Junges Forschungsnetzwerk Frauen- und Geschlechtergeschichte

(Fast) zehn Jahre Salon 21. Redakteurin Li Gerhalter im Interview

Dashboard Salon 21

Ausschnitt aus dem Dashboard des Salon 21

Im Herbst 2006 wurde der Weblog Salon 21 als Vernetzungs- und Informationsportal innerhalb der Frauen- und Geschlechtergeschichte eingerichtet. Zum (fast) zehnjährigen Jubiläum erzählt Redakteurin Li Gerhalter im Interview über die Gründungsidee, inhaltliche Entwicklungen und – was fernetzt als „Blog-Neuling“ besonders interessiert hat – ihre Arbeit hinter den Kulissen.

Michaela Maria Hintermayr für fernetzt: Was ist der Salon 21?
Li Gerhalter: Der Salon 21 ist ein Internet-Forum, in dem Veranstaltungen und Calls for Papers aus dem Bereich der Frauen- und Geschlechtergeschichte angekündigt werden können. Weiters werden hier themenspezifische Internet-Ressourcen und Netzwerke vorgestellt. Die Ankündigungen werden dabei thematischen Schwerpunkten (wie Migration, LGBTQ*/FLIT*, Care, Erster Weltkrieg oder Geschichte der Frauenbewegungen etc.) zugeordnet. Daneben besteht die Möglichkeit, hier unveröffentlichte Texte oder Berichte zu posten.

Welche Texte sind das zum Beispiel?
Es wurden etwa Abstracts von Masterarbeiten und Dissertationen zur Geschichte der Frauenbewegungen gesammelt. Wir wollten damit ganz dezidiert jungen Historikerinnen und Historikern ein Forum bieten, sich mit ihren Projekten sichtbar zu positionieren. Dann können z.B. die Festvorträge und Grußworte der im November 2014 im Wiener Rathaus stattgefundenen Feier zu „25 Jahre L’Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft“ nachgelesen werden.

Salon 21, Post 25 Jahre L'HOMME

In welchem Kontext ist der Salon 21 entstanden?
Die Idee für dieses Forum kam von Professorin Edith Saurer. Eingerichtet wurde es im Rahmen der Forschungsplattform „Neuverortung der Frauen- und Geschlechtergeschichte im veränderten europäischen Kontext“, die an der Universität Wien mit der Laufzeit von 2006 bis 2012 von Edith Saurer und Christa Hämmerle geleitet wurde. Ein Anliegen der Forschungsplattform war ja auch, eine Möglichkeit zur Vernetzung zu bieten. Der Salon 21 wurde – neben der Zeitschrift L’Homme. Z.F.G. und der Sammlung Frauennachlässe – als eine der „drei Säulen“ der Forschungsplattform verstanden.

Wie kam es zu dem Namen?
Eben im Sinne der Vernetzung ist auch der Name des Blogs entstanden. „Salon 21“ ist eine Hommage an die Salonnièren des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, obwohl er virtuell und von professionellen Interessen strukturiert ist. Die Rubriken „Diskussionen“ und „Kommentare“ bieten Raum für Debatten – und somit also auch für feministisches und zivilgesellschaftliches Engagement. Neben fach- und themenspezifischen Ankündigungen wurden im Salon 21 auch inhaltliche Diskussionen lanciert. Edith Saurer hat hier 2007 zum Beispiel die Frage „Is a European Women’s History possible?“ angestoßen. Sie konnte dazu Beiträge von Éliane Viennot, Luisa Passerini, Francisca de Haan und Michael Mitterauer gewinnen. 2008 haben wir uns an der damals geführten Diskussion zur Evaluation von geistes- und kulturwissenschaftlichen Zeitschriften durch die European Science Foundation beteiligt.

Und wer steht dahinter?
Zu Beginn wurde der Salon 21 vor allem von Nikola Langreiter betreut. Zwischenzeitlich war auch Doris Arztmann damit beschäftigt. Inzwischen bin ich die alleinige Redakteurin – und mir wird gerade klar, dass es schon fast zehn Jahre sind! Unglaublich! Anfangs war es auch möglich, dass die Userinnen und User selbst Beiträge einstellen können. Das wurde auch gut angenommen – so hat etwa ein Queer-Forscher aus Schweden das Forum sehr regelmäßig genützt. Aktuell besteht das Angebot, dass Userinnen und User ihre Beiträge einfach an die Redakteurin senden – und ich stelle sie dann gleich online. Die Möglichkeit, dass Userinnen und User selber in das Redaktionssystem einsteigen können, mussten wir leider aufgrund von schnöden Sicherheits-Schwierigkeiten wieder einstellen. Es haben tatsächlich zwei ‚Internet-Wurm‘-Attacken auf den Salon 21 stattgefunden.

Oh, das klingt anstrengend!
Ja, war es wirklich! Bei einem Mal waren alle Einträge einfach von der Oberfläche verschwunden! Mit Hilfe von Beate Pamperl, der PC-Beauftragten des Instituts für Geschichte, konnten diese Probleme dann wieder behoben werden. Ich danke Beate Pamperl sehr für die regelmäßige technische Unterstützung. Das ist auch eine der Herausforderungen eines Blogs: Das Redaktionssystem zu verwenden, ist für sich eigentlich sehr leicht. Nur selten, zum Beispiel bei Sicherheitsproblemen, ist aber dann auch mehr technisches Wissen nötig. Hier eine Ansprechpartnerin zu haben, ist für mich echt beruhigend.

Werden die Beiträge dabei redaktionell bearbeitet?
Inhaltlich bearbeite ich die Beiträge insofern, als ich alle einheitlich formatiere und in ihrem Aufbau anpasse. Die Überschriften folgen einer gleichbleibenden „Zitierregel“, die ausrichtende Institution und gegebenenfalls Personen werden als „Lead Text“ fett gesetzt und verlinkt, darauf folgen Datum, Ort und gegebenenfalls Bewerbungsfrist. Diesen Begriff verwende ich seit einiger Zeit statt dem Wort „Deadline“, das ich irgendwie problematisch fand. Die Inhalte der Einträge werden teilweise etwas gekürzt. Seit einiger Zeit kopiere ich oft nicht den ganzen Text einer Ankündigung in den Salon 21, sondern nur die ersten Absätze. Das „Weiterlesen“ verlinkt dann auf die originale Aussendung oder Ankündigung. Das ist insgesamt eine ziemliche Arbeitsersparnis, da ja nur die ersten Absätze formatiert werden müssen. Ich mache die Redaktionsarbeit ja großteils in meiner Freizeit.

Schreibst Du Beiträge auch selber (um)?
Dass ich Beiträge selber (um)schreibe kommt dann vor, wenn ich eine Datenbank, ein Portal oder eine Ausstellung ankündige, oder wenn ich zum Beispiel von einer Ringvorlesung oder einer großen Konferenz nur die Vorträge herausnehmen möchte, die einen frauen- und geschlechterhistorischen Fokus haben. Zuletzt war das etwa bei der Ankündigung des Österreichischen Zeitgeschichtetages 2016 in Graz der Fall. Wenn die originale Veranstaltungsankündigung oder das Portal selbst ein Bild oder einen „Banner“ enthält, übernehme ich diese Illustrationen gerne auch in den Salon 21. Selber suche ich keine Illustrationen dazu aus. Dass die grafischen Möglichkeiten dabei vom Programm her tatsächlich sehr eingeschränkt sind, finde ich inzwischen als Erleichterung. So muss weniger entschieden werden (wo setze ich das Bild wie hin) und in einer gewissen Weise ist es auch demokratischer (jedes Bild ist von vornherein gleich groß und im gleichen Format).

Was wird gepostet?
Ich sehe den Salon 21 als eine tolle Möglichkeit, die vielen Aktivitäten, die rund um die Themen Frauen- und Geschlechtergeschichte – aber auch in der Queer-Forschung – stattfinden, zu bündeln und sichtbar zu machen. Im Laufe des inzwischen schon langen Bestehens des Blogs haben sich die Posts, die neben den Ankündigungen gebracht werden, thematisch etwas verschoben. Während in den ersten Jahren die genannten Diskussionen geführt wurden, wofür auch internationale Kolleginnen und Kollegen gewonnen werden konnten, hat sich langsam ein thematischer Schwerpunkt auf die Vorstellung von im Internet zugänglichen Ressourcen (sowohl Publikationen als auch Editionen) entwickelt.

Dabei betreust Du ja auch eine eigene Quellen-Edition!
Salon 21, Edition 1. Weltkrieg in SelbstzeugnissenJa, genau. Christa Hämmerle hatte 2014 die Idee, eine Online-Edition von Quellen aus dem Ersten Weltkrieg aus dem Bestand der Sammlung Frauennachlässe zu machen. Als Veröffentlichungsort hat sich dafür bald der Salon 21 angeboten. Damit wird er nun seit Sommer 2014 auch als Adresse einer Web-Ressource genützt. Insgesamt könnte der Salon 21 inzwischen vielleicht auch eine Art „Schaufenster“ sein für die innerfachlichen Themenkonjunkturen in den vergangenen zehn Jahren. Vielleicht hat ja einmal wer Zeit und Lust, das auszuwerten (lacht)?

Wie viele Posts wären das denn?
Nun, die derzeit fast 4.800 veröffentlichten Einträge würden schon einen größeres Bild ergeben (lacht). Die ersten Posts von Oktober 2006 waren ein CfP für eine Schweizer Tagung mit dem Titel „Gender in Trans-it: Transcultural and Transnational Perspectives“, ein Gastvortrag der Hamburger Historikerin Angelika Schaser am Institut für Geschichte in Wien, ein Workshop zu „Utopien und Menschenrechten“ im Freud Museum und eine Tagung zu „Women, Gender and the Cultural Production of Knowledge“ in Sofia. Genau so vielfältig ist es ja dann auch weitergegangen.

Wie wählst Du die Einträge aus?
Die Informationen dazu habe ich vor allem aus den verschiedenen fachinternen Ankündigungslisten und Portalen, durch Zusendungen oder einfach meinen allgemeinen Medienkonsum. Inhaltlich ist dabei zumindest bei den Veranstaltungen ein gewisser regionaler Schwerpunkt auf Wien festzustellen, aber gerade bei CfPs oder Web-Ressourcen und -Publikationen bemühe ich mich, auch internationale Ankündigungen zu finden. Und freilich freue ich mich ein bisschen, wenn ich etwas früher als andere angekündigt habe (schmunzelt).

Und wie oft postest Du?
Gepostet wird (wochentags) täglich, Ankündigungen von Veranstaltungen oder von CfPs werden gegebenenfalls als „Reminder“ auch wiederholt gebracht. Für mich selber ist der Blog auch eine willkommene Gelegenheit, mich in meinem eigenen Fachgebiet am Laufenden zu halten. Es ist dabei aber schon einige Male vorgekommen, dass ich Veranstaltungen zwar im Salon 21 poste, aber dann vergesse, sie auch in meinem Kalender einzutragen. Und verpasse sie nachher erst recht!

Werden die Posts an den Tagen eingestellt, an denen sie erscheinen?
Meistens nicht. Eine kann ja voreinstellen, wann die einzelnen Einträge online gehen sollen. Daher ist es möglich, die Posts oft schon längere Zeit vorher vorzubereiten und einzuteilen. Ich versuche klarerweise darauf zu achten, dass die Einträge nicht zu knapp an den Einreichfristen veröffentlicht werden. Gut finde ich auch, wenn es an einem Tag ein neuer Eintrag und ein „Reminder“ sind. Mehr als zwei Einträge kommen meistens nur dann, wenn es spontane Termine sind. Portale oder Ausstellungs-Ankündigungen poste ich meistens samstags. Vielleicht haben die Userinnen und User da ein bisschen mehr Zeit, um sich auch darin zu vertiefen?

Das klingt ja sehr ausgeklügelt?
Die Tage der Veröffentlichung der einzelnen Einträge einzuteilen, ist eigentlich einer der großen unsichtbaren Zeitaufwände beim Bloggen, weil sie sich ständig auch noch verschieben, wenn zum Beispiel etwas sehr kurzfristig hereinkommt. Insbesondere die Editionen der Quellen aus Nachlässen von Frauen aus dem Ersten Weltkrieg aus den Beständen der Sammlung Frauennachlässe brauchen ja auch viel Vorbereitung. Diese sind tatsächlich schon bis Dezember 2016 festgelegt. Insgesamt sind derzeit 83 Beiträge in der Warteschleife.

Wer liest den Salon 21?
Ich finde, dass der Salon 21 sehr gut genützt wird. Als aktuelle Zugriffszahlen konnten zwischen 20. Februar und 21. März 2016 (ohne die RSS-Feed-Abonnentinnen und Abonnenten) 1.369 Sitzungen verzeichnet werden. Das waren in dieser Zeit zwischen 24 und 82 Personen am Tag – wobei sich feststellen lässt, dass der Blog unter der Woche etwas mehr besucht wird als an den Wochenenden. Die fünf erstgereihten Länder waren bei diesen Zugriffen: Österreich (60%), Deutschland (16%), USA (4%), UK (3%) und die Schweiz (2%). Das ist witziger Weise recht konstant – im Vergleichszeitraum April 2015 waren diese Zahlen ziemlich ähnlich.

Wird der Salon 21 auch beworben?
Zur Bewerbung des Blogs wurden allgemeine Werbefolder gedruckt, auch für die Online-Edition  aus den Nachlässen von Frauen zum Ersten Weltkrieg gibt es eine eigene Ankündigungskarte. Damit ist es möglich, das virtuelle Medium auch in analogen Zusammenhängen zu präsentieren.

Vielen Dank für das Gespräch und wir wünschen uns noch viele informative Jahre mit dem Salon 21!
Sehr gerne. Und – wie gesagt – gerne können auch jederzeit Beiträge zugeschickt werden. Ich nütze diese Gelegenheit gleich, die Userinnen und User des fernetzt-Blogs herzlich dazu einzuladen!

http://www.univie.ac.at/Geschichte/salon21/

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Ein Kommentar bisher

  1. […] Interview zu „(Fast) zehn Jahre Salon 21“ im „fernetzt-Blog“ (April 2016): Link zum Interview […]

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