Auf allen Wegen habe ich es mit dem Wissen versucht.
Ich habe gesagt: Ich will lernen und dadurch gebildet
werden. Aber das Wissen blieb für mich in der Ferne.
Fern ist alles, was geschehen ist, und tief, tief versunken -
wer könnte es wieder finden?
Pred 7,23.24
Habent sua fata bibliothecae
Nachdem "Habent sua fata libelli" für einen Bibliothekar nicht sonderlich originell ist, habe ich mich entschlossen, diesen Spruch auf die Bibliothek abzuwandeln, zumal ja nicht nur die Bücher, sondern auch die Aufbewahrungsorte ihre "Geschichte" haben; im Fall unserer Fakultätsbibliothek leider eine ziemlich "düstere" Geschichte.
Was ich damit sagen möchte, ist, daß es fast kein Material gibt, aus dem sich eine vollständige Geschichte der Fakultätsbibliothek rekonstruieren ließe.
Im Jahre 1990 habe ich anläßlich der Pensionierung meiner Kollegin, Frau Annemarie Berger, versucht, für eine Festgabe ihr zu Ehren eine Geschichte der Bibliothek zu schreiben [1] ; leider hat sich die Quellenlage seither nicht entscheidend verbessert. Zu der mir damals zugänglichen Literatur kam - bis auf ein paar verstreute Notizen und Anmerkungen - lediglich die Diplomarbeit eines unserer Studenten [2] dazu, der in seiner Arbeit relativ ausführlich auch auf die Geschichte der Bibliothek zwischen 1938 und 1945 eingeht; er sagte mir aber in einem persönlichen Gespräch, daß er bei seinen Recherchen im Universitätsarchiv ebenfalls kaum Unterlagen (bis auf eine Liste "Bergungsgut", s. Kap. 2, Anm. 24) fand;
wir müssen wohl damit leben, daß das Archiv der Fakultät durch einen Bombentreffer in den letzten Kriegstagen unwiederbringlich verloren ging.[3]
Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mit dem (spärlich vorhandenen) Material eine kurze Geschichte der Fakultätsbibliothek zu skizzieren.
1. 1821 - 1871
Dieser Zeitraum ist am besten dokumentiert, da anläßlich der "Semisäcularfeier"[4] der Fakultät mehrere Bände herausgegeben wurden, die die ersten 50 Jahre der Fakultät relativ ausführlich und genau beschreiben.
Infolge des Dekrets der Studienkommission vom 25. September 1819 über die "Errichtung des protestantisch-theologischen Studiums in Wien" nahm am 2. April 1821 die "protestantisch-theologische Lehranstalt" ihren Betrieb auf; zur "Fakultät" wurde sie erst am 8. Oktober 1850.[5]
Mit der Aufnahme des Studiumbetriebs im Jahr 1821 war es natürlich nötig, daß den Lehrenden und Studierenden die entsprechende (und erlaubte[6]) Literatur zur Verfügung gestellt wurde. Über diese Bibliothek wissen wir dank der Aufzeichnung von Taufrath[7] relativ gut Bescheid.
Michael Taufrath war "Bibliotheks-Scriptor der Facultät"[8] und in dieser Funktion natürlich dazu prädestiniert, die Bibliothek ausführlicher als nur in einem Nebensatz zu erwähnen.
Wir wissen daher, daß der Bestand im Jahr 1871 bei ca. 8000 Bänden lag bzw. wissen wir auch, welche wertvollen Werke sich damals im Besitz der Bibliothek befanden. Außer diesen zitierten Werken, die sich Gottseidank noch immer im Besitz der Bibliothek befinden, dürfte sich der Bestand aus der notwendigen und erlaubten (s. Anm. 6) Studienliteratur u. zahlreichen Büchern in ungarischer [9] bzw. slawischer [10] Sprache zusammengesetzt haben. Der ursprüngliche Grundstock der Bibliothek, die Hilchenbach'sche Bibliothek, dürfte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zum Bestand gezählt haben.[11]
Finanziert wurden die Bucheinkäufe durch eine staatliche Dotation [12] und durch eine Studiengebühr [13] (sic!). Neben den Ankäufen erfolgte die Bestandsvermehrung auch durch reichlich einlaufende Bücherspenden [14]. Leider läßt sich dies alles durch die zwar vorhandenen, aber sehr unzuverlässigen Inventarbücher aus dieser Zeit nicht mehr nachvollziehen; als Beispiel sei angeführt, daß im Inventarbuch die Seiten mit den Inventarnummern 7074 - 10369 fehlen, d.h., daß (bis jetzt) der Verbleib dieser mehr als 3000 Bände nicht mehr nachvollziehbar war; bis jetzt deswegen, da ich im Zuge meiner Recherchen für diese Arbeit an einem Platz, an dem man es nicht vermuten konnte, eine zwar völlig verstaubte, dafür aber komplette Kopie des Inventarbuches gefunden, in dem die entsprechenden Seiten vorhanden sind. Mein früherer Verdacht,
daß sich hier irgendwann einmal jemand einen großen Teil des Bestandes mit nach Hause genommen hat und, um es nicht mehr nachvollziehbar zu machen, die entsprechenden Inventarseiten entfernt hat, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt; stichprobenartige Kontrollen im Katalog ergaben, daß die Bücher zum größten Teil noch vorhanden sind!
Eine weitere Ungereimtheit, die die Inventare betrifft, ist die Menge der Bücher und die vergebenen Inventarnummern: Taufrath spricht im Jahr 1871 (s.o.) von ca. 8000 Bänden, die sich im Besitz der Bibliothek befinden [15]; diese Zahl deckt sich ungefähr mit den vergebenen Inventarnummern. Im Jahr 1950 (ungefähr, s. Anm. 15) wurden die Inventarnummern um 13000 vergeben; d.h., daß sich in den 80 Jahren der Bestand nur um ca. 6000 Bände vermehrt hätte!
Aus einer anderen Quelle [16] aber wissen wir, daß sich der Bestand im Jahr 1945 auf ca. 35 - 40.000 Bände belaufen hat.
Ich kann daraus nur schließen, daß das Inventar sehr "großzügig" geführt wurde, d.h., daß unter einer Inventarnummer mehrere bis sehr viele Exemplare aufgestellt wurden, bzw. daß das Inventar erst nachträglich(!) Anfang unseres Jahrhunderts erstellt wurde. Es finden sich nämlich immer wieder Eintragungen, bei denen Erscheinungsjahr des Buches und vergebene Inventarnummer unmöglich übereinstimmen können, so ist z.B. Inventarnummer 2682 ein tschechisches Buch aus dem Jahr 1900; wären die Inventarbücher wirklich von Anfang an geführt worden, so hätte man ca. im Jahr 1830 das Buch mit dem Erscheinungsjahr 1900 inventarisiert; und da soll noch jemand behaupten, die Theologen hinken immer ihrer Zeit nach!
Diese Vermutung meinerseits würde auch erklären, warum die Inventarbücher ohne Jahreszahlen (s. Anm. 15) geführt wurden (es war ganz einfach nicht mehr feststellbar, wann das Buch gekauft wurde, bzw. wie es überhaupt in den Besitz der Fakultät kam) bzw. warum man ganze Buchreihen auf eine Inventarnummer stellte. Zudem wurde ja gerade in diesem Zeitraum die Bibliothek nicht von einem ausgebildeten Bibliothekar geführt, sondern nebenbei von Professoren oder Assistenten der Fakultät verwaltet und die hatten wahrscheinlich wichtigeres zu tun als Inventarbücher penibel zu führen.
Ich möchte mit diesen Bemerkungen den angegebenen Zeitraum abschließen und zum nächsten Abschnitt übergehen, der fast ein Jahrhundert betrifft.
2. 1872 - 1970
Für den angegebenen Zeitraum versiegen die Quellen fast zur Gänze.
Im "Festbericht"[17] zum einhundertjährigen Jubiläum der Fakultät findet sich lediglich ein Satz über die Bibliothek, in dem mitgeteilt wird, wer die Bibliothek derzeit leitet[18].
Eine weitere, leider äußerst unergiebige, Randbemerkung findet sich in der Biographie über Georg Loesche[19]. Aus all diesen nur in einem Nebensatz angeführten Notizen erfahren wir leider nichts über den Zustand, Bestandsgröße, Personal oder Verwaltung der Bibliothek. Die Inventarbücher lassen ebenfalls aus bereits oben erwähnten Gründen keinerlei Rückschlüsse zu[20]. Es ist mir zwar klar, daß die Fakultät anfangs der 20-er Jahre andere Probleme[21] als die Geschichte der Bibliothek hatte, aus heutiger Sicht ist es aber trotzdem schade, daß sich damals niemand damit befaßte.
Auch für die Zwischenkriegszeit und die Zeit des Dritten Reichs sind die Quellen leider nicht ausführlicher. Außer den von mir "entdeckten" Entlehn-Büchern (Entlehner - auch Professoren - wurden mit Namen, Entlehndaten u. dem Titel des entlehnten Werkes in Folianten eingetragen; leider sind diese Bücher nur mehr sehr fragmentarisch erhalten oder vielleicht auch nie durchlaufend geführt worden; interessant ist auch, daß das "Entlehn-Journal" aus dem sensiblen Zeitraum 1936 - 1943 erhalten blieb; es bricht zwar mit Jänner 1943 ab und wird auf der selben Seite mit Dezember 1948 fortgeführt, aber es wäre interessant, aufzuarbeiten, welche Literatur damals gelesen wurde / werden durfte) gibt es nur die Randnotiz von Prof. Entz[22] und die von Herrn Klein bei den Recherchen zu seiner Diplomarbeit[23] entdeckte Liste
"Bergungsgut"[24] - nicht gerade üppig!
Für die 50-er und 60-er gibt es dann nur die "Erinnerungen" von Gustav Reingrabner[25]; die in meinem Aufsatz[26] erwähnten (und damals noch erhofften) Memoiren von Gottfried Fitzer konnten leider nicht mehr realisiert werden, da sein Gesundheitszustand ein längeres Interview nicht mehr erlaubte.
Ich komme damit zum letzten Abschnitt meiner Arbeit.
3. 1970 - 1996
Am 1. Juni 1970 übernahm Alfred Stipanits die Leitung der Bibliothek; er war der erste ausgebildete Bibliothekar, der, von der Universitätsbibliothek angestellt, mit der Leitung der Bibliothek der Evangel.-Theolog. Fakultät beauftragt wurde. Er übernahm kein leichtes Erbe; er war (bzw. ist) aber mit einem außergewöhnlich gutem Gedächtnis ausgestattet und hatte wirlich große Teile der Bestände im Kopf präsent; so war er nicht auf den Katalog, der ja das "Gehirn" einer Bibliothek ist, angewiesen. Dieser Katalog war in einem desolaten Zustand und nur sehr bedingt benutzbar; er wurde ja bisher von Professoren und Assistenten "geführt", die natürlich von bibliothekarischen Titelaufnahme-Regeln keine Ahnung hatten und dadurch die "Titelaufnahmen" auch nur sehr fragmentarisch erstellten.
Hr. Stipanits begann mit den neu einlangenden Büchern auch einen "neuen" Katalog, der gemäß den "Instruktionen für die Alphabetischen Kataloge der Preussischen Bibliotheken" erstellt wurde.
Im Jahr 1975 wurde ihm von der Universitätsbibliothek eine 2. Kraft zur Verfügung gestellt, Fr. Annemarie Berger. Ihr unschätzbares "Lebenswerk" war die Totalüberarbeitung des "alten" Katalogs gemäß den "Preussischen Instruktionen", sodaß uns jetzt ein einheitlicher Katalog für die Erscheinungsjahre 1521 - 1992 zur Verfügung steht.
Neben Frau Berger und Herrn Stipanits war damals Hr. Karl Mayer, der dem Personalstand der Fakultät angehörte, der Bibliothek für Hilfsdienste zugeteilt. Noch war ja die Bibliothek organisatorisch und verwaltungsmäßig Teil der Fakultät, sie wurde nur von Beamten der Universitätsbibliothek bibliothekarisch betreut.
1976 trat ich als Vertretung für Herrn Stipanits, der damals als Reserveoffizier auf UNO-Einsatz war, in die Dienste der Universitätsbibliothek und wurde gleich an die Bibliothek der Evangelisch-Theologischen Fakultät geschickt.
Per Ende 1977 ließ sich Herr Stipanits an die Bibliothek der Wirtschaftsuniversität versetzen und damit konnte ich - endlich - fix angestellt werden. Bis zur Beendigung meines Studiums (Selbstständige Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien) wurde Fr. Berger zur provisorischen Leiterin der Bibliothek bestimmt.
Mit Jahresende 1979 ging Hr. Mayer in Pension und sein Posten wurde am 8. 1. 1980 mit Herrn Robert Szczypiorkovski nachbesetzt. Erst am 24. 7. 1985 (nachdem bereits am 2. 11. 1981 der entsprechende Antrag gestellt wurde!) wurde Herr Szczypiorkovski in den Personalstand der Universitätsbibliothek übernommen.
Ebenfalls im Jahr 1985, und zwar am 1. 1., übernahm ich die Leitung der Fakultätsbibliothek, die ich seither innehabe.
Bereits im Jahr 1977 trat das Universitätsorganisationsgesetz in Kraft, das etliche Umstrukturierungen auch im Bibliothekswesen mit sich brachte. So zum Beispiel wurde die "Bibliothek der Evangelisch-Theologischen Fakultät" aus dem Verband der Fakultät ausgegliedert und als "Fakultätsbibliothek für Evangelische Theologie an der Universität Wien" errichtet (s. Errichtungserlaß vom 10. 12. 1979). Seither ist die Fakultätsbibliothek eine Abteilung der Universitätsbibliothek Wien und mit der bibliothekarischen Versorgung der gesamten Evangelisch-Theologischen Fakultät betraut.
Mit 31. 7. 1990 wurde Frau Berger in den Ruhestand versetzt; ihr Posten wurde im September 1990 mit Herrn Stefan Wegleitner nachbesetzt.
Derzeit befindet sich die Bibliothek wieder in einer Umbruchsituation: Einerseits beginnen gerade die Bauarbeiten zur räumlichen Erweiterung (endlich!!!; die Stellraumsituation war nämlich bereits unzumutbar; in einzelnen Abteilungen mußten wir bereits doppelreihig aufstellen!), auf der anderen Seite gibt es noch große Ungewißheiten, wie sich das neue Universitätsorganisationsgesetz 1993 für den Bereich der Bibliotheken im Konkreten auswirken wird. Bisher war ja die gesamte Universitätsbibliothek (und damit alle Fach- und Fakultätsbibliotheken) dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung direkt unterstellt; mit dem UOG 93 wird die Universitätsbibliothek wieder in den Verband der Universität eingegliedert, d.h. daß die personelle und finanzielle Betreuung nicht wie bisher durch das Ministerium, sondern durch das Rektorat der Universität erfolgt. Es bleibt abzuwarten, wie sich dadurch das Verhältnis Bibliothek - Universität
entwickelt.
Ein weiterer "Quantensprung" in der Geschichte der Fakultätsbibliothek war der Anschluß an das österreichische EDV-Bibliothekssystem BIBOS im Laufe des Jahres 1993. Die ursprünglich vorgesehene Einarbeitung des Zettelkataloges in den EDV-Katalog läßt sich aus Personalmangel wohl auch in Zukunft nicht durchführen; damit wird uns dieser "Schönheitsfehler" (das unumgängliche Nachschlagen eines Buchtitels in 2 Katalogsystemen) wohl noch längere Zeit erhalten bleiben.
Zu guter Letzt sei noch ein Ausblick in die Zukunft gestattet: Im Herbst 1996 bekommt die Fakultät (und damit auch die Fakultätsbibliothek) den von vielen heiß ersehnten, von manchen ein bißchen argwöhnisch betrachteten Anschluß an das Internet. Obwohl manche "Cybernauten" damit gerne das Schicksal der Bibliotheken und des Buches besiegelt sehen, glaube ich nicht daran; es werden vielmehr etliche Zusatzaufgaben auf die Bibliotheken zukommen: Wenn man es auf einen kurzen Nenner bringen möchte, wird der Bibliothekar in Hinkunft nicht nur Berater und Wegweiser in Bezug auf "seine" Bücherschätze sein, sondern er wird die gleiche Funktion für die unübersichtlichen Datenmengen, die per Internet angeboten werden, ausüben müssen; die Aufgaben werden also nicht weniger, sondern mehr und: Totgesagtes lebt bekanntlich länger und besser als je zuvor!
Martin Hrabe