Fachdidaktikzentrum Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung


Fachdidaktikzentrum Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung
Universität Wien
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Zur Theorie der prozessorientierten Geschichtsdidaktik

von Prof. Alois Ecker

Die Theorie der Prozessorientierten Geschichtsdidaktik legt den Schwerpunkt der Beobachtung auf den Kommunikationsprozess des Lehrens und Lernens über Geschichte. Für die Situation in der Klasse können wir sagen, wir betrachten den Lernprozess über Geschichte als eine spezielle Form der Kommunikation, das heißt auch, als einen Spezialfall eines sozialen Prozesses.

"Lehre" bzw. "Unterricht" wird unter diesem Gesichtspunkt als eine eigenständige - und eigensinnige - soziale Struktur betrachtet: Im Sinne der Theorie sozialer Systeme wird die Geschichtsstunde selbst als ein selbstreferentielles System (Luhmann/Schorr 1979) wahrgenommen und behandelt: Wenn der/die Geschichtslehrer/in zusammen mit einer Gruppe von Schüler/innen eine Unterrichtsstunde für Geschichte durchführen, erzeugen sie ein spezielles soziales System, das wir gewöhnt sind, als "Geschichtsunterricht" zu bezeichnen.


Als Selbstreferenz definieren Niklas Luhmann und Karl Schorr jene Operationen eines sozialen Systems, die mit der Autopoiesis des Systems, also mit seinem Selbstbezug, mit den sinnstiftenden Operationen des Systems im Hinblick auf Identitäts- und Handlungsgewinn, zusammenhängen. In dem Maße wie ein soziales System Reflexion über sich selbst einführt, was einen Sonderfall von Selbstreferenz darstellt, thematisiert sich das System selbst, das heißt: es beginnt, seine eigenen Grenzen gegen eine je festzulegende Umwelt zu bestimmen. Reflexion „zielt auf die Identität des Systems, auf die Einheit dessen, was in den Alltagsoperationen jeweils an Komplexität gegeben ist und zur Selektion zwingt." (Luhmann/Schorr, 1979, S. 8).

Versteht man "Geschichtsunterricht" in diesem Sinne als ein selbstreferentielles System, dann kann man

  • genaugenommen nur über konkrete Systeme sprechen, also eine konkrete Schulklasse mit einem konkreten Geschichtslehrer oder einer konkreten Geschichtslehrerin, und muss
  • mitdenken, dass die Entstehung dieses Systems spätestens in dem Augenblick beginnt, wo der/die Lehrer/in das erste Mal mit der Klasse in Kontakt kommt bzw. wo er/sie beginnt, mit der Klasse Geschichte zu unterrichten. In diesem Augenblick beginnt, im wahrsten Sinne des Wortes, eine neue Geschichte.

Die Regeln der Kommunikation die - bewusst oder unbewusst - zwischen dem/der Lehrer/in und den Schüler/innen in den ersten Geschichtsstunden etabliert wurden (Arbeitskontrakt), bilden die Grundlage für die Beziehung zwischen dem Lehrenden und den Lernenden als Personen aber ebenso die Grundlage für die Art der Arbeitsbeziehungen, die gegenüber dem Lerngegenstand "Geschichte" aufgebaut werden (können).


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