Österreichischer Verfassungsgerichtshof entscheidet für Öffnung von Ehe- und Partner*innenschaftsgesetz

Laut dem gest­ri­gen Urteil des öster­rei­chi­schen Ver­fas­sungs­ge­richts­ho­fes (VfGH) darf die Ehe nicht mehr nur für hete­ro­se­xu­el­le Paa­re und die ein­ge­tra­ge­ne Partner*nnenschaft nicht nur für homo­se­xu­el­le Paa­re zugäng­lich sein. Ab spä­tes­tens 2019 sol­len die Wort­fol­gen “ver­schie­de­nen Geschlechts” im § 44 ABGB (Ehe­ge­setz) und “gleich­ge­schlecht­li­cher Paa­re” (§ 1) sowie “glei­chen Geschlechts” (§ 2) im Partner*innenschaftsgesetz (EPG) auf­ge­ho­ben wer­den. Damit kön­nen zwei Per­so­nen jeg­li­chen Geschlechts ein­an­der hei­ra­ten oder sich ver­part­nern, solan­ge die ande­ren gesetz­li­chen Bestim­mun­gen erfüllt sind. Die­se Ände­run­gen könn­ten in Zukunft auch eini­gen inter*- und eini­gen trans*Personen zugu­te kom­men.

Die Pres­se berich­tet über die Ände­run­gen: “Ehe für Homo­se­xu­el­le kommt 2019”, diePresse.com, 05.12.2017.

Genaue­re Details wer­den im Stan­dard erläu­tert: “Fra­gen und Ant­wor­ten zur Ehe für alle in Öster­reich”, derstandard.at, 05.12.2017.

Zur Begrün­dung der Ent­schei­dung schreibt der VfGH fol­gen­des:

"In dem Erkenntnis heißt es dazu wörtlich: 'Die damit verursachte diskriminierende Wirkung zeigt sich darin, dass durch die unterschiedliche Bezeichnung des Familienstandes (‚verheiratet‘ versus ‚in eingetragener Partnerschaft lebend‘) Personen in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft auch in Zusammenhängen, in denen die sexuelle Orientierung keinerlei Rolle spielt und spielen darf, diese offen legen müssen und, insbesondere auch vor dem historischen Hintergrund, Gefahr laufen, diskriminiert zu werden.'
Der Gerichtshof kommt daher zu folgendem Schluss: 'Die gesetzliche Trennung verschiedengeschlechtlicher und gleichgeschlechtlicher Beziehungen in zwei unterschiedliche Rechtsinstitute verstößt damit gegen das Verbot des Gleichheitsgrundsatzes, Menschen auf Grund personaler Merkmale wie hier der sexuellen Orientierung zu diskriminieren.'"

weiterlesen:
"Unterscheidung zwischen Ehe und eingetragener Partnerschaft verletzt Diskriminierungsverbot", vfgh.gv.at, 5.12.2017.

Rechtliche Anerkennung intergeschlechtlicher Personen und mögliche Auswirkungen auf das Eherecht

Am 10. Okto­ber 2017 hat das deut­sche Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beschlos­sen, dass es die Mög­lich­keit eines drit­ten Geschlechts geben muss. Hier­zu berich­tet der Kurier und erwähnt auch mög­li­cher­wei­se not­wen­di­ge Ände­run­gen des deut­schen Ehe­rechts.
kurier.at, “Weib­lich, männ­lich oder “divers”: Drit­tes Geschlecht in Deutsch­land”, 08.11.2017.

Inwie­fern dies Aus­wir­kun­gen auf das Ehe­recht und diver­se ande­re Rechts­be­rei­che haben kann, in denen Geschlecht fest­ge­schrie­ben ist, erör­tert Petra Foll­mar-Otto in einem Inter­view mit Caro­lin Hen­ken­be­rens:
Ber­li­ner Zei­tung, “Men­schen­recht Was ändert sich mit dem Beschluss zum drit­ten Geschlecht?”, 16.11.2017.

Auch in Öster­reich kämp­fen ins­be­son­de­re Selbst­ver­tre­tungs­ver­bän­de wie VIMÖ für recht­li­che Ver­an­ke­rung eines drit­ten Geschlechts. Die Aus­wir­kun­gen einer binär­ge­schlecht­li­chen Rechts­auf­fas­sung auf inter­ge­schlecht­li­che Per­so­nen wur­de auch bei einer Dis­kus­si­ons­run­de des Klags­ver­ban­des sicht­bar:
Klags­ver­band, “Die recht­li­che Gleich­stel­lung von inter­ge­schlecht­li­chen Per­so­nen”, 23. Juni 2016.

Eheöffnung: Überlegungen zur Änderung des ABGB von 1811

Im Sin­ne einer Öff­nung der Ehe für gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re prü­fen die Höchstrichter*innen des  Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs der­zeit die Mög­lich­kei­ten einer Ände­rung des § 44 im ABGB von 1811, der die Ehe als einen Ver­trag zwi­schen zwei Per­so­nen ver­schie­de­nen Geschlechts fest­legt.

derstandard.at berich­tet dar­über:

 
„In der Herbstsession haben die Höchstrichter am 12. Oktober daher beschlossen, den seit 1811 im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch enthaltenen Passus amtswegig zu prüfen, laut dem "zwey Personen verschiedenen Geschlechts" einen Ehevertrag eingehen. (...)
Gleichzeitig wollen sie das seit 2009 nur für homosexuelle Paare geltende Eingetragene-Partnerschafts-Gesetz (EPG) unter die Lupe nehmen. Seit dessen Einführung sei es rechtlich schrittweise zu einer "weitgehenden Angleichung von Ehe und eingetragener Partnerschaft gekommen", sodass nunmehr Vergleichbares – hetero- und homosexuelle Paarbeziehungen – ungleich geregelt sei.“

Weiterlesen:
Verfassungsgericht prüft Öffnung der Ehe für Homosexuelle, In: derstandard.at, 18.10.2017.

Workshop: Soziale Positionierungen

Wir freu­en uns, Sie zu unse­rem Work­shop am 21. Okto­ber ein­la­den zu dür­fen.


Sozia­le Posi­tio­nie­run­gen
Work­shop des FWF-Pro­jekts „Mar­ria­ge Liti­ga­ti­ons from the 16th to the 19th Cen­tu­ry. Regio­nal and Soci­al Dif­fe­ren­tia­ti­on.“
21. Okto­ber 2017, ab 9.30 Uhr
Semi­nar­raum 1 (1. Stock)
Uni­ver­si­tät Wien (1010 Wien, Uni­ver­si­täts­ring 1)

Helene Klaar im Standard-Interview

Die Anwäl­tin Hele­ne Kla­ar spricht im Stan­dardt-Inter­view über Wahr­heit vor Gericht, Schuld und Stra­te­gi­en bei Schei­dungs­ver­fah­ren.

Schei­dungs­an­wäl­tin Kla­ar: ‘Am frechs­ten gelo­gen wird beim Geld’” In: derstandard.at, vom 05.06.2017.

"Das Gericht generiert eine eigene Wahrheit, indem Aussagen vom Richter protokolliert werden. Das Protokoll macht vollen Beweis über das, was gesagt wurde. Wenn sich die Person nicht so gut ausdrücken kann oder missverstanden wurde und man sich gegen die unrichtige Protokollierung nicht ausspricht, dann pickt das. Im Urteil trifft der Richter Feststellungen. Wenn diese in der Instanz nicht bemängelt werden, dann ist das die neue Wahrheit – egal, was wirklich war. Das ist für viele sehr schwer, sich damit abzufinden. "

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ORF Panorama zeigt Reportagen der 1960er und 1970er Jahre über Sexualität, Ehe und Scheidung

Die ORF-Sen­dung ‘Pan­ora­ma’ zeig­te am ver­gan­ge­nen Sonn­tag eini­ge ORF-Repor­ta­gen aus den Jah­ren 1967-1976 zu The­men rund um Ehe. Die Berich­te und Inter­views zei­gen Ein­bli­cke in Auf­fas­sun­gen zu vor­ehe­li­cher Sexua­li­tät, Ehe und Schei­dung  in der Zeit um die umfas­sen­den Ehe­rechts­re­for­men in den 1970er Jah­ren in Öster­reich.

ORF Pan­ora­ma: “Ver­liebt, ver­lobt, ver­hei­ra­tet”, gesen­det am 07.05.2017,  13:05 Uhr.

Aktuelle Eheschließungs- und Scheidungszahlen der Statistik Austria

Im April 2017 ver­öf­fent­lich­te die Sta­tis­tik Aus­tria neu­es­te Daten zu Ehe­schei­dun­gen und Ehe­schlie­ßun­gen. Der Fal­ter inter­view­te dazu Kon­rad Pesen­dor­fer, einen der Gene­ral­di­rek­to­rIn­nen der Sta­tis­tik Aus­tria, und illus­trier­te es durch eini­ge Gra­fi­ken.

Hier fin­den Sie den Arti­kel im Fal­ter vom 26.04.2017 als .pdf:
“Wann hei­ra­ten die Öster­rei­cher [sic!] am liebs­ten und wie lan­ge dau­ert es bis zur Schei­dung?”

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie auf der Web­site der Sta­tis­tik Aus­tria zu den The­men Ehe­schlie­ßun­gen und Ehe­schei­dun­gen sowie zu Ein­ge­tra­ge­nen Partner*innenschaften.

20 Jahre Gewaltschutzgesetz in Österreich

Am 1. Mai 1997 trat das Gewalt­schutz­ge­setz in Kraft.  Das Gesetz war ein gro­ßer Erfolg im Opfer­schutz und ein Mei­len­stein in der Gewalt­prä­ven­ti­on. Es ermög­licht, dass Opfer von häus­li­cher Gewalt in der ver­trau­ten Umge­bung blei­ben kön­nen und die gewalt­tä­ti­ge Per­son die gemein­sa­me Woh­nung ver­las­sen muss.

der Stan­dard berich­tet dar­über:
20 Jah­re Gewalt­schutz­ge­setz: Kin­der­schutz soll aus­ge­wei­tet wer­den”, In: derstandard.at, vom 27.4.2017.

Der Ver­ein Auto­no­me Öster­rei­chi­sche Frau­en­häu­ser (AÖF) ver­fass­te einen Arti­kel zum The­ma:

 "20 Jahre Gewaltschutzgesetze – ein klares politisches Bekenntnis gegen Gewalt in der Familie und eine frauenpolitische Errungenschaft", In: ots.at, vom 2.5.2017.

"Das neue Gewaltschutzgesetz ist das Resultat einer langen, unermüdlichen und engen Zusammenarbeit der Frauenhausmitarbeiterinnen mit den Gewaltschutzzentren, den Interventionsstellen, der Polizei, Politik und Justiz. Mitte der 1980er Jahre haben die Frauenhäuser begonnen mit der Polizei zu kooperieren und gemeinsame Schulungen und Fortbildungen abzuhalten...
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Ö1-Sendung zu Wirkungen und Nebenwirkungen der Reformation

Bei­trag in der Ö1-Sen­de­rei­he Pra­xis – Reli­gi­on und Gesell­schaft

Hier ein Jahr lang zum Nach­hö­ren.

"Wenn der Hang einmal zu rutschen beginnt - dann ist nicht mehr absehbar, was die Lawine mit in die Tiefe reißen wird - oder auch nicht...

Gestaltung: Markus Veinfurter und Martin Gross

Heute beschäftigen wir uns in der Sendung „Praxis“ schwerpunktmäßig mit zwei unterschiedlichen Aspekten der Reformation - zuerst mit den „Nebenwirkungen“: von der Sprache über das Eheverständnis bis hin zum Bildungswesen. Martin Luther hat auch jenseits des kirchlichen und theologischen Bereichs bewusst oder unbewusst Entwicklungen in Gang gesetzt, die das Leben in Europa bis heute prägen."

Der EGMR zur Frage: Ist Scheidung ein Menschenrecht?

Anfang Janu­ar 2017 urteil­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) über den Fall eines Man­nes, der sich nach pol­ni­schem Ehe­recht nicht von sei­ner Ehe­frau schei­den durf­te, da er als der Schul­di­ge am Schei­tern der Ehe erkannt wur­de und sei­ne Gat­tin einer Schei­dung nicht zuge­stimmt hat­te. Der Mann schei­ter­te mit sei­ner Kla­ge nun auch vor dem EGMR: Laut die­sem gäbe es kein Recht auf Schei­dung und das pol­ni­sche Gerichts­ur­teil wür­de somit das Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens nicht ver­let­zen.

Die Frank­fru­ter All­ge­mei­ne Zei­tung berich­tet dar­über:
“Pole schei­tert mit Schei­dungs­wunsch vor dem Men­schen­rechts­ge­richt”, In: FAZ.net, 10.01.2017.

Hier fin­den sie noch einen juris­ti­schen Kom­men­tar vom Euro­pean Cent­re for Law and Jus­ti­ce (auf Eng­lisch):
ECHR: No right to divorce”, In: eclj.org, 11.01.2017.

Wagner’sche Zeitschrift digitalisiert und online

Josef Pau­ser hat via VÖBBLOG die Anga­ben und Links zur Zeit­schrift für öster­rei­chi­sche Rechts­ge­lehr­sam­keit und poli­ti­sche Gesetz­kun­de (1825-1845), die unter dem Namen Öster­rei­chi­sche Zeit­schrift für Rechts- und Staats­wis­sen­schaft (1846-1849) fort­ge­führt wur­de, aktua­li­siert:

Die so genannte „Wagner’sche Zeitschrift“, benannt nach ihrem Begründer und Herausgeber Vincenz August Wagner (1790-1833), war die bedeutendste österreichische juristische Zeitschrift des Vormärz. Sie liegt nun über das DFG-geförderte Kooperationsprojekt „Juristische Zeitschriften 1703-1830“ des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte und der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz digitalisiert vor:

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Workshop: Soziale und ökonomische Logiken

Wir freu­en uns, Sie zu unse­rem Work­shop Anfang Sep­tem­ber ein­zu­la­den.


Sozia­le und öko­no­mi­sche Logi­ken
Work­shop des FWF-Pro­jekts “Ehe­pro­zesse zwi­schen dem 16. und 19. Jahr­hun­dert. Regio­nale und sozia­le Ver­or­tung”
3. Sep­tem­ber 2016, ab 9.00 Uhr
Semi­nar­raum 1 (1. Stock)
Uni­ver­si­tät Wien (1010 Wien, Uni­ver­si­täts­ring 1)

Bedenke, wenn wir geschieden …”

Eine über die gewöhn­li­che Akten­über­lie­fe­rung hin­aus­ge­hen­de Doku­men­ta­ti­on fin­det sich in einem Schei­dungs­ver­fah­ren aus dem Jahr 1867/68. Par­al­lel zum Schei­dungs­pro­zess führ­te das jun­ge, erst seit einem hal­ben Jahr ver­hei­ra­te­te Ehe­paar einen inten­si­ven Brief­ver­kehr. Die Brie­fe wur­den als Beweis­mit­tel ein­ge­bracht und lie­gen den Pro­zess­ak­ten bei. Vor allem der Ehe­mann war an einer Aus­söh­nung inter­es­siert und reflek­tier­te in einem sei­ner Brie­fe über das Leben nach einer mög­li­chen Schei­dung von Tisch und Bett:

Bedenke, wenn wir geschieden, sind wir alle zwei für dieses Leben tot, heirathen dürfen wir nicht mehr und so in der wilden Ehe zu leben ist grausam [...]

Suppe kalt, Herz leer - Der Kampf der Geschlechter”

Heu­te um 21 Uhr auf Ö1 im Hör­spiel-Stu­dio:

"Suppe kalt, Herz leer - Der Kampf der Geschlechter" von Michael Stauffer. In diesem Hörspiel dreht sich alles um Trennungen - bevorstehende, gedachte oder gewesene Trennungen, über Nebenbeziehungen, über Kinderwunsch und Kinderrealität (WDR 2014).

In diesem Hörspiel kommen vier Frauen und vier Männer zu Wort und bieten sich einen wechselseitigen Monolog. Es wird gekämpft Auge in Auge. Und nicht selten Auge UM Auge. Der Kampf der Geschlechter geht tagtäglich in neue Runden. Denn, wie schon Loriot unwiderlegbar formulierte: "Männer und Frauen passen einfach nicht zueinander."

Vier Frauen reden über Männer - abgeklärt, wütend, sehnsüchtig, bissig, polemisch und eloquent. Und vier Männer antworten darauf - erstaunt, befremdet, ausweichend, wortkarg oder wortreich. Ein wechselseitiger Monolog der Unverstandenen.

Als Parallelgeschichte wird über Biber doziert. Die sind nämlich treu und monogam, und leben ein Leben lang glücklich in ein- und demselben Familienverband. …

Mit Toni Bieber, Stefanie Fauwallner, Leopold Gottsauer, Dionysia Karydis, Nikolaus Novak u.a. Regie: Michael Stauffer. Prod. WDR 2014.

Von “zeitweiligen” und “lebenslänglichen” Scheidungen

Die Scheidung von Tisch und Bett wird für so lange bewilligt, bis die Klägerin/der Kläger ohne Gefahr für ihr/sein zeitliches und ewiges Heil die ehliche Gemeinschaft mit ihrem Gatten/seiner Gattin erneuern kann.

Die­se For­mu­lie­rung ent­stammt einem Schei­dungs­ur­teil, wie es in den 1860er-Jah­ren in zahl­rei­chen Fäl­len vom Wie­ner fürst­erz­bi­schöf­li­chen Ehe­ge­richt aus­ge­spro­chen wur­de. Dar­in gewähr­te das Ehe­ge­richt den Ehe­leu­ten eine zeit­lich befris­te­te Schei­dung von Tisch und Bett und mach­te die Dau­er der Tren­nung davon abhän­gig, wie lan­ge eine Gefahr für das dies- und jen­sei­ti­ge „Heil“ der kla­gen­den Par­tei besteht. Von wem die­se Gefahr aus­ging, dar­über gibt der Aus­zug aus dem Urteil kei­ne Aus­kunft. In den aller­meis­ten Fäl­len ging die Gefahr vom Ehe­mann, sei­ner Gewalt­be­reit­schaft und/oder sei­ner Alko­hol- bzw. Spiel­sucht aus.

Wäh­rend Schei­dun­gen von Tisch und Bett zwi­schen 1783 und 1856 - als in Wien und Tei­len der Habs­bur­ger Mon­ar­chie staat­li­che Gerich­te für Ehe­strei­tig­kei­ten zustän­dig waren - stets unbe­fris­tet aus­ge­spro­chen bzw. bewil­ligt wur­den, erlaub­te das fürster­bi­schöf­li­che Ehe­ge­richt in den 1860er-Jah­ren zumeist nur “zeit­wei­li­ge” Schei­dun­gen von Tisch und Bett und setz­te auf eine mög­li­che Ver­söh­nung und damit Wie­der­ver­ei­ni­gung der Ehe­leu­te. Nur in weni­gen Fäl­len (meist auf­grund eines bewie­se­nen oder ein­ge­stan­de­nen Ehe­bruchs) gewähr­ten die Räte eine „lebens­läng­li­che Schei­dung von Tisch und Bett“. Mit die­ser restrik­ti­ven Urteils­pra­xis schlos­sen die Räte an die Recht­spre­chung der Kir­chen­ge­rich­te vor 1783 an.

Scheidungszahlen in Wien zwischen 1857 und 1865

Karl Dworz­ak ver­fass­te 1867 einen Erfah­rungs­be­richt über sei­ne lang­jäh­ri­ge Tätig­keit als Rat des fürst­erz­bi­schöf­li­chen Ehe­ge­richts in Wien. Von beson­de­rem Inter­es­se sind dabei sei­ne sta­tis­ti­schen Anga­ben zu den Wie­ner Schei­dungs­zah­len. In den ers­ten acht Jah­ren der Zustän­dig­keit des kirch­li­chen Ehe­ge­richts zählt Dworz­ak 2.100 Schei­dungs­kla­gen. Inter­es­sant ist, dass er in der Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Urtei­le kei­ne Unter­tei­lung zwi­schen lebens­läng­li­chen und befris­te­ten Schei­dun­gen vor­nimmt:

Vom 1. Jänner 1857 bis gegen das Ende des Jahres 1865 wurden über 2.100 Klagen auf Scheidung von Tisch und Bett bei dem f[ürst]e[rzbischöflichen] Ehegericht eingebracht.

Davon wurden bei 1.760 durch Haupturtheil, 230 durch Aussöhnung der Gegner, 122 durch Abweisung ohne Untersuchung, 5 durch Ableben Eines der Gegner während der Verhandlung erledigt.

Aus den durch Urtheil erledigten Scheidungssachen wurden im Durchschnitte bei je hundert Urtheilen 66 Scheidungsgesuche bewilligt, 34 abgewiesen.

Von 100 bewilligten Scheidungen wurden 58 aus alleinigem Verschulden des Gatten, 24 aus alleinigem Verschulden der Gattin, 18 aus beiderseitigem Verschulden bewilligt.

Als Scheidungsgründe erscheinen bei hundert bewilligten Scheidungen siebzehnmal der Gatte, neunmal die Gattin des Ehebruches schuldig; in achtundsechzig Fällen erscheint Mißhandlung oder gefährliche Bedrohung, in zweiundsiebzig empfindliche Kränkungen, in sechs Fällen böswillige Verlassung, in dreizehn Fällen ansteckende Krankheiten, in neun Fällen Kerkerstrafe, in sechzehn Fällen Verschwendung, in etwa dreihundert Urtheilen einmal Verführung zu Lastern als Scheidungsgründe; selbstverständlich erscheinen in den meisten Urtheilen mehrere Scheidungsgründe nebeneinander; in einem einzigen Falle war ein von einem Ehemanne an seiner Gattin mit Erfolg gemachter und mit mehrjährigem Kerker bestrafter Vergiftungsversuch die Ursache der Scheidung.
Erwähnenswert scheint noch, daß aus hundert Ehepaaren, welche wegen Scheidung vor dem Ehegerichte standen, 35 bis 40 Perzent in kinderloser Ehe lebten.
Auf 100 Urtheile entfallen 28 Appellationen; aus 100 appellirten Urtheilen wurden 8 in den höheren Instanzen aufgehoben oder theilweise abgeändert.

Karl Dworzak: Aus den Erfahrungen eines Untersuchungs-Richters in Ehestreitsachen, Wien 1867, S. 166f.

Nota bene

In den Schei­dungs­ak­ten des fürst­erz­bi­schöf­li­chen Ehe­ge­richts Wien aus dem Jahr 1867 taucht die Abkür­zung “N.B.” (= Nota bene) wie­der auf, die ich in den Gerichts­quel­len des Wie­ner Magis­trat­si­chen Zivil­ge­richts zwi­schen 1783 und 1850 ver­misst habe. Ver­misst des­halb, da die zumeist an den lin­ken Rand einer Sei­te geschrie­be­nen Bemer­kun­gen einen (oft ein­zig­ar­ti­gen) Ein­blick in die Wahr­neh­mung oder das Gesche­hen abseits des eigent­li­chen Ver­wal­tungs­akts geben.

Karl Dworz­ak, der für das Ehe­schei­dungs­ver­fah­ren zwi­schen August und Anna Dirn­böck zustän­di­ge Refe­rent des Kir­chen­ge­richts, füg­te sei­nem im Dezem­ber 1867 ver­fass­ten Gut­ach­ten bei­spiels­wei­se fol­gen­de Bemer­kung bei. Dar­in kommt sei­ne per­sön­li­che Ein­schät­zung der beklag­ten Ehe­frau klar zum Aus­druck:

N.B. Beklagte vollkommene Comödiantin, Declamatorin [= Redekünstlerin]

Aus Fehlern lernt man ja bekanntlich…

Im Dezem­ber 1809 lie­ßen sich Johann und Rosa Kroy ein­ver­ständ­lich von Tisch und Bett schei­den. Bei­de waren noch recht jung: Johann Kroy war zum Zeit­punkt der Tren­nung 35 Jah­re alt und Ingros­sist bei der k. k. Hof­kriegs­buch­hal­tung. Rosa Kroy, gebo­re­ne Haan, war neun Jah­re jün­ger. Bei­de leb­ten in der Josef­stadt. Aus der Ehe war eine Toch­ter her­vor­ge­gan­gen.

Laut dem zwi­schen bei­den Ehe­leu­ten ver­ein­bar­ten Schei­dungs­ver­trag ver­spra­chen sich “bei­de Thei­le nach vor­ge­nom­me­ner Tren­nung von Tisch und Bett, nie­man­dem die die gegen­wär­ti­ge Ehe­schei­dung ver­an­las­sen­den Grün­de mit­zu­t­heil­len und ein­an­der bei allen Gele­gen­hei­ten mit wech­sel­sei­ti­ger Ach­tung zu behan­deln”.

Was die Schei­dungs­fol­gen anbe­langt, kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass sich die Ehe­frau in einer star­ken Posi­ti­on befand, da der ihr zuge­spro­che­ne Unter­halt den übli­cher­wei­se der Ehe­frau zuste­hen­den Anteil an den Ein­künf­ten des Ehe­man­nes über­stieg. Rosa Kroy wur­de näm­lich nicht - wie üblich - nur ein Drit­tel zuge­spro­chen, sie hat­te einen Anspruch auf zwei Fünf­tel der Ein­künf­te ihres geschie­de­nen Ehe­manns zuzüg­lich der Ali­men­ta­ti­ons­zah­lung für die Toch­ter.

Kon­kret ver­dien­te Johann Kroy als Beam­ter 700 Gul­den pro Jahr. Aus Kapi­tal­ge­schäf­ten bezog er zusätz­lich jähr­lich 750 Gul­den an Zin­sen. Er ent­schloss sich, so lau­te­te die Rege­lung im Schei­dungs­ver­trag, sei­ner geschie­de­nen Ehe­frau einen Unter­halt von jähr­lich 800 Gul­den zu zah­len. 600 Gul­den waren für Rosa Kroy vor­ge­se­hen, die rest­li­chen 200 Gul­den für die Ver­pfle­gung und Erzie­hung der Toch­ter. Rosa Kroy muss­te die Woh­nung räu­men. Für den Fall, dass Johann Kroy in Zukunft gerin­ge­re Ein­künf­te bezie­hen soll­te, soll­te der Unter­halt im sel­ben Ver­hält­nis redu­ziert wer­den. Soll­te sein Ver­dienst anstei­gen, stand Rosa Kroy neben den ver­spro­che­nen 800 Gul­den ein Vier­tel der Besol­dungs­er­hö­hung zu.

Nach der Schei­dung von Tisch und Bett hei­ra­te­te Johann Kroy 1825 erneut. Er war in der Zwi­schen­zeit beruf­lich auf­ge­stie­gen: Im Hei­rats­ver­trag vom Sep­tem­ber 1825 wird er als k. k. Rech­nungs­rat  bezeich­net. Ver­gli­chen mit den Bezü­gen vor 16 Jah­ren, bezog er nun auch bei­na­he die dop­pel­te Besol­dung. Rosa Kroy war ver­mut­lich ver­stor­ben. Die Recher­che nach ihrem Ster­be­da­tum blieb bis­lang erfolg­los.

Wohl um sich im Fall eines erneu­ten unglück­li­chen Ver­laufs der Ehe Ver­hand­lun­gen über einen etwai­gen Unter­halt und des­sen Höhe zu erspa­ren, traf Johann Kroy im Vor­feld der zwei­ten Ehe­schlie­ßung dies­be­züg­li­che Vor­keh­run­gen. Für den Fall einer Schei­dung von Tisch und Bett soll­te sei­ne zwei­te Ehe­frau sich mit einem weit­aus gerin­ge­ren Unter­halt zufrie­den­ge­ben. Laut Hei­rats­ver­trag soll­te ihr nach einer Schei­dung ledig­lich ein Sechs­tel der Ein­künf­te Johann Kroys zuste­hen. Die Pas­sa­ge im Hei­rats­ver­trag lau­te­te wie folgt:

Erkläret die Braut, daß, wenn während des Ehestandes sich Fälle ereignen sollten, welche eine Ehescheidung herbeiführen, sie sich mit einem Sechstel des dermahligen Gehaltes des Bräutigames, welcher in 1.200 Gulden bestehet, begnügen wolle, und daß, wenn dieser Gehalt in der Folge durch irgendeinen Zufall vermindert werden sollte, sie sich auch mit einem Sechstel des verminderten Gehaltes zufriedenstellen, endlich wenn der Bräutigam in der Zukunft pensionnirt werden sollte, sie sich auch mit einem Sechstel der Pension behelfen wolle.

WStLA 1.2.3.2.A10 179/1841

Dass in Hei­rats­ver­trä­gen katho­li­scher Braut­paa­re unter­halts­be­zo­ge­ne oder ver­mö­gens­recht­li­che Vor­keh­run­gen für den Fall einer Schei­dung getrof­fen wur­den, war bis­lang unbe­kannt. Aus Ehe­ver­trä­gen jüdi­scher Braut­paa­re kennt die His­to­rio­gra­fie sol­che vor­keh­ren­den Maß­nah­men sehr wohl. Wie an Johann Kroy und sei­nen zwei Ehen zu sehen ist, lernt man ja bekannt­lich aus Feh­lern …

300 Jahre vor dem Ehegericht

derStandard.at berich­te­te in sei­nem Schwer­punkt ‘Geschlech­ter­ver­hält­nis­se’ über unser For­schungs­pro­jekt
zum Arti­kel

300 Jahre vor dem Ehegericht
ALOIS PUMHÖSEL
Konfliktfelder, Handlungsoptionen: Ein FWF-Forschungsprojekt recherchierte Gerichtsverfahren von 2.100 Ehepaaren seit dem 18. Jahrhundert
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Rückblick auf den Launch des Webportals und die Heftpräsentation

Vor einer Woche haben wir den Launch des Web­por­tals sowie die Erschei­nung des 26. Jahr­gangs der Früh­neu­zeit-Info zum The­ma “streit­paar - Ver­fah­ren in Ehe­sa­chen” gebüh­rend gefei­ert. Ein kur­zer Rück­blick mit Bil­dern…

Andrea Grie­seb­ner und Georg Tschan­nett eröff­ne­ten die Ver­an­stal­tung mit einen paar Wor­ten über die Zie­le und ers­ten Ergeb­nis­se des vom Wis­sen­schafts­fonds zwi­schen 2011 und 2015 finan­zier­ten For­schungs­pro­jekts. Ganz beson­ders gefreut haben wir uns über die Zusa­ge der renom­mier­ten öster­rei­chi­schen Schei­dungs­an­wäl­tin Hele­ne Kla­ar, als Gast­red­ne­rin auf­zu­tre­ten. Sie berich­te­te in ihren Aus­füh­run­gen von ihrer lang­jäh­ri­gen Erfah­rung als Anwäl­tin und Femi­nis­tin.

Musi­ka­lisch beglei­te­ten Susan­na Rid­ler und Sophie Hass­fur­t­her die Ver­an­stal­tung. Dabei grif­fen Sie unter ande­rem einen Eherat­ge­ber aus dem Jahr 1805 auf.

Einladung zur Heftpräsentation und zum Launch des Webportals “Ehen vor Gericht”

Vor kur­zem ist die aktu­el­le Aus­ga­be der Früh­neu­zeit-Info zum The­ma streit­paar – Ver­fah­ren in Ehe­sa­chen erschie­nen. Am 10. Dezem­ber 2015 fin­det die Prä­sen­ta­ti­on des Hefts sowie des Web­por­tals des vom öster­rei­chi­schen Wis­sen­schafts­fonds geför­der­ten For­schungs­pro­jekts Ehen vor Gericht statt. Details zum Pro­gramm fin­den Sie hier.

Web­por­tal “Ehen vor Gericht”

Die Vor­be­rei­tun­gen für das neue Web­por­tal lau­fen auf Hoch­tou­ren. Die neue Web­sei­te wird die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen eben­so wie die über­lie­fer­ten Quel­len und die Vor­gangs­wei­se bei der Quel­len­er­he­bung skiz­zie­ren. In die Web­sei­te ein­ge­bun­den wur­de dar­über hin­aus eine Online­da­ten­bank, in der sich Infor­ma­tio­nen zu über 2.100 Ehe­paa­ren aus dem Zeit­raum zwi­schen der Mit­te des 16. und der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts befin­den. Wie bis­her, wird das Web­por­tal auch einen Blog umfas­sen, der regel­mä­ßig aktu­el­le Infor­ma­tio­nen und Ankün­di­gun­gen ver­öf­fent­li­chen wird.

Früh­neu­zeit-Info 26/2015

Der the­ma­ti­sche Schwer­punkt der aktu­el­len Aus­ga­be ver­sam­melt die Bei­trä­ge der im Sep­tem­ber 2014 in Wien abge­hal­te­nen Abschluss­ta­gung des genann­ten For­schungs­pro­jekts. Der zeit­li­che Rah­men des Hef­tes reicht vom Spät­mit­tel­al­ter bis ins aus­ge­hen­de 19. Jahr­hun­dert. Die Zusam­men­schau der ein­zel­nen Bei­trä­ge ermög­licht den Ver­gleich kirch­li­cher und welt­li­cher Ehe­ver­fah­ren sowie das In-Bezug-Set­zen der Gerichts­pra­xis unter­schied­li­cher Regio­nen bzw. Rechts­ge­bie­te und Kon­fes­sio­nen. Einen Schwer­punkt bil­den die viel­fäl­ti­gen, oft kom­plex inein­an­der ver­strick­ten Ehe­ver­fah­ren und die von den Streit­par­tei­en (bzw. deren Anwäl­ten) vor­ge­brach­ten Kon­flikt­fel­der. Der obrig­keit­li­che Umgang mit „eigen­mäch­ti­gen Tren­nun­gen“ und „biga­men“ Ehen sowie die Rege­lung der Schei­dungs­fol­gen bil­den einen wei­te­ren Schwer­punkt des Hef­tes. The­ma­ti­siert wer­den dar­über hin­aus auch Ver­fah­ren, in wel­chen der Sta­tus von Ehe­ver­löb­nis­sen zur Dis­kus­si­on stand.

Die Bei­trä­ge ver­deut­li­chen, dass neben sozio­kul­tu­rel­len Kate­go­ri­en wie Geschlecht, Alter, sozia­ler Stand und dem Besitz von öko­no­mi­schem und sozia­lem Kapi­tal vor allem auch das jeweils gül­ti­ge Ehe­gü­ter-, Erb- und Obsor­ge­recht erheb­li­chen Ein­fluss dar­auf hat­te, ob eine Schei­dung bzw. Tren­nung von Tisch und Bett eine leb­ba­re Opti­on dar­stell­te. Metho­disch ver­bin­det die ein­zel­nen Bei­trä­ge zudem die Her­an­ge­hens­wei­se, Mikro- und Makro­be­ne nicht als Gegen­sät­ze zu betrach­ten. Sicht­bar wer­den so Kon­ti­nui­tä­ten und Dis­kon­ti­nui­tä­ten des kano­ni­schen und welt­li­chen Ehe­rechts eben­so wie Fein­hei­ten in den Argu­men­ta­ti­ons­stra­te­gi­en der Streit­par­tei­en.

Zum Inhalts­ver­zeich­nis
Zu den Abs­tracts

Frühneuzeit-Info 2015 | Themenschwerpunkt Ehekonflikte | Vorschau 6/6

streit­paar - Ver­fah­ren in Ehe­sa­chen
Früh­neu­zeit-Info 26 (2015)
Erschei­nungs­da­tum: Novem­ber 2015
Bestel­lun­gen wer­den ger­ne ent­ge­gen­ge­nom­men: Bestell­schein

Der sechs­te und letz­te Teil der Vor­schau stellt die Bei­trä­ge von Kat­rin Gäde und Ulri­ke Boh­se-Jasper­sen vor:

Umstrittenes Eherecht
Handlungsstrategien und Aushandlungsprozesse in Ehescheidungsverfahren
adliger Paare vom 18. bis zum 19. Jahrhundert
Katrin Gäde
(in German language)

Scandals, affairs and conflicts at noble courts have given rise to gossip ever since. Furthermore they were events of great interest for the public. At the same time divorce and legal separation were no uncommon phenomenons among the nobility in the modern era. Against that background the present article examines separations and divorces of aristocratic couples from the 17th to the 19th century in Central Germany. This involves both - on a judical level - the manifestation of the Protestant matrimonial law and on an actor-centred level – the people concerned, their strategies for action and related to that, the construction of social practice.
By the example of interchurch-couples and their path through several bureaucratic procedures and lengthy negotiations about the further course of action and judicial responsibilities an attempt is made to visualize this aforementioned construction process. The appraisal of negotiations about jurisdictions in matrimonial matters allows the conclusion that individual rights and scopes of action were in need to be negotiated primarily in case of clashing legal standards and conceptions. In studying failed aristocratic marriages it is not only possible to get a deeper insight into gender relations but also to visualize actions and scopes of action as well as conflict settlement of the aristocratic world in modern Europe.
Martina Vilvado y Balverde gegen Antonio Yta
Eine Klage auf Eheannullierung in Sucre aus 1803:
Männlichkeitsentwürfe im spätkolonialen Bolivien
Ulrike Bohse-Jaspersen
(in German language)

This paper describes a marriage annulment proceeding in the town of La Plata, today Sucre, constitutional capital of present-day Bolivia, in 1803. 22-year-old Doña Martina Vilvado y Balverde proceeds a claim before the Court of Appeal of La Plata, setting out that her husband, 32-year-old Spaniard Don Antonio Yta was in fact a woman who deceived her in order to marry and live as her husband with the blessing of the church. The article examines the argumentative strategies of the spouses, the members of the tribunal and other parties to the proceedings.
The case is part of a compilation of marriage proceedings and other court sources, which are analyzed in the context of a dissertation in terms of concepts of masculinity in late colonial Bolivia (Provincia de Charcas) from 1750 to 1825. After an introduction to the historical context and an explanation of the legal framework, the course of the proceedings is described in chronological order until the end of the trial. The paper shows in which way the powers of the secular and ecclesiastical jurisdiction overlap. Given the complexity of the facts both jurisdictions try to avoid clear statements, although it can be demonstrated that there were different legal possibilities to reach a verdict.  The argumentation tries to make clear that the scientific approach to the case must consider the diversity in gender so it needs more than an analysis of socially constructed gender and the historical-cultural aspects.

Frühneuzeit-Info 2015 | Themenschwerpunkt Ehekonflikte | Vorschau 5/6

streit­paar – Ver­fah­ren in Ehe­sa­chen
Früh­neu­zeit-Info 26 (2015)
Erschei­nungs­da­tum: Novem­ber 2015
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Teil 5 der Vor­schau gibt einen Ein­blick in die Bei­trä­ge von Georg Tschan­nett und Zuzana Pavel­ko­va Čeve­lo­vá:

Unterhaltsstreitigkeiten und deren Regelungen vor dem Wiener Scheidungsgericht
im ausgehenden 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Georg Tschannett
(in German language)

In October 1848 Heinrich Georg Bayer initiated a matrimonial suit against his affluent wife, in order to claim maintenance from her. This case constitutes a rather unusual action in the Viennese divorce court from the end of the 18th to the mid-19th century, in its attempts to reverse the gender-specific allotment of conjugal duties and rights in general, and the statutory maintenance obligation of the husband in particular. The article will consider the relationship between spousal duties and rights and marital gender relations. In this context, marriage will be interpreted as a legal institution as well as a social relationship. The piece also aims to examine the practices of the Viennese divorce court in relation to maintenance proceedings, addressing the arguments that spouses used to win or to defend an action for maintenance. Perhaps most significantly, it will analyse in detail the negotiating positions that husbands and wives adopted in divorce settlements, and upon which they relied to secure the terms of their divorce.
Ehestreitigkeiten vor dem erzbischöflichen Gericht in Prag in den 1860er-Jahren
Zuzana Pavelkova Čevelová
(in German language)

The paper deals with marriage conflicts in the long 19th century in Bohemia. The first part concerns with the development of contemporary Czech historiography. The second part specifies an arrangement of archiepiscopal sources in Prague which are deposited in the National archive in Prague. The third part of the paper reconstructs the history of a married couple named Houška, who in 1857 fought for annulment of marriage in court. The reason that was put forward by the husband was health problems of his wife. Marriage had been neither nullified nor divorced. The micro historical approach gives an interesting illustration of social life in 19th century, contact of country and the city, expansion of medical science into common people life and the continuing power of the Catholic Church. The aim of the paper is to explain everyday live marriage in 19th century in the Bohemia countryside.

Frühneuzeit-Info 2015 | Themenschwerpunkt Ehekonflikte | Vorschau 4/6

streit­paar – Ver­fah­ren in Ehe­sa­chen
Früh­neu­zeit-Info 26 (2015)
Erschei­nungs­da­tum: Novem­ber 2015
Bestel­lun­gen wer­den ger­ne ent­ge­gen­ge­nom­men: Bestell­schein

In Teil 4 der Vor­schau wer­den der Bei­trag von Clai­re Cha­te­lain und eine Kopro­duk­ti­on von Mar­ga­reth Lanzin­ger, Elli­nor Fors­ter, Jani­ne Maegraith, Sig­lin­de Cle­men­ti und Chris­ti­an Hagen vor­ge­stellt:

Ein adeliges Beamtenpaar vor Gericht
Der Einsatz von Kapitalsorten im Eheverfahren zur Trennung von Tisch und Bett am Ende der Regierungszeit von Ludwig XIV. 
Claire Chatelain
(in German language)

This paper presents a case study, focused on a trial of separation from bed and goods which occurred between a great magistrate and his wife (who came from a financial officer’s family), at the end of the Louis XIV reign. An exceptional documentation (based on summations and other sources, as notarial acts or courts sentences) allowed giving a micro analysis of this historical trial, led in front of the most important court of justice of the French kingdom, theParlement de Paris, which was a secular one. What were the economic grounds of this marital separation? How the procedural followings which lasted five years were shaped? What were the consequences on the couple and their children? This research is interested in the French Old Régime mechanisms of judicial ways to break on kinship relationships especially those in the siblings. It leads to a comparative history in this field.
Konfliktpotenzial und Streitgegenstände im Kontext ehelicher Vermögensregime
Margareth Lanzinger/Ellinor Forster/Janine Maegraith/
Siglinde Clementi/Christian Hagen
(in German language)

In early modern times, property and wealth constituted an area with considerable potential for conflict. The initial thesis of this paper is that the causes of discord and dispute depended decisively on the respective marital property and inheritance systems. Because this could give rise to competing interests in different constellations and situations: between siblings, in-laws, parents, step-parents, other relatives or guardians, and not least within marital context. One setting potentially prone to conflict was the end of a marriage. Previously, implications and consequences of widowhood and divorce or legal separation of bed and board were regarded separately. However, the aim of this paper is to bring post-marital property arrangements and stipulations regarding widowhood together with findings on marital conflicts and separations. The question is to what extent property related subjects of dispute differed depending on whether a marriage terminated because of the death of either husband or wife, or because of divorce or legal separation. Property brought in by brides, questions of livelihood, and post-marital presence in the husband’s family home have all proven to be relevant aspects in both contexts. The study is situated in late medieval and early modern rural and urban areas of southern Tirol and is based on cases from the court books (“Verfachbücher”) and charters for several communities, noble family archives, as well as the consistorial records in the Diocesan archive in Brixen.

Frühneuzeit-Info 2015 | Themenschwerpunkt Ehekonflikte | Vorschau 3/6

streit­paar – Ver­fah­ren in Ehe­sa­chen
Früh­neu­zeit-Info 26 (2015)
Erschei­nungs­da­tum: Novem­ber 2015
Bestel­lun­gen wer­den ger­ne ent­ge­gen­ge­nom­men: Bestell­schein

Teil 3 der Vor­schau prä­sen­tiert die Bei­trä­ge von Andrea Grie­seb­ner und Susan­ne Hehen­ber­ger:

Ausweg und Sackgasse zugleich
Eheverfahren vor katholischen Konsistorien von der Mitte
des 16. bis ins ausgehende 18. Jahrhundert
Andrea Griesebner
(in German language)

Following a brief explanation of canon law the first section provides an outline of the sources for marriage litigations in the archduchy Austria below the Enns. It will highlight the possibilities and limitations the protocols of the consistories offer. The second section provides insights into the variety of marriage litigations made possible at early modern ecclesiastical courts, as well as quantitative trends. Based on a case study the third section provides deepened insight into the various contexts motivating women and men to sue their spouse. Between 1765 and 1781 Magdalena Pürckin and Peter Pürck conducted 13 proceedings, some initiated by the wife, some by the husband. The analytical focus is directed to the particular interest of the plaintiff and the defendant respectively as well as their discursive strategies to get a verdict in his or her own favor. The summary argues that the catholic marriage politics generates the various proceedings the ecclesiastical courts are dealing with. Nevertheless the persistence Peter Pürck in suing his wife for cohabitation and Magdalena Pürckin’s resistance is exceptional.
The article is based on long standing research on churchly marriage jurisdiction in the archduchy Austria below the Enns, financed by the Austria Research Fund and backed by the University of Vienna between October 2011 and October 2015.
Das fehlende fleischliche Band
Sexuelles Unvermögen als Scheidungsargument vor dem Passauer und
Wiener Konsistorium (1560–1783) 
Susanne Hehenberger
(in German language)

Many Catholic spouses filed for divorce or separation by bed and board in the early modern period. Only a few of them argued that their inability to execute the marital duty was the main cause. In this article, I focus on a small sample of 51 couples who used the argument of male or female impotence in the course of marriage litigations in the consistories in Vienna. After exploring the meaning of impotence and divortium in these sources, the article analyses the different interests of claimants (e.g. escape from an unhappy union or the desire for a new marriage) as well as the response of defendants to these allegations (denial, confession, counter-claim or negotiation). As canon law allowed the annulment of marriages only in cases of premarital, enduring and incurable impotence, consistories had to search for clear evidence before they rendered judgement. The appellate court – the nunciature in Vienna –then had to confirm the annulment before it would become effective. In theory, the evidence of one spouse confirmed by an oath cum septima manu (testimony of seven reliable men or women) would suffice as proof. In early modern practice, either the litigant or the consistory often demanded additional medical evidence, which was regularly provided by the medical faculty of the university in Vienna. In cases of female impotence, however, midwives were consulted. Even if evidence seemed clear and the carnal bond was missing, it became increasingly difficult to enforce a divortium quoad vinculum from the sixteenth to the eighteenth century. This situation was exacerbated after Pope Benedict XIV created the position of defensor matrimonii in November 1741, a figure who acted ex officio to protect marriage in the first instance.

kreuz und quer” über die katholische Kirche und ihre Wiederverheirateten

Am Diens­tag­abend (20. Okt.2015, 22:35 Uhr) beschäf­tig­te sich “kreuz und quer” mit Schei­dun­gen bzw. der unauf­lös­li­chen Ehe.

kreuz und quer 
Scheitern nicht vorgesehen - Die katholische Kirche und ihre Wiederverheirateten 

Dieser Tage beraten Bischöfe aus aller Welt bei der Bischofssynode in Rom über Ehe und Familie. Ein zentraler Punkt dabei: Wie soll die Kirche mit Geschiedenen Wiederverheirateten umgehen?
Wer sich nämlich scheiden lässt und mit einem neuen Partner zusammen sein möchte, hat in der römisch-katholischen Kirche einen schweren Stand. Die sakramental geschlossene Ehe gilt als unauflöslich, denn "was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen". Die Ehe zwischen Mann und Frau gilt solange als geschlossen, bis dass der Tod die Ehepartner scheidet - alles andere gilt als Ehebruch und somit als eine schwere Sünde. Jene, die als "Geschiedene Wiederverheiratete" bezeichnet werden, sind zwar immer noch Mitglieder der Kirche, jedoch offiziell von den Sakramenten - insbesondere von der Eucharistie- ausgeschlossen. Dabei handelt es sich nicht um eine kirchliche Strafe, sondern um eine theologische Konsequenz aus dem offensichtlichen "Verharren in schwerer Sünde". Diese Regelung ist seit langem ein großer Streitpunkt und ein Problem für viele Seelsorgerinnen, TheologInnen, Priester, Bischöfe und auch Kardinäle. Ideal und Wirklichkeit nämlich driften oft auseinander.

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Sakrament oder “Ehe light”? Debatten im Vorfeld der “Bischofssynode”

Johan­na Grill­may­er fasst auf religion.orf.at Debat­ten und Aus­ein­an­der­set­zun­gen zur Unauf­lös­bar­keit der katho­li­schen Ehe zusam­men.

Ehe und Scheidung: Vom Umgang mit dem Scheitern

„Das Sakrament der Ehe ist unauflöslich“: Dieser Satz ist vielen Wortmeldungen aus der römisch-katholische Kirche und speziell der derzeit stattfindende Bischofssynode vorangestellt. Aber warum ist das so, und muss es so bleiben?

Derzeit ist es Katholiken, die nach einer Scheidung eine neue Ehe eingehen, nicht erlaubt, die Sakramente der Kommunion und der Buße zu empfangen. Nach Auffassung der Kirche leben sie im permanenten Zustand der Sünde, denn eine kirchlich geschlossene Ehe ist aus deren Sicht unauflöslich. Die katholische Lehre zum Thema Ehe stehe nicht zur Debatte und sei mit der Familiensynode nicht infrage gestellt worden, sagte auch Papst Franziskus neulich zu Beginn der Weltbischofssynode zu den Themen Familie und Ehe. mehr...

Frühneuzeit-Info 2015 | Themenschwerpunkt Ehekonflikte | Vorschau 2/6

streit­paar – Ver­fah­ren in Ehe­sa­chen
Früh­neu­zeit-Info 26 (2015)
Erschei­nungs­da­tum: Novem­ber 2015
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Teil 2 der Vor­schau stellt die Bei­trä­ge von Johann Wei­ßen­stei­ner und Iris Fle­ßen­käm­per vor:

Böswilliges Verlassen und „tolerierte“ Partnerschaften im katholischen Bereich
Die Entscheidungspraxis des Passauer Offizialates in Wien von 1558 bis 1592
Johann Weißensteiner
(in German language)

In examining the records of marriage litigation at the consistory of the diocese of Passau in Vienna (established in the 14th century for the parts of the diocese Passau situated in the archduchy of Lower Austria) for the period 1558–1592 the author made the observation, that there was a lot of cases, in which abandoned spouses, whose mates had disappeared without their knowledge and consent, and lived since some years together with a new partner, asked for permission to remarry. Although they got not the license for a second marriage, their new partnership was tolerated. Such couples usually got a certificate by the consistory about this toleration and were also permitted to receive the eucharist in the churches. This practice, which was also common in the dioceses of Freising and Regensburg and in other parts of Europe, lasted till 1579. On 12 October of this year two prominent Jesuit fathers forced the consistory of the diocese of Passau in Vienna to stop this practice. The decision can be seen as an act of “social disciplining” by which the Catholics enforced their particular rules for all aspects of life and so also in the field of family life. Indeed the appointment of the later cardinal and bishop of Vienna Melchior Klesl as official of the diocese of Passau in Vienna was the startup of the Counter Reformation in the Habsburg countries. Thus since 1580 catholic spouses, who were separated from their former mates, did no more get a license to live in a new partnership unless they could proof the natural death of their former husband or wife. At the same time in protestant villages in Lower Austria some landlords in similar cases divorced the first marriage and permitted the abandoned part to remarry.
Wann ist mein Mann mein Mann?
Zur Gültigkeit von Eheschließungen in der protestantischen
Grafschaft Lippe im 17. Jahrhundert
Iris Fleßenkämper
(in German language)

The legal and social conceptions of marriage profoundly changed within the course of the German Reformation. In denying the sacramentality of marriage, Luther and his followers re-interpreted marriage, family, and sexuality as genuinely worldly affairs and attached them to the realm of the earthly kingdom. The Lutheran reforms of marriage resulted from the need to overcome fundamental contradictions of Canon law with regard to the legitimacy of clandestine marriage formations. In this paper I will ask for the influence Protestant marriage reforms had on the culture of norms and jurisdiction in the Protestant County of Lippe, Germany, and I will explore the roles and functions of the clergy in implementing these reforms. Various marriage-related cases brought before the local consistory court show that the new regulations concerning marriage formation were neither thoroughly enforced by court nor observed by the subjects. Following the legal practice of former episcopal marriage courts, the consistory of Lippe still adhered to principles and concepts of common law that had already been prevalent in medieval times.

Pressebeitrag zum Start unseres Folgeprojekts

Das vom öster­rei­chi­schen Wis­sen­schafts­fonds (FWF) von Okto­ber 2015 bis Sep­tem­ber 2017 geför­der­te Pro­jekt Ehe­pro­zes­se zwi­schen dem 16. und 19. Jahr­hun­dert: Regio­na­le und sozia­le Ver­or­tung baut auf den Ergeb­nis­sen des auf die­ser Web­sei­te prä­sen­tier­ten For­schungs­pro­jekts auf. Als Ziel haben wir uns gesetzt, regio­nal und sozi­al dif­fe­ren­zier­te Erkennt­nis­se über Ehe­kon­flik­te und Hand­lungs­op­tio­nen zer­strit­te­ner Ehe­paa­re zu gewin­nen.

Die Pres­se berich­tet in einem Arti­kel über den Pro­jekt­start:
Tren­nun­gen von Tisch und Bett, in: Die Pres­se, 9.10.2015

Frühneuzeit-Info 2015 | Themenschwerpunkt Ehekonflikte | Vorschau 1/6

streit­paar – Ver­fah­ren in Ehe­sa­chen
Früh­neu­zeit-Info 26 (2015)
Erschei­nungs­da­tum: Novem­ber 2015

Die dies­jäh­ri­ge Aus­ga­be der Früh­neu­zeit-Info wid­met sich dem The­men­schwer­punkt Ehe­kon­flik­te und rich­tet den Fokus auf die viel­fäl­ti­gen, oft kom­plex inein­an­der ver­strick­ten Gerichts­ver­fah­ren vor kirch­li­chen und welt­li­chen Ehe­ge­rich­ten sowie die dar­in von den Streit­par­tei­en (respek­ti­ve deren Anwäl­ten) vor­ge­brach­ten Kon­flikt­fel­der. Der obrig­keit­li­che Umgang mit „eigen­mäch­ti­gen Tren­nun­gen“ und biga­men Ver­bin­dun­gen sowie die Fra­ge nach den Tren­nungs- bzw. Schei­dungs­fol­gen bil­den wei­te­re Schwer­punk­te des Hef­tes.

Die Zeit­schrift wird in weni­gen Wochen erschei­nen. Bis dahin wol­len wir inter­es­sier­ten Lesern und Lese­rin­nen wöchent­lich zwei der ins­ge­samt zwölf Bei­trä­ge vor­stel­len. Den Anfang machen Bro­nach Kane und Dua­ne Hen­der­son mit je einem Bei­trag zum Spät­mit­tel­al­ter:

Courtship, Childbearing & Gender in Late Medieval England
Bronach Kane
(in English language)

Existing studies of premarital pregnancy in late medieval English society have focused on manorial fines imposed on sex and childbearing before marriage, as well as the Church’s attempts to channel sexual activity into the bonds of matrimony. This article uses extensive litigation from the church courts to argue that, while childbearing mattered little under formal canon law, pregnancy and parenthood were integral to narratives of courtship and marriage in practice. For female plaintiffs in particular, discourses of stability, cohabiting, and love underpinned legal arguments to enforce marriage contracts. Male parties could, in turn, exploit cultural perceptions to depict sexual relationships as temporary and based solely on desire. Despite these gendered patterns, young women could appropriate and reconfigure cultural models that were hostile to female sexuality in order to advance claims of marriage. Ultimately, this article argues that the discursive agency exercised by female plaintiffs and deponents suggests that gendered models were more flexible in social practice where courtship and childbearing were concerned.
Der unglückliche Bund
Zur Praxis der gerichtlichen Ehetrennung vor dem
Freisinger Offizialat im Spätmittelalter
Duane Henderson
(in German language)

The paper investigates the practice of marriage separations “from bed and board” (a mensa et thoro) at the bishop’s court of Freising at the end of the fifteenth century. Beginning with a brief summary of the position of late-medieval canon law and legal opinion defining the grounds for a separation “from bed and board” and regulating its modalities, the study points out the extent of regional and individual variations in the application of these rules as has been revealed by recent research. On this evidence it becomes apparent that the medieval practice of marriage separation must primarily be studied at the local jurisdictional level, such as is documented in the records of the consistorial court of Freising (1424/1462-1524). Drawing from this both detailed and comprehensive source material, the paper presents the case study of a prolonged marital conflict which was pursued in a series of legal suits from 1476 to 1481. In its various phases, this court battle addresses the major legal and social questions involved in late-medieval marital separation cases in Freising and reveals the problems and advantages of a legal settlement.

Bestel­lun­gen über das Insti­tut für die Erfor­schung der Frü­hen Neu­zeit: Bestell­schein

Scheidung auf katholisch? Die Ehe-Annullierung

Bei­trag in der Ö1-Sen­de­rei­he Pra­xis - Reli­gi­on und Gesell­schaft

Es gilt als eines der "heißen Eisen" in der römisch-katholischen Kirche: Der Ausschluss von wiederverheirateten Geschiedenen von den kirchlichen Sakramenten. Als einziger Ausweg bleibt hier für manche die Annullierung ihrer ersten Ehe. Papst Franziskus hat - kurz vor der vatikanischen Synode zu Themen der Familie und der Sexualmoral - das Procedere für Ehe-Annullierungen vereinfacht. Was bedeutet das nun konkret? Und wem ist so eine Annullierung überhaupt ein Anliegen? - Gestaltung: Maria Harmer

Reden wir über Liebe!” Die Scheidungsanwältin Helene Klaar im DATUM-Interview

Hele­ne Kla­ar spricht mit Sibyl­le Hamann über “archai­sche For­mu­lie­run­gen” im ABGB, über Lie­be (oder doch eher über Sex), über die Rech­te und Pflich­ten von Ehe­leu­ten, über die Ehe als Ver­trag sowie über ihre lang­jäh­ri­ge Erfah­rung als Schei­dungs­an­wäl­tin. Zum Inter­view

Zu spät. Helene Klaar verschwindet hinter den Büchertürmen und zieht mit zielsicherem Griff ein Buch heraus, das an mehreren Stellen mit gelben Post-its markiert ist. Auf Anhieb schlägt sie die Seite auf, die sie sucht.

Ich muss Ihnen das vorlesen, diese wunderbaren archaischen Formulierungen. Das ist überhaupt einer meiner Lieblingsparagrafen, der Paragraf 44. »Die Familienverhältnisse werden durch den Ehevertrag gegründet. In dem Ehevertrage erklären zwei Personen verschiedenen Geschlechtes gesetzmäßig ihren Willen, in unzertrennlicher Gemeinschaft zu leben, Kinder zu zeugen und zu erziehen und sich gegenseitig Beistand zu leisten.« Das ist der Kern.

aus: Reden wir über Lie­be!, in: DATUM Sei­ten der Zeit 9/2015, 1.9.2015.

Neuregelung des Kirchenrechts bei Nichtigkeitsverfahren

Wie religion.orf.at ges­tern berich­te­te, ver­ein­facht die katho­li­sche Kir­che Ehe­nich­tig­keits­ver­fah­ren. Die Reform der Nich­tig­keits­ver­fah­ren, die seit dem 18. Jahr­hun­dert kei­ner Ände­rung unter­wor­fen waren, setzt nicht bei den mög­li­chen Annul­lie­rungs­grün­den, son­dern beim Ver­fah­rens­ab­lauf an. Inter­es­sant sind auch die im Arti­kel ver­öf­fent­lich­ten Zah­len welt­wei­ter Annul­lie­run­gen.

Zum Nachhören: Ö1-Dimensionen “Bevor der Tod sie scheidet”

Wel­che Mög­lich­kei­ten, sich von sei­nem unge­lieb­ten Ehe­part­ner bzw. sei­ner unge­lieb­ten Ehe­part­ne­rin zu schei­den, hat­ten christ­li­che Ehe­paa­re in der Frü­hen Neu­zeit? Wel­che Argu­men­te brach­ten die Ehe­leu­te bzw. deren Anwäl­te vor und inwie­weit wur­den die­se von den Kir­chen­ge­rich­ten als Schei­dungs­grund aner­kannt? Wel­chen Aus­gang nahm etwa die Schei­dungs­kla­ge, die Regi­na Hofe­rin 1782 beim Wie­ner Kon­sis­to­ri­um gegen ihren Mann ein­ge­bracht hat­te?
Mit die­sen und wei­te­ren Fra­gen beschäf­tig­ten sich die Ö1-Dimen­sio­nen vom 28. Okto­ber 2014. Im Mit­tel­punkt der von Lukas Wie­sel­berg gestal­te­ten Sen­dung ste­hen eine Geschich­te der Ehe­schei­dung von der Refor­ma­ti­on bis zur Auf­klä­rung und ers­te Ergeb­nis­se unse­res For­schungs­pro­jekts sowie der in Wien abge­hal­te­nen, inter­na­tio­na­len Tagung “Kein Bund für’s Leben? Ehe­leu­te vor kirch­li­chen und welt­li­chen Gerich­ten”.

 

Bevor der Tod sie scheidet. Ehetrennungen im Mittelalter und der Neuzeit.

Gestaltung: Lukas Wieselberg

Körperliche Gewalt, Ehebruch, Impotenz. Aber auch nicht vorhandene oder “falsche” Gefühle. Und immer wieder wirtschaftliche Fragen und Streit um Unterhalt und Kinder. Das sind nicht nur wichtige Gründe für Scheidungen in der Gegenwart. Sie spielten schon im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine wichtige Rolle.

In einem bisher einzigartigen Forschungsprojekt haben Historikerinnen tausende Akten aus dem 16. bis 19. Jahrhundert untersucht, die von Eheverfahren in Niederösterreich und Wien stammen. Auch wenn Katholik/innen die Scheidung verboten war, konnten sie sich doch “von Tisch und Bett trennen”. Notwendig dafür war ein Verfahren vor einem kirchlichen und – ab 1783 – weltlichen Gericht. Deren Dokumente zeigen nicht nur erstaunliche Parallelen in die Gegenwart. Sie liefern auch Einsicht in das Leben einfacher Handwerker und Taglöhner/innen, die üblicherweise nicht im Fokus der Geschichtswissenschaft stehen.

Science.orf.at-Beitrag über Eheannullierungen und das Argument ‘Impotenz’

Ein Grund, um Ehen zu annullieren

Katho­li­sche Ehen kön­nen bis heu­te kirch­lich nicht geschie­den wer­den. Mög­lich ist hin­ge­gen eine Annul­lie­rung der Ehe - aus bestimm­ten Grün­den. Einer davon ist Impo­tenz. Die­se Unfä­hig­keit, “die Ehe zu voll­zie­hen”, legi­ti­mier­te bereits im Kir­chen­recht des Mit­tel­al­ters eine Annul­lie­rung - Impo­tenz zu bewei­sen, war aber nicht immer ganz leicht.

Das zeigt die Aus­wer­tung von Gerichts­pro­to­kol­len, die Susan­ne Hehen­ber­ger, His­to­ri­ke­rin und Pro­ve­ni­enz­for­sche­rin am Kunst­his­to­ri­schen Muse­um Wien (KHM), gemacht hat.

Kommt nur selten vor

Hehen­ber­ger arbei­tet in einem vom Wis­sen­schafts­fonds FWF geför­der­ten Pro­jekt mit, das gericht­li­che Ehe­tren­nungs- und Annul­lie­rungs­ver­fah­ren vom 16. bis 19. Jahr­hun­dert unter­sucht. Und zwar in Wien und Nie­der­ös­ter­reich, dem dama­li­gen “Erz­her­zog­tum unter der Enns”, einem Stamm­land des Habs­bur­ger­reichs. mehr…

Ö1 Dimensionen “Bevor der Tod sie scheidet”

Mor­gen Abend (28. Okto­ber) um 19:05 Uhr befasst sich Ö1 in den Dimen­sio­nen mit unse­rem For­schungs­pro­jekt und der inter­na­tio­na­len Tagung, die im Sep­tem­ber in Wien statt­fand:

Bevor der Tod sie scheidet. Ehetrennungen im Mittelalter und der Neuzeit. Gestaltung: Lukas Wieselberg

Körperliche Gewalt, Ehebruch, Impotenz. Aber auch nicht vorhandene oder "falsche" Gefühle. Und immer wieder wirtschaftliche Fragen und Streit um Unterhalt und Kinder. Das sind nicht nur wichtige Gründe für Scheidungen in der Gegenwart. Sie spielten schon im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine wichtige Rolle.

In einem bisher einzigartigen Forschungsprojekt haben Historikerinnen tausende Akten aus dem 16. bis 19. Jahrhundert untersucht, die von Eheverfahren in Niederösterreich und Wien stammen. Auch wenn Katholik/innen die Scheidung verboten war, konnten sie sich doch "von Tisch und Bett trennen". Notwendig dafür war ein Verfahren vor einem kirchlichen und - ab 1783 - weltlichen Gericht. Deren Dokumente zeigen nicht nur erstaunliche Parallelen in die Gegenwart. Sie liefern auch Einsicht in das Leben einfacher Handwerker und Taglöhner/innen, die üblicherweise nicht im Fokus der Geschichtswissenschaft stehen.

Frühneuzeit-Info 25 (2014)

Die aktu­el­le Num­mer der Früh­neu­zeit-Info befasst sich mit “Kunst­samm­lun­gen in Öster­reich”. In der offe­nen Sek­ti­on fin­det sich ein inter­es­san­ter Bei­trag über “Nor­men und Prak­ti­ken der Ehe­schlie­ßung in der früh­neu­zeit­li­chen Graf­schaft Lip­pe” von Iris Fle­ßen­käm­per.
Hier das Inhalts­ver­zeich­nis inkl. den eng­lisch­spra­chi­gen Abs­tracts…

Kein Bund für’s Leben? - Tagungsprogramm

Kein Bund fürs Leben?
Ehe­leu­te vor kirch­li­chen und welt­li­chen Gerich­ten

ProgrammWork­shop zur Ehe­ge­richts­bar­keit vom Mit­tel­al­ter bis in die Neu­zeit
10. bis 11. Sep­tem­ber 2014
Semi­nar­raum Geschich­te 2 (2. Stock, Stie­ge 9)
Uni­ver­si­tät Wien (Uni­ver­si­täts­ring 1, 1010 Wien)

Als einen (vor­läu­fi­gen) Schluss­punkt unse­res For­schungs­pro­jekts ver­an­stal­ten wir im Sep­tem­ber einen inter­na­tio­na­len Work­shop zur Ehe­ge­richts­bar­keit vom Mit­tel­al­ter bis in die Frü­he Neu­zeit. Gemein­sam mit inter­na­tio­na­len For­sche­rin­nen und For­schern wol­len wir Ide­en, Kon­zep­te, Begrif­fe, Pro­ble­me und (Zwischen-)Ergebnisse dis­ku­tie­ren. Neben dem Aus­tausch auf theo­re­tisch-metho­di­scher Ebe­ne bzw. auf einer kon­kre­ten empi­ri­schen Basis soll das In-Bezie­hung-Set­zen von Stu­di­en zur Ehe­ge­richts­bar­keit unter­schied­li­cher Regio­nen und Zei­ten im Mit­tel­punkt des Work­shops ste­hen.
Inter­es­sier­te sind herz­lich will­kom­men!

Hier fin­den Sie den Link zum Tagungs­pro­gramm.

Familienrichter fordern Scheidung ohne Verschulden

Das heu­ti­ge Mor­gen­jour­nal auf Ö1 sen­de­te einen Bei­trag von Kat­ja Art­ho­fer:

Das Verschuldensprinzip bei Scheidungen soll abgeschafft werden - das fordern die Familienrichter. Denn schuld am Scheitern einer Ehe seien in den allermeisten Fällen beide, diese Sicht habe sich in anderen Ländern längst durchgesetzt, nur nicht in Österreich, so die Familienrichter. Sie fordern einen kompletten Umbau des Scheidungsrechts - mit weitreichenden Konsequenzen für Unterhalt und Pensionsansprüche.

Workshop an der VHS-Urania

Am Frei­tag, den 16. Mai 2014 ver­an­stal­ten Andrea Grie­seb­ner und Georg Tschan­nett einen Work­shop an der VHS Ura­nia. Der Work­shop trägt den Titel “Ehe­kon­flik­te im 18. und frü­hen 19. Jahr­hun­dert: Ein­bli­cke in eine Geschichts­werk­statt” und fin­det von 17 bis 20 Uhr statt.

Nähe­re Details auf der Web­sei­te der Wie­ner Volks­hoch­schu­len

CFP: Kein Bund fürs Leben? Eheleute vor kirchlichen und weltlichen Gerichten

CFP: Kein Bund fürs Leben? Ehe­leu­te vor kirch­li­chen und welt­li­chen Gerich­ten
Work­shop zur Ehe­ge­richts­bar­keit vom Mit­tel­al­ter bis in die Neu­zeit
Wien, 10. bis 11. Sep­tem­ber 2014

Ein­sen­de­schluss: 15. Mai 2014

Als einen (vor­läu­fi­gen) Schluss­punkt des For­schungs­pro­jekts ver­an­stal­ten wir im Sep­tem­ber einen Work­shop, zu dem wir For­sche­rin­nen und For­scher ein­la­den, um Ide­en, Kon­zep­te, Begrif­fe, Pro­ble­me und (Zwischen-)Ergebnisse zu dis­ku­tie­ren. Neben dem Aus­tausch auf theo­re­tisch-metho­di­scher Ebe­ne bzw. auf einer kon­kre­ten empi­ri­schen Basis soll das In-Bezie­hung-Set­zen von Stu­di­en zur Ehe­ge­richts­bar­keit unter­schied­li­cher Regio­nen und Zei­ten im Mit­tel­punkt des Work­shops ste­hen.

Will­kom­men sind Vor­trags­vor­schlä­ge geplan­ter, lau­fen­der oder abge­schlos­se­ner For­schun­gen, die sich mit den recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen von Ehe­auf­lö­sun­gen, der ehe­ge­richt­li­chen Pra­xis, Kon­flikt­fel­dern wie phy­si­scher Gewalt, Emo­tio­nen, Öko­no­mie, Sexua­li­tät, dem Zusam­men­le­ben, ver­ba­ler Gewalt und Ehre, Kon­fes­si­on und Reli­gi­on befas­sen. Neben den viel­fäl­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den Ehe­leu­ten erschei­nen uns ins­be­son­de­re fol­gen­de The­men­fel­der und Fra­ge­stel­lun­gen als rele­vant:

  • das Pro­zess­recht, das neben dem kano­ni­schen und welt­li­chen Ehe­recht die Hand­lungs­op­tio­nen der Ehe­frau­en und Ehe­män­ner maß­geb­lich beein­fluss­te
  • das regio­nal und zeit­lich unter­schied­li­che Ehe­gü­ter- und Erbrecht als (neben Kon­fes­si­on und Reli­gi­on der Ehe­leu­te) wesent­li­cher Ein­fluss­fak­tor auf den Ver­lauf und Aus­gang der Gerichts­ver­fah­ren
  • die Rege­lun­gen und Ver­ein­ba­run­gen in Hin­blick auf die Schei­dungs- bzw. Tren­nungs­fol­gen (Unter­halts­zah­lun­gen, Ver­mö­gens­auf­tei­lung, Kin­der­für­sor­ge etc.)
  • die Bedeu­tung außer­ge­richt­li­cher Schlich­tungs- und Ver­gleichs­in­stru­men­te sowie -insti­tu­tio­nen
  • die Fra­ge, war­um in bestimm­ten Fäl­len um eine Annul­lie­rung der Ehe, in ande­ren um die Tren­nung von Tisch und Bett ange­sucht wur­de
  • die Fra­ge nach Zufluchts­or­ten vor der Gewalt des Ehe­manns oder der Ehe­frau
  • der Umgang des Gerichts mit und die Prä­senz von Kin­dern

Sen­den Sie Ihren Vor­trags­vor­schlag bit­te in Form eines ein- bis zwei­sei­ti­gen Abs­tracts (3.000–4.000 Zei­chen) bis zum 15. Mai 2014 per E-Mail an andrea.griesebner@univie.ac.at und georg.tschannett@univie.ac.at.

PS: Wir wei­sen dar­auf hin, dass in der Regel kei­ne Rei­se- und Auf­ent­halts­kos­ten über­nom­men wer­den kön­nen.

Journal-Panorama zur gemeinsamen Obsorge

Das heu­ti­ge Jour­nal-Pan­ora­ma befass­te sich mit der gemein­sa­men Obsor­ge. Susan­ne Krisch­ke prä­sen­tier­te fünf unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven auf das neue Modell.

Getrennt und doch gemeinsam: Gemeinsame Obsorge auf dem Prüfstand
Gestaltung: Susanne Krischke

17.000 Ehen wurden allein im vergangenen Jahr geschieden, betroffen waren mehr als 19.000 Kinder. Damit beide Elternteile auch nach der gescheiterten Ehe Teil des Lebens ihrer Kinder bleiben, gibt es die gemeinsame Obsorge: Seit 1. Februar ist sie der Regelfall nach Scheidungen. Väter, die mit der Mutter ihres Kindes nicht verheiratet waren, haben ebenfalls die Möglichkeit, auch gegen den Willen der Mutter die gemeinsame Obsorge zu beantragen.
Nicht immer steht die gut gemeinte Theorie mit der Praxis in Einklang. Was für die einen selbstverständlich ist, ist für die anderen nicht realisierbar, zeigen die ersten Erfahrungen. Wirkt die gemeinsame Obsorge in konfliktreichen Scheidungen eskalierend oder deeskalierend? Wir beleuchten das Modell aus fünf Blickwinkeln.

Oktofokus: White Ribbon Day 2013

Okto brach­te am 16. Novem­ber einen Okto­fo­kus zu Gewalt gegen Frau­en. Die Bei­trä­ge wer­den am So., 8. Dezem­ber (23:35 Uhr) wie­der­holt.

Jede fünfte in einer Beziehung lebende Frau wird hierzulande Opfer von Gewalt. Anlässlich des White Ribbon Day 2013 bittet Oktofokus zu einer Filmnacht gegen Gewalt an Frauen. Im Zentrum von "Gewalt in der Ehe" (R: Ilse Gassinger, Gerda Lampalzer & Anna Steininger, A 1984) stehen die Erfahrungen dreier BewohnerInnen des zweiten Wiener Frauenhauses. "Eine verschlagene Welt" (R: Anna Steininger, A 1990) thematisiert wiederum den öffentlichen Umgang mit Gewalttätigkeit gegenüber Frauen. In ihrer Reihe "Schrittweise. Wege aus der Gewalt" (A 2011-2012) zeigen schließlich die Autonomen Österreichischen Frauenhäuser, wie Betroffenen geholfen werden kann.

Journal-Panorama zu Gewalt gegen Frauen

Das von Mat­hil­de Schwa­be­ne­der gestal­te­te gest­ri­ge (26.11.) Jour­nal-Pan­ora­ma befass­te sich mit Gewalt gegen Frau­en in Ita­li­en:

Gefährliches Land für Frauen: Gewaltwelle in Italien

2012 starb in Italien alle drei Tage eine Frau durch die Hand eines Mannes, der ihr nahe stand. Ehemänner, Liebhaber oder Verflossene wurden zu Mördern. Und auch 2013 sind allein bis Oktober schon mehr als 120 Frauen oft auf bestialische Art ermordet worden. Ganz Italien diskutiert daher über Gewalt gegen Frauen, deren Ursachen und ihre mögliche Bekämpfung. Überall ist die Rede vom Femminicidio - vom Mord an den Frauen.

Fernsehen, Radio und Zeitungen sind voll von spektakulären Fällen. Frauenverbände wollen mit Sensibilisierungskampagnen aufrütteln und gegensteuern. Aber der Weg ist noch weit - und das Land der Latin Lovers ist ob der blutigen Realität schwer verunsichert.

Wahlkampf 1918/19

Im Wahl­kampf 1918/19 wand­ten sich die Par­tei­en an die erst­mals wahl­be­rech­tig­te weib­li­che Wäh­ler­schaft. Die christ­lich­so­zia­le Par­tei warb mit fol­gen­dem Pla­kat für das Fest­hal­ten an der Unauf­lös­bar­keit der Ehe und damit gegen die Ehe­re­form:

http://www.onb.ac.at/ariadne/projekte/frauen_waehlet/Maedchen08.html
http://www.onb.ac.at/ariadne/projekte/frauen_waehlet/Maedchen08.html
Christlich=deutsche Frauen und Mädchen! Lasset nicht durch Verfechter der Ehereform Eure hehre, leuchtende Stellung als Gattin, Hausfrau und Mutter gegen ein unsicheres, dunkles Los vertauschen. Lasset die katholische Ehe nicht zu einem lösbaren Vertrage heruntersinken, der Euch nur Sorge und Elend brächte. Stellet Euch an die Seite von Millionen katholischer Frauen und Mädchen, die in einer Massenpetition an die Nationalversammlung die Unauflöslichkeit der katholischen Ehe in flammender Begeisterung forderten, wählet nur die Bekämpfer der Ehereform, das sind die christlichsozialen Wahlwerber!

Vergeben und Vergessen

Dem bzw. der betro­ge­nen Ehe­part­ne­rIn stand das Recht, eine Schei­dung zu ver­lan­gen, nicht zu, wenn die­ser bzw. die­se dem Ehe­bre­cher bzw. der Ehe­bre­che­rin die „zuge­füg­te Belei­di­gung aus­drück­lich und gänz­lich ver­zie­hen“ habe, so der Jurist Tho­mas Dol­li­ner.

Um zu bewei­sen, dass sie ihrem Ehe­mann den Sei­ten­sprung mit einer ande­ren Frau nicht ver­ge­ben und ver­ges­sen hat­te, schwor Katha­ri­na Popp im Jahr 1810 fol­gen­den Eid vor dem Schei­dungs­ge­richt, dem Magis­trat der Stadt Wien:

Ich Katharina Popp schwöre zu Gott dem Allmächtigen einen reinen, körperlichen, und unverfälschten Eyd ohne einige Gemüthshinterhaltung oder zweydeutigen Verstand, das ist, das ich nicht anders rede, als ich denke, und nicht anders denke, als ich rede, sondern wie ich es mir einstens vor dem strengen und allwissenden Richterstuhl Gottes zu verantworten getraue dahin:

Daß ich bey dem Stiftgericht Schotten im März 1808 nach der gefänglichen Einziehung der Juliana Reisinger nebst gänzlichen Vergeben und Vergessen des Vergehens des Geklagten mit dieser Reisinger mich nicht geäussert habe, wieder mit dem Geklagten leben zu wollen. So wahr mir Gott helfe.

Katharina Popp

Zeitschriftenartikel zu Ehestreitigkeiten um 1783 erschienen

Der Kodi­fi­zie­rung neu­en Rechts im aus­ge­hen­den 18. und begin­nen­den 19. Jahr­hun­dert wid­met sich das aktu­el­le Heft der Zeit­schrift Geschich­te und Region/Storia e regio­ne. Wie die Her­aus­ge­be­rin­nen im Edi­to­ri­al ver­mer­ken, ist der “Fokus der Fra­gen […] dar­auf gerich­tet, in wel­cher Rela­ti­on das neue zum alten Recht stand, wel­che poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen es inten­dier­te und sowohl in der Admi­nis­trie­rung als auch in der Nut­zung mit sich brach­te, für wen es von Vor­tei­le bzw. von Nach­teil war, wel­che Hür­den und Gren­zen sich in der Umset­zung - wie­der­um mit wel­chen Fol­gen auf­tun konn­ten.”

Ins­ge­samt sechs Bei­trä­ge befas­sen sich mit die­sem Fra­gen­kom­plex, dar­un­ter auch der von Andrea Grie­seb­ner und mir gestal­te­te Arti­kel über Ehe­strei­tig­kei­ten vor dem Wie­ner Erz­bi­schöf­li­chen Kon­sis­to­ri­um und dem Magis­trat der Stadt Wien.

Aus dem Edi­to­ri­al:

Neues RechtIn den 1780er Jah­ren tra­ten mit dem Ehe­pa­tent von 1783, dem Erb­fol­ge­pa­tent und schließ­lich dem ers­ten All­ge­mei­nen Bür­ger­li­chen Gesetz­buch von 1786 (spä­ter Jose­phi­ni­sches Gesetz­buch) die ers­ten Ergeb­nis­se des öster­rei­chi­schen Kodi­fi­zie­rungs­pro­zes­ses des “bür­ger­li­chen Rechts” in Kraft. Das Ehe­pa­tent regel­te die Zustän­dig­kei­ten zwi­schen welt­li­cher und kirch­li­cher Macht hin­sicht­lich der Ehe­ge­richts­bar­keit völ­lig neu. Was die­se neu­en Kom­pe­ten­zen für die betrof­fe­nen Ehe­leu­te bedeu­te­ten, ana­ly­sie­ren Andrea Grie­seb­ner und Georg Tschan­nett anhand eines Ver­gleichs von Ehe­schei­dungs­pro­zes­sen, die bis 1783 vor dem Wie­ner Erz­bi­schöf­li­chen Kon­sis­to­ri­um und nach Inkraft­tre­ten des Ehe­pa­tents vor dem Wie­ner Magis­trat aus­ge­han­delt wur­den. Das Ehe­pa­tent stell­te zwar nicht das Dog­ma der Unauf­lös­bar­keit des Ehe­ban­des in Fra­ge und ermög­lich­te daher für katho­li­sche Ehe­leu­te nach wie vor nur eine Schei­dung von Tisch und Bett. Doch hat­ten die Ide­en der Auf­klä­rung inso­fern Ein­gang in den Geset­zes­text gefun­den, als eine Schei­dung zunächst nur noch mög­lich war, wenn sich die Ehe­leu­te ein­ver­ständ­lich dar­auf einig­ten und das Urteil über einen aus­rei­chen­den Schei­dungs­grund daher nicht dem Ehe­rich­ter zukam. Die­se Pra­xis ging aller­dings an der Lebens­wirk­lich­keit zer­strit­te­ner Ehe­paa­re vor­bei und stärk­te die Posi­ti­on des­je­ni­gen Ehe­part­ners, der sich gegen eine Schei­dung stell­te - in den meis­ten Fäl­len han­del­te es sich dabei um den Ehe­mann.

Journal-Panorama über Scharia-Gerichte in Großbritannien

Die Bestre­bun­gen, die Scha­ria - das isla­mi­sche Recht - in Groß­bri­tan­ni­en anzu­wen­den, schil­der­te ges­tern das von Mari­on Bacher gestal­te­te Ö1 Jour­nal-Pan­ora­ma. Ins­be­son­de­re im ers­ten Teil des Bei­trags geht es um isla­mi­sche Schei­dun­gen vor Scha­ria­ge­rich­ten. Der Bei­trag beschreibt den Kampf dage­gen, dass fami­li­en­recht­li­che Ange­le­gen­hei­ten in pri­va­ten Schieds­ge­rich­ten abge­han­delt wer­den dür­fen, und fragt nach den geschlechts­spe­zi­fi­schen Impli­ka­tio­nen einer “Par­al­lel­jus­tiz” und den Gefah­ren für eine säku­lar Demo­kra­tie. Das Jour­nal-Pan­ora­ma kann auf 7 Tage Ö1 nach­ge­hört wer­den.

Allahs Richter: Scharia-Gerichte in Großbritannien
Gestaltung: Marion Bacher

Das islamische Recht, die Scharia, ist schon längst in Europa angekommen. Besonders deutlich wird das in Großbritannien, das aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit besonders viele Migranten aus muslimischen Ländern aufgenommen hat.

Bereits 1982 öffnete der erste Schariarat in London seine Pforten. Seither bestimmen er und dutzende weitere islamische Schiedsgerichte über finanzielle und familienrechtliche Angelegenheiten tausender britischer Muslime. Gegnerinnen und Gegner sehen darin eine Paralleljustiz, die Frauen diskriminiert.

Duellieren als Rache für Ehebruch und als Rettung der männlichen Ehre

Der Roman Effi Briest von Theo­dor Fon­ta­ne und die Novel­le Lieu­ten­ant Gustl von Arthur Schnitz­ler erschie­nen an der Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert. Bei­de the­ma­ti­sie­ren unter ande­rem den Ehren­ko­dex des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts. Wäh­rend Baron von Inn­stet­ten – der Ehe­gat­te der Prot­ago­nis­tin in Theo­dor Fon­ta­nes Roman – nach Bekannt­wer­den der Lieb­schaft sei­ner Ehe­frau mit einem Offi­zier nicht zögert und den Lieb­ha­ber im  Duell tötet, hadert der jun­ge Leut­nant in Arthur Schnitz­lers Novel­le mit dem Sui­zid­ge­dan­ken, da er vom ihn belei­di­gen­den Bäcker­meis­ter am Duell gehin­dert wur­de und so dem mili­tä­ri­schen Ehren­ko­dex nicht ent­spre­chen konn­te.

Inter­es­sant in Hin­blick auf das Duel­lie­ren ist die gesetz­li­che Lage. Wie mich eine Kol­le­gin auf­merk­sam mach­te, greift Eve­ly­ne Polz-Heinzl im Nach­wort der bei Reclam erschie­ne­nen Aus­ga­be des Lieu­ten­ant Gustl die­se Fra­ge auf. Mit Ver­weis auf das von Wil­liam M. Johnston 1974 erschie­ne­ne Buch Öster­rei­chi­sche Kul­tur- und Geis­tes­ge­schich­te hält sie fest, dass 1911 Duel­le mit Aus­nah­me eini­ger trif­ti­ger Grün­de ver­bo­ten wur­den. Zu die­sen trif­ti­gen Grün­den zähl­te der Ehe­bruch:

In den Jahren nach dem Erscheinen des Lieutenant Gustl sollte die Institution des Duells aber zusehends verfallen, und zwar genau aufgrund der Interferenzen mit justitiablen Tatbeständen. Hatte man Gesetzesverstöße duellierender Offiziere bislang nicht geahndet, hatte Kaiser Franz Joseph noch jeden Offizier, der einen Zivilisten getötet hatte, begnadigt, so verzeichneteten die ab 1902 gegründeten Ligen gegen das Duell stetige Erfolge. Ab 1911 waren Offiziere laut kaiserlichem Dekret nicht mehr verpflichtet, eine Duellaufforderung anzunehmen; mit einigen Ausnahmen, wozu etwa die Rache für Ehebruch gehörte, wurden Duelle verboten.

Arthur Schnitz­ler: Lieu­ten­ant Gustl, hg. von Kon­stan­ze Fliedl, 2011, Nach­wort von Eve­ly­ne Polz-Heinzl, S. 94-95.

Stichwort: Zivilehe

Dass der Kon­flikt um die Ein­füh­rung der obli­ga­to­ri­schen Zivil­ehe in Öster­reich ein lan­ger und ideo­lo­gisch behaf­te­ter war und schluss­end­lich durch die Über­nah­me des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ehe­rechts im Jahr 1938 “gelöst” oder bes­ser been­det wur­de, ver­an­schau­licht Ulri­ke Har­mat in ihrem Buch “Ehe auf Wider­ruf? Der Kon­flikt um das Ehe­recht in Öster­reich 1918-1938”.

Der Stan­dard berich­tet heu­te über den “Ver­such einer zivi­len Ehe­schlie­ßung” im Liba­non, der eine “hef­ti­ge Debat­te” aus­lös­te:

Alles begann mit Englisch-Stunden: Nidal Darwisch, Rezeptionist in einem Fitness-Studio wollte seine Fremdsprachenkenntnisse verbessern. Seine Lehrerin, Kholoud Sukkarieh, sollte auch bald seine große Liebe werden. Vor drei Monaten gaben sich die beiden schließlich das Ja-Wort. All das wäre eine ganz normale Liebesgeschichte, würden der Schiit Nidal Darwisch und die Sunnitin Kholoud Sukkarieh nicht im Libanon leben.
 Die Regierung in Beirut erkannte die Hochzeit nicht an, da sie nicht von einem offiziellen Vertreter einer der 18 im Libanon anerkannten Religionsgruppen registriert wurde. Der Fall löste eine heftige Debatte über zivile Eheschließungen im Libanon und wie sie die Balance des konfessionellen Proporzsystems ins Wanken bringen können, aus.
...

Ste­fan Bin­der: Liba­non: Eine Hoch­zeit als Staats­af­fä­re, DerStandard.at, 06.02.2013.

Ulri­ke Har­mat: Ehe auf Wider­ruf? Der Kon­flikt um das Ehe­recht in Öster­reich 1918-1938, Frank­furt am Main 1999.

Karin Neuwirth über die Familienrechtsnovelle

Die­Stan­dard inter­viewie­te die Juris­tin und stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de des Insti­tuts für Legal Gen­der Stu­dies in Linz Karin Neu­wirth über die Fami­li­en­rechts­no­vel­le.

Infor­ma­tio­nen zum Fami­li­en­rechts­pa­ket und zu den Reak­tio­nen dazu fin­den sich hier:
Eini­gung bei Fami­li­en­rechts­pa­ket | 10. Okto­ber 2012
Zum Fami­li­en­rechts­pa­ket
| 11. Okto­ber 2012

Karambolage über die Grenze zwischen zwei Staaten und das Ehefähigkeitszeugnis

Mar­ga­re­te Grand­ner und Ulri­ke Har­mat haben sich in einem 2005 erschie­nen Arti­kel mit dem Wie­der­ver­ehe­li­chungs­ver­bot für von Tisch und Bett geschie­de­ne Katho­li­ken und Katho­li­kin­nen beschäf­tigt. Anhand der 1893 geschlos­se­nen Schau­spie­le­rIn­nen-Ehe Girar­di-Odi­lon beschrei­ben die bei­den Auto­rin­nen Stra­te­gi­en der „Rechts­um­ge­hung“ die­ses Wie­der­ver­hei­ra­tungs­ver­bots. Die Gren­ze zwi­schen Öster­reich und Ungarn führ­te in die­sem Fall zu „gro­tes­ken recht­li­chen Ver­wick­lun­gen“.

Die Gren­ze zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich nahm die Arte Rei­he Karam­bo­la­ge in ihrer am Sonn­tag aus­ge­strahl­ten Sen­dung zum Anlass, um die „behörd­li­chen Ver­ren­kun­gen“ auf­zu­zei­gen, die eine Fran­zö­sin und ein Deut­scher im Zuge ihrer geplan­ten Ehe­schlie­ßung voll­füh­ren müs­sen.

Arti­kel
Mar­ga­re­te Grandner/Ulrike Har­mat: Begrenzt ver­liebt. Gesetz­li­che Ehe­hin­der­nis­se und die Gren­ze zwi­schen Öster­reich und Ungarn; in: Ingrid Bauer/Christa Hämmerle/Gabriella Hauch (Hg.): Lie­be und Wider­stand. Ambi­va­len­zen his­to­ri­scher Geschlech­ter­be­zie­hun­gen (L’Homme Schrif­ten 10: Rei­he zur Femi­nis­ti­schen Geschichts­wis­sen­schaft) Wien/Köln/Weimar 2005, 287–304.

Der Karam­bo­la­ge­bei­trag kann noch bis Sonn­tag, 27. Jän­ner 2013 auf ARTE+7 nach­ge­se­hen wer­den.

Scheidungsgrund: Ehebruch

Das ABGB von 1811 erkennt den Ehe­bruch als einen gesetz­mä­ßi­gen Grund für eine Schei­dung von Tisch und Bett an. Der oder die Beklag­te muss­te jedoch von einem Gericht des Ehe­bruchs schul­dig erklärt wor­den sein. Dass in sol­chen Gerichts­pro­zes­sen die Aus­gangs­si­tu­ta­ti­on der Klä­ge­rin bzw. des Klä­gers kei­ne ein­fa­che war, beschreibt Chrys­osto­mus Faul­ler in sei­ner 1827 ver­öf­fent­lich­ten vier­bän­di­gen Samm­lung von Geset­zen, Ver­ord­nun­gen und Vor­schrif­ten  für die Poli­zei­ver­wal­tung im Kai­ser­tum Öster­reich:

Der Ehebruch kann, den Fall als eine verheirathete Person mit der Unzucht Gewerbe treibt, ausgenommen, nie von Amtswegen, sondern allein auf Verlangen des beleidigten Theiles in Untersuchung gezogen, und bestrafet werden. Selbst dieser ist zu einer solchen Forderung ferner nicht berechtiget, wenn er die ihm bekannt gewordene Beleidigung ausdrücklich verziehen, oder stillschweigend dadurch nachgesehen, daß er von der Zeit an, da ihm solche bekannt geworden, durch sechs Wochen darüber nicht Klage geführet hat. Auch die bereits erkannte Strafe erlischt, sobald der beleidigte Theil sich erkläret, mit dem Schuldigen wieder leben zu wollen. Doch hebt eine solche Erklärung die schon erkannte Strafe in Ansehung der Mitschuldigen nicht auf. (§. 248. 2. Thl. St. Ges. B.)
Faul­ler, Chrys­osto­mus: Geset­ze, Ver­ord­nun­gen und Vor­schrif­ten für die Polizei=Verwaltung im Kai­ser­thu­me Oes­ter­reich. Erschie­nen in den Jah­ren 1740 bis Ende 1825, und in alphabetisch=chronologischer Ord­nung zusam­men­ge­stellt, mit vorzüglicher Rücksicht auf Nieder=Oesterreich, Bd. 1, Wien 1827,S. 316.

Unser erster Workshop 2012

Letz­ten Sams­tag – etwas mehr als ein Jahr nach dem Start­schuss des For­schungs­pro­jekts – ver­an­stal­te­ten wir unse­ren ers­ten pro­jekt­in­ter­nen Work­shop. Im Fokus der Prä­sen­ta­tio­nen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen stan­den unter ande­rem die im ers­ten Jahr durch­ge­führ­ten Quel­len­er­he­bun­gen und damit im Zusam­men­hang ste­hen­de Mög­lich­kei­ten und Her­aus­for­de­run­gen der Quel­len­über­lie­fe­rung. Als gemein­sa­me Dis­kus­si­ons­punk­te dien­ten uns zum einen die Fra­ge der Ver­gleich­bar­keit inner­halb des lan­gen Unter­su­chungs­zeit­raums und zum ande­ren die Fra­ge nach dem Umgang mit den unter­schied­li­chen Gerichts­pro­zes­sen, Ver­fah­rens­ty­pen und Pro­to­kol­lie­run­gen.

Gemein­sam mit unse­ren inter­na­tio­na­len Pro­jekt­part­ne­rIn­nen sowie Mar­ga­reth Lanzin­ger vom His­to­ri­schen Semi­nar der Leib­niz Uni­ver­si­tät Han­no­ver führ­ten wir anre­gen­de Dis­kus­sio­nen und erör­ter­ten alte und neue Wege, die das Pro­jekt in Hin­blick auf sei­ne For­schungs­per­spek­ti­ve und For­schungs­fra­gen ein­schla­gen kann.

Unser Dank gilt allen Betei­lig­ten: den Vor­tra­gen­den, den Pro­jekt­part­ne­rIn­nen, Mar­ga­reth Lanzin­ger sowie dem IWM, in des­sen Räum­lich­kei­ten wir den Work­shop abhal­ten durf­ten.

Einigung bei Familienrechtspaket

Im Zen­trum der Refor­men des Fami­li­en­rechts steht die gemein­sa­me Obsor­ge als Regel­fall bei unein­ver­nehm­li­chen Schei­dun­gen und bei Kin­dern unver­hei­ra­te­ter Eltern. Mehr dazu auf oe1.orf.at:

Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP) und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) haben gemeinsam das Familienrechtspaket geschnürt. Damit ist der Weg für die gemeinsame Obsorge von Eltern jetzt frei – auch im Fall der Scheidung und im Fall von Kindern, deren Eltern unverheiratet sind. [weiter ...]

Wegweisung und Kirchenarrest anno 1665

Ehe­tren­nun­gen ver­lie­fen sel­ten rei­bungs­los. Bei Nicht-Befol­gung von Vor­la­dun­gen, wenn eine Per­son flüch­tig war oder gericht­li­che Auf­la­gen igno­rier­te, ersuch­te das Kon­sis­to­ri­um häu­fig um die Amts­hil­fe welt­li­cher Obrig­kei­ten. Sel­te­ner fin­den sich Bele­ge, dass das Kir­chen­ge­richt selbst zu Zwangs­maß­nah­men griff.

Im Juni 1665 hielt es Ursu­la Grieb­le­rin mit ihrem gewalt­tä­ti­gen Ehe­mann nicht mehr aus. Nach­dem Lucas Grieb­ler selbst zuge­ge­ben hat­te, sei­ne Frau immer wie­der zu schla­gen, gewähr­te das Wie­ner Kon­sis­to­ri­al­ge­richt eine zwei­jäh­ri­ge Tren­nung mit der Auf­la­ge, dass Lucas Grieb­ler bey arres­tie­rung sei­ner per­sohn sich der klä­ge­rin ihrer per­sohn und ihres zim­mers und coh­a­bi­ta­ti­on gänz­lich ent­hal­ten sol­le. Dies woll­te er nicht akzep­tie­ren, son­dern pro­tes­tier­te direkt vor Gericht, er wöll geich in ihr zim­mer heimbge­hen. Das Kon­sis­to­ri­um sah sich genö­tigt, Lucas Grieb­ler wegen sei­nes tru­zes vom Cur­sor in Arrest neh­men und ihn bei Was­ser und Brot so lang ein­ge­sperrt zu las­sen, bis er Bes­se­rung gelo­be. Nach vier Tagen wur­de er schließ­lich ent­las­sen.

15. Juni 1665
Grieblerin Ursula contra maritum Lucasen Griebler.
Actrix enormem saevitiam und zeigt lividos oculos, wie ers erbärmlich tractirt, begehrt von ihm nichts, sondern nur ein toleranz.
Reus bekhendt sie also geschlagen zu haben, erzelt, wie er arrestirt gewesen, wehr sie nicht zu ihm khomen, hette nichts geschickht, sie seye ein böß weib.
Conclusum: Weil die üble tractation in confesso und auß allen umstendten khein besserung, sondern noch mehreres übl zu besorgen, ist ein toleranz auff zwey jahr verwilligt, entzwischen dem mann aufferelget, daß er bey arrestierung seiner persohn sich der klägerin ihrer persohn und ihres zimmers und cohabitation gänzlich enthalten solle.
Reus will in die toleranz kurzumb nit verwilligen, sondern erclärt sich außtruckhentlich, er thue es nicht, sondrn, ist also balden in arrest verschafft, und dem cursori aufferelegt worden, daß er ihm nichts anders, alß wasser und brodt volgen lassen solle, biß das er sich bessert.
Ist in arrest verblieben biß 19ten dits, an wellchem der arrestierte auf sein erbietten und anglieben, das er sie weder mit wortt noch werkhen nicht offendieren, auch nicht in ihr zümmer khumen wölle, erlassen worden, doch stehet ihm sein beschwähr, da er eine zu haben vermeint, bevohr.

Wo zwei zusammen kommen in rechter Ehe“

Die His­to­ri­ke­rin Mar­ga­reth Lanzin­ger spricht die­se Woche in “Betrifft: Geschich­te“ über Hei­rats­ver­trä­ge der Neu­zeit.

"Wo zwei zusammen kommen in rechter Ehe". Heiratsverträge der Neuzeit im europäischen Vergleich. Mit: Margareth Lanzinger, Historisches Seminar, Leibniz-Universität Hannover. Gestaltung: Martin Adel
 Als rechtliche Institution und als Ordnungssystem zugleich, hat die Ehe eine zwar wenig beachtete, aber überaus große Rolle bei der Vermögensverteilung und ökonomischen Stellung von Ehepartnern gespielt; nicht nur bei Eheschließungen in fürstlichen oder Adels-Häusern, sondern auch im Bauernstand und bei Gewerbetreibenden. Was beim Erbrecht evident erscheint, wird in der genannten Hinsicht erst so richtig deutlich, wenn man das regional recht unterschiedliche Ehegüterrecht untersucht. Und das wich in Bezug auf die Regelungen von Gütertrennung oder Gütergemeinschaft in den einzelnen Herrschaftsbereichen oder Grundherrschaften deutlich voneinander ab und wurde wohl auch unterschiedlich gehandhabt. Dem kommt - man denke an die hohen Sterblichkeitsraten und die Praxis der häufigen und mehrfachen Wiederverheiratung - eine hohe Bedeutung für das persönliche Pouvoir oder Vermögen (im weitesten Sinn) zu; nicht zuletzt, wenn man bedenkt, dass für einen Gutteil der Bevölkerung, die Ehe an verschiedenste Bedingungen geknüpft war und z.B. von herrschaftlicher Willkür oder auch von strengen Zunftregelungen abhing. Vor diesem Hintergrund gewinnen Untersuchungen über die historische Bedeutung von Mitgift, in die Ehe eingebrachtem bzw. in der Ehe gemeinsam erwirtschaftetem Vermögen eine wichtige Aussagekraft über soziale Stellung und Möglichkeiten im Wandel der Zeiten.

Die mit gutem Willen von beyden Seiten eingegangenen Trennungen sind in Wien sehr gemein.

Der Schrift­stel­ler Johann Rau­ten­strauch ver­öf­fent­lich­te 1784 unter dem Pseud­onym “Arnold” ein drei­tei­li­ges Büch­lein, das er mit “Schwach­hei­ten der Wie­ner. Aus dem Manu­skript eines Rei­sen­den” beti­tel­te. Dar­in fin­den sich inter­es­san­te Beschrei­bun­gen aus dem (bür­ger­li­chen bzw. ade­li­gen) Wie­ner All­tag. Rau­ten­strauch äußer­te sich bei­spiels­wei­se über den “Ehe­stand”, den “Wider­wil­len für die Heyrath”, die “Spiel­sucht” und die “Schmin­ke”. Inter­es­sant ist sei­ne Mei­nung zur Ehe­tren­nung:

Der erzbischöfliche Pallast in Wien hallt täglich und stündlich von den Klagen wieder, welche Eheleute, die Eines des Andern müde sind, vor dem Konsistorium ausstossen, und doch ist die Ehescheidung nicht erlaubt. Die geheiligten Bande der Ehe, da ihre Unauflöslichkeit festgesetzt ist, werden also zerrissen.
Das Gesetz war endlich gezwungen, die eheliche Trennung, die noch weit empörender, als die Ehescheidung selbst ist, zu gestatten. Die mit gutem Willen von beyden Seiten eingegangenen Trennungen sind in Wien sehr gemein. So verlieren die heiligsten Gesetze ihre Kraft und Würde. - Unterdessen muß der Mann seiner Frau, in jedem Fall, ihren Unterhalt verschaffen, sie mag ihn durch üble Wirthschaft zu Grund gerichtet, oder durch unanständige Aufführung beschimpft haben.

Wer sich für die “Schwach­hei­ten der Wie­ner” inter­es­siert, fin­det die­se auf Phai­dra, einem Ser­vice der Uni­ver­si­tät Wien.

Ein Fall aus dem Jahr 1658

Das ers­te Mal  tritt das Ehe­paar Her­bert bzw. Her­ber­tin am 19. August 1658 vor das Wie­ner Kir­chen­ge­richt; nur sie­ben Wochen nach der Ehe­schlie­ßung. Johann Chris­toph Her­bert ver­lang­te von sei­ner Ehe­frau, dass sie zu ihm zurück­keh­ren und die ehe­li­che Gemein­schaft wie­der­auf­neh­men sol­le, denn sie sei ihm ohne Grund fünf Tage nach der Hoch­zeit davon­ge­lau­fen. Anna Maria Cla­ra Her­ber­tin begrün­de­te die Flucht mit kör­per­li­cher Abnei­gung (er habe Mund­ge­ruch und sei inkon­ti­nent), Alko­ho­lis­mus, Gewalt­tä­tig­keit und Impo­tenz. Ihr Ehe­mann wider­sprach allen Vor­wür­fen und beschul­dig­te die Beklag­te, ihn ohne Grund ver­las­sen zu haben. Im Gerichts­ver­fah­ren kam es zu kei­ner Eini­gung. Die Advo­ka­ten Dr. Lang und Dr. Bech­toldt hin­ter­leg­ten jeweils eine Kau­ti­on, die sicher­stel­len soll­te, dass sich Klä­ger und Beklag­te dem Ver­fah­ren nicht durch Flucht ent­zie­hen.

Die Argu­men­ta­ti­on der Ehe­frau, war­um sie von Ihrem Ehe­mann davon­ge­lau­fen sei, fass­te der Gerichts­schrei­ber fol­gen­der­ma­ßen zusam­men:

[Johann Christoph Herbert] lege zue nachts daß bloße schwerdt sambt denen pistollen zum bett. 2do stinckhe er auß dem mundt, daß ihme niemandt khönne conhabitiren, laße salva veniâ urinam undt alles undter sich ins bett, und halte sich dermassen unsauber, daß sie ihme auch destwegen nicht beywohnen khönne. 3tio seye er nichts satis potens, ... Khönne ihr in debito conjugali khein satsifaction laisten, ...

Vorschläge für die Regelung nichtehelicher Lebensgemeinschaften

Die bei­den Wie­ner Zivil­recht­le­rin­nen Con­stan­ze Fischer-Czer­mak und Bar­ba­ra Beclin erar­bei­te­ten Vor­schlä­ge für die gesetz­li­che Rege­lung nicht­ehe­li­cher Lebens­ge­mein­schaf­ten. Ihr Haupt­au­gen­merk rich­te­ten sie unter ande­rem  dar­auf, inwie­weit neue Regeln für eine Tren­nung der Part­ne­rIn­nen geschaf­fen wer­den kön­nen. Die Juris­tIn­nen grei­fen Fra­gen des Unter­halts, der Ver­mö­gens­auf­tei­lung und der Kin­der­ob­sor­ge auf.

dieStandard.at berich­tet dar­über: Tren­nung ohne Trau­schein, dieStandart.at, 19. Juli 2012.

Ein Häutel als Verhütungsmittel

Im August 1830 führ­te Mag­da­le­na Kau­ba­rek ein Schei­dungs­ver­fah­ren gegen ihren Ehe­mann. Sowohl sie als ihr Mann, ein Bin­der­meis­ter aus der Leo­pold­stadt, waren zu die­sem Zeit­punkt 42 Jah­re alt. Aus dem Pro­to­koll, das wäh­rend der Ver­hand­lung ange­fer­tigt wur­de, erfah­ren wir fol­gen­des:

Seine Gattin [habe ihm] einst im Bette erzählt, daß ihre beste Freundin, welche von ihrem Manne geschieden war, ihr einst gesagt habe, daß ihr Gatte bey Pflegung des Beyschlafs um die Kindererzeugung zu verhindern, gewisse Vorsichten anwandte.

Von Seite der Commission nahm man Anstand, die wörtlichen Ausdrücke zu Protokoll zu nehmen, allein derselbe beharrte darauf, und gab aus eigenem Munde folgendes zu Protokoll:

Seine Gattin habe gesagt, diese ihre beste Hausfreundin habe ihrem Manne das Recht abgewonnen, daß sie gerne ein Kind gehabt hätte; da habe sie darauf gesagt, so oft er sie gebraucht habe, habe er stets ein Häutel darüber gethan; da habe er Kauberek ihr zur Antwort gegeben, er sey schon 30 Jahre in der Fremd, habe sehr viel gesehen, aber dieß habe er nicht gesehen, wenn daher seine Gattin eine solche Hausfreundin hatte, so könne an ihr auch nichts braves seyn, das gehöre nicht für eine wohlerzogene Jungfrau.

Auf der Home­page des Muse­ums für Ver­hü­tung & Schwan­ger­schafts­ab­bruch fin­det sich eine Abbil­dung eines sol­chen Häu­tels. In den Bestän­den des Muse­ums ist unter der Inven­tar­num­mer 2053 ein Schafs­darm­kon­dom mit Bänd­chen ver­zeich­net.

Ekel als Scheidungsgrund

Am 3. April 1850 recht­fer­tig­te sich der 64jährige Schnei­der­meis­ter Johann Duschek gegen die Vor­wür­fe, die sei­ne um 33 Jah­re jün­ge­re Ehe­frau Rosa­lia Duschek gegen ihn vor­ge­bracht hat­te, wie folgt:

Was den 2ten Scheidungsgrund anbelangt, nämlich, daß er mit einem übelriechenden Athem und Ausdünstung behaftet sey, so müße er diesen Umstand als unwahr widersprechen. ... Übrigens berufe er sich auf die Wahrnehmung der gerichtlichen Commission, denn, wäre die Angabe der Klägerin in dem Grade richtig, wie sie in ihrer Klage behauptete, so müßte dieser Übelstand auch von dem Gerichte wahrgenommen werden könnnen.

Rosa­lia Duschek ant­wor­te­te wäh­rend der­sel­ben Tag­sat­zung, wie ein Ver­hand­lungs­ter­min vor Gericht bezeich­net wur­de, dass für sie

die Ausdünstung ihres Gatten Pest [sei] und es komme ihr vor, als wäre sie in der Nähe eines Leichnames, sie habe deßhalb auch zu Hause nichts eßen können.

Die Gerichts­kom­mis­si­on ging auf die Auf­for­de­rung des beklag­ten Ehe­manns ein und nahm Stel­lung zu die­sem Übel­stan­de. Der Gerichts­schrei­ber ver­merk­te fol­gen­des im Pro­to­koll:

Von Seite der Kommission wird bemerkt, daß Johann Duschek der Gerichtscommission sehr nahe stand, und deßen ungeachtet von der behaupteten übelriechenden Ausdünstung nichts bemerkt wurde, und daß auch die Klägerin dem Geklagten knapp zur Seite stand, ohne durch eine derlei Ausdünstung belästiget zu werden.

ein zu freizügiger Kleidungsstil…

Am 18. Novem­ber 1776 erschie­nen Kla­ra Frei­in von Sum­mer­au und Gott­fried Frei­herr von Sum­mer­au vor dem Wie­ner Kon­sis­to­ri­al­ge­richt. Die Ehe­frau äußer­te, dass der­zeit eine zusam­men­woh­nung nicht fried­lich seyn dürf­te und ver­lang­te, für eine bestimm­te Zeit ihrem Ehe­mann den Zutritt zur Woh­nung zu ver­bie­ten und getrennt leben zu dür­fen. Als Grün­de für die “Tole­ranz” - wie der Zeit­raum der Tren­nung bezeich­net wur­de - gab Kla­ra Frei­in von Sum­mer­au fol­gen­des an:

ihr gemahl habe sie jederzeit hart gehalten, verschiedene gefährliche trohungen gemacht, sein ganzes betragen wäre sehr unanständig, er halte sich in wäsch und kleidung unrein, wär vorhin öfters über nacht auf verdächtigen gründen geblieben, gehe zu haus vor den kindern und domestiquen im blossen hemd herum, gebe diesen üble beyspile, begehr in ipso actu conjugale ausschweifungen.

Ö1 Hörbilder über das erste Frauenhaus in Österreich

Das ers­te öster­rei­chi­sche Frau­en­haus und sei­ne Geschichte(n) lau­tet der Titel des die­sen Sams­tag um 09:05 Uhr auf Ö1 aus­ge­strahl­ten Radio-Fea­tures. Die Sen­dung kann eine Woche lang unter http://oe1.orf.at nach­ge­hört wer­den.

"Die möcht' ein Freudenhaus eröffnen!" Das erste österreichische Frauenhaus und seine Geschichte(n). Von Isabelle Engels

Am 1. November 1978 wurde das 1. Frauenhaus Österreichs in Wien eröffnet. Und war alsbald überfüllt: Eine große Altbauwohnung diente als vorübergehende Bleibe für Frauen, die mit ihren Kindern vor dem gewalttätigen Ehemann flüchten mussten. Mit ihnen lebte dort, Tag und Nacht, eine Gruppe junger Sozialarbeiterinnen.

Das Frauenhaus hatten sie nach dem Vorbild von London und Berlin initiiert und fanden in der damaligen Gemeinderätin und späteren Frauenministerin Johanna Dohnal eine Politikerin, die der Idee zur Durchsetzung verhalf. Gewalt gegen Frauen war zu dieser Zeit noch ein großes Tabu. Und ein antiquiertes, bis 1978 geltendes, Eherecht hatte die Frau auch im gesellschaftlichen Bewusstsein zu einem Menschen zweiter Klasse degradiert.

Dementsprechend groß waren die Widerstände, die zu überwinden waren. "In Wien werden keine Frauen geschlagen", bekundete der damalige Wiener Bürgermeister Leopold Gratz und sowohl im Gemeinderat als auch am Stammtisch witzelte man: "Die Dohnal möcht' ein Freudenhaus eröffnen!"

Heute gibt es in Österreich 28 Frauenhäuser mit über 700 Plätzen. Und auch sonst hat sich viel verändert: Statt eines WG-Lebens mit basisdemokratischen Spielregeln und ohne jede Sicherheitsvorkehrung handelt es sich heute um gut überwachte Häuser mit kleinen Wohneinheiten und professioneller Arbeitsteilung. Auf politischer Ebene wurden Gewaltschutzgesetz und Interventionsstellen geschaffen. Trotzdem haben sich die Frauenhäuser nicht erübrigt: Sie sind nach wie vor voll belegt.

Ein “Kuchenbüchel” als Beweisstück

In den aller­meis­ten vor dem Magis­trat der Stadt Wien durch­ge­führ­ten Tren­nungs­ver­fah­ren  dien­ten amt­li­che Doku­men­te oder münd­li­che Aus­sa­gen von Zeu­gIn­nen als Bewei­se, die einen Schei­dungs­grund unter­mau­ern soll­ten. Cäci­lia Swo­bo­da brach­te 1816 - nach nur drei­jäh­ri­ger Ehe - in ihrer Schei­dungs­kla­ge aller­dings ein “Kuchel­bü­chel” von Okto­ber 1814 als Beweis­stück ein. Sie warf ihrem Ehe­mann vor, dass er “in [das] kuchel­bü­chel, wenn irgend­ei­ne aus­ga­be für sie vor­kam, für die sau, anstatt frau hinein[geschrieben]” habe. Ihr Ehe­mann Franz Mathi­as Swo­bo­da wider­sprach dem Vor­wurf nicht und äußer­te sich in der Beant­wor­tung der Kla­ge fol­gen­der­ma­ßen:

Dieß aber sey wahr, daß er in sein eigenes kuchenbüchel statt für die frau, für die sau geschrieben habe. Allein dieß sey deßwegen geschehen, weil die betrefende ausgabe auf brandwein gemacht worden ist, daher habe er statt für die frau, „für die sau“ eingeschrieben.

Der Wie­ner Stadt­ma­gis­trat gab der Schei­dungs­kla­ge von Cäci­lia Swo­bo­da statt. Neben ande­ren recht­mä­ßi­gen Schei­dungs­grün­den galt in den Augen des Magis­trats die “Krän­kung” der Ehe­frau als bewie­sen. Der Magis­trat argu­men­tier­te damit kon­form zu den Bestim­mun­gen des ABGB von 1811. Para­graf 109 des ABGB hielt “nach dem Ver­hält­nis­se der Per­son, sehr emp­find­li­che, wie­der­hohl­te Krän­kun­gen” als einen recht­mä­ßi­gen Schei­dungs­grund fest.

Das Laster der Selbstbefleckung

Ägyd von Liech­tens­tern, Kanz­list bei der kai­ser­li­chen gehei­men Reichs­hof­kanz­lei, wand­te sich im Dezem­ber 1781 an das Wie­ner Kon­sis­to­ri­um. Sei­ner Aus­sa­ge zufol­ge, hal­te er es im Haus sei­nes Schwie­ger­va­ters Karl Fritz von Rus­ten­feld, in dem er gemein­sam mit sei­ner Ehe­frau woh­ne, nicht län­ger aus. Ägyd von Liech­tens­tern äußer­te vor Gericht, dass er unter dem Dach des Schwie­ger­va­ters „von sei­ner frau abge­son­dert leben [müs­se] und ganz nie­der­träch­tig behan­delt [wer­de]“ und bat das kirch­li­che Gericht, sei­ner Frau auf­zu­tra­gen, dass sie zu ihm zie­he. Karl Fritz von Rus­ten­feld brach­te zur Ver­tei­di­gung sei­ner Toch­ter vor,

das seine tochter nie zur cohabitierung mit einem solchen mann könne verhalten werden, welcher sich dem laster der selbstbefleckung so sehr ergeben, daß selbes bey ihm ganz zur gewohnheit geworden und wodurch er sich die hinfallende krankheit, manchmallige hirn verzuckungen, raserey, abzehrrung und untauglichkeit zur erzeugung zugezochen.

aus: Ehe­pro­zess Ägyd con­tra Anna Maria Liech­tens­tern in Sachen Coh­a­bi­tie­rung (DAW: WP 160_318).

In sei­ner Argu­men­ta­ti­on griff der Schwie­ger­va­ter auf das reich­hal­ti­ge Reper­toire der Ona­nie­de­bat­te zurück. Viel­leicht hat­te er ja eine der Schrif­ten des Schwei­zer Arzts Simon Augus­te Tis­sot gele­sen, der in sei­nen Schrif­ten gegen das Las­ter der Selbst­be­fle­ckung vor­ging.

Tis­sot, Simon Augus­te: Ver­such von denen Krank­hei­ten, wel­che aus der Selbst­be­fle­ckung ent­ste­hen, Frankfurt/Leipzig 1760.

Betrifft: Geschichte” zum Thema “Familie im Wandel der Zeit”

Ö1 befasst sich die­se Woche in der Sen­de­rei­he Betrifft: Geschich­te mit der his­to­ri­schen Fami­li­en­for­schung:

Verwandtschaft und Haushalt. Familie im Wandel der Zeiten. Mit Michael Mitterauer, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien. Gestaltung: Martin Adel

"Familie", abgeleitet vom lateinischen "famulus", der Bezeichnung für den Haussklaven, hatte ursprünglich gar nichts mit Verwandtschaftsverhältnissen zu tun, sondern bezeichnete eine Herrschaftsbeziehung und zwar jene des Mannes zu seinem Besitz. Der "pater familias" zählte dazu - von seiner Ehefrau angefangen über die Kinder und Sklaven bis hin zu den Haustieren - und alles, was zum "Hausstand" gehörte. Heute empfinden viele schon den Ausdruck "Haushaltsvorstand" (wie er in den statistischen Erhebungen der öffentlichen Verwaltung noch üblich ist) als zumindest störend.

Auch wenn die Großfamilie mittlerweile von der Klein- und Patchwork-Familie abgelöst worden ist, so ist mit dem Begriff Familie immer noch eine Reihe von sozialen Aufgaben und Strukturmerkmalen verbunden. Allerdings, wer heute wohl eher an Geborgenheit und Rückhalt denkt, dachte noch vor einigen Jahrhunderten mehr an Generationenfolge, an Nachwuchs. Ebenso waren die rechtlichen wie insbesondere die emotionalen Bindungen in der Familie einem radikalen Wandel unterworfen, aber sie waren vermutlich nie wirklich einfach. Es hat mit Sicherheit lange gedauert, bis man sagen konnte: "Familie kann man sich nicht aussuchen; die Freunde schon!" - Ein Zeichen befreiter Individualisierung, aber, genauer betrachtet, nicht nur das.

Klugheitsregeln, die zu beobachten sind, wenn beyde Eheleute zusammen vor Gericht zu stehen kommen.”

In den spä­ten 1820er-Jah­ren ver­öf­fent­lich­te der Jurist Tho­mas Dol­li­ner in der “Zeit­schrift für öster­rei­chi­sche Rechts­ge­lehr­sam­keit” meh­re­re Bei­trä­ge über bestimm­te Aspek­te gericht­li­cher Ehe­tren­nungs­ver­fah­ren. 1848 - zu die­sem Zeit­punkt war er bereits eme­ri­tier­ter “Pro­fes­sor des Römi­schen Civil= und des Kir­chen­rech­tes an der Wie­ner Uni­ver­si­tät” - ver­sam­mel­te er die­se und publi­zier­te das “Hand­buch des öster­rei­chi­schen Ehe­rech­tes”.

Nach­dem der Ehe­rich­ter die bei­den Ehe­leu­te iso­liert ver­nom­men habe, rät Tho­mas Dol­li­ner dem Rich­ter, die “bey­den Ehe­leu­te zugleich vor sich kom­men [zu] las­sen”. Für die gemein­sa­me Ver­neh­mung von Ehe­frau und Ehe­mann for­mu­lier­te Tho­mas Dol­li­ner fol­gen­de “Klug­heits­re­geln”:

1. Der Richter muß trachten, jeden Ausbruch der Leidenschaft im Keime zu ersticken, widrigens dürfte er die Erfahrung machen, daß die Eheleute, die sich gewöhnlich in einem sehr bewegten Gemüthszustande befinden, seine Ohren mit wechselseitigen Anklagen ermüden, sich mit Vorwürfen aller Art überhaufen, und zuletzt mit einander in ein unanständiges Gezänk und in eine solche Erbitterung gerathen werden, die ihnen alle Fähigkeit benimmt, vernünftige Vorstellungen anzuhören oder ihre Rechte gehörig zu vertheidigen. Die ganze Tagsatzung kann darüber fruchtlos ablaufen.

2. Er darf kein unanständiges Betragen dulden, den streitenden Theilen jeden solchen Unfug mit Ernst und Nachdruck untersagen, und wenn dieses nicht hilft, die weitere Verhandlung auf einen anderen Tag verlegen.

3. Er selbst soll die Parteyen schonend behandeln, ihnen keine unnützen Vorwürfe machen, sich gegen sie keine beleidigenden Reden oder unschickliche Scherze erlauben, sie nicht mit rauhen Worten anfahren, sondern sie gelassen fragen und anhören, nöthigen Falles belehren, und ihrem oft undentlichen [sic] und unzusammenhängenden Vortrage, oder ihrer Unbehülflichkeit in Darlegung der Beweismittel duch gehörige Weisungen nachhelfen.

aus: Dol­li­ner, Tho­mas: Hand­buch des öster­rei­chi­schen Ehe­rech­tes, Bd. 3: Der öster­rei­chi­sche Ehepro­ceß, Wien 1848, 120.

Welches sind die Ursachen, daß so viele Eheleute nicht glücklich leben?”

Die­se Fra­ge wur­de in einem im Jahr 1805 in Wien publi­zier­ter Eherat­ge­ber for­mu­liert. Als Ant­wort erstell­te der Ver­fas­ser des Buchs eine ‘Top-Ten-Lis­te’:

1) Mangel an guter christlicher Erziehung. 2) Vernachläßigung des täglichen Gebeths. 3) Mangel an Tugend und Gedult, an gefälliger schonender Liebe. 4) Der übermäßige, und dann zum Ekel gewordene Genuß ehelicher Liebe. 5) Die daraus entstandene herrschende Lüsternheit nach Abwechslung. 6) Der Müßiggang. 7) Die nie zu befriedigende Neigung zur Kleiderpracht, zu immerwährenden Unterhaltungen, Spielen, und derley Geld und Zeit und Tugend verzehrenden Tändeleyen. 8 ) Die daraus entstehende Schuldenlast, oder die bittere Vorstellung: "wie werden wir in der Folge unsere Gläubiger befriedigen? Wo Brod, Kleidung u.s.w. für uns und unsere Kinder hernehmen?" 9) Mangel an der großen Lebensweisheit: Herr über seine Neigungen zu seyn, und gerne zu entbehren, was man nicht leicht haben kann. 10) Falsche Begriffe von dem Ehestande und dessen Pflichten.

aus: Guter Rat über die wich­tigs­ten Punk­te des Ehe­stan­des so wohl in mora­li­scher als phy­si­scher Rück­sicht. Ein nütz­li­ches Geschenk für Braut­leu­te, wel­che im Ehe­stan­de wahr­haft glück­lich zu leben wün­schen, Wien 1805, 104-105.