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Angst vor einem neuen Paradigma? Replik auf Ralph Gehrkes “Was leistet der Radikale Konstruktivismus für die Literaturwissenschaft?

Barsch A. (1996) Angst vor einem neuen Paradigma? Replik auf Ralph Gehrkes “Was leistet der Radikale Konstruktivismus für die Literaturwissenschaft? ” Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 70(2): 313–321. Available at http://cepa.info/3917
In Ralph Gehrkes Kritik an der Konzeption einer empirischen Literaturwissenschaft fließen sowohl Mißverständnisse als auch Implikationen ein, die selbst erst einmal kritisch zu hinterfragen sind. Die Diskussion in dieser Replik beschränkt sich auf Aspekte der Konstituierung des Gegenstandsbereiches der Literaturwissenschaft, von Literaturbegriffen und Analyseverfahren sowie auf Fragen zum Selbstverständnis der Literaturwissenschaftler) im Medienzeitalter.
Ralph Gehrke’s critique of an empirical study of literature reveals misunderstandings and implications which first need to be questioned. The discussion in this paper focuses an the following aspects: the constitution of the domain of literary scholarship, of concepts of literature, methods of analyzing, and questions of the self-definition of literary scholars in a media-dominated era.
Literatursoziologische Lehrstühle mit empirischer Ausrichtung sind in germanistischen Seminaren deutscher Universitäten praktisch nicht vorhanden. Um so mehr verwundert die Heftigkeit, mit der Ralph Gehrke im Feuilleton der FR (22. 3. 1994) und in einem fachwissenschaftlichen Periodikum gegen den NIKOL-Ansatz einer empirischen Literaturwissenschaft polemisiert. Rüttelt die empirische Literaturwissenschaft am Selbstverständnis mancher Kollegen und erschüttert sie den Kern des Faches? Wie sind solche undifferenzierten und pauschalisierenden Reaktionen sonst zu erklären?
Es kann an dieser Stelle nicht im einzelnen weder auf die vielen Mißverständnisse, die bisweilen böswilligen Unterstellungen noch auf zahlreiche Verkürzungen eingegangen werden. Hier soll es nur um literaturwissenschaftliche Aspekte im engeren Sinne gehen. Die Auseinandersetzung mit philosophischen, wissenschaftstheoretischen und kognitionstheoretischen Fragen des Radikalen Konstruktivismus spare ich hier aus.
Als Mitglied der Arbeitsgruppe NIKOL möchte ich zunächst darauf hinweisen, daß der Ansatz einer empirischen Literaturwissenschaft nicht sklavisch mit der Position des Radikalen Konstruktivismus gekoppelt ist. Einerseits gibt es Mitglieder der NIKOL-Gruppe, die sich explizit gegen den Radikalen Konstruktivismus ausgesprochen und eine andere erkenntnistheoretische Posi‑tion bezogen haben.[Note 1] Andererseits wird außerhalb des NIKOL-Rahmens empirische Literaturwissenschaft auf der Basis eines kritischen Rationalismus betrieben: Norbert Groeben[Note 2] vertritt z. B. die Position eines kognitiven Konstruktivismus.[Note 3] Die Kritik am Radikalen Konstruktivismus erscheint bei Gehrke gleichwohl als der zentrale Aufhänger, um sich mit dem unliebsamen Ansatz einer empirischen Literaturwissenschaft und den damit aufgeworfenen literaturwissenschaftlichen Problemen nicht weiter ernsthaft auseinandersetzen zu müssen.[Note 4]
“Die” Literatur als Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft?
Mit seiner Kritik an der empirischen Literaturwissenschaft deutet Gehrke einige Essentials zum Gegenstandsbereich und zur Literaturwissenschaft selbst an, die ich hier thesenartig herausstellen und diskutieren möchte:
(a) den Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft bildet “die” Literatur;
(b) Literatur setzt sich aus literarischen Werken im Sinne ästhetischer Gebilde zusammen;
(c) Literatur, “die sich den Bedingungen des Marktes und dem Geschmack des Massenpublikums so glatt angepaßt hat, daß sie die kulturellen Rationalisierungsprozesse nicht mehr stört” (184), gehört nicht zum legitimen Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft;
(d) Literatur erschließt sich “aus einer Anschauung der Werke von innen”(183); damit wird die Literaturwissenschaft auch der Unterscheidung von alltagssprachlicher Kommunikation und poetischer Rede gerecht;
(e) in Anlehnung an Adorno hat die Literaturwissenschaft ihren Gegenstand qua poetologischer Untersuchung in einer ästhetischen Sphäre zu behandeln, sie muß das Ästhetische an literarischen Werken herausarbeiten und diesem Ästhetischen auch in der Art und Weise der wissenschaftlichen Untersuchungen gerecht werden;
(f) Literaturwissenschaft darf nicht einfach Marktbedürfnissen nachgeben und sich daher auch nicht aufgrund der Entwicklungen des Medienmarktes in Richtung einer Medienwissenschaft verändern.
Zu a) Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft
Man kann Ralph Gehrke sicherlich keinen Mangel an Fleiß vorwerfen. Die Breite seiner Rezeption von Arbeiten aus dem Bereich der empirischen Literaturwissenschaft ist bemerkenswert, was angesichts vieler Pauschalurteile, die von anderen Kollegen abgegeben werden, positiv herauszuheben ist. Trotzdem scheint bei Ralph Gehrke der literatursoziologische Kern des Ansatzes nicht angekommen zu sein. Deutlich wird das z. B., wenn er an Bezeichnungen wie, sogenannte Literatur’ oder, sogenannte literarische Kunstwerke’ ein Desinteresse an literarischen Gegenständen abliest. Dabei wird in den einschlägigen Veröffentlichungen immer wieder versucht, deutlich zu machen, daß in solchen Redeweisen die Grundannahme steckt, daß Texte nicht auf natürliche Weise literarisch sind, sondern daß geeignete Texte unter ganz spezifischen Bedingungen von Aktanten für literarisch gehalten und entsprechend dieser, mit anderen geteilten, Einstellung behandelt werden.
Für Gehrke scheint dagegen der Gegenstand der Literaturwissenschaft im Sinne einer Reihe von Werken objektiv gegeben zu sein. Er spricht dauernd von “der” Literatur, so als ob alle Beteiligten schon längst wüßten, was darunter zu verstehen sei. Diese Einstellung ist stark textorientiert und appelliert an den Konsens der Fachwissenschaftler, der lediglich auf Evidenzen beruhen kann. Angesichts historisch ganz unterschiedlicher Definitionen von Literatur, unter die je verschiedene Textmengen fallen, verwundert diese simplifizierende Redeweise.
Sie überrascht noch mehr, da Gehrke sich explizit auf den Institutionsbegriff von Peter Bürger beruft. Bürgers Institutionsbegriff – was immer man davon halten mag[Note 5] – umfaßt nicht nur Texte, sondern ist zu verstehen als der Versuch der begrifflichen Erfassung historisch kontingenter und sich wandelnder Definitionen von Literatur, unter denen Texte erst zu Literatur werden.
Die Redeweise von “der” Literatur ist auch angesichts der ganz unterschiedlichen Gegenstandsbeschreibungen verschiedener literaturwissenschaftlicher Ansätze unangemessen: Formalisten suchten nach Literarizität, Struk‑turalisten nach literarischen Gesetzmäßigkeiten, andere fanden Interesse am Sprachkunstwerk oder am impliziten Leser. Die Definition von Literatur und der Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft sind weder selbstverständlich noch marginal. Wenn Jean-Paul Sartre 1948 fragt “Qu’est-ce que la litt&ature?” und wenn Terry Eagleton 1983 in Literary Theory. An Introduction seine Einleitung unter die gleichlautende Frage stellt, zeigt das die ungeminderte Aktualität dieser Problematik. Hier unter Rückgriff auf Autoritäten wie Adorno so zu tun, als ob der Gegenstand der Literaturwissenschaft objektiv gegeben sei, impliziert gerade einen solchen Absolutheitsanspruch, wie er dem Radikalen Konstruktivismus und der empirischen Literaturwissenschaft vorgeworfen wird.
Zu b) Literatur als Textphänomen
Vertreter der empirischen Literaturwissenschaft haben immer wieder betont, daß Texte zum Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft gehören.[Note 6] Aber die Ausgangsposition der Nikol-Konzeption der empirischen Literaturwissenschaft unterscheidet sich von der textorientierten Literaturwissenschaft insofern, als sie u. a. dem Textfaktor einen anderen Stellenwert zuschreibt. Zentral für die empirische Literaturwissenschaft ist neben einem funktionalen Text- und Bedeutungsbegriff die Überzeugung, daß Literatur nicht allein unter Rückgriff auf Textmerkmale definiert werden kann. Aufgrund historisch ganz unterschiedlicher Literaturbegriffe ist zu fragen: Wer hält welche Texte aufgrund welcher Bedingungen für literarisch, und wie setzen sich derartige Vorstellungen gesellschaftlich durch? Damit verschiebt sich die Frage nach der Beschreibung des Gegenstandsbereichs der Literaturwissenschaft von der textuellen Ebene in die der Pragmatik. Literatur wird somit nicht ausschließlich als ein sprachlich-linguistisches, sondern primär als ein soziales Phänomen betrachtet. Damit gehören zum Gegenstandsbereich nicht nur Texte, sondern auch Definitionen von Literatur. Um es hier ganz klar zu formulieren: Die Aufgabe von Literaturwissenschaftlern besteht nicht darin, selbst normativ zu definieren, was Literatur ist und was nicht. Genau das macht aber eine Literaturwissenschaft, die sich auf Texte beschränkt, die sie aus welchen guten Gründen auch immer für literarisch hält. Zur Auswahl dieser Texte muß nämlich auf historisch kontingente ästhetische Kriterien zurückgegriffen werden, die immer in Konkurrenz zu anderen Ästhetiken stehen. Eine solche Position kann nur noch mit Evidenzen argumentieren und hinterfragt nicht ihre Voraussetzungen, was man von einer Theorie, die sich ‘kritisch’ nennt, eigentlich erwarten könnte.
Zu c) emanzipatorischer Literaturbegriff
Ralph Gehrke scheint ganz im Sinne Adornos unter “der” Literatur nur einen ganz bestimmten Ausschnitt ästhetischer Phänomene im Blick zu haben, nämlich solche, die emanzipatorischen Ansprüchen genügen (“Literatur der reflexiven Selbstvergewisserung,” 184). Das würde auch seine Aversionen gegen Massenmedien und Popularkultur erklären. Ganz im Sinne des Dreistufenschemas der literarischen Wertung (Dichtung – Belletristik – Trivialliteratur) werden populäre Lesestoffe ausgegrenzt und mit Begriffen wie “Bedingungen des Marktes” und “Geschmack des Massenpublikums” diskriminiert. Vorstellungen von Autonomie der Kunst und vom freien Schriftsteller lassen sich als Gegenmodelle erahnen. Dabei sollte doch die Diskussion um den sogenannten erweiterten Literaturbegriff[Note 7] gezeigt haben, daß nicht nur Höhenkammliteratur den Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaft bilden darf. Jegliche Literatur und jeder Autor ist den jeweiligen Bedingungen des Marktes unterworfen. Als Literaturwissenschaftler sollte man nicht jeder Selbstbeschreibung aufsitzen. So hat neben anderen Lutz Winckler (Autor – Markt – Publikum. Zur Geschichte der Literaturproduktion in Deutschland, Berlin 1986) sehr deutlich gezeigt, auf welcher Ideologie der Typ des ‘freien Schriftstellers’ basiert und warum er scheitern mußte: Jede Literatur ist als Buch Ware und kann sich den Bedingungen des Marktes nicht entziehen.
Augenscheinlich vertragen sich für Gehrke Phänomene der Massenliteratur nicht mit dem, “was eine Geisteswissenschaft ausmacht, nämlich zu erschließen, was Literatur in ästhetischer und semantischer Hinsicht zum kulturellen Potential einer Gesellschaft beitragen kann” (185). Damit rückt er die Literaturwissenschaft in die Nähe einer expertenhaften Teilnahme an literarischer Kommunikation, die auf der Basis eines innovationsorientierten Literaturbegriffs operiert. Der normative Anspruch dieser Setzung ist offensichtlich. Konsequenterweise werden Gegenstandsbereiche und Aufgabenstellungen der Literaturwissenschaft unter diesem Blickwinkel stark restringiert: Eine eingeschränkte Menge von Texten (“die” Literatur) wird ideologiekritisch interpretiert (“erschlossen”). Literatursoziologische und -psychologische Aspekte bleiben auf diese Weise unberücksichtigt. Die elitären Züge einer solchen Position verdichten sich, wenn Bezeichnungen wie “das sogenannte Kunsterlebnis der Rezipienten” (S. 185) verwendet werden. Scheinbar haben für Gehrke nur (literaturwissenschaftlich) Berufene Zugang zu einem adäquaten Kunstverständnis – eine Position, die schon bei Wolfgang Kayser in der Einleitung in Das sprachliche Kunstwerk (1948) oder noch deutlicher in Emil Staigers Die Kunst der Interpretation (1955)[Note 8] zu finden ist.
Zu d) textimmanenter Zugang zum Werk
Ralph Gehrkes Behauptung, die empirische Literaturwissenschaft unterscheide nicht mehr zwischen “alltagssprachlicher Kommunikation und poetischer Rede” bzw. zwischen literarischen und nicht-literarischen Texten und ignoriere die Eigenart des Ästhetischen, ist in dieser Pauschalisierung schlicht falsch. Die Einführung des Konzepts literarischer Konventionen (literarische Ästhetik- und Polyvalenz-Konvention) bietet genau die Erklärung für das angesprochene Phänomen, daß literarischen Texten auf andere Weise Bedeutungen zugeordnet werden als anderen Texten. Die Erklärung für dieses Phänomen liegt allerdings auf einer anderen Ebene als die, die Gehrke im Auge hat, nämlich auf der Ebene der Pragmatik und nicht auf der Ebene der Texte. Für die empirische Literaturwissenschaft sind beide Aspekte relevant und sie versucht, beide miteinander in Verbindung zu bringen. Eine “Anschauung der Werke von innen” (183) und die Untersuchung textueller Strukturen ist keineswegs pauschal ausgeschlossen.
Ein Unterschied zu Gehrkes Position besteht darin, daß in der empirischen Literaturwissenschaft das strukturalistische Programm der Suche nach “immanenten Gesetzmäßigkeiten der poetischen Struktur, der Sprachgestalt, der erzählerischen, dramatischen oder lyrischen Technik etc.” (183) im Sinne textdependenter Definitionen dessen, was poetische Rede oder Literatur ausmachen soll, aus guten Gründen aufgegeben worden ist. Textmerkmale können sicherlich für die Beteiligten an Literatur als Indikatoren für Literarizität fungieren. Eine Entscheidung über Literatur/Nicht-Literatur ist damit jedoch noch lange nicht gefällt: Poetische Strukturen finden sich in ganz verschiedenen Textsorten – von Werbeanzeigen bis zu Geburtstagsgedichten. Darüber hinaus ist die Grenze zwischen Literatur und Nicht-Literatur historisch fließend: Manche Texte werden lange Zeit als Gebrauchstexte behandelt und dann als Literatur verstanden und umgekehrt. Analysen, die ausschließlich linguistische Aspekte fokussieren, können solche Phänomene nicht erklären. Die Behauptung, daß jeweils alles im Text angelegt ist, setzt immer schon das als gegeben voraus, was eigentlich erklärt werden sollte, und ist damit zirkulär.
Zu e) Nachvollzug des Ästhetischen in der Literaturwissenschaft
Manchmal wird Vertretern der empirischen Literaturwissenschaft vorgewor‑fen, sie hätten keinen Bezug zu ihrem Gegenstand, sie würden ihren Gegenstand weder ästhetisch schätzen noch Literatur mit Herzblut lesen.[Note 9] Auch bei Gehrke klingt diese Position an, wenn er der empirischen Literaturwissenschaft vorwirft, ihr Gegenstand (, die Literatur’) sei ihr ein Subalternes, ihre Analysen erfolgten in einer nach Adorno “zutiefst vorästhetische(n) Sphäre” (183) und die Untersuchungsergebnisse bildeten schließlich einen hochgerechneten “Wert von Reizen und Reaktionen, der mit Kunst nur so viel gemein hat, daß er künstlich zustande gekommen ist” (182). Ich möchte hier nicht noch einmal auf das Mißverständnis bezüglich der Auffassung des Gegenstandsbereichs eingehen. Es geht hier um das Selbstverständnis der Literaturwissenschaft als Wissenschaft.
Was für eine Vorstellung von Wissenschaft steht dahinter, wenn Wissenschaftler in ihrem Gegenstandsbereich aufgehen sollen und zwischen ihnen selbst und ihren Untersuchungsobjekten keine klare theoretisch und methodologisch fundierte Differenzierung mehr erfolgt? Wissenschaft ist für mich ein gesellschaftlicher Teilbereich mit eigener Interessenlage und kein abgeschotteter Elfenbeinturm. Dies gilt gleichermaßen für die Literaturwissenschaft. Der Bereich literarischer Handlungen mit und über für literarisch gehaltene Texte bildet den Gegenstandsbereich der empirischen Literaturwissenschaft, das Literatursystem. Es funktioniert nach eigenen Gesetzmäßigkeiten, die es empirisch zu erforschen gilt. Kriterien für Wissenschaftlichkeit bzw. wissenschaftliche Standards können nicht einfach diesem Gegenstandsbereich entnommen oder daraus abgeleitet werden, da das Wissenschaftssystem eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Deshalb ist eine klare Trennung zwischen dem Gegenstandsbereich mit seinen (ästhetischen) Werten und der Literaturwissenschaft mit ihren (wissenschaftlichen) Werten ebenso wie die Trennung der jeweils verschiedenen Erkenntnisinteressen unverzichtbar.
Die Redeweise, daß die Literaturwissenschaft an Literatur teilhaben soll oder – in anderer Redeweise – der Literatur zu dienen habe, verweist auf ein emphatisches Verhältnis zur Literatur, wobei Literatur den Zugang zu einem Reich höherer Werte eröffnet. Die Bewahrung des kulturellen Erbes wird damit zur alleinigen Aufgabe der Literaturwissenschaft erklärt. Für eine Legitimation als Wissenschaft ist diese Position äußerst schwach. Denn die Hege und Pflege der Literatur, das Neu- und Umschreiben von Lesarten benötigt weder einen expliziten literaturwissenschaftlichen Apparat noch ein Heer von beamteten Kulturpflegern. Will Gehrke zur Entlastung der Germanistik die empirische Literaturwissenschaft den Fachhochschulen zuweisen, so können die Aufgaben, die er mit einer Literaturwissenschaft verbindet, mit Volkshochschulkursen für das kulturell interessierte Bildungsbürgertum abgeleistet werden.
Zu f) Selbstverständnis der Literaturwissenschaft im Medienzeitalter
Auch wenn man wie Gehrke eine textorientierte Literaturwissenschaft propagiert, überzeugt eine ablehnende Haltung gegenüber anderen Medien und einer Medienwissenschaft nicht. Historisch standen für literarisch gehaltene Texte immer in Bezug zu anderen Medien. Texten war lange Zeit eine orale Tradition vor- und nebengeordnet. Sie sind heute noch in mündliche Formen der Kommunikation eingebettet. Das Volkslied ist ein überzeugendes Beispiel für die Verknüpfung von lyrischen Texten und Musik. Darüber hinaus haben Medienentwicklungen einen vielfältigen Einfluß genommen auf die literarische Produktion. Autorennamen wie Dos Passos und Döblin stehen nur exemplarisch für den Niederschlag von Medien wie Kino und Radio in literarischen Texten. Eine Gattungsbezeichnung wie das Hörspiel ist ohne den Rundfunk nicht denkbar. Ein Autor wie Martin Walser bearbeitete identische Stoffe als Hörspiel, Novelle und Drehbuch. Diese Zusammenhänge als Literaturwissenschaftler nicht sehen und bearbeiten zu wollen, käme einer radikalen Selbstbeschränkung gleich, angesichts der schon bestehenden Legitimationsprobleme der Literaturwissenschaft eine selbsterzeugte zusätzliche Bürde.
Seit der Mitte der 60er Jahre wird in der Germanistik eine Dauerkrise konstatiert. Die verschiedenen literaturtheoretischen Versuche der Analogiebildung und des Theorienimports aus anderen Disziplinen können als Krisensyndrome verstanden werden. In dieser Reihe schließt sich die Auffassung von Literaturwissenschaft als Medienwissenschaft als neueste Variante an, mit der versucht wird, einen Lösungsweg aus der Fachkrise zu finden. Man mag diesen Schritt begrüßen oder ablehnen. Das damit verbundene Problem der fachlichen Ausrichtung der Literaturwissenschaft läßt sich jedoch nicht mit dem Rückzug auf den literarischen Kanon, die Rückkehr zur Tagesordnung ‘Textanalyse’ und durch das Verdrängen oder Aussitzen von Problemen bewältigen, wie sie z. B. mit Ansätzen wie der empirischen Literaturwissenschaft verbunden sind.
Wenn Wissenschaft einen gesellschaftlichen Teilbereich darstellt und Literaturwissenschaft sich als Wissenschaft versteht, dann muß auch Wissenschaft für gesellschaftliche Entwicklungen und Problemlagen ansprechbar sein. Sollten etwa Mediziner, Biologen und Pharmakologen die Krebs- und die Aidsforschung mit dem Argument vernachlässigen, man könne nicht jedem Marktbedürfnis nachgeben?
Wenn Literatur ebenfalls einen gesellschaftlichen Teilbereich bildet und nicht eine abgehobene Sphäre des Ästhetischen, dann hat die Literaturwissenschaft den medialen Entwicklungen in diesem Teilbreich auch Rechnung zu tragen. Unsere Disziplin kann sich gesellschaftlichen Entwicklungen und Problemen nicht entziehen. Das Aufgaben- und Problemspektrum einer Literaturwissenschaft muß daher wesentlich weiter gefaßt sein, als Gehrke es andeutet. Andere Fachvertreter haben dies erkannt und Konsequenzen daraus gezogen. So hat der Vorstand des Deutschen Germanistenverbandes eine Initiativgruppe “Spra‑che, Literatur und Medien in der Informationsgesellschaft” gebildet, deren Aufgabe darin besteht, die Gründung eines Forschungskollegs “Sprache, Literatur und Kultur im Wandel der Medien” zu betreiben. – Auch das nur das Werk dichtungsversessener Opportunisten?
Endnotes
1
So z. B. Peter Finke mit seinem Ansatz eines Konstruktiven Funktionalismus (Peter Finke, Konstruktiver Funktionalismus. Die wissenschaftstheoretische Basis einer empirischen Theorie der Literatur, Braunschweig, Wiesbaden 1982).
2
Seine Kritik am Radikalen Konstruktivismus findet sich u.a. in der Gemeinschaftspublikation von Ralf Nüse et al., Über die Erfindung/en des Radikalen Konstruktivismus. Kritische Gegenargumente aus psychologischer Sicht, Weinheim 1991.
3
Die Differenziertheit der Darstellung leidet z. B. auch darunter, daß Gehrke (175) gegen einige Vertreter der empirischen Literaturwissenschaft, die sich auf die Position des Radikalen Konstruktivismus stellen, ein Zitat von Klaus Blaudzun, Heinz-Jürgen Staszak anführt (“Dialektik der Interpretation. Zu Voraussetzungen des methodologischen Nachdenkens über die literaturwissenschaftliche Interpretation,” in: Lutz Danneberg, Friedrich Vollhard [Hrsg.], Vom Umgang mit Literatur und Literaturgeschichte. Positionen und Perspektiven nach der ‘Theoriedebatte’, Stuttgart 1992, 43-59, hier: 48), das – im Zusammenhang gelesen – sich eindeutig gegen den empirischen Ansatz von Groeben richtet. Blaudzun, Staszak modellieren dagegen ihre Vorstellung von Interpretation im Sinne einer empirischen Tätigkeit.
4
Daß es auch andere Umgangsweisen und Einschätzungen gibt, zeigt der erste Teil eines Forschungsberichts zum Bereich “Systemtheorie und Literatur,” den Georg Jäger vorgelegt hat (IASL 19/1 [19941, 95-125).
5
Peter Bürgers Verwendung des Institutionsbegriffs ist in der Literaturwissenschaft nicht unumstritten geblieben. So stellt Gottlieb Gaiser fest: “Überhaupt stellt sich die Frage, warum Bürger einen soziologischen Begriff entlehnt, wenn er ihn dann metaphorisiert und völlig unsoziologisch gebraucht” (ders., Literaturgeschichte und literarische Institutionen, Meitingen 1993, 53).
6
Helmut Hauptmeier, Siegfried J. Schmidt diskutieren in einem ganzen Kapitel diese Frage und geben Beispiele, welche literaturwissenschaftlichen Probleme mit verschiedenen Verfahren der Textanalyse gelöst werden können (dies., Einführung in die Empirische Literaturwissenschaft, Braunschweig, Wiesbaden 1985, 112-138). Als ein Beispiel sei hier nur meine Analyse des deutschen Verssystems genannt, der ein Textkorpus von über 24 000 Verszeilen zugrundeliegt (Achim Barsch, Metrik Literatur und Sprache. Generative Metrik zwischen Empirischer Literaturwissenschaft und Generativer Phonologie, Braunschweig, Wiesbaden 1991).
7
Vgl. Helmut Kreuzer, Veränderungen des Literaturbegriffs, Göttingen 1975.
8
“… nicht jeder Beliebige kann Literarhistoriker sein. Begabung wird erfordert, außer der wissenschaftlichen Fähigkeit ein reiches und empfängliches Herz, ein Gemüt mit vielen Saiten, das auf die verschiedensten Töne anspricht” (Emil Staiger, Die Kunst der Interpretation, München 1972, 10).
9
Vgl. Siegfried J. Schmidt, Der Kopf, die Welt, die Kunst, Wien 1993.
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