Junges Forschungsnetzwerk Frauen- und Geschlechtergeschichte

Das Haus in der Vorgartenstraße 203

Gedenktafel_Polanyi_Duczynska

Foto: Veronika Helfert

Ilona Duczynska Polanyi (1897–1978) – Widerstandskämpferin, Revolutionärin und Historikerin – ist im historischen Gedächtnis Wiens kaum präsent. Am 20. August 2015 wurde schließlich eine Ehrentafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus mit der Nummer 203 in der Vorgartenstraße im 20. Wiener Gemeindebezirk angebracht. Allerdings: Auf dieser droht sie hinter ihrem Ehemann Karl Polanyi zu verschwinden. Ein Beispiel geschlechtsspezifischer Gedenkmechanismen.

„I have waited very long for my father and his work to return to Vienna“, sagte Kari Polanyi-Levitt, Ökonomin und mittlerweile emeritierte Professorin an der McGill University im kanadischen Montréal, als die Tafel am ehemaligen Wohnhaus ihrer Eltern Karl Polanyi und Ilona Duczynska Polanyi angebracht wurde. Und in der Tat hat dies 80 Jahre gedauert. Initiiert von Christoph Deutschmann und Jörg Flecker[1] erfolgte die Ehrung durch die österreichische und die deutsche Gesellschaft für Soziologie in Anwesenheit von Freund*innen der Familie und ehemaligen und jetzigen Hausbewohner*innen.

Spuren der Abwesenheit

Dass heute vor allem dem Ökonomen Karl Polanyi und weniger der Historikerin, politischen Aktivistin und Widerstandskämpferin Ilona Duczynska gedacht wird, hängt in der Tat mit den sich fortschreibenden bürgerlichen Geschlechterverhältnissen zusammen. Diese strukturieren auch Geschichtsmächtigkeit und öffentliche Wahrnehmung nach Geschlecht. Biographische und geschichtswissenschaftliche Arbeiten zu Duczynska gibt es wenige – auch wenn sie Zeit ihres Lebens aufgrund ihrer politischen und journalistischen Tätigkeiten Bekanntheit genoss.[2] Erschwerend hinzu kommt allerdings auch, dass sich im gegenwärtigen europäischen Gedenkdiskurs mit Erinnerungen an kommunistische Aktivist*innen und Widerstandskämpfer*innen schwer getan wird – auch wenn diese nicht mit dem Stalinismus sympathisierte.

Vereinzelte Publikationen – aber zumindest Monographien – zu Duczynska sind vor allem auf Ungarisch erschienen[3], auf Deutsch bzw. Englisch finden sich Beiträge über sie vor allem in Sammelbänden zu ihrem zweiten Ehemann Karl Polanyi.[4] Es trifft also einmal mehr die Erkenntnis feministischer Wissenschaftskritik zu, dass auch zeitgenössisch bedeutendere Frauen historiographisch nur allzu leicht unsichtbar gemacht wurden und werden.

Wer wird geehrt?

Die Gedenktafel zeigt dies ganz deutlich. Darauf heißt es: „In diesem Haus lebte von 1924 bis 1933 der Wirtschaftshistoriker und Sozialanthropologe Karl Polanyi mit seiner Frau, der Historikerin Ilona Duczynska, und ihrer Tochter Kari.“ Der Name „Karl Polanyi“ erscheint dabei in großen Lettern, während die Namen von Ilona Duczynska und der Tochter Kari [Polanyi-Levitt] im Vergleich in deutlich kleinerer Schrift und damit weniger sichtbar dargestellt sind. Der Text der Gedenktafel ist vor allem Karl Polanyi gewidmet, unter anderem Autor der bekannten Studie „Die große Transformation“[5].

Gedenktafel_Polanyi_Duczynska_Ausschnitt

Foto: Veronika Helfert

Dies mag sich zum Teil daraus erklären, dass die Initiatoren aus demselben Wissenschaftsfeld kommen. Dennoch verweist er auf ein immer wieder aktualisiertes Phänomen von Gedenkpolitik: die Dethematisierung von Frauen in Erinnerungspolitiken und in der Öffentlichkeit. Im Übrigen: Im selben Haus lebte auch der Wirtschaftshistoriker Eduard März mit seiner Familie, bevor diese 1938 flüchten mussten. Elisabeth (Lisa) März und Kari Polanyi-Levitt erinnerten aber während der Gedenkfeier an sie. Dethematisierung trifft Frauen in besonderem Maße – aber das Beispiel der Familie März verweist darauf, dass hier auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen.[6]

Ilona Duczynska Polanyi

Geboren in Maria Enzersdorf in einer verarmten, kleinadligen polnisch-ungarischen Familie, kam Duczynska in ihrer Züricher Studienzeit während des Ersten Weltkriegs mit internationalen sozialistischen Kreisen in Kontakt. 1917/1918 engagierte sie sich in der Anti-Kriegsbewegung in Budapest, organisierte Streiks und agitierte unter Arbeiter*innen, bis sie wegen Hochverrats angeklagt und verurteilt wurde. Nach dem Ende der Monarchie befreit, war die durch ihre Aktivitäten verdiente Duczynska 1919 in der ungarischen Räterepublik Bela Kuns aktiv und arbeitete dann später u.a. gemeinsam mit dem Komintern-Funktionär Karl Radek in Moskau zusammen – vor allem in der Organisation des Zweiten Weltkongresses der Kommunistischen Internationale.

1921 schließlich kam sie auf heimlichem Wege zurück nach Wien und schloss sich der ungarischen kommunistischen Exilgemeinde an. Dort lernte sie schließlich auch ihren zweiten Ehemann kennen – Karl Polanyi. Dieser, geboren in Budapest in einer großbürgerlichen Familie, war schon früh in sozialistischen Studentenzirkeln aktiv, in Wien Redakteur der Zeitschrift „ Der Österreichische Volkswirt“ und musste 1933 als Sozialdemokrat nach London ins Exil gehen. In den späten 1940er und 50er Jahren lehrte und forschte er an der Columbia University in den USA, 1964 verstarb er in Kanada.

Widerstand und Dissens

Duczynska zeichnete sich durch unkonventionelles Denken aus und wurde schließlich als Kritikerin der Parteilinie 1923 aus der ungarischen Kommunistischen Partei (KPU) ausgeschlossen – ein Bruch, der sich 1929 (SDAPÖ) und noch einmal 1937 (KPÖ) wiederholen sollte. Der Grund war in allen drei Fällen nichtparteikonformes Verhalten. Duczynska suchte offenbar immer wieder Anschluss in politischen Parteien, ihren Eigensinn und ihre Kritik an übergeordneten Vorgaben und jeweils affirmierten Leitlinien und Aktionsformen ließ sie sich aber nicht nehmen.

Während Karl Polanyi 1933 ins Exil ging, blieb Ilona Duczynska mit ihrer Tochter und Mutter in Wien. Sie betätigte sich nach den Ereignissen im Februar 1934 zwei Jahre im Widerstand gegen den austrofaschistischen Ständestaat. Die Tochter wurde zum Vater nach England geschickt. Nach eigenen Angaben war Duczynska auch in der Wiener Kreisleitung des Schutzbundes aktiv – was bis dato weder be- noch widerlegt werden konnte. Ducynska arbeitete schließlich nach ihrer Emigration nach England als Flugzeugingenieurin. Nach dem Krieg wurde ihr in der McCarthy-Ära als ehemaliges Mitglied zweier kommunistischer Parteien die Einreise in die USA verwehrt.

Sie ließ sich in Pickling in Kanada nieder – in der Nähe der Columbia University, wo Polanyi arbeitete, und verbrachte die Jahre bis zu ihrem Tod zwischen Kanada, Wien und Budapest, an ihrem Buch zum Schutzbundaufstand[7] schreibend.

Ilona Duczynska Polanyis Biographie ist nicht nur die einer bemerkenswerten politischen Akteurin, sondern macht anschaulich die geschlechtsspezifischen Leerstellen der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts deutlich: Sowohl das Engagement von Frauen in revolutionären Bewegungen als auch in Widerstandstätigkeiten ist immer noch nicht ausreichend beforscht. Dies ist nicht zuletzt auf die Wirkmächtigkeit der bürgerlichen Geschlechterdichotomie zurückzuführen, die zeitgenössisch und historiographisch den Blick auf Frauen in „männlichen“ Sphären verstellen, wie jenen der Öffentlichkeit oder auch der (gewaltförmigen) Politik.

Dieser blinde Fleck (hier auf Frau und Kommunistin) geht schließlich Hand in Hand mit Erinnerungs- und Gedächtnispolitiken im öffentlichen Raum. Denn jene, über die nicht geforscht wird und über die nicht geschrieben wird, werden auch nicht thematisier- und erinnerbar.

 

Veronika Helfert

Soeben erschienen: Veronika Helfert, Eine demokratische Bolschewikin: Ilona Duczynska-Polanyi (1897–1978), in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 26, 2/2015 (Frauen Politik Geschichte, hg. von Gabriella Hauch, Regina Thumser-Wöhs u. Luboš Velek) 166–189.

 

Anmerkungen

[1] Vgl. https://www.gbw.at/oesterreich/artikelansicht/beitrag/novy-blog-karl-polanyi-eine-spaete-ehrung-in-seiner-Heimat

[2] So wurde sie etwa von Eric J. Hobsbawm in seinem Vorwort der englischen Ausgabe des Buches über den Schutzbund gewürdigt. (Vgl. E.J. Hobsbawm, Introduction, in: Ilona Duczynska, Workers in Arms. The Austrian Schutzbund and the Civil War of 1934 (New York/London 1978) 15–26.)

[3] Vgl. z.B. György Dalos, A cselekés szerelmese (Budapest 1984).

[4] Vgl. z.B. Kenneth McRobbie/Kari Polanyi-Levitt (Hg.), Karl Polanyi in Vienna. The Contemporary Significance of The Great Transformation (Montreal u. a. 22006).

[5] Karl Polanyi, The Great Transformation (Boston 1957).

[6] Selbstverständlich betrafen Vertreibungen, Deportationen und Emigrationen nicht nur Intellektuelle und politische Akteur*innen.

[7] Ilona Duczysnka, Der demokratische Bolschewik. Zur Theorie und Praxis der Gewalt (München 1975).

2 Kommentare bisher

  1. Dr. Robert Rosner sagt:

    In der Kurzdarstellung des Lebens der Ilona Polanyi schreiben Sie dass es nicht belegt werden kann, dass I.P. Mitglied der Kreisleitung des illegalen Schutzbunds war.
    In der illegalen Zeitschrift “Der Sprecher” aus dem Jahr 1935 gibt es einen Artikel, der in seiner Argumentation im Stil der Ilona Polanyi ist. Das kann als Beleg ihrer Angabe, dass sie der Kreisleitung angehört hat, dienen.

    • Veronika Helfert sagt:

      Lieber Herr Rosner,
      haben Sie vielen Dank für Ihren Hinweis! Das ist ein weiterer wichtiger Baustein. Ich denke ja, dass ihre Eigenaussage ohnehin ernst genommen werden sollte und das stützt diese natürlich.
      Veronika Helfert

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