Kirchliche Gerichtsbarkeit (1558–1783)

Die heute als Diözesangerichte bezeichneten geistlichen Gerichte wurden im Untersuchungsgebiet „Konsistorien“ genannt. Jedes Bistum bzw. jede Diözese verfügt bis heute über ein Kirchengericht, welches vom Offizial bzw. Generalvikar geleitet wird. Im Untersuchungszeitraum gehörten den Konsistorien sowohl geistliche als auch weltliche Räte an, die unter dem Vorsitz von und im Namen des Offizials und Konsistoriums Recht sprachen.

Im Untersuchungsgebiet hatte die katholische Kirche bis 1783 nicht nur die Gerichtsbarkeit in geistlichen Sachen (spirituales) und Kirchensachen (ecclesiastica) inne, sondern verfügte, teils in Konkurrenz, teils in Kooperation mit der weltlichen Obrigkeit auch über die Gerichtsbarkeit in Ehesachen, die zu den causae mixti fori zählten. Der weite Begriff ‚Ehesachen‘ veranschaulicht den Anspruch der katholischen Kirche, in allen die Ehe betreffenden Angelegenheiten Gerichtsinstanz zu sein.

Die geistlichen Gerichte entschieden beispielsweise darüber, ob Eheversprechen rechtsgültig waren oder eine eines Eheversprechens beklagte Person eine andere Ehe eingehen durfte. Sie erteilten oder verweigerten Personen Ehedispense, die aufgrund ihrer verwandtschaftlichen Beziehung, Konfessionsverschiedenheit oder auch wegen eines vorangegangenen Ehebruchs nach den Vorschriften des kanonischen Rechts nicht heiraten durften. Darüber hinaus bestimmten sie, ob Ehen annulliert bzw. als nichtig erklärt werden konnten und gewährten oder verweigerten verheirateten Personen das Recht, einen getrennten Haushalt führen zu dürfen.

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mussten die Konsistorien bei allen Annullierungsverfahren einen Defensor Matrimonii, einen Ehebandsverteidiger beiziehen. Das Amt des Defensor Matrimonii war von Papst Benedict XIV. mit der Constitution (Bulle) Deimiseratione vom 3. November 1741 eingeführt worden, um Annullierungen zu erschweren.

 

DAS WIENER KONSISTORIUM

Für Ehepaare mit Wohnsitz in der Wiener (Erz-)Diözese war das Wiener Konsistorium in der Wollzeile im heutigen 1. Bezirk zuständig. Das Jurisdiktionsgebiet der Diözese, ab 1722 Erzdiözese Wien, war bis 1729 auf die Stadt Wien, die Vorstädte, die Vororte und einige Dörfer und Märkte des Umlandes begrenzt. Die Grenze zwischen dem Unteren Offizialat der Diözese Passau und der Diözese Wien verschob sich 1729, als die Diözese Passau den überwiegenden Teil seiner Pfarren im Viertel unter dem Wienerwald an das Wiener Erzbistum abtreten musste.

Diözese WienJoseph Haas: Tabula Geographica 1723 (Bildausschnitt: Diözese Wien), Diözesanarchiv Wien (DAW), Foto: Andrea Griesebner.

 

DAS PASSAUER KONSISTORIUM DES UNTEREN OFFIZIALATS

Für Ehepaare mit Wohnsitz im Unteren Offizialat der Diözese Passau war das Passauer Konsistorium in Wien zuständig. Bis zu den Kirchenreformen Josephs II. hatte der Offizial seinen Amtssitz in Wien, konkret im Passauer Hof bei unserer lieben Frauen auf der Stiegen (heute Maria am Gestade).

Diözese PassauJoseph Haas: Tabula Geo­gra­phica 1723, DAW, Foto: Andrea Griesebner.

 

GERICHTSNUTZUNG

In vielen Scheidungsprozessen standen Ehepaare nicht zum ersten Mal vor Gericht. Entweder hatte eine Partei bereits zuvor die Anordnung der Cohabitierung des getrennt lebenden Eheteils eingeklagt oder das Konsistorium zum Aushandeln der Bedingungen des Zusammenlebens genutzt. Abgelehnten Klagebegehren folgten zumeist neue Rechtsstreitigkeiten.

Auch Ehepaare, die mit konsistorialer Genehmigung üblicherweise ein bis drei Jahre von Tisch und Bett getrennt leben durften, sind nach dem Ende dieser „Toleranzzeit“ häufig wieder in den Konsistorialprotokollen erwähnt: sei es, weil ein Teil die Wiederaufnahme des Zusammenlebens einklagte oder die Gegenpartei einen Antrag auf Verlängerung der Toleranzzeit stellte.

Vom Konsistorium wurden – auch bei zeitlich befristeten Trennungen – in Zusatzverfahren manchmal zudem die Trennungsfolgen wie Unterhaltsregelungen, die Vermögensaufteilung oder auch die Obsorge der Kinder geregelt.

Hielt sich ein Eheteil nicht an das Urteil, konnte das Konsistorium darüber hinaus für die Exekutionsverfahren zum Vollzug des Urteils genützt werden.

 

QUELLENÜBERLIEFERUNG

Die im Kontext von Eheverfahren erzeugten Akten sind weder für das Wiener noch für das Passauer Konsistorium erhalten. Die verhandelten Ehesachen können allerdings aus den Protokollbüchern der Kirchengerichte rekonstruiert werden, welche sich heute im Diözesanarchiv Wien befinden.

Andrea Griesebner

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