BESSER IMMER NACHFRAGEN?

Mein Name ist Sonja Buranits. Ich bin 23 Jahre alt, hochgradig schwerhörig und Studentin an der Universität Wien. Nebenbei lerne ich die Österreichische Gebärdensprache und arbeite seit April 2007 als Tutorin beim Projekt Diversity Management. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen wenig oder keine Ahnung haben, was es bedeutet, schwerhörig zu sein oder schwerhörig zu studieren. Aus diesem Grunde möchte ich einen kleinen Einblick in meinen Studienalltag gewähren.

 

 

Mein Weg durch's Bildungssystem

Ich bin seit meinem dritten Lebensjahr hochgradig schwerhörig. Das heißt, ich habe insgesamt 70% Hörverlust auf beiden Ohren und höre ohne Hörgeräte so gut wie gar nichts. Ausgelöst wurde meine Schwerhörigkeit durch eine Masernerkrankung. Mit fünf Jahren erhielt ich Hörgeräte, auf die ich auch heute nicht verzichten würde. Die Lautsprache habe ich mit Hilfe einer Logopädin gelernt und bin durch frühes Training heute wohl im Lippenlesen „fast“ unschlagbar. Die Volksschule und die Hauptschule konnte ich aufgrund eines Schulversuchs „ganz normal“ besuchen. In weiterer Folge ging ich auf ein Oberstufenrealgymnasium, das ich trotz vieler Hürden erfolgreich abschließen konnte.

Natürlich wollte ich danach studieren. Trotz meiner schulischen Erfahrungen war mir in keinerlei Hinsicht bewusst, was auf mich zukommen würde. Nach einem enttäuschenden Studienjahr in Salzburg wollte ich es noch einmal in Wien versuchen.

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Hörschleife oder Lippenelsen?

Daher wechselte ich Anfang des Wintersemesters 2004 an die Universität Wien. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich im vor allem im Internet keine ausreichenden Informationen finden, die mir speziell als schwerhörige Studentin in irgendeiner Weise hilfreich gewesen wären. Viel Nützliches habe ich erst im Verlauf des Studiums erfahren, wodurch sich meine Lage positiv verändert hat.

Während dem Studium erwies es sich für mich als schwierig, sowohl Lehrende als auch StudienkollegInnen auf meine Schwerhörigkeit aufmerksam zu machen, da diese Behinderung in meinem Fall augenscheinlich kaum auffällt.

Sicherlich war die Umstellung auf den Studienalltag enorm. Vor allem das Mitschreiben der Vorlesungen gestaltete sich als ein schier unmögliches Unterfangen. Es ist einfach utopisch zu glauben, dass einE SchwerhörigeR gleichzeitig schreiben und dabei von den Lippen der/des Vortragenden ablesen kann.

Aus diesem Grund habe ich mir später eine Hörschleife besorgt, welche den Vortrag über ein Mikrofon direkt in meine Hörgeräte leitete. Dieses Gerät filtert alle Umgebungsgeräusche heraus, sodass nur die Sprache übertragen wird, was ein Mitschreiben im Wesentlichen erleichtern soll. Im Prinzip funktionierte das Ganze auch so wie geplant, doch erwies sich der vermeintliche Vorteil in der Praxis für mich als entscheidender Nachteil. Durch das Filtern aller Nebengeräusche konnte ich nichts mehr wahrnehmen, außer der Stimme des Professors. So konnte ich keiner der entstandenen Diskussionen/Rückmeldungen seitens der Studierenden mehr folgen. Ich hatte immer ein Gefühl der Unsicherheit und Ausgeschlossenheit, weil ich nichts davon mitbekam, was sich außerhalb meines Blickfeldes abspielte. Daher verbannte ich die Hörschleife wieder aus meinem Studienalltag. Als Folge dieser Erfahrung beschränke ich mich nunmehr darauf, nach Möglichkeit nur noch Lehrveranstaltungen auszusuchen, bei denen es ein Skriptum gibt. Ansonsten ist es während einer Lehrveranstaltung für mich sehr wichtig, dass ich möglichst weit vorne sitzen kann, gute Lichtverhältnisse herrschen (Lippenlesen), der Vortragende deutlich spricht und dass wenige Hintergrundgeräusche das Verstehen beeinträchtigen.

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Erfahrungen mit Professorinnen und Kolleginnen

Seitens der Mitstudierenden habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Viele können sich nicht vorstellen, was es bedeutet hochgradig Schwerhörig zu sein und können sich daher auch schlecht in meine Lage hineinversetzen.

Einmal entwickelte sich eine Diskussion mit einer Professorin und zwei StudienkollegInnen, nachdem ich die Professorin gebeten hatte, doch bitte etwas deutlicher zu sprechen, da ich schwerhörig sei. Sofort meinten zwei anwesende StudentInnen, dass ich doch besser immer nachfragen sollte, falls ich etwas nicht verstehe. Dies hätte in diesem Fall für mich bedeutet, dass ich ständig nachfragen hätte müssen. Das wiederum konnten sich die beiden Studenten nicht vorstellen, da ich aufgrund meiner Hörgeräte in ihrer Vorstellung eigentlich keine Beeinträchtigung haben könnte. Aufgrund mangelnder Kenntnis über Schwerhörigkeit wissen für gewöhnlich nur die wenigsten Menschen, dass man bei Verwendung von Hörgeräten dennoch beeinträchtigt sein kann. In meinem Fall kann ich mithilfe der Hörgeräte bei weitem nicht genauso gut hören und verstehen wie ein normal hörender Mensch, sondern maximal 60% und das auch nur unter optimalen Bedingungen (also ohne Umgebungsgeräusche). Gerade aufgrund dieser Unwissenheit stoße ich immer wieder auf Verständnislosigkeit. So habe ich auch Menschen getroffen (sowohl Studierende als auch ProfessorInnen), die der Meinung waren, dass ich mit meiner Schwerhörigkeit Mitleid erhaschen will, um milder benotet zu werden oder um mir sonstige ungerechtfertigte Privilegien zu erschleichen.

Andererseits habe ich aber auch viele sehr positive Erfahrungen mit StudentInnen gemacht, die mir sehr gerne geholfen haben, wenn ich z.B. Mitschriften benötigte, um entstandene Lücken zu füllen, oder wenn ich Fragen hatte. Auch viele ProfessorInnen bemühen sich wirklich sehr um eine deutlichere Aussprache, wenn sie wissen, dass Hörbehinderte unter ihren Studierenden sind.

Andere schwerhörige StudentInnen meiner Studienrichtung habe ich bis jetzt noch nicht kennen gelernt. Ich hoffe deshalb, dass sich aufgrund der mittlerweile besseren Informationslage und Infrastruktur der Universität Wien mehr schwerhörige Menschen als bisher, für ein Studium entscheiden.

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Stand: 15.01.2009
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