Weltliche Gerichtsbarkeit (1783–1850)

Die welt­li­che Ehe­ge­richts­bar­keit setz­te in Tei­len der Habs­bur­ger­mon­ar­chie mit dem Jose­phi­ni­schen Ehe­pa­tent von 1783 ein. Die Ehe­ge­richts­bar­keit über alle nicht­ade­li­gen Per­so­nen wur­de an die Orts­ge­rich­te über­ge­ben. In den Städ­ten waren die­se die Magis­tra­te und auf dem Land die grund­herr­schaft­li­chen Patri­mo­ni­al­ge­rich­te. Ange­hö­ri­ge des Adels unter­stan­den dage­gen eige­nen Gerich­ten, den jewei­li­gen Land­rech­ten.

Das Jose­phi­ni­sche Ehe­pa­tent defi­nier­te die Ehe als einen bür­ger­li­chen Ver­trag, hielt aber in Hin­blick auf des­sen Auf­lö­sung im Wesent­li­chen an den Bestim­mun­gen des kano­ni­schen Rechts fest. Kon­kret bestimm­te es, dass das „Band [der Ehe] so lan­ge bey­de Ehe­leu­te leben, unter kei­nem Vor­wan­de getren­net wer­den kön­ne“ (§ 36). Katho­li­schen Ehe­paa­ren, die nicht mehr mit­ein­an­der leben woll­ten oder konn­ten, stand also wei­ter­hin nur die Schei­dung von Tisch und Bett zur Ver­fü­gung. Die Tren­nung des Ehe­ban­des und damit ver­bun­den die Mög­lich­keit, bei Leb­zei­ten des Ehe­gat­ten bzw. der Ehe­gat­tin erneut zu hei­ra­ten, war wei­ter­hin nur nicht-katho­li­schen Unter­ta­nIn­nen vor­be­hal­ten.

 

DER WIENER STADTMAGISTRAT

Die Pra­xis der welt­li­chen Ehe­ge­rich­te wur­de anhand der Akten des Magis­trats der kai­ser­li­chen Haupt- und Resi­denz­stadt Wien unter­sucht. Genau­er gesagt war es der Senat in judi­cia­li­bus civi­li­bus (Zivil­jus­tiz­se­nat), einer der drei im Zusam­men­hang mit der Magis­trats­re­form der frü­hen 1780er-Jah­re instal­lier­ten Abtei­lun­gen, in des­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich neben ande­ren zivil­recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten auch Ehe­schei­dun­gen fie­len. Sei­ne räum­li­che Zustän­dig­keit umfass­te die Inne­re Stadt sowie die zwi­schen Gla­cis und Lini­en­wall (dem heu­ti­gen Gür­tel) gele­ge­nen Vor­städ­te. Der Zivil­jus­tiz­se­nat tag­te bis 1839 im (Alten) Rat­haus in der Wipp­lin­ger­stra­ße, ab 1839 am Hohen Markt. 1841 wur­de der Zivil­jus­tiz­se­nat in Magis­tra­ti­sches Zivil­ge­richt umbe­nannt.

 

WEITERE MAGISTRATE

Die Ehe­ge­richts­pra­xis in lan­des­fürst­li­chen Märk­ten und Klein­städ­ten unter­such­ten wir am Bei­spiel der Magis­trats­ak­ten von Eggen­burg, Lan­gen­lois, Perch­tolds­dorf und Tulln.

 

ORTSGERICHTE

Als Unter­su­chungs­or­te der Ehe­ge­richts­pra­xis der Orts­ge­rich­te in den länd­li­chen Gebie­ten dien­te uns zum einen die ade­li­ge Herr­schaft Sit­zen­berg, zum ande­ren die geist­li­che Herr­schaft Sei­ten­stet­ten.

 

GERICHTSNUTZUNG

Das welt­li­che Ehe­recht nach 1783 unter­schied im Gegen­satz zum kano­ni­schen Recht zwi­schen ein­ver­ständ­li­chen und unein­ver­ständ­li­chen Schei­dun­gen. In den ers­ten drei Jah­ren nach dem Inkraft­tre­ten des Jose­phi­ni­schen Ehe­pa­tents war es für zer­strit­te­ne Ehe­paa­re über­haupt nur mög­lich, sich ein­ver­ständ­lich von Tisch und Bett zu schei­den. Ab 1786 bestan­den bei­de Mög­lich­kei­ten par­al­lel neben­ein­an­der.

Neben Schei­dun­gen von Tisch und Bett, die im Unter­schied zur Recht­spre­chung der vor­her­ge­hen­den Pra­xis der Kir­chen­ge­rich­te zeit­lich nicht mehr befris­tet wur­den, tru­gen die Ehe­leu­te vor dem Magis­trat bzw. der Herr­schaft auch ihre Kon­flik­te über die Schei­dungs­fol­gen aus. Zahl­rei­che Ehe­leu­te stell­ten For­de­run­gen hin­sicht­lich der Auf­tei­lung des Ver­mö­gens, der Rege­lung der Unter­halts­an­sprü­che oder des Obsor­ge­rechts über etwai­ge Kin­der. Zudem fin­den sich in den Gerichts­ak­ten auch Ansu­chen um einen „abge­son­der­ten Wohn­ort“ oder einen „pro­vi­so­ri­schen Unter­halt“ für die Dau­er eines anhän­gi­gen Schei­dungs­ver­fah­rens.

Im Unter­schied zum Zeit­raum vor 1783 fin­den sich in den welt­li­chen Gerichts­ak­ten fast aus­schließ­lich Schei­dungs­ver­fah­ren. Für Annul­lie­rungs­ver­fah­ren war ab 1788 das Nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Land­recht zustän­dig (Hof­de­kret), für „eigen­mäch­ti­ge Tren­nun­gen“ und Ehe­kon­flik­te die Poli­zei­be­hör­den.

 

QUELLENÜBERLIEFERUNG

Die Schei­dungs­ak­ten des Wie­ner Zivil­se­nats befin­den sich heu­te im Wie­ner Stadt- und Lan­des­ar­chiv und sind auf ins­ge­samt 52 Kar­tons auf­ge­teilt. Auf­fal­lend ist, dass die Zahl der Ehe­frau­en und Ehe­män­ner, die um eine Schei­dung ansuch­ten, im Ver­lauf der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts zunahm.

Von den Schei­dungs­ver­fah­ren sind, je nach­dem, ob es sich um ein­ver­ständ­li­che oder unein­ver­ständ­li­che Schei­dun­gen han­del­te, Pfarr­zeug­nis­se, Kla­ge­schrif­ten, Pro­to­kol­le der münd­li­chen Ver­hand­lun­gen, Schei­dungs­ver­glei­che, Kor­re­spon­den­zen mit ande­ren Behör­den, Weis­ar­ti­kel sowie Frag­stü­cke, Zeu­gen­ein­ver­nah­men, Urtei­le samt Beweg­grün­den und teil­wei­se auch von den Par­tei­en ein­ge­brach­te Beweis­mit­tel über­lie­fert. Die Dich­te und der Umfang der Über­lie­fe­rung neh­men zu, je jün­ger die Akten sind. Dies gilt auch für die Zusatz­ver­fah­ren zur Rege­lung der Schei­dungs­fol­gen.

Die Ehe­ak­ten von Eggen­burg, Lan­gen­lois, Perch­tolds­dorf und Tulln wur­den nach der Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Gerichts­we­sens teil­wei­se an die mit 1. Juli 1850 zustän­di­gen Kreis­ge­rich­te über­ge­ben. Allen vier aus­ge­wähl­ten Märk­ten bzw. Städ­ten ist gemein­sam, dass sich die Rats­pro­to­kol­le bis heu­te im Besitz des jewei­li­gen Markt- bzw. Stadt­ar­chivs befin­den und dort auch ein­ge­se­hen wer­den kön­nen. Die Herr­schafts­ak­ten von Sit­zen­berg und Sei­ten­stet­ten befin­den sich heu­te im Nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­ar­chiv. Die Recher­che von Schei­dungs­ver­fah­ren ist demen­spre­chend auf­wen­dig, da die Bestän­de der Zivil­jus­tiz­ak­ten teils im Nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­ar­chiv, teils in den jewei­li­gen Stadt­ar­chi­ven über­lie­fert sein kön­nen.

Georg Tschan­nett

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