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Digital Methods: Innovative Ansätze zur Analyse öffentlicher Kommunikation im Internet

Tagtäglich werden unzählige Mitteilungen auf Twitter, Facebook und in Foren abgesetzt, Blogbeiträge und Webseiten veröffentlicht, Fotos, Videoclips und Dokumente über unterschiedliche (stationäre und mobile) Geräte hochgeladen, bewertet, verlinkt und geteilt. Verstanden als Artefakte sozialer Kommunikationsprozesse, liegt in der Analyse dieser digitalen Objekte und ihrer Relationen zueinander ein immenses Potenzial für reichhaltige Erkenntnisse zu Struktur und Kultur der Gesellschaft, insbesondere öffentlicher Kom­munikationsprozesse. Dabei stellen sich für die Sozial­wissenschaften zahlreiche neue theo­retische, methodologische, forschungspraktische und ethische Herausforderungen.

Die Kommunikationswissenschaft erscheint für diese Auseinandersetzung prädestiniert. Zum einen beschäftigt sie sich seit Jahrzehnten mit medienvermittelter, zuletzt auch com­puter­­vermittelter, Kommunikation, zum anderen werden in den Daten Indikatoren für jene sozialen Prozesse manifest, die für den Kernbereich kommunikationswissenschaftlicher Theorie­bildung maßgeblich sind: die Entwicklung von Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung.

Tatsächlich befassen sich inzwischen zahlreiche kleinere und größere Forschungsprojekte mit der Analyse der Artefakte sozialer Kommunikation im Internet. Dabei werden sowohl daten­intensive quantitative Methoden angewandt, die auch für die Kommunikationspraxis von zunehmender Bedeutung sind (z.B. im Datenjournalismus oder Web Monitoring), als auch qualitative, zum Beispiel medienethnographische Zugänge oder semantische Analysen. Diese Zugänge können als ‚Digital Methods’ zusammengefasst werden, als Methoden der empirischen Erforschung digitaler Kommunikation.

Die Kommunikationswissenschaft ist eine Sozialwissenschaft, die sich insbesondere im Prozess der Öffnung neuer Forschungsfelder an Ideen verschiedenster Disziplinen orientiert. Gerade bei der Entwicklung und Anwendung neuer Forschungsstrategien zur Analyse digitaler Kommunikation ist eine verstärkt interdisziplinäre Ausrichtung geboten, da es Prozesse zu beobachten gilt, die mit den in der Auseinandersetzung mit Massen­kommunikation entwickelten Zugängen kaum zu fassen sind. Informatik, Informations­wissenschaft, Linguistik, Medienwissenschaft, und viele mehr erscheinen geeignet, um Inspiration und Orientierung für die Auseinandersetzung mit öffentlichen Kommuni­kations­prozessen im Internet zu finden.

Mit der Tagung ‚Digital Methods’ wollen wir ein Forum für die Auseinandersetzung mit den neuen  Forschungsstrategien und ihren Implikationen schaffen. Dabei wenden wir uns explizit auch an WissenschaftlerInnen anderer Disziplinen, um gemeinsam möglichst breite Perspektiven auf wissenschafts- und sozialtheoretische Kontexte, methodologische Herausforderungen, methodische Umsetzungen sowie ethische Fragestellungen rund um ‚Digital Methods’ zu gewinnen:

  • Wissenschaftstheoretische & methodologische Grundlagen: Wie können wir die Artefakte und ihre Analyse wissenschaftstheoretisch fassen? Welche Aussagen über die soziale Welt können wir durch eine Analyse digitaler Objekte machen? Wie prägen die für Datenaufbereitung und –analyse oftmals erforderlichen technischen Hilfsmittel unsere Erkenntnisse? Welche Herausforderungen stellen sich bei der Interpretation von Ergebnissen von Datenanalysen?
  • Sozial- und kommunikationstheoretische Diskussionen: Wie können wir die Artefakte digitaler Kommunikation sozial- und kommuni­kationstheoretisch fassen? Welche sozialen Bedeutungsmuster sind in den digitalen Ob­jekten repräsentiert? Welche traditionellen kommunikations­wis­sen­schaftlichen Mo­delle und Theorien erweisen sich im Rahmen von mit ‚Digital Methods’ bearbeiteten Frage­stellungen als fruchtbar bzw. wie müssen wir sie dazu adaptieren?
  • Methodische Herausforderungen: Worauf gilt es bei der Aufbereitung und Analyse von Daten zu achten? Wie lassen sich Grundgesamtheiten definieren und Stichproben ziehen? Welche Analysemethoden eignen sich für welche Form von Forschungsfragen? Wo stößt das bestehende Methoden­arsenal an Grenzen und wie können diese Grenzen überwunden werden? Welche interdisziplinären Ansätze können hier gewinnbringend sein? In welchem Ver­hältnis stehen klassische sozialwissenschaftliche Methoden (z.B. Medien­inhalts­analyse) zu ‚Digital Methods’? Wie können ‚alte’ und ‚neue’ Methoden kombiniert werden?
  • Anwendungen in der Sozialforschung: Für welche konkreten Fragestellungen eignen sich diese neuen Forschungsansätze? Welche Erkenntnisse wurden mit ‚Digital Methods’ gewonnen und welche Heraus­forderungen waren dabei zu meistern?
  • Anwendungen in der Kommunikationspraxis: Wie werden ‚Digital Methods’ in der Kommunikationspraxis, z.B. dem Journalismus (Datenjournalismus) oder der Markt- und Meinungsforschung (Social Media Moni­toring/Web Crawling) angewandt? Welche Herausforderungen stellen sich bei Digital Methods im Spannungsfeld angewandter Kommunikationsforschung? Welche Geschäfts- und Berufsfelder entwickeln sich hier?
  • Forschungsethische Reflexionen: Welche ethischen Herausforderungen gilt es in der Analyse der Artefakte sozialer Kom­munikation im Internet zu beachten, z.B. im Spannungsfeld privater, semi-öffentlicher und öffentlicher Kommunikation? Dürfen wir alle zugänglichen Daten nutzen? Wie sollten wir mit Daten umgehen, wie sollten wir sie sichern?