Märkte und Städte (1783–1850)

Die Praxis der weltlichen Gerichtsbarkeit untersuchten wir auch  anhand der überlieferten Scheidungsverfahren der landesfürstlichen Städte Eggenburg, Langenlois und Tulln bzw. des landesfürstlichen Marktes Perchtoldsdorf. Während, wie beschrieben, die Eheakten des  Zivilmagistrat der Stadt Wien, wenn auch ausgedünnt, nahezu lückenlos überliefert sind, konnten wir bislang nur Eheakten des Magistrats Eggenburg erruieren. Die Eheverfahren der anderen landesfürstlichen Städte bzw. Märkte erhob das Forschungsteam anhand der Protokollierung in den Ratsprotokollen. Trotz verschiedener Suchstrategien konnten wir die Eheakten dieser Magistrate weder in den regionalen Archiven noch im Niederösterreichischen Landesarchiv finden. Zu vermuten ist, dass diese Akten nicht mehr erhalten sind.

 

UNTERSUCHUNGSZEITRÄUME

Ebenso wie in den anderen Untersuchungszeiträumen konnten wir nicht alle Eheverfahren zwischen 1783 und 1850 erheben, sondern mussten zeitliche Schwerpunkte setzen, die vor allem der Quellenüberlieferung geschuldet sind. Im Gegensatz zur Frühen Neuzeit, wo in allen vier Städten bzw. Märkten die sorgfältig geführten Ratsprotokolle nahezu lückenlos überliefert sind, nimmt nicht nur die Überlieferung der Ratsprotokolle im ausgehenden 18. und vor allem im 19. Jahrhundert ab, sondern auch die inhaltliche „Dichte“. Zunehmend verweisen die Ratsprotokolle nur noch auf Akten, die – wie im Fall der Ehegerichtsbarkeit – meist nicht mehr erhalten sind.

Mit Ausnahme von Eggenburg, wo wir auf Eheakten zurückgreifen konnten, haben wir für die anderen  landesfürstlichen Städte bzw. Märkte die Ratsprotokollbücher der ersten zehn Jahre nach Inkrafttreten des Josephinischen Ehepatents (1783–1793) systematisch durchgesehen. Je nach Quellenlage haben wir darüber hinaus weitere Zeitsegmente erhoben.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die untersuchten Magistrate und Zeiträume, die Anzahl der erhobenen Verfahren in der Hauptsache und die Anzahl der involvierten Ehepaare.

Städte und Märkte (1783-1848)

 

EGGENBURG

Die Akten der Eheverfahren befinden sich heute  verstreut in verschiedenen Kartons sowohl im Stadtarchiv Eggenburg wie auch im Niederösterreichischen Landesarchiv. Den Hinweis darauf, das im Archiv der Stadt Eggenburg Eheakten überliefert sind, verdanken wir Stephanie Kohlbauer. Nach hartnäckigen Recherchen fand sie in den Kartons 205, 16 und 11 die Akten zu vier Ehepaaren, die sie in ihrer Diplomarbeit auswertete. Zusätzlich dazu konnte das Forschungsteam noch drei weitere Eheverfahren in den Kartons 298 und 45 im Stadtarchiv, sowie die Akten zu weiteren fünf Eheverfahren im Niederöstereichischen Landesarchiv finden. Letztere befinden sich im Bestand Kreisgericht Krems 43, in den Kartons  367, 370 und 371.

 

LANGENLOIS

Die Ratsprotokolle der Stadt Langenlois sind nicht für den ganzen Zeitraum der magistratischen Zuständigkeit überliefert, sondern die Überlieferung bricht 1826 ab. Die Ratsprotokolle der Jahre 1811 bis 1814 sind nicht erhalten, zwischen 1815 und 1826 wurden die Protokolle auch nicht immer gebunden. Die überlieferten Blätter sind teilweise schlecht erhalten und decken den Zeitraum auch nur sehr fragmentiert ab.

Die systematische Durchsicht der Ratsprotokolle der Jahre 1783 bis 1793 (RP 21–23) wurde enorm erleichtert, weil die Ratsprotokolle für den Zeitraum 1786 bis 1810 sowie 1815 bis 1826 nicht nur transkribiert vorliegen, sondern das Stadtarchiv die Transkriptionen auch auf der Homepage zum Download zur Verfügung stellt.

Aufgrund der vorliegenden Transkriptionen haben wir uns entschieden, ein zweites, ebenfalls zehn Jahres umfassendes Zeitsegment zu erheben. Systematisch erhoben wurden die Eheverfahren der Jahre 1801 bis 1810 (Band 25–26).

 

PERCHTOLDSDORF

Die Ratsprotokollbücher des Marktes Perchtoldsdorf sind für den Zeitraum von 1783 bis 1849 mit einigen Lücken vor allem am Beginn des 19. Jahrhunderts in 15 voluminösen Foliobänden im Archiv der Marktgemeinde Perchtoldsdorf überliefert. Analog zu den Langenloiser Ratsprotokollen differenzieren sie nicht zwischen den verschiedenen Zuständigkeiten des Marktes, sondern sind Gesamtprotokolle.

Für die Erhebung der Eheverfahren zwischen 1783 und 1793 wurden insgesamt sechs Protokollbände (RP 39–44) mit einem Gesamtumfang von etwas mehr als 2.000 Seiten durchgesehen. Im Gegensatz zu den Protokollbüchern der anderen drei landesfürstlichen Städte bzw. Märkte verfügen die Perchtoldsdorfer Ratsprotokolle aus diesem Zeitraum über ein alphabetisches Register, was die Erhebung der einzelnen Einträge zu den Eheverfahren wesentlich erleichterte.

 

TULLN

Die Ratsprotokolle der Stadt Tulln sind für den Zeitraum 1783­ bis 1845 überliefert. In den systematisch untersuchten ersten zehn Jahren der Zuständigkeit des Magistrats differenzieren die Ratsprotokolle nicht zwischen den verschiedenen Aufgabenbereichen. Die Eheverfahren zwischen 1783 und 1793 wurden aus drei voluminösen Protokollbüchern (RP 34–36) erhoben. Zusätzlich recherchierten wir nach Eheverfahren in den Gerichtsprotokollen desselben Zeitraums (GP 33–35).

Da der Tullner Magistrat zwischen 1822 und 1826 für die politischen, ökonomischen und zivilrechtlichen Tätigkeiten eigene Bücher führte, erhoben wir ein zweites Zeitsegment von vier Jahren. Dazu untersuchten wir die Protokollbücher der Ziviljustiz (RP 45, 46, 49, 51, 53, 55).

Andrea Griesebner | Georg Tschannett

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