Review:History of Habsburg Jews 1670-1918 - William O McCagg Jr - 1992 - Rezension

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"If I had listened to the critics I'd have died drunk in the gutter."
-Anton Pawlowitsch Tschechow / Антон Павлович Чехов,
(1860-1904) russischer Schriftsteller, Novellist und Dramatiker.
Informationen zur Rezension
Titel: A History of Habsburg Jews 1670-1918
Künstler / Autor: McCagg Jr William O
Herausgeber: Bloomington and Indianapolis
Erscheinungsjahr: 1992
Erscheinungsort: Indianapolis
Sprache: English
Werktyp: Monographie
Genre: Monographie
Themen: Geschichte
ISBN: 0253206499 (Buchlink DE)
ISSN: (Buchlink DE)
ISBN-13: 978-0253206497 (Buchlink US)
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Interaktion und Metadaten

Zitierweise: Rezension von "A History of Habsburg Jews 1670-1918" (1992). in: eLib, Hg. v. eLibrary Projekt, in: literature.at/elib ( 26. September 2017 ). URL: http://www.literature.at/elib/index.php5?title= Lexikon:History_of_Habsburg_Jews_1670-1918_-_William_O_McCagg_Jr_-_1992_-_Rezension

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Titel


A History of Habsburg Jews 1670-1918

Rezension von Matthias Kaltenbrunner
Zurück zum Themenkreis Historiographische Texte zur Geschichte Osteuropas.



Ziel dieser kurzen Zusammenfassung ist es, einerseits überblicksartig den Inhalt des Buches wiederzugeben und andererseits die zentralen Grundprobleme bzw. die Argumentationsstruktur des Autors zu diskutieren.


Autor

William O. McCagg Jr. (1931-1993)[1], Professor für Central and Eastern European History an der Michigan State University, hatte sich bereits intensiv mit nobilitierten Juden in Ungarn beschäftigt[2], bevor er 1989 diese Gesamtdarstellung der Juden in der Habsburgermonarchie veröffentlichte.


Inhalt

Die Herausforderung, ein derart weites Feld wie die Geschichte der Juden in der Habsburgermonarchie zu strukturieren, löst William O. McCagg Jr. durch eine Gliederung in vier Kapitel, die chronologisch verschiedene Phasen dieser Geschichte behandeln: Die erste Phase reicht von der Vertreibung der Wiener Juden durch Leopold I. 1670 bis zu den napoleonischen Kriegen. Im zweiten Kapitel analysiert der Autor die Entstehung eines jüdischen Bürgertums und die Folgen der Revolution von 1848, bevor er die darauf folgende Phase bis 1875 behandelt, die im Spannungsfeld von zunehmender Modernisierung und dem Beginn eines vermehrt rassisch motivierten Antisemitismus stand. Die vierte und letzte Phase reicht schließlich von den 1870er Jahren bis zum Zerfall der Habsburgermonarchie 1918.

Part I: Choosing a Road, 1670-1800

Ziel des Autors ist es, einen Entwicklungsprozess der jüdischen Bevölkerung hin zur „Modernisierung“ aufzuzeigen – anders ausgedrückt, eine Geschichte der langsam anlaufenden, aber sich stetig fortsetzenden Emanzipation zu schreiben. McCagg setzt je nach Zeitabschnitt unterschiedliche räumliche Schwerpunkte – im ersten Teil konzentriert er sich auf Böhmen, da nach der Vertreibung der Juden aus Wien durch Leopold I. 1670 dort die Mehrheit der habsburgischen Juden ansässig war. Zunehmende Urbanisierung (Zentrum Prag) trug dazu bei, Ideen der Aufklärung zu rezipieren, obgleich zwischen den jüdischen Gemeinden oft ein Kampf zwischen Orthodoxen und „Modernisierern“ stattfand. Anhand von einzelnen Personen beschreibt McCagg die spezielle wirtschaftliche Position, die einige Juden als „Hoffaktoren“, d. h. als Kreditgeber und Kriegslieferanten einnahmen – diese waren die ersten, die durch ihre überregionalen Kontakte und ihre Mobilität die engen Restriktionen wenigstens teilweise überwinden konnten. Diese Entwicklung markiert den Beginn dessen, was der Autor (notabene mit Anführungszeichen) als „self denial“ bezeichnet – nämlich eine schrittweise Integration in die christliche Mehrheitsgesellschaft. Die josephinischen Reformen, wodurch auch immer motiviert, lockerten erstmal die strikten Einschränkungen der Juden und forcierten die Wahrnehmung des Judentums bloß als Religionsgemeinschaft und nicht als Nation.

Der Autor beschreibt den Lebensweg einiger herausragender Personen – etwa den Joseph von Sonnenfels’ oder Jakob Franks (eine Art Sektenführer) -, um die Möglichkeiten und Spielräume für Juden im späten 18. Jahrhundert aufzuzeigen. Die von letzterem verbreitete „frankistische“ Lehre wirkte säkularisierend für viele Juden und trug neben der Annahme der deutschen Sprache als Modernitätsmerkmal dadurch zur Formation eines jüdischen Bürgertums bei.


Part II: The Great Bourgeois Experiment, 1800-1850

Im zweiten Teil der Monographie beschäftigt sich McCagg mit der Zeit von den napoleonischen Kriegen bis zur Revolution 1848, also mit der Rolle der Juden in der Periode des „Vormärz“.

Zunächst nimmt der Autor die Situation im franziszeischen Wien unter die Lupe, wo die Bedingungen für die Entwicklung eines jüdischen Bürgertums ironischerweise gerade wegen der strikten Zuzugsbeschränkungen relativ günstig waren: Nur wohlhabenden Juden war es erlaubt, sich aufgrund spezieller „Judenordnungen“ in Wien niederzulassen. Ein im Zuge der napoleonischen Kriege staatlicherseits forcierter inklusiver Patriotismus (ein exklusiver wäre in einem polyethnischen Staat wie dem Habsburgerreich kaum möglich gewesen!) war für zahlreiche Juden eine integrierende Erfahrung. Das ökonomische Prestige, das die Wiener Juden zu dieser Zeit genossen (Großhändler, Bankiers), drückte sich auch in ersten Nobilitierungen von Juden aus (zu Beginn nur konvertierten). Diese noch relativ kleine bürgerliche Gruppe partizipierte wesentlich am kulturellen Leben der Biedermeierzeit (etwa die „Salondame“ Fanny Arnstein).

In der gewöhnlich als „reaktionär“ wahrgenommenen Periode des Vormärz waren es häufig auch Juden, die in der Industrialisierung eine Vorreiterrolle spielten, wie McCagg an Hand Böhmens aufzeigt. Die mentalen Voraussetzungen für Modernisierung wurden unter anderem durch die Etablierung eines modernen deutschsprachigen Schulsystems (beispielsweise in Prag) geschaffen. In der Textilproduktion (Manufakturen), in der Weiterverarbeitung (Textildruck) und im Handel waren Juden stark vertreten – was allerdings nicht nur positive Folgen zeitigte, sondern zu antijüdischen Haltungen der Arbeiter beitrug.

Das „Epochenjahr“ 1848 markiert eine positive Zäsur in der Geschichte der habsburgischen Juden, weshalb McCagg auch von einer „judeophilen Revolution“ spricht – denn neben der Bauernbefreiung war die Emanzipation der Juden ein sichtbarer bleibender Effekt.

Mit Verwunderung nimmt der Autor zur Kenntnis, dass es im März 1848 in Wien zu keinen pogromartigen Ausschreitungen kam, da es durchaus Interessensgegensätze zwischen zünftigen Kleinhandwerkern und jüdischen Industriellen gegeben hatte. Zudem waren Juden an den Börsen stark vertreten. Das Fehlen antijüdischer Gewalt in Wien im Gegensatz zu anderen europäischen Städten erklärt sich McCagg einerseits durch eine liberale, „mittelständische“ Grundstimmung und andererseits durch die Präsenz von Juden, die an prominenter Stelle an der (deutsch-)liberalen Revolution teilnahmen. Diese „neutrale“ Haltung der Mehrheitsgesellschaft bewirkte nicht nur ein Gefühl der Sicherheit bei den zentraleuropäischen Juden. Durch den Wegfall der diskriminierenden Gesetze (nicht überall gleichzeitig freilich) kam es, wie der Autor detailliert ausführt, nicht einfach zu einer Absorption der Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft – vielmehr war es gerade den Wiener Juden möglich, einerseits ihre jüdische Identität zu bewahren, und andererseits als moderne und ökonomisch erfolgreiche Gruppe zum Leitbild für die übrigen Juden der Habsburgermonarchie zu werden.


Part III: Facing the Challenge, 1850-1875

Während sich McCagg in den ersten beiden Teilen seines Werkes bewusst auf eine schmale Elite in Wien und den böhmischen Ländern konzentriert, analysiert er nun – vor allem auf einer komparativen Ebene – die Situation in Galizien und im Königreich Ungarn, wo ein Großteil der jüdischen Bevölkerung ansässig war.

Galizien, die „Vagina Judeorum“, wird als Gebiet präsentiert, das von der Entwicklung hin zur Modernisierung weitgehend ausgenommen war. Als Hauptgrund dafür identifiziert der Autor die gescheiterte Etablierung eines modernen Schulsystems, was zu einem Verbleiben in orthodoxer Isolation führte. Der Chassidismus, der am Beginn des 19. Jahrhunderts in dieser Region an Einfluss gewann, war prononciert antimodern, sodass sich die Haskalah, die jüdische Aufklärung, kaum durchsetzen konnte – die Mehrheit der Juden blieb freilich dem traditionell-orthodoxen rabbinischen Judentum verhaftet. Im Gegensatz zu Böhmen und Wien gab es in Galizien kaum ein deutschsprachiges Bürgertum, an das sich die Juden hätten „anlehnen“ können. Auch eine Koalition mit dem polnischen Kleinadel hatte Grenzen – die Gefahr war groß, zwischen der Loyalität zum Haus Habsburg und dem polnischen Nationalismus zerrieben zu werden.

Diese Stagnation kontrastiert McCagg mit Ungarn, wo der Wegfall der alten Feudalstrukturen für die jüdische Bevölkerung bessere Chancen als in Galizien eröffnete. Die spezielle Position der Juden als ethno-religiöse Gruppe manifestiert sich für den Autor darin, dass im Zeitalter der Nationalismen die Juden kaum einen eigenen Nationsbegriff entwickelten, sondern danach trachteten, sich als religiöse Gemeinschaft in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. Genau das ist in Ungarn zu beobachten - schwächere institutionelle Strukturen jüdischer Autonomie als in Galizien erleichterten diese Entwicklung. In sprachlicher Hinsicht bedeutete Modernisierung zunächst fast automatisch eine Hinwendung zum Deutschen, bis es dann in den 1860er Jahren zu einer massiven Magyarisierungswelle in den jüdischen Schulen kam. Ein weiterer wichtiger Aspekt war die enge, quasi symbiotische Verbindung vieler Juden mit der gentry, die nirgends in Europa so zahlreich wie in Ungarn war und einen wesentlichen Faktor in der ökonomischen Modernisierung des Landes darstellte.

Ähnlich positiv bewertet McCagg die Situation in Wien – er ortet im Wien der Gründerzeit eine Art „Hochblüte“ der jüdischen Gemeinde, welche die Position einer „voice society“ eingenommen habe, wie er schreibt. Zum ökonomischen Erfolg der Wiener Juden (die Zuwanderung armer jüdischer Bevölkerung aus Galizien war noch relativ klein) kam die Tatsache, dass sich die Kultusgemeinde erstmals auf legaler Basis entfalten konnte. Der Börsencrash von 1873 stellte eine wesentliche Zäsur in dieser Entwicklung dar und veränderte das Verhältnis von jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung irreversibel. Die starke Präsenz von jüdischen Maklern trug wesentlich zu einer antisemitischen Grundhaltung bei; gleichzeitig zerfiel die Einheit der jüdischen Kultusgemeinde immer mehr.


Part IV: The Catastrophes, 1875-1918

Die letzte Untersuchungsperiode seiner Studie (1875 bis 1918) betitelt der Autor mit „The Catastrophes“, wobei damit einerseits allgemein die krisengeschüttelte Situation in der zerfallenden Monarchie gemeint ist, und andererseits speziell die Lage der Juden, die mit einem virulenter werdenden Antisemitismus konfrontiert wurden.

Als Grundproblem identifiziert McCagg die „Zwickmühle“ der Juden, die sich im Spannungsfeld von sich zentrifugalen nationalistischen Kräften und der immer schwächer werdenden habsburgischen Zentralgewalt positionieren mussten. Abhängig von ihrer Umgebung fand die jüdische Bevölkerung unterschiedliche modi vivendi: der Autor zeigt dies an den Beispielen Triests, der Bukowina und Böhmens.

Der geographisch relativ isolierten aschkenasische Gemeinde von Triest gelang die schwierige Gratwanderung zwischen italienischem Irredentismus und der Loyalität zur Krone, wobei sie sich sprachlich Mitte des 19. Jahrhunderts italienisierte. In der Bukowina lagen die Dinge anders: Eine indigene rumänische Aristokratie spielte eine untergeordnete Rolle, weshalb sich die jüdische Bevölkerung am ehesten der schmalen deutschen Mittelklasse „anpasste.“ Am Beispiel Böhmens schließlich wird einmal mehr klar, dass die Juden in der Monarchie nicht nur in ihrer Gesamtheit eine äußerst heterogene Gruppe darstellten, sondern dass man auch in den einzelnen Regionen genau differenzieren muss: In Prag etwa, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung zugunsten Wiens verloren hatte, hielt der bürgerliche, länger etablierte Teil der jüdischen Bevölkerung an der deutschen Sprache und Kultur fest, während die Zuwanderer vom Land tschechisch sprachen.

Gegen Ende seines Werkes betrachtet McCagg die Situation der in den letzten Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg und arbeitet die spezifischen Problemstellungen in Galizien, Ungarn und Wien heraus.

In Galizien, dem „Piemont des Ostens“, artikulierte sich sowohl die ukrainische als auch die polnische Nationalbewegung besonders stark, wodurch die Juden einmal mehr zwischen den Stühlen saßen. Allerdings revidiert der Autor die gängige Vorstellung von der Rückständigkeit in Galizien dahingehend, dass die jüdische Bevölkerung nicht passiv blieb, sondern Lösungen suchte, ihre Lage zu verbessern. Viele zogen in die Städte oder emigrierten in die Vereinigten Staaten. Auch im politischen Bereich reagierte die jüdische Bevölkerung: Die Gründung von sozialistischen und zionistischen Gruppen in Galizien ist auch als Antwort auf die verschiedenen Nationalismen der Umgebung zu verstehen.

Im Gegensatz zu Galizien konnten sich die Juden in Ungarn an einer Mehrheitsgesellschaft orientieren – eben der magyarischen -, wodurch ein starker Magyarisierungsprozess einsetzte, der nicht nur die moderne Richtung im ungarischen Judentum, die Neologen, erfasste, sondern auch große Teile der Orthodoxie. Gerade in Ungarn kann man eine Gratwanderung vieler Juden zwischen der grundsätzlichen Loyalität zum Kaiser einerseits und einer Solidarität mit dem ungarischen Nationalismus andererseits beobachten.

In Wien war die jüdische Bevölkerung in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg durch krasse Gegensätze geprägt: Auf der einen Seite florierte das kulturelle Leben, auf der anderen Seite waren die Juden mit einem immer rigoroser werdenden Antisemitismus konfrontiert (man denke nur an Schönerer oder Lueger). Gleichzeitig erkennt der Autor einen Heterogenisierungsprozess, d. h. die Jüdische Kultusgemeinde in Wien verlor an Prestige und konnte keine Führungsrolle für die Juden der Habsburgermonarchie mehr beanspruchen. Als wesentlichen Grund dafür identifiziert McCagg unter anderem die zunehmende Assimilation der Wiener Juden, von denen sich viele von der Kultusgemeinde distanzierten.

Die Geschichte der „Habsburg Jews“ endet per definitionem im Jahr 1918 – im letzten Teil seines Werkes analysiert der Autor die Folgen des Ersten Weltkriegs auf die jüdische Bevölkerung, wobei er den regionalen und sozialen Unterschieden Rechnung trägt.

Durch das Ende der Habsburgermonarchie wurden die „Habsburg Jews“ – vorher schon alles andere als homogen – mehr oder weniger integrierte Minderheiten in den neu gebildeten Nationalstaaten. Um diesen „Kollaps“ adäquat analysieren zu können, versucht der Autor die Erfahrung der jüdischen Bevölkerung je nach gesellschaftlicher Klasse zu beschreiben, wobei die übliche Unterteilung in vier Stände hier nicht anzuwenden ist. Die Majorität der Juden stellten auch nach dem Ersten Weltkrieg immer noch die Orthodoxen dar, die nicht nur in Galizien, sondern auch in Wien demographisch von Bedeutung waren. Die verheerenden Auswirkungen des Ersten Weltkriegs trafen diese Gruppe, die zuvor relativ wenig am politischen Leben partizipiert hatte, mit besonderer Härte. In Galizien, das zum Kampfgebiet wurde, entlud sich der Judenhass in grausamen Pogromen. Viele dieser Juden wurden entweder evakuiert oder konnten nach Westen flüchten.

Als vielleicht wichtigste Reaktion der Juden auf die Erfahrung des Ersten Weltkriegs betrachtet McCagg den steigenden Grad an politischer Organisation: Eine Manifestation war etwa die Ideologie des „peasantism“, die für eine Hinwendung zu Landwirtschaft und Handwerk plädierte und eng mit zionistischen Vorstellungen verknüpft war. Die starke Präsenz von Männern und Frauen jüdischer Herkunft in revolutionären Organisationen, kann man, so der Autor, nicht als genuin „jüdische“ Antwort auf den Ersten Weltkrieg beurteilen, da diese nicht explizit als Juden auftraten.

McCagg kann für die assimilierte Mittel- und Oberschicht keine einheitliche „Reaktion“ auf das Kriegsende ausmachen – gewiss fiel es diesen Menschen leichter als den Orthodoxen, sich in die Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie zu integrieren. Gleichzeitig aber erkennt der Autor – als Reaktion auf den Antisemitismus - auch ein gesteigertes jüdisches Nationalbewusstsein.


Diskussion der behandelten Grundprobleme

Schwerpunktsetzungen

Das Ziel, einen Modernisierungsprozess zu beschreiben, impliziert – wie der Autor zu Beginn klar macht –, dass McCagg sich auf eine relativ schmale bürgerliche Elite konzentriert, da man vor allem an dieser die zu analysierenden Veränderungen ablesen könne. Dabei verwebt er die Struktur- und Ereignisgeschichte der Habsburgermonarchie mit biographischen Skizzen von prominenten jüdischen Persönlichkeiten – er zeichnet etwa die Lebenswege von Hoffaktoren, Bankiers oder der „Salondame“ Fanny Arnstein nach. Relativ hohen Stellenwert nehmen auch geistige (bzw. religiös-politische) Strömungen – wie der „Frankismus“– ein, da diese den Motivations- und Erfahrungshorizont der Menschen veränderten und so entweder Isolation oder Partizipation bedingen konnten.

Die Fokussierung auf den „modernen“ Teil der jüdischen Bevölkerung, der aktiv am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der Habsburgermonarchie teilnahm, steckt auch den weiteren Rahmen ab: Erstens beschäftigt sich der Autor fast ausschließlich mit den aschkenasischen Juden, und zweitens setzt er gewisse räumliche Schwerpunkte.

Besonders intensiv setzt sich McCagg mit Böhmen und Wien auseinander: Böhmen mit dem Zentrum Prag hatte im Gegensatz zum Rest der Monarchie eine lange jüdische Siedlungskontinuität; und von Böhmen aus entwickelte sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts eine aufgeklärte jüdische Bürgerschicht. Die jüdische Gemeinde Wiens war am Beginn des 20. Jahrhunderts die größte des deutschsprachigen Raums und hatte durchaus eine Leitbildfunktion für die übrigen Juden der Monarchie. Allerdings kann man dem Autor nicht vorwerfen, Gebiete bewusst auszuklammern: Er bezieht auch die jüdischen Bevölkerungen Ungarns, Galiziens, der Bukowina oder Triests ein und weist auf ihre Spezifika hin – dass er nicht auf jede Region mit gleicher Intensität eingehen kann, ergibt sich aus der breiten Themenstellung.


Die Grundthese: die Geschichte der Juden als Modernisierungsprozess

Aus welcher Perspektive blickt McCagg auf sein Untersuchungsgebiet? Der Autor begreift die Juden eben nicht als eine von ihrer Umgebung isolierte Gruppe, sondern als einen Bevölkerungsteil, der nicht nur an allen wichtigen Entwicklungen partizipierte, sondern ganz wesentliche Initiativen setzte.

Der Leser hat also ein interpretatives Überblickswerk vor sich, dass ganz bewusst eine Geschichte der Integration (wohlgemerkt nicht Assimilation) der Juden in die habsburgische Mehrheitsgesellschaft sein will. Diese „gesamthabsburgische“ Perspektive wird auch deshalb so glaubwürdig, weil der Autor Quellen in deutscher, tschechischer, polnischer, russischer, ungarischer und italienischer Sprache einbaut. Er hat also ein breites Spektrum an Sichtweisen vor sich, wobei er – zu seinem eigenen Bedauern – jiddische und hebräische Quellen nicht berücksichtigen kann.

Die bewusst weite Perspektive ist gewiss ungewöhnlich: Denn sicher hätte man die Geschichte der Juden in der Habsburgermonarchie auch ganz anders aufrollen können; nämlich nicht als eine Geschichte eines Modernisierungsprozesses, sondern als eine Geschichte der Exklusion, der Verfolgung, kurz: der Judenfeindschaft. Der starke Antisemitismus bzw. Antijudaismus, der um 1900 die politische Landschaft prägte, wird tatsächlich nur gestreift und extrem kurz abgehandelt. Natürlich klammert der Autor die vielfältigen Verfolgungen und Diskriminierungen, denen die Juden stets ausgesetzt waren, nicht aus, aber er stellt doch das positive Veränderungspotential, das sich die jüdische Bevölkerung in der Habsburgermonarchie zunutze machen konnte, in den Vordergrund. Wenn man wie McCagg retrospektiv die „Habsburg Jews“ teils im Aggregat, teils nach regionalen und sozialen Kriterien differenziert, betrachtet, so wird klar, dass punktuelle und temporäre Verfolgungen nicht im Vordergrund stehen müssen: Es ist gewiss legitim, sich auf die großen emanzipatorischen Leistungen, die ergriffenen Chancen vieler Juden zu konzentrieren.

Der Autor bettet die Geschichte der Juden in die „allgemeine“ Geschichte der Habsburgermonarchie ein, wodurch es möglich wird, Entwicklungen als Wechselspiel von externen (d. h. allgemein politischen und wirtschaftlichen) und internen (innerjüdischen) Faktoren zu begreifen. Es gelingt dem Autor sehr gut, diese beiden Ebenen zu verknüpfen. Dementsprechend vermeidet McCagg das Wort „Assimilation“ weitgehend: Vielmehr begreift er die schrittweise und nicht immer linear verlaufende Emanzipation der Juden als einen Modernisierungsprozess, der die gesamte Gesellschaft betraf. Diese Erkenntnis ist, so glaube ich, sehr wichtig: Die jüdische Minderheit wurde von der christlichen Mehrheit nicht „absorbiert“, sondern es änderten sich die Handlungsspielräume und Möglichkeiten – sowohl die der Juden als auch die des Rests der Bevölkerung. Dabei ist natürlich klar, dass die Juden durch die Partizipation in verschiedenen Gesellschaftsbereichen viel von dem verloren, was sie von der Mehrheitsbevölkerung unterschied und trennte – es trat eben das ein, was McCagg in Anführungszeichen „self denial“ nennt.

Wesentliche Grundlage für den Modernisierungspfad war ein säkulares Schulsystem (mit Deutsch als Unterrichtssprache), das für die Juden den Weg aus der Isolation bedeuten konnte. Der Autor schildert sehr genau die Auseinandersetzung zwischen der Orthodoxie, die sich gegen die Partizipation am „nichtjüdischen“ Leben sträubte, und den „Maskilim“, den jüdischen Aufklärern. Dabei liefert er – um es zu wiederholen – nicht nur eine Analyse der politischen Ereignisgeschichte vor allem des 19. Jahrhunderts, sondern auch eine dichte Beschreibung von sozioökonomischen Umwälzungen.


Stellungnahmen von Rezensenten

McCaggs Buch wurde von Kollegen ambivalent aufgenommen: Die Bandbreite reicht von emphatischem Lob bis zu herber, fast vernichtender Kritik.

Einig sind sich alle Rezensenten, dass es ein äußerst ambitioniertes, ja fast unmögliches Unternehmen ist, eine Gesamtdarstellung der Juden in der Habsburgermonarchie zu schreiben. Gabor Vermes von der Rutgers University, Newark nennt diese Aufgabe eine „challenge of untying knots within knots.“[3] Genauso wie Vermes hebt auch Peter F. Sugar von der University of Washington[4] lobend hervor, dass es dem Autor gelungen sei, in seinem Werk der Heterogenität der „habsburgischen“ Juden Rechnung zu tragen, indem er die geographischen Schwerpunktsetzungen variiert und biographische Skizzen von jüdischen Persönlichkeiten einbaut. Eine dritte fast ausschließlich positive Kritik stammt von Peter Pulzer[5], der sich selbst intensiv mit Antisemitismus im Deutschen Reich und in der Habsburgermonarchie beschäftigt hat[6]. Der Rezensent stimmt den Grundthesen des Buches zu (Modernisierungsprozess und damit verbundene „Selbstverleugnung“), stellt aber in Frage, ob man tatsächlich von einem „panhabsburgischen Judentum“ sprechen kann – er vermutet, dass man die Kohärenz unterschiedlichster jüdischer Gruppen erst retrospektiv, nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie, ausmachen könne.

Nicht alle Rezensenten begrüßten McCaggs Werk: Marsha L. Rozenblit von der University of Maryland College Park, Md.[7] und Wilma A. Iggers von der Canisius University, Buffalo, NY[8], beide selbst Spezialistinnen für die Juden in der Habsburgermonarchie, kritisieren das Buch heftig.

Rozenblit beginnt moderat, bevor sie McCaggs Argument der „Selbstverleugnung“, die mit dem Modernisierungsprozess einhergegangen sei, dekonstruiert. Die Vorstellung, die Juden hätten sich nur an einem nicht ethnisch definierten habsburgischen Nationalismus oder an den stärker werdenden Nationalismen der jeweiligen Umgebung angelehnt, sei zumindest partiell falsch, so die Rezensentin – vielmehr hätten sehr viele eine eigene jüdisch-nationale Identität beansprucht oder entwickelt. Schuld an der Unterbewertung des jüdischen Nationalbewusstseins, so Rozenblit, seien die fehlenden Sprachkenntnisse des Autors im Jiddischen und Hebräischen – McCagg habe also die innerjüdische Perspektive vernachlässigt. Dementsprechend habe der Autor auch die Rolle von getauften Juden als Vorbilder für andere „modernisierende“ Juden als viel zu wichtig eingestuft – die Taufe sei mit Modernisierung im Allgemeinen nicht zu verknüpfen. Diese Kritik trifft m. E. teilweise zu – allerdings ergibt sich aus der explizit formulierten Fragestellung des Autors, dass er sich auf eine bürgerliche Eliteschicht konzentriert, die wohl in geringeren Maße zu jüdischem Nationalismus neigte als ärmere Bevölkerungsteile.

Im Gegensatz zur differenzierten und ausgewogenen Kritik Rozenblits holt Wilma A. Iggers zu einem Rundumschlag aus: Ihre Rezension, ein regelrechter Verriss, ist deshalb länger als die anderen, weil sie eine lange Liste von Fehlern und Fehlinterpretationen des Autors zusammengestellt hat. Gleich zu Beginn konstatiert die Rezensentin, dass sie das Ziel McCaggs, eine Gesamtdarstellung der Juden in der Habsburgermonarchie zu liefern, für unmöglich und sinnlos halte, da niemand in der Lage sei, das nötige Detailwissen zu besitzen. Abgesehen davon, dass ihr sozial- und geschlechtergeschichtliche Aspekte fehlen, ist sie mit einer Fülle von Statements und Formulierungen nicht einverstanden. Vieler dieser Kritikpunkte sind gewiss berechtigt, teilweise sind es wohl auch terminologische Geschmackunterschiede, die hier zum Tragen kommen. Die offensichtlichen Fehler McCaggs, die Iggers pedantisch aufführt, stellen aber, wie ich meine, die Grundthesen des Werkes nicht in Frage und diskreditieren den Autor auch nicht als Wissenschaftler. Natürlich fällt es einem deutschen native speaker wie Iggers auch leicht, kleine Übersetzungsfehler von deutschen Begriffen zu erkennen. Außer der Bibliographie kann die Rezensentin dem Buch nichts Positives abgewinnen.

Die große Unterschiedlichkeit der Urteile, die in den verschiedenen Rezensionen anzutreffen sind, spiegelt sicher auch die Komplexität der Themenstellung wider. Fast alle Kritiker zollen dem Versuch, so viele Quellen in sieben Sprachen in ein Werk einzubauen, großen Respekt. Ich selbst habe das Buch mit großem Interesse gelesen: Es bietet, wie ich glaube, nicht nur einen guten Überblick über die Juden der Habsburgermonarchie, sondern auch Anreize, sich intensiver mit einzelnen Aspekten zu beschäftigen.


Reviews und Buchbesprechungen

  • A History of Habsburg Jews 1670-1918. by William O. McCagg, Jr. - Gabor Vermes -Slavic Review, Vol. 50, No. 3. (Autumn, 1991), pp. 711-712. Via JSTOR (Uni Login).
  • Review: Wilma A. Iggers - A History of Habsburg Jews, 1670-1988 by William O. McCagg, Jr. - The Jewish Quarterly Review, New Series, Vol. 84, No. 2/3, (Oct., 1993 - Jan., 1994), pp. 324-328, University of Pennsylvania Press. Via JSTOR (Uni Login).
  • Peter Pulzer - A History of Habsburg Jews, 1670-1918 by William O. McCagg, Jr. - The Journal of Modern History, Vol. 64, No. 1, (Mar., 1992), pp. 172-173, The University of Chicago Press. Via JSTOR (Uni Login).
  • Marsha L. Rozenblit - A History of Habsburg Jews, 1670-1918 by William O. McCagg, Jr., AJS Review, Vol. 17, No. 2, (Autumn, 1992), pp. 327-330, Cambridge University Press on behalf of the Association for Jewish Studies. Via JSTOR (Uni Login).



  1. Obituary: William O. McCagg, 62, East European Expert, in: The New York Times, 11. 6. 1993 (http://query.nytimes.com/gst/fullpage.html?res=9F0CEFDC1430F932A25755C0A965958260&scp=1&sq=william%20o.%20mccagg&st=nyt, 5. 6. 2008)
  2. William O. McCagg Jr., Jewish Nobles and Geniuses in Modern Hungary (East European Monographs). New York 1972.
  3. Gabor Vermes, Review [Untitled], in: Slavic Review, Vol. 50, No. 3 (Herbst 1991), 711-712 (http://www.jstor.org, 2. 4. 2008).
  4. Peter F. Sugar, Review [Untitled], in: The American Historical Review, Vol. 96, No. 2 (April 1991), 553 (http://www.jstor.org, 29. 5. 2008).
  5. Peter Pulzer, Review [Untitled], in: The Journal of Modern History, Vol. 64, No. 1 (März 1992), 172-173 (http://www.jstor.org, 28. 5. 2008).
  6. Peter Pulzer, The Rise of Political Anti-Semitism in Germany and Austria. Revised Edition. Harvard 1988.
  7. Marsha L. Rozenblit, Review [Untitled], in: AJS Review, Vol. 17, No, 2 (Herbst 1992), 327-330 (http://www.jstor.org, 28. 5. 2008).
  8. Wilma A. Iggers, Review: McCagg, „History of Habsburg Jews“, in: The Jewish Quarterly Review, New Series, Vol. 84, No. 2/3 (Oktober 1993-Jänner 1994), 324-328 (http://www.jstor.org, 28. 5. 2008).

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