Konsistorialgerichte (1558–1783)

Die Praxis der kirchlichen Ehegerichtsbarkeit vor 1783 wurde anhand der überlieferten, oft zu dickleibigen Folianten gebundenen Protokolle des Passauer und des Wiener Konsistoriums untersucht.

Für den gesamten Untersuchungszeitraum gilt, dass die Protokolle des Wiener Konsistoriums als Gesamtprotokolle geführt wurden. Dies bedeutet, dass in den Büchern nicht zwischen den verschiedenen Zuständigkeitsbereichen des Kirchengerichts – spirituales, ecclesiastica und matrimonii – differenziert wird, sondern die Tätigkeiten des Konsistoriums chronologisch verzeichnet sind. In der Forschungspraxis bedeutete dies, dass manche Archivbesuche eher enttäuschend verliefen, da wir zwar hunderte von Seiten gelesen, aber kein Eheverfahren eruiert hatten. Dem gegenüber standen Archivbesuche, bei denen die Einträge zu Eheverfahren sehr dicht aufeinander folgten.

Die Passauer Protokolle des 16. Jahrhunderts sind ebenfalls als Gesamtprotokolle überliefert. Für das 17. Jahrhundert sind teils Gesamt-, teils aber auch eigene Eheprotokolle vorhanden, in welchen alle Ehesachen (inklusive der quantitativ umfangreicheren Eheversprechensklagen) verzeichnet sind. Für das 18. Jahrhundert sind zwar wieder Gesamtprotokolle überliefert, die verschiedenen Zuständigkeiten aber in eigenen Sektionen gebunden und jede Sektion mit einem Namensindex versehen.

Während die Passauer Protokolle (abgesehen der letzten Jahre vor den Josephinischen Diözesanreformen) als Reinschriften überliefert sind, sind die eingesehenen Wiener Protokollbücher ca. zur Hälfte Rapulaturen bzw. Rapulare, d.h. zum laufenden Handgebrauch des Konsistoriums erzeugte Schriften. Ob von den Rapularen keine für die Archivierung gedachten Reinschriften erzeugt wurden, oder diese nicht mehr überliefert sind, können wir nicht beantworten. Aber selbst in den oft erst Jahre später erzeugten Reinschriften konnten wir nicht immer ein System erkennen, welche Verfahrensschritte in das Protokollbuch übernommen und welche Verfahrensschritte etwa in eigenen Einreichprotokollen verzeichnet wurden.

Manche Protokollbücher verzeichnen die eingereichten Schriften und deren Erledigung, sind aber dennoch keine Einreichprotokolle, da immer wieder auch Tagsatzungen, manchmal auch Urteile eingetragen sind. Aus manchen Büchern erfahren wir zwar, dass die klagende Partei Fragen an den Gegenteil oder die ZeugInnen vorgelegt hatte, nicht aber deren Inhalt. In anderen Büchern sind die Fragen wie auch die Antworten en détail protokolliert.

Ähnlich verschieden ist auch die Protokollierung der mündlichen Verhandlungen. Während in manchen Verfahren die Argumente der Streitparteien über viele Seiten dargelegt werden, finden sich in anderen Eheverfahren nur sehr kurze Einträge.

Auch variiert, ob Abschriften der Urteile in die Bücher eingebunden oder diese in eigenen Faszikeln abgelegt wurden. So finden sich in den Wiener Protokollbüchern zwischen 1656 und 1708 manche, aber bei weitem nicht alle Urteile in separaten Rubriken eingebunden.

Andrea Griesebner

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