Erfahrungsbericht als behinderte Studentin an der Universität Wien

Ich heiße Anna Rokop und studiere Ernährungswissenschaften an der Universität Wien. Ich habe von Geburt an eine seltene Behinderung, die primär den Bewegungsapparat betrifft.

Die Schulzeit – Integration als Lernprozess

Heute wohne ich in Wien, aber Volksschule und Gymnasium habe ich im Burgenland besucht, wo ich herkomme. In der Volksschule wurde ich unterstützt, denn meine Behinderung war nicht unbekannt. Bereits mein Großvater – er hatte dieselbe Behinderung – ging in diese Schule und wurde damals sehr gefördert. Er durfte die Bürgerschule besuchen, wodurch er einen damals für ein „Arbeiterkind“ ungewöhnlich hohen Bildungsgrad erreichte. Dadurch bekam er einen Job als Landesbeamten und konnte sein Leben vollkommen selbstständig gestalten. Auch meine Mutter war in dieser Volksschule und hatte keine Schwierigkeiten wegen ihrer Behinderung. Sie konnte sich beruflich in einer „Männer- Domaine“ behaupten.

Im Gymnasium ging es mir leider anders. Sogar noch im Maturajahr musste ich mir von einem Lehrer sagen lassen, er versteht nicht, warum ich mir den Stress antue, wo ich es mir doch in einer Behindertenwerkstätte so gut gehen lassen könnte. SchülerInnen sollten meiner Meinung nach den Umgang mit Krankheit und behinderten Menschen lernen. Nicht nur aus diesem Grund bin ich für Integrationsklassen. Ich finde, LehrerInnen und DirektorenInnen sollten es als ihre Aufgabe sehen, hier einen positiven Beitrag zu leisten.

nach oben

„Behinderungen“ im Studenten- Alltag

Mein Studium habe ich im Jahr 2000 aus Interesse am Fach begonnen. Ursprünglich wollte ich im Chemielabor arbeiten, am liebsten in der Forschung. Daher haben ich und ein paar interessierte Mitschülerinnen bereits in der 8. Klasse mit unserem Chemielehrer nachmittags geübt. Auch bei den Praktika war ich ziemlich gut, trotz meiner verformten Hände. Relativ kurz vor Abschluss des Studiums hatte ich eine unvorhergesehene gesundheitliche Verschlechterung. Jetzt schaffe ich die Laborarbeit nicht mehr und musste die Kurve Richtung Bürojob kratzen, was meine Aussichten einen Job zu bekommen deutlich verschlechtert. Natürlich habe ich in den Ferien bisher nur Labor- Praktika gemacht. Daher bin ich auch über mein „Praktikum“ beim Diversity Management sehr froh und dankbar. Gerade mit einer Behinderung sind Praktika wichtig, um einemR potentiellen ArbeitgeberInn zu zeigen, dass man es schafft. Ich denke, dieses Praktikum wird mir sehr weiterhelfen.

Im Studienalltag wird meine Behinderung meist ignoriert. Dank einer Reihe negativer Erfahrungen aus anderen Lebensbereichen bin ich meist froh darüber. Zum Glück brauche ich selten Hilfe von ProfessorenInnen bzw. Studierenden. Es wäre mir sehr unangenehm, darum zu bitten.

Da mir längeres Gehen und Tragen schwer fallen, sind Bibliotheksbesuche für mich „sportliche Hochleistungen“. Bisher war mir das egal, aber jetzt, beim Schreiben meiner Diplomarbeit, fällt dies doch – wortwörtlich - schwer ins Gewicht. Irgendwie ist es mir schon unangenehm, wenn ich meinen Partner anrufen muß, damit er mich von der U-Bahn Station abholt, nur weil mir das Büchertragen wieder einmal zu schwer geworden ist.

nach oben

Langzeitstudentin

Über die Befreiung von den Studiengebühren bin ich sehr froh, auch wenn etwas mehr Information darüber sinnvoll wäre. Das ist eine wichtige Förderung, denn mit Behinderung ist es sehr schwer, einen Job zu finden und die Chancen steigen durch eine gute Ausbildung deutlich. Auch viele Toleranzsemester sind wichtig. Ich brauche etwa die doppelte Mindeststudiendauer. Das – in Kombination mit der Angst, keinen Job zu finden - schlägt sich schon manchmal aufs Selbstvertrauen. Auf der anderen Seite bin ich stolz, überhaupt so weit gekommen zu sein.

nach oben

Informationsbedarf

An der Uni brauche ich selten Hilfe. Als ich sie einmal doch benötigte, bekam ich sie nicht. Von der Existenz eines/einer Behindertenbeauftragten wusste ich nichts. Der Zuständige bei der ÖH war unerreichbar. Andere behinderte Studierende waren genauso ratlos wie ich. Der Studienrichtungsvertretung hätte ich damals nicht zugetraut, mir helfen zu können. Ich ging dann zum SPL, der war äußerst bemüht, aber hatte natürlich auch nicht das nötige Hintergrundwissen. Ein Freund hat aus demselben Grund sein Studium abgebrochen. Hier sollte noch einiges getan werden.

nach oben

Fazit

Unterm Strich bin ich sehr froh studieren zu können, auch wenn es nicht immer so einfach ist. Es bringt viele wunderschöne Erfahrungen mit sich und die Hoffnung auf einen erfüllenden Job. Ich empfehle jedem behinderten Menschen, der gesundheitlich dazu in der Lage ist, dies auch zu versuchen und nicht vorschnell aufzugeben.

nach oben

© Diversity Management - Universität Wien | Universitätsring 1 | A-1010 Wien
XHTML 1.0 transitional
DiM Header

SUCHE:

  Impressum | Home
Stand: 27.07.2009
Schriftgrad: größer kleiner