Michael Kindshofer berichtet über seine Bildungslaufbahn, seine positiven Erlebnisse und Herausforderungen als hörbeeinträchtigter Student (Evangelische Theologie) an der Universität Wien.
Mein Name ist Michael Kindshofer, ich bin 44 Jahre alt und seit meinem 2. Lebensjahr schwerhörig (Folge einer Gehirnhautentzündung - bei der Kopfoperation wurden die Nerven, die das Gesprochene ans Ohr weiterleiten, beschädigt, was zur Folge hatte, dass ich seit meinem 3. Lebensjahr zusätzlich Epileptiker bin - nur zur Info).
Mit fünf erhielt ich mein erstes Hörgerät, das mir jedoch nichts brachte und bald, da ich als Kind außerdem Brillenträger war, mit einer Hörbrille kombiniert wurde. Die trug ich dann von der 4. Volks- bis zur 4. Hauptschulklasse (Volksschule für sprachgestörte und Hauptschule für schwerhörige Kinder).
Den Versuch im Gymnasium habe ich nicht überstanden, weil ich nicht mitkam und nach drei Wochen wieder von der Schule genommen wurde. In der Handelsschule (für körperbehinderte Kinder), die 3 Jahre dauerte bzw. danach in der Maturaschule Dr. Roland verzichtete ich auf eine Hörhilfe und beschränkte mich aufs Lippenablesen, das ich im Lauf der Zeit perfektionierte. (Ich möchte es heute nicht mehr missen.)
Dasselbe gilt auch für den Einstieg ins Berufsleben beim Magistrat der Stadt Wien 1984 bis zur Entscheidung, es mit einem Studium zu versuchen. Nach einem ersten Versuch (Literaturwissenschaften und Germanistik - der Prüfer kam nicht zur Prüfung) sattelte ich um und entschied mich für Ev. Theologie.
Nach Absolvieren der Studienberechtigungsprüfung 1993 begann ich im Herbst 1993 mit dem Studium.
Und das ging einfacher, als ich es ursprünglich erwartet hatte. Natürlich waren die Sprachen Hebräisch und Griechisch kein Honiglecken. Aber die dann folgenden Proseminare und alle anderen Veranstaltungen, die lt. Studienplan Pflicht waren, fielen nicht so schwer, da viele Referate gehalten bzw. Hausarbeiten verfasst werden, was das Ganze für mich etwas leichter machte.
Mitschreiben habe ich mir im Laufe der Zeit abgewöhnt, weil ich mit dem Sprechtempo der Professoren sowieso nicht mitgekommen wäre. Außerdem war es ohnehin unnötig, weil wir die Unterlagen für die schriftlichen Arbeiten aus der Bibliothek besorgen konnten oder vom Professor mittels Kopien in den Stunden ausgeteilt bekamen. So gesehen "keine große Sache".
Was jedoch das Mitkommen in den Vorlesungen betrifft, so habe ich im 1. Studienabschnitt (1993-1999) ein Hörgerät getragen, um mich an die Sprechgeschwindigkeit bzw. an die Stimmen der Vortragenden zu gewöhnen. Nachdem mich dann alle kannten und wussten, wie sie mit mir umzugehen haben, ließ ich das Hörgerät im 2. Studienabschnitt weg und beschränkte mich aufs Lippenablesen. (Das gilt auch jetzt für die Gewerkschaftsschule zwecks Ausbildung zur Behinderten-vertrauensperson bzw. Personalvertreter, die ich zusätzlich zum Studium besuche - interessehalber.)
Insgesamt gesehen, war die Stoffbewältigung für mich nicht so schwer, weil ich immer schon eine gute Auffassungsgabe hatte, vor allem dann, wenn mich etwas interessiert, und dass ich ein Büchernarr bin, kam mir ebenso zugute wie mein Interesse für Geschichte.
Schwierigkeiten gab es dann erst vor drei oder vier Jahren, als ich den ersten Versuch der Diplomarbeit bzw. Examenspredigt unternahm und beide Male scheiterte. Ebenso gab es Schwierigkeiten, als ich mir die Studiengebühr nicht mehr leisten konnte. Da ich zu spät um die Befreiung eingereicht habe und der Hochschülerschaftsbeitrag zu spät einbezahlt wurde, wurde ich exmatrikuliert. Zwei oder drei Semester lang konnte ich die Bibliothek nicht benützen und blieb deshalb mit meiner derzeitigen Diplomarbeit stecken. Zwei Prüfungen und zwei Praktika (die ich lang genug auf die lange Bank geschoben habe) fehlen mir noch.
Arbeiten gehen und nebenbei studieren ist natürlich nicht gerade leicht, weil es jede Menge Zeiteinteilung erfordert. Ich hatte aber glücklicherweise Vorgesetzte, die meine Studien unterstützten und mir - im entsprechenden Ausmaß - für die erforderlichen Vorlesungen freigaben (zum Mißfallen der Kollegen). In der jetzigen Dienststelle habe ich dieses "Privileg" nicht mehr nötig, weil ich den Großteil des Studiums schon hinter mir habe.
In puncto Studium habe ich mich bezüglich des Zeitmanagements dahingehend arrangiert, dass ich - bei Pflichtveranstaltungen - großteils Blockveranstaltungen ausgewählt habe, die entweder an einem Wochenende oder zwei Samstagen stattfanden (kostete mich hin und wieder einen Urlaubstag, was ich gerne in Kauf nahm und bei der Urlaubsplanung mitberücksichtigte). In solchen Fällen wurden bei der Vorbesprechung die Themen für die Referate ausgegeben und der Verlauf des Seminars anhand eines vom Professor vorgelegten Plans skizziert, sodass die Vorbereitung kein Problem war. Für mich war es besser, als jeden Tag auf der Uni zu sitzen und dann aus Zeitmangel nicht zu wissen, was man zuerst lernen soll. So konnte ich - schön systematisch - eins nach dem andern absolvieren, weil ich ja auch auf die Epilepsie Rücksicht nehmen musste, die - nach 20 Jahren Pause - 1991 erneut zum Ausbruch gekommen war und mich seither wieder quält.
Was ich ganz besonders hasse, sind Feedbacks - die gefürchteten Abschlussrunden der Blockveranstaltungen, bei denen jeder seine Meinung kundtun muss, um zusammenfassend zu sagen, was einem an der Veranstaltung gefallen hat oder nicht, was man hätte besser machen können usw. Ich habe - soll ich "leider" oder "Gott sei Dank" sagen - keinen Kontakt zu anderen Studenten aufgebaut, was auch am Elternhaus liegt. Meine Eltern befürchteten immer , ich könnte durch den Umgang mit anderen Studenten in "schlechte Gesellschaft" geraten.



