Bericht über Erfahrungen als schwerhörige Studentin der Studienrichtung Psychologie

Ich studiere seit Oktober 2001 Psychologie an der Uni Wien.
Nach einer Mumps- und kurz darauf folgender Scharlacherkrankung im Alter von 7 Jahren bemerkten meine Eltern erstmals meine Schwerhörigkeit. Mehrere Untersuchungen an der Wiener Universitätsklinik ergaben, dass  ich an einer progressiven Innenohrläsion (betroffen sind beide Ohren) leide. Von 1988 bis 2000 sank mein Hörvermögen bei hohen Tönen dramatisch auf über 80% an. Bei tieferen Tönen ist mein Hörvermögen besser erhalten, jedoch auch erheblich eingeschränkt, sodass eine akustische Kommunikation ohne Hörgeräte undenkbar wäre. Gott sei Dank ist der Hörverlust seit 2001 praktisch stehen geblieben. Eine Verschlechterung wäre mit Hörgeräten nur mehr schwer auszugleichen. Es wäre schon jetzt ein Cochlea-Implantat induziert, aber mit den neuen Hörgeräten, die ich seit 2006 habe, komme ich Gott sei Dank ganz gut zurecht. Die Schulzeit habe ich mit Hilfe von (damals modernen) Hörgeräten und dem Wissen der LehrerInnen und MitschülerInnen um meine Schwerhörigkeit problemlos gemeistert.

Im Studium haben sich Probleme mit der Schwerhörigkeit insofern bemerkbar gemacht, dass ich meine selbst verfassten Mitschriften praktisch vergessen konnte: selbst wenn ich in der ersten Reihe saß, entgingen mir wichtige Informationen. Gott sei Dank hatte ich immer die Möglichkeit, mit Hilfe von Büchern und Skripten Prüfungen zu bestehen. Bei Vorlesungen, wo Mitschriften Grundlage für die Prüfung sind, hätte ich sonst keine Chance gehabt. Die Internetforen www.psychoforum.at und www.skriptenforum.net waren mir während meines Studiums eine große Hilfe. Außerdem erhielt ich von StudienkollegInnen wertvolle Informationen.

Gegen Ende des ersten Abschnitts bekam ich eine technische Unterstützung für die Hörgeräte: die MicroLink-Anlage besteht aus einem Sender (Mikrofon) und zwei (für jedes Hörgerät einer) Audioschuhen, die an die Hörgeräte aufgesteckt werden und als Empfänger fungieren. Der Schall wird somit direkt ins Ohr geleitet und bringt eine deutliche Verbesserung der akustischen Qualität. Der Sender sieht aus wie ein kleines, digitales Diktiergerät, ist aber keines. Dieses Mikrofon sollte möglichst nahe an der sprechenden Person platziert werden. Es gäbe auch die Möglichkeit, dass sich der Sprecher/die Sprecherin das (kleine) Gerät umhängt. Die Reaktion auf meine Bitte an einen Vortragenden, das Gerät umzuhängen, war die Gegenfrage, ob es nicht reicht, wenn ich mich in die erste Reihe setze – Umhängen schien aus irgendwelchen Gründen auch immer Unbehagen auszulösen. Ich begnügte mich, das Gerät in der ersten Reihe aufzustellen, immerhin brachte dies doch eine deutliche akustische Verstärkung. Ich habe danach keine weiteren Vortragenden gebeten, das Mikrofon umzuhängen.
In Seminaren beispielsweise, wo viel diskutiert wird und der/die LV-Leiter(in) nur moderiert, würde es nicht viel bringen, wenn er/sie das Mikrofon bei sich hat – in diesem Fall ist es besser, das Gerät möglichst zentral im Raum (eben immer bei meinem Sitzplatz) hinzustellen. Ich habe dann die Erfahrung gemacht, dass LV-LeiterInnen nach meinem Hinweis, was das für ein Gerät ist, kein Problem damit haben und ich davon akustisch deutlich profitieren konnte. Bevor ich dieses Gerät bekam, habe ich Beteiligungen an Diskussionen vermieden, da ich meist nicht einmal die Frage richtig gehört habe, geschweige denn die einzelnen Beiträge. Inzwischen fehlen mir nur noch zwei Prüfungen und die Diplomarbeit.

Dank der technischen Unterstützung (Hörgeräte, MicroLINK, Induktionsschleife von Nokia – leider sind nicht alle Handys kompatibel, aber immerhin) kann ich ein ziemlich „normales“ Leben führen. Die MikroLink kann auch an technische Geräte wie TV-, Radio- oder Stereoanlage angesteckt werden, was sich für mich sehr positiv ausgewirkt hat.
Davor war ich froh, dass manche TV-Kanäle (ORF, 3SAT, ARD) bei manchen Sendungen Untertitel anbieten, Gott sei Dank werden es auch immer mehr. Seit ich die MicroLINK habe, kann ich auch Sendungen wieder mitverfolgen, die keine Untertitel haben. Schließlich gibt es immer wieder auch im Hinblick aufs Studium interessante Dokumentationen oder Diskussionen, und es wäre schade, aufgrund der Schwerhörigkeit nichts davon mitzubekommen.

Ich wünsche allen gehörlosen und schwerhörigen Studierenden viel Mut und Optimismus – es gibt immer einen Weg! Es ist leider nicht immer einfach, aber ich bin zuversichtlich, dass wir in der Zukunft Fortschritte und Verbesserungen zu erwarten haben.

© Diversity Management - Universität Wien | Universitätsring 1 | A-1010 Wien
XHTML 1.0 transitional
DiM Header

SUCHE:

  Impressum | Home
Stand: 10.04.2008
Schriftgrad: größer kleiner