FAKULTÄT FÜR PHYSIK
Markus Arndt

FRAGENÜBERSICHT

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"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM WISSENSCHAFTLICHEN TÄTIGKEITSBEREICH

  1. Wie werden "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich definiert?

  2. Welche Bedeutung haben "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich?

  3. Welche problematischen Aspekte haben diese Definition/ Bedeutung von Vielfalt Ihrer Meinung nach?

"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM ARBEITSUMFELD

  1. Inwiefern spielen Vielfalt und Diversität in Ihrem Arbeitsumfeld eine Rolle (in Ihrem Team oder auch in Kooperationen)?

  2. Auf welche Schwierigkeiten im Umgang mit Vielfalt sind Sie persönlich in Ihrem Arbeitsumfeld gestossen?

 Kurzlebenslauf von Markus Arndt



FRAGEN & ANTWORTEN

"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM WISSENSCHAFTLICHEN TÄTIGKEITSBEREICH

  1. Wie werden "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich definiert?

    Ich glaube nicht, dass Diversität ein fachspezifisches physikalisches Thema ist – nicht etwa wie in der Biologie die „Artenvielfalt“. Man könnte evtl. eher sagen, dass es in der Physik darum geht, aus der Vielfalt der Erscheinungen und Beobachtungen auf die Grundprinzipien und die Grundbausteine der Natur zurück zu schließen.

    Was mich bis heute erstaunt ist z.B. die Vielfalt der möglichen Interpretationen der Physik, in meinem Bereich insbesondere der Quantenphysik. Der Formalismus ist absolut eindeutig und allgemein unumstritten. Dasselbe gilt für alle mathematischen Vorhersagen von Experimenten – wenn sie auf richtiger Datenbasis aufbauen. Kurioserweise sind aber Begriffe wie Realität, Wellenfunktion, Zufall, Kollaps der Wellenfunktion, Einfluss des Bewusstseins, Quantentheorie und Information schon fast weltanschauliche Begriffe, die von diversen Forschergruppen sehr unterschiedlich interpretiert werden.

    Überall da wo die Physik an die Grenzen der Geisteswissenschaften stößt, wo Begriffe verwendet werden, die nicht operationell verifizierbar sind, sehe ich diese Diversifizierung. Die Definition der Geschwindigkeit kann in wenigen Buchstaben auf Papier geschrieben und im Labor mit einfachen Mitteln nachvollzogen werden.
    Für die weltanschaulichen Grundlagen der Experimente gibt es diese Regeln nicht. Es gibt durchaus Versuche ‚Realität’ operationell zu definieren. Und wenn man eine Definition fixiert und akzeptiert, kann man darauf basierende Schlüsse eindeutig nachvollziehen. Aber eine Definition von Realität ist bei weitem nicht so universell akzeptiert wie z.B. die der Geschwindigkeit.
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  2. Welche Bedeutung haben "Vielfalt" bzw. "Diversität" in Ihrem wissenschaftlichen Tätigkeitsbereich?

    Diese Offenheit der Interpretation der Theorien macht tatsächlich einen großen Teil des Reizes und der Motivation für die Forschung aus. Es treibt uns oft die Frage, ob man experimentell der einen oder anderen Anschauung ein Fundament verleihen kann. 
    Es gibt ausserhalb meines eigenen Forschungsbereiches – aber innerhalb der Physik – z.B. viele populärwissenschaftliche Bücher über die „Theory of Everything“ oder „die große Vereinheitlichung“, womit man oft in der bescheidenen Variante meint, dass man die vier bekannten Grundkräfte der Physik auf ein gemeinsames Prinzip zurückführen könnte und in der weniger bescheidenen Variante man von der „Weltformel“ spricht. Ich halte das persönlich für ein enorm interessantes Arbeitsprogramm, weil es die Forschung vorantreibt und hilft, Struktur in unser Weltverständnis zu bringen. So ein Ziel klingt aber auch irreführend, weil es ganz offensichtlich nie so sein wird, dass man mit einer handvoll Buchstaben an der Tafel die Natur wird erklären können. Wir leben einfach in einer komplexen Welt, die wir nur im Detail verstehen können, wenn wir uns auch die Mühe machen, alle Details zu berücksichtigen.
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  3. Welche problematischen Aspekte haben diese Definition/ Bedeutung von Vielfalt Ihrer Meinung nach?

    Die Definition von Diversität ist in der Physik eher unproblematisch. Und auch die Vielfalt der Forschungsansätze und  Interpretationen empfinde ich eher als stimulierend. Und oft gelingt es doch, aus der Vielfalt der Vorhersagen durch Messungen zu einer gemeinsam akzeptierten Erkenntnis zu kommen.  Das ist ein Vorteil der Physik gegenüber den Geisteswissenschaften: Viele Streitfragen lassen sich einfach experimentell entscheiden.

    Da Physiker auch Menschen sind, gibt es durchaus auch die Bildung von Gruppen. Und auch Physikergruppen unterliegen der ganz gewöhnlichen Gruppendynamik, die auch zur vorübergehenden kompetitiven Abgrenzung gegen andere Gruppen führt. Aber das erfreuliche an der Physik ist, dass ein experimentelles Resultat sich langfristig gegenüber der eingefahrenen Gruppendynamik durchsetzt, wenn eine Meinung durch ein Experiment entscheidbar wird.   Man kann zwar angesichts mancher historischer Beispiele überrascht sein, wie lange es dauert, bis eine neue experimentelle Erkenntnis sich durchsetzt, aber sie setzt sich schließlich durch. Die Natur ist der objektivste Schiedsrichter für viele Fragen der Weltanschauung.
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"VIELFALT" UND "DIVERSITÄT" IM ARBEITSUMFELD

  1. Inwiefern spielen Vielfalt und Diversität in Ihrem Arbeitsumfeld eine Rolle (in Ihrem Team oder auch in Kooperationen)?

    In meiner Gruppe arbeiten wir an „molekularer Quantenoptik“ und „Quantennanophysik“. Die etwas komplexen Namen für unser Team beinhalten auch schon die Diversität der Teilbereiche, die zusammenspielen und auch zusammen „spielen“. Wir verwenden z.B. Methoden aus der Quantenoptik, der physikalischen Chemie, der Oberflächenphysik und der Spektroskopie von Biomolekülen. Es verbinden sich eher philosophische Fragen mit sehr technologischen Aspekten der Nanophysik und der Molekülphysik.
    Dementsprechend brauchen wir in unserem Team auch Experten aus verschieden Bereichen mit unterschiedlicher Vorbildung. Einer unserer Postdocs hat einen starken Hintergrund in physikalischer Chemie, ein anderer kommt ursprünglich aus der reinen Quantenoptik, wieder ein anderer aus der Oberflächenmikroskopie und die Vierte ist mit all den verschiedenen Methoden zugleich bei uns hineingewachsen.

    Für die Forschung ist es wichtig, oft das Umfeld und die Mitarbeiter zu wechseln, um die Augen für neue Erkenntnisse und Arbeitsweisen offen zu halten. Ich selbst habe alle 2-4 Jahre mein Forschungsfeld gewechselt oder um völlig  neue Komponenten erweitert. Das ist durchaus kompatibel damit, dass man zugleich bestimmte fundamentale Fragestellungen viel langfristiger, vielleicht sogar ein ganzes Leben lang verfolgt.
    Die Diversität der Kollegen ist durchaus ein Reiz in der Arbeit. Jeder unserer Postdocs kommt aus einem anderen Land, und auch bei den Doktoranden gibt es eine gute Mischung. Jeder hat einen anderen persönlichen Arbeitsstil und persönliche Stärken. Das ist interessant und fast täglich ein wenig so, als ob man im Urlaub wäre.
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  2. Auf welche Schwierigkeiten im Umgang mit Vielfalt sind Sie persönlich in Ihrem Arbeitsumfeld gestossen?

    Die Unterschiedlichkeit der persönlichen Hintergründe im Team kann schon einmal zu Missverständnissen führen, was die wechselseitigen Erwartungen aneinander betrifft. Da gibt es durchaus kulturelle/regionale Unterschiede, die man erst erkennen muss, dann aber auch leicht berücksichtigen kann. Ein „interkulturelles Training“, wie es bei manchen Firmen professionell angeboten wird, wäre tatsächlich auch für die Forschung wertvoll.
    Eine Voraussetzung ist natürlich auch, dass alle die gleiche Sprache sprechen, weswegen wir uns oft auf Englisch in den Gruppendiskussionen verlegen. Meiner Erfahrung nach ist die Kreativität aber am höchsten in der jeweiligen Muttersprache der Mitarbeiter. Um diese Barriere zu reduzieren, ermutigen wir neue Mitarbeiter zu Deutschkursen und die österreichischen Kollegen zu weiteren Englischkursen.
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Stand: 04.05.2007
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