Fachdidaktikzentrum Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung


Fachdidaktikzentrum Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung
Universität Wien
Berggasse 7
A-1090 Wien
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Die vorwissenschaftliche Arbeit

Mag. Robert Beier

 

Die neue Reifeprüfungsverordnung sieht für alle Schülerinnen und Schüler, die sich ab dem  Haupttermin des Schuljahres 2013/2014 einer Reifeprüfung unterziehen, das Verfassen einer „Vorwissenschaftlichen Arbeit (VWA), die Präsentation und Diskussion“[1] dieser Arbeit vor. Die VWA stellt neben den Klausuren und mündlichen Prüfungen die „erste Säule“ des sog. „3-Säulen-Modells“ dar.  Sie soll den Lückenschluss zwischen dem Wissen, das Schülerinnen und Schüler in der Schule erwerben und jenem, dass sie auf Fachhochschule bzw. Universität benötigen, sichern. 

Das Bundesministerium für Unter, Kunst und Kultur (BMUKK) formuliert auf seiner Homepage folgende Ziele für die Vorwissenschaftliche Arbeit und die dazugehörige Präsentation/Diskussion:

  • angemessene Themenstellung
  • Selbstständigkeit
  • Ursachen und Zusammenhänge aufzeigen
  • Arbeit mit Quellen und (vor)wissenschaftlichen Methoden
  • logisches und kritisches Denken
  • klare Begriffsbildung
  • sinnvolle Fragestellungen
  • Ausdrucks- [und] Diskursfähigkeit (http://www.bmukk.gv.at/schulen/unterricht/ba/reifepruefung.xml#toc3-id8, 05/072011)

Betont wird dabei vor allem, dass sich diese Arbeit „nicht allein in der Verarbeitung von Informationsquellen erschöpfen“ soll, sondern Schülerinnen und Schüler beweisen sollen, dass sie in der Lage sind „eigene Schlussfolgerungen zu ziehen.“ (http://www.bmukk.gv.at/schulen/unterricht/ba/reifepruefung.xml#toc3-id8, 05/07/2011)

Entscheidend scheint hier, den Begriff „vorwissenschaftlich“ zu erläutern. Eine VWA folgt grundsätzlich den Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens, allerdings muss der Tatsache Folge geleistet werden, dass die Arbeit eben nicht von Wissenschaftern und Wissenschafterinnen verfasst wird, sondern von Schülerinnen und Schülern. Insofern sind einige Unterschiede hinsichtlich des Umfangs und des Detaillierungsgrades zu erwarten.

Für die Praxis bedeutet dies einerseits, dass der Umfang der Arbeit sich eher am unteren Limit der Vorgabe des Ministeriums von 40.000 bis 60.000 Zeichen[2] (http://www.bmukk.gv.at/schulen/unterricht/ba/reifepruefung.xml#toc3-id8, 05/07/2011) orientieren sollte, um hier eine Abgrenzung zu wissenschaftlichen Arbeiten zu erlauben. Hinsichtlich der Beantwortung einer Forschungsfrage genügt es sicherlich, wenn Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, selbstständig (wissenschaftliche) Texte zu einem Thema zu finden, Wissen zu reproduzieren um anschließend selbstständig Schlüsse zu ziehen. Es ist nicht nötig – wenngleich im Idealfall auch nicht unerwünscht – dass Schülerinnen und Schüler in ihren VWA einen Erkenntnisgewinn zum aktuellen Forschungsstand beitragen. Allerdings müssen die Regeln guten wissenschaftlichen Arbeitens, wie die korrekte Anwendung von Zitierregeln, eingehalten werden.[3] 

 

Richtlinien des BMUKK zur VWA

  • Die „Anmeldung“ zur VWA und die „Themenfindung“ bzw. das Finden einer geeigneten Forschungsfrage zur VWA erfolgen im 1. Semester der vorletzten Schulstufe. Die endgültige Themenstellung wird mit einem Erwartungshorizont eingereicht.
  • Das Thema der VWA wird im Einvernehmen zwischen Prüfer/in und Schüler/in festgelegt, die Approbation erfolgt durch die Schulbehörde 1. Instanz (bei AHS und BHS ist dies der Stadt- bzw. Landesschulrat).
  • Für die Schülerinnen und Schüler besteht grundsätzlich freie Wahl der Prüferinnen und Prüfer. Lehrerinnen und Lehrer können höchstens fünf VWA betreuen, können bestimmte Themen, für die sie sich nicht als fachkompetent erachten ablehnen, können aber nicht die Betreuung von Schülerinnen und Schülern ablehnen.
  • Eine Aufgabenstellung kann von höchstens drei Prüfungskandidatinnen und -kandiaten bearbeitet werden, wobei auf eine deutliche Abgrenzung zwischen den einzelnen Arbeiten insofern zu achten ist, dass eine selbstständige Leistung aller Kandidatinnen und Kandidaten sichergestellt ist.
  • Die fertige Arbeit wird mit einem Abstract in der Sprache, in der die VWA verfasst wird.
  • Die VWA ist keinem Unterrichtsgegenstand zugeordnet, im Reifeprüfungszeugnis werden der Titel der VWA und die Beurteilung des Prüfungsgebietes angeführt sein.
  • Die Betreuung der Schülerinnen und Schüler wird über mindestens zwei Betreuungsgespräche gewährleistet. Vor allem vor Beginn der Arbeit werden mehrere Gespräche notwendig sein, um ein geeignetes Thema und eine sinnvolle und beantwortbare Forschungsfrage zu finden und organisatorische (z.B. Zeitplan) wie rechtliche (z.B. Konsequenzen bei negativer Beurteilung) Belange zu klären.

Während der letzten Schulstufe ist eine „kontinuierliche Betreuung“ (§34 Abs. 4 SchUG) vorgesehen. Die Betreuungsperson wird dabei über Fortschritte der VWA informiert und gibt Rückmeldung zu den Zwischenergebnissen, nimmt aber keine Korrekturen vor!  Nach erfolgter Korrektur findet ein „bilanzierendes Gespräch“ auf Grundlage der Beschreibung der VWA statt.

Über die gesamte Betreuungstätigkeit ist sowohl von der Betreuungsperson als auch von der Verfasserin/dem Verfasser der VWA ein Betreuungsprotokoll zu führen. 

  • Die Abgabe der VWA (inkl. Begleitprotokoll) erfolgt Ende der ersten Unterrichtswoche des 2. Semesters in gedruckter (2 Exemplare) und digitaler Form.
  • Die Schulbehörde 1. Instanz legt einen Termin für die Präsentation und Diskussion der VWA fest. Die Dauer der Präsentation beträgt ca. 10 bis 15 Minuten und soll ein Problemaufriss, jedoch nicht bloß eine Inhaltsangabe sein. Der/Die Kandidat/in soll dabei seine/ihre Diskursfähigkeit, seine/ihre Argumentationsfähigkeit und seine Fachkompetenz etc. unter Beweis stellen und das Prüfungsgespräch aktiv mitgestalten.
  • Wurde eine Arbeit in einer lebenden Fremdsprache verfasst, so erfolgt die Präsentation in dieser Fremdsprache, auch das (verpflichtende) Abstract der VWA ist dann in dieser Fremdsprache zu verfassen.

 

Beurteilung einer VWA

Nach der Abgabe der VWA an die Schulleitung, die Klassenvorständin bzw. den Klassenvorstand und die Vorsitzende bzw. den Vorsitzenden korrigiert die Betreuungsperson die Arbeit und stellt in einer „Beschreibung der Arbeit“ die Vorzüge und Schwächen der schriftlichen Arbeit gegenüber. Die Gesamtbeurteilung der VWA wird erst nach erfolgter Präsentation und Diskussion durch die Kommission festgelegt. Eine positiv beurteilte VWA (mit Präsentation/Diskussion) bleibt jedenfalls erhalten, auch wenn die Kandidatin oder der Kandidat die Abschlussklasse wiederholen muss. Eine negativ beurteilte VWA muss mit neuer Themenstellung wiederholt werden.

Als Grundlage für die Beschreibung und Beurteilung gilt es zu überprüfen, in welchem Ausmaß der Kandidat/die Kandidatin die folgenden Kompetenzen bewiesen hat. Für die schriftliche Arbeit sind dies:

  • Selbstkompetenz
  • Inhaltliche Kompetenz
  • Informationskompetenz
  • Sprachliche Kompetenz
  • Gestaltungskompetenz

In der Präsentation und Diskussion sollen folgende Kompetenzen bewiesen werden:

  • Strukturelle und inhaltliche Kompetenz
  • Ausdrucksfähigkeit und Medienkompetenz
  • Diskursfähigkeit

Um zu einer positiven Beurteilung zu gelangen müssen jedenfalls alle wesentlichen Bereiche überwiegend erfüllt sein. Ist auch nur ein einziger wesentlicher Bereich nicht überwiegend erfüllt, ist das gesamte Prüfungsgebiet VWA mit „Nicht genügend“ zu beurteilen.[4]

Um das Gelingen einer VWA zu unterstützen, wird es zweifelsohne notwendig sein, wissenschaftliche Arbeitstechniken beginnend mit der Sekundarstufe 1 langfristig in (fast) allen Unterrichtsfächern zu entwickeln. Auch die Einführung von (un-)verbindlichen Übungen, in denen das wissenschaftliche Arbeiten zielgerichtet gelernt und geübt werden kann erscheint zweckmäßig.

 


[1]    Liebscher, Marlies/ Mayrhofer,Edgar/ Rathmayr, Jürgen/ Schallenberg, Elisabeth/ Schöggl, Werner/ Schreilechner, Adelheid/ Tscherne, Karin/ Zillner, Friederike. (2011). 1. Säule. Vorwissenschaftliche Arbeit. Eine Handreichung. Standardisierte, kompetenzenorientierte Reifeprüfung an AHS. Wien: BMUKK, S. 5

[2]    Inklusive Leerzeichen, exklusive Vorwort und Verzeichnisse.

[3]    Henz, Katharina. (2011) Vorwissenschaftliches Arbeiten. Ein Praxisbuch für die Schule. Wien: Dorner, S. 201

[4] Vgl.: BMUKK (Hg.): Vorwissenschaftliche Arbeit. Beurteilungskriterien