Review:Affirmative Action Empire - Nations and Nationalism in the Soviet Union - Terry Martin - 2001 - Rezension

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"If I had listened to the critics I'd have died drunk in the gutter."
-Anton Pawlowitsch Tschechow / Антон Павлович Чехов,
(1860-1904) russischer Schriftsteller, Novellist und Dramatiker.
Informationen zur Rezension
Titel: Affirmative Action Empire - Nations and Nationalism in the Soviet Union 1923 – 1939
Künstler / Autor: Martin Terry
Herausgeber: Cornell University Press
Erscheinungsjahr: 2001
Erscheinungsort: New York
Sprache: English
Werktyp: Monographie
Genre: Monographie
Themen: Geschichte
ISBN: 0801438136 (Buchlink DE)
ISSN: (Buchlink DE)
ISBN-13: 978-0801438134 (Buchlink US)
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Inhaltsverzeichnis


Interaktion und Metadaten

Zitierweise: Rezension von "Affirmative Action Empire - Nations and Nationalism in the Soviet Union 1923 – 1939" (2001). in: eLib, Hg. v. eLibrary Projekt, in: literature.at/elib ( 29. November 2014 ). URL: http://www.literature.at/elib/index.php5?title= Lexikon:Affirmative_Action_Empire_-_Nations_and_Nationalism_in_the_Soviet_Union_-_Terry_Martin_-_2001_-_Rezension

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Titel


The Affirmative Action Empire - Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923 – 1939

Autor: Terry Martin
Professor für russische Geschichte in Harvard
Verlag: Cornell University Press, New York (2001)
Rezension von Mario Keller
Zurück zum Themenkreis Historiographische Texte zur Geschichte Osteuropas.



Ausarbeitung der Präsentation des Buches

Das “Affirmative Action Empire”

„Affirmative Action“ ist am besten mit positiver Diskriminierung zu übersetzten. Im Fall der Sowjetunion handelte es sich dabei um die positive Diskriminierung von ethnischen Minderheiten. Das Ziel der sowjetischen Nationalitätenpolitik war eine Förderung nationaler Sprachen, nationaler Kultur und nationaler Eliten sowie die Schaffung nationaler Territorien. Dies stellte einen krassen Widerspruch zur ursprünglichen kommunistischen Meinung in dieser Frage dar, die ja Nationalismus als Manipulationsmittel der Bourgeoisie interpretierte, sowie Internationalismus propagierte. Lenin revidierte durch seine Erfahrungen im Bürgerkrieg diese Ansicht jedoch grundlegend, da ihm die Macht, die Nationalismus haben kann, zu Bewusstsein gekommen war. Seiner Meinung nach führte also, wollte er die Sowjetunion in ihrer damaligen Ausdehnung zusammenhalten, kein Weg daran vorbei, den verschiedenen Ethnien den Erhalt ihrer „nationalen Kultur“ innerhalb der UdSSR, zuzusichern. Weiters wurde die Affirmative Action mit der so genannten „kulturellen Rückständigkeit“ vor allem östlicher Ethnien begründet. Die neue Doktrin sah die Sicherung und die aktive Förderung von nationaler Kultur und des nationalen Bewusstseins vor, solange die Interessen der Sowjetunion nicht infrage gestellt wurden. Stalins Motto ist in diesem Fall sehr bezeichnend: „National in der Form, Sozialistisch im Inhalt.“ Auf Russisch bezeichnete man die Politik als nationalizatsiia, meistens aber als korenizatsiia, was so viel wie Indigenisierung (unter Indio sind alle nicht-Russe zu verstehen) bedeutet. Die neue Parteilinie wurde am zwölften Parteitag der KPdSU, im Juni 1923, beschlossen und ab dann versucht umzusetzen. Dabei kann man Stalin in etwa bis 1930 als die treibende Kraft in der Ausarbeitung, wie in der Umsetzung ansehen. Er hatte sich dabei gegen massive Vorbehalte, die innerhalb der Partei im Bezug auf diesen neuen Ansatz bestanden durchzusetzen. Die neue Doktrin lässt sich in vier Prämissen unterteilen.

1) Die Marxistische Prämisse: Diese besagt, dass es nötig ist die nationale Kultur und die nationalen Eliten zu fördern, sodass Territorien entstehen die eindeutig von der großteils ansässigen Nationalität dominiert werden. Erst dadurch, dass die Territorien auch von angehörigen der hier mehrheitlich lebenden Nationalität regiert werden Klassenunterschiede erkennbar und können bekämpft werden.

2) Modernistische Prämisse: Diese Prämisse interpretiert den Nationalismus unausweichliche Vorstufe zum Internationalismus.

3) Kolonialistische Prämisse: Die einzige Nationalität die nicht aktiv gefördert werden sollte waren die Russen. Man sah im so genannten russischen Nationalismus, bezeichnet als „groß-russischer Chauvinismus“ sogar eine massive Gefahr („Great-Danger Principle“). Die Verurteilung des russischen Nationalismus begründete man auch mit dem Anspruch einer Umkehrung der zaristischen Politik in der die Russen stets die dominante Nation war. Ein Streitpunkt, in dieser Beziehung war ob es russische Minderheiten in nicht-russischen Republiken geben könne.

4) Das „Piedmont Prinzip“: Diese Prämisse, war zu Beginn nur als eine Art Nebenprodukt der „positiven Diskriminierung“ gedacht, spielte allerdings in der weiteren Geschichte eine bedeutende Rolle. Sie besagt dass ethnische Minderheiten auch für außenpolitische Zwecke eingesetzt werden können. Durch die Ukrainer in Polen könne man beispielsweise, so der Schluss auch Einfluss auf die polnische Politik gewinnen.


Part One: Implementing the Affirmative Action Empire

Im Nachhinein betrachtet kann die Nationalitätenpolitik als einer der prägenden Faktoren in der Sowjetunion der 1920er Jahre bezeichnet werden, die sich auf die weitere Entwicklung der UdSSR stark auswirkte. Eine der neuen Maßnahmen nach 1923 war beispielsweise die Schaffung nationaler Sowjets, ein Modell das bis dahin nicht existiert hatte. Dies bedeutete, dass anstatt der Zusammenfassung aller Menschen eines Gebietes in einem Sowjet, jede Nationalität in diesem Gebiet ihren eigenen Sowjet erhielt. Weiters kam es auch zu Landumverteilungen unter den Nationalitäten, sowie zur Zerteilung von Verwaltungseinheiten anhand von ethnischen Kriterien. Die Größe dieser Einheiten konnte im Prinzip vom Dorf bis zur Republik reichen. Diese Verbindung von Landbesitz, sowie territorialer Kontrolle mit Ethniziät barg ein hohes Konfliktpotenzial in sich. Schließlich wurde in den meisten Fällen an der Stelle wo eine Ethnie bevorzugt wurde auch eine andere benachteiligt. Häufig trat daher das Gegenteil von dem ein was die marxistische Prämisse vorhersagte. Statt die Streitigkeiten zwischen den Nationen, zu befrieden, wodurch ein Augenmerk auf die Klassenunterschiede fallen sollte, wurden diese Konflikte gefördert und oft erst hervorgerufen.[1] Vor allem in den so genannten östlichen Teilen der UdSSR, womit sich der Autor in erster Linie auf die zentralasiatischen Republiken bezieht, haben neu gezogene Grenzen, Landumverteilungen etc. heftige Konkurrenz zwischen den Ethnien hervorgerufen. Durch diese Entwicklungen und da sich nun jeder zu einer Nationalität bekennen musste entstand bei vielen (östlichen) Völkern zum ersten Mal überhaupt ein nationales Bewusstsein und Nationalismus. Ein schwelendes Problem stellte in den östlichen Provinzen auch die russische Minderheit dar. Vor allem während der frühen Jahre des „Affirmative Action Empires“, probierte man verschiedene Methoden der positiven Diskriminierung aus, die häufig auf völliges Unverständnis stießen und Unmut bei den Russen zur Folge hatten. So wurden kurze Zeit sogar russische Arbeiter gefeuert, nur um „Einheimische“ einzustellen. Auch wurden diese eine Zeitlang für wesentlich minderwertigere Arbeit mit dem gleichen Gehalt entlohnt.

Die Umsetzung der Nationalitätenpolitik musste, auf Grund der ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in den östlichen Provinzen anders ablaufen als in den westlichen.[2] Da in den westlichen Republiken, gemeint sind in erster Linie die Ukraine und Weißrussland, die Schaffung nationaler Eliten leicht gefallen war, ging man bald zur „linguistischen korenizatsiia“, also einer geplanten Übernahme der Landessprache im gesamten öffentlichen Bereich (Medien, Verwaltung, Arbeitsplatz etc.) über. In den östlichen Provinzen war dies jedoch schon wegen der Analphabetenrate undenkbar. Man begnügte sich daher damit die positiven Diskriminierung von Nichtrussen voranzutreiben. Die verschiedenen Spielarten der korenizatsiia korrelierten dabei mit der allgemeinen politischen Situation in der UdSSR. So erreichte die linguistische korenizatsiia im Westen, ihren Höhepunkt, zwischen 1925 und 1928, während der NÖP, da die Begründung in diesem Fall eher die „Indegenisierung“ war. Im Gegensatz passte die Begründung für die Förderung der Nationalitäten im Osten, nämlich deren „kulturelle Rückständigkeit“, eher zur auf die NÖP folgende „kulturelle Revolution“, weshalb die korenizatsiia ihren Höhepunkt hier erst zwischen 1928 und 1930 fand.[3] Im Osten wirkte die korenzatsiia auch noch wesentlich länger nach. Im Westen beispielsweise die linguistische korenizatsiia bereits 1927 faktisch aufgegeben, da sie sich als nicht durchsetzbar erwiesen hatte und auf enormen passiven Widerstand gestoßen war.


Part Two: The Political Crises of the Affirmative Action Empire

Zwischen 1928 bis 1932 wurden dem Modell des „Affirmative Action Empires“ zunehmend Krisenerscheinungen konstatiert. Es mehrten sich aufgrund einer Reihe von Ereignissen zunehmend die anti-korenizatsiia Stimmen in der Partei. Im Dezember 1932 führte dies dazu, dass zum ersten Mal zwei Beschlüsse verabschiedet wurden die sich eindeutig gegen die korenizatsiia richteten. Obwohl die (alte) Nationalitätenpolitik auf bestimmten Ebenen, noch lange weiterwirkte kann 1932 als Wendepunkt in dieser Frage bezeichnet werden.

Die Entwicklung hin zu diesen Dekreten ging Hand in Hand mit der allgemeinen politischen Situation ab 1928.[4] Die NÖP wurde abgeschafft und die sozialistische Offensive, sowie die kulturelle Revolution verkündet. Die Stimmung dieser Zeit beschreibt der Autor als militant und utopistisch. Es war die Zeit der Kollektivierrungen, der „Dekulakisierung“, Industrialisierung sowie eine Intensivierung der zentralisierten Diktatur. Im Rahmen dieser weitgehenden Umwälzung der Verhältnisse in der Sowjetunion, waren viele der Meinung es sei auch das Ende der bis dahin verfolgten Nationalitätenpolitik gekommen und man müsse nun wieder am Internationalismus arbeiten. Diese Haltung wurde noch 1929 von Stalin (und damit von der offiziellen Partei), der in einer Rede speziell dazu Stellung nahm, scharf verurteilt.[5]

Wie kam es zu der Kehrtwende 1932? Einer der Gründe war zweifellos die Einsicht, dass man in bestimmten Punkten völlig gescheitert sei. Beispielsweise führte die Politik eindeutig zu einer Abschottung der ethnischen Gruppen gegeneinander, was deutlich erkennbar Vorurteile und Feindschaft förderte. Vor allem in den östlichen Provinzen kam es, zu einer Vielzahl von gewalttätigen Übergriffen. Auf höherer politischer Ebene waren vor allem die Spannungen zwischen der Ukraine und dem russischen Teil der UdSSR, der RSFSR, von Bedeutung für die Änderung des Kurses. Eine ganze Reihe von Erschütterungen in der Beziehung zwischen diesen wichtigsten Teilen der UdSSR fand zwischen 1928 und 1932 statt. Es wuchs dadurch die Angst, dass die Politik den genau gegenteiligen Effekt als erwartet hatte. Das beispielsweise nicht nur Nationalisten, denen man bisher zum Teil zusammengearbeitet hatte, zum (nationalistischen) Kommunismus bekehrt werden könnten sondern dass diese Bekehrungen auch umgekehrt möglich waren. Ebenso fürchtete man auch eine Umkehrung des „Piedmont Prinzips“ (siehe oben).

Man entledigte sich daher der gesamten nicht-russischen Inteligentsiia inklusive der Nationalisten mit Schauprozessen in denen man ihnen eine Verschwörung andichtete.

Weiters kam es auch noch zu Grenzstreitigkeiten zwischen RSFSR und Ukraine. Die Folge waren Chauvinismusvorwürfen gegenüber der Ukraine und zum Teil Angst des Zentrums vor einer Abspaltung der Ukraine. Während der Kollektivierung wehrte sich auch die Bevölkerung der nicht-russischen Gebiete wesentlich stärker dagegen.

Innerhalb dieses Klimas, das einerseits von Angst und Misstrauen geprägt war, andererseits von einer völligen und überhasteten Zentralisierung und Kollektivierung, in der wiederum das Augenmerk auf die Russen die Sowjetunion tragende Nationalität viel, wurde die alte Doktrin in der die russische Nationalität aufgrund ihrer vollkommenen Dominanz in der UdSSR unter allen anderen zu stehen hatte über Bord geworfen.

Ein nächster bedeutender Schritt hin zu einem Umschwenken war die nationale Interpretation der Hungersnot von 1933. (Kapitel 7) Diese besagte im Großen und Ganzen, dass die Getreideknappheit und die daraus resultierende Hungersnot nur durch Verrat von Nationalisten zustande kommen konnte. Dieser Verrat ist wiederum nur durch die Ukrainisierungskampagne möglich geworden.


Part Three: Revising the Affirmative Action Empire

Die Revision des Affirmative Action Empires führte unter anderem zu massiven Umsiedlungen und später zu ethnischen Säuberungen. Diese begannen nach den bereits erwähnten Beschlüssen von 1932. Sie fanden in erster Linie in den Grenzregionen gegenüber Diaspora Minderheiten, wegen der Angst vor der Umkehrung des „Piedmont Prinzips“ oder gar einer Abspaltung von Teilen der UdSSR statt. Die erste großräumige Umsiedlung fand mit den „Kuban-Kossaken“ statt, die unter anderem für die Weizenkrise 1933 verantwortlich gemacht wurde. Ab 1935 wurden faktisch sämtliche an den Grenzen lebende ethnische Minderheiten systematisch umgesiedelt. Dies geschah in erster Linie an der westlichen Grenze, jedoch auch im Osten. So wurde die gesamte koreanische Minderheit, in etwa 300.000 Menschen, die vor der japanischen Besatzung in die Sowjetunion geflohen waren nach Kasachstan umgesiedelt. Generell fand eine Stigmatisierung von Diaspora Minderheiten als unloyal statt. Die Feindseligkeiten gegenüber diesen steigerten sich weiter und erreichten während dem Großen Terror ihren vorläufigen Höhepunkt. Es reichte allein die Zugehörigkeit zu einer Ethnie (einer so genannten Feindnation). Zwischen 1936 und 1938 wurden über 1.5 Millionen Menschen verhaftet. Ein Fünftel davon aufgrund der Ethnie. Weiters war ein Drittel der Hinrichtung, also verhältnismäßig überdurchschnittlich viele, ethnisch begründet.

Ab 1933 war russischer Nationalismus endgültig vollkommen rehabilitiert. Terry Martin beschreibt es folgendermaßen: Aus sowjetischen Arbeitern sind russische Arbeiter geworden. Sehr bald würden aus den russischen Arbeitern russische Bürger werden.[6]


Zentrale Thesen des Buches

Auch hier bringe erwähne ich nur einige der mir am interessantesten scheinenden Thesen Terry Martins. Eine ist dass er ethnische Konflikte als einen der zentralen Gründe für den „Großen Terrors“ sieht.[7] Dies begründet er mit der überdurchschnittlich hohen Anzahl der rein aufgrund ihrer Ethnie verhafteten Bürger. Eine weitere These des Buches ist dass aufgrund derselben Prinzipien und Grundlegungen welche die Nationalitäten förderten und ein mehr oder weniger Aufblühen dieser in den 20er Jahren genauso deren Bekämpfung und teilweise Vernichtung in den 30ern hervorbrachte.


Auszug aus dem Exzerpt

Zu meinem Exzerpt möchte ich anmerken, dass es sich dabei nur um ausgewählte Teile von diesem handelt. Da es Ihnen, wenn ich das richtig verstanden habe um die Qualität des Exzerptes geht, habe ich habe mich entschlossen lieber weniger Teile abzutippen, diese dafür aber so wie ich sie im Original abgefasst habe. Falls dies nicht ihren Erwartungen entspricht bringe ich den Rest des Exzerptes gerne nach.


Kapitel 1. Das Sowjetische Affirmative Action Empire

Begriff des AAE: positive Diskriminierung; Förderung von Minderheiten

Stellt Völlig neues Modell dar


Die Logik des AAE

Lenin verstört von Macht des Nationalismus, während des Bürgerkrieges

Thema während des achten Parteitages (PT): Lenin argumentiert: Stärkung der Rechte auf Selbstbestimmung stärkt Vertrauen der Nationalitäten in SU

SU soll damit nicht als Nachfolger des zaristischen Chauvinismus auftreten

Gegenstandpunkt in der KP: nach Revolution ist Nationalitätenfrage irrelevant


Analyse und Ausarbeitung was Nation und Nationalismus innerhalb der SU bedeutet; vor allem durch Lenin und Stalin (war 1927 bis 1924, Kommissar für Nationalitäten)


1) Marxistische Prämisse: Nationalismus ist „maskierende Ideologie“, verdeckt Klassenunterschiede - Folgerung: Zulassung der Ausübung von Nationalität verringert Nationalismus, dadurch können Klassenunterschiede sichtbar werden.

2) Modernistische Prämisse: Nationalismus ist natürliche Vorstufe in der historischen Entwicklung zum Internationalismus.

3) Kolonialistische Prämisse: „Great-Danger Principle“

Lenin: nur Nationalismus der Unterdrückten hat demokratisches Element

Nationalismus der sich gegen Zarismus richtete als positiv gesehen; russischer Nationalismus sei jedoch zaristisch und gefährlich

4) Piedmont Prinzip: Nutzung des Nationalismus für Außenpolitische Ziele, z.B. Nutzung der Ukrainischen und Weißrussischen Minderheiten um auf polnische Politik Einfluss zu nehmen.

war nie Hauptanliegen der Nationalitätenpolitik


Der Inhalt des AAE:

Beschlossen und umgesetzt ab 1923.

1) Nationale Territorien; 2) nationale Sprache; 3) nationale Eliten, 4) nationale Kultur

korenizatsiia: 2) und 3) wichtigste Anliegen; SU soll nicht mehr als fremd angesehen werden, sondern als Verkörperung der Bedürfnisse, „native, popular, intimate …“ (S.10)

4) Ausspruch Stalins: „National in Form, Sozialistisch im Inhalt“

Systematische Förderung der nat. Identität, Selbstbewusstsein, aggressive Werbung durch nationale Folklore, Kunst, „Events“

AAE ist keine Föderation, auch kein Nationalstaat

Mischung des Anspruchs der Nationen auf Kultur, Sprache, Eliten, Territorien und dem Anspruch des Sozialismus auf politisch und wirtschaftlich einheitlichen Staat.

Affirmative Action sei nicht als passive, neutrale Haltung; sondern positive, fördernde Politik der nationalen Kultur; Bourgeois Regierungen würden dagegen nur formal nicht tatsächlich Minderheiten fördern.


Die russische Kultur müsse sich als Ausgleich zur Unterdrückung der anderen Nationalitäten unter den Zaren nun als den anderen gegenüber niedriger gestellt akzeptieren - Stigmatisierung der russischen Kultur als Kultur der Unterdrücker

Folge des AAE war dass nahezu jeder Bürger aus irgendeinem Grund in irgendeiner Sache privelegiert  unter anderem deshalb war Nationalitätenpolitik sehr prägend in den 20er Jahren


Wichtig für Lenin und Stalin war die psychologische Komponente, Bürger sollten die SU nicht als Imperium wahrnehmen

Die SU sollte also der erste nichtimperialistische, multiethnische Staat sein; Unterdrückung der russischen Kultur: Bürde des staatstragenden Volkes


AAE und die Partei

eher breites Unverständnis; wahrgenommen als kurzzeitiges aber nötiges Übel

große Unbeliebtheit in den unteren und mittleren Rängen hat Auswirkung auf Durchführung

schlechte Koordination zwischen „hard-line“ und „soft-line“ Institutionen; zum Teil gegensätzliche Maßnahmen


Geografie des AAE

Starkes Ost-West Gefälle in der SU, östliche Provinzen als „kulturell rückständig“ gesehen

Ukraine ist größte Nichtrussischer Teil der SU; 21,3% der Bev. der SU

Russenfrage: immer ein Thema, kann es eine russische Minderheit in den nichtrussischen Republiken geben?


Nationale Sowjets

Formung eigener Sowjets durch ethnische Minderheiten

Kompaktere Siedlungen von Minderheiten

Effekt: statt Ersetzung der ethnischen Konflikte durch Klassenkonflikte werden ethnischen Grenzen erst deutlich

Verbindung von Landbesitz, Ethniziät und territorialer Kontrolle  Politisierung der nationalen Sowjets

Erhärtung des Eindrucks der Mehrheitsbevölkerung die Minderheiten würden nicht zu ihnen gehören


Nationale Sowjets im Osten

stärkere ethnische Konflikte in östlichen Republiken

Kampf der Ethnien um Vorherrschaft; auch wegen Neuziehungen der Grenzen

Zunahme von Vorurteile

Ausschreitung vor allem in den ärmeren Regionen


Kapitel 3: Linguistische Ukranisation 1923-1932

Erste Ankündigung der korenizatsiia: Artikel Stalins 1920 in Prawda; formuliert bis 1923

1) Kreation einer nat. Elite

2) Einführung d. lokalen Sprachen als dominante in nicht russischen Gebieten

Linguistische korenizatsiia nahezu überall fehlgeschlagen

Warum?: - Widerstand einflussreicher, großer Gruppen: Bürokraten, russ. Arbeiter etc.

  • von vielen nicht als Kern-Bolschewistisches Anliegen interpretiert
  • abhängig von Republikregierung inwiefern durchgesetzt

1919-1923: breite Gegnerschaft, starke Vorurteile: Ukrainisch assoziiert mit bäuerlich, rückständig; Russisch assoziiert mit städtisch, modern; warum sollen alle Ukrainisch sprechen?

1923: „Ukrainisation by degree“: auch um Stadt – Land Beziehung zu verbessern verpflichtende Verwendung (in bestimmten Bereichen von Ukrainisch)  Gegenteil tritt ein

1. Aug 1924: Verkündung in einem Jahr soll gesamte Regierungsbürokratie in Ukrainisch gehalten sein  wurde schlichtweg nicht befolgt; da nicht geahndet; nur 11-15% schlossen die befohlenen Ukrainisch Kurse ab; Weigerung innerhalb der Partei selbst

1925: Kaganovich wird neuer Parteisekretär der Ukrainischen KP; ist entschlossen Ukrainisierung durchzusetzen

1) Partei übernimmt Kontrolle über Ukrainisierungskampagne

2) Aufbau eines „Netzes der Kontrolle“

3) Androhung von Gewaltanwendung (gemeint sind Kündigungen)

Politik bringt kleine Fortschritte: setzt sich immer noch nicht wirklich durch

1926-1932: Trotz 80% ukrainischer Bev. Zufrieden gestellt mit 50-60% Ukrainer in den Institutionen

1932: klar dass Ziel einer gesamt-Ukrainisierung unmöglich; auch offiziell aufgegeben


Ukrainisation in den Fabriken

Geschah vor allem über Gewerkschaften; Umstellung des großteils des gedruckten auf Ukrainisch; praktisch unmöglich Umstieg auch im Gesprochenen zu erreichen


Höhere Bildung

Versuch der Aufwertung da Ukrainisch eher als Bauernsprache abgestempelt war

Vielleicht am erfolgreichsten von Ukrainisierungskampagnen: Studenten konnten leichter gezwungen werden Ukrainisch zu verwenden als Arbeiter und Beamte


„All-Union“ Institutionen und Regierungsbürokratie

bis 1925 relativ weit fortgeschritten; danach Stagnierung und Rückgang der Ukrainisation

1925: Streit mit Zentrum, im Bezug auf Kommunikation mit Zentrum; Weigerung Berichte auf Russisch abzugeben

Nach der Ablösung Kaganovichs hörte Kommission des Politbüros zur Überwachung der Ukrainisierung faktisch auf zu arbeiten


Kapitel 6: Die Politik des Nationalen Kommunismus 1923 bis 1930


Bis 1932 Durchsetzung der Meinung, dass korenizatsiia zumindest teilweise sozialistischen Prinzipien entgegengesetzt ist

Dass die Nationalitätenpolitik auch von Feinden ausgenutzt werden kann


Die sozialistische Offensive und die kulturelle Revolution

Sozialistische Offensive: hier bezeichnet als gesamte Offensive: Kollektivierung, Dekulakisierung, Industrialisierung, Zentralisierung

Kulturelle Revolution: Entfernung von Bourgeoise Elementen und die Umsetzung neuer utopischer Projekte und Experimente zur Schaffung eines „sozialistischen Lebensstils“


Militante und utopische Stimmung

Soz. Offensive ist als Revolution von oben zu sehen (vergleichbar mit Türkei, Japan, Deutschland)

Merkmale aller dieser Länder: immer Länder die sich Rückständig fühlen, immer umfassende Umwälzung in sozialem System; immer von außen bedroht gefühlt

In allen diesen Revolutionen von oben, hat Nationalismus wichtige Rolle gespielt

Von Stalin eigentlich anders intendiert, sollte durch Klassenkampf ersetzt werden; in Wahrheit hat auch in der SU die Revolution von oben den (russischen) Nationalismus gefördert


Die Attacke auf die Nationalitäten durch das Volk (The popular attack on nationalities)

Während der NÖP:

Gefahr der Linksabweichung: russ. Nationalismus (=Great-russian Chauvinism)

Gefahr der Rechtsabweichung; lokaler (v.a. ukrainischer) Chauvinismus

Vom Zentrum wurde diese weit verbreitete Ansicht mehrmals revidiert; beides sei gleich zu bewerten; beides könne sich als Rechts- oder Linksabweichung tarnen

Die Meinung hat sich trotzdem hartnäckig gehalten

Ab 1929 Meinungen, dass Nationalitätenpolitik dem endgültigen Ziel des Internationalismus schadet häuft sich

Während der Kollektivierung ohne Genehmigung vermehrt Vorgehen gegen nationale Dorf-Sowjets

Bisher kein Statement Stalins zum Zusammenhang der sozialistischen Offensive und der Nationalitätenfrage; Stalin arbeitet Rede aus (1929) in der er klarstellt dass an der bisherigen Politik festzuhalten sei


Die Schauprozesse während der kulturellen Revolution in der Ukraine

Schauprozesse waren übliches Mittel zur Zeit der kulturellen Revolution; richteten sich vor allem gegen die nicht-russiche Inteligentsiia

In der Ukraine erregten sie am meisten Aufsehen da sie als einzige in der Presse der ganzen Union behandelt wurde

Funktion der Schauprozesse:

1) positive Mobilisierung: logischerweise meist der anti-korenizatsiia Kräfte

2) Sündenbockfunktion

3) „negative“ einschüchternde Funktion

4) aufzeigen von Prioritäten: „meinen es Toternst mit der Industrialisierung“

In der Ukraine deutliches Vorgehen gegen Ukrainische Nationalisten (diese wurden zum Teil herangezogen um bei der Durchführung der Nationalitätenpolitik zu helfen)

Ambivalenz: man benutzte sie um Anti-Sowjetische Einstellungen zu mindern; dabei waren sie selbst oft negativ gegenüber der SU eingestellt


Der SVU-Prozess

fand im Frühjahr 1930 statt; ca. 40 prominente Hauptangeklagte, jedoch über 1000 Verhaftungen; bis November erfand man genaue Geschichte wie die (nie existiert habende) SVU entstand und wie sie die Abspaltung der Ukraine plante

Diese Konstruktion entsprach der psychologischen Wahrheit der Partei, die tatsächlich Angst vor Abspaltung hatte; „wäre die Partei nicht eingeschritten wäre es später tatsächlich passiert“


Terror als Signalsystem

In der Ukraine wurden im Unterschied zu anderen Republiken keine kommunistischen Nationalisten verhaftet

Welche Auswirkungen hatten die Schauprozesse für die Nationalitätenpolitik?

Von anti-korenizatsiia Kräften als positives Zeischen gewertet

Es zeichnete sich bereits das Ende der korenizatsiia ab


Folgerung Kap.6

Ambivalente Situation der korenizatsiia Ende 1930

Stalin kritisierte, dass sich Nationalitäten zu sehr zurückziehen würden, zu viel Distanz zueinander.

Eine Folge war die Schaffung der „Brotherhood of Peoples“ die dem entgegenwirken sollte; es wurde auch der russische Nationalismus rehabilitiert

Relativ plötzlich war wieder starker russischer Nationalismus im Diskurs völlig akzeptiert

1) Durch die Zentralisierung des Staates wurde die Sowjetunion zunehmend mit den Russen identifiziert

2) Außenpolitik: nicht-Russen oft grenzüberschreitende Bindungen

3) Stärkerer Widerstand gegen die Kollektivierung in diesen Gebieten

4) Stalin ist besorgt um Unmut der russischen Bevölkerung in den nicht-russ. Republiken


1931 bereits Reden Stalins in denen er die russische Geschichte wieder preist; russ. Tradition, Geschichte und Kultur wird als einigende Kraft der SU gesehen

Die sozialistische Offensive hätte das AAE zwar eigentlich stärken sollen unterminierte es aber in Wahrheit vielfach

schleichende Wandlung vom sowjetischen Proletariat zum russischen Proletariat zu den russischen Bürgern


Leseprobe


Rezensionen


Weiterführende Aufsätze


Endnoten

  1. Martin Terry: The Affirmative Action Empire. New York: Cornell University Press, 2001, S.41
  2. Ebenda. S177ff
  3. Ebenda.
  4. Ebenda, S. 238ff
  5. Ebenda, S.245ff
  6. Ebenda, S.272
  7. Ebenda, S.341