Kirchliche Gerichtsbarkeit (1857–1868)

Arti­kel zehn des in der Restau­ra­ti­ons­pha­se abge­schlos­se­ne Kon­kor­dat von 1855 leg­te fest, dass „alle kirch­li­chen Rechts­fäl­le und ins­be­son­de­re jene, wel­che den Glau­ben, die Sacra­men­te, die geist­li­chen Ver­rich­tun­gen […] betref­fen, ein­zig und allein vor das kirch­li­che Gericht gehö­ren“.  Der zehn­te Arti­kel ver­lieh dem  kirch­li­che Rich­ter das Recht, „auch über die Ehe­sa­chen nach Vor­schrift der hei­li­gen Kir­chen­ge­set­ze und nament­lich der Ver­ord­nun­gen von Tri­ent zu urt­hei­len und nur die bür­ger­li­chen Wir­kun­gen der Ehe an den welt­li­chen Rich­ter zu ver­wei­sen“. Unter die „bür­ger­li­chen Wir­kun­gen“ fie­len bei­spiels­wei­se die Ver­mö­gens­an­sprü­che, die eine Par­tei gegen die ande­re stel­len konn­te, wobei auch dar­über – sofern bei­de Tei­le damit ein­ver­stan­den waren – vor dem Kir­chen­ge­richt ver­han­delt wer­den konn­te.

Die geist­li­chen Gerich­te nah­men ihre Tätig­keit 1857 auf. 1868 setz­te Kai­ser Franz Joseph I. die Bestim­mun­gen des Kon­kor­dats durch die im Reichs­rat beschlos­se­nen „Mai­ge­set­ze“ außer Kraft und über­wies die Gerichts­bar­keit in Ehe­sa­chen wie­der an die welt­li­chen Gerich­te. An die Stel­le der kirch­li­chen Bestim­mun­gen tra­ten neu­er­lich die Vor­schrif­ten des ABGB und der nach­träg­lich ergan­ge­nen Geset­ze und Ver­ord­nun­gen. Da die Kir­che die ein­sei­ti­ge Kün­di­gung des Kon­kor­dats sei­tens der öster­rei­chi­schen Mon­ar­chie nicht akzep­tier­te, übten die Kir­chen­ge­rich­te ihre Funk­ti­on als Schei­dungs­ge­rich­te jedoch zumin­dest bis 1871 aus. For­mell gekün­digt wur­de das Kon­kor­dat erst 1874.

 

DIE EHEGERICHTE WIEN UND ST. PÖLTEN

Das Gebiet der Erz­diö­ze­se Wien umfasst seit den Jose­phi­ni­schen Diö­ze­san­re­gu­lie­run­gen neben der Stadt Wien und dem Vier­tel unter dem Wie­ner­wald (heu­te Indus­trie­vier­tel) auch das Vier­tel unter dem Man­harts­berg (heu­te Wein­vier­tel). Das 1784 neu gegrün­de­te Bis­tum St. Pöl­ten ver­wal­tet dage­gen die west­li­chen Lan­des­vier­tel Nie­der­ös­ter­reichs: das Vier­tel ober­halb des Wie­ner­wal­des (heu­te Most­vier­tel) und das Vier­tel ober dem Man­harts­berg (heu­te Wald­vier­tel).

Ehe­paa­re aus den öst­li­chen Lan­des­vier­teln muss­ten ihre Ehe­kon­flik­te vor dem fürst­erz­bi­schöf­li­chen Ehe­ge­richt in Wien ver­han­deln, jene aus den west­li­chen Lan­des­vier­teln vor dem bischöf­li­chen Ehe­ge­richt in St. Pöl­ten. War die Distanz zwi­schen Wohn­ort und dem Sitz des Ehe­ge­richts zu groß, ernann­te das Kir­chen­ge­richt soge­nann­te „Untersuchungs=Commissäre“, die mit der Unter­su­chung vor Ort betraut wur­den. Zumeist waren das orts­an­säs­si­ge Pfar­rer oder Dechan­ten.

 

GERICHTSNUTZUNG

Hin­sicht­lich der Gerichts­pra­xis las­sen sich meh­re­re Par­al­le­len zur Recht­spre­chung der Kon­sis­to­ri­al­ge­rich­te vor 1783 beob­ach­ten. Ers­tens konn­ten sich Ehe­paa­re nicht mehr ein­ver­nehm­lich schei­den las­sen.  Zwei­tens konn­ten die Ehe­ge­rich­te den Zeit­raum der Zeit, in wel­chem das Ehe­paar getrennt von Tisch und Bett leben durf­te, zeit­lich wie­der begren­zen. Wie vor 1783 auch, wand­ten sich zahl­rei­che Ehe­leu­te nach Ablauf die­ser „Tole­ranz­zeit“ erneut an das Ehe­ge­richt, um ent­we­der die Wie­der­auf­nah­me des Zusam­men­le­bens ein­zu­for­dern oder eine Ver­län­ge­rung der Tole­ranz­zeit zu errei­chen.

Dass die kirch­li­chen Ehe­ge­rich­te über die Schei­dungs­fol­gen ent­schie­den, bil­de­te dage­gen die Aus­nah­me. Laut der am 8. Okto­ber 1856 publi­zier­ten „Anwei­sung für die geist­li­chen Gerich­te des Kai­ser­thu­mes Oes­ter­reich in Betreff der Ehe­sa­chen“ soll­ten die Ehe­leu­te näm­lich bei Unei­nig­kei­ten über die Schei­dungs­fol­gen an das welt­li­che Gericht gewie­sen wer­den. Eine Aus­nah­me stell­te der Fall dar, wenn bei­de Ehe­leu­te ein­stim­mig ver­lang­ten, dass das Kir­chen­ge­richt auch dar­über ent­schei­den soll­te (§ 244).

 

QUELLENÜBERLIEFERUNG

Die im Zusam­men­hang der Gerichts­ver­fah­ren pro­du­zier­ten Akten des Ehe­ge­richts Wien befin­den sich heu­te im Archiv des Metro­po­li­tan- und Diö­ze­san­ge­richts, sol­len aber künf­tig dem Wie­ner Diö­ze­san­ar­chiv über­ge­ben wer­den. Die Akten des St. Pölt­ner Ehe­ge­richts befin­den sich bereits im Diö­ze­san­ar­chiv St. Pöl­ten. Da das Wie­ner fürst­erz­bi­schöf­li­che Ehe­ge­richt auch für ande­re Kir­chen­ge­rich­te als zwei­te Instanz fun­gier­te, fin­den sich in des­sen Quel­len­be­stän­den auch meh­re­re Beru­fungs­ak­ten.

Andrea Grie­seb­ner | Georg Tschan­nett