Marijan Raunikar, schwerhöriger Geographie-Student, erzählt von seinem Studienalltag. Das Interview führte Barbara Hager, gehörlose Tutorin im Projekt Diversity Management.
Barbara Hager:
Was bedeutet es für dich, gehörlos zu sein?
Marijan Raunikar: Alle anderen Sinne werden verstärkt, um die Umwelt aufnehmen zu können. Damit meine ich, dass ich aus Notwendigkeit die Umwelt mehr mit den anderen Sinnen beobachtete. Die Strategien, die ich entwickelt habe, sind für mich automatisiert.
Ich kann 2000hz nicht hören, also sehr hohe Töne, wie z.B. das Zwitschern der Vögel. Tiefes kann ich hören. Ich verstehe ohne Hörgeräte fast alles. Aber mit Hörgeräten verstehe ich einfach viel besser und ich kann auch die Vögel hören. Ich lese immer von den Lippen ab, auch am Abend beim Lokalbesuch. Wenn bei großen Veranstaltungen gesprochen wird und ich verstehe nicht, was gesagt wird (was selten passiert), frage ich meistens meine Freunde. Telefonieren ist kein Problem für mich. Auffallend ist, dass ich oft am Abend sehr müde bin. Ich nehme an, dass es vom anstrengenden Lippenlesen kommt.
An den Schwerhörigenverband habe ich mich bis jetzt nicht wenden müssen, da ich auch keine technischen zusätzlichen Hilfsmittel wie einen Wecker mit Licht beanspruche. Den Behindertenbeauftragten der Uni Wien habe ich nie kontaktieren müssen. Auch eine Induktionsschleife habe ich nie benötigt.
Ich habe einmal mit einem schwerhörigen Studenten Erfahrungen über die Universität ausgetauscht und er hat gemeint, dass er, wenn er etwas nicht versteht, es bleiben lässt und sich in die Lernbücher vertieft. Sonst kenne ich eigentlich keine anderen schwerhörigen Studierenden, mit denen ich mich über das Studium austauschen könnte.
Jedenfalls finde ich es ganz wichtig, dass es eine Anlaufstelle für schwerhörige und gehörlose Studierende an der Universität Wien geben soll. Ich kann mir nämlich vorstellen, dass andere schwerhörige Studierende Unterstützung brauchen.
Es wäre wichtig, dass es an jedem Institut einen Betreuer bzw. einen Tutor für die schwerhörigen und gehörlosen Studierenden gibt. Die Person sollte per Handy nach Möglichkeit immer erreichbar sein.
Barbara Hager:
Vor kurzem hast Du Deine Diplomarbeit abgegeben und bist schon am Ende Deines Studiums in Geographie an der Universität Wien angelangt. Bist Du als schwerhöriger Student auf Barrieren gestoßen und wenn ja, welche waren es?
Marijan Raunikar: Eigentlich nein. In den Lehrveranstaltungen bin ich immer weit vorne in der Nähe der Professorin / des Professors gesessen. Wenn es schwierig war, inhaltlich zu folgen, gab ich ihnen Bescheid. Sie hatten dafür Verständnis, so dass ich während der Lehrveranstaltung immer nachfragen durfte, wenn ich den Stoff nicht mitbekommen hatte. Die StudienkollegInnen konnte ich auch immer fragen, sie kamen mit entgegen. Am Anfang des Studiums trug ich keine Hörgeräte; später entschied ich mich, sie wieder zu nehmen. Als ich sie trug, war es offensichtlich, dass meine StudienkollegInnen bemerkten, dass ich schwerhörig bin.
Ob ich mich an meine StudienkollegInnen wandte oder nicht, hing davon ab, wie meine Tagesverfassung war: War ich zu müde, fragte ich nicht nach. Eigentlich bekam ich ungefähr genauso viel wie die anderen StudienkollegInnen mit. Ich musste die ProfessorInnen öfter erinnern, dass ich schwerhörig bin, weil sie es vergaßen. Auch hatte ich keine Schwierigkeiten, wenn die KollegInnen Dialekt sprachen und konnte ihnen gut folgen.
In meinem Studienfach belegen am Anfang außerordentlich viele Studierende die Lehrveranstaltungen (ca. 400 pro Kurs), dann werden es immer weniger, weil die meisten das Lehramtstudium in Geographie anschließen. Am Schluss meines Diplomstudiums waren wir nur mehr ca. 20 Personen. Die Lehrveranstaltungen wurden nur mehr von etwa 50 Studierenden besucht und in den Seminaren waren etwa 20 anwesend. Je weniger Studierende wir waren, umso kollegialer wurde es.
Ich hatte das Studium schon zweimal gewechselt, weil mich letztlich diese anderen Fächer nicht interessiert hatten. Am Anfang hatte ich mich so wie die anderen Studierenden orientiert und es fiel mir nicht wirklich auf, dass ich Probleme hatte. Man konnte im Studium auffallen oder untertauchen. Allerdings gab es in Geographie eine angenehme Anzahl von Studierenden, was das Ganze persönlicher machte.
Von den Büchern und wissenschaftlichen Artikeln her hatte ich keine Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Die Herausforderung war für mich gleich wie für die hörenden Studierenden. Ähnlich lief es mit dem Lernen, da brauchte ich keine zusätzliche Lernhilfe. Prüfungen zu bestehen war kein Problem. In Arbeitsgruppen konnte ich immer gut folgen und mitmachen.
Als gehörlose Mitarbeiterin im Projekt Diversity Management habe ich mich mit der Situation gehörloser Studierender auseinandergesetzt. Das Interview mit Marijan war für mich insofern sehr interessant, als ich die unterschiedlichen Bedürfnisse von schwerhörigen und gehörlosen Studierenden kennen lernen konnte.
Marijan war am Ende eines Uni-Tages oft sehr müde, weil er in den Lehrveranstaltungen nicht nur zuhört, sondern auch Lippen liest. Auch vielen Gehörlosen geht es so, weil sie entweder Lippen lesen, oder die ganze Zeit zur Dolmetscherin schauen. Sich so lange zu konzentrieren, stellt eine ziemliche Anstrengung dar.
Nicht alle schwerhörigen Studierenden haben im Studium so wenige Barrieren wie Marijan. In manchen Studienrichtungen gibt es z.B. kaum Skripten oder sehr viele mündliche Prüfungen, die eine Hürde darstellen können. Auch mangelt es an technischen Hilfsmitteln (z.B. Induktionsschleifen in Hörsälen).
Aus medizinischer Sicht gibt es unterschiedliche Grade an Schwerhörigkeit (leicht-, mittel- und hochgradige Schwerhörigkeit). Alle diese "Schwerhörigen" haben individuelle Bedürfnisse und Barrieren. Ich bin mir sicher, es gibt an der Universität mehrere schwerhörige Studierende, die sich bislang "versteckt" und ohne Hilfe durchkämpfen.
Momentan gibt es für schwerhörige und gehörlose Studierende, das ehrenamtliche Unterstützungsprojekt "study now!". Mag.a Verena Petzl und Ilona Seifert organisieren und koordinieren Mitschreibkräfte, TutorInnen und KommunikationsassistentInnen. Wenn man helfen möchte oder Unterstützung beanspruchen möchte, kann man sich jederzeit an studynow(at)voegs.at wenden.
Ich bin beeindruckt von Marijans Einsatz und wünsche ihm viel Erfolg bei der Diplomprüfung!
Zur Person Marijan Raunikar
Marijan Raunikar studiert seit dem Jahr 2000 Geographie mit dem Studienzweig Raumforschung/Raumordnung an der Universität Wien. Im Jänner 2007 hat Marijan bereits seine Diplomarbeit abgegeben und wird im März 2007 zur Diplomprüfung antreten.
Er hat als Jongleur bei zirkuspädagogischen Projekten mitgemacht und wurde als Lehrbeauftragter der USI Wien für Auftritte engagiert. Marijan war bei den Cliniclowns Austria in Wien und als Schauspieler des Kindertheaters Heuschreck tätig. Auch an mehreren Projekten am Institut für Geographie hat sich Marijan beteiligt, und er möchte nach dem Studium in der Raumforschung arbeiten.
Nach Kolumbien reist Marijan besonders gerne und oft, weil er sich dort schon einmal ein Jahr lang als Schüler aufgehalten und erfolgreich Spanisch gelernt hat.
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