Barbara Hager, gehörlose StudentIn der Psychologie und Vorstands-Mitglied des VÖGS (Verein Österreichischer Gehörloser StudentInnen) beschreibt die Situation gehörloser Studierender an der Universität Wien.
Was bedeutet es für dich, gehörlos zu sein?
Für mich bedeutet es, einer eigenen Kultur, der Gehörlosen-Kultur, anzugehören. Wir benutzen alle die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS), um uns zu unterhalten.
Gehörlos zu sein, heißt, die Gebärdensprache zu beherrschen und die Gehörlosen-Kultur zu verstehen. Es ist nicht mit "Taubheit" gleichzusetzen. Alle Gehörlosen haben eine Hörbeeinträchtigung, aber für die Gehörlosen-Gemeinschaft ist nicht wichtig, wie viel sie hören oder nicht hören können. Für "CoDA" (Child of Deaf Adult), also Hörende Kinder gehörloser Eltern, ist die Gehörlosenkultur beispielsweise auch wichtig. Es gibt immer mehr Hörende, die die ÖGS (Österreichische Gebärdensprache) benutzen.
Die ÖGS ist in Österreich eine eigene anerkannte Sprache. Sie hat eine eigene Grammatik, man muss sie genauso erlernen, wie jede andere Fremdsprache. Für viele Gehörlose ist Deutsch wie eine Fremdsprache.
In der Gehörlosen-Gemeinschaft sind alle gleich und Kommunikation funktioniert barrierefrei. Wir haben unsere eigenen Witze, die Menschen, die die ÖGS nicht benutzen, nicht verstehen können.
Die Gemeinschaft stärkt uns, wir fühlen uns dort aufgehoben und in unseren Bedürfnissen ernst genommen. Wir wissen, dass wir alle aufgrund unserer Gehörlosigkeit immer wieder mit ähnlichen Situationen konfrontiert sind: Zum Beispiel, dass wir in einer Gruppe Hörender einem Gespräch nur schwer folgen können, sei es in Sitzungen, in Gesprächen unter Studierenden oder auch in einem Geschäft.
Wir unternehmen viel gemeinsam, betreiben gemeinsam Sport. Viele Gehörlose reisen sehr gerne, um internationale Gehörlose zu treffen.
Warum gibt es derzeit so wenige gehörlose Menschen an den österreichischen Hochschulen?
Es gibt derzeit aus unterschiedlichen Gründen sehr wenige gehörlose Studierende in Österreich: Gehörlose werden teilweise in der Schule zu wenig gefördert. Deswegen müssen viele, um die Matura zu schaffen, einen extrem hohen Aufwand betreiben. Weil deutsch für sie wie eine Fremdsprache ist, müssen gehörlose SchülerInnen die Inhalte sehr oft wiederholen, um sie zu verstehen. An der Universität ist es für Gehörlose schwierig, sich die wissenschaftliche Sprache anzueignen.
Darüber hinaus beschränkt sich die Berufsinformation für Gehörlose in vielen Fällen auf Lehrberufe und Fachschulen.
Jedoch haben sich schon einige Gehörlose bis zur Matura, dann auch bis zu den Hochschulen (Universitäten, Akademien, Fachhochschulen) durchgesetzt. Laut der Matura- und Studiumsumfrage des VÖGS (Verein Österreichischer Gehörloser Studierender) im Jänner 2005 haben 11 Gehörlose einen Hochschulabschluss und 25 aktiv Gehörlose studieren derzeit österreichweit an diversen Hochschulen. An der Universität Wien sind momentan 8 gehörlose Studierende inskribiert.
Der VÖGS geht davon aus, dass es noch viele schwerhörige und gehörlose Studierende an österreichischen Hochschulen gibt, die sich nicht an der Umfrage beteiligt haben.
Auf welche Barrieren stossen gehörlose Studierende an der Universität?
Eine große Barriere für gehörlose Studierende ist, dass wenig finanzielle Unterstützung für ihre Ausbildung zur Verfügung steht: Gehörlose Studierende benötigen zusätzliche finanzielle Unterstützung für die ÖGS-DolmetscherInnen, die die besuchte Lehrveranstaltung (LV) in ÖGS (Österreichische Gebärdensprache) dolmetschen. Weiters müssen sie TutorInnen und Mitschreibkräfte für die einzelnen Lehrveranstaltungen bezahlen.
TutorInnen bzw. Mitschreibkräfte schreiben in der LV mit. Nach der LV erklären sie den gehörlosen Studierenden den Inhalt der Mitschrift bzw gehen diesen Stoff gemeinsam durch.
Auch für schwerhörige Studierende wäre dieser Weg eine große Unterstützung, um ihr Studium zu meistern.
Außerdem wären TutorInnen auch wichtig, um bei Seminararbeiten oder beim Korrigieren von Diplomarbeiten zu unterstützen.
Derzeit erhalten gehörlose Studierende nur €450 Ausbildungsbeihilfe pro Monat vom FSW (Fonds Soziales Wien). Eine eineinhalb-stündige Lehrveranstaltung zu dolmetschen kostet €160-200 im Monat. Pro LV werden aber faktisch 2 ÖGS-DolmetscherInnen benötigt. Diese wechseln sich während der Vorlesung im Abstand von 15 bis 20 Minuten ab, weil das Dolmetschen wissenschaftlicher Inhalte so anstrengend ist.
Eine Studierende soll pro Semester ungefähr 6-10 LV
besuchen, Gehörlose können faktisch nur 1 LV mit
ÖGS-DolmetscherInnen
pro Semester besuchen. TutorInnen können sie sich meistens sowieso nicht leisten. Das ist schon eine Einschränkung im Studium für Gehörlose im Vergleich zu anderen Studierenden.
Die Organisation der ÖGS-DolmetscherInnen stellt für gehörlose Studierende eine weitere Barriere dar: Die Termine vieler Vorlesungen werden ein bis zwei Monate im Voraus im Vorlesungsverzeichnis bekannt gegeben. ÖGS-DolmetscherInnen sollte man aber bereits zwei bis drei Monate vorher informieren, um sie zu regelmäßigen Terminen beauftragen zu können.
Besonders bei Seminaren treten Hindernisse auf: Man erfährt oft erst in der gleichen Woche, ob man aufgenommen wurde.
In einigen Instituten gibt es zwar für Mütter mit Kind(ern), für Berufstätige oder auch für Menschen mit Behinderung das Recht zur Voranmeldung. Allerdings zeigen andere Institute überhaupt kein Verständnis dafür, dass Leute mit "Vielfalt" eine Voranmeldung benötigen, um barrierefrei studieren zu können. Diese argumentieren damit, dass das ungerecht gegenüber den anderen, "normalen" Studierenden sei.
Um Informationsdefizite auszugleichen, ist es für manche gehörlose Studierende wichtig, zusätzliche Bücher zu kaufen, weil oft im Skriptum (wenn es eines gibt) zu wenig Informationen über den Inhalt der LV steht.
Es kommt auch immer wieder vor, dass gehörlose Studierende weniger fachlichen Austausch mit StudienkollegInnen haben. Gehörlose Studierende sind in Gruppenarbeiten oft benachteiligt, weil sie nicht alles, was in der Gruppe kommuniziert wird, mitverfolgen können. Auch für Hörende ist es eine Überwindung, mit Gehörlosen in Gruppen zusammen zu arbeiten, weil sie keine Erfahrung damit haben oder langsamer sprechen müssen. Viele Gehörlose studieren daher "alleine".
Auch die Prüfungsmethoden können ein Hindernis darstellen: Für einige gehörlose Studierende ist es schwierig, die Prüfungen in mündlicher Form abzuschließen. Nicht alle sprechen die Lautsprache...
Es gibt allerdings die Möglichkeit, dass ÖGS-DolmetscherInnen bei der Prüfung vermitteln. Auch schriftliche Prüfungen können für gehörlose Studierende schwierig sein, vor allem, wenn die Fragen zu kompliziert gestellt werden. Solche schriftlichen Prüfungen erscheinen dann für gehörlose StudentInnen wie Sprachtests und nicht wie das inhaltliche Abrufen eines Vorlesungs-Inhalts. Es kommt immer wieder vor, dass gehörlose Studierende Fragen inhaltlich richtig beantworten, aber sich grammatikalisch nicht richtig ausgedrückt haben und deshalb schlechtere Noten bekommen. - Die Sprachwissenschaft und auch das Gesetz weisen die ÖGS als vollständige und anerkannte Sprache aus. Gehörlose Studierende können sich in ihrer Sprache, der ÖGS, wissenschaftlich auf dem gleichen Sprachniveau ausdrücken wie hörende Studierende. Viele ProfessorInnen lehnen aber eine Prüfungsform, die für gehörlose Studierende geeignet ist, um ihr Wissen zu präsentieren, ab.
Was wäre notwendig, damit Gehörlose barrierefrei studieren können?
Zum einen müssten Gehörlose bereits in der Schule mehr gefördert und über verschiedene Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten informiert werden, damit mehr Gehörlose den Weg an die Universität wählen.
An den Hochschulen selbst wäre es wichtig, das Informationsdefizit auf Seiten von ProfessorInnen, MitarbeiterInnen und auch Studierenden bezüglich Gehörlosigkeit auszugleichen. Man muss Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung betreiben, um ein Bewusstsein für die Situation gehörloser Studierender zu schaffen.
Auch eine großzügige finanzielle Unterstützung für die Dolmetschkosten, TutorInnenkosten, wäre angebracht. Es sollte ermöglicht werden, dass Lehrveranstaltungs-TutorInnen, regelmäßig gehörlose Studierende betreuen und dass es dafür ein Budget gibt.
Für die gehörlosen Studierenden selbst wäre eine Anlaufstelle toll, die beispielsweise die Organisation von DolmetscherInnen und TutorInnen übernimmt, die die Studierenden bei der Kommunikation in verschiedenen Institutionen unterstützt oder bei der Antragstellung für Förderungen zur Seite steht.
Die Prüfungsmodalitäten an gehörlose Studierende anzupassen oder die Möglichkeit zu Voranmeldungen für Seminare und Proseminare wären erste konkrete Schritte der Unterstützung, die sehr hilfreich wären.
Kurz-Info zu Barbara Hager
Barbara Hager studiert Psychologie an der Universität Wien.
Als Vorstands-Mitglied im VÖGS (Verein Österreichischer Gehörloser Studierender) engagiert sie sich in der Vernetzung und Beratung gehörloser Studierender. Sie organisiert StudentInnen-Treffen mit, pflegt Kontakt mit lokalen und internationalen Studierenden-Vertretungen und unterstützt Studierende in ihrem Universitäts-Alltag.
Im Zuge ihrer Mitarbeit am Diversity Management an der Universität Wien koordiniert sie unter anderem die Übersetzung von Universitäts-Websites in die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) und recherchiert zur Situation gehörloser Angehöriger der Universität Wien.
Zur Fotoserie in diesem Artikel
Barbara gebärdet "Barrierefrei Studieren"
Foto 1: "Barriere"
Foto 2: "Frei"
Foto 3: "Studieren"
(Fahren Sie mit dem Cursor über die Fotos, um die Beschreibung zu lesen)
Zur Linksammlung zum Thema "Gehörlosigkeit/ Schwerhörigkeit"
nach oben / zurück zu VIELFALT:UMSETZEN



