#aufschrei: Strukturanalyse einer Ad-Hoc-Öffentlichkeit

Axel MairederStephan Schlögl (Uni Wien

PANEL 1A | FR 14:00 – 15:30 | Ort: IPK Seminarraum 2 (Untergeschoss)

Öffentlichkeit besteht aus einer Vielzahl von Kommunikationssphären, die jeweils unterschied­liche Rahmen zur Diskussion öffentlicher Themen bereit stellen. Diese Sphären lassen sich hinsichtlich ihrer Offenheit, sozialer Rollenstruktur, und ihrer gesellschaftlichen Relevanz unterschieden, wie dies Gerhards und Neidhards (1993) mit ihrer Differenzierung in ‚Encounter’-, Versammlungs- und Massenmedien-Öffentlichkeit vorschlagen. Eine andere Unterscheidung kann hinsichtlich der jeweils verhandelten Themen erfolgen, wie im Konzept der ‚Teilöffentlichkeiten’ oder ‚publics’ (Gruning & Hunt, 1984), das insbesondere in den Public Relations Anwendung findet. Die Verknüpfung der verschiedenen Sphären öffen­tlicher Kommunikation fand lange Zeit (fast) ausschließlich über Massenmedien, und die von ihr hergestellte gesamtgesellschaftliche Sphäre der nationalen (politischen) Öffentlichkeit, statt.

Internetkommunikation erleichtert die Entstehung von Teilöffentlichkeiten, da sich Menschen mit ähnlichen Interessen, ungeachtet räumlicher und materieller Einschränkungen, kommuni­kativ zusammenfinden können. Gleichzeitig werden diese Kommunikations­sphären vielfach dichter und dauerhafter miteinander verknüpft. Denn jeder einzelne Blogger, Twitter-, oder Facebook-Nutzer trägt durch seine Kommunikationspraxis zur Verteilung von Information in der Netzöffentlichkeit bei, und fungiert damit als ‚Knoten’ in den Kommunikations­netz­werken, bzw. als ‚Brücke’ zwischen unterschiedlichen Sphären öffentlicher Kommunikation (vgl. Benkler, 2006; Anderson, 2010; Simone, 2010). Diese Verknüpfungen können, parallel zur massenmedial hergestellten Öffentlichkeit, als zentral für die Funktion moderner Demokratien gelten (vgl. Dahlgren, 2005).

Die Frage nach horizontalen und vertikalen Verknüpfungen unterschiedlicher Sphären öffen­tlicher Kommunikation steht im Mittelpunkt einer Analyse der #aufschrei Debatte von Jänner 2013. Innerhalb von 24 Stunden hatte sich damals aus der Twitter-Konversation einiger weniger Nutzer (in Folge eines Stern-Artikels zum aufdringlichem Verhalten des FDP-Politikers Rainer Brüderle gegenüber einer jungen Journalistin) eine breite nationale Debatte rund um Sexismus in der Gesellschaft entwickelt. Der Hashtag #aufschrei fungierte dabei zugleich als signifikantes Symbol für den aufkeimenden Diskurs, als auch als soziotechnisches Ordnungssystem innerhalb Twitter. Den so geschaffene Kommunikationsraum #aufschrei verstehen wir als ‚Ad-hoc’-Öffentlichkeit (Bruns & Burgess, 2012), als kurzfristiges, offenes und thematisch konzentriertes soziales Interaktionssystem. In unserer Analyse fragen wie nach der Entwicklung dieser ‚Ad-Hoc’-Öffentlichkeit im Verhältnis zu langlebigeren sozialen Kommunikations­strukturen (Teilöffentlichkeiten), und der Verknüpfung verschiedener Öffentlichkeits-Ebenen, in den ersten 24 Stunden nach der erstmaligen Nutzung des Hashtags.

Durch die Eindeutigkeit des Hashtags konnten wir über die Twitter-API alle entsprechend markierten Tweets identifizieren und speichern, als auch erweiterte Informationen zu allen beteiligten Nutzer einholen. Auf dieser Datenbasis führten wir eine Reihe von Netzwerk- und Timeline-Analysen (vgl. Bruns & Stieglitz, 2012) durch, unter anderem eine Clusteranalyse (Pons & Latapy, 2005) in den Followee-Netzwerken der beteiligten Nutzer, mit dem Ziel jene ‚stabileren’ Teilöffentlichkeiten zu identifizieren in denen über #aufschrei kommuniziert wurde.

In einer nach diesen Clustern differenzierten Analyse der Nutzeraktivität über die Zeit (Tweets pro Stunde) können wir zeigen, wie sich #aufschrei schon in den Nachtstunden des frühen 25. Jänner von einer Konversation zwischen Nutzern in einer als ‚Feminismus-Nahe’ identifizierten Community zu einer breiten Diskussion mehrerer Teilöffentlichkeiten (vor allem die von uns auf Basis der Top-Nutzer der Cluster als ‚Piraten’, ‚Rot-Grüne Politik’ und ‚Österreich’ bezeichneten Cluster) ausgeweitet hat, und am nächsten Morgen schließlich weiter diffundierte. Der Vergleich mit den in den Tweets vertretenen Standpunkten zu Sexismus und zur Debatte selbst (auf Basis einer klassischen Inhaltsanalyse für eine Teilstichprobe) zeigt zudem, wie sich die ursprüngliche Bedeutung des Hashtags (Kommunikation über persönliche Sexismus-Erfahrungen) gewandelt hat, und wie dieser Wandel mit der Aktivität unterschiedlicher Cluster zusammenhängt.

Hinsichtlich der Verknüpfung unterschiedlicher Öffentlichkeitsebenen zeigt sich, dass die am Vormittag einsetzende Berichterstattung — durchaus überraschend — keinen erkennbaren unmittelbaren Effekt auf die Beteiligung an der Diskussion auf Twitter hatte, auch wenn von Twitter vielfach auf Massenmedien verlinkt wurde. Mit der zunehmenden Zahl und Heterogenität (auf Basis der Followee-Beziehungen) der Beteiligten, und der Inklusion der in Blogbeiträgen und journalistischen Kommentaren dargelegten Meinungen, differenziert sich die Diskussion auf Twitter jedoch aus.

Im Call zur Tagung ist von den ‚Artefakten’ sozialer Kommunikationsprozesse die Rede, deren Analyse neue Erkenntnisse zur Struktur öffentlicher Kommunikation ermöglicht. Unsere Forschung zeigt einige Möglichkeiten auf, Digital Methods für das Verständnis der Entwicklung thematisch konzentrierter Interaktionssysteme in der Netzöffentlichkeit zu nutzen. Gleichzeitig zeigt unsere Analyse, wie vielschichtig diese Entwicklungen verlaufen, wie sich kurzlebige Sphären öffentlicher Kommunikation innerhalb stabilerer sozialer Kommunikationssysteme ausdifferenzieren, wie die Verknüpfungen zwischen Akteuren die Diffusion von Information und die Aushandlungsmuster öffentlicher Themen mitprägen.

Anderson, C. (2010). Journalistic Networks and the Diffusion of Local News: The Brief, Happy News Life of the “Francisville Four”. Political Communication, 27(3): 289–309.
Benkler, Y. (2006). The Wealth of Networks: How Social Production Transforms Markets and Freedom. New Haven and London: Yale University Press.
Bruns, A. & Burgess, J. (2012). Researching News Discussion on Twitter: New Methodologies. Journalism Studies, 13(5-6): 801–814.
Bruns, A. & Stieglitz S. (2013). Towards more systematic Twitter analysis: metrics for tweeting activities. International Journal of Social Research Methodology, 16(2): 89-108.
Dahlgren, P. (2005). The Internet, Public Spheres, and Political Communication: Dispersion and Deliberation. Political Communication, 22(2): 147–162.
Gerhards, J. & Neidhart F. (1993). Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit. In Langenbucher, W. R. (Eds.), Politische Kommunikation (S. 52-88). Vienna: Braumüller.
Grunig, J. & Hunt T. (1984). Managing Public Relations. New York: Holt, Rinehart and Winston.
Pons, P., & Latapy, M. (2005). Computing communities in large networks using random walks. http://arxiv.org/abs/physics/0512106
Simone, M. (2010). Deliberative Democracy Online: Bridging Networks With Digital Technologies. The Communication Review, 13(2): 120–139.
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