Junges Forschungsnetzwerk Frauen- und Geschlechtergeschichte

Sex an der Front: Bordelle der k.u.k. Armee

Im Ersten Weltkrieg wurde die österreichisch-ungarische Armee zum Zuhälter. Die Heeresleitung befürchtete, dass zunehmende Geschlechtskrankheiten große Teile des Volksheers kampfunfähig machen würden. Deshalb verteilte sie Kondome, leistete sexuelle Aufklärung und betrieb sogar eigene Bordelle. Frauen und ihre Körper wurden so zu einem Instrument der Armeepolitik gemacht.

Der Erste Weltkrieg erfasste als totalisierter Krieg mit millionenstarken Volksheeren alle Lebensbereiche der Bevölkerung, so auch die Sexualbeziehungen. Der Krieg ermöglichte durch die räumliche Trennung von Ehe- und Liebespaaren neue sexuelle Erfahrungen – die gesellschaftlich aber ausschließlich Männern zugestanden wurden. Für sie schien eine gelebte Sexualität aus Sicht von Militärärzten nicht weniger als eine Notwendigkeit darzustellen. Die gängige Meinung der Mediziner war, dass sexuelle Enthaltsamkeit für Männer ungesund sei und sich negativ auf die Kampfkraft der Soldaten auswirken würde. Durch die neue sexuelle Mobilität verbreiteten sich Geschlechtskrankheiten stark.

Während sexuelle Mobilität und Moral für Männer gelockert wurden, galt für Frauen das Gegenteil. Weibliche Untreue wurde von staatlichen Instituten und Teilen der Gesellschaft als unpatriotisch abgestempelt und als Verrat am Vaterland gewertet. Besonders die katholische Kirche verurteilte die weibliche Sexualität außerhalb der Ehe scharf und sah darin eine Hauptursache für den von ihr konstatierten moralischen Verfall der Gesellschaft.

Jenen Geschlechtsverkehr von Frauen, der nicht innerhalb der Ehe stattfand, rückte die Kirche, aber auch die Polizei, in die Nähe der Prostitution. Prostituierte und andere Frauen, die unter Verdacht standen, promiskuitiv zu leben, wurden polizeilich registriert und zu regelmäßigen Gesundheitskontrollen durch Militärärzte verpflichtet – oftmals auch gegen ihren Willen.[1]  Prostitution wurde von der Armeeleitung zur allein verantwortlichen Ursache für die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten erklärt und deshalb mit aller Strenge kontrolliert.

Sexualität und Kampfkraft – Regulierungsversuche der Armee

Als Reaktion auf die vermehrte Verbreitung der Geschlechtskrankheiten weitete die Armeeleitung ihre Kompetenzen auf zahlreiche Bereiche des Privatlebens aus, so auch auf die Sexualität, da es die Kampfkraft der Soldaten um jeden Preis zu wahren galt. Neben Broschüren und Flugschriften zur Abwehr gegen venerische Krankheiten wurden Kondome und andere Schutzmittel an die Truppen verteilt. Offiziere mussten ihre Truppen sexuell aufklären.

Als 1915 die Maßnahmen nicht gegriffen hatten und die Geschlechtskrankheiten immer noch nicht rückläufig waren, errichtete die Armee eigene Feld- und Etappenbordelle, die als “hygienische Bedürfnisanstalten”[2] geführt wurden.

Quelle: Magnus Hirschfeld, Sittengeschichte des Ersten Weltkrieges, Hanau 1929, S. 242.

Bild: Fotografie Mannschaftsbordell
in Galizien: “Jedem Verbündeten
seine eigenen Bordelle”.

Die institutionelle Regulierung des Geschlechtsverkehrs sollte in erster Linie die Ausbreitung von venerischen Krankheiten verhindern, aber auch die sexuelle Mobilität der Soldaten kontrollieren und steuern. Neben der Erhaltung der Funktionskraft der Armee waren die Eindämmung der Homosexualität und Homoerotik sowie der Masturbation, aber auch die Annahme, dass dann weniger Frauen vergewaltigt würden, Gründe für die Etablierung der Armeebordelle.

Archivbestände

Das Quellenmaterial zum Thema befindet sich größtenteils im Österreichischen Staatsarchiv (Kriegsarchiv) in Wien, das die Akten der österreichisch-ungarischen Armee verwaltet. Insbesondere die neuen Feldakten, sowie der Bestand des Armee Oberkommandos und des Kriegsministeriums sind aussagekräftig. Das Archivgut, das für diese Forschung heranzogen wurde, besteht aus militärischen Akten und gibt entsprechend Einblick in die Perspektive von Militäreinrichtungen und ihren Repräsentanten. Die Sichtweise der Prostituierten ist dort völlig ausgeklammert und so bleiben die betroffenen Frauen ohne Stimme oder Gesicht.

Die Quellen im Kriegsarchiv sind größtenteils unter dem Schlagwort “Sanität” zu finden. Dies ist auch ein Beleg dafür, dass es sich um ein tabuisiertes Thema handelte, welches zu Zeiten des Ersten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit bewusst verschwiegen wurde. Private Dokumente oder Selbstzeugnisse der Soldaten und der Prostituierten wären hilfreich, um die Thematik zur Gänze zu erforschen.

Bordellkategorien

In den Armeebordellen galten strenge Regeln und Vorschriften, deren Einhaltung militärisch kontrolliert wurde. Leiter der Einrichtungen waren stets höhere Militärärzte. Für Offiziere und Mannschaftssoldaten gab es klar getrennte Einrichtungen. Diese Trennung folgte der Logik der k.u.k. Armee, wonach alle Lebensbereiche der Militärangehörigen nach ihren Dienstgraden geordnet wurden. Untersuchungen vor dem Geschlechtsverkehr und prophylaktische Maßnahmen, wie beispielsweise obligatorische Spritzen in die Harnröhre, gab es nur in den Mannschaftsbordellen.[3]

Die Armeebordelle teilten sich in die Kategorien Feld- oder Etappenbordell. Die Feldbordelle waren oft in ehemaligen Privathäusern untergebracht, die kriegsbedingt verlassen worden waren. Holzbaracken, leerstehende Waggons und Zirkuswägen dienten ebenfalls als Behausung für die frontnahen Bordelle. Die Etappenbordelle wiederum wurden meist in umgewidmeten Zivilbordellen errichtet.

Fotografie Mobiles Feldbordell für Offiziere in einem Zirkuswagen. In: Hellmut Andics, Das österreichische Jahrhundert. Die Donaumonarchie 1804-1918, Wien 1974, S. 309.

Alltag der Prostituierten in den Armeebordellen

In den Akten ließen sich bisher keine Hinweise auf Zwangsprostitution finden. Vielfach kamen die Prostituierten aus Galizien, dem ärmsten und besonders ländlich geprägten Teil der Monarchie, wo akute Hungersnot herrschte. Viele Frauen und Mädchen sahen in der Prostitution einen Ausweg aus ihrer finanziellen Not, die entstanden war, weil ihre Ehemänner und Väter eingerückt waren.

Die Bezahlung in den Armeebordellen war verhältnismäßig gut, die medizinische Versorgung (nicht nur in puncto Geschlechtskrankheiten) kaum irgendwo besser für diese Frauen.

Für Freier – und damit für Einnahmen – war immer gesorgt. Aber für die Prostituierten in Mannschaftsbordellen der k.u.k. Armee bedeutete das, dass sie im Durchschnitt täglich bis zu 16 Freier abzufertigen hatten. Beim Durchzug von Truppen an die Front sind zum Teil sogar Spitzen von 100 Freiern pro Prostituierter und Tag von den Bordellleitungen verzeichnet worden.[4]

Wie veränderte sich die Sexualität im Krieg?

Durch von der Armee organisierte Bordelle wurde vielen Männern die Möglichkeit gegeben, Geschlechtsverkehr mit Prostituierten zu praktizieren, die vorher keinen Kontakt zu diesen hatten. Prostitution existierte um die Jahrhundertwende praktisch nur im urbanen Milieu. Eheliche Untreue wurde so erleichtert bzw. gefördert. Durch die militärische Regulierung der sexuellen “Bedürfnisse” wurde – weit umfassender als je zuvor – der Geschlechtsverkehr für Armeezwecke instrumentalisiert.

Die militärischen Kontrollen und Diskurse beeinflussten auch die Sexualität von Frauen und Männern an der sogenannten “Heimatfront”. Die venerischen Krankheiten wurden zum Inhalt gesellschaftlicher Debatten in den Herkunftsorten der Soldaten gemacht, wobei Frauen als Ansteckungsquelle und staatliche Gefahr gesehen wurden. Es wurde eine klare Trennung der Geschlechterrollen propagiert, entsprechend der bürgerlichen Doppelmoral seit dem 19. Jahrhundert.[5]

Situation nach Kriegsende

Der chaotische und vor allem teilweise nicht überwachte Rückzug der Armee nach Kriegsende führte dazu, dass einige geschlechtskranke Soldaten den Kontrollen entkamen und zuhause Frauen mit den venerischen Krankheiten ansteckten.

Die junge Republik Österreich hatte massiv mit der Verbreitung der Geschlechtskrankheiten zu kämpfen. Es wurden eigene Abendambulatorien in den großen Städten errichtet, an die sich Geschlechtskranke täglich wenden konnten und unentgeltlich behandelt und aufgeklärt wurden.[6]

In Bezug auf Sexualität im Ersten Weltkrieg werden weitere Auswertungen des Archivmaterials zu den Bordellen der k.u.k. Armee zeigen, in welcher Form die Geschlechterhierarchie gestärkt wurde und wie sexuelle Freizügigkeit und Ausbeutung in der Kriegsgesellschaft einander bedingten.

Michaela Sehorz

 

Anmerkungen

[1] Vgl. u.a. Brigitte Biwald, Vom Helden zum Krüppel. Das österreichisch-ungarische Militärsanitätswesen im ersten Weltkrieg, Wien 2002. Ernst Hanisch, Männlichkeiten. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts, Wien 2005. Oswald Überegger, Krieg als sexuelle Zäsur? Sexualmoral und Geschlechterstereotypen im kriegsgesellschaftlichen Diskurs über die Geschlechtskrankheiten. Kulturgeschichtliche Annäherungen. In Hermann J.W. Kuprian und Oswald Überegger (Hg.), Der Erste Weltkrieg im Alpenraum. Erfahrung, Deutung, Erinnerung, Innsbruck 2006, S. 351-366. Nancy M. Wingfield, The Enemy Within. Regulating Prostitution and Controlling Venereal Disease in Cisleithanian Austria during the Great War, o.O. 2013.

[2] Wilheim, Zur Frage der prophylaktischen Bedeutung und Organisation von Feldbordellen. In: Feldärztliche Blätter der k.u.k. 2. Armee, Nr. 25, 1917, S. 19.

[3] Vgl. Wilheim, Zur Frage der prophylaktischen Bedeutung und Organisation von Feldbordellen. In: Feldärztliche Blätter der k.u.k. 2. Armee, Nr. 25, 1917, S. 19. Gustav Fantl, Die Beobachtungsstation für Geschlechtskranke. In: Feldärztliche Blätter der k.u.k. 2. Armee, Nr. 29/30, 1917, S. 22. Alfred Blaschko, Welche Aufgaben erwachsen dem Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten aus dem Kriege?, Wien 1925, S. 12.

[4] Vgl. Brief von Prof. Doerr an den San.Chef des k.u.k. AOK (Qu.Abt.) vom 6. November 1916. OeStA, KA, AOK, Qu.Abt., San.Chef, Karton 2312 und Wilheim, Zur Frage der prophylaktischen Bedeutung und Organisation von Feldbordellen. In Feldärztliche Blätter der k.u.k. 2. Armee, Nr. 25, 1917, S. 22.

[5] Vgl. u.a. Francoise Thébaud, Der Erste Weltkrieg. Triumph der Geschlechtertrennung. In: George Duby et al. (Hg.), Geschichte der Frauen, Frankfurt a. M. 1995, S. 55. Marielouise Jansse-Jurreit, Frauen und Sexualmoral, Frankfurt a. M. 1986. Regina Schulte, Sperrbezirke. Tugendhaftigkeit und Prostitution in der bürgerlichen Welt, Frankfurt a. M. 1979.

[6] Vgl. Brigitte Biwald, Vom Helden zum Krüppel. Das österreichisch-ungarische Militärsanitätswesen im Ersten Weltkrieg, Wien 2002, S. 574f.

 

 

 

 

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