Junges Forschungsnetzwerk Frauen- und Geschlechtergeschichte

Spuren sichten. Rezension zu Vida Bakondys „Montagen der Vergangenheit“

Vida Bakondy bespricht anhand der Alben der Wiener Hakoah-Schwimmerin Fritzi Löwy (1910–1994) Erinnerungspraktiken und rekonstruiert die Folgen (gesellschafts-)politischer Entwicklungen auf das einzelne Leben. Angesichts der gegenwärtigen politischen Lage leistet sie damit auch zentrale politische Arbeit.

Fritzi Löwy, mehrmalige österreichische Schwimmmeisterin, am 22. April 1926 (DÖW Foto 4546) – 2/2. Wir danken dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW).

Kontext und Überlieferung

Als „Archivarin und Erinnerungsakteurin“ versteht die Historikerin Vida Bakondy in ihrer 2017 bei Wallstein publizierten Dissertation die Wiener Hakoah-Schwimmerin Fritzi Löwy und eröffnet durch die Analyse von Löwys Albumpraktiken „einen neuen, bisher unbekannten Blick auf den ehemaligen österreichischen Schwimmstar“ (10).

Löwy wurde 1910 in Wien geboren und verstarb 1994 ebendort. Ihr Leben erweist sich rückblickend als bestimmt durch den Nationalsozialismus und die Shoah, durch Emigration, Exil und Verlust. Bakondy versucht die komplizierte Nachlasssituation zu klären und recherchierte dafür umfassend. Ihr thematischer Fokus, der notwendigerweise auch an den überhaupt vorhandenen/auffindbaren Nachlassmaterialien orientiert ist, sind „Erinnerungspraktiken zu Flucht, Exil und Holocaust“ (97), wie sie vor allem in Löwys erhaltenen Alben nachvollziehbar sind. Neben dem einzigen überlieferten autobiografischen Text aus dem Jahr 1945 widmet sich Bakondy folglich vor allem den drei, thematisch unterschiedlich ausgerichteten, Alben aus der Sammlung Frauennachlässe der Universität Wien: „Paris-Album“, „Familienalbum“ und „Schweiz-Album“, wobei die beiden letzten im Zentrum der Analyse stehen. Die Suche nach Erinnerung und damit auch jene nach Löwy als Erinnerungsakteurin ist von Beginn an – wie Bakondy wiederholt betont – durch Lückenhaftigkeit, Verlust und Eingriffe von außen geprägt. In den Alben selbst verweisen Schrift- und Klebespuren darauf, dass Bildmaterial verloren gegangen ist; an anderen Stellen wieder ist Material nachträglich fixiert worden.

Lücken und Biografisches

Diese Lücken sind gleichsam Zeugnis für die Fragmentarität biografischer oder historischer (Re-)Konstruktionen per se und stellen damit auch explizit die Möglichkeiten lebensgeschichtlicher Erzählungen – in einem Kohärenz suggerierenden Sinn – in Frage. Mit Roland Barthes könnte man sagen, dass Bildmaterial und Kommentare/Bildunterschriften in diesen Alben als Biographeme, als sozusagen lebensgeschichtliche Details verstanden werden können, die nicht in eine übergreifende, vielleicht gar schicksalshafte Erzählung eingebettet werden, wie sie Biografieschreibung nach wie vor kennzeichnet.[1]

Bakondy betont dementsprechend die Problematik biografischen Erzählens und widmet sich den lebensgeschichtlichen Aspekten zurückhaltend. Gleichzeitig aber weist sich ihre Auseinandersetzung mit Löwys Alben durchaus als biografische Spurensuche aus (z. B. Familie, Berufliches, Freund_innen, Reisen und Exil), mittels derer historisches Wissen aktualisiert wird. Bisweilen geht die historische Distanz verloren, wenn Bakondy bei den lebensgeschichtlichen Narrationen ins Präsens wechselt, statt im Präteritum zu bleiben und so das solchermaßen Erzählte eben als vergangen und rekonstruiert zu kennzeichnen. Jedenfalls aber schafft sie es, Flucht und Exil, Massenmord und Verlust anhand privater Albumpraktiken zu erzählen. Sie stellt die zentrale Frage danach, welche „allgemeinen Schlüsse (…) sich aus einer persönlichen Hinterlassenschaft (…) ziehen“ lassen, „in der subjektive Sichtweisen auf Vergangenheit wiedergegeben“ (37) werden.

Cover des Buches: Vida Bakondy: Montagen der Vergangenheit. Flucht, Exil und Holocaust in den Fotoalben der Wiener Hakoah-Schwimmerin Fritzi Löwy. Göttingen: Wallstein Verlag 2017.

Erinnerung und Spurensuche

Das Spannungsfeld zwischen dem Wissen um die Lückenhaftigkeit einerseits und der Notwendigkeit von Erinnerungsarbeit – besonders in Hinblick auf die Shoah – andererseits kennzeichnet Bakondys Arbeit. Mit Bezug auf Bernhard Fetz erläutert sie, „dass der Status vorhandener Quellen von denjenigen mitbestimmt ist, die nicht vorhanden sind.“ (53)[2] Gleichzeitig löste sie mithilfe eines Restaurators das Bildmaterial aus den Alben, sofern dies ohne Beschädigung möglich war, um „nach früheren Nutzungen und Bedeutungen zu fragen“ (38) und damit umfassendere gesellschaftspolitische, biografische und historische Kontexte erschließen zu können, als es das Bildmaterial und die wenigen Kommentare/Bildunterschriften selbst ermöglichen. Die Frage nach den „Voraussetzungen“ für die Lesbarkeit eines Albums, das „dem individuell-biografischen Kontext entrissen“ (15) ist, wird damit durchaus heterogen beantwortet. Die Alben werden so einerseits als ästhetische Produkte behandelt, die von Verlust und Leerstellen zeugen, während sie andererseits als Angelpunkte für detektivische Rekonstruktionsprozesse herangezogen werden.

Ästhetik und Rekonstruktion

Insbesondere die Analyse des „Familienalbums“ erscheint als aufschlussreich für die spezifische Ästhetik von Löwys Alben. Wie Bakondy beispielsweise überzeugend darlegt, markieren die vier Grabfotografien zu Beginn des Albums das zentrale Thema des Verlusts, das die Familiengeschichte aufgrund der Shoah bestimmt/e. Die Platzierung der Fotografien der Mutter, Josefa Löwy, die die Shoah überlebte, in der Mitte des Albums kann dann für einen symbolischen Übergang von der Zeit vor 1938 zu jener nach dem Krieg verstanden werden.

Während Bakondy diese grundlegenden ästhetischen Prinzipien am Aufbau des Albums selbst herausarbeitet, geht sie beispielweise bei den Familienfotografien aus dem Ghetto Opole gänzlich anders vor. Dabei werden anhand der Rückseiten der Fotos – also nicht mehr Aufbau und Gestaltung der Alben selbst folgend – übergreifende gesellschaftspolitische und historische Überlegungen angestellt, wird Wissen aktualisiert; in diesem Fall über Deportationen, das Ghetto bzw. den Ghettoalltag. Die Spuren, denen Bakondy folgt, bleiben notwendigerweise ebenso lückenhaft wie die entsprechenden Ausgangspunkte selbst, werfen einzelne Schlaglichter auf historische Abschnitte.

Fritzi Löwy (rechts) musste Ende 1939 nach Italien (Mailand) emigrieren und flüchtete von dort nach dem Einmarsch der deutschen Truppen (11. September 1943) in die Schweiz (DÖW Foto 4546) – 1/2.

Angesichts dessen stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen historischer und gesellschaftspolitischer Kontextualisierung der Alben und dieser Form der Wissensaktualisierung liegt, die im in diesem Fall erst durch den Eingriff ins Album ermöglicht wird. Die von Bakondy eingangs formulierte Feststellung, dass bei der Analyse eines Albums neben dessen Entstehungszeitpunkt und Zweck auch jener Zeitpunkt von besonderem Interesse sei, an dem die „Alben an die Öffentlichkeit gelangen und welche spezifische Öffentlichkeit sich dann dafür zu interessieren beginnt“ (19), gewinnt vor diesem Hintergrund umso mehr Brisanz und verlangt eine selbstreflexive Auseinandersetzung.

Text-Bild-Ästhetik

Die spezifische Produktivität von Löwys Alben zeigt sich im Besonderen anhand der Bezüge zwischen Bildmaterial und Kommentaren/Bildunterschriften. Löwy durchbreche „auf der textuellen Ebene gelegentlich die nüchterne, geradlinige Ordnung, die der Anordnung der Bilder auf den Albumblättern eigen“ (107) sei. Jedenfalls ist diese Relation oft widerspenstig bzw. eröffnet neue Bedeutungsdimensionen, die eine andere Lesart des Bildmaterials nahelegen. Eindrücklichstes Beispiel ist das schon erwähnte (unscheinbare) Porträtfoto von Josefa Löwy, das im „Familienalbum“ an zentraler Stelle positioniert ist. Erst durch die gemeinsame Lektüre mit dem dazugehörigen Text entwickelt diese Fotografie über die familiäre und lebensgeschichtliche Bedeutung hinaus eine dezidiert historisch-politische Dynamik: „Mai 1943“ steht darunter in der ersten Zeile und in der zweiten folgt das Emblem der SS. Zwar überlebte Josefa Löwy die Shoah, doch „sie musste den Deportationen von Angehörigen, Verwandten sowie Bekannten und Nachbar_innen hilflos zuschauen.“ (133)

Resümee

Bakondys Arbeit beruht auf umfassenden und detailreichen Recherchen, in deren Zuge Löwys Alben in mehreren Schritten analysiert und in ihrer erinnerungspolitischen Dimension erschlossen werden. Die oben zitierte Frage nach den Öffentlichkeiten, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt für das Material interessieren, ist auch angesichts der gegenwärtigen politischen Lage als grundlegend zu verstehen. Löwys Alben sind beredtes Zeugnis für die stete Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Geschichte und machen die Folgen (gesellschafts-)politischer Entwicklungen nachhaltig sichtbar.

Vida Bakondy: Montagen der Vergangenheit. Flucht, Exil und Holocaust in den Fotoalben der Wiener Hakoah-Schwimmerin Fritzi Löwy. Göttingen: Wallstein Verlag 2017.

Marina Rauchenbacher

Anmerkungen:

[1] Vgl. paradigmatisch: Roland Barthes: Sade Fourier Loyola [Sade Fourier Loyola, 1971]. Übers. v. Maren Sell u. Jürgen Hoch. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1986, insbes. S. 13. Siehe zu einer Kritik der Biografie auch die umfassenden Arbeiten des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Theorie der Biographie: u.a. Bernhard Fetz und Hannes Schweiger (Hg.): Spiegel und Maske. Konstruktionen biographischer Wahrheit. Wien: Zsolnay 2006; Bernhard Fetz (Hg.): Die Biographie – Zur Grundlegung ihrer Theorie. Unter Mitarbeit von Hannes Schweiger. Berlin/New York: de Gruyter 2009; Wilhelm Hemecker (Hg.): Die Biographie – Beiträge zu ihrer Geschichte. Unter Mitarbeit von Wolfgang Kreutzer. Berlin/New York: de Gruyter 2009.

[2] Vgl. Bernhard Fetz: Der Stoff aus dem das (Nach-)Leben ist. Zum Status biographischer Quellen. In: Ders. (Hg.): Die Biographie – Zur Grundlegung ihrer Theorie. Unter Mitarbeit von Hannes Schweiger. Berlin/New York: de Gruyter 2009, S. 103–154.

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