CEPA eprint 4201

Ist der Konstruktivismus selbstwidersprüchlich

Gadenne V. (2017) Ist der Konstruktivismus selbstwidersprüchlich. In: Kanzian C., Kletzl S., Mitterer J. & Neges K. (eds.) Realism – relativism – constructivism. De Gruyter, Berlin: 31–43. Available at http://cepa.info/4201
According to constructivism, the world we can know is a construction and it is not possible to gain knowledge about the world as it is in itself. This thesis of constructivism has been criticized as being self-refuting. It is discussed whether this criticism is sound. Constructivists have tried three ways in order to avoid self-refutation. It is argued that the first two ways are unconvincing. The third solution is tenable. However, at a closer look the third solution turns out as a moderate kind of realism since it gives up the central claim of constructivism.
Key words: Anti-realism, fallibilism, radical constructivism, self refutation, social/cultural constructivism
Gegenstand dieses Artikels ist ein spezielles Problem, das alle Auffassungen haben, die behaupten, dass die Wirklichkeit in einem bestimmten Sinne konstruiert sei. Das Problem ist seit langem bekannt und wird etwa so formuliert: Der Konstruktivismus baut eine Argumentation auf, deren Konklusion den Ausgangsannahmen widerspricht oder die zumindest mit den Ausgangsannahmen praktisch unvereinbar ist. Es wird also gegenüber dem Konstruktivismus der Vorwurf eines Selbstwiderspruchs erhoben. Im Folgenden möchte ich analysieren, ob der Vorwurf zu Recht besteht, und wenn ja, welche Bedeutung dies für die konstruktivistischen Auffassungen hat.
Das Argument, um das es geht, wurde gegen den radikalen Konstruktivismus zuerst von Hans Jürgen Wendel vorgebracht (Wendel 1990), und dann auch von einigen anderen Kritikern, in den letzten Jahren z. B. von Paul Boghossian (Boghossian 2013). Einige Konstruktivisten haben den Einwand diskutiert, am ausführlichsten hat dies Gerhard Roth getan (Roth 1994). Warum sollte man erneut auf diesen Kritikpunkt eingehen? Mein Grund dafür ist, dass mir vieles an diesem Einwand noch immer unklar erscheint, und ich meine, dass sich eine klärende Analyse lohnt.
Worin besteht das Problem dieses Selbstwiderspruchs genau? Und unter welchen Bedingungen entsteht es? Ich möchte zeigen, dass nicht jede konstruktivistische Auffassung dieses Problem aufwirft. Es entsteht nur dann, wenn zusammen mit der Idee der Konstruktion eine antirealistische These vertreten wird. Anders ausgedrückt, das Problem entsteht nur, wenn ein Konstruktivismus als Gegenposition zum Realismus aufgefasst wird, und dies muss nicht der Fall sein. Eine antirealistische Position findet man allerdings bei den Spielarten des Konstruktivismus, die Formulierungen wie die folgenden gebrauchen: Die Welt ist eine Konstruktion. Die Welt ist eine soziale Konstruktion. Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion des Gehirns. Nelson Goodman behauptete, die Sterne seien von uns “gemacht,” zwar nicht mit Händen, jedoch mit Worten (vgl. Goodman 1980). Und er fügte hinzu, er meine dies wörtlich. Er sprach auch ganz allgemein von “worldmaking” (Goodman 1978). Auch Hilary Putnam vertrat in einer bestimmten Phase seines Denkens eine antirealistische Auffassung, die er einmal durch die Formulierung ausdrückte: “Der Geist und die Welt erschaffen zusammen den Geist und die Welt.” (Putnam 1987, 1) Es empfiehlt sich an dieser Stelle zu präzisieren, was der Realismus behauptet. Ich verstehe unter dem Realismus eine erkenntnistheoretische Position, die sich in Form der beiden folgenden Annahmen zusammenfassen lässt:
R1: Die Existenz und die Beschaffenheit der Welt (Wirklichkeit, Realität) hängen nicht von menschlichen kognitiven Zuständen ab (und auch nicht von Sprache, Theorien und Werten). R2: Es ist möglich, und es ist in einigen Bereichen gelungen, Erkenntnisse über diese objektive (unabhängige, an sich existierende) Welt zu gewinnen.
Beide Thesen können missverstanden werden. R1 bestreitet natürlich nicht, dass Wahrnehmungen und Überzeugungen einen kausalen Einfluss auf die Welt haben. Gemeint ist vielmehr eine ontologische Unabhängigkeit: Steine, Bäume, Planeten und Moleküle existieren, auch wenn sie gerade nicht Inhalte unseres Wahrnehmens oder Vorstellens sind. Sein ist nicht Wahrgenommenwerden oder Gedacht- werden.
In Bezug auf R2 ist davon auszugehen, dass Erkenntnis oder Wissen im Sinne gerechtfertigter, jedoch fehlbarer Annahmen gemeint ist. So gut wie jeder, der heute einen erkenntnistheoretischen Realismus vertritt, ist Fallibilist, verzichtet also auf den Anspruch unfehlbarer Erkenntnis. Nun ist auch ein Skeptiker Fallibilist Ein Realist benötigt Erkenntnisprinzipien, die es gestatten, unter bestimmtem Bedingungen eine Annahme über die reale Welt als rational gerechtfertigt anzusehen. Man kann es z. B. als gerechtfertigt ansehen, eine Beobachtungsaussage zu akzeptieren, so lange es keine ihr widersprechenden Beobachtungen gibt. Wir können es als gerechtfertigt ansehen, eine Hypothese vorläufig zu akzeptieren, wenn sie sorgfältig geprüft wurde und diese Prüfungen bestanden hat.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, solche Prinzipien rationaler Erkenntnisgewinnung auszugestalten und zu präzisieren. Hier möchte ich zu dieser Frage nur zwei extreme Positionen erwähnen, die mit einem Realismus unvereinbar sind und zwischen denen ein Realismus angesiedelt sein muss. Das eine Extrem wäre eine Position, die als Kriterium für die Akzeptanz einer Aussage über die Realität verlangt, dass sie absolut sicher begründet werden muss. Ein Realismus, der dies verlangt, lässt sich gegen skeptische Einwände nicht verteidigen.
Das andere Extrem ist ein Fallibilismus, wie er von manchen kritischen Rationalisten vertreten wird, z. B. von David Miller (Miller 1994). Danach kann es niemals eine rationale Rechtfertigung dafür geben, eine Hypothese auch nur vorläufig als wahr zu akzeptieren. Auch gibt es danach niemals eine Rechtfertigung dafür, von zwei nicht widerlegten Hypothesen zu sagen, die eine sei glaubwürdiger als die andere.
Die Forderung nach absoluter Sicherheit ist zu stark, ein entsprechender Rechtfertigungsanspruch kann nicht eingelöst werden. Die völlige Ablehnung der Idee der Rechtfertigung von Aussagen über die reale Welt ist zu schwach für einen Realismus. Eine vertretbare realistische Position muss sich zwischen diesen Extremen bewegen.
Es ist nun fast immer R2, und nicht R1, das von konstruktivistischer Seite in Frage gestellt wird. Konstruktivisten verstehen ihre eigene Position als eine nicht metaphysische. R1 ist eine metaphysische These, und die Negation von R1 wäre ebenfalls eine metaphysische These. Vertreter eines Konstruktivismus behaupten daher nicht, dass es keine von unserem Wahrnehmen und Denken existierende Welt gäbe. Sie bestehen nur darauf, dass wir über eine solche unabhängige Welt nichts wissen könnten. Wir könnten nicht einmal mit Begriffen auf eine unabhängige Welt bzw. auf ihre Gegenstände referieren und daher nicht sinnvoll über sie sprechen. Damit wird R2 die folgende antirealistische These gegenüber gestellt:
::Antirealistische These: Es ist nicht möglich, Erkenntnisse über eine objektive (unabhängige, an sich existierende) Welt zu gewinnen
Dies wird auch oft so ausgedrückt, dass wir keinen kognitiven Zugang haben könnten zu den Dingen, wie sie an sich sind.
Nun sprechen wir aber doch über die Welt, machen Erfahrungen und erforschen sie. Doch diese Welt, die unserer Erfahrung und unserem Denken allein zugänglich ist, dies sei eine Welt, die durch unsere Sprache sowie durch fundamentale Theorien erst konstituiert oder konstruiert werde. In diesem Sinne betont z. B. von Glasersfeld, Begründer des radikalen Konstruktivismus, “dass unser rationales Wissen sich immer und ausschließlich auf die von uns konstruierte Wirklichkeit bezieht” (von Glasersfeld 1995, 42).
Warum verbindet der Konstruktivismus die Idee des Konstruierens mit einer antirealistischen These? Hierzu ist zunächst festzustellen, dass die beiden Ideen durchaus nicht notwendig miteinander verbunden sind. Von Konstruktion und Konstruktivismus kann auf eine Weise gesprochen werden, die erkenntnistheoretisch neutral oder jedenfalls nicht antirealistisch ist.
So wird z. B. der Begriff der Konstruktion oft nur verwendet, um auszudrücken, dass Kognition kein passives Aufnehmen von Sinnesreizen ist, wie es der ältere Empirismus annahm, sondern ein aktiver Prozess.
Das Ergebnis eines Wahrnehmungsvorgangs beispielsweise wird nicht nur durch die jeweiligen Sinnesreize bestimmt, sondern auch dadurch, was Personen wissen und erwarten. Und was Menschen nach einiger Zeit erinnern, entspricht oft nicht genau dem, was sie wahrgenommen haben, sondern ist nachweislich beeinflusst durch das, was sie für möglich und wahrscheinlich halten Metaphorisch gesprochen scheinen im menschlichen Gedächtnis nicht ganze frühere Wahrnehmungsinhalte aufbewahrt zu werden, sondern nur Spuren davon, Informationsbruchstücke, aus denen dann unter Verwendung des vorhandenen Wissens die jeweilige Erinnerung konstruiert wird. Wer so von Konstruktion spricht, kann es offen lassen, ob mentale Repräsentationen einen Wahrheitsanspruch erheben können oder nicht. Wahrnehmungen und Überzeugungen könnten, auch wenn sie in diesem Sinne Konstruktionen sind, reale Sachverhalte so erfassen, wie sie an sich sind.
Eine andere Verwendung des Begriffs der Konstruktion, die ebenfalls nicht antirealistisch ist, betrifft die “Konstruktion” sozialer Tatsachen, so wie sie in Teilen der Sozialwissenschaften und von manchen Philosophen wie z. B. Searle beschrieben wird (vgl. Searle 1997). Nach dieser Auffassung gibt es Gegenstände bzw. Tatsachen, deren Existenz davon abhängig ist, dass Menschen bestimmte Überzeugungen haben und in bestimmter Weise handeln. Hierzu gehört z. B., dass ein bestimmtes Stück Metall den Wert von einem Euro hat oder dass ein bestimmter Stein eine Landesgrenze markiert. Das Metallstück und der Stein existieren objektiv, unabhängig von Überzeugungen und Vereinbarungen. Die Euromünze und die Landesgrenze existieren aber nicht unabhängig davon, was Menschen glauben, beschlossen haben oder bezeugen können. Dennoch sind die Euromünze und die Landesgrenze real in dem Sinne, dass sie Wirkungen haben. Und die Tatsache, dass aus einem Metallstück eine Münze gemacht wird, ist nicht mit einem antirealistischen Gedanken verbunden.
Ein antirealistischer Konstruktivismus entsteht, wenn man den Konstruktionsprozess auf eine Weise auffasst, die ein Erkennen der realen Welt als zweifelhaft oder unmöglich erscheinen lässt. Dies ist z.B. der Fall, wenn der Konstruktionsprozess als etwas aufgefasst wird, das, zumindest teilweise, ohne unsere bewusste Absicht geschieht, und das wir niemals zur Gänze ergründen können. Durch den Konstruktionsprozess wird ein Ding an sich zu einem Erscheinungsding, aus der unabhängig von uns existierenden Welt wird die phänomenale Welt oder konstruierte Welt. Wie die phänomenalen Dinge beschaffen sind, hängt von unserem Erkenntnisapparat ab: nach Kant von unseren Anschauungsformen und Verstandeskategorien; nach heutiger konstruktivistischer Auffassung z. B. von der Art und Weise, wie das Gehirn aus elektrochemischen Ereignissen bewusste Wahrnehmungen und Gedanken konstruiert; oder davon, wie soziale Akteure durch den Gebrauch ihrer Sprache eine bestimmte Sicht von der Welt errichten und aufrechterhalten. Entscheidend ist hierbei die Annahme, dass die eine Seite in diesem Prozess uns prinzipiell unzugänglich ist• nämlich die Welt, wie sie an sich ist, noch nicht geprägt durch Begriffskategorien, grundlegende Theorien und Werte. Auf diese, unabhängige Welt einen Blick werfen zu wollen, das hieße, den “Gottesstandpunkt” einnehmen zu wollen. Die phänomenale, konstruierte Welt aber sei uns zugänglich, sie könne erforscht und beschrieben werden.
Eine andere Form eines antirealistischen Konstruktivismus entsteht, wenn über den Konstruktionsprozess angenommen wird, dass er durch Faktoren bestimmt wird, die einer Erkenntnis der realen Welt entgegen wirken. So könnte es z. B. sein, dass die Art und Weise, wie wissenschaftliche Lehrmeinungen entstehen und sich durchsetzen, erheblich durch Interessen und Machtverhältnisse beeinflusst wird. Ein Konstruktivismus, der zum Ziel hat, diese Einflüsse aufzudecken, kann dies mit der Annahme verbinden, dass es eine Illusion sei zu glauben, es könne so etwas wie objektive Wahrheit oder Erkenntnis im Sinne des Realismus geben.
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es auch aus realistischer Sicht allen Grund gibt, neurobiologische, psychologische und soziologische Studien zur Kenntnis zu nehmen Wenn man Realitätserkenntnis für möglich hält, ist es von großem Interesse zu wissen, welche psychologischen und sozioökonomischen Faktoren es gibt, die Erkenntnis fördern, oder aber behindern können. Nur wird man aus realistischer Sicht aus entsprechenden Studien nicht schließen, dass Realitätserkenntnis gänzlich unmöglich ist. Denn wenn man dies tun würde, dann würde daraus unmittelbar folgen, dass auch diese Studien keinerlei Erkenntniswert besitzen.
Damit sind wir bei dem besagten Selbstwiderspruchsproblem. Wenn man davon spricht, dass Wirklichkeit konstruiert würde, so setzt dies voraus, dass es Konstrukteure gibt. Als Konstrukteure werden meist Personen angesehen, die durch interaktives Handeln, insbesondere sprachliches Handeln, den Konstruktionsprozess vornehmen. Eine Ausnahme bilden in dieser Hinsicht diejenigen radikalen Konstruktivisten, nach deren Auffassung das Gehirn die Welt konstruiert. Hier sind also die konstruierenden Instanzen Gehirne, und der Konstruktionsprozess besteht aus neuronalen Vorgängen. Konstruktivistische Richtungen bemühen sich auch darum, ihre Annahmen über den Konstruktionsprozess zu belegen. Sie stützen sich unter anderem auf Resultate der Kultur- und Sprach‑wissenschaft, der Soziologie, der kognitiven Psychologie, der Neurowissenschaft und der Kybernetik.
Auf dieser Grundlage lässt sich nun der Vorwurf eines Widerspruchs folgendermaßen formulieren: Der Konstruktivismus macht eine Reihe von Aussagen über den Konstruktionsprozess, und er versucht auch, diese Aussagen zu belegen, er erhebt also den Anspruch, über den Konstruktionsprozess etwas zu wissen. Auf dem Weg über die Einsicht, wie Wirklichkeit konstruiert wird, gelangt der Konstruktivismus dann aber zu der antirealistischen These: Wir können über die reale (objektive, unabhängige) Welt kein Wissen erlangen. Den Konstruktionsprozess ist nun aber selbst Teil der Welt. Personen, ihr interaktives Handeln, Sprechakte, Gehirne, neuronale Prozesse sind ja Teil des Weltgeschehens. Unter diesen Umständen folgt aus der antirealistischen These, dass wir auch über den Konstruktionsprozess kein Wissen haben können. Genauer gesagt, wenn wir über die reale Welt nichts wissen können, dann können wir auch nicht wissen, dass Menschen durch ihre Sprache die Welt konstruieren; und wir können auch nicht wissen, dass das Gehirn die Welt konstruiert. Wir wissen dann ja nicht einmal, dass es Gehirne gibt, geschweige denn, wie diese funktionieren. Wenn aber der Konstruktivismus dabei bleibt, über den Konstruktionsprozess etwas zu wissen, dann verstrickt er sich in einen Widerspruch.
Aber vielleicht wird mit diesem Einwand dem Konstruktivismus aus realistischer Perspektive etwas unterstellt, das er gar nicht behauptet oder nicht notwendigerweise behaupten muss. Auf jeden Fall gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, es nicht zu einem Widerspruch kommen zu lassen. Allerdings muss man dann diskutieren, ob diese widerspruchsfreien Interpretationen den Konstruktivismus noch als eine überzeugende Auffassung erscheinen lassen.
Drei Lösungsmöglichkeiten, die naheliegend erscheinen, sind diese: Erstens kann man zugestehen, auch über den realen Konstruktionsprozess nichts wissen zu können. Zweitens kann man die antirealistische These auf einen Teil der Welt beschränken und den Teil der Welt, der den Konstruktionsprozess betrifft, von der These ausnehmen. Drittens kann man die antirealistische These so abschwächen, dass ein gemäßigter Wissensanspruch zugestanden wird.
Die erste Lösungsmöglichkeit besteht darin, dass der Konstruktivismus auch für die Aussagen, die er über den Konstruktionsprozess macht, keinen Wissensanspruch erhebt. Ein Autor, der von dieser Lösung Gebrauch macht und dies ganz deutlich ausspricht, ist z. B. der Sozialpsychologe Kenneth Gergen (Gergen 1999). Er legt zunächst ausführlich dar, wie im Alltag und in der Wissenschaft Wirklichkeit konstruiert wird. Dabei beruft er sich auf die Spätphilosophie Wittgensteins. Nach Gergen konstruieren die Menschen ihre Wirklichkeiten, indem sie Sprachspiele und Lebensformen entwickeln. Aus dieser Sicht sind Aussagen weder wahr noch falsch im Sinne des Realismus. Die Aussage “Die Erde ist rund und nicht flach” sei weder wahr noch falsch im Sinne einer Übereinstimmung mit dem, was real existiert. Es sei nur eben praktischer, das Sprachspiel “runde Erde” zu spielen, wenn wir z. B. mit dem Flugzeug von Kansas nach Köln fliegen. Das Sprachspiel “flache Erde” sei dagegen nützlicher, wenn wir uns innerhalb von Kansas selbst bewegen. Weiterhin sei es nicht schlechthin wahr, dass die Welt aus Atomen besteht. Doch sei das Atom-Sprachspiel in der Physik außerordentlich nützlich. Wir könnten auch mit vollem Recht sagen, dass der Mensch tatsächlich eine Seele besitzt, sofern wir uns innerhalb des Sprachspiels befinden, das man “Religion” nennt. Und auch der Ausdruck “Dies ist wahr” selbst macht nur Sinn innerhalb bestimmter Sprachspiele. Menschliche Gemeinschaften konstruieren sich jeweils ihre Welten. In einer solchen kann es Atome, eine Seele, Götter usw. geben oder auch nicht.
Dies hat nun für den Sozialkonstruktivismus eine enorme politische Konsequenz. Wenn man eingesehen hat, dass unsere Auffassungen nicht schlechthin wahr oder falsch sind, wird mit einem Male klar, dass wir die Freiheit besitzen, die Welt so oder so zu konstruieren. Und wenn jemand darauf beharrt, dass die Welt aber objektiv so oder so beschaffen sei, dann sollte man stets die Frage aufwerfen: Wem dient diese angeblich objektive Auffassung? Welche Interessen stehen dahinter? Und was wird durch die Beschreibung, die einige durchsetzen wollen, ausgelassen? (Gergen 1999, 39 f)
Im Schlusskapitel seines Buches stellt Gergen dann an die Leser die rhetorische Frage, ob er denn nun selber behaupten würde, dass all das wahr und gerechtfertigt sei, was er über soziale Konstruktion gesagt habe. Und er antwortet: nein; denn wenn er das behaupten würde, dann würde er ja genau den Fehler machen, den er den Realisten vorwerfe. Auch das, was er selbst über gesellschaftliche Konstruktionsprozesse ausgeführt habe, sei vorgebracht ohne Anspruch auf Wahrheit und Rechtfertigung. Begriffe wie “real,” “wahr,” “rational” und “gerechtfertigt” seien verzichtbar, und sie seien auch schädlich, denn sie würden dazu verwendet, Macht über andere auszuüben, den jeweils eigenen Standpunkt gegenüber anderen durchzusetzen, Dialoge abzubrechen und letztes Endes dazu, andere zu unterdrücken (Gergen 1999, 228 ff).
Was den letzten Punkt betrifft, so hängt Gergen, wie mir scheint, einem verbreiteten Missverständnis an, das wohl schwer zu beseitigen ist. Zwei Dinge werden hier verwechselt: 1) einen Wahrheitsanspruch zu erheben, und 2) den Anspruch zu erheben, selbst im alleinigen Besitz der Wahrheit und somit unfehlbar zu sein. Nur Letzteres ist geeignet, Dialoge zu beenden und andere Meinungen zu unterdrücken. Sobald wir Anderen das gleiche Recht zugestehen, ihre Behauptungen mit Wissensanspruch vorzubringen und für sie zu argumentieren, tritt das von Gergen beschriebene Problem gar nicht auf (Gadenne 2004, 176).
Aber kommen wir zurück auf die These Gergens, er würde auch für die eigenen konstruktivistischen Thesen keinen Anspruch auf Wahrheit und Rechtfertigung erheben. Was ist dann sein Ziel als Autor seines Buches? Sein Ziel sei es, die Leser einzuladen, an der gemeinsamen Konstruktion der Welt teilzunehmen, ohne dabei die anderen zu bevormunden. Der Konstruktivismus sei nicht eine Lehre, die beansprucht, wahr oder gerechtfertigt zu sein, er ähnele eher einer Einladung zum Tanz, zum Spiel, zum Gespräch oder zu einer Lebensform.
Doch warum sollte man dann dieser Einladung folgen? Schließlich gibt es auch andere Einladungen, gemeinsam die Welt zu verändern, darunter diejenigen von religiösen Fundamentalisten. Ist es aus konstruktivistischer Sicht beliebig, welcher Einladung man folgt?
Hierauf würde Gergen vermutlich erwidern, dass die von ihm vorgeschlagene Lebensform, im Unterschied zu vielen anderen, dazu geeignet sei, die Welt gerechter zu machen und das Leben der Menschen zu verbessern. Wenn er allerdings so argumentieren würde, dann hätte sein Argument nur dann Gewicht, wenn er für seine Prämissen einen Anspruch auf Wahrheit und Rechtfertigung erheben würde, und dies wäre inkonsistent mit seiner Lehre.
Ich habe diese Version des Sozialkonstruktivismus als Beispiel dafür genannt, das Selbstwiderspruchsproblem dadurch zu umgehen, dass man auch für die eigenen Aussagen über den Konstruktionsprozess keinen Wissensanspruch erhebt. Diese Lösung hat den Preis, dass sich der Konstruktivismus dadurch selbst jegliche argumentative Überzeugungskraft nimmt. Wenn es keinen Grund zu der Annahme gibt, dass sich die gesellschaftliche Konstruktion tatsächlich so vollzieht, wie es dargelegt wird, dann gibt es auch keinen Grund, irgendwelche Folgerungen daraus zu akzeptieren. Insbesondere fällt dann der Grund für die antirealistische These gänzlich weg.
Freilich kann man die antirealistische These dennoch akzeptieren, aus anderen Gründen oder ohne Gründe. Der Konstruktivismus wäre dann aber eine merkwürdige Erkenntnistheorie, die zunächst eine Geschichte erzählt, aus dieser gewisse Folgerungen zieht, um am Ende zuzugestehen, dass die anfängliche Geschichte gar nichts dazu beitragen kann, die Folgerungen als glaubwürdig zu erweisen. Auch wäre bei dieser Interpretation überhaupt nicht zu verstehen, warum manche Richtungen des Konstruktivismus ihre Besonderheit und das Neue an ihrem Ansatz darin erblicken, dass sie sich, im Unterschied zur traditionellen Erkenntnistheorie, auf die Wissenschaften zu stützen suchen, z. B. auf die Neurobiologie. Denn diese Wissenschaften können ja keine Stützung leisten, sobald angenommen wird, dass ihre Resultate keinen Rechtfertigungsanspruch erheben können.
Der zweite Lösungsvorschlag besteht darin, den Konstruktionsprozess aus dem Bereich herauszunehmen, über den gesagt wird, dass wir über ihn nichts wissen könnten. Man behauptet hier also z. B.: Über die reale Welt können wir nichts wissen, mit einer Ausnahme; wir können immerhin dies wissen, dass Personen ihre jeweilige Wirklichkeit konstruieren, und wie sie dies tun.
Hierbei kann man daran anknüpfen, dass sich viele Debatten über den Realismus ohnehin nur auf einen Teilbereich der Welt beziehen. Es gibt die Realismusdebatte über die Universalien, über mathematische Gegenstände oder über theoretische Entitäten. Nehmen wir z. B. die Kontroverse zwischen dem wissenschaftstheoretischen Realismus und dem Instrumentatlismus. Es ist widerspruchsfrei möglich, eine Position zu vertreten, die etwa Folgendes besagt: Wissenschaftler konstruieren durch ihre Aussagen, Formeln und Modelle solche theoretischen Entitäten wie Elementarteilchen oder physikalische Kräfte. Von diesen theoretischen Entitäten kann nicht sinnvoll behauptet werden, dass sie existieren. Sie spielen nur die Rolle von Konstrukten innerhalb von Theorien, die sich zum Zweck der Vorhersage und zum Erstellen von Technologien als erfolgreich erweisen können. Doch auch wenn Theorien großen Erfolg haben, wird nicht angenommen, dass ihre theoretischen Begriffe auf etwas Reales referieren.
Die Wissenschaftler selbst hingegen, ihre Handlungen, ihre Labors und Geräte werden hierbei als real aufgefasst, und es wird angenommen, dass es möglich ist, über deren Tätigkeit etwas zu wissen, z. B. indem man mit den Methoden der Soziologie und der Ethnomethodologie erforscht, wie Wissenschaftler ihre theoretischen Wirklichkeiten konstruieren.
Es scheint allerdings, dass die meisten Richtungen des Konstruktivismus diesen Lösungsweg nicht gehen können, da sie ihre antirealistische These durchaus nicht auf den Bereich der theoretischen Entitäten beschränken wollen, sondern sie auch auf die Welt des Erfahrbaren beziehen. Dann stellt sich aber das besagte Widerspruchsproblem erneut ein.
Der Konstruktivismus beispielsweise, der die Welt für eine Konstruktion des Gehirns hält, behauptet, dass wir nichts über die reale Welt außerhalb des Gehirns wissen könnten. Wenn dies zutreffen würde, so wäre es aber kaum zu begreifen, wie wir überhaupt wissen können, dass wir ein Gehirn haben und was sich darin abspielt. Es erscheint kaum durchführbar, das Wissen über das Gehirn von dem Wissen über die übrige Welt abzutrennen und Ersteres zu beanspruchen, Letzteres dagegen zu bestreiten.
Für einen Konstruktivismus, nach dem die Konstrukteure Personen sind, ergibt sich ein vergleichbares Problem. Nach dieser Auffassung sind die Entitäten im Bereich des Physischen, aber auch die im Bereich des Psychischen und des Sozialen gleichermaßen als konstruiert anzusehen, d. h. als etwas, von dem wir nicht annehmen dürfen, dass es real so existiert und so beschaffen ist, wie es uns erscheint und von uns beschrieben wird. Wenn also z. B. die Sozialwissenschaften davon sprechen, dass es soziales Handeln, soziale Rollen, soziale Positionen und Institutionen gibt, so muss all dies auf die konstruierte Wirklichkeit bezogen werden und nicht auf die reale Welt.
Diese Sicht müsste nun, gemäß dem zweiten Lösungsvorschlag, auf alle Bereiche der Welt angewendet werden, mit Ausnahme der Aussagen, die davon handeln, wie Personen Wirklichkeit konstruieren. Diese Aussagen hätten erkenntnistheoretisch einen Sonderstatus, sie wären so zu interpretieren, dass sie sich auf reale Personen und Konstruktionsprozesse beziehen.
Diejenigen Handlungen, die mit Konstruktionsprozessen zu tun haben, sind aber mit dem übrigen Handeln von Personen eng verbunden. Wie könnte es überzeugend begründet werden, dass wir über reales Konstruktionshandeln etwas wissen können, nichts dagegen über das reale übrige Handeln bzw. über die gesamte übrige soziale Realität. Allgemein kann man vermuten, dass dieser zweite Lösungsweg keine Aussicht auf Erfolg hat, wenn die Objekte und Ereignisse, die zum Konstruktionsgeschehen gehören, denjenigen ähnlich sind, von denen gesagt wird, dass wir über ihre reale Beschaffenheit nichts wissen könnten, oder wenn sie mit diesen verbunden sind. Letzteres dürfte aber fast immer der Fall sein.
Bei dem zitierten Beispiel des Instrumentalismus scheint die Unterscheidung zweier Bereiche, zu denen eine unterschiedliche erkenntnistheoretische Einstellung empfohlen wird, plausibler zu sein. Aber auch hier hat sich das Problem einer Abgrenzung als sehr hartnäckig herausgestellt. Wo genau verläuft die Grenze zwischen den beobachtbaren realen Dingen und den theoretischen Entitäten, von denen wir niemals gerechtfertigt urteilen dürfen, dass sie existieren? Wenn man zur Beobachtung Instrumente zulässt, so verschiebt sich die Grenze mit der technischen Entwicklung ständig, und es ist kaum abzusehen, wo sie künftig einmal liegen wird.
Lässt man andererseits nur die Beobachtung mit dem normalsichtigen Auge ohne technische Hilfsmittel zu, so erweist sich diese Abgrenzung als überaus willkürlich und problematisch. Danach wären z. B. kleine Lebewesen, die man zwar nicht mit bloßem Auge, doch sehr gut unter dem Mikroskop sehen kann, nicht als real einzustufen. Ist dies plausibel? Man versteht die Funktionsweise des Mikroskops so gut, dass es kaum begründet erscheint, die Wahrnehmung mit diesem Hilfsmittel erkenntnistheoretisch ganz anders zu interpretieren als die Wahrnehmung mit dem bloßen Auge. Im Einzelnen gibt es hierzu eine Menge an Abgrenzungsvorschlägen. Eingehend diskutiert worden ist derjenige von van Fraassen (1980), der Teil seines konstruktiven Empirismus ist, und der von instrumentalistischen Auffassungen übernommen werden könnte. Doch auch gegen diesen gibt es gewichtige Einwände. Alan Musgrave hat in den Ausführungen van Fraassens einen Widerspruch nachweisen können, der dem Widerspruch ähnlich ist, von dem dieser Vortrag handelt (vgl. Musgrave 1999, 116). Ich kann jedoch hier nicht weiter auf die Problematik der Interpretation wissenschaftlicher Theorien eingehen und komme zum allgemeinen Konstruktivismus zurück. Hierzu meine ich gezeigt zu haben, dass es sehr schwierig sein dürfte, den zweite Lösungsweg zu gehen und plausibel zu begründen, dass man über die Konstruktion der Welt etwas wissen kann, während man über die übrige reale Welt nichts wissen kann.
Ich komme nun zu dem dritten Lösungsversuch. Der Konstruktivismus könnte in Bezug auf das Konstruktionsgeschehen einen mäßigen Erkenntnisanspruch erheben, und die antirealistische These so abschwächen, dass sie mit diesem mäßigen Erkenntnisanspruch, vereinbar ist. Man kann etwa die antirealistische These so verstehen, dass sie sich nur gegen einen sehr starken Wissensanspruch richtet, etwa gegen eine Position, die eine völlig sichere Erkenntnis der Realität für möglich hält. Der Konstruktivismus könnte dann für sich selbst einen bescheideneren Wissensanspruch erheben und diesen auf die gesamte Realität einschließlich des Konstruktionsgeschehens beziehen.
Ein Autor, der diesen Weg beschritten hat, ist z. B. der Konstruktivist Gerhard Roth (vgl. Roth 1994). Ich weiß nicht, ob Roth diese Auffassung heute noch vertritt, aber das spielt für das Folgende keine Rolle. Wenn er sie nicht mehr vertritt, dann kann seine frühere Auffassung dennoch dazu dienen, diesen dritten Lösungsvorschlag zu illustrieren. Roth stellt in seinem Buch “Das Gehirn und seine Wirklichkeit” zunächst ausführlich dar, wie sich das menschliche Gehirn in der Evolution entwickelt hat, wie es funktioniert und wie im Detail die Prozesse aussehen, die an der Konstruktion der Wirklichkeit beteiligt sind. In den letzten Kapiteln des Buches geht er dann auf die philosophischen Probleme ein und wirft die Frage auf, ob denn nicht auch das Gehirn selbst bzw. der ganze Konstruktionsprozess, von dem das Buch handelt, nur der Erscheinungswelt angehört. Und er bejaht diese Frage: Das Gehirn und der Konstruktionsprozess, mit dem sich die Wissenschaft befasst, gehöre der Erscheinungswelt an, nicht der Realität. (Roth nennt die Erscheinungswelt auch die “Wirklichkeit,” im Unterschied zur Realität.) Das Erscheinungs-Gehirn könne nun aber nicht dasjenige sein, das die Konstruktion macht, stellt Roth weiter fest. Die Konstruktion mache vielmehr das reale Gehirn. Über dieses könnten wir aber nichts wissen.
Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus? Nachdem er das Problem lange hin und her gewendet hat, ringt sich Roth zu der Entscheidung durch, bedingt doch auch über das reale Gehirn bzw. den realen Konstruktionsprozess etwas aussagen zu können. Man dürfe die Aussagen über die Erscheinungswelt bedingt auf die Realität übertragen. Ein Konstruktivismus, der dies völlig bestreite, gehe zu weit, er sei zu radikal.
Wie soll man sich das näher vorstellen? Roth schreibt: “Obwohl erkenntnistheoretisch die Realität vollkommen unzugänglich ist, muss ich erstens ihre Existenz annehmen, um nicht in elementare Widersprüche zu geraten.” (Roth 1994, 321) Und er fährt fort, dass es auch erlaubt sei, sich Gedanken über die Beschaffenheit der Realität zu machen, und zwar zu dem Zweck, “die Phänomene in meiner Wirklichkeit besser erklären zu können. Ich darf nur keine objektive Gültigkeit hierfür beanspruchen.”
Roth fragt weiter, was er denn für die Aussagen in seinem Buch, die ja, wie er nun zugibt, auch vom realen Gehirn und realen Konstruktionsprozess handeln müssen, beanspruchen könne. Es sei nicht “objektive Gültigkeit,” sondern, “gehobene Ansprüche an Plausibilität und interne Konsistenz” (Roth 1994, 326).
Es wird leider nicht ganz klar, was in diesem Zusammenhang die Begriffe “objektive Gültigkeit” und “gehobene Ansprüche an Plausibilität” genau bedeuten. Aber wenn sie überhaupt etwas zur Problemlösung beitragen sollen, dann müssen sie wohl dazu dienen, so etwas wie einen bescheidenen Erkenntnisanspruch auch für Aussagen über die Realität zu erheben. Ich interpretiere sie so: Unter “objektiver Gültigkeit,” die für Roth nicht erreichbar ist, versteht er, dass eine Aussage in sehr hohem Maße gerechtfertigt ist, dass sie als sicher, oder als fast sicher gelten kann. Die Formulierung “gehobene Ansprüche an Plausibilität” meint dagegen etwas Schwächeres, etwa, dass es rational gerechtfertigt erscheint, eine Aussage vorläufig zu akzeptieren bzw. sie den konkurrierenden Hypothesen vorzuziehen. Als geeignete Rechtfertigungsgründe nennt Roth die Erklärungsleistung. Wenn eine Hypothese A, die sich auf die Realität bezieht, die Phänomene der Erscheinungswelt besser erklären kann, als eine andere Hypothese B, dann sei es gerechtfertigt, Hypothese A vorläufig vorzuziehen. Dies entspricht dem bekannten Prinzip, das man den Schluss auf die beste Erklärung nennt.
Wenn es so gemeint ist, dann resultiert daraus eine akzeptable Auffassung. Diese dritte Lösung erscheint überzeugender als die beiden ersten. Aber ist sie eigentlich von einer realistischen Position zu unterscheiden? Wenn aus konstruktivistischer Sicht ein Realismus in Frage gestellt werden soll, so wird diesem oft ein sehr hoher Erkenntnisanspruch unterstellt, wie es z. B. durch den Vorwurf ausgedrückt wurde, der Realismus würde meinen, er könne den Gottesstandpunkt einnehmen Dass sich ein derartiger Realismus als nicht haltbar erweist, ist klar. Doch wird er in neuerer Zeit von kaum jemandem vertreten. Heutige realistische Positionen sind in der Regel mit einer fallibilistischen Auffassung von Erkenntnis verbunden. Als Kriterium für die gerechtfertigte Akzeptanz einer Aussage wird nicht ihre völlige Sicherheit verlangt, sondern etwas Schwächeres, z.B., dass die Aussage nach bestimmten Regeln geprüft wurde und der Prüfung bisher standgehalten hat. Wenn Realismus so verstanden wird, dann würde sich ein Konstruktivismus, wie ihn Roth vorschlägt, von einem fallibilistischen Realismus gar nicht unterscheiden – jedenfalls nicht in dem Punkt, der den Wissensanspruch über die Realität betrifft.
Wenn der Konstruktivismus diesen dritten Lösungsweg aber nicht akzeptiert, dann bleibt es bei der grundlegenden Differenz hinsichtlich der Realitätser‑kenntnis. Der Realismus hält sie für möglich, der Konstruktivismus bestreitet sie kompromisslos. Dann bleibt es allerdings dabei, dass der Konstruktivismus mit dem aufgezeigten Widerspruchsproblem weiterhin konfrontiert ist, für das es meines Erachtens im Rahmen der konstruktivistischen Annahmen keine plausible Lösung gibt.
Literatur
verzeichnis
Boghossian, Paul (2013): Angst vor der Wahrheit. Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Gadenne, Volker (2004): Philosophie der Psychologie. Bern: Huber.
Gergen, Kenneth J. (1999): An Invitation to Social Construction. London: Sage.
Glasersfeld, Ernst von (1995): “Die Wurzeln des ‚Radikalen’ am Konstruktivismus.” In: Fischer, Hans R. (Hg.): Die Wirklichkeit des Konstruktivismus. Heidelberg: Auer, 35-45. Wendel, Hans J. (1990): Moderner Relativismus. Tübingen: Mohr Siebeck. http://cepa.info/1464
Goodman, Nelson (1978): Ways of Worldmaking. Indianapolis: Hackett Publishing.
Goodman, Nelson (1980): “On Starmaking.” In: Synthese 45, 211-215.
Miller, David (1994): Critical Rationalism: A Restatement and Defence. Chicago: Open Court.
Musgrave, Alen (1999): Essays an Realism and Rationalism. Amsterdam: Rodopi.
Putnam, Hilary (1987): The Many Faces of Realism. La Salle: Open Court.
Roth, Gerhard (1994): Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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van Fraassen, Bas (1980): The Scientific Image. Oxford: Clarendon Press.
Wendel, Hans J. (1990): Moderner Relativismus. Tübingen: Mohr Siebeck.
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