Konsistorialgerichte (1558–1783)

Die Pra­xis der kirch­li­chen Ehe­ge­richts­bar­keit vor 1783 wur­de anhand der über­lie­fer­ten, oft zu dick­lei­bi­gen Foli­an­ten gebun­de­nen Pro­to­kol­le des Pas­sau­er und des Wie­ner Kon­sis­to­ri­ums unter­sucht.

Gesamt­pro­to­koll Wien:
14. Dezem­ber 1665, WP 24_88
Für den gesam­ten Unter­su­chungs­zeit­raum gilt, dass die Pro­to­kol­le des Wie­ner Kon­sis­to­ri­ums als Gesamt­pro­to­kol­le geführt wur­den. Dies bedeu­tet, dass in den Büchern nicht zwi­schen den ver­schie­de­nen Zustän­dig­keits­be­rei­chen des Kir­chen­ge­richts – spi­ri­tua­les, eccle­si­asti­ca und matri­mo­nii – dif­fe­ren­ziert wird, son­dern die Tätig­kei­ten des Kon­sis­to­ri­ums chro­no­lo­gisch ver­zeich­net sind. In der For­schungs­pra­xis bedeu­te­te dies, dass man­che Archiv­be­su­che eher ent­täu­schend ver­lie­fen, da wir zwar hun­der­te von Sei­ten gele­sen, aber kein Ehe­ver­fah­ren eru­iert hat­ten. Dem gegen­über stan­den Archiv­be­su­che, bei denen die Ein­trä­ge zu Ehe­ver­fah­ren sehr dicht auf­ein­an­der folg­ten.
Ehe­pro­to­koll Pas­sau UO:
23. Novem­ber 1674, PP 52_76r
Die Pas­sau­er Pro­to­kol­le des 16. Jahr­hun­derts sind eben­falls als Gesamt­pro­to­kol­le über­lie­fert. Für das 17. Jahr­hun­dert sind teils Gesamt-, teils aber auch eige­ne Ehe­pro­to­kol­le vor­han­den, in wel­chen alle Ehe­sa­chen (inklu­si­ve der quan­ti­ta­tiv umfang­rei­che­ren Ehe­ver­spre­chens­kla­gen) ver­zeich­net sind.
Für das 18. Jahr­hun­dert sind zwar wie­der Gesamt­pro­to­kol­le über­lie­fert, die ver­schie­de­nen Zustän­dig­kei­ten aber in eige­nen Sek­tio­nen gebun­den und jede Sek­ti­on mit einem Namens­in­dex ver­se­hen.
Gesamt­pro­to­koll Pas­sau UO:
4. Juli 1770, PP 184_147
Gesamt­pro­to­koll Pas­sau UO:
4. Juli 1770, PP 184_418

Gesamt­pro­to­koll Wien:
6. Sep­tem­ber 1715, WP 120, 84v-85r

Wäh­rend die Pas­sau­er Pro­to­kol­le (abge­se­hen der letz­ten Jah­re vor den Jose­phi­ni­schen Diö­ze­san­re­for­men) als Rein­schrif­ten über­lie­fert sind, sind die ein­ge­se­he­nen Wie­ner Pro­to­koll­bü­cher ca. zur Hälf­te Rapu­la­tu­ren bzw. Rapu­la­re, d.h. zum lau­fen­den Hand­ge­brauch des Kon­sis­to­ri­ums erzeug­te Schrif­ten. Ob von den Rapu­la­ren kei­ne für die Archi­vie­rung gedach­ten Rein­schrif­ten erzeugt wur­den, oder die­se nicht mehr über­lie­fert sind, kön­nen wir nicht beant­wor­ten.
Aber selbst in den oft erst Jah­re spä­ter erzeug­ten Rein­schrif­ten konn­ten wir nicht immer ein Sys­tem erken­nen, wel­che Ver­fah­rens­schrit­te in das Pro­to­koll­buch über­nom­men und wel­che Ver­fah­rens­schrit­te etwa in eige­nen Ein­reich­pro­to­kol­len ver­zeich­net wur­den. Man­che Pro­to­koll­bü­cher ver­zeich­nen die ein­ge­reich­ten Schrif­ten und deren Erle­di­gung, sind aber den­noch kei­ne Ein­reich­pro­to­kol­le, da immer wie­der auch Tag­sat­zun­gen, manch­mal auch Urtei­le ein­ge­tra­gen sind. Aus man­chen Büchern erfah­ren wir zwar, dass die kla­gen­de Par­tei Fra­gen an den Gegen­teil oder die Zeu­gIn­nen vor­ge­legt hat­te, nicht aber deren Inhalt. In ande­ren Büchern sind die Fra­gen wie auch die Ant­wor­ten en détail pro­to­kol­liert.

Gesamt­pro­to­koll Pas­sau UO:
8. Juli 1657, WP 20_889

Gesamt­pro­to­koll Pas­sau UO:
8. Juli 1657, WP 20_900
Ähn­lich ver­schie­den ist auch die Pro­to­kol­lie­rung der münd­li­chen Ver­hand­lun­gen. Wäh­rend in man­chen Ver­fah­ren die Argu­men­te der Streit­par­tei­en über vie­le Sei­ten dar­ge­legt wer­den, fin­den sich in ande­ren Ehe­ver­fah­ren nur sehr kur­ze Ein­trä­ge.
Gesamt­pro­to­koll Wien:
WP 25_864

Auch vari­iert, ob Abschrif­ten der Urtei­le in die Bücher ein­ge­bun­den oder die­se in eige­nen Fas­zi­keln abge­legt wur­den. So fin­den sich in den Wie­ner Pro­to­koll­bü­chern zwi­schen 1656 und 1708 man­che, aber bei wei­tem nicht alle Urtei­le in sepa­ra­ten Rubri­ken ein­ge­bun­den. Im Wie­ner Pro­to­koll­buch 25, wel­ches begin­nend mit 3. Jän­ner 1670 bis 6. Mai 1675 reicht, sind die Urtei­le am Ende des Buches, auf den Sei­ten 813 bis 925, ein­ge­tra­gen.