FAKULTÄT FÜR MATHEMATIK
Christoph Baxa
FRAGENÜBERSICHT
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"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM WISSENSCHAFTLICHEN TÄTIGKEITSBEREICH
- Wie werden "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich definiert?
- Welche Bedeutung haben "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich?
- Welche problematischen Aspekte haben diese Definition/ Bedeutung von Vielfalt Ihrer Meinung nach?
"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM ARBEITSUMFELD
- Inwiefern spielen Vielfalt und Diversität in Ihrem Arbeitsumfeld eine Rolle (in Ihrem Team oder auch in Kooperationen)?
- Auf welche Schwierigkeiten im Umgang mit Vielfalt sind Sie persönlich in Ihrem Arbeitsumfeld gestossen?
Kurzlebenslauf Christoph Baxa
FRAGEN & ANTWORTEN
"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM WISSENSCHAFTLICHEN TÄTIGKEITSBEREICH
- Wie werden "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich definiert?
Das (in Österreich) meist diskutierte Thema in diesem Zusammenhang ist in der Mathematik wohl der Anteil der Frauen an den Lehrenden bzw. StudentInnen.
Der Frauenanteil bei den Lehrenden ist in der Mathematik in den deutschsprachigen Ländern sehr niedrig, z.B. im Vergleich zu den romanischen Ländern. Bei den Studierenden wendet sich der überwiegende Teil der Studentinnen dem Lehramt zu, viele davon vermutlich in der Hoffnung, dadurch später Familie und berufliche Tätigkeit vereinbaren zu können.
In anderen Ländern stellt sich außerdem in wesentlich stärkerem Maß die Frage nach dem Anteil verschiedener ethnischer Gruppen, z.B. der Afroamericans oder der Hispanics in den USA.
Durch den Beitritt zur EU ist es für Staatsangehörige anderer europäischer Länder deutlich leichter geworden, an einer österreichischen Universität zu lehren. In der Mathematik hat sich der Zuzug ausländischer Wissenschaftler aus dem nichtdeutschsprachigen Ausland bis jetzt aber in Grenzen gehalten, vermutlich wegen lang bestehender Traditionen und der nicht leicht zu überwindenden Sprachbarriere.
In den letzten Jahren studieren vermehrt Kinder aus Zuwandererfamilien Mathematik (insbesondere aus dem ehemaligen Jugoslawien, aber auch aus der Türkei und anderen Ländern). Sollte dieser Trend anhalten, wird sich längerfristig vermutlich auch die Frage nach der ethnischen Zusammensetzung der Lehrenden stellen.
Österreich als kleines Land mit nur wenigen Universitäten kann durch eine stärkere Durchmischung inländischer Lehrender und StudentInnen mit denen aus dem europäischen (und nichteuropäischen) Ausland sehr viel gewinnen. Eine wissenschaftliche Abschottung wäre in einem Fach wie Mathematik fatal. Daraus ergibt sich naturgemäß, daß man Auslandsaufenthalte schon bei den Studierenden fördern sollte, es sollte allerdings darauf geachtet werden, daß derartige Aufenthalte nicht zur reinen Pflichtübung verkommen, sondern auch mit Inhalt erfüllt sind.
Mathematisches Talent zeigt sich meistens schon in jungen Jahren und Spitzenmathematiker erzielen ihre besten Resultate üblicherweise vor ihrem 30. Geburtstag. Durch intensivere Förderung begabter Jugendlicher könnte man jungen Menschen helfen, ihre Fähigkeiten früher zu entwickeln und dadurch die mathematische Forschung und Kultur entscheidend stärken.
Zwar gibt es in der Mathematik so gut wie keine differierenden Lehrmeinungen (und schon gar keinen Schulenstreit), infolge des starken Wachstums der Mathematik im 20. Jahrhundert (sowohl in die Breite als auch in die Tiefe) gibt es unter Mathematikern aber sehr wohl gravierende Auffassungsunterschiede darüber, welche Fragestellungen interessant sind (und daher vorrangig bearbeitet werden sollten) und welche es nicht sind.
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- Welche Bedeutung haben "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich?
Ich bin davon überzeugt, daß Frauen, die als Mathematikerin an einer Universität Karriere machen wollen, sich wesentlich größeren Problemen gegenübersehen als Männer. Es dürfte aber nicht einfach sein, diesem Problem auf befriedigende Weise zu begegnen. Quotenregelungen werden vom männlichen Nachwuchs leicht als unfaire Bedrohung erlebt, stellen aber auch für viele Nachwuchsforscherinnen, die Wert darauf legen, ihren Erfolg ihren Leistungen zu verdanken, keine wirklich befriedigende Lösung dar. (Darüber hinaus ist es eine nichttriviale Aufgabe, eine faire Quote festzulegen: Soll man in einem Fach, in dem geschätzte 15 % der Absolventen weiblich sind, eine Quote von 40 % anstreben? Weiters machen solche Quoten in kleinen Gesamtheiten wenig Sinn: Verlangt man, daß mindestens 40 % von 3 Personen eine bestimmte Eigenschaft haben, so müssen offenbar mindestens zwei der drei Personen diese Eigenschaft besitzen.) Ich persönlich verspreche mir viel von der Vorbildwirkung erfolgreicher Forscherinnen für den weiblichen Nachwuchs, leider sind diese dünn gesät.
In Zeiten knapper Resourcen ist es von entscheidender Bedeutung, wer über die Macht verfügt, festzulegen, welche Fragestellungen interessant und daher förderungswürdig sind. Ich habe manchmal den Eindruck, daß vielen, die universitäre Forschung gemanagt sehen wollen, die von der Natur der Sache vorgegebenen Grenzen nicht bewußt sind. Was damit gemeint ist, sei anhand eines bewußt extrem gewählten Beispiels gezeigt:
Daß eine wissenschaftliche Revolution durch langfristiges Management herbeigeführt wird, ist zwar nicht auszuschließen, es erscheint mir aber wahrscheinlicher, daß eine derartige Umwälzung durch zu genaue Planung (und den dadurch bevorzugten eher konservativen Ansätzen) verhindert wird.
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- Welche problematischen Aspekte haben diese Definition/ Bedeutung von Vielfalt Ihrer Meinung nach?
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"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM ARBEITSUMFELD
- Inwiefern spielen Vielfalt und Diversität in Ihrem Arbeitsumfeld eine Rolle (in Ihrem Team oder auch in Kooperationen)?
Der Frauenanteil in meinem Spezialgebiet (der Zahlentheorie) ist in Österreich sehr gering. Ich habe natürlich regelmäßig Kontakt mit KollegInnen aus dem Ausland und es gehört für mich zu den schönen Seiten meiner Tätigkeit, Menschen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichem Hintergrund kennenzulernen, die mein Interesse an der Mathematik teilen. Andererseits glaube ich, daß Faktoren wie Herkunft oder Geschlecht keinen allzu großen Einfluß auf Qualität oder Art der Forschung einer Mathematikerin oder eines Mathematikers haben. Es ist vermutlich wesentlich wichtiger, ob ein junges Talent in einem Umfeld bzw. einer Kultur aufwächst, das die Beschäftigung mit der Mathematik fördert bzw. in der es eine lebende wissenschaftliche Tradition auf diesem Gebiet gibt.
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- Auf welche Schwierigkeiten im Umgang mit Vielfalt sind Sie persönlich in Ihrem Arbeitsumfeld gestossen?
Die Frage, ob junge Mathematikerinnen an der Universität faire Karrieremöglichkeiten vorfinden, ist stark emotional besetzt und ich weiß aus eigener Erfahrung, daß eine Bemerkung, die man selbst für ausgewogen und vernünftig hält, von einer Kollegin als aggressiv oder diskriminierend empfunden werden kann.
Das Hauptproblem mit der Förderung von Jugendlichen, die in Mathematik oder ähnlichen Fächern begabt sind, ist meines Erachtens, daß die Öffentlichkeit ihr gleichgültig (oder sogar ablehnend) gegenübersteht. Wünschenswert - aber in näherer Zukunft wohl nur ein Wunschtraum - wäre eine Gesellschaft, die sich mit im eigenen Land erbrachten Leistungen in der Grundlagenforschung identifiziert.
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