaften oder Verhalten eines Organismus, die sich nach einer Wandlung der Umwelt als “angepaßt” erweisen, schon vor der Wandlung zu seiner Lebensfähigkeit beitrugen ((4)), nehme ich nicht an, und ich kann das mit Hilfe einer mindestens zur Hälfte wahren Geschichte begründen. Die jungen Makaken auf der kleinen Japanischen Koshima Insel fingen an, im Wasser zu spielen, weil ihre Mütter die Süßkartoffeln, die ihnen von Zeit zu Zeit als Futter gebracht wurden, im seichten Wasser vom Sand zu säubern lernten. Die junge Generation von Makaken wurde zu ausgezeichneten Schwimmern. Nehmen wir nun an (Gott behüte), ein Erdbeben versenkt Koshima und die benachbarten Inseln, so könnten nur die Makaken von Koshima ans Festland schwimmen und überleben, während jene der anderen Inseln umkämen. Da kann man m.E. nur sagen, daß das Schwimmen vor der Katastrophe sicher ein Vergnügen war, aber wie manche andere Vergnügen mit Anpassung oder Lebensfähigkeit nichts zu tun hatte.
((104)) Eines der Hauptprobleme alles Lehrens, so glaube auch ich, wird erst durch die Einsicht klar, daß Begriffliches weder mit den Schallwellen eines Sprechers mitfliegt, noch direkt aus geschriebenen oder gedruckten Zeichen ersichtlich ist ((5)). Es muß stets vom jeweiligen Hörer oder Leser aufgebaut werden. Der einzige mildernde Umstand ist, daß die Bedeutung der Zeichen an den beiden Enden des Kommunikationskanals gar nicht identisch sein muß – für die “Verständigung” genügt es, wenn die Beteiligten ihre jeweilige Bedeutung in der gegebenen Situation als viabel betrachten. Ich fürchte jedoch, es wird noch geraume Zeit dauern, bis Maschinen gebaut werden können, deren mechanisches Wissen sie befähigt, dieses Viabilitätsurteil annähernd so zu fällen, wie wir es tun.
((105)) SCHANTZ schreibt, und ich gebe hier eine längere Passage wieder, weil in ihr Verwechslungen deutlich werden, die auch in der Kritik anderer eine Rolle spielen: “Es ist sicherlich richtig, daß wir die Begriffe, mit denen wir die Dinge um uns klassifizieren, selbst gemacht haben. Aber die Konsequenz, die vG daraus zieht, ist, daß die Existenz und die Natur von Gegenständen von unserem Begriffssystem abhängig ist. Betrachten wir Sterne. Ihre Existenz und Natur ist von unserer Sprache und unserem Denken kausal völlig unabhängig. Wir haben nicht die Sterne gemacht, sondern lediglich den Begriff ‘Stern’. Wir sind nicht die Ursache dafür, daß es Sterne gibt. Es würde Sterne auch dann geben, wenn wir nicht existierten. Und ebensowenig ist die Existenz von Sternen logisch von der Sprache abhängig, in der wir Beschreibungen von ihnen geben. Die Existenz von Sternen ist mithin weder logisch noch kausal von unserem Begriffssystem abhängig” ((8)).
((106)) Angesichts meines erwähnten Vorbehalts in Bezug auf “Existenz” (A.a. FURTH) verstehe ich nicht, wie SCHANTZ zu der Behauptung kommt, daß in meiner Denkweise ein Begriffssystem die Existenz von Gegenständen verursache oder daß sie von der Sprache abhinge. Die unterschiedlichen Begriffe – von Himmelskörpern, Asterisken, Filmschauspielerinnen, bis zum Christbaumschmuck – die durch das Wort “Stern” als Vorstellungen in mir hervorgerufen werden, habe ich, wie SCHANTZ anfangs sagt, im Laufe meiner Erfahrung selber konstruiert. Doch wie ich anscheinend nicht oft genug wiederholen kann, habe ich keine Ahnung, was Wörter wie “Existenz”, “Sein” und “existieren” außerhalb der Erfahrungswelt bedeuten sollten. Daß es Sterne geben würde, auch wenn wir nicht “existierten”, ist m.E. eine apodiktische Behauptung, die einem metaphysischen Glaubensakt entspringt und sich weder in der herkömmlichen Epistemologie (soweit ich sie verstehe) noch in meiner Wissenstheorie rechtfertigen läßt.
((107)) Das ich zwischen logischer Wahrheit und Realität ((14)) keine Verbindung sehe, ist in der A.a. MITTERER ausgeführt.
((108)) SCHMIDT erklärt am Anfang seiner Kritik, daß es schwer ist, in einer öffentlichen Diskussion kritische Stellung gegenüber einem Freund einzunehmen, mit dem man seit vielen Jahren gemeinsame Ziele verfolgt. Seine Bemerkung, daß wir in unseren Sprachen nicht um Prädikationen herumkommen ((1)), d.h. um den Gebrauch des Zeitwortes “sein”, das trotz aller Warnungen immer wieder als Berufung auf ontologisches Sein verstanden werden kann, beleuchtet eine der Hauptschwierigkeiten des Konstruktivistischen Diskurses. Man kann also tatsächlich gar nicht vorsichtig genug sein.
((109)) Zu der in Klammern gesetzten Andeutung, daß ich die ontologische Realität als rational nicht erfaßbar, aber “vielleicht anders doch” zugänglich betrachte ((3)), möchte ich ausführen, daß ich weder die Eingebung der Mystiker noch jene der Dichter und Künstler jemals in Frage gestellt habe. Doch sie liegt für mich eben außerhalb des rationalen Bereichs und läßt sich nicht buchstäblich vermitteln oder erklären. Sie arbeitet mit subjektiv “offenen” Symbolen, d.h., wie Vico sagte, mit Metaphern, deren eines Zielobjekt außerhalb der alltäglichen Erfahrungswelt liegt. Ich habe des öfteren erklärt, daß diese mystische Welt für uns vielleicht wichtiger ist als alles Rationale, und auch die Hoffnung ausgedrückt, daß die Abgrenzung der rationalen Möglichkeiten den Zugang zu ihr erleichtern möge. Das ist ein Dualismus, mit dem ich in gutem Einvernehmen lebe und dessen Verneinung mir direkt gefährlich erscheint.
((110)) Daß das Erlernen der Sprache im Rahmen von “Handlungsspielen” ä la Wittgenstein im Umgang einer Sprachgemeinschaft geschieht, scheint auch mir unzweifelhaft. “Nur für einen Beobachter lernt ein Kind eine Sprache” ((4)) – doch dieser Beobachter ist in erster Linie das Kind selbst, denn bevor es Wörter erfolgreich in sozialen Unterhandlungen verwenden kann, muß es sie mit viablen Vorstellungen verbinden lernen.
((111)) Ich danke SCHMIDT für seine Bemerkungen über Ethik ((5)) und hoffe, daß es gelingen wird, den Begriff der Viabilität auch auf diesem Gebiet plausibel zu definieren.
((112)) SEILER stellt die durchaus berechtigte Frage, ob die Denkweise, die ich vertrete, “die Begriffe der Erkenntnis, der Wahrheit und der Realität obsolet macht” ((2)). Wie im Falle von BETTONI (und einigen anderen) würde ich diese Frage viel lieber mit dem Fragesteller in einer Landschaft mit Sonne, Schatten und einem Hintergrund von Fluß, See oder Meer persönlich besprechen und hoffe darum, eine freundliche Zukunft möge dazu Gelegenheit bieten. Hier ist der Platz eng begrenzt und wenn ich die Frage nun kurz mit Ja beantworte, so wird das notgedrungen schroff wirken. Es ist keineswegs so gemeint.
((113)) SEILER gibt meine “Thesen” mit Verständnis und Umsicht wieder, stimmt weitgehend mit ihnen überein ((2, 7, 8, 12)) und entwickelt seine Vorbehalte aus spezifischen Teilen. Heutige Wissenschaftler würden nur selten die Meinung vertreten, “daß menschliches und auch wissenschaftliches Erkennen” vom Subjekt unabhängig und darum “ohne Einschränkung als ‘Objektiv’ bezeichnet werden dürfte”. Das ist sicher richtig. Doch wenn man z.B. Physiklehrer während ihres Unterrichts beobachtet, bekommt man den entgegengesetzten Eindruck.
((114)) Auch damit, daß wir Begriffe und Theorien auf unsere Weise aus der Wirklichkeit der Erfahrung ableiten, “werden wohl viele Theoretiker einig gehen”. Doch die Schlußfolgerung, daß die Realität nicht rational erfaßbar und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit unergründlich seien, schiene unberechtigt ((3)). Wenn man die Vernunft in Anlehnung an Kant minimal als die Methode definiert, die es erlaubt, die Begriffe, die von Erfahrungen abstrahiert werden, so zu verknüpfen, daß sie ein kohärentes System bilden, ist es nicht möglich, “rationale” Verbindung zu “Dingen” der Realität herzustellen, deren Verhältnis zu Begriffen unbestimmt bleibt (A.a. SCHMIDT). Nicht besser geht es, wenn wir eine neuere Definition heranziehen, dernach die Vernunft die Fähigkeit ist, “Bedeutungen zu schaffen, begründend zu verbinden und zu trennen und sie in Bezug auf ihre Wahrhaftigkeit zu beurteilen” (Sandkühler, 1988, S.42).
((115)) Mit der Wahrhaftigkeit wird die zweite Frage aufgeworfen, nämlich ob zwischen “objektiv und nicht objektiv und wahr und nicht wahr” nicht doch auch Zwischenformen möglich seien ((4)). Im normalen Sprachgebrauch sind sie gang und gäbe, doch mein Kontext im Hauptartikel war die Wahrheit der Philosophen (in Bezug auf “logische Wahrheit” siehe A.a. MITTERER).
((116)) In dem Punkt, daß “jede Art von Anpassung auch eine Art von Wahrheit impliziert” ((5-7)), möchte ich SEILER widersprechen. Da ich ausschließlich von Wissen sprechen will, sehe ich die Sieb-Metapher (EvG 28) vom Gesichtspunkt des Sandkorns aus, das nichts von einem Sieb erfährt, durch das es fällt; und wenn es anstößt, kann es aus dem bloßen Widerstand nichts ersehen, als daß es eben am Fallen verhindert wird.
((117)) Daß ein Kenner wie SEILER, trotz einiger Differenzen, einige Aspekte meiner Piaget-Interpretation doch annehmbar findet, hat mich sehr ermutigt, und darum danke ich ihm für seine durchwegs anregende Kritik.
((118)) TASCHNER. Inwieweit es berechtigt ist, den RK mit der formalen Mathematik zu vergleichen, kann ich als Nichtmathematiker nicht beurteilen. Taschners Ausführungen in ((16)) scheinen mir durchaus annehmbar. Dann aber ist mir nicht klar, was unter Argumenten zu verstehen ist, die “mit unvermittelter Anschauung, Evidenz oder Intuition einhergehen” ((7)). Am Ende des Absatzes heißt es, daß “Aussagen in das Netz der bereits als viabel betrachteten Aussagen einzubinden [sind], … (dessen einzelne Knoten – angepaßt auf eben erfahrene ‘Tatsachen’, was immer man unter ‘Tatsache’ versteht, – stets ausgebessert werden dürfen).” Das klingt so, als seien die Beziehungen, die die Vernetzung der Knoten bilden, ein für allemal gegeben. Das widerspricht meiner Vorstellung, denn auch die verbindenden Beziehungen dürfen mit Hinsicht auf Viabilität “ausgebessert” werden. Und dies geschieht m.E. durch das, was ich als abstrakte Reflexion und ohne weiteres als intuitiv bezeichnen würde – eben weil es nicht die Tatsachen selbst sind, die die Beziehungen bestimmen, sondern die mentalen Operationen des Subjekts.
((119)) In der von Taschner zitierten historischen Episode ((9-10)) war “Der brillante Gedanke Balmers”, daß er einen allein aus Meßwerten berechneten Zahlenwert durch einen unendlichen ersetzte. So wie ich das verstehe, war das eine Intuition, aber keine Evidenz. Es ließ sich nicht irgendwie aus den Zahlen als solche ersehen, sondern beruhte auf Balmers Entschluß, alles, was “unterhalb der Meßgenauigkeit rangiert” als unendlich zu betrachten und so zu kategorisieren. Das scheint mir analog der Erfindung Galileis, die es möglich machte, Gesetze der Bewegung zu formulieren, obschon diese Gesetze genaugenommen nicht beobachtet werden konnten. Charles Peirce bezeichnete solches Denken als “Abduktion” (d.h. Erfindung einer erklärenden Regel). Für mich sind diese aus der Rationalität selbst nicht erklärlichen Intuitionen eine Urquelle der wissenschaftlichen Konstruktionen. Doch wenn Einstein das einen “Blick in Gottes Karten” nennt ((14)), so macht er eine metaphysische Behauptung, die sich durch den Erfolg des intuitiv erfundenen Gedankens in der Erfahrungswelt nicht belegen läßt. Darum stimme ich vorbehaltlos Taschners Formulierung bei: “Die Natur entzieht sich letztlich immer den Zugriffen des sie ertappen wollenden Forschers” ((12)).
((120)) TODESCO erklärt, daß er den RK in der Formulierung von “Hyper-Texten” benützen kann. Das eröffnet eine Anwendung, der ich selbstverständlich viel Erfolg wünsche. Doch daß da angeblich von Wort- und Textbedeutung abgesehen wird, verblüfft mich ((12)). Todesco scheint mir zuzustimmen, daß das Kleinkind durch Reaktionen von Erwachsenen bewogen wird, in manchen Situationen “Tasse” zu sagen, in anderen aber “Tassen” ((9)). Die Unterscheidung dieser Situationen wird wohl durch die Reaktionen der Erwachsenen notwendig, läßt sich aber nicht auf Grund dieser Reaktionen lernen. Das Kind muß begreifen, daß der Singular “Tasse” zum einmaligen Wahrnehmen des benannten Objekts paßt, während der Plural die Wiederholung einer Wahrnehmung bezeichnet. Das heißt, daß das Kind die Unterscheidung erst dann machen kann, wenn es sich der Wiederholung von bestimmten mentalen Operationen gewahr wird. Kurz, daß die Unterscheidung gemacht werden sollte, geht aus den Interaktionen mit Anderen hervor, wie sie zu machen ist, ist Sache der eigenen mentalen Operationen (Wahrnehmung, Kategorisierung, usw.).
((121)) Todesco schreibt: “… wir lernen durch Akkommodation, welche Wörter wir – unabhängig von ihrer Bedeutung – wann mit Gewinn verwenden können” ((9)). Ich möchte sagen, daß Wörter uns nur dann “Gewinn” bringen, wenn die Bedeutungen, die wir ihnen zuschreiben einigermaßen mit den Bedeutungen übereinstimmen, die in unserer Sprachgruppe geläufig sind. Wenn ich zum Beispiel im Obstgeschäft zwei Bananen verlange, und der Verkäufer gibt mir sein Taschentuch, kann ich kaum von Gewinn sprechen. Hingegen werde ich die sprachliche Interaktion als erfolgreich betrachten, wenn meine Äußerung, “Zwei Bananen”, bei dem Verkäufer eine Vorstellung hervorruft, die der meinen ähnlich genug ist, um ihn zu befähigen, aus der vorliegenden Menge unterschiedlicher Früchte das auszuwählen, was ich verlangt habe. Für mich sind diese mit Wörtern assoziierten (mentalen) Vorstellungen das, was ich “Bedeutung” nenne.
((122)) In meinem Modell, wie übrigens auch bei Piaget, sind Vorstellungen unerläßlich, und darum bin ich nicht einverstanden, daß ‘Konstruktion’ nichts anderes sein soll als engineering ((3)). In meinem Modell bauen wir uns auf der sensomotorischen Ebene durch Abstraktion von Wahrnehmungen (siehe A.a. FURTH) Vorstellungen von Gegenständen (Sessel, Apfel, Auto, usw.) auf; und auf der rein begrifflichen Ebene Operationsprogramme, die uns abstrakte Begriffe (Teil, Ganzes, Raum, Zeit, usw.) liefern. Gerade der Ingenieur, der dauernd mit Begriffen wie Druck, Drehmoment, Beschleunigung, Fliehkraft, usw. arbeiten muß, wird nicht viel Brauchbares konstruieren, wenn die mentalen Operationen, die diese Begriffe hervorbringen, ihm nicht geläufig sind.
((123)) TODESCO hat selbstverständlich recht, wenn er bemerkt, daß Konstruktivismus keine Didaktik ist ((11)). Die konstruktivistische Perspektive jedoch befähigt Lehrer, den Schülern autonomes Lernen zu ermöglichen und zu erleichtern.
((124)) VOLLMER berichtet, daß schon Platon die Auffassung von justified true belief im Theaitetos kritisiert hat ((3)). Auch mir hat Platon Anstoß zum Nachdenken gegeben. Sokrates sagt einmal, er wisse, daß er nichts wisse, doch in manchen Dialogen zeigt er, daß er eine ganze Menge weiß. Widerspricht er sich? Ich glaube nicht. Er spricht nur von verschiedenen Sorten von “Wissen”, und Platon, der ja auch Politiker war, hat das zuweilen (absichtlich?) schlimm verwirrt. Wovon Sokrates nichts zu wissen beteuerte, das war die Realität; wovon er viel weiß, das war die menschliche Erfahrung und das, was man daraus abstrahieren kann. Aus der Perspektive des RK ist diese Trennung unerläßlich. Die erste Sorte ist nicht rationales Wissen, sondern Metaphysik und Mystik. Allein die zweite Sorte ist das Wissen, von dem der RK sich zu zeigen bemüht, daß es ohne unnachweisbare ontologische Anhaltspunkte aus der Erfahrung aufgebaut werden kann. Dieses Wissen gibt der RK keineswegs auf, obschon es nie ganz sicher ist, doch er hütet sich, es “Erkenntnis” oder “Wahrheit” zu nennen und anzunehmen, daß die ontische Realität daraus “rekonstruiert” werden könnte ((4)).
((125)) “Ordnungslos oder chaotisch ist die Welt offenbar nicht”, schreibt VOLLMER. “Vielmehr ist sie reich strukturiert; sie hat viele Ecken und Kanten, an denen wir uns stoßen” ((9)). Wenn man mit Kant davon ausgeht, daß Raum und Zeit nur die Anschauungsformen unseres Erfahrens sind, dann wird alle Vorstellung einer strukturierten Realität hinfällig und die blauen Flecken, die wir uns holen, rühren von den Ecken und Kanten, die unsere Weise des Erlebens hervorbringt.
((126)) VOLLMER erwähnt Watzlawicks “Gleichnis vom Kapitän, der bei Nebel eine Meerenge durchfährt und auf die Frage, wie die Küstenlinie verlaufe, nur antworten könne, wo sie nicht sei”. Er schließt ganz richtig, daß auch das ein Stück Wissen ist ((13)) – aber es ist Wissen über die Handlungsweise des Kapitäns (nämlich wo er unbeschadet segeln kann), nicht Wissen über die Küste. Ebenso würde ich sagen, wenn es sich zeigen läßt, “warum die Welt, die wir kennen, nicht zweidimensional, aber auch nicht vier- oder höherdimensional sein kann”, darf man zweifellos vermuten, daß sie dreidimensional ist. Doch das ist eine Aussage über die Welt, die wir kennen, das heißt über die Welt unserer Erfahrung. Es steht dem hypothetischen Realismus freilich frei, auf Erfahrungen die Vermutung zu bauen, daß sie die Realität wahrheitsgetreu widerspiegeln (A.a. HOFFMANN) ; doch mich drängt es da zu fragen, inwiefern diese Vermutung ein Gewinn sein soll.
((127)) WEBER setzt an den Anfang ihrer Kritik das Motto: “… die Geschichten der Wissenschaft sind nicht immer gleich gut” ((0)). Das gilt auch für Diskussionsargumente und kritische Bemerkungen. In ihrem dritten Absatz zitiert WEBER einige Aussagen von mir aus dem Hauptartikel und aus einem Buch, die sich noch kürzer zusammenfassen lassen. Erstens: Realität ist eine Fiktion; zweitens: Ob unsere Vorstellungen Dinge an sich repräsentieren, können wir nicht herausfinden. - Die erste Aussage wurde im Zusammenhang mit “Rednern und Autoren” gemacht, die dem, was sie behaupten, “den An schein absoluter Gültigkeit” verleihen möchten. Das Wort “Fiktion” kommt im kritisierten Artikel nicht vor und wo ich es anderwärts verwendet habe, bezieht es sich, soweit ich mich erinnere, auf “heuristische Fiktionen” im Sinne Kants oder auf Literatur. Die zweite Aussage ist eine Variante der im Artikel öfters gemachten Behauptung, daß wir von der Realität nichts wissen können. WEBER sieht darin “sowohl eine höchst metaphysische als auch ontologische Aussage ((4)). Nun, daß Negationen nicht als Grundlage für die Zuschreibungen positiven Wissens dienen können, ist längst bekannt. Darum macht mir der Vorwurf, Metaphysik und Ontologie zu betreiben, keine Angst, solange er nur damit begründet wird, daß ich verleugne, etwas von diesen geheimnisvollen Gebieten zu wissen. Daß die Kritikerin mich dann angesichts eben dieser “radikalen” Trennung von Wissen und unergründlicher Realität monistischer Ambitionen verdächtigt, ist verwunderlich, denn oft wird mir gerade deswegen Dualismus vorgeworfen.
((128)) In Bezug auf die These, daß “naiv-realistische Theorien … sich höchstens in vulgären und altbackenen Varianten des Marxismus, Behaviorismus oder Funktionalismus finden” ((5)), siehe meine A.a. Eckes.
((129)) WEBER beklagt meine Geringschätzung der “intersubjektive(n) Verständigung” ((10)), bemüht sich selber aber kaum, meinen Gedankengängen zu folgen. So unterschiebt sie mir “ein ängstliches Bemühen … Widersprüche und Konflikte zwischen der eigenen kleinen subjektiven Welt und den ‘Tatsachen’, dem Nicht-Ich zu glätten” ((11)). Daß Tatsachen auf Deutsch und auf Lateinisch – wie Vico schon lange vor Mach bemerkte – vom Tun oder Machen kommen und von den Erlebenden in der eigenen Erfahrung gemacht werden, ist eine Auffassung die im Hauptartikel nicht besonders versteckt war. Demnach geht es mir nicht darum, Konflikte mit dem “Nicht-Ich,” sondern Widersprüche zwischen Begriffen, Theorien und Anschauungen im Denken zu vermeiden.
((130)) ZAHN erklärt, daß “zahlreiche interessante Details (meines Artikels) (s)eine Zustimmung finden” ((1)), weist aber in mehr als der Hälfte seiner neunzehn Paragraphen auf meine Verwendung von Wörtern und Ausdrücken hin, die er für schwer verständlich, metaphorisch oder unangebracht hält. Aus seinen jeweiligen Ausführungen (in Form von Fragen) entnehme ich, daß es ihm anscheinend darum ging, mein Modell in die Begriffswelt des “Methodischen Konstruktivismus” zu übersetzen, wo es sich dann als unmethodisch erweist. Da ich das Erlanger/Marburger Programm nicht gut genug kenne, kann ich nicht beurteilen, inwieweit ich seiner Definition von “Methode” zustimmen würde. In seinen Ausführungen sind auf jeden Fall Punkte, die mich nicht überzeugen. Etwa die Frage: “Wie ist es z.B. zu verstehen, daß auf der Netzhaut der Augen Bilder von Oberflächenteilen von Körpern entstehen?” ((3)). Ich würde sagen, zu Bildern kommt es, wenn eine Aufmerksamkeit dank ihrer Bewegung minimale Signalkompositionen, die von den vier Neuronenschichten in der Netzhaut zusammengeschaltet werden, zu Mustern verbindet, die dem jeweiligen Bewußtsein sinnvoll erscheinen. Da ich annehme, daß dieser Vorgang bei der Versuchsperson, der als “Stimulus” z.B. ein weißes Kreuz gezeigt wird, der gleiche ist wie bei dem Neurophysiologen, der ihre Gehirntätigkeit mißt und registriert, wundert es mich nicht, daß er in der Registration das gleiche Bild sehen kann, das er wahrnimmt, wenn er auf die Stimuluskarte schaut.
((131)) Leider habe ich im Rahmen dieser Replik nur Platz, auf eine von ZAHNs weiteren sechs oder sieben Fragen einzugehen. Er stößt sich daran, daß ich den Ausdruck “ontologische Realität” benütze ((14)). Obschon auch ich diese Wortkombination als pleonastisch betrachte, fügte ich “ontologisch” zur Realität, weil viele Autoren eine in der deutschen Sprache mögliche Unterscheidung nicht ausnützen und die Wörter “Realität” und “Wirklichkeit” austauschbar verwenden. (siehe z.B. die Kritiken von ECKES (9), KÖNIG (3, 6), LAUS (5-6), LÜTTERFELDS (3, 6, 14 u.a.). Ich bemühe mich, “Wirklichkeit” zu benützen, wenn ich von der Welt sprechen will, die wir auf Grund von Erfahrung und Reflexion konstruieren und zu der die beiden Bereiche gehören, die Jakob von Uexküll (1934) “Merkwelt” und “Wirkwelt” genannt hat. “Realität” hingegen reserviere ich für das, was Ontologen beschäftigt, d.h. eine Welt, die unabhängig von unserem Erleben “existieren” soll. Schlußbemerkung
Schlußbemerkung
((132)) Die Auseinandersetzung mit drei Dutzend Kritikern, die durchwegs mehrere Argumente vorbrachten, war ein er schütterndes Erlebnis sowohl im negativen als auch im positiven Sinn. Viel von dem, was mir als “Mißverständnis” er schien, muß ich zweifellos auf Mängel in der Darstellung meiner Ideen zurückführen. Offensichtlich muß ich noch einiges Lernen, um z.B. zu verhindern, daß dem RK trotz meiner häufigen Dementis der Anspruch auf Ausschließlichkeit zugeschrieben wird. Daß das so schwer zu vermeiden ist, beruht m.E. zuweilen auch auf der allgemeinen Voraussetzung, daß nicht nur in der Politik, sondern eben auch in der Philosophie, jeder vor allem darauf abzielt, die “Wahrheit” seiner Anschauungen zu beweisen. Der wiederholte Hinweis, daß mein Artikel den RK nicht als vermeintliche Wahrheit präsentieren wollte, sondern als Vorschlag, hat da wenig geholfen.
((133)) Am meisten überrascht hat mich, daß kaum einer auf die von Ceccato übernommene diagrammatische Analyse von Begriffen kritisch eingegangen ist; sie ist für mich eine wichtige Komponente des RK.
((134)) Zum Schluß möchte ich nicht nur nochmals allen Beteiligten für eine durchwegs interessante Diskussion danken, sondern auch der Zeitschrift Ethik und Sozialwissenschaften meine Bewunderung dafür aussprechen, daß sie diesen Meinungsaustausch in die Wege geleitet und so vorbildlich organisiert hat. Diese Erfahrung hat mich mit Nachdruck von der Viabilität des angeblichen Ausspruchs von Friedrich dem Großen überzeugt: “Jeder solle auf seine Fasson selig werden.”
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