CEPA eprint 3851

Vom realitätsverarbeitenden zum realitätserzeugenden Subjekt: Eine philosophische Fundierung der Sozialisationstheorie

Beer R. (2002) Vom realitätsverarbeitenden zum realitätserzeugenden Subjekt: Eine philosophische Fundierung der Sozialisationstheorie. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 22(4): 408–421. Available at http://cepa.info/3851
Table of Contents
1. Einleitung
2. Das Modell der ‘produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts’ und die konstruktivistische Sozialisationsforschung
3. Das Programm des Radikalen Konstruktivismus
4. Das Subjekt des Radikalen Konstruktivismus
5. Das Modell des ‘produktiv realitätserzeugenden Subjekts’ als philosophische Fundierung der Sozialisationstheorie
Literatur
In der jüngeren Sozialisationstheorie wird vermehrt die Intention formuliert, die Eigenaktivität des Subjektes im Sozialisationsprozess stärker zu berücksichtigen. Zum einen wird dies mit der Formel des ‘produktiv realitätsverarbeitenden Subjektes’ auf den Begriff gebracht, zum anderen bemüht sich insbesondere die kompetenzorientierte ‘konstruktivistische Sozialisationsforschung’ dieses Programm zu verfolgen. Dabei wird jedoch ein handlungstheoretisches Subjektverständnis bemüht, das eine begriffliche Unschärfe produziert, die eine konsistente Subjekttheorie und damit eine trennscharfe Bestimmung der Eigenaktivität des Subjektes erschwert. Um dieses Problem zu lösen, wird in dem Beitrag der Vorschlag gemacht, das Subjekt erkenntnistheoretisch bzw. -kritisch zu konzipieren. Dadurch wird ein Subjektverständnis instruiert, das die Subjekt-Objekt-Dichotomie überwindet und die Wirklichkeit als je subjektives Konstrukt begreift Der Vorteil dieses zunächst heuristischen Vorschlages liegt einerseits in der Möglichkeit einer konsistenten Subjektbestimmung und andererseits in einer forschungsanleitenden Programmatik, die einen breiteren Zugang zu individuellen Entwicklungsverläufen ermöglicht.
From the “individual as a productive processor of reality” to the “individual as a productive producer of reality”. A philosophical foundation of theory of socialization. In recent theory of socialisation there is an increasing awareness giving more attention to the agency of subjects itself in the process of socialization. Direct indications about that change into the focus of theory of socialization are the often used formula of the “ individual as a productive processor of reality” or the programme of the constructivist research of socialization. In both cases still many problems are produced first of all through the idea of an action-theory based subject. One of the main theses in this article is that this understanding aggravates a consistent theory of subject in theories of socialization and so an unequivocal definition of agency of subjects. To solve that problems 1 suggest to conceptualise the subject epistemologically. The consequence of this strategy will offer a comprehension of the subject that is able to overcome the subject-object-dichotomy and to recognize “reality” as a construct made by subjects in a strict sense. On the one hand the advantage of this firstly heuristic proposal is the possibility to ascertain consistently the subject. On the other hand further research may be fruitful instructed because of the broader understanding of individual development.
1. Einleitung
Die Sozialisationsforschung hat es sich zum Ziel gesetzt, die Persönlichkeitsentwicklung des Individuums unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft zu untersuchen. Im Zentrum der theoretischen Überlegungen steht dabei gemäß des programmatischen Ziels der Sozialisationsforschung das Subjekt und sein Verhältnis zur gesellschaftlichen Umwelt. Eingang finden dabei sowohl psychologische als auch sozialpsychologische und genuin soziologische Theorien, die einen Beitrag zu diesem Themenkomplex bieten können. Die Breite und Unterschiedlichkeit der verschiedenen Theoriestränge, die bei diesem Unternehmen zur Anwendung gelangen, folgen dem in der Sozialisationsforschung immer wieder geforderten Postulat der Interdisziplinarität. Wenig Beachtung bei der Forderung nach einer Interdisziplinarität der Sozialisationsforschung hat bislang eine Disziplin gefunden, die auf den ersten Blick tatsächlich auch kaum einen Beitrag zu diesem Forschungsfeld zu leisten vermag: Die Philosophie. Sie steht unter dem Verdacht, über den Status spekulativer Fragestellungen nicht hinaus zu kommen und scheint daher für eine empirisch ausgerichtete Forschung disqualifiziert. Dabei kann sie bei der Bildung eines konsistenten Subjektbegriffes behilflich sein. Entstammt doch der moderne Subjektbegriff wesentlich dieser Disziplin. In dem vorliegenden Beitrag soll es darum gehen, die Philosophie, oder genauer die Erkenntnistheorie als einen Teilbereich der Philosophie, programmatisch für die Sozialisationsforschung fruchtbar zu machen. Dabei wird in einem ersten Teil kurz skizziert werden, wie bislang in der Sozialisationsforschung das Subjekt konzipiert wurde und welche Probleme daraus resultieren. In einem zweiten Schritt soll dann die Erkenntniskritik als philosophischer Beitrag zur Lösung dieser Probleme eingeführt werden. Als Ergebnis dieser Auseinandersetzung wird am Ende das Modell des “produktiv realitätserzeugenden Subjekts” stehen.
2. Das Modell der ‘produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts’ und die konstruktivistische Sozialisationsforschung
Die Entwicklung der Sozialisationstheorie ist eng mit der Entwicklung der Gesellschaftstheorie und der Gesellschaft als Ganzes verbunden (Geulen, 1999; Veith, 2001). Emile Durkheim (1995), der noch vor dem Hintergrund eines konformistischen Gesellschaftsverständnisses geschrieben hatte, konzipierte Sozialisation entsprechend als Übernahme gesellschaftlicher Normen durch den Sozialisanden. Mit der Protestgeneration der späten 60er Jahre wird dieses (strukturfunktionalistische) Sozialisationsverständnis schließlich mit der Perspektive der freien Subjektivität und der Autonomie des Individuums kritisiert (Habermas, 1973a, 1973b). Das Modell einer Stimulus-Response-Sozialisation wurde so mit dem Rückgriff auf den symbolischen Interaktionismus (Mead, 1987; Joas, 1998) und die Entwicklungspsychologie Piagets (Buggle, 1997; Ginsburg & Opper, 1998) theoretisch weiterentwickelt in das Modell eines dialogischen Interdependenzverhältnisses von Sozialisationsagenturen und Sozialisanden.
Klaus Hurrelmann (1 998) kommt unzweifelhaft der Verdienst zu, dieses neue Subjektverständnis für die Sozialisationstheorie auf die Formel des ‘produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts’ gebracht zu haben. Proklamiert wird mit dieser Formel “ein Modell der dialektischen Beziehungen zwischen Subjekt und gesellschaftlich vermittelter Realität, eines interdependenten Zusammenhanges von individueller und gesellschaftlicher Veränderung und Entwicklung. Dieses Modell stellt das menschliche Subjekt in einen sozialen und ökologischen Kontext, der subjektiv aufgenommen und verarbeitet wird, der in diesem Sinne also auf das Subjekt einwirkt, aber zugleich immer auch durch das Individuum beeinflusst, verändert und gestaltet wird.” (Hurrelmann, 1983: 93)
In dieses Modell gehen also sowohl die traditionellen Annahmen einer Übernahme von Normen als auch die Weiterentwicklung dieser Normen durch das Subjekt ein. Die sozialen Strukturen, innerhalb derer das Subjekt verortet wird, werden daher zum einen als intersubjektiv verhandelte konzipiert und zum anderen als Strukturen, die hinter dem Rücken der Akteure wirken und diesen als “vorgeformte Gegebenheiten entgegentreten.” (ebd.: 97) In das Subjekt wird so ein Spannungsverhältnis implementiert, das zwischen den Polen der Autonomie und der Heteronomie bzw. der Anbindung an bereits etablierte Strukturen oszilliert. Der unbezweifelbare Vorteil dieser Bestimmung liegt in der dadurch ermöglichten kritischen Sicht auf den Sozialisationsprozess aus der Perspektive eines freien Individuums. Jene Strukturen, die dem Subjekt entgegentreten, ohne dem Subjekt oder einer intersubjektiven Verständigung entsprungen zu sein, können als Sozialisationsagenturen diagnostiziert werden, die dem Subjekt Restriktionen auferlegen.
Dieses Modell handelt sich jedoch auf der theoretischen Ebene den Nachteil ein, das Subjekt immer nur im Spiegel gesellschaftlicher Strukturen zu erblicken und so an das eigentliche Subjekt bzw. das Subjektive gar nicht heranzukommen. So fordert Hurrelmann methodisch, dass das Individuum vom Forscher nur dann verstanden werden kann, “wenn ich es in einen sozialen Kontext hineindenke, wenn ich es mir in Auseinandersetzung mit diesem sozialen Kontext vorstelle und dabei herausarbeite, welchen Gestaltungsspielraum für subjektive Deutungen, Handlungen und Entwicklungen es objektiv hat und welche es ausschöpft.” (ebd.: 102) Damit ist in der Subjektbestimmung theoretisch ein Zirkel (oder ein infiniter Regress) aufgemacht, der notwendig die Grenzeziehung zwischen dem Subjektiven und dem Gesellschaftlichen und damit eine gehaltvolle Subjektbestimmung verwischt. Wenn das Subjekt nur durch den Prozess der intersubjektiven Vermittlung entstehen können soll, dieses aber gleichzeitig für den intersubjektiven Prozess vorausgesetzt wird, wird die Subjektbestimmung der ‘Willkür’ des Forschers überlassen. Er definiert dann aufgrund seiner gesellschaftstheoretischen Annahmen, auf welche Weise die gesellschaftlichen Strukturen dem Subjekt entgegentreten, welche spezifischen “Auseinandersetzungen mit diesem sozialen Kontext” für die Persönlichkeitsentwicklung relevant sind und wie innerhalb dieser Bestimmungen das Subjekt konzipiert werden kann bzw. welchen Anteil es an diesen Verhältnissen hat. Fehlt diese Bestimmung, wird der oben angegebene Vorteil des von Hurrelmann offerierten Modells einer möglichen Kritik verselbständigter Strukturen wieder problematisch, da eben die Autonomiebestimmung des Subjektes defizitär bleibt und die Verselbständigung der Strukturen nicht auf diese Referenz bezogen werden kann.
In jüngerer Zeit haben nun konstruktivistische Ansätze in der Sozialisationsforschung versucht, den ‘Eigenanteil’ des Subjektes im Sozialisationsprozess deutlicher zu betonen. Nach eigenem Anspruch knüpfen diese Ansätze an die “kompetenztheoretische Wende” der Sozialisationsforschung (Habermas & Edelstein,1984) und an das strukturgenetische Forschungsprogramm Jean Piagets an (Grundmann, 1999a). Dadurch sollen gegenüber dem Strukturfunktionalismus die je individuellen Konstruktionen in den Blick genommen werden, um so dem Beitrag des Individuums im Sozialisationsprozess Rechnung tragen zu können. Der theoretische und empirische Orientierungspunkt für diese Ansätze sind die Arbeiten Wolfgang Edelsteins, der der Tradition der Genfer Schule folgend, das Wechselverhältnis und die gegenseitige Durchdringung von individuellen Konstruktionen und sozialen Lebenswelten als Ausgangspunkt der Sozialisationsforschung wählt (Edelstein, 1993; Schröder, 1999). Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen daher die Begriffe Kokonstruktion und Reziprozität (Grundmann, 19996). Diese Begriffe sollen verdeutlichen, dass das Individuum grundsätzlich in einem intersubjektiv vermittelten (bzw. konstruiertem) Kontext verortet ist, der jedoch nicht eindeutige Vorgaben bezüglich der Übernahme von Normen, Handlungswissen etc. macht, sondern vielmehr als Optionenraum verstanden werden muss, der seinerseits durch subjektive Erfahrungshorizonte erfasst und mit einem Bedeutungsgehalt angereichert wird. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den Begriff des Sprachspiels bei Wittgenstein (1969) bzw. dessen Regelbegriff, nach dem Regeln immer eine Unbestimmtheitszone enthalten und damit ein innovatives und erfinderisches Potential des Akteurs erfordern, um sie in eine Handlung übersetzen zu können. Exakt in diesem Sinne versucht die konstruktivistische Sozialisationsforschung die je individuellen Kompetenz- und Wissensstrukturen des Individuums als eine wesentliche Größe der Sozialisation zu bestimmen, die ihrerseits auf die Sozialisationsagenturen zurück verweist und damit modifiziert (Edelstein, 1999). Leicht abweichend von diesem Programm steht das Unternehmen, die Systemtheorie zur Beschreibung dieses interdependenten Verhältnisses zu operationalisieren (Sutter, 1999a, 19996). In diesem Zuge wird einerseits die Eigenaktivität des Subjektes durch die Begriffe des Autopoiesis und der Selbstreferentialität radikalisiert, andererseits ebenfalls auf eine subjektunabhängige Systemumwelt verwiesen. Da die Systemumwelt jedoch dem systemtheoretischen Paradigma folgend gleichfalls autopoietisch geschlossen operiert, bleibt unklar, wie sich das Wechselverhältnis von psychischem System und sozialem System theoretisch und empirisch verdeutlichen lässt.
Insgesamt bemüht sich also die konstruktivistische Sozialisationsforschung den individuellen Eigenanteil im Sozialisationsprozess in Form kognitiver und soziomoralischer Kompetenzen angemessen zu berücksichtigen. Sie umgeht jedoch durch die gleichsam axiomatische Setzung eines Wechselverhältnisses zwischen einem Subjekt und einer subjektunabhängigen Umwelt nicht dem bereits thematisierten Dilemma, spitzt dieses durch die starke Fokussierung des Kompetenzbegriffes eher noch zu: Das Subjekt soll im intersubjektiven Wechselverhältnis jene Kompetenzen erwerben, die für dieses Wechselverhältnis konstitutiv sind. In diesem Sinne gilt die Forderung von Geulen auch für die konstruktivistische Sozialisationsforschung. Mehr noch: Gerade die Zentralisierung individueller Kompetenzen und Konstruktionen als konstitutives Merkmal der Sozialisation scheint eines Subjektbegriffes zu bedürfen, der den Begriffen der Sozialisation vorausgeht, um zu bestimmen, in welcher Form sich die individuellen Kompetenzen und Konstruktionen konzeptionalisieren lassen.
Wie angekündigt soll ein solcher Subjektbegriff mit Hilfe der Erkenntnistheorie, oder genauer der Kritik der Erkenntnistheorie, eingeholt werden. Ein erkenntniskritisches Subjekt liegt logisch vor den Begriffen einer Sozialisationstheorie und erfüllt damit die gesuchte Bedingung. Um dies genauer auszuführen, soll im folgenden das Programm des Radikalen Konstruktivismus in aller gebotenen Kürze skizziert werden.
3. Das Programm des Radikalen Konstruktivismus
Der Radikale Konstruktivismus beerbt die Tradition des erkenntnistheoretischen Skeptizismus und die aufklärerische Kritik der Erkenntnistheorie (Berkeley, 1710/1979; Hume, 1739/1989; Kant, 1781/1992; vgl. auch Musgrave, 1995). Diese hat stets darauf hingewiesen, dass eine unmittelbare Erkenntnis der Wirklichkeit nicht möglich sei, da diese grundsätzlich nur aufgrund subjektiver Dispositionen zugänglich gemacht werden kann. Die generalisierte These war dabei, dass die Erkenntnis der Wirklichkeit nicht möglich ist, da diese die Erkenntnis der eigenen Erkenntnisprozesse voraussetzt (Fichte, 1800/1979: 35 ff.). Die Erkenntnis der Wirklichkeit verbleibe daher in den Grenzen der je eigenen Erfahrung, d.h. die Sinnesdaten, die allein dem Subjekt zur Verfügung stehen, konstituieren eine Wirklichkeit, die jedoch auf keine Referenz außerhalb des Subjektes schließen lässt. Hauptgegner dieser Erkenntniskritik war dabei die empiristische Abbildtheorie (Locke, 1690/1981). Sie, so der Vorwurf, produziere einen infiniten Regress, da die Abbildung äußerer Gegenstände im Bewusstsein eine Instanz voraussetze, die sich diese Abbildung anschaue und diese wiederum eine ähnliche Instanz voraussetzt usw.
Der Radikale Konstruktivismus nun knüpft an diese Kritik an und radikalisiert sie insofern, als nicht nur die Erkenntnismöglichkeit einer subjektunabhängigen Wirklichkeit bestritten, sondern letztere als Konstrukt des Subjektes verstanden wird. Das Ziel ist dabei eine widerspruchsfreie und nachmetaphysische Erkenntnistheorie zu generieren, die die Antinomien, die aus dem cartesianischen Dualismus resultierten, überwinden kann. Seine grundlegende und provokative These behauptet: “Die Umwelt, die wir wahrnehmen, ist unsere Erfindung.” (v. Foerster, 1993: 26)
Provokativ ist diese These wegen ihrer Dementierung einer subjektunabhängigen Wirklichkeit und der Umstellung der Objekt- und Permanenzhaftigkeit von Wahrnehmungen auf subjektive Konstruktionsleistungen bzw. Erfindungen. Die Wahrnehmung von Objekten verliert damit ihre Referenz auf eine ontische Wirklichkeit und wird als Erleben einer Wirklichkeit im Subjekt reinterpretiert. Die Objekte der Erkenntnis werden als unerkennbare Phänomene oder im kantischen Sinne als ‘Ding an sich’ konzipiert, so dass Wahrheit ihren absoluten Anspruch verliert, da jedes Erfahrungsobjekt den jeweiligen subjektiven Konstruktionsgesetzen unterliegt. Kurz: Jegliche Wahrnehmung ist in einem subjektiven Konstruktionsakt fundiert, der eine Erkenntnis der Objekte, wie sie an sich beschaffen sein mögen, verunmöglicht.
Das traditionelle Subjekt-Objekt-Paradigma der modernen Epistemologie, das aus dem cartesianischen Dualismus folgte, wird durch diese Begriffsstrategie überwunden und in das Subjekt zurückgezogen. Die Differenz zwischen dem je eigenen Organismus bzw. dem je eigenen Bewusstsein und einer unabhängigen Umwelt wird als Unterscheidung im subjektiven Erfahrungsbereich vollzogen (Richards & v. Glasersfeld, 2000). Dies bedeutet nicht, die Existenz der Welt überhaupt in Frage zu stellen. “Der Radikale Konstruktivismus vertritt nicht etwa einen ontologischen Solipsismus (oder objektiven Idealismus) sondern – wenn überhaupt – dann einen epistemologischen Solipsismus, der an den Begriff des Beobachters gebunden werden könnte. Der Radikale Konstruktivismus leugnet nicht die Wirklichkeit, er sagt nur, dass alle meine Aussagen über diese Wirklichkeit zu hundert Prozent mein Erleben sind. Dass dieses Erleben dann zusammenstimmt, kommt natürlich aus der Wirklichkeit.” (Schmidt, 2000: 35) Dieser Hinweis folgt aus dem impliziten Anspruch des Radikalen Konstruktivismus eine widerspruchsfreie Erkenntnistheorie zu entwickeln. Die These von der Nicht-Erkennbarkeit einer subjektunabhängigen Umwelt kann konsequenterweise keine Aussagen über diese machen und damit auch keine Aussage über ihre Existenz bzw. Nicht-Existenz.
Zurückgeführt wird das Paradigma des Radikalen Konstruktivismus zumeist auf neurophysiologische Ansätze (Roth, 1997; Foerster, 2000a; Lenk, 2001) und die Theorie autopoietischer Systeme von Maturana (2000) und Varela (2000). Neurophysiologische Untersuchungen haben ergeben, dass die Sinnesorgane einen Reiz weder ursächlich klassifizieren noch inhaltlich spezifizieren können, sondern ausschließlich dessen Intensität wahrnehmen. Aus dieser These der ‘undifferenzierten Codierung’ folgt, dass das Gehirn keinen direkten Zugang zur Außenwelt hat und als Teil des neuronalen Netzwerkes kognitiv und semantisch abgeschlossen ist. Es operiert gemäß der Theorie autopoetischer Systeme selbstreferentiell und selbstexplikativ. “Bei der Bedeutungszuweisung operiert das Gehirn auf der Grundlage früherer interner Erfahrungen und stammesgeschichtlicher Festlegungen: erst dann wird ein Wahrnehmungsinhalt bewusst. Das heißt aber, bewusst wird nur das, was bereits gestaltet und geprägt ist. Aufgrund dieser Arbeitsweise ist das Gehirn gar nicht in der Lage, Wirklichkeit als solche abzubilden oder zu repräsentieren: Es gibt kein Urbild.” (Schmidt, 2000: 15) Die erkenntnistheoretische Konsequenz dieser Annahme liegt auf der Hand: Erkannt wird immer nur aufgrund autopoetischer Operationen des Gehirns und damit niemals eine subjektunabhängige Realität. Prädikationen sind also letztlich keine Aussagen über die Welt an sich, sondern über die kognitiven Strukturen des prädikatisierenden Subjekts, das diese Strukturen in die Welt ‘projiziert’.
Auf die Befürchtung, eine solche Konzeptionalisierung der kognitiven Operationen würde eine Stabilität der Erfahrungswelt und damit eine Handlungssicherheit unmöglich machen, haben die Vertreter des Radikalen Konstruktivismus einerseits genuin philosophisch und andererseits mit ihrem Rekurs auf neurophysiologische Erkenntnisse reagiert. Zum einen zeigt sich, dass das Gehirn Informationen speichert und so eine stabile Welt konstituiert, die erst durch problematische Erfahrungen erschüttert werden kann (vgl. auch Piaget, 1976). Philosophisch wird die Frage nach der Stabilität der Erfahrungswelt mit dem Argument plausibilisiert, dass die Permanenz der Wirklichkeit selbst eine subjektive Konstruktion sei, die dem pragmatischen Motiv des Subjektes folgt, tatsächlich antizipierende Handlungsstrategien zu entwerfen, so “dass eben jene Kontinuität in der Existenz eines individuellen Objekts stets das Produkt einer vom erkennenden Subjekt ausgeführten Operation ist und niemals als eine Gegebenheit der objektiven Wirklichkeit erklärt werden kann.” (v. Glasersfeld, 2000a: 33)
Es bietet sich für den Radikalen Konstruktivismus an, die Tradition des Pragmatismus (James, 2001) zu bemühen, um die Frage nach der Stabilität der Erfah‑rungswelt zu beantworten, da auch der Pragmatismus einerseits (wenn auch in einer schwächeren Form) von der Subjektbedingtheit der Erkenntnis und andererseits von der Relativität von Wahrheit ausgeht. Ernst von Glasersfeld (2000b) hat dieses Bemühen in dem Begriff der Viabilität zusammengezogen. Er postuliert, dass es für ein Subjekt irrelevant ist, inwieweit seine Vorstellungen mit einer ontischen Wirklichkeit übereinstimmen. Was das Subjekt für konkrete Handlungsvorhaben benötigt, ist nicht ein Wissen um das ‘Ding an sich’, sondern ein instrumentelles Wissen zur Lösung konkreter Problemsituationen. Wahr sind dann solche Konstruktionen des Subjektes die weder untereinander noch mit der (konstruierten) Wirklichkeit kollidieren. Wahr sind dann solche Konstruktionen, die einen Nutzen für das Subjekt haben oder eben dem Prinzip der Viabilität folgen. Inwieweit diese Konstruktionen dann mit einer möglichen ontischen Wirklichkeit übereinstimmen, ist (für das Subjekt) zweitrangig. In diesem Zusammenhang haben Radikale Konstruktivisten wiederum neurophysiologisch darauf hingewiesen, dass das Gehirn zwar autopoetisch geschlossen operiert, nicht jedoch willkürlich, sondern nach festen Konstruktionsgesetzen. Das Erfinden der Wirklichkeit bedeutet nicht ein freies Phantasieren und die beliebige Schöpfung der Wirklichkeit. Wenn das Subjekt einen Prüfstein für seine Konstruktionen in deren Nützlichkeit findet, wird zwar damit nicht ein absoluter Wahrheitsbegriff restatuiert, die scheinbare Handlungsunfähigkeit des Subjektes allerdings zurückgewiesen.
Die Theoriekonzeption des Radikalen Konstruktivismus lässt sich nach dem bisher referierten wie folgt zusammenfassen. Das Subjekt hat keinerlei Zugriff auf eine ontisch verstandene Wirklichkeit, sondern konstruiert diese aus seinem eigenen Kognitionsapparat und verfährt dabei nach (neurophysiologisch) festgelegten Kriterien. Die Stabilität der Erfahrungswirklichkeit wird garantiert durch eine konstruierte Objektpermanenz, die auf keine Referenz außerhalb des Subjektes verweisen kann. Der Absolutheitsanspruch des traditionellen Wahrheitsbegriffes wird durch diese Theoriearchitektur dementiert. Wahrheit bemisst sich allein an der Viabilität oder der Nützlichkeit der je subjektiven Konstruktionen. Kurz: Das Subjekt findet keine Referenz in einer subjektunabhängigen Welt, sondern trifft alle Aussagen über diese letztlich als Aussagen über sich selbst. In diesem Umstand liegt eine Autonomie begründet, die radikal über das traditionelle Autonomieverständnis hinaus geht. Das Subjekt verarbeitet die Umwelt nicht nur selektiv, es erzeugt sie aus sich heraus. Mit dieser These produziert der Radikale Konstruktivismus nun implizite Probleme.
Mit der Erklärung der Wirklichkeit zu einem Konstrukt bemüht der Radikale Konstruktivismus einen in der Alltagssprache positiv konnontierten Begriff. Schließlich bedeutet konstruktiv nicht nur eine Aktivität des Subjektes, sondern eine Aktivität die aufbauend und zukunftsorientiert ist. Bei näherem Hinsehen erweist sich jedoch, dass der Radikale Konstruktivismus zugleich äußerst dekonstruktiv ist. Ronald Kurt (1995) hat diese Seite mit der Metapher des Höhlengleichnisses umschrieben. Der Mensch, der der Höhle entkommt, erkennt, dass er bislang in einer Schattenwelt gelebt hat und erfährt im Glanz des Sonnenlichtes die Wahrheit, die eben die Welt in der Höhle als Schein dekonstruiert. Der Radikale Konstruktivismus folgt diesem Schritt, indem er neurophysiologisch die Thesen der traditionellen Abbildtheorie hinter sich lässt und die lebensweltliche Einstellung als Schein demaskiert. Allein, während der onto‑logisch orientierte Höhlenmensch Platons sich mit der Wahrheit der Ideen zufrieden geben kann, muss der Radikale Konstruktivist erkennen, dass er zwar die lebensweltlichen Einstellung als Schein entlarven konnte, damit aber keineswegs zum Sein gelangt ist. “Denn das Nervensystem kann letztlich nichts anderes sein als eine Synthesis aus Empfindungen. Das Nervensystem ist nichts Substantielles, und auch kein Ding an sich, sondern eine innerweltliche Konstruktion unter anderen innerweltlichen Konstruktionen. Mit der Enttarnung des Nervensystems als Konstruktion sägt sich die konstruktivistische Theorie selbst den Ast ab, auf dem sie sitzt.” (Kurt, 1995: 28)
Die Dekonstruktion der natürlichen Einstellung, die im Radikalen Konstruktivismus impliziert ist, hat also dazu geführt, dass letztlich der Radikale Konstruktivismus selbst zu einem Konstrukt wird und damit der Relativität unterliegt, die er für jegliche Erkenntnis postuliert. Eine Verwendung dieses Diskurses für die Sozialisationstheorie scheint daher verunmöglicht. Um diesem Dilemma zu entkommen, kann sich der Radikale Konstruktivismus jedoch, wie es Ernst von Glasersfeld (1997) gemacht hat, auf eine genuin philosophische Fragestellung zurückziehen. Der Vorteil dieser Reaktion auf den impliziten Selbstwiderspruch liegt darin, dass auf die positiven Aussagen der neurophysiologischen Forschungen, die schließlich ihren eigenen Stellenwert dementieren müssen, verzichtet werden kann. Stattdessed soll der Radikale Konstruktivismus hier als negative Theoriekonzeption begriffen werden, deren Inhalt sich zunächst auf die Kritik der traditionellen Erkenntnistheorie konzentriert.
Die Konsequenz dieses Unternehmens ist, dass die natürliche Einstellung der Alltagspragmatik zwar theoretisch kritisiert, jedoch nicht gänzlich suspendiert wird. Der Ausgangpunkt des Radikalen Konstruktivismus ist nicht mehr die Neurophysiologie, sondern eine substantielle und subjektunabhängige Wirklichkeit, die durch ein Subjekt beobachtet werden kann. Der Fokus der Untersuchung verschiebt sich so auf die Möglichkeit der Erkenntnis dieser Wirklichkeit, d.h. auf eine Erkenntnis zweiter Ordnung. Diese Zurücknahme des Radikalen Konstruktivismus auf eine rein negative Kritik trifft nun allerdings keine positiven Aussagen über die unabhängige Wirklichkeit, sondern treibt die Erkenntniskritik tatsächlich in einem cartesianischen Sinne bis zu einem Subjekt, das auf der Grundlage subjektinterner Prozesse die Wirklichkeit als je subjektive Wirklichkeit konstruiert. Dieses Subjekt erhält so den Stellenwert einer notwendigen Bedingung oder kantianisch formuliert eines Ich, das alle meine Vorstellungen muss begleiten können (Kant, 1781/1992).
Mit anderen Worten: Der Radikale Konstruktivismus bietet durch den impliziten Widerspruch den Vorteil, sich selber nicht als Wahrheit und damit als Aussage über die Wirklichkeit begreifen zu können. Er kann so seinem Anspruch gemäß als eine widerspruchsfreie Erkenntniskritik konzipiert werden, wenn er als eine logisch-konsistente Theorie eingeführt, die sich um die Bedingungen und Möglichkeiten der Erkenntnis bemüht, darüber hinaus jedoch keine weiteren Aussagen trifft. Dieses Postulat betrifft insbesondere Aussagen über die Existenz einer subjektunabhängigen Wirklichkeit, die keineswegs geleugnet wird, die sogar als Ausgangspunkt fungieren kann. Innerhalb dieses logischen Bezugsrahmens muss dann das Subjekt, das mit der Selbstdekonstruktion des Radikalen Konstruktivismus zu verschwinden drohte, als notwendige Bedingung im Sinne einer transzendentalen Deduktion etabliert werden.
4. Das Subjekt des Radikalen Konstruktivismus
Die grundsätzliche Radikalisierung des Subjektbegriffes durch den Radikalen Konstruktivismus lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Das Subjekt erfindet die (soziale und dingliche) Wirklichkeit, wobei die Differenz zwischen Subjekt und Wirklichkeit in das Subjekt zurückgezogen wird. Es ist nicht nur produktiv realitätsverarbeitend, es ist produktiv realitätserzeugend. Als solches kann es logisch nicht hintergangen werden. Es bleibt hingegen zu klären, inwieweit dieses Subjekt auf ein alter ego bezogen werden kann, denn die Autonomie des Einzelnen sollte schließlich innerhalb des Sozialisationsdiskurses im Kontext gesellschaftlicher Anbindung ermöglicht werden.
Die bisherigen Ausführungen legen den Verdacht nahe, der Radikale Konstruktivismus sympathisiere mit solipsistischen Positionen und tatsächlich gibt es Autoren dieses Diskurses (Kurt, 1995), die sich weigern, den Solipsismus grundsätzlich auszuschließen. Andere Autoren verweisen im Gegensatz dazu darauf hin, dass der Solipsismus aus logischen Gründen nicht stabilisierbar ist. Wenn ein Ego sich als Zentrum der Welt konstruiert, so kann er dennoch nicht leugnen, dass in seiner Vorstellungswelt Entitäten vorkommen, die über die gleichen Eigenschaften wie er selbst verfügen. “Folglich muss er einräumen, dass diese Wesen ihrerseits darauf bestehen können, sich als einzige Realität, alles sonst aber als Produkt ihrer Einbildung zu betrachten.” (v. Foerster, 2000b: 84) Ego wäre in diesem Fall zu einer Vorstellung eines alter ego reduziert und würde als Konsequenz seine eigene Existenz bezweifeln. Die intersubjektive Wirklichkeit kann daher ähnlich wie das konstruierende Subjekt als logisches Postulat innerhalb des Radikalen Konstruktivismus aufgenommen werden.
Um mit dieser Bestimmung des Subjektiven nicht wieder in eine auf die Gesellschaft gleichursprünglich verwiesene Bestimmung zu verfallen und damit die eingangs formulierte Bedingung einer vorgesellschaftlichen Bestimmung zu unterminieren, muss darauf hingewiesen werden, dass theoretisch aus der Perspektive des Subjektes auch alter ego als ein Konstrukt verstanden werden muss. Einem alter ego kommt aus der erkenntniskritischen Sicht des Subjekts synonym zu der unbelebten Umwelt nicht der Status einer Subjektunabhängigkeit zu. Damit wird die Gleichzeitigkeit und substantielle Subjektunabhängigkeit eines alter ego in der Wirklichkeit keinesfalls geleugnet. Das erkenntniskritische oder transzendentale Subjekt vermag jedoch alter ego nur nach den gleichen Kriterien wahrzunehmen wie die unbelebte Natur. Alter ego ist immer schon ein Konstrukt des erkennenden Subjekts und kommt damit aus dessen Perspektive immer nur in dessen Lebenswelt vor, nicht aber außerhalb. Damit soll keineswegs geleugnet werden, dass es einen kategorialen Unterschied zwischen der Erkenntnis der unbelebten Natur und anderen Subjekten gibt. Die Interaktion mit Gegenständen folgt grundsätzlich anderen Strukturen, als die Interaktion mit Subjekten, die ihrerseits lernfähig sind und die vom Subjekt ausgehenden Aktionen mit Gegenaktionen beantworten, so dass der Sozialkontakt eine kontingente Dynamik aufweist, die dem Kontakt mit einer objektivierten Umwelt in dieser Form nicht zukommt.
Wenn alter ego als Konstrukt in der Lebenswelt eines Subjektes konstruiert ist, ist es als ein bezüglich der Erkenntnismöglichkeiten und -unmöglichkeiten gleichberechtigtes Subjekt etabliert, das über die gleichen Autonomiepotentiale verfügt. Die je individuellen Konstrukte können dann, wie im Diskurs des Sozialen Konstruktivismus nachgezeichnet, in einen intersubjektiven Kontext gebettet werden, so dass Gemeinschaften entstehen, die sich über die Sprache gemeinsam geteilte bzw. soziale Konstruktionen schaffen und damit nach innen integrieren (Kurt, 1993; Youniss, 1994; Schmidt, 1996; Frindte, 1998; Sutter, 1999a; Hejl, 2000). Die daraus resultierende intersubjektive Orientierung erzeugt für das Subjekt die Notwendigkeit, in einen Prozess reziproker Verständigung zu treten, um zu Vorhersagen über das Umweltverhalten, der eine Eigenständigkeit zugesprochen wird, zu kommen. Im Sinne der Erkenntniskritik des Radikalen Konstruktivismus bleibt es dabei offen, inwieweit diese intersubjektive Orientierung des Subjektes mit einer ontischen Wirklichkeit übereinstimmt. Dies ist im Sinne des Viabilitätsprinzips eine zweitrangige Frage. Als subjektive Konstruktion ist auch Intersubjektivität immer nur das Erleben bzw. Konstruieren von Intersubjektivität im Subjekt und die ‘Richtigkeit’ dieser Konstruktion bemisst sich an ihrer Nützlichkeit, wobei Nützlichkeit in Bezug auf die soziale Welt an anderen Kriterien orientiert ist, als in Bezug auf die Dingwelt.
5. Das Modell des ‘produktiv realitätserzeugenden Subjekts’ als philosophische Fundierung der Sozialisationstheorie
Die zentrale These der Sozialisationstheorie behauptet die Interdependenz der sozialen Wirklichkeit mit dem Subjekt (Faulstich-Wieland, 2000; Tillmann, 2000; Zimmermann, 2000). Dabei wird dieses Verhältnis selbstverständlich in diversen Formen theoretisch und empirisch operationalisiert. Mit der zunehmenden Individualisierung hat sich in der Sozialisationsforschung historisch der Fokus der autonomen Individualität durchgesetzt und das strukturfunktionalistische Modell einer bloßen Übernahme von Normen durch den Sozialisanden abgelöst. Der theoretische Ausgangspunkt für diese Weiterentwicklung war die Handlungstheorie des symbolischen Interaktionismus, die ihrerseits in vielfältigen Formen modifiziert (Goffmann, 2000; Habermas, 1981) wurde. Die wesentliche Neuerung dieses Paradigmenwechsels bestand in der Orientierung auf ein Subjekt, das aktiv gegenüber der Umwelt gedacht wird und drückte sich in der Formel des ‘produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts’ bzw. in der Zentralisierung individueller Kompetenzen im Paradigma der konstruktivistischen Sozialisationsforschung aus. Theoriearchitektonisch blieb dabei jedoch unklar, wie dieses Subjekt konzeptionalisiert werden kann. Der Versuch jedenfalls, eine handlungstheoretische Subjektbestimmung im Kontext dieses anspruchsvollen Programms zu verwenden, produziert eine begriffliche Unschärfe, da in diesem Fall das Subjekt stets hinter den gesellschaftlichen Verhältnissen, in deren Spiegel es bestimmt wird, zu verschwinden droht.
Um dieses Problem zu überwinden, ist in diesem Beitrag der Vorschlag gemacht worden, das Subjekt erkenntnistheoretisch zu verstehen. Der Vorteil eines solchen Unternehmens ist, dass ein erkennendes Subjekt logisch vor der Gesellschaft bzw. der sozialen Umwelt liegt. Das Subjekt des Radikalen Konstruktivismus bietet sich daher als Modell des ‘produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts’ für die Sozialisationsforschung an. Als ein solches Modell hat es (zumal im Kontext eines programmatischen Aufsatzes) selbstverständlich zunächst einen rein philosophischen Status, der die begriffliche Unschärfe des handlungstheoretischen Subjektbegriffes überwinden und zu einer konsistenten Subjekttheorie beitragen soll. Der Beitrag für die Sozialisationsforschung ist damit vor‑erst theoretischer bzw. heuristischer Natur. Die gewählte Begriffsstrategie erlaubt allerdings, thematisch an den Strang des ‘produktiv realitätsverarbeitenden Subjektes’ und der konstruktivistischen Sozialisationsforschung anzuknüpfen, haben doch schließlich insbesondere im letzten Paradigma die individuellen Konstruktionen einen zentralen Stellenwert. Die Verwendung des Modells eines ‘realitätserzeugenden Subjektes’ lässt sich dann von der forschungsstrategischen Idee leiten, dass es dazu beitragen kann, die Bedingungen und die Art und Weise der individuellen Entwicklungsverläufe und Konstruktionen und damit die Aktivität des Subjektes begrifflich genauer zu fassen, indem es die soziale Umwelt nicht als externalisierte und objektivierte Größe begreift, innerhalb derer das Subjekt angesiedelt und auf das es bezogen ist, sondern eben als eine spezifische Konstruktionsleistung des Individuums. D.h., dadurch dass auch die soziale Umwelt selbst in den Bereich individueller Konstruktionen eingeholt wird, gelingt ein direkterer und breiterer Zugang zu den individuellen Konstruktionsleistungen bzw. Kompetenzen. Die forschungsleitende Fragestellung ist dann nicht nur die nach dem Umgang mit und der Verarbeitung von der sozialen Umwelt durch ein Individuums, sondern nach der Art und Weise der Konstruktion dieser Lebenswelt und eines daraus ableitbaren Kompetenzbegriffes. Indem es auf einer Linie mit den angegebenen Paradigmen der Sozialisationsforschung liegt, geht es selbstverständlich nicht darum, diese zu substituieren, sondern zu ergänzen und ‘mit anderen Mitteln fortzuführen’. Kurz: Das philosophisch fundierte Modell eines ‘produktiv realitätserzeugenden Subjektes’ hat zunächst die (theoretischearchitektonische) Absicht, die Einsichten der Erkenntnistheorie angemessen für eine Sozialisationsforschung zu berücksichtigen und somit einen rein theoretischen Status. Es soll Diskurse (Erkenntnistheorie, Sozialisationstheorie), die sich soweit ausdifferenziert haben, dass sie sich allenfalls noch als Umwelten wahrnehmen, (im Sinne der konstruktivistischen Sozialisationsforschung) zu einer wechselseitigen Durchdringung anregen. Darüber hinaus ist es allerdings nicht als (theoretischer) Selbstzweck angelegt, sondern als forschungsanleitende Programmatik, die eine ergänzende Perspektive auf den Sozialisationsprozess instruieren soll, ohne diese Absicht hier bereits umsetzen bzw. detailliert angeben zu können.
Um Missverständnisse zu vermeiden, sei abschließend folgendes angemerkt: Das Modell des ‘produktiv realitätserzeugenden Subjekts’ ist nicht zu verwechseln mit dem Modell der Selbstsozialisation (Luhmann, 1987; Zinnecker, 2000). Dieses Modell argumentiert gegen das Modell der Fremdsozialisation und begreift den Prozess des Heranwachsens als Selbstkontrolle des Subjektes jenseits von Fremdeinflüssen. Es lehnt sich theoretisch an die konstruktivistischen Konnotationen der Systemtheorie an. Aus dieser Perspektive wird das Subjekt als geschlossenes Bewusstseinssystem verstanden, das innerhalb der System-Umwelt-Differenz keinen direkten Zugriff auf die Systemumwelt hat und umgekehrt. Umwelteinflüsse erfolgen über das Prinzip der Interpenetration, das die gegenseitige zur Verfügungstellung von systemeigenen Ressourcen meint und im Fall der Sozialisation über die strukturelle Kopplung von Bewusstseins- und sozialen Systemen durch die Sprache ermöglicht wird (Luhmann, 1994).
Wenn sich die Systeme nur als jeweilige Umwelten wahrnehmen und sich höchstens gegenseitig irritieren können, liegt es nahe, die zentrale These der Sozialisationstheorie zu bezweifeln und auf das Modell der Selbstsozialisation umzustellen. Die hier vorgeschlagene Fundierung der Sozialisationstheorie in einem erkenntniskritischen Subjekt liegt jedoch vor einer systemtheoretischen Begriffsbildung. Diese unterstellt bereits die gleichursprüngliche Existenz und Abhängigkeit des Subjektes von der sozialen Umwelt (Luhmann, 1995) und zieht sich von dieser Position auf das Subjekt zurück. Dadurch dürfte ihr jedoch genau dieses Subjekt theoretisch wieder abhanden kommen. Denn die Systemtheorie unterliegt einerseits dem gleichen Dilemma wie die traditionelle Handlungstheorie: Es bleibt unklar, wie das Subjekt bestimmt werden kann, wenn es einerseits auf die strukturelle Kopplung mit Systemumwelten angewiesen ist, andererseits als autopoetisch gedacht wird. Wird es autopoetisch gedacht und auf eine unabhängige Umwelt verwiesen, bleibt andererseits unklar wie die Vermittlung von Subjekt und Umwelt hinreichend erklärt werden kann, wenn sich die verschiedenen Systemebenen sich nur als ausdifferenzierte Systemumwelten wahrnehmen können.[Note 2]
Dies bedeutet nicht, dass das Modell des ‘produktiv realitätsverarbeitenden Subjektes’ nicht an jene grundsätzliche Intention des Selbstsozialisationskonzeptes anschließen würde, die auf die Untersuchung verbreiterter Spielräume des Selbst und die Notwendigkeit zur “Selbstorganisation” (Hurrelmann, 2002) aufgrund aufweichender bzw. sukzessive pluralisierter Strukturvorgaben abzielt (Heinz, 2000). Nur: Gerade auch um diese Intention verfolgen zu können, bedarf es eines hinreichend konsistenten und arbeitsfähigen Subjektbegriffes, den die Systemtheorie, wie angedeutet, nicht anbieten kann.
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Endnotes
1
Für eine kritische Diskussion danke ich den Mitgliedern des Forschungskolloquiums von Prof. Dr. Matthias Grundmann.
2
Da im Modell des ‘produktiv realitätserzeugenden Subjekts’ die intersubjektiven Verständigungsverhältnisse als Konstrukt des Subjektes verstanden werden und daher innerhalb des Subjektes angesiedelt sind, macht es überdies aus dessen Perspektive keinen Sinn von einer Selbstsozialisation als Gegensatz zur Fremdsozialisation zu reden, da die Abgrenzung von Selbst und Fremd innerhalb des Subjektes getroffen wird und dieses entscheidet, welche Fremdeinflüsse als solche gelten können und welche für das Subjekt Bedeutung haben.
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