Medien:Bestandsaufnahme Medienarchive - Medienheft.ch - 2005 - Dirk Leuffen - Stephan A Weichert

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Versendetes Kulturgut ·
Plädoyer für ein audiovisuelles Medienarchiv
Dirk Leuffen und Stephan Alexander Weichert (Autor) · 2005 ()

Herausgeber: Medienheft.ch · Verlag:  · (Ed)
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Sprache: Deutsch · Version: v1.00 (Volltext)
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Dirk Leuffen und Stephan Alexander Weichert: Versendetes Kulturgut . In: eLib.at (Hrg.), 21. Oktober 2014. URL: http://elib.at/
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Vielen Dank für die Erlaubnis der Autoren und der Zeitschrift für die Möglichkeit zur Veröffentlichung. Dieser Aufsatz wurde im Rahmen von Medienheft.ch erstmalig publiziert.


Versendetes Kulturgut - Plädoyer für ein audiovisuelles Medienarchiv

21. Februar 2005, Medienheft.ch
Dirk Leuffen und Stephan Alexander Weichert
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Eine ausführliche Fassung dieses Beitrags erscheint in: Beuthner, Michael / Weichert, Stephan Alexander (Hrsg.) (2005): Die Selbstbeobachtungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Allen kulturpessimistischen Debatten zum Trotz: Wenn wir die "Dschungel Show" nicht konservieren, verschleudern wir kulturgeschichtliches Erbe. Während über Jahrhunderte Bibliotheken das Wissen für nachfolgende Generationen gespeichert haben, mangelt es an Perspektiven, wie das audiovisuelle Kulturgedächtnis des 20. Jahrhunderts in das 21. hinübergerettet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann. Aber es drohen nicht nur in Zukunft gravierende Wissenslücken über unsere Kultur. Bereits heute verschliesst sich die Mediengesellschaft dem Potenzial eines gesellschaftlich relevanten Reflexionsfeldes. Beispiele aus den USA, Frankreich und Australien belegen jedoch: Medienarchive sind jenseits aller medienrechtlicher Einwände möglich.

Die Medien lieben das Spiel mit der Geschichte, und Journalisten warten schnell mit dem Begriff des "aussergewöhnlichen historischen Moments" auf: Hörfunk und Fernsehen neigen dazu, Ereignisse just im Moment ihrer medialen Vermittlung zu historisieren. Dadurch strukturieren die Medien nicht nur die Gegenwart, sondern sie wirken auch prägend auf unsere kollektive Erinnerung. Dieser geschichtsbewussten Sendepraxis steht der gesellschaftliche Umgang mit medialen Erzeugnissen entgegen: Noch immer gibt es in vielen Ländern kein Archiv, das die zentrale Speicherung und den öffentlichen Zugang zu audiovisuellen Medien gewährleistet. Grosse Teile dieses Kulturguts verpuffen im Augenblick ihrer Übertragung - der Journalist spricht in seinem Berufsjargon von "versenden" - und der unaufhörliche Strom des 24-Stunden-Programms versickert in den Kellern der Rundfunkanbieter. Man kann sagen, die Mediengesellschaft geht mit der teuren Ressource Information geradezu verschwenderisch um und verwischt ihre eigenen Spuren.


Der 11. September 2001 und die Flüchtigkeit der Rundfunkmedien

In der Regel sammeln die Programmanbieter ihr Sendematerial und bewachen es wie einen Schatz. Denn es geht ihnen nicht darum, den Nachgeborenen ein Kulturgut zu erhalten. Die Rundfunkanbieter, öffentlich-rechtliche wie private, leben von Zweit- und Mehrfachausstrahlungen. Denn die Programmarchive sind ein "Produktionsfaktor", wie WDR-Intendant Fritz Pleitgen auf einem Symposion des Netzwerks Mediatheken im Herbst 2003 in Bonn anmerkte: Für Pleitgen sind Mediensammlungen "nicht nur Kulturgut, sondern vor allem Wirtschaftsgut mit Zinsen". Neben dem reichhaltigen Sendefundus steckt in den Programmarchiven ein enormes Recherchepotenzial, das Journalisten aus dem eigenen Medienhaus nutzen können: Kaum eine Filmdokumentation oder Magazinsendung, die ohne so genanntes "Klammermaterial" aus dem Archiv auskäme. Erhaltung und Pflege eines Archivs liegen also im Eigeninteresse der Programmanbieter. Also alles in bester Ordnung?


Reaktionen auf eine TV-Umfrage

Für eine Forschungsarbeit zur Berichterstattung über die Terroranschläge auf das World Trade Center (WTC) in New York (vgl. Weichert 2005) sollte das Sendematerial mehrerer Tage ausgewertet werden. Dabei kann der 11. September 2001 als Medienereignis par excellence gelten: Die Reichweite war gigantisch, und es kam zur wahrscheinlich längsten Mediennutzungsdauer in der Rundfunkgeschichte. Die Studie zeigt jedoch, dass gerade das Fernsehen - ereignisorientiert wie kein zweites Medium - sich zuweilen gegen seine eigene Archivierung sträubt. Nachdem fast alle deutschen Fernsehanbietern um Archivmaterial angefragt wurden, kam es zu folgenden Reaktionen:

Die Hälfte der Sender gab ein positives Signal: Natürlich, so hiess es, liege das eigene Sendematerial vor und könne problemlos gegen eine geringe Archivgebühr für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt werden. Allerdings müsse der Autor sich um Videokopien selbst kümmern, und das Material dürfe ausschliesslich zu nichtkommerziellen Zwecken verwendet werden. Als Gegenleistung wolle man gerne über die Forschungsergebnisse informiert werden.

Knapp die andere Hälfte der Sender reagierte zurückhaltender: Müsse das wirklich sein? Prinzipiell sei man schon bereit, das eigene Sendematerial zur Verfügung zu stellen, aber es würden dafür erhebliche Gebühren anfallen - in einer Grössenordnung von mehreren hundert Euro pro Sendetag. Dies gelte auch für ein Universitätsinstitut. An dem Preis könne man nicht viel machen, denn dies binde schliesslich Kapazitäten, die anderweitig dringender gebraucht würden. Ausserdem sehe man die Unterstützung von akademischer Forschung nicht als vorrangiges Anliegen an. Bei Auftragsforschung, die im Interesse des Unternehmens stünde, sähe das natürlich anders aus.

Ein Sender sah sich zunächst zu gar keiner Antwort veranlasst. Nach mehrfacher Rückfrage wurde informell eingeräumt, dass das angeforderte Material nicht oder nur zum Teil archiviert worden wäre: Ausser Einzelbeiträgen lägen keine kompletten Mitschnitte des Programms vor. Der angefragte Sender, so konnte man hinter vorgehaltener Hand erfahren, hätte am 11. September 2001 und in den Tagen danach weder die Kapazitäten noch die nötige Infrastruktur gehabt, um das Sendematerial zu archivieren. Überhaupt stelle man sich intern die Frage, ob es Sinn mache, aufgrund der hohen Kosten bei gleichzeitig geringem Nutzwert ein eigenes Archiv zu unterhalten. Auch hätte ja der Muttersender ein Archiv, auf das man jederzeit zurückgreifen könne.


Das Fernsehen als wichtigste Informationsquelle

Obwohl das Fernsehen am 11. September 2001 und in den folgenden Tagen die wichtigste Informationsquelle für die Bevölkerung weltweit darstellte, ist die nachträgliche Zugänglichkeit zu diesem Sendematerial problematisch. Eine an Kommunikationsphänomenen interessierte Wissenschaft bleibt auf die Unterstützung der Programmanbieter angewiesen. Dabei kann die Verfügbarkeit von Sendemitschnitten je nach Untersuchungsgegenstand stark variieren: Während Sendematerial über den 3. Oktober 1990, den ersten offiziellen Tag der deutschen Einheit, leicht zu beschaffen ist, können plötzlich auftretende Krisenereignisse wie die Terroranschläge auf das WTC grössere "Gedächtnislücken" in den Archiven hinterlassen. Aber nicht nur für die wissenschaftliche Forschung, auch für die Selbstbeobachtung des Journalismus bringt dieser Umstand erhebliche Probleme mit sich. Denn wie sollen Medienjournalisten berichten, wenn ihnen die Quellen verwehrt bleiben (vgl. Weichert 2004c)?


"Big Brother": sinkende Anzahl an Augenzeugen

Auch bei der Reality-TV-Show "Big Brother" lässt sich eine missliche Archivlage im Hinblick auf die journalistische Selbstbeobachtung feststellen: Im deutschen Fernseh-Container wurden Anfang Oktober 2004 von einem der Teilnehmer mehrere judenfeindliche Witze erzählt, die der Abo-Sender "Premiere" in Echtzeit ausstrahlte. Erst nachdem Medienjournalist Klaus Ott von der "Süddeutschen Zeitung" (vgl. 2004a, 2004b) diese Ausfälle anderthalb Wochen später aufdeckte, reagierten die Verantwortlichen von "Premiere". Und erst als auch die anderen Medienseiten der Tagespresse berichteten, weckte dieser Vorfall öffentliches Interesse, forderte personelle Opfer und zog juristische Konsequenzen nach sich. Allerdings: Es darf vermutet werden, dass besagte Live-Übertragung zu diesem Zeitpunkt nur ein paar Dutzend "Premiere"-Zuschauer gesehen hatten, während kaum ein Medienkritiker über Aufzeichnungen verfügte.

Die Beispiele "Big Brother" und die Berichterstattung über den 11. September 2001 demonstrieren die im Medienjournalismus übliche Praxis, auf Beobachtungen von Kollegen zu rekurrieren, wobei die Anzahl von "Augenzeugen" sinkt, je weiter das Ereignis zurückliegt oder je spontaner berichtet werden soll. Hieran offenbart sich ein grundsätzliches Problem: die Flüchtigkeit von Medienereignissen.


Grundproblematik von Ex-Post-Beobachtungen der Medien

Die Untersuchung sozialer und kulturübergreifender Einflüsse des Rundfunks in der Langzeitperspektive, insbesondere von Serien oder Sendereihen, kann sich ebenfalls schwierig gestalten. Denn sobald es nicht um Pilotsendungen oder andere angekündigte TV-Ereignisse geht, sondern um alltägliche Medienbeobachtungen, verengen sich die Datengrundlage und der journalistische Reflexionsradius zusehends.

Die Grundproblematik von Ex-Post-Betrachtungen medienkultureller Trends betrifft insbesondere Journalisten, die sich auf aktuelle Programmkritik spezialisiert haben: Sie können nicht immer auf Sendematerial zugreifen, es sei denn, sie stehen in gutem Kontakt mit den Pressestellen der TV-Anbieter oder verstehen sich auf die Programmierung ihres Videorekorders. Doch selbst die Privilegien eines Medienjournalisten nutzen angesichts des teilweise beträchtlichen Materialumfangs wenig, um die ständige Begleitung eines Sendeformats wie "Big Brother" zu gewährleisten. Umso gravierender ist dieses Problem für eine Medien- und Kommunikationswissenschaft, die sich mit den langfristigen Entwicklungen des Fernsehprogramms befassen will.


Programmgedächtnis für die Mediengesellschaft

Gerade das Format "Big Brother" würde sich anbieten, zeitgenössische Populärkultur über einen längeren Zeitraum hinweg und im internationalen Vergleich zu analysieren: "In Deutschland sind es die Juden-'Witze', in Grossbritannien war es eine Schlägerei bis zum Äussersten, die gezeigt haben, was 'Big Brother' im Negativen auslösen kann, was es - auf der anderen Seite - in Afrika als kontinentales Programm an Aufklärung (unter anderem in Sachen Aids) positiv geleistet hat." (Hanfeld 2004: 40; vgl. Weichert 2004b) Ob im Medienjournalismus oder in den kulturorientierten Zweigen der Medien- und Kommunikationswissenschaft: Ein unabhängiges audiovisuelles Medienarchiv würde die Datenbasis bieten für kulturell vergleichende Medienbeobachtungen.


Vernachlässigte mediale Alltagskultur

Medien haben viele Gesichter: Sie stellen Öffentlichkeit her und sind politisch. Sie konstruieren Medienrealitäten, visualisieren, vereinfachen, verdichten komplexe Ereignisse, verzerren diese aber auch (vgl. Neverla/Weichert 2005). Sie wirken als zeitgenössische "Kulturagenten", die Orientierungs- und Sinnangebote machen, und tragen zur individuellen und kollektiven Identitätsbildung bei. Umso mehr gelten die audiovisuellen Medien gleichzeitig als Kulturträger wie Kulturerzeuger. Und dies gilt für RTL2 und MTV ebenso wie für 3sat und Arte. Denn auch scheinbar Banales unserer Alltagskultur, das sich in medialen Gesprächsthemen, Moden, Musikrichtungen, Requisiten oder Studiodekorationen der Gegenwart ausdrückt, ist immer auch ein Zeugnis unserer Kulturgeschichte und Primärquelle für die Forschung.

Trotzdem wurden Archive von Hörfunk und Fernsehen in Deutschland bisher vernachlässigt. Während zwar einzelne Sendungen wie etwa die Tagesschau schon seit einigen Jahren per Livestream im Internet abrufbar sind, wird dem Publikum der Blick in die Schatztruhen der Programmanbieter nur selten gewährt. Öffentliche Institutionen wie Schulen, Universitäten oder Kunstakademien mit begründetem Interesse an Medienkultur haben in der Regel keinen Zutritt zu den Rundfunkarchiven.


Bewahrung des Rundfunkvermächtnisses in Deutschland

Während vor allem die USA, Frankreich und Australien audiovisuelle Archive mit öffentlichen Fördermitteln und unter Beteiligung der Programmanbieter eingerichtet haben, geht die Bewahrung des Rundfunkvermächtnisses in Deutschland nur schleppend voran. Die Politik tut sich schwer damit, die Konservierung von massenmedialen Erzeugnissen als kulturpolitisches Anliegen voranzutreiben. Aber auch die Medien selbst verschliessen sich gegenüber einer nachhaltigen Lösung. Um den zahlreichen Initiativen zur Bewahrung des audiovisuellen Kulturguts wenigstens einen Projektzusammenhang zu verleihen, wurde auf Anregung der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv Frankfurt am Main/Berlin (DRA) und des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im November 2000 das "Netzwerk Mediatheken" gegründet (vgl. Stiftung 2004). Daraufhin haben sich insgesamt 30 überregionale Medienarchive, Bibliotheken, Dokumentationsstellen, Forschungsinstitute und Museen diesem Netzwerk angeschlossen. Angesichts der derzeit rund 1.200 (!) verstreuten audiovisuellen Mediensammlungen in Deutschland, die grösstenteils den öffentlichen Zugriff verweigern, ist dies erst ein Anfang. Was nach Ansicht von Medienarchivexperte Wolfgang Ernst nach wie vor fehlt, "ist eine Clearing-Stelle, eine zentrale Koordinierungsbehörde", angegliedert an das Staatsministerium für Kultur und Medien.


Das DDR-Kulturerbe in Potsdam-Babelsberg

Pate für diese Überlegungen stand die Verwaltung des DDR-Rundfunks, welche die Stiftung DRA als Gemeinschaftseinrichtung der ARD übernommen hat: Am Standort Potsdam-Babelsberg wird die gesamte Hinterlassenschaft des Hörfunks und Fernsehens der DDR archiviert und dokumentiert sowie über Gesamtdatenbanken nachgewiesen. Das umfangreiche Sendematerial, von der ersten Sendung des DFF in 1952 bis zu seiner Abwicklung 39 Jahre später, wird vom DRA nicht nur aufbewahrt, sondern auf begründete Anfrage hin auch für wissenschaftliche, erzieherische, journalistische, künstlerische und vergleichbare Zwecke zugänglich gemacht. Für 120 Euro (ermässigt 30 Euro) pro Stunde und Auftrag können Nutzer im Fundus von über 400.000 Sendebändern des Hörfunks und 100.000 Sendungen des Fernsehens sowie in 60.000 Sujets einschliesslich dazugehöriger Materialien wie Drehbücher, Sendeprotokolle etc. stöbern. Wenngleich eine Konzentration auf spektakuläre Ereignisse und Daten der DDR-Geschichte festgestellt wurde, bietet dieses Programmreservoir einzigartige Möglichkeiten, sich mit dem "Medienalltag, der die Erfahrungen und Gewohnheiten der DDR-Bürger geprägt hat" (Pietrzynski 1994: 33), zu beschäftigen.


Zentrale Sammelstelle für Audiovision

Die Lücken in der Bewahrung westlicher Medienkultur wollte man indessen mit einem zentralen Medienarchiv schliessen, bei dem es - wie in Potsdam-Babelsberg - vor allem um den praktischen Nutzen gehen sollte. Wenngleich es schon seit Ende der 80er-Jahre Pläne gegeben hatte, eine solche "Mediathek" institutionell zu verankern, war dies von Anfang an problembehaftet (vgl. Weichert 2003, 2004a). So wurde ein "Museum für Rundfunkgeschichte" erstmalig 1987 vom ehemaligen Kulturchefredakteur des WDR-Fernsehens Hans-Geert Falkenberg angeregt. Auch der Dokumentarfilmer Eberhard Fechner trug wenig später die gleiche Idee unter der Bezeichnung "Programmgalerie des deutschen Hörfunks und Fernsehens" in einer Rede an der Akademie der Künste in Berlin vor. Damals forderte Fechner eine zentrale Sammelstelle für Audiovision, unter anderem deshalb, weil der "Norddeutsche Rundfunk" einige seiner archivierten Filme zur "Frischbandgewinnung" einfach überspielt hatte.


Amerika: "Museum of Television & Radio" (New York)

Ursprüngliches Vorbild für Falkenbergs und Fechners Initiativen war das "Museum of Television & Radio" (MT&R) in New York (ab 1996 mit Ableger in Los Angeles), das bereits seit 1975 existiert. Mit bis zu 180 Besuchern pro Tag und insgesamt 90 Angestellten zählt das MT&R nach der "Inathèque de France" in Paris zu den grössten Einrichtungen dieser Art und wird unterstützt von den nationalen amerikanischen Networks (v.a. ABC, CBS, NBC, Fox), grossen Medienunternehmen (z.B. Time Warner, Sony) sowie weiteren US-Firmen (Chrysler, Coca-Cola, Volvo) und Einzelpersonen (Dan Rather, Haim Saban, Steven Spielberg, William R. Hearst, John D. Rockefeller). Der öffentliche Zugang ist durch ein so genanntes "Researcher’s Program" gewährleistet, an dem jeder teilnehmen kann, der einen Antrag stellt. Genutzt wird es momentan vor allem von Journalisten, Schauspielschülern, Akademikern und Künstlern. Für 25 Dollar (ermässigt 15 Dollar) am Tag bzw. 150 Dollar pro Jahr können Teilnehmer auf 120.000 Titel zugreifen, jährlich kommen 10.000 neue Titel hinzu. Das MT&R bietet somit unzählige Recherchemöglichkeiten in archivierten Nachrichten, Werbespots, Serien, Sitcoms, Talkshows, Filmen und Hörfunksendungen. Daneben setzen die Betreiber einen Akzent auf audiovisuelle Ausstellungen.


Frankreich: "Inathèque de France" (Paris)

In Frankreich existiert seit 1995 ein nationales öffentliches Rundfunkarchiv: Vom 1975 gegründeten "Institut National de l’Audiovisuel" (INA) gesteuert, hatte die in der Nationalbibliothek ansässige "Inathèque de France" bis Mitte 2002 mehr als 1,7 Millionen Stunden Radio- und Fernsehmaterial gesammelt und einen Grossteil davon digital verfügbar gemacht. Hintergrund bildete das Hinterlassungsrecht, das "dépôt légal", das insgesamt 17 kooperierende Radioanbieter und 19 Fernsehveranstalter verpflichtet, die "Inathèque" mit aktuellem Sendematerial zu dokumentieren. Die Reform des seit 468 Jahren bestehenden "dépôt légal", das am 20. Juni 1992 auf die "neuen" Medien Hörfunk und Fernsehen ausgeweitet und 2002 im Hinblick auf das Angebot von Kabel- und Satellitenbetreibern reformiert wurde, kann als Voraussetzung gesehen werden, die zur Gründung der "Inathèque" geführt hat. Seit 2004 gehen pro Jahr mehr als 650.000 Stunden (150.000 Radio, 500.000 Fernsehen) vollständige Mitschnitte des gesendeten Programms von insgesamt 87 Rundfunkanbietern (70 Fernseh- und 17 Radiosendern) in den Archivbestand über. Mit einem Etat von zehn Millionen Euro jährlich und 170 Mitarbeitern ist der Aufwand vergleichsweise hoch. Zu den Nutzern der "Inathèque" zählten im Jahr 2002 vor allem Studierende und Doktoranden (63 Prozent), Forscher und Lehrer (11 Prozent) und andere Berufstätige wie Journalisten (21 Prozent). Bis 2003 hatten sich 6.800 Nutzer registrieren lassen, wobei jedes Jahr 1.600 neue Nutzer hinzukommen. Grossen Wert legen die Betreiber der "Inathèque" auf den Kontakt zur Wissenschaft. Dieses Interesse zeigt sich in dem von der "Inathèque" ausgeschriebenen und mit mehreren tausend Euro dotierten "Prix de la Recherche".


Australien: "National Screen & Sound Archive" (Canberra)

Australien verfügt bereits seit 1983 über ein "National Screen & Sound Archive", das, angegliedert an die "Australian National Library", Bild- und Tonmaterial systematisch sammelt und für Interessierte kostenlos zugänglich macht: "Schulklassen erhalten Erklärungen und jeder Besucher kann sich seine Lieblingsproduktion im Katalog heraussuchen und anschauen. Forscher recherchieren in der riesigen Datenbank, deren Software speziell zu diesem Zwecke entwickelt wurde und inzwischen international vermarktet wird." (Kleinsteuber 1999: 9) Obwohl keine gesetzliche Ablieferungspflicht wie in Frankreich besteht, kooperieren Produzenten und Programmanbieter gerne und stellen ihr audiovisuelles Material bereitwillig zur Verfügung. Interessant ist, dass das in Australiens Hauptstadt Canberra residierende Archiv mit über 160 Mitarbeitern vom dort ansässigen Ministerium für Kommunikation und Kunst grosszügig gefördert wird, inzwischen aber über zehn Prozent des Etats durch eigene Dienstleistungen erwirtschaftet, bei - wohlgemerkt - kostenlosem Zutritt.


Schweiz: Rundfunkgesetz, Vernetzung und Filmarchiv

Nach Artikel 69 des Bundesgesetzes über Radio und Fernsehen (RTVG) vom 21. Juni 1991 müssen Schweizer Veranstalter "alle Sendungen aufzeichnen und die Aufzeichnungen sowie die einschlägigen Materialien und Unterlagen während mindestens vier Monaten aufbewahren. Wird innert dieser Frist gegen eine oder mehrere Sendungen eine Beanstandung oder eine Beschwerde erhoben, dauert die Aufbewahrungsfrist bis zum Abschluss des Verfahrens." Weiterhin kann der Bundesrat vorschreiben, "dass Aufzeichnungen wertvoller Sendungen einer nationalen Institution unentgeltlich zur Aufbewahrung überlassen werden" (http://www.admin.ch/ch/d/sr/7/784.40.de.pdf). Nach Willen der Kommission des Nationalrates für die seit Jahren andauernde Revision des Radio- und Fernsehgesetzes soll in einem neuen Art. 23 hinzugefügt werden, dass der Bundesrat schweizerische Programmveranstalter verpflichtet, "Aufzeichnungen ihrer Programme zur Verfügung zu halten, damit diese der Öffentlichkeit dauerhaft erhalten werden können" (zit. n. Deggeller 2004: 181). Darüber hinaus verfügt aber auch die Schweiz noch nicht über ein audiovisuelles Medienarchiv, das private und öffentliche Radio- und Fernsehsendungen nachhaltig speichert und zugänglich hält. Die Gesetzesvorlage, die derzeit beim Ständerat liegt, zeigt aber, dass das Problem erkannt wurde.

Zudem setzt sich der 1995 gegründete Verein "Memoriav" zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturguts ein, das Radio und Fernsehen, Fotographie, Ton und Video umfasst. An dem in Bern ansässigen Verein, der die Vernetzung bestehender schweizerischer Institutionen gewährleistet, sind die Landesbibliothek, das Bundesarchiv, die Landesphonothek und das Institut zur Erhaltung der Fotographie der Schweiz, das Schweizer Filmarchiv, die "SRG SSR idée suisse" und das Bundesamt für Kommunikation beteiligt (vgl. Deggeller 2004: 177; www.memoriav.ch). Darüber hinaus beherbergt das in Lausanne ansässige Schweizer Filmarchiv "Cinémathèque suisse" eine Bibliothek und Videothek. Der Katalog der Filmsammlung bleibt der Öffentlichkeit aber verschlossen. Im Archiv befinden sich 65.000 Filmkopien mit 149 Millionen Meter Rollfilm.


"Unendliche Geschichte" deutsche Mediathek

Allen Anstrengungen zum Trotz, die disparate Archiv-Situation in Deutschland zu verbessern, sind Falkenbergs und Fechners Pläne bis heute nicht umgesetzt worden. Zwar sah es immer mal wieder so aus, als könne ihre Vision in absehbarer Zeit Realität werden, doch sind bislang alle Versuche gescheitert: Unter den Fittichen der Stiftung "Deutsche Kinemathek" fand das jährlich rund 2,5 Millionen Euro teure, aus privaten und öffentlichen Geldern mischfinanzierte Mediatheksprojekt im September 2000 im Sony-Center zunächst eine Heimstatt. Angesichts leerer Hauptstadtkassen, der Pleite des Medienmoguls Leo Kirch und dem plötzlichen Ausstieg von Geldgeber RTL (der später erneut zusagte) wurde immer wieder über ein neues Finanzierungsmodell verhandelt. Seit Anfang 2004 zeichnete sich dann ein für alle Beteiligten gangbarer Weg ab: Der Bund sagte zu, den ursprünglichen finanziellen Anteil Berlins bis auf weiteres zu übernehmen. Seitens der Verantwortlichen war im Januar 2005 zu erfahren, dass die geplante Institution jedenfalls nicht vor Anfang 2006 ihren Betrieb aufnehmen wird. Zudem habe man sich inzwischen von der Bezeichnung "Deutsche Mediathek" verabschiedet, da sie mittlerweile verbraucht sei. Nach seiner beinahe 20-jährigen Vorgeschichte ist aus dem vielfach blockierten und auf die lange Bank geschobenen Vorhaben zur Konservierung des deutschen Rundfunkerbes eine "unendliche Geschichte" geworden. Wenn es tatsächlich Anfang kommendes Jahr seine Pforten öffnen sollte, ist unter dem Namen "Deutsches Fernsehmuseum" eine Institution entstanden, die kaum etwas mit der Vision der 80er-Jahre zu tun hat: Wolfgang Ernst zum Beispiel mutmasst, das Museum werde "nur eine schmale Variante der ursprünglichen Idee darstellen und sich auf den TV-Unterhaltungsbereich beschränken. Gerade zu wissenschaftlichen Zwecken bedarf es eines umfassenden audiovisuellen Archivs".


Für die Errichtung eines audiovisuellen Medienarchivs

Gerade der technologische Fortschritt der vergangenen Jahre (z.B. die Entwicklung von DVD) ermöglicht heute eine Archivierung aller bundesweit ausgestrahlten Rundfunkprogramme bei vergleichsweise geringem personellen und finanziellen Aufwand. Denn erst mit dem Zeitalter der Digitalisierung ist realisierbar, was vor einigen Jahren noch unmöglich war: verlustfreie, sich selbst kontrollierende und regenerierende Archivsysteme, effiziente Verschlagwortung mit unmittelbaren Zugriffsmöglichkeiten über das Internet und technische Signaturverfahren, die einen Nutzungs- oder Urheberrechtsmissbrauch ausschliessen. Ein Medienarchiv ist und bleibt die Voraussetzung, um unser audiovisuelles Kulturerbe langfristig zu bewahren. Zudem gewinnt mit wachsendem Einfluss der Medien in der Gesellschaft auch deren kritische (Selbst-)Reflexion an Bedeutung. Nicht zuletzt deshalb sind Medienwissenschaft, Medienpädagogik und Medienjournalismus auf ein Medienarchiv angewiesen.


Eine ausführliche Fassung dieses Beitrags erscheint in: Beuthner, Michael / Weichert, Stephan Alexander (Hrsg.) (2005): Die Selbstbeobachtungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.


Literatur:

Deggeller, Kurt (2004): Memoriav - ein Netzwerk zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturguts der Schweiz. In: Stiftung (Hrsg.), S. 175-182.

Hanfeld, Michael (2004): Die Vorbilder im Container. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.10.2004, S. 40.

Kleinsteuber, Hans J.(1999): Zum Beispiel Australien. Das National Film & Sound Archive. In: Aviso, H.23, S. 9.

Neverla, Irene / Weichert, Stephan Alexander (Hrsg.) (2005): Cover - Medienmagazin, H. 5: Realitätsverlust. Wie Medien die Wirklichkeit verzerren. Hamburg.

Ott, Klaus (2004a): Judenwitze während TV-Übertragung. Big Brother drohen bis zu 500.000 Euro Bussgeld. In: Süddeutsche Zeitung vom 13.10.2004.

Ott, Klaus (2004b): Judenwitze live. In: Süddeutsche Zeitung vom 13.10.2004.

Pietrzynski, Ingrid (1994): "Mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt das Sekretariat die Sendungen..." Die DDR-Archivbestände im Deutschen Rundfunkarchiv Berlin. In: Medium, H. 4, S. 32-34.

Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.) (2004): Mediensammlungen in Deutschland im internationalen Vergleich. Bonn.

Weichert, Stephan Alexander (2003): Zu schade zum Versenden. Wider den Fluch der Flüchtigkeit. Plädoyer für ein audiovisuelles Medienmuseum. In: Freitag, 7.11.2003, S. 11.

Weichert, Stephan Alexander (2004a): Fundus der Fernsehbilder. In: Journalist, 3/2004, S. 40-42.

Weichert, Stephan Alexander (2004b): Unser grosser Bruder. 20 Jahre nach Orwells Anti-Utopie. In: Medienheft, 19. April 2004, Zürich: http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k21_WeichertStephanAlexander.html

Weichert, Stephan Alexander (2004c): Zwischen Sensationslust und Chronistenpflicht. Journalismus in den Fängen des Terrors. In: Medienheft, 21. Juni 2004, Zürich: http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k22_WeichertStephanAlexander.html

Weichert, Stephan Alexander (2005): Von der Live-Katastrophe zum Medienereignis: Der 11. September im Fernsehen. Dissertation. Universität Hamburg (im Erscheinen).


Links:

Deutsche Kinemathek, Filmmuseum Berlin: http://www.filmmuseum-berlin.de

Netzwerk Mediatheken, : http://www.netzwerk-mediatheken.de

Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv (DRA): http://www.dra.de

Memoriav, Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz: http://www.memoriav.ch

Schweizer Filmarchiv "Cinémathèque suisse": http://www.cinematheque.ch

Institut National de l’Audiovisuel (INA), Paris: http://www.ina.fr

The Museum of Television & Radio (MT&R), New York und Los Angeles: http://www.mtr.org

National Screen & Sound Archive, Canberra: http://www.screensound.gov.au


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