Review:Uses of Adversity - Essays on the Fate of Central Europe - T G Ash - 1990

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"If I had listened to the critics I'd have died drunk in the gutter."
-Anton Pawlowitsch Tschechow / Антон Павлович Чехов,
(1860-1904) russischer Schriftsteller, Novellist und Dramatiker.
Informationen zur Rezension
Titel: Ein Jahrhundert wird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas 1980-1990
Künstler / Autor: Ash Timothy Garton
Herausgeber: Carl Hanser Verlag
Erscheinungsjahr: 1990
Erscheinungsort: München
Sprache: Deutsch
Werktyp: Monographie
Genre: Monographie
Themen: Geschichte
ISBN: 342330328X (Buchlink DE)
ISSN: (Buchlink DE)
ISBN-13: 978-3423303286 (Buchlink US)
Übersetzer:
Originaltitel: The Uses of Adversity. Essays on the Fate of Central Europe.
Originalsubtitel:
Originalherkunft: Random House, New York 1989
Quelle:
Kurzbeschreibung:
Sonstiges:
eLib Text v1.00
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Inhaltsverzeichnis


Interaktion und Metadaten

Zitierweise: Rezension von "Ein Jahrhundert wird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas 1980-1990" (1990). in: eLib, Hg. v. eLibrary Projekt, in: literature.at/elib ( 26. November 2014 ). URL: http://www.literature.at/elib/index.php5?title= Lexikon:Uses_of_Adversity_-_Essays_on_the_Fate_of_Central_Europe_-_T_G_Ash_-_1990_-_Rezession

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Titel


Ein Jahrhundert wird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas 1980-1990

Rezension von Andrea Romstorfer
Zurück zum Themenkreis Historiographische Texte zur Geschichte Osteuropas.



Der Autor

Timothy Garton Ash[1]

Geb. Am 12. Juli 1955 in London
Beruf: Historiker und Schriftsteller
Wissenschaftlicher Verortung
Neueste Geschichte, Zeitgeschichte, Europa
Schwerpunkt
Emanzipation Zentraleuropas vom Kommunismus
Studium
Modern History an der Oxford University
Unterricht
St. Anthony Collage in Oxford
Stanford University
Publikationen in
New York Review of Books
The Guardian
The Independent
The Spectator
The New Republic
Granta
The Times
The Washington Post
The Wallstreet Journal


Das Buch „Ein Jahrhundert wird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas 1980-1990“ wurde mit dem Prix Europeen de l´Essai der Charles-Veillon-Stiftung ausgezeichnet.


II. Exzerpt: Ein Jahrhundert wird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas 1980-1990

Textgattung: Monographie, narrative Erzählform

Der Verlag bezeichnet das Werk als Chronik. Der Autor bezeichnet es als Sammlung von Berichten, (Gesprächs-)Protokollen, Analysen, Essays und Skizzen. Der erste Teil beinhaltet Texte, die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht wurden wie dem New York Review of Books, The Spectator, Granta, The New Republic, oder Times Literary Supplement. Der zweite Teil ist eine Reflexion über die Situation als Augenzeuge.


Perspektive: Der Autor beschreibt die politischen Ereignisse aus der Perspektive des Beobachters von Innen[2]. Seine Intention ist es eine Geschichte von Menschen, Kulturen, Nationen und Ideen zu schreiben, nicht aber eine Geschichte von Armeen, Kriegen und Politik. Er betont dabei deutlich, dass es sich um eine Skizzierung seiner subjektive Wahrnehmungen und Interpretationen handelt. Auch wenn in diesem Buch wissenschaftliche Essays eingebaut sind, die in Fachzeitschriften publiziert wurden, greift er zu einem bedeutenden Teil auf seine persönlichen Notizen zurück, die er während seines zehnjährigen Aufenthaltes in West- und Ostberlin, Polen, Tschechoslowakei und Ungarn festgehalten hat. Er berichtet als Augenzeuge von den Wahlen am 4. Juni 1989 in Polen, von der nachträglichen Begräbnisfeier für Imre Nagy am 16. Juni in Budapest, vom Fall der Mauer in Berlin im November 1989 und er dokumentierte den Generalstreik der Studenten und den Einsatz des Bürgerforums in der Laterna Magica in Prag auf dem Weg zu den ersten freien Wahlen im Juni 1990. Er unterstreicht außerdem, dass er seine Notizen und Skizzen für dieses Buch überarbeitet hat, jedoch nicht durch rückblickendes Wissen verändert oder ergänzt hat.[3]


Aufbau und Gliederung

Vorwort

Erster Teil: Früchte der Widerwärtigkeit

  • Skizzen aus einem anderen Deutschland (Skizzen, 1981-1988)
  • Der Papst in Polen: Tschenstochau (1983), Krakau (1983)
  • Die Tschechoslowakei unter Eis (anonym veröffentlichter Bericht, 1984)
  • Die deutsche Frage (Bericht, 1985)
  • Die Früchte der Widerwärtigkeit (Essay, 1985)
  • Das Leben der Toten (vergleichende Filmanalyse, 1958)
  • Eine Lektion über Ungarn (Essays, 1985)
  • Ein paar Ideen – nichts Neues! (Rede für das geheime Symposium in Monor, 1985)
  • Ost-Westlicher Diwan (Essay, zum Jahreswechsel 1986/86)
  • Mitteleuropa – aber wo liegt es? (Essay, 1986)
  • Vor-Frühling (Skizzen, 1988)
  • Die Prager Warnung (Bericht zum Prager Symposium im November 1988)
  • Reform oder Revolution? (Essay, 1988)
  • Notizbuch (Kommentare zum Jahresbeginn 1989)

Zweiter Teil: Wir das Volk (Berichte und Protokolle aus dem Jahr 1989)

  • Augenzeuge und Geschichte
  • Warschau: Die erste Wahl
  • Budapest: Das letzte Begräbnis
  • Berlin: Die Mauer fällt
  • Die Revolution der Laterna Magica
  • Das Jahr der Wahrheit. Bürgerfrühling

II. 1) Früchte der Widerwärtigkeit

Skizzen aus einem anderen Deutschland

Dies ist eine Schilderung der persönlichen Erfahrungen des Autors während seines Aufenthalts in Ostberlin zum Zwecke seiner Doktoratsarbeit an der Humboldt Universität. Sein ursprüngliches Ziel war es eine Arbeit über die Geschichte Berlins unter Hitler zu schreiben, statt dessen wurde es eine Dissertation übe die DDR unter Honecker. Daraufhin wurde seine Arbeit zensiert und er bekam Einreiseverbot. Er beschreibt in diesem Essay das Alltagsleben, den Zugang zu Informationen und die Zensur, seine Wahrnehmung der Stadt, den Umgang mit der kritischen Intelligenz und der Mentalität der Gesellschaft. Diese Beschreibungen sind sowohl kritisch, wie auch sympathisierend, Bsp.: „Überall in Osteuropa hat die relative Rückständigkeit des Sozialismus vieles bewahrt, was der Kapitalismus anderenorts zerstört hat“[4] Er beschreibt die Prozeduren und Eigenarten des Wahlverfahrens bei den Kommunalwahlen, die Mittel und Methoden der politischen Werbekampagnen, oder die Transformation der politischen Gesinnung der Arbeiter in Berlin. Besonders geht er auch auf die Mentalität der Gesellschaft in Ostberlin ein, konkret auf das Doppelleben als Phänomen der Ostblockländer: Die Kluft zwischen dem öffentlichen und dem privaten Ich, der offiziellen und inoffiziellen Sprache, die äußere Konformität und den inneren Dissens.[5]


Der Papst in Polen

Hierbei handelt es sich um eine analytische Reportage über den Besuch von Papst Johannes Paul II in Polen 1979. Er beschreibt die politischen Zusammenhänge seiner Ansprache und die Rolle der Kirche in Polen in Bezug auf die Solidarnosc, zum Beispiel ein Zitat aus der Rede des Papstes: es gibt „ein Menschenrecht auf freie Vereinigung [...] Der Staat gibt uns dieses Recht nicht, er hat nur die Verpflichtung es zu beschützen und zu wahren. Dieses Recht ist uns vom Schöpfer gegeben, der den Menschen als soziales Wesen erschaffen hat.“[6]


Er gibt kritische Statements zur politischen Führung Polens, insbesondere Gegenüber General Wojciech Jaruzelski ab, der 1981 als Ministerpräsident das Kriegsrecht verhängte um die Solidarnosc-Bewegung zu brechen. Der Autor stellt auch ausführlich das Samizdat vor, dessen Funktion und Bedeutung als systemkritische Form der Artikulation. Er sympathisiert mit der Solidarnosc-Bewegung und einzelnen Mitgliedern wie Lech Walesa und beobachtet den positiven Einfluss auf die Gesellschaft und ihrer Ideen, die dazu beitragen das System von Innen zu demontieren.


Die Tschechoslowakei unter Eis

Anmerkung zum Raum: Beschränkung auf Tschechien (Böhmen/Mähren)

Die Besonderheit der Tschechoslowakei im Vergleich zu Polen, der DDR oder Ungarn ist die breite Konformität. Dies sieht der Autor in der politischen „Strategie des Vergessens“ begründet. Beispiel: „Vergessen: das ist der Schlüssel zur sogenannten Normalisierung in der Tschechoslowakei. Erfolgreich hat das Regime die Menschen aufgefordert: vergesst 1968. Vergesst eure demokratischen Traditionen. Vergesst, dass ihr einst Bürger mit Rechten und Pflichten gewesen seid. Vergesst die Politik. Im Gegenzug dafür werden wir euch ein komfortables, sicheres Leben bieten.“ Der Widerstand in der Gesellschaft reduziert sich auf den Kampf gegen das Vergessen und um die Erinnerung, den jeder für sich ausübt.

Die Intelligenz bezeichnet er als „Klub der Verdammten“, da Schriftsteller, Philosophen, Juristen und Journalisten als Maurer, Kellner, Büroangestellte und Fensterputzer arbeiten, Beispiel: „Ja, der Nachportier liest Aristoteles“.[7] Der Einfluss des Prager Frühlings schien eingefroren und dies führte zu politischer Unbeweglichkeit. Doch die Charta 77 stellt für ihn die Bewegung unter dem Eis dar. Er geht ausführlich und detailliert auf Geschichte und Aufbau der Charta 77 ein. Auch seine besondere Beziehung zu Vaclav Havel und anderen Mitgliedern der Charta 77 erwähnt er in diesem Kapitel zum ersten Mal ausführlich. Die Rolle der Kirche wird vergleichend behandelt, welche er in diesem Fall als „verkrüppelt und korrumpiert“ bezeichnet. Die marginale Rolle der Kirche in der Tschechoslowakei betrachtet T. G. Ash als wichtigen Grund für den passiven Widerstand (im Vergleich zu Polen und im Vergleich zu 1968), sowie die Verweigerung der aktiven Unterstützung eine Oppositio9n seitens der industriellen Arbeiterschicht und der wohlhabenden Landbevölkerung. Des weiteren skizziert der Autor auch in diesem Fall die Methoden der Regierung, sowie die Bedeutung und Funktion des Samizdat.


Die deutsche Frage

Die deutsche Frage oder Deutschlandfrage war ein Diskurs über die Idee der deutschen Einheit seit dem 19. Jahrhundert, die laut dem Autor in den westlichen Hauptstädten zentrale Bedeutung fand. Diese Frage besteht seiner Ansicht nach aus zwei Fragen: 1. Ist die BRD noch immer ein aufrichtiges und vertrauenswürdiges Mitglied des westlichen Bündnisses? 2. Ist die BRD noch ein stabiler Pfeiler der freiheitlichen westlichen Demokratien? In diesem Kapitel handelt der Autor die Funktion der gesellschaftspolitischen Selbstreflexion Deutschlands ab, die seines Erachtens nach von Außen aufoktroyiert wird, allerdings einen guten Zweck erfüllt, Beispiel: „ Staaten mit einer glücklicheren Vergangenheit mag diese endlose Nabelschau übertrieben und vielleicht sogar komisch erscheinen. In Wirklichkeit aber wären wir ernsthaft besorgt, würden die Deutschen aufhören, sich um sich selbst Sorgen zu machen.“[8] Dass die Bundesrepublik sich immer wieder diesen Fragen stellen muss betrachtet er als prägendes Element der Nachkriegszeit. Die Debatte wurde zum Einen aufgrund der Divisen und Kredite wieder entfacht, die von der BRD in die DDR flossen, zum anderen aufgrund der Beziehungen zu Moskau. Ash betrachtet das Beziehungsnetz wie folgt: eine gute Beziehung zur DDR ist von wesentlichem nationalen Interesse für die BRD. Da der Schlüssel zu allen Entscheidungen der DDR-Regierung Moskau ist, sind gute Beziehungen zu Moskau für die BRD wesentlich. Für einen nationalen Zusammenhalt (im Interesse der Menschen) ist Moskau für die BRD also wichtiger als Washington. Er stellt dazu einen interessanten Vergleich mit Polen an: „Die Polen genießen eine tiefempfundene nationale Identität und kämpfen um ihre Freiheit. Die Deutschen (in diesem Fall meint der Autor die Bevölkerung und Politiker der BRD) genießen ihre Freiheit und kämpfen um ihre nationale Identität“[9].

T. G. Ash stellt am Ende dieses Kapitels fest, dass die Sicherung des Friedens auf europäischen Boden und der Weg zu einer europäischen Einheit nur über die Einigung Deutschlands führen kann.


Die Früchte der Widerwärtigkeit

In diesem Essay aus dem Jahr 1985 geht es um den Umgang des Regimes mit der polnischen Intelligenz, um das kulturelle und geistige Leben Polens und die politische Ohnmacht. Trotz der politischen Verfolgung der Solidarnosc-Mitglieder und der Verdrängung in den Untergrund, lobt der Auto die weiterhin bestehende enge Verbindung zwischen Arbeitern und der Intelligenz. Er stellt vor allem die Ideen und Schriften einzelner Akteure der systemkritischen Intelligenz vor, wie zum Beispiel Adam Michnik. In diesem Kapitel will der Autor dem Leser nahe bringen, wie und warum sich die polnische Bevölkerung als Teil von Europa identifizieren, zu einer Zeit in der sie sowohl von Moskau, als auch von Washington als Ostblockstaat betrachtet wurden. Eine weiter wichtige Debatte in diesem Text ist die Entscheidung systemkritischer Intellektueller in den Westen auszuwandern.


Das Leben der Toten

Mitte der 1980er Jahre erschienen zwei Filme die eine gewaltige Welle kritischer Debatten und Kontroversen ausgelöst haben. Es handelt sich zum Einen um Claude Lanzmanns „Shoah“ und zum Anderen um Edgar Reitz´ “Heimat“. Timothy G. Ash springt mit diesem Text, den er 1985 geschrieben hat, auf die Welle auf und beurteilt, vergleicht und analysiert in diesem Kapitel beide Filme. Dabei geht er insbesondere auf die Bedeutung der Erinnerung für Historiker ein. Er schreibt eine kritische Abhandlung über das problematische Moment, wenn eine Gesellschaft sich als Opfer identifiziert und dadurch unfähig wird auf moralische Anklagen zu reagieren. Als Beispiel nennt er hier die Kontroversen die entstanden als Historiker den polnischen Antisemitismus anklagten, wo doch die polnische Bevölkerung selbst zweifellos zum Opfer der NS- Aggressionen wurde.


Eine Lektion über Ungarn

Wie in den Kapiteln zuvor wird die kulturelle Diktatur, die Zensur und der Umgang mit den ungarischen Intellektuellen beschrieben zur Zeit als Janos Kadar Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei war. Die Basis für diesen Text stellte die Teilnahme des Autors an dem ersten geheimem Symposium von Intellektuellen aus den verschiedensten politischen Lagern in Monor (40km südöstlich von Budapest) dar. Das wesentliche Problem der ungarischen Opposition bestand seiner Meinung nach darin, dass es keine einheitliche Front gab, keine klare politische Strategie oder Lösungsansätze. Außerdem empfindet der Autor die Opposition für zu wenig provokant, schwach und zerstreut. Gleichzeitig findet er Argumente die diese Haltung rechtfertigen. Die Regelungen und reale Umsetzung der Regeln sei in Ungarn außergewöhnlich intransparent und chaotisch gewesen. Er hatte den Eindruck, dass niemand so recht wusste, wann ein Text zensiert wurde und wann nicht. Symptomatisch bemerkte der Essayist György Konrad gegenüber Timothy G. Ash, dass eine neue Wissenschaft notwendig sei um das ungarische Labyrinth der Zensur zu verstehen, die Zensurologie! Daraus ergab sich eine allgemeine Resignation. Seine Schlussfolgerung lautet: „Hier herrscht die letzte, aber auch die verständlichste und moralisch vertretbarste Form der intellektuellen Perversion: die Selbstzensur der Opposition.[10]


Ein paar Ideen – nichts Neues!

Dies ist die Rede, die Timothy G. Ash auf dem geheimen Symposium in Monor 1985 gehalten hat. Es ist ein Diskurs über den Begriff Europa, sowie den Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den verschiedenen Gesellschaften. Während er darüber sinniert, was das Beste für die Zukunft Europa als Einheit ist, stellt er fest, dass „wir“ eine europäische Bill of Right brauchen, eine Charta um die Strukturen zu festigen![11] Doch spricht er sich gleichzeitig gegen eine Aufklärung von Oben aus: „eine fünfte Internationale der Intellektuellen – welch ein Alptraum!“ T. G. Ash ist davon überzeugt, dass es (Europa als Einheit) einen neuen Perspektivenwechsel braucht, durchgesetzt von einer engen Zusammenarbeit zwischen Intelligenz und Arbeiterschaft.[12]


Ost-Westlicher Diwan

Der Autor stellt in diesem Kapitel mittel- und osteuropäische Schriftsteller und Intellektuelle vor, die im Untergrund und im Exil arbeiteten und lebten. Es handelt sich um zwei Essays die zur Jahreswende 1985/86 in Prag und Paris geschrieben wurden und sich unter anderem Vaclav Havel, Slawomir Mrozek, Natalja Gorbanewskaja, Kazimierz Brandys und Ivan Klima widmen. Dazu gehören auch Gesprächsprotokolle mit einigen der genannten Personen, Kommentare zu deren Texten, die politische Verortung ihrer Ideen und der beinahe immanente Diskurs über die Bedeutung von Milan Kunderas Werken für die tschechoslowakische Gesellschaft.


Mitteleuropa - aber wo liegt es?

Der Diskurs um den Begriff Mitteleuropa Mitte der 1980er Jahre wird in diesem Essay behandelt. Dazu verwendet der Autor das Mittel des kritischen Vergleichs und untersucht Essays von Vaclav Havel, Adam Michnik und György Konrad auf die Verortung von Mitteleuropa und dessen Grenzen. Zu Beginn versucht T. G. Ash die gemeinsamen Positionen, Leitmotive und Vorgehensweisen herauszuarbeiten. Dabei fällt ihm auf, dass Osteuropa bei Havel und Konrad in neutralen und negativen Zusammenhängen verwendet wird, geht es allerdings um Hoffnung und positive Zusammenhänge gebrauchten sie die Bezeichnung Mitteleuropa. Er stellt fest, daß zu Mitteleuropa die Dichter und Denker gehören, zu Osteuropa die Richter und Henker. [13]

Die Besinnung auf demokratische, aufgeklärte oder philosophische Traditionen in der Vergangenheit wird durch einen unbefleckten Mitteleuropamythos ausgedrückt. Dieser Verwendung von Mitteleuropa steht der Autor sehr kritisch gegenüber, allerdings entschärft er seine Kritik gegenüber Havel und Konrad und betont, dass diese Autoren durchaus ein zunehmendes Gespür für historische Verantwortung und für die Widersprüchlichkeit historischer Realitäten zeigen.[14] Eine wesentliche These Ash´s lautet, dass auf lange Sicht die Überwindung der Teilung Europas der Schlüssel für einen dauerhaften Frieden darstellt.[15] In weiterer Folge geht er auch auf die Unterschiede zwischen den Autoren, die sich im Wesentlichen auf ihre politische Line und Vorstellungen einer besseren Zukunft beschränken. Um ein Beispiel zu nennen: Während Havel eine parlamentarische Demokratie als die beste Lösung betrachtet, hält Konrad einen reformierten und liberalen Kommunismus für den besseren Weg. Nachdem er vor allem Havel, Michnik und Konrad sehr kritisch analysiert kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Erfahrungen dieser, im Untergrund gefangenen Intellektuellen, für Westeuropäer von großer Bedeutung sind. Ihre intellektuelle Verantwortung, Integrität und Mut sind beispielhaft, vorbildlich und bemerkenswert in seinen Augen.


Vor-Frühling

Es handelt sich hierbei um drei Skizzen über die politischen Ereignisse im Frühling 1988 in der Tschechoslowakei, Ungarn und in Polen. In der CSSR wurde in diesem Frühling eine Petition für die Freiheit der (katholischen) Kirche von dem mährischen Bauern Augustin Navratil eingebracht. In Danzig gab es einen Arbeiterstreik im Lenin-Werft unter der Führung von Lech Walesa und in Budapest wurde zum ersten Mal seit 1956 eine Demonstration legal durchgeführt. Auslöser war das Umsiedlungs-Programm von Ceausescu, dass die ungarischen Siedlungen in Siebenbürgen bedrohte. T. G. Ash betrachtet diese drei Ereignisse als Vorfrühling der politischen Veränderungen von 1989 und 1990.


Die Prager Warnung

Zum Jubiläum des Prager Frühling stand schon zu Beginn des Jahres 1988, dass Vaclav Havel und andere Personen die zur Charta 77 gehörten ein Symposium veranstalten wollten. Dabei sollten vor allem die Jahre mit Acht besprochen werden, die für die Tschechische und Slowakische Geschichte, sowie für ganz Europa von großer Bedeutung waren: 1918 (Erste Tschechoslowakische Republik), 1938 (Sudetenkrise, Zweite Republik, NS-Okkupation), 1948 (Staatsstreich der Kommunisten), 1968 (Prager Frühling, Husak-Regierung). Am 10. November sollte das Symposium stattfinden und es wurden auch Wissenschaftler, Intellektuelle und Schriftsteller aus dem Westen eingeladen, doch die Regierung stellte noch am selben Tag alle Teilnehmer entweder unter Hausarrest oder verhaftete diese. Nur Vaclav Havel hielt sich verstecket.

Der weitere Verlauf dieses Ereignisses und die unmittelbaren Konsequenzen daraus werden in diesem Kapitel ausführlich beschrieben, bis hin zum Beschluss der oppositionellen Intelligenz ein ständiges Symposium unter dem Titel Tschechoslowakei 88 einzurichten. Die Regierung startete daraufhin eine Treibjagd auf Oppositionelle.


Reform oder Revolution?

Dieser Essay aus dem Jahr 1988 ist der Versuch einer zeitgeschichtlichen Analyse über die aktuellen Ereignisse, die Diskussionen über Reformen in Polen und Ungarn und die Krise in der sich das ''äußere Imperium'' der Sowjet Union befand, aber auch eine Zukunftsprognose in Aussicht zu stellen. Der Autor entwickelt dabei die Metapher der ''Ottomanisierung'' als Überbegriff für ''einen langen, langsamen Prozess des imperialen Untergangs, in dessen Verlauf eine unvorhersehbare, allmähliche, schrittweise Emanzipation der Staaten vom imperialen Machtzentrum stattfindet, [...] aber auch die Emanzipation der Gesellschaften von diesem Staaten.''[16]

Die Emanzipation findet in seiner Analogie allerdings nicht durch Reformen statt, sondern unkontrolliert, spontan und unkoordiniert Aktionen der Bevölkerung, die auf die relative und/oder zunehmende Rückständigkeit im Vergleich zum Westen reagieren. Also durch Druck von Unten. Er geht weiters ausführlich auf konkrete Reformexperimente in Polen und Ungarn ein und schließt das Kapitel mit einem Appell an die Geschichtswissenschaft sich ihrer Bedeutung für das kollektive Gedächtnis und -Bewusstsein einer Gesellschaft bewusst zur werden.


Notizbuch

Ein paar Kommentare in Erinnerung an das alte System, Zensur und Geheimpolizei.


II. 2) Wir das Volk

Augenzeuge und Geschichte

Hier liefert T. G. Ash eine ausführliche Zusammenfassung des bisher Geschriebenen, sowie eine Wiederholung der wichtigsten Ereignisse, Thesen und Statements. Er bietet auch eine Vorschau auf die folgenden Kapiteln, in denen er den Systemwechsel chronologisch in Polen, Ungarn, der DDR und zum Schluss der Tschechoslowakei bis ins Jahr 1990 protokolliert.


Warschau: Die erste Wahl

Dieser Bericht liefert eine detaillierte Beschreibung der ersten fast freien Wahl in Polen im Juli 1989. Dies beinhaltet Beschreibungen der inneren Organisation der Solidarnosc-Opposition, den Verlauf des Wahlkampfes und die Umstände unter denen diese Wahl zustande kam. Schwerpunkt dieses Textes sind natürlich auch die entscheidenden Momente, als der Erdrutschsieg der Solidarnosc bekannt wurde, ''[...] an jenem herrlichen 4. Juni hat das polnische Volk den Kommunismus abgewählt.''[17]


Budapest: Das letzte Begräbnis

Zeremonie am Heldenplatz von

Das Begräbnis von Imre Nagy in Budapest am 16. Juni 1989, einunddreißig Jahre nach seinem Tod, wurde vom Komitee für Historische Gerechtigkeit (Gründung 1988 von Oppositionsaktivisten) organisiert und stellt für den Autor die ungarische Wendemarke der post-1956-Periode dar. Drei Wochen später, als Imre Nagys vollständige Rehabilitation verkündet wurde, starb Janos Kadar und mit ihm die Macht der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei. Der genau Verlauf dieser Entwicklung schildert T. G. Ash in diesem Essay detailgenau und ausführlich.


Berlin: Die Mauer fällt

Wie der Titel dieses Essays verrät, widmet der Autor dieses Kapitel dem Fall der Mauer am 9. November 1989. Er schildert auch hier den genauen Verlauf der Ereignisse, wie ein Stein den nächsten ins Rollen gebracht hat und versucht die spezifischen Ursachen zusammenzufassen. Dieser Text ist auch stark von der Beschreibung der Stimmungen und Reaktionen der Menschen geprägt. Zum Schluss macht sich der Autor Gedanken über die zukünftigen Komplikationen die eine Wiedervereinigung mit sich bringen wird.


Die Revolution der Laterna Magica

Die Laterna Magica war ein Prager Theater von dem aus das Bürgerforum die Demonstrationen und Streik-Aktivitäten lenkte. Dem Verlauf der tschechoslowakischen, sogenannten Intellektuellen Revolution widmet T. G. Ash besonders viel Aufmerksamkeit. Zum einen weil während den entschiedenen Achtzehn Tagen bis zur offiziellen Deklaration der Forderung nach freien Wahlen am 4. Dezember 1989 das Bürgerforum begleitet hat. Aber auch weil T. G. Ash eine besondere Beziehung zu Vaclav Havel pflegte und die darauf folgenden Wochen und Monate der Verhandlungen mit einer offensichtlichen Begeisterung verfolgte und dokumentierte.


Das Jahr der Wahrheit. Bürgerfrühling

''In diesem Jahr starb der Kommunismus in Osteuropa. 1949-1989. Ruhe in Frieden. [...] Und wenn wir denn wirklich nicht mehr vom Kommunismus sprechen können, so sollten wir auch nicht mehr von Osteuropa sprechen, jedenfalls nicht mehr in einem Wort geschrieben.''[18]


Dieser Essay aus dem Jahr 1990 ist das Schlusswort des Autors, in dem er sowohl zurück blickt, als auch in die Zukunft sieht. Er versucht einen Überblick der entscheidenden Faktoren zu verschaffen, die auf das jeweilige Land bezogen zum Systemwechsel geführt haben und die Bedeutung dieser Ära 1949-1989 für die gesamteuropäische Entwicklung zu erfassen. Vor allem jedoch betont er hier noch mal, dass die Ereignisse die zum Zusammenbruch der Regime geführt haben in erster Linie auf den Druck der Opposition zurück zu führen sind.

Für die Zukunft wünsch sich der Autor einen bürgerliche Internationalismus, der mit NATO, IWF u.a. bereits begonnen hat und in einer europäischen Gemeinschaft seinen Höhepunkt findet.


III. Ideologiekritik

Zum Textaufbau

Die einzelnen Essays sind nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern thematisch verknüpft wurden und sich beziehen teilweise auf einander. Dies führt stellenweise zu Verwirrung und Unübersichtlichkeit. Man verliert dadurch oft die zeitliche Orientierung.


Zur Textgattung/Methode

Dieses Buch ist eine Gratwanderung zwischen einem Selbstzeugnis und einer wissenschaftlichen Dokumentation. Zum Einen behandelt der Autor seine wissenschaftlichen Essays und Berichte als Primärquellen und leitet aus diesen seine Thesen her und untermauert seine Argumente.

Andererseits kommentiert/bearbeitet er diese Quellen nicht und verwendet eine narrative Erzählstruktur. Er stellt (siehe Vorwort) keinen Anspruch auf Objektivität und Nachhaltigkeit seiner Aussagen. Auch seine klaren politischen Statements sprechen gegen einen wissenschaftlichen Anspruch.

Er lässt die Definition der Textgattung offen. Gibt keine Kommentare zur Selektion seiner Notizen ab, welche kamen in das Buch, welche nicht und warum? Diese Fragen bleiben offen.

Wenn man das Buch als Selbstzeugnis liest, ist gerechtfertigt, dass es keine Quellenangaben gibt. Allerdings baut der Autor wissenschaftliche Essays und Berichte ein, die publiziert wurden und im Sinne der Wissenschaftlichkeit Anmerkungen bzw. Quellenangaben bedürfen!

Die Entscheidung wann der Autor es für notwendig hielt Quellenangaben zu machen ist ganz offensichtlich völlig willkürlich. Zum Einen zitiert er Personen, Literatur, Zeitungen oder Statistiken völlig kommentarlos, zum Anderen macht er Angaben zu seiner Sekundärliteratur bei heiklen Aussagen, wie z.B.: eine Aussage vom Kommandanten der polnischen Untergrund-Heimatarmee über antisemitische Tendenzen in der polnischen Bevölkerung.[19]


Im Vorwort erwähnt er wiederum, dass er eine Geschichte der Menschen und ihrer Ideen schreiben möchte. Diese Buch kann man demnach als einen Versuch betrachten Geschichte der Gegenwart aus der Perspektive von Innen zu schreiben.


Zur Perspektive

Wie in meiner Anmerkung auf Seite 2 bereits erwähnt bin ich der Meinung, dass die vom Autor proklamierte Perspektive von Unten nicht zutreffend ist.

Der Autor verteidigt die These, dass der wesentliche Druck auf die kommunistischen Regime von der intellektuellen Opposition ausgegangen ist. Er umgibt sich während der Entstehung seiner Texte auch fast ausschließlich in Intellektuellen- und Schriftstellerkreisen. Gewöhnlichen Menschen, Arbeiter oder nicht-oppositionelle Teile der Gesellschaft in den betreffenden Ländern finden in diesem Buch kaum Aufmerksamkeit. Es war demnach vielleicht eine Revolution von Innen, aber keine Revolution von Unten.

In diesem Zusammenhang ist es auch problematisch, dass der Autor den Einfluss der Großmächte (außer dem Zentrum Moskau) in diesem Buch wenig Bedeutung zumisst. Er erwähnt in seltenen Fällen und nur kurz, dass auch die westlichen Großmächte (England, Frankreich, USA) Interesse daran haben, dass Frieden auf europäischen Boden herrscht. Außerdem fasst er die Staaten des Westens gern als die Welt oder die die westliche Welt zusammen, definiert jedoch nicht welche Staaten inbegriffen sind. Die politische und ökonomische Relevanz der Westmächte wird hier nicht mit der selben Aufmerksamkeit beachtet, wie die Opposition im Untergrund.


Allgemeine Kritikpunkte

Der Autor setzt einiges an Vorwissen voraus, sowohl in Geschichte, als auch Literatur und Philosophie. Der Auto ist sehr belesen und kommentiert in diesem Buche viele Werke, die er u.a. auch im Vergleich zueinander interpretiert und analysiert. Wenn der Leser das Vorwissen nicht mitbringt, kann er den Gedanken des Autors nicht oder nur schwer folgen.


Positive Anmerkungen

Aufgrund der detaillierten und sehr ausführlichen Beschreibungen der Ereignisse erhält der Lese einen lebhaften Eindruck von der Lebendsituation und -bedingungen systemkritischer Menschen in den betreffenden Ländern. Die Absicht eine Kultur- und Ideengeschichte zu schreiben ist dem Autor m. E. nach gut gelungen. Augrund der narrativen Erzählform ist das Buch flüssig und gut lesbar. Die Besonderheit dieses Werkes ist vor allem die Erfahrung mit den Persönlichkeiten der intellektuellen Opposition. Die Gesprächsprotokolle liefern einen umfangreichen Eindruck der kontroversen Weltanschauungen und Ideen jener Menschen, die für ihre Demokratie und Freiheiten gekämpft haben. Man hat beim Lesen das Gefühl die Erfahrungen mit ihnen teilen zu dürfen. Dass dem Autor diese Perspektive gelungen ist erachte ich ebenfalls als eine Besonderheit dieses Buches.


Rezensionen und Links

Rezensionen:

Links:


Endnoten

  1. Vgl. persönliche Homepage von Timothy Garton Ash unter: http://www.timothygartonash.com/biography.html
  2. Anmerkung: Ich wähle bewusst die Bezeichnung „von Innen“. Der Autor verteidigt die These, dass der wesentliche Druck auf die kommunistischen Regime von der intellektuellen Opposition ausgegangen ist. Er umgibt sich während der Entstehung seiner Texte auch fast ausschließlich in Intellektuellen- und Schriftstellerkreisen. „Gewöhnlichen“ Menschen, Arbeiter oder nicht-oppositionelle Teile der Gesellschaft in den betreffenden Ländern finden in diesem Buch kaum Aufmerksamkeit. Eine Perspektive von Unten halte ich aus diesem Grund nicht für zutreffend.
  3. Vgl. Timothy Garton Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas 19/80-1990 (München 1990) S. 11-14.
  4. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 19.
  5. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 25.
  6. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 49.
  7. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 60, 61 und 67.
  8. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 74.
  9. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 94.
  10. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 160.
  11. Vgl. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 165.
  12. Vgl. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 167.
  13. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 193, 194.
  14. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 196.
  15. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 208.
  16. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 272, 273.
  17. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 370.
  18. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 451.
  19. Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. S. 136.