Literatur:Gedichte - Johann Baptist von Alxinger

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Gedichte ·

Alxinger Johann Baptist von (Autor) · ()

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Alxinger Johann Baptist von: Gedichte . In: eLib.at (Hrg.), 20. April 2014. URL: http://elib.at/
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Gedichte

Johann Baptist von Alxinger - 1755-1797



Der Coelibat

Vor unsern Augen denn soll böser Pfaffen Mund
Die Wahrheit ungestraft verschreien,
Und Irrtum unters Volk kraft ihrer Sendung streuen?
Wir aber täten nicht der Weisheit Lehre kund,
Wir schwiegen wie ein stummer Hund?
Nicht ich! Zwar sieh, um seinen finstern Winkel
(Mönchsschlauheit nennt ihn Heiligtum)
Zog Wahn, Betrug und Eigendünkel
So manches Bollwerk, manchen Wall herum:
Doch töne, meine Stimme, dass dein Schall,
Gleich dem von Josuas Posaune,
Zusammenschmettre den papiernen Wall,
Das Christenvolk hineinseh' und erstaune!
Wer bist du denn, der unter allen Götzen
Am längsten schon Altär' und Tempel hat,
Den neulich erst ein Kirchenrat
Der heil'gen Ehe vorzusetzen
Mit einem Fluch geboten hat?
Wer bist du, Unhold Cälibat?
Ein böser Landentvölkerer,
Ein Mörder so viel Ungeborner,
Des schmutz'gen Kamos1 Auserkorner,
Um welchen eine Welt Bekutteter
Versammelt ist, die Heilige sich nennen,
Weil statt dem Brande der Natur,
Den jeder freventlich verschwur,
In ihren Busen nur verbotne Flammen brennen.
Du roter Mönch hier, der, auf fremdes Gut erpicht,
Den Reiz der Beichtenden mit Blicken aufzusaugen
Nie müde wird, zersprenge nicht
Die Sehnen deiner kleinen Augen!
Bring nicht auf ihre Wangen Glut,
Indem du deine Brunst zu kühlen suchst durch Fragen
Voll Lüsternheit; der Mann, in dessen Arm sie ruht,
Ihr Gatte würde sie nicht wagen.
Doch du dort mit zusammgewachsenen,
Pechschwarzen Brauen, deine Wangen gelber
Als Quitten, würdest Cythereen2 selber,
Wie sie dem Bad entsteigt, nicht liebend huldigen;
Drum heißest du der Mönche Krone,
Drum siehst du blühen deinen Ruhm,
Und dass doch etwas dir die Überwindung lohne,
Schaffst du in willige Gitone3
Dir schüchterne Novizen um.
Doch weg, mein Auge, weg von solchem Greul!
Denn hör' ich nicht auch banges Stöhnen,
Auch fürchterliches Grabgeheul
Rund um den Cälibat wie einst um Moloch tönen!
Ich zaudre, doch die Muse winket mir,
Und ob mir gleich davon die Ohren dröhnen,
Das Herz erzittert, folg' ich ihr
In schreckliche, geweihte Kerker,
Wo lebenslang mit sich manch armes Mädchen ringt,
Vertändelt seinen Tag, die halbe Nacht durchsingt,
In Einsamkeit genährt, nur desto stärker
Natur und Jugend fühlt, an seine glüh'nde Lippe
Das Bildchen eines Heil'gen jung und schön
Im Andachtsrausche drückt, am Weihnachtsfest zur Krippe
Hin kniet, nie satt, das holde Kind zu sehn,
Mit einem Schleier ihm die nackten Lendchen kleidet
Und voll geheimen Grams Mariens Los beneidet,
Noch glücklich, wenn sie so lang sich amüsiert,
Bis dass ein sanfter Tod die weinende Gerechte
Mit mitleidsvoller Hand nach Welten bringen wird,
Wo nimmermehr ein Papst durch heil'ge Henkersknechte
Die Unschuld segnend auf die Schlachtbank führt,
Der Menschheit Bräute, Mütter nimmt,
Und fürs Serail von Gottes Sohn bestimmt,
Noch glücklich, fällt es so. Wie aber, wenn sie fühlt,
Früh oder spät es fühlt: »Man hat mich hintergangen.«
Was ist Prometheus Gei'r, was Eumenidenschlangen
Dann gegen jene Qual, die ewig ungekühlt
Durch ihre wunde Seele wühlt?
Ha! Seht ihr sie das abgeschnittne Haar
Sich vollends aus mit wilden Händen raufen,
Dann, bang sie ringend, zum Altar,
Entheiligt einst durch ihre Schwüre, laufen!
Hier liegt sie von der Welt vergessen, unbedaurt,
Aushöhlend mit den Knien die harten Marmorstufen,
Um Gottes Rach' auf die herabzurufen,
Die sie hier ewig eingemaurt.
Und dringt nicht ihres Jammers Stimme,
Gott! deine Wolken durch, gibst du gerechtem Grimme
Nicht diesseits dieses Grabs, noch jenseits freien Lauf,
Dann kümmert dich die Unschuld wenig,
Dann bist du auch ein Erdenkönig,
Und ich, ich künde laut dir den Gehorsam auf.
Allgütiger! Verzeih dem Wurm!
Allein du kennst mein Herz; du weißt, dass wie ein Sturm
Gerechter Zorn mich fasst, seh' ich verruchte Pfaffen
In deinem Namen frech die Menschlichkeit entweihn!
Die Toren wähnen zwar, dass deine Donner schlafen;
Doch schlägt's noch früh genug in ihre Scheiteln ein.
Ha! Bis dahin, bis auf den Tag der Rache,
Da mögen diese Wölf' in Lämmerkleidern gehn,
Nur Heilige von ihrer Mache,
Ehloses Mönchgewürm erhöhn
Auf die unwilligen Altäre,
Wozu sie schlau das Monopolium4
Erschlichen und durch ihre Lehre
Verdrehn das Evangelium.
Vernunft, die sie mit Recht als ihre Feindin schelten,
Führt jeden doch, der sich mit unbefangnem Sinn
Ihr naht, zum reinen Urborn hin,
Und wider sie, die erste Lehrerin,
Darf (widersprach' es ihr) selbst Paulus' Wort nicht gelten:
Sie zeigt, es ziele jedes Rolle
Zum Ganzen dieses großen Schauspiels ab;
Zeigt, dass Allweisheit stets den Zweck erreichen wolle,
Wenn sie zum Zweck die Mittel gab:
Und bindet dies Gesetz das menschliche Geschlecht
Im Ganzen, oh, so sei der schalkhaft, ungerecht,
Der sich entziehen will, das Seine beizutragen,
Denn jeder könne seinem Recht,
Doch niemand seiner Pflicht entsagen;
Kurz, dieser Keuschheitschwur sei um kein Gran
Verdienstlicher, als wollte man
Kraft eines heil'gen Eids, nie Gottes Licht zu sehen,
Stets mit verpappten Augen gehen.
So lehret die Vernunft, allein was kümmert die
Die strengen Herrn aus Thomas' Orden!
Sie sprechen laut ihr Hohn, da sie
Seit Adams Fall zur Lügnerin geworden,
Und haben drum mit orthodoxer Hand
Aus der Theologie auf ewig sie verbannt.
Wir aber, die nicht eingeweihet
In solcherlei Mysterien sind,
Wir machen uns, um hell zu sehn, nicht blind,
Wir folgen gern, wenn sie die Hand uns leihet.
Und sie, sie führet uns in einer Gattin Arm,
Lässt unsre Sinne dort in süßer Ohnmacht schwinden,
Uns wider jede Sorge, jeden Harm
Ein stärkend Gegenmittel linden,
Und wenn uns auch schon Jahre drücken,
Schon Schnee auf unserm Haupt sich häuft,
Von jenem ersten innigen Entzücken
Schon längst Genuss und Zeit die Blüten abgestreift:
So schlägt doch Freundschaft, ewig jung,
In unserm Herzen helle Funken
Und macht durch die Erinnerung
An unser Jugendglück uns noch im Alter trunken.
Wir lieben dann die Mutter unsrer Kinder,
die willige Gefährtin, die im Leid
So gern mit uns geweint als sich im Glück gefreut,
Zwar nicht so stürmisch, doch nicht minder,
Als wie sie, eine blüh'nde Braut,
Zuerst voll Schüchternheit sich unserm Arm vertraut.
Wir danken Gott, der durch uns Erben
Der Erd' und einst dem Himmel gab,
Wir sehn getrösteter ins Grab,
Indem wir nur zur Hälfte sterben.
O Eheseligkeit, wert, dass sie Sakrament
Selbst der ehlose Priester nennt!
Doch sorgsam schwöret der dabei:
Er wolle nie darnach verlangen,
Indem 's doch Christus Rat und weit vollkommner sei,
Dies Sakrament nie zu empfangen.


Die Priester Gottes

Zur Beherzigung aller katholischen Fürsten

Der Verfasser, der seihst viele würdige Priester unter seine Freunde zu zählen sich zur Ehrc rechnet, ist weit entfernt, alle Priester unter diesem Bilde vorstellen zu wollen. Daß es aber ein genau getroffenes Porträt sehr vieler sei, kann niemand, als ein Fremdling in der Geschichte der altern und unserer Zeiten, nicht wissen oder widersprechen.

Hervor, die ihr euch Gottes Priester nennt!
Der Nimbus, den kaum mehr der Pöbel noch
Um eure Platte1 träumet, täuscht mich nicht;
Der Fluch, den euer Herz dort, wo der Mund
Verstummen muss, stets über jeden spricht,
Der Licht um sich verbreitet, schreckt mich nicht,
Der demutlügende, gesenkte Blick,
Das Lächeln selbst, in das ihr schlau genug
Maskieret euer Grinsen, rührt mich nicht.
Hervor mit euch aus eurer Dunkelheit
Schlupfwinkeln, dass das lang geäffte Volk
Mit seinen Augen sehe, wer ihr seid! -
O Gott!, und solchen Händen hättest du
Die Schlüssel deines Himmels anvertraut?
Sie stehen da vor meiner Phantasie
In riesengleicher, scheußlicher Gestalt,
Die tausendfachen, namenlosen Wehn,
Gebracht auf Menschen durch die Priesterschaft.
Doch wären hunderttausend Zungen und
Von Eisen eine Stimme mir verliehn,
Nicht in Jahrhunderten säng' ich sie aus.
Auch müsst' ich singen, wie ein Pfaffe Krieg
Vom Aufgang bis zum Niedergang gebot,
Mit Menschenblute färben jeden Fluss,
Mit Leichen übersäen jedes Feld,
Mit Frevlerfüßen Untertaneneid
Und Kindespflichten niedertreten hieß;
Es singen, wie in seiner Faust das Kreuz,
An dem gestorben ist der Friedensfürst,
Zu dem Signal des Mords und zum Panier
Des Aberglaubens und der Goldgier ward:
So bräche mein zu weiches Herz, mein Spiel
Erschlaffete, von Tränen überschwemmt.
Drum geh die Szenen dieses Greuls vorbei,
Mein Geist! und steh bei denen Übeln nur,
Die itzt noch ihre Schlauheit auf uns häuft,
Da weiser Fürsten Gnadenflügel doch,
Vor diesen Geiern uns zu schirmen, wacht.
Wer ist es, der einherstolziert, voran
Der Diener lange Reihn? Sechs Wieherer,
Mit Purpurquasten fürstlich ausstaffiert,
Sind seinem goldnen Wagen vorgespannt.
Er hoch darinnen, mit gelenker Hand
Die Luft zerschneidend, speist die Hungrigen,
Statt Brots mit Segen, und nun geht der Zug
Zur Kirche des, der, Demut predigend
Und übend, nur auf einer Eselin,
Nur im Gefolge seiner Tugenden
Und Freund' und Jünger, keines Hofstaats, ritt.
Doch also du nicht, du bepurpurter,
Mit Titel, Wappen und all dem Gerät
Des Hochmuts reich versehner Priester! dir
Trägt zu des nackt Gekreuzigten Altar
Die seidne Schlepp' ein andrer Priester nach:
Und wie, du wagst, das Evangelium,
Die allerbitterste Satir' auf dich,
Zu lesen vor dem Volk'? Ein gutes Volk?
Gut, sag' ich, oder blöde, dass es nicht
Aufrufet: Heb dich weg von dem Altar
Dein Pomp und diese Demutslehre sind
Ein Widerspruch; du kennest Christus nicht,
Und er kann dich nicht kennen. Heb dich weg,
Und schände nimmermehr sein Heiligtum!
Ha! Müsstest, riefe so das Volk dir zu,
Du nicht verstummen, wie du auch dereinst
Verstummen wirst, wenn Jesus Christus selbst
Im Richterton dich unter dem Gebrüll
Von hundert Donnern, dich vorm Angesicht
Der Menschenkinder aller fragen wird:
 »Hab' ich dich nicht gelehrt, mit Wort und Tat
Gelehrt: Mein Reich sei nicht von dieser Welt?«
Doch Pfaffenstolz, wie hässlich er auch sei,
Ist ihrer Laster greulichstes noch nicht;
Ist, möcht' ich sagen, Tugend noch, mit dir
Verglichen, Satans erstgeborner Sohn,
Und blut'ger Bundsgenoss', Verfolgungsgeist!
Zwar, seit als Sigismund2 sein Kaiserwort
(Denn das hochheilige Konzilium
Erließ ihn dessen) fromm-meineidig brach,
Brennt nun kein Holzstoß mehr im deutschen Reich:
Selbst im katholischen Iberien3
Vermisset nun seit Jahren schon das Ohr
Der vatergleichen Söhne Dominikos4
Die liebliche Musik zu hören, wie
Im Brand des heiligen Offiziums
Das Fett der Ketzer prasselt: dennoch irrt,
Wer den Verfolgungsgeist erloschen glaubt.
Wahr ist's, er trägt sein scheußlich Angesicht
Nicht offenbar, nicht unvermummt herum,
Rührt nicht die Trommel, prediget das Kreuz
Nicht wider Fürsten, setzt auf den Altar
Kanonisierte Schergen nun nicht mehr:
Doch schlangenartig schiebt er noch sich fort,
Droht, nun man andre Flammen ihm versagt,
Mit Höllenflammen und beschmutzet, gleich
Der eklen Fliege, die des Meisterwerks
Vom Meißel eines Phidias5 nicht schont,
Mit Geifer jedes fürstliche Gebot,
So Grenzen festsetzt zwischen Kirch' und Staat.
Bald raunt er, als Gewissensrat6, dem Weib
Von einem Großen, den sein Ordensband
Zur Exzellenz, doch nicht zum Colbert6 macht,
Und die dem Gatten in das Midasohr7:
Zu Künsten, Fürstendienst und Handel sei
Der Kirchenrat Trients weit nötiger
Denn Fleiß, Rechtschaffenheit und Wissenschaft.
Bald fleht er in Franziskus' Kotzenkleid9,
Dem dummen Handwerksmann zum Lehrling ja
Nie einen aufzudingen, der nicht ist
Erzogen in der Kirche Mutterschoß,
Damit nicht ihn auch, wenn von Tag zu Tag
Die Ketzerlehre weiter um sich greift,
Als Mitverbreiter treffe Gottes Zorn.
Bald kriecht er mit der Demutsmien' herum,
Zuckt Achseln, zweifelt, bittet, warnet, rät,
Flößt, ausgelernt in Teufelskünsten, das
Aqua Tofana10 der Verleumdung in
Ein hingeworfnes, halbgesagtes Wort.
Bald fährt er auf, ein Demosthen11 aus Wut,
Um wider jeden kühnen Wahrheitsfreund
Das Volk zu hetzen, und erniedrigt selbst
Die Kanzel bis zur Säule des Pasquin12.
Recht so! denn hat bei einer Nation
Aufklärung ihre Fackel aufgesteckt,
Da stürzt sein Götzentempel krachend ein.
Drum auf, ihr Priester!, siegelt, wenn ihr könnt,
Mit eurem Bannstrahl zu der Weisen Mund,
Dass, wenn ihr Sünden der Lebendigen
Und Abgeschiedenen um Geld erlasst,
Wenn ihr nie einen Simon13, sondern den,
Der leerer Hände kommt, zurückeweist,
Mit Dispensationen14 wuchert, Zech'
Und Hurenlohn mit einem Ablass zahlt,
Dass, wenn ihr, gegen jährlichen Tribut,
Verwerfung über jeden sprecht, der sich,
Statt fauler Fische von Batavia,
Mit mancher Tonne deutschen Golds gekauft,
Der Heimat fetten Stier zur Nahrung wählt,
Dass, wenn ihr in dem toten Tempel Gold
Aufhäuft und darben lasst den Lebenden,
Ja niemand klagen könn': Es ist nicht recht!
Dass, wenn von irgendeinem Sudelbild
Marktschreierisch ihr Wunderwerk' erzählt
Und durch gedungne Zeugen sie beweist.
Wenn ihr Aloysymehl15, Waldburgens Öl,
Ignazens Bohnen, Zellerbilderchen
Als Arzeneien unters Volk verteilt
Und so den Aberglauben, der für euch
Der Stein der Weisen ist, mit Sorgfalt hegt,
Wenn ihr Bollandus'16 läppisch Fabelwerk
Für Wahrheit preiset und mit ihm es lügt:
Assisens Mönch steh' über seinem Grab,
Ja niemand zeugen mög': Es ist nicht wahr!
Dass, wenn ihr, der Natur und ihrem Zweck
Entgegenschwörend, frech mit Keuschheit prahlt,
Indes von Ehebruch, von Weichlichkeit,
Und was zu nennen Paulus mir verbeut17,
Schwarz eure Seelen, wie die Hölle, sind;
Wenn ihr gelobt Gehorsam, aber doch,
Despoten der Gewissen, ungestört
Im Beichtstuhl Könige tyrannisiert,
Euch Diener aller Diener Christus nennt
Und Herren aller Herrn zu werden strebt,
Wenn ihr, einerntend, wo ihr nicht gesät,
Gleich Egeln armer Landes-Sassen Blut
Aussauget, es verschlemmt im Müßiggang,
Und dies Schlaraffenleben Armut nennt,
Ja niemand ausruf': Es ist Heuchelei!
Kurz, dass in Deutschland niemand übrig sei,
Der segne Luthers Geist und Philipps18 Mut,
Die erst uns zogen aus der Dummheit Schlamm,
Dann trockneten an ihrer Weisheit Strahl;
Dass niemand übrig sei, der künftig euch,
Wenn ihr's an unsern Enkeln auch versucht,
Entgegen kämpfe mit der Wahrheit Speer;
So siegelt, Priester, siegelt, wenn ihr könnt,
Mit euerm Bannstrahl zu der Weisen Mund.
Nur schade, dass auch diese Waffe schon,
Vom Rost zerfressen, kaum ein Popanz mehr
Des Pöbels und ein Spott der Klügern ist!
Denn herrscht wohl in der ganzen Christenheit
Nur ein Monarch von Päpsten unverflucht?19
Wer blättert in dem Kanonsrecht, dem fährt
Ein ganzer Schwarm von Anathematen20
Gleich bösen Bremsen stechend ins Gesicht.
Wohl uns, dass wir Popanze dieser Art
Verlachen dürfen, dass das schwere Joch,
So unsrer Väter Nacken wund gedrückt,
Von ihren Söhnen nun von Tag zu Tag
Mehr abgeschüttelt wird! Zwar hier und da
Siegt Pfaffenlist, siegt Aberglaube noch,
Weint Menschheit und Vernunft: Doch fasset Mut,
Ihr Edleren! Es mag das Schicksal nun
Euch einen Zepter oder einen Kiel
Gegeben haben zu dem Wohl der Welt,
Fasst Mut! und seht, die Sonne folget schon
Der Dämmerung, und rastlos, so wie sie,
Geht euren Heldenweg, mit Zuversicht
Auf Gottes Lohn, unaufgehalten fort!
Die Stimmen, die von allen Zonen zwar,
Doch einzeln noch, euch segnen, werden, eh
Ins Meer der Zeiten ein Jahrhundert floss,
Sich in ein allgemeines Jubellied
Vereinigen, worin der Enkel Dank,
Worin das Jauchzen der Entfesselten
Euch ihre Retter preist, und das so laut,
Wie die Posaune bei dem Weltgericht
Zum scheugemachten Vatikan erschallt.


Lied eines alten Juden

Wer bist du denn, der Meer und Land
Despotisch sein nennt, dessen Hand
In Ketten unsre Hände schließt?
Wer bist du denn, du stolzer Christ?
Gehört der Jude nicht, wie du,
Dem großen, weisen Gärtner zu,
Der will, dass Blumen gleich um ihn
Religionen keimen, blühn?
Nicht mich beklag' ich: wessen Haar
So silbern ist, dem winkt die Schar
Der Väter schon, sein nahes Los
Ist, sanft zu ruhn in Abrams Schoß.
Nur unsrer Jugend jammert's mich;
O niemals, niemals drängt sie sich
Bis zu der Weisheit Altar vor:
Ihr schließt ihr ja des Tempels Tor.
Zwar tadelt ihr den Julian1,
Doch tut ihr mehr, als er getan;
Ihr hebet euch zu stolzen Höhn,
Wir müssen in dem Tale stehn.
Zum Rechnen habt ihr uns verdammt;
Von dem, was Tugenden entflammt,
Wodurch der Geist sich schwingen lernt,
Von dem habt ihr uns stets entfernt.
Und wenn der Jude, wie der Christ,
Vom Geiz verführet, sich vergisst;
Dann schimpfet ihr und spuckt uns an:
Das schmerzt mich so, mich alten Mann!
Den ihr als einen Gott verehrt,
Der hat euch das wohl nicht gelehrt,
Denn Liebe nur war sein Gebot,
Die war sein Leben und sein Tod.


HILF MIT !!!
Typewriter Mac.png
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