KATHOLISCH-THEOLOGISCHE FAKULTÄT
Mirja Kutzer
FRAGENÜBERSICHT
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"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM WISSENSCHAFTLICHEN TÄTIGKEITSBEREICH
- Wie werden "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich definiert?
- Welche Bedeutung haben "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich?
- Welche problematischen Aspekte haben diese Definition/ Bedeutung von Vielfalt Ihrer Meinung nach?
"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM ARBEITSUMFELD
- Inwiefern spielen Vielfalt und Diversität in Ihrem Arbeitsumfeld eine Rolle (in Ihrem Team oder auch in Kooperationen)?
- Auf welche Schwierigkeiten im Umgang mit Vielfalt sind Sie persönlich in Ihrem Arbeitsumfeld gestossen?
Kurzlebenslauf Mirja Kutzer
FRAGEN & ANTWORTEN
"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM WISSENSCHAFTLICHEN TÄTIGKEITSBEREICH
- Wie werden "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich definiert?
Begriffe wie „Vielfalt“, „Diversität“ oder „Pluralität“ sind in der Theologie wichtige und zum Teil aufgeladene Begriffe, die mitten hinein führen in die Probleme von Theologie als Wissenschaft sowie in offene Fragen konkreter Kirchenpolitik.
Eine große Rolle spielen sie einerseits in einer Theologie der Religionen, die sich mit der Vereinbarkeit von unterschiedlichen Wahrheitsansprüchen der verschiedenen Religionen befasst. Die sogenannte "pluralistische Religionstheologie" proklamiert offensiv eine Vielfalt von Geltungsansprüchen, die alle Religionen gleichermaßen berechtigt erheben können – was derzeit nicht als mögliche katholische Position gilt.
Daran schließt sich die Debatte um den innerchristlichen Dialog an: Der einen Kirche, die als von Christus gestiftet geglaubt wird, steht eine tatsächliche Vielfalt der Konfessionen gegenüber und forciert die Frage, wie damit umzugehen ist. Hier wurde in jüngerer Zeit der Begriff der „versöhnten Verschiedenheit“ ins Spiel gebracht, der ein gegenseitiges Tolerieren und Anerkennen der verschiedenen Konfessionen anzielt.
Dieselbe Frage nach möglicher Vielfalt begegnet innerhalb der katholischen Kirche in der Diskussion um die Gestaltung der konkreten Ortskirchen weltweit: Wie viel eigener, nicht-zentralisierter Spielraum wird ihnen zuerkannt (etwa in der Liturgie) und wie kann der Glaube in den unterschiedlichen kulturellen Kontexten authentisch gelebt und ausgesagt werden?
Immer wieder begegnet in diesen Debatten „Pluralismus“ auch als negativ besetzter Begriff: Eine Akzeptanz von Verschiedenheit wird als Beliebigkeit, als Bedrohung der eigenen Identität und letztlich als Abfall vom Glauben gewertet.
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- Welche Bedeutung haben "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich?
Als Dogmatikerin beschäftige ich mich mit dem Glauben der Kirche. Kurz gesagt: Was glaubt die Kirche und warum glaubt sie es.
Da es dabei immer auch um Geltungsansprüche, um „Wahrheit“ geht, ist eine Akzeptanz von Vielfalt einerseits heikel, da Vielfalt der „einen“, „unteilbaren“ Wahrheit generell entgegenzulaufen scheint. Der Gegenpol zur Diversität ist schnell formuliert: Eine Wahrheit, eine Kirche. Doch habe ich es als Theologin keineswegs mit der einen Wahrheit zu tun, die am Besten noch in „wahren Sätzen“ verpackt vor mir läge.
Allein schon die Bibel kennt eine Fülle verschiedener Gottesbilder und, Hand in Hand damit, Interpretationen von Welt. Diese entstammen verschiedenen sozio-kulturellen Kontexten, reagieren auf historisch bestehende Diskurse und bieten ihrerseits mit Autorität ausgestattete Weltdeutungen und Identifikationsmöglichkeiten an.
Dogmatik zu betreiben heißt damit zunächst, diese Vielfalt wahrzunehmen und zu interpretieren. Die Vorstellung einer monolithischen Wahrheit wird zudem dadurch gesprengt, dass es keineswegs nur um Rekonstruktion oder Rückgewinnung des Historischen geht. Dogmatik stellt vor allem die Frage nach dem Glauben an Gott und der Interpretation von Welt und Mensch heute im Lichte dessen, was die Glaubensgemeinschaft überliefert. Dass dies immer ein Prozess der Übersetzung ist, der bei allen Bemühungen um Treue zum Ursprung Unterschiedenheit impliziert, ist eine hermeneutische Binsenweisheit.
In der gegenwärtigen Situation, in der die hegemonialen Diskurse immer weniger christlich geprägt sind, steht dieser Prozess der Übersetzung vor neuen Herausforderungen. Als Theologien stehe ich damit immer an einem Kreuzungspunkt: Ich habe mich mit der eigenen Tradition auseinanderzusetzen, die keineswegs mit einer Stimme spricht, wie ebenso mit einer Vielfalt teilweise konkurrierender Weltdeutungen und Handlungsoptionen. Theologie zu betreiben heißt dabei auch, einer Vielfalt nicht neutral beschreibend gegenüber zu stehen, sondern Kriterien zu entwickeln. So sind die biblisch-christlichen Textwelten zwar vielfältig, aber keineswegs ohne Konstanten. Sie bestimmen die Deutungen von Welt und Mensch zwar nicht total, strukturieren sie aber. Sie lassen einerseits verschiedene Interpretationen zu, machen andere aber unmöglich. Die Dogmen im engeren Sinn – also formulierte Glaubenssätze, auf die sich die kirchliche Gemeinschaft oft in zähem Ringen verständigt hat – sind letztlich Versuche, die Grenzen dieser Vielfalt zu benennen – wobei ihre Formulierung kaum je die Diskussionen beendet hat.
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- Welche problematischen Aspekte haben diese Definition/ Bedeutung von Vielfalt Ihrer Meinung nach?
Wenn ich oben ein Spannungsfeld beschreibe, zeigt dies die möglichen Aporien an. Die Verneinung der Diversität wäre Fundamentalismus: Es gäbe nur eine Wahrheit, und vor allem auch eine autoritäre Instanz, die über sie verfügt. Wissenschaftliche Theologie wäre damit überflüssig. Religionsunterricht verkäme zum Katechismusunterricht. Einem interreligiösen wie innerchristlichen Dialog fehlten die Grundlagen. Wenn dies von verschiedenen innerkirchlichen Seiten immer mal wieder gefordert wird, so zeigt dies die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Theologie, die im Offenhalten der Vielfalt auch die Möglichkeit der (kirchlichen) Selbstkritik garantiert.
Jegliche Form von Selbstkorrektur wäre aber auch dann ausgeschlossen, wenn eine neutrale Diversität angenommen würde. Nicht nur, dass damit jegliche Suche nach Wahrheit (und sei sie noch so unvollkommen und vorläufig) verabschiedet wäre. Auch der Appellcharakter der biblisch-christlichen Texttradition, der nicht nur auf den Glauben, sondern immer auch auf konkretes Handeln zielt, setzt der Diversität Grenzen. Zum Beispiel: Eines der großen Themen des christlichen Glaubens ist die Befreiung – sei es als Befreiung von sozialer Ungerechtigkeit, eingefahrenen Denkschemata oder inneren Zwängen. Befreiend kann der Glaube aber nur sein, wenn er nicht sofort mit bestehenden Diskursen und eigenen Vorstellungen verrechnet wird. Die Erzählungen vom Paradies, dem Reich Gottes, der Völkerwallfahrt zum Zion, der Freiheit der Kinder Gottes sind Entwürfe von Gegenwelten, die die Welt, in der wir leben, je neu auf den Prüfstand stellen und zu verändertem Handeln auffordern. Glaube ist deshalb von der Ethik nicht zu trennen, aber auch nicht von der Gemeinschaft als dem Ort, an dem über diese Texte gesprochen wird und (gemeinschaftsbezogene) Handlungsoptionen entwickelt werden. Diversität im Sinne des anything goes würde dagegen bedeuten, die Notwendigkeit eines solchen Dialogs abzustreiten bzw. zu verneinen, dass die Aufforderung dazu aus dem eigenen Glauben heraus besteht.
Für mich als Theologin heißt, eine Vielfalt in Grenzen anzunehmen, zunächst und vor allem auch mich selbst immer wieder von eigenen lieb gewonnenen Vorstellungen zu verabschieden.
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"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM ARBEITSUMFELD
- Inwiefern spielen Vielfalt und Diversität in Ihrem Arbeitsumfeld eine Rolle (in Ihrem Team oder auch in Kooperationen)?
Die Theologie ist vom Gegenstandsbereich wie ebenso von der Methodik ein sehr vielfältiges Fach. Entsprechend verschieden arbeiten die Wissenschafter/innen an der Fakultät – mit literaturwissenschaftlichen und archäologischen Methoden in den Bibelwissenschaften, mit juristischen im Kirchenrecht, mit qualitativ und quantitativ empirischen Methoden in der Pastoraltheologie. Von Studierenden wird dabei vielfach beklagt, dass die einzelnen Fächer so unabhängig voneinander arbeiten, dass der Zusammenhang in der Lehre kaum mehr ersichtlich wird.
Vielfältig sind auch die Möglichkeiten der interdisziplinären Anknüpfung. Ich selbst arbeite im Themenfeld Literatur und Theologie. Stark vertreten ist am Institut für Dogmatische Theologie der Austausch mit der bildenden Kunst – durch eine Wechselausstellung (die SCHAU!), zu der in regelmäßigen Abständen Symposien oder Werkstattgespräche stattfinden. An ihnen nehmen Wissenschafter/innen aus verschiedenen Bereichen Teil – etwa der Kunstgeschichte, der Philosophie, der Mathematik, der Neuro-Psychologie. Als wichtige Komponente im Fakultätsbetrieb kommt hinzu, dass die Theologie auch einen kirchlichen Auftrag hat, der die Ansprüche an die Wissenschafter/innen vielfältiger macht. Etwa tritt neben den wissenschaftlichen Diskurs ein hohes Engagement im Bereich der Erwachsenenbildung und ein großer Stellenwert von Publikationen auch für ein allgemein theologisch interessiertes Publikum.
Schließlich ist unser Fakultätsbild stark davon geprägt, dass Diözesen weltweit ihre Priester zur Ausbildung hierher schicken. Überhaupt hat sich die Wiener Katholisch-Theologische Fakultät in den letzten Jahren als Ausbildungsstätte für Studierende aus Osteuropa, aber auch Afrika und Asien etabliert. Dies bringt ein Stück Welt(kirche) in ihren vielen Facetten nach Wien.
Gegenwärtig stellt sich aber auch das Problem, wie mit der Vielfalt an unterschiedlichen Vorbildungen umzugehen ist und die Qualität der Ausbildung gesichert werden kann.
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- Auf welche Schwierigkeiten im Umgang mit Vielfalt sind Sie persönlich in Ihrem Arbeitsumfeld gestossen?
Eines der heikelsten Themen in der theologischen Wissenschaft ist die Frage nach der Freiheit der Forschung. Meine Arbeit als Theologin ist daran gebunden, dass ich mich in Forschung und Lehre im Rahmen der kirchlichen Lehre bewege.
Dies hat zur Folge, dass an mich gerade im interdisziplinären Bereich immer wieder die Meinung herangetragen wird, dies schränke die Vielfalt der Forschung ein und Theologie arbeite deshalb nicht wissenschaftlich.
Neben dieser Forderung nach mehr Vielfalt habe ich es umgekehrt ebenso mit der Forderung nach stärkerer Eindeutigkeit zu tun. In einer pluralen Welt soll Theologie Orientierungswissenschaft sein – als Rettungsanker für den verunsicherten Einzelnen oder als Notfallhilfe für einen diagnostizierten Werteverlust.
Kaum muss noch gesagt werden, dass ich diese vielfältigen und teils konträren Erwartungen nicht einfach erfüllen kann. Dennoch muss ich sie natürlich wahrnehmen und je neu eine theologisch verantwortete Position formulieren.
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