INTERVIEW MIT DR.in VERENA KRAUSNEKER

Barbara Hager vom Diversity Management an der Universität Wien hat 15 Fragen an die Autorin Dr.in Verena Krausneker vom kürzlich erschienen Buch "taubstumm bis gebärdensprachig - Die österreichische Gebärdensprachgemeinschaft aus soziolinguistischer Perspektive" gestellt:

Fragenübersicht:

Fragen zur Person Dr.in Verena Krausneker

   1. Können Sie uns etwas über Ihren bisherigen Lebenslauf erzählen?
   2. Wie sind Sie in Kontakt mit der Gehörlosenkultur gekommen und haben 
       so erfolgreich die OGS gelernt?
   3. Was finden Sie an der ÖGS so beeindruckend, dass Sie diese Sprache 
       als ihr Forschungsgebiet gewählt haben?
   4. Wofür setzen Sie sich ein?

Fragen zum Buch "taubstumm bis gebärdensprachig"

   5. Können Sie kurz etwas zum Inhalt des Buches sagen?
   6. Wie kam Ihnen die Idee Ihr Buch „taubstumm bis gebärdensprachig“ zu 
       schreiben?
   7.a. Welche Zielgruppe wollten Sie erreichen?
   7.b. Welche Ziele haben Sie bei der Abfassung des Buches verfolgt?
   8. Warum verwenden Sie im Titel ihres Buches den veralteten Begriff
       „taubstumm“?

Zum Thema "Bildung und Gehörlosigkeit"

   9. Ihr Buch diskutiert die bilinguale Erziehung Gehörloser. Diese Frage ist
       (in Österreich) sehr umstritten.
       Welche Vorteile bringt der bilinguale Unterricht für Gehörlose?
   10. Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, damit mehr 
          Gehörlose an einer Universität (in Österreich) studieren?
   11. Warum gibt es noch kein Forschungszentrum für ÖGS an der der   
          Universität Wien? Welche Vorraussetzungen müssen erfüllt werden, 
          um ein Forschungszentrum für ÖGS an der Universität Wien 
          einzurichten?
   12. Wie können Sie gehörlose Studierende mit Ihrer Forschung
          unterstützen?

Fragen zum Forschungsprojekt an der Universität Wien

   13. Sie leiten seit einiger Zeit das Projekt "Österreichische
         Gebärdensprache in Schule und Forschung. Situation gehörloser
         SchülerInnen, Studierender & Lehrerausbildung in Österreich" an der
         Universität Wien.
         Wie ist dieses Projekt zustande gekommen?
   14. Worum genau handelt es sich bei diesem Projekt?
   15. Was sind die Ziele dieses Projektes?


Fragen zur Person Dr.in Verena Krausneker:

1. Können Sie uns etwas über Ihren bisherigen Lebenslauf erzählen?

Ich bin Soziolinguistin, habe 2003 promoviert. Mein Hauptinteressensgebiet liegt bei Sprachenpolitik, Minderheitensprachenforschung und ich habe mich von Beginn meines Studiums auf Gebärdensprachen spezialisiert. Seit 2002 bin ich Lektorin am Institut für Bildungswissenschaften und seit 2004 auch am Institut für Sprachwissenschaft der Uni Wien. Außerdem bin ich aktiv als Beirätin von verbal-Verband für Angewandte Linguistik Österreich und seit 5 Jahren stolzes Vorstandsmitglied des Österreichischen Gehörlosenbundes. Parallel zur wissenschaftlichen Arbeit habe ich mich als politische Aktivistin betätigt: Ich bin eine Mitbegründerin von ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus Arbeit).


2. Wie sind Sie in Kontakt mit der Gehörlosenkultur gekommen und haben so erfolgreich die OGS gelernt?

Mein Weg zur Gehörlosenwelt hat über Oliver Sacks „Seeing Voices“ geführt. Ich habe das Buch gelesen und gewusst: DAS ist interessant, das will ich machen! Dann habe ich erstaunt feststellen müssen, dass an der Uni Wien, wo ich eine ganz frische Studentin war, niemand eine Ahnung von Gebärdensprachen hat und das hat mein Interesse bestärkt. Ich habe sehr bald begonnen, ÖGS zu lernen, was nicht ganz leicht war, da es damals kaum ÖGS-Kurse gab, und ich muss sagen, so richtig verinnerlicht habe ich die Sprache erst seit meinem intensiven Kontakt mit gebärdensprachigen Kindern im Rahmen meiner Dissertation und seit ich im Vorstand des ÖGLB tätig bin, denn da bin ich die einzige Hörende. Wenn es wegen Anforderungen des Arbeitsalltags notwendig ist, dann geht das Sprachelernen plötzlich sehr schnell!


3. Was finden Sie an der ÖGS so beeindruckend, dass Sie diese Sprache als ihr Forschungsgebiet gewählt haben?

Über viele Jahre war meine Hauptmotivation die Diskriminierung der Sprache, denn sowohl in der Forschung als auch in der Politik war die Wahrnehmung des Themas Gebärdensprache & Gehörlosenkultur sehr von Fehlmeinungen und auch Vorurteilen geprägt. Ich halte Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Schieflagen schwer aus. Außerdem hat meine Faszination mit ÖGS einfach nie aufgehört: so eine schöne Sprache!

4. Wofür setzen Sie sich ein?

Für den Abbau von Mythen, Vorurteilen und Halbwahrheiten was ÖGS betrifft. Für sprachliche Menschenrechte und Gleichberechtigung. Für ein Platzmachen der Mehrheiten, sodass Minderheiten, inklusive ihrer Themen, Anlegen, Bedürfnisse, Sprachen, ... eine Grundsicherheit haben, ohne ständig darum kämpfen zu müssen.


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Fragen zum Buch "taubstumm bis gebärdensprachig"
:

5. Können Sie kurz etwas zum Inhalt des Buches sagen?

"taubstumm bis gebärdensprachig" ist der Versuch, einen umfassenden soziolinguistischen Blick auf den aktuellen Stand der österreichischen Gebärdensprachgemeinschaft zu werfen und alles, was derzeit bezüglich ÖGS bekannt ist, geforscht wird, passiert ... zusammenzufassen. Wichtig war mir, den steinigen, zähen Weg bis zu Anerkennung der ÖGS zu dokumentieren. Wichtig ist mir, die sprachenrechtliche Situation im Bildungswesen zu zeigen. Und das ganze ist eingebettet in den internationalen Kontext: Was haben ForscherInnen aus anderen Ländern belegt? Wie schaut es gebärdensprachenpolitisch in anderen Ländern aus?

6. Wie kam Ihnen die Idee Ihr Buch „taubstumm bis gebärdensprachig“ zu schreiben?

Meine Dissertation über eine Wiener Klasse, in der 4 Jahre lang bilingual mit ÖGS unterrichtet wurde, hat einen Preis gewonnen – im internationalen Wettbewerb des Amts für Zweisprachigkeit in Südtirol. Teil der Auszeichnung war die Publikation der Forschungsergebnisse. In meinem Fall haben wir das zweigeteilt: Die detaillierte Beschreibung des bilingualen Unterrichts inklusive 3 Stunden Filmmaterial wurde bei Signum in Hamburg publiziert, dem Fachverlag fürs Thema. Und dann habe ich relativ rasch „taubstumm bis gebärdensprachig“ geschrieben, sozusagen die Darstellung der gesamtgesellschaftlichen Einbettung der Diss.

7.a. Welche Zielgruppe wollten Sie erreichen?

Bei dem Buch war mir wichtig, das ich es nicht für ein linguistisches Fachpublikum schreibe. Ich möchte ganz bewusst eine breite LeserInnenschaft ansprechen und das Thema für sie verständlich und interessant darstellen.

7.b. Welche Ziele haben Sie bei der Abfassung des Buches verfolgt?

Ich hab mir gedacht, es wäre schön, alles was ich derzeit zu dem Thema weiß  einmal zusammengefasst darzustellen, nicht nur in vielen einzelnen Buchbeiträgen und Artikeln...
Mein  Buch ist sicherlich eine Gratwanderung. Akademisch gebildete KollegInnen finden den Text möglicherweise ungewöhnlich – weil er engagiert ist und sich nicht scheut, dies zu zeigen. Gehörlose FreundInnen haben mit dem Text eventuell ein Problem, weil er wissenschaftlich und daher schwer zu lesen ist. Meine Hoffnung ist, dass das Buch für viele etwas zu bieten hat.

8. Warum verwenden Sie im Titel ihres Buches den veralteten Begriff „taubstumm“?

Hauptsächlich, um aufzuzeigen, dass sich sowohl die hörende Wahrnehmung der Gehörlosengemeinschaft als auch die Sprachgemeinschaft selbst in kürzester Zeit sehr stark verändert hat. Ich finde das sehr eindrucksvoll und positiv und bin sicher, wenn man die erste Seite meiner Einleitung gelesen hat, versteht jeder, dass ich mit der Titelwahl ein bissl provokant war - aber auf keinen Fall die Weiterverwendung des Wortes legitimiere.

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Zum Thema "Bildung und Gehörlosigkeit":

9. Ihr Buch diskutiert die bilinguale Erziehung Gehörloser. Diese Frage ist (in Österreich) sehr umstritten.
Welche Vorteile bringt der bilinguale Unterricht für Gehörlose?

Jetzt mal losgelöst von Gehörlosigkeit: Bilingualer Unterricht hat für jeden Menschen den Vorteil, dass zweisprachige Kompetenzen entwickelt werden können. Für Menschen mit einer anderen Mutter-/Erstsprache als der Mehrheits- und Unterrichtssprache hat bilingualer Unterricht den Vorteil, dass die Erstsprache erhalten wird und der Zugang zur Mehrheitssprache sehr erleichtert wird. Über eine gefestigte Erstsprache kann eine Zweitsprache leichter verstanden und erlernt werden.
Es liegt auf der Hand, dass diese Grunderkenntnisse der Spracherwerbsforschung genauso für gehörlose Menschen Gültigkeit besitzen – wenn nicht noch verstärkt werden durch den Umstand, dass jemand nicht-hörender eigentlich keinen ungesteuerten, mühelosen Zugang zu einer Lautsprache finden kann! Also: bilingualer Unterricht mit ÖGS und Deutsch hat den Vorteil, dass die Erstsprache visuell ist und daher barrierefrei erwerbbar, verstehbar, erlernbar, nutzbar ist... und den vollen Zugang zum Verständnis zur Grammatik der deutschen Sprache ermöglicht.

10. Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, damit mehr Gehörlose an einer Universität (in Österreich) studieren?

Das gesamte Gehörlosenbildungswesen gehört reformiert. Und zwar ab der Elternberatung  - noch im vorschulischen Feld! Es ist meine tiefe Überzeugung, dass gehörlose Menschen die besten ExpertInnen für sich selbst sind. Kleine gehörlose Kinder können ihre Bedürfnisse noch nicht formulieren – aber der Input von gehörlosen Erwachsenen sollte viel, viel aufmerksamer ernst genommen und ihre Vorschläge umgesetzt werden.

11. Warum gibt es noch kein Forschungszentrum für ÖGS an der der Universität Wien? Welche Vorraussetzungen müssen erfüllt werden, um ein Forschungszentrum für ÖGS an der Universität  Wien einzurichten?

Tja. Die Uni Wien könnte erkennen, dass es eine unglaubliche Chance ist, sich dazu auch international zu positionieren, wenn sie sich des Forschungsfeldes jetzt annimmt. Ein erster Schritt in diese Richtung ist sicherlich das im August 2006 gestartete Forschungsprojekt des Innovationszentrums der Uni Wien, das auch die Erarbeitung eines Innovationspaketes für die Uni zum Ziel hat.

12. Wie können Sie gehörlose Studierende mit Ihrer Forschung unterstützen?

Gute Frage. Wenn ich so überlege, dann fallen mir ein paar Dinge ein: Vielleicht ist es für gehörlose Studierende positiv, dass sie mit einer Lehrveranstaltungsleiterin in ÖGS diskutieren können. Vielleicht ist es auch wichtig, dass sie merken, da ist jemand, dem muss ich die Gehörlosenwelt nicht von Adam und Eva an erklären, sondern die hat ein solides Grundwissen. Und natürlich stehe ich auch mit meinem Wissen zur Verfügung, also z.B. hat der VÖGS um meine Stellungnahme zum Thema der Prüfungsmodalität und -sprache für gehörlose Studis bei mir angefragt.

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Fragen zum Forschungsprojekt an der Universität Wien:

13. Sie leiten seit einiger Zeit das Projekt "Österreichische Gebärdensprache in Schule und Forschung. Situation gehörloser SchülerInnen, Studierender & Lehrerausbildung in Österreich" an der Universität Wien.
Wie ist dieses Projekt zustande gekommen?

Der Beirat des Sprachenzentrums der Uni Wien, besonders Beiratsmitglied Prof. Rudi de Cillia, waren da treibend. Finanziert wird es nun von bmbwk und dem Innovationszentrum der Uni Wien zu gleichen Teilen.

14. Worum genau handelt es sich bei diesem Projekt?

Es ist ein Forschungsprojekt, in dessen Rahmen innerhalb von 12 Monaten der Status der ÖGS im Bildungswesen – dem Gehörlosenbildungswesen und konkret der Uni Wien – erfasst wird. Mehr zum Projekt siehe www.univie.ac.at/oegsprojekt

15. Was sind die Ziele dieses Projektes?

Für beide Bereiche - den schulischen und den universitären - werden im Rahmen des Projektes Innovationspakete entwickelt. Ziel ist also, auf Basis der genauen Kenntnis des derzeitigen Standes ein Zukunftspaket zu schnüren, das Empfehlungen für die EntscheidungsträgerInnen in beiden Bereichen beinhaltet.

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Linkssammlung:

Link zum Buch "taubstumm bis gebärdensprachig" von Dr.in Verena Krausneker

Link zum Forschungsprojekt "Status der ÖGS" an der Universität Wien

Link zur Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) auf der Diversity Management-Homepage

Link zu "gehörlos:studieren" auf der der Diversity Managemen-Homepage  

Link zum Verein österreichischer gehörloser StudentInnen (VÖGS)

Link zum  Österreichischen Gehörlosenbund  (ÖGLB)

Link zum Buch "Seeing Voices" von Oliver Sacks und auf Deutsch "Stumme Stimmen eine Reise in die Gehörlosenwelt

Link zum Buch über biligualen Unterricht vom Verlag Signum in Hamburg

Link zur ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus Arbeit)


Extra:

Artikel im der Standard: "Suche nach offenen Ohren"
Zwei Forscherinnen (Dr. Verena Krausneker und Mag.a Katharina Schalber) erheben den Status quo der Gebärdensprache am Innovationszentrum der Universität Wien. Siehe den Artikel unter http://derstandard.at/
Da keine direkte Verlinkung zu diesem Artikel möglich ist, auf der ersten Seite oben eher rechts im Kästchen von "Suche": ÖGS angeben. Dann erscheint dieser Text.

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Stand: 04.05.2007

Dr.in Verena KRAUSNEKER (c) Doris Kittler

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